Monthly Archives: April 2013

Gisa Klönne: Das Lied der Stare nach dem Frost

Packende Familiengeschichte

Von ihrer eigenen Vita inspiriert hat Gisa Klönne mit „Das Lied der Stare nach dem Frost“ einen packenden Roman vorgelegt, der auch ohne Verbrechen mühelos die Spannung ihrer Judith-Krieger-Krimis erreicht. Sie macht in ihrem neuen Roman den Leser mit ihrer fiktiven Familie Retzlaff und einem ganzen Jahrhundert deutscher Geschichte bekannt.

Ausgangspunkt der Erzählung ist der Selbstmord der Mutter der Barpianistin Rixa. Diese lässt Hals über Kopf ihr Engagement auf einem großen Kreuzfahrtschiff sausen um die Tat ihrer Mutter zu verstehen und die letzten Dinge zu regeln. Dabei stößt sie auf ein dunkles Kapitel ihrer Familiengeschichte und macht sich auf, die blinden Flecken in ihrer eigenen Vita und die ihrer Familie zu ergründen.
Geschickt montiert Gisa Klönne in „Das Lied der Stare nach dem Frost“ zwei verschiedene Zeitebenen ineinander. Währen der Leser die Ich-Erzählerin Rixa auf ihrer Suche nach der Wahrheit begleitet erfährt man parallel die Geschichte der Familie Retzlaff, der auch Rixa entstammt. Von ihren Urgroßeltern ausgehend erzählt Klönne die Biographie einer Pfarrersfamilie in Mecklenburg, die von 1. Weltkrieg bis zum Ende des 2. Weltkriegs reicht.

Dies ist außerordentlich spannend und interessant, da die Autorin auch kontroverse Themen wie etwa den Kampf zwischen Bekennender Kirche und den Deutschen Christen einflicht und zeigt, welche Auswirkungen die Kriege auf Familien hatten. Als Pluspunkt empfinde ich – wie eigentlich bei allen bisher gelesenen Büchern der Autorin – ihre präzise und zugleich elegische Sprache. Gekonnt fängt die Autorin das Chaos in den Schützengräben, die Nöte einer Pfarrersfrau oder die Magie von Musik mit Worten ein. Das hebt dieses Buch über das Gros biographisch angehauchter Romane hinaus und ist ein wohltuendes Gegenprogramm zu dem Pilcher-Danella-Sparks-Schmonzens.

Wem „Der Turm“ von Uwe Tellkamp etwas zu unzugänglich war und wer spannende Familiengeschichten abseits von klischeebeladenen Schmökern sucht, der bekommt mit „Das Lied der Stare nach dem Frost“ genau die richtige Unterhaltung. Spannend und packend zeigt Gisa Klönne, dass die Biographie einer Familie mehr als nur ein vergilbtes Fotoalbum sein kann!       

Arne Dahl: Zorn

Mörderisches Europa

Bereits zum zweiten Mal schickt Arne Dahl sein Europol-Superteam Opcop quer durch den europäischen Kontinent (und diesmal noch viel weiter), um die Zusammenhänge zwischen mysteriösen Morden zu ergründen.

Das OPCOP-Team zum Zweiten

ZornNachdem das europäische OPCOP-Team im Debütband „Gier“ seinen Einstand feiern durfte, geht es nun mit Zorn gleich Schlag auf Schlag weiter.

Mit dem Selbstmord eines Schönheitschirurgen in Belgien nimmt alles seinen Lauf. Dieser beging nur vermeintlich Suizid, denn wie das Team unter Leitung von Paul Hjelm herausfindet ist alles deutlich komplizierter.
Zudem sterben in Stockholm in einer Kneipe mehrere Menschen und es hat darüberhinaus den Anschein, dass ein Serienkiller europäische Inseln besuchen und sich dort seine Opfer suchen würde.
An vielen Baustellen wird das OPCOP-Team wieder gefordert, das sich dem Kampf gegen das internationale Verbrechen stellen muss. Die multiethischen Polizistinnen und Polizisten müssen an verschiedenen Fronten kämpfen und teils hohe Preise für ihren Einsatz zahlen.
Dafür wird der Leser des Thrillers abermals mit einem spannenden Roman belohnt!

Komplexität hat einen Namen

Ähnlich wie im ersten Band braucht der Leser ein gutes Gedächtnis, um den Überblick über zahllose Charaktere, Handlungsstränge und Orte zu behalten. Wem dies gelingt wird mit einem Thriller der Extraklasse belohnt. Zwar muss sich Arne Dahl immer den Vorwurf der konstruierten Handlungen gefallen lassen – auch dieses Buch macht in dieser Hinsicht keine Ausnahmen – doch das Ergebnis überzeugte mich vollkommen. Schnelle Handlungsstränge, ein äußerst hinterhältiger Mörder und dazu eine Sprache, die sich vom Gros der Thrillerautoren abhebt. Wie bereits bei der zehnbändigen A-Team-Reihe stattet er jeden der internationalen Polizisten mit eigenen Persönlichkeiten und Stimmen aus, lässt in Zwischensequenzen den Leser lange im Dunkeln tappen und überrascht schlussendlich mit einigen Twists.
D

ies kann dem einen oder anderen Leser durchaus zu viel werden oder man könnte sich an manchen Formulierungen des Schweden (respektive der etwas lieblosen Übersetzung durch Antje Rieck-Blankenburg) stören. Doch das Bild, das am Ende von „Zorn“ steht, ist mit dem Adjektiv komplex wahrlich noch untertrieben. Arne Dahl schafft es erneut, ein Abbild der heutigen länderübergreifenden Kriminalität zu zeichnen, dass sowohl anspruchsvoll als auch höchst spannend ist. Wer Lektüre sucht, die endlich einmal komplexer als die übliche Krimi-Dutzendware mit Pathologe oder Regio-Krimi-Schnüffler ist, der dürfte mit „Zorn“ glücklich werden. So müssen Thriller des 21. Jahrhunderts geschrieben sein!

Für alle Fans des OPCOP-Teams gibt es derweil schon gute Nachrichten – das Quartett findet mit „Neid“ seine Fortsetzung. Auch hier wieder eine klare Empfehlung meinerseits!

Cathi Unsworth: Opfer

Eher Jugendroman als Opfer

Sie sind zweifelsohne das Jahrzehnt mit der absonderlichsten Mode und dem bizarrsten Geschmack gewesen – die Rede ist von den 80ern. In diesem Jahrzehnt ist auch der eine der beiden Stränge von „Opfer“ von Cathi Unsworth angesiedelt. Damals wurde im kleinen englischen Städtchen Ernemouth Corinne Woodrow festgenommen, da sie im Verdacht stand, einen Jungen ermordet zu haben. Der zweite Strang, der zwanzig Jahre später im Jahr 2003 spielt, präsentiert nun Sean Ward, einen versehrten Privatermittler, der sich mit dem damaligen Mord beschäftigt.
Neue Spuren haben ergeben, dass Corinne Woodrow unter Umständen für eine Tat zur Rechenschaft gezogen wurde, die sie vielleicht gar nicht begangen hat.
Dies ist ein schon fast klassischer Plot – ein einsamer Ermittler, der einen alten Fall neu aufrollt und dabei Überraschendes zutage fördert. Doch leider vermag Cathi Unsworth in „Opfer“ diesem altbekannten Muster keine neue Facetten abzugewinnen. Sie beschreibt detailliert die Dynamiken innerhalb der Jugendclique um Corinne Woodrow 1983 und lässt auch Sean Ward ausführlich herumschnüffeln. Leider geht ob der ausführlichen Beschreibung ihrer beiden Hauptcharaktere die Spannung über die ganze Länge des Buches ab. Als Kriminalroman würde ich deshalb „Opfer“ mitnichten bezeichnen.
Es ist ein ruhiger Roman über das Erwachsenwerden und den Sinn, der darin liegt. Cathi Unsworth vermag gekonnt von den Sehnsüchten und Taten der jungen Engländer in den 80ern zu erzählen – ein spannendes Buch wird daraus trotzdem nicht.
Wer einen Coming-Of-Age-Roman sucht, der könnte mit „Opfer“ sein Buch in Händen halten, allen anderen, denen die Spannung wichtig ist, sollten diesem Buch nicht unbedingt den Vorzug geben!          

Benedict Wells: Fast genial

Einmal quer durch die USA

Fast Genial ist ein rührendes Roadmovie, das sich mit den Themen Identität, Erwachsen werden und der Suche nach Glück und Erfüllung beschäftigt. Diese werden von Benedict Wells locker in seinem klar strukturierten Roman angerissen, während sich die Rahmenhandlung um den Teenager Francis Dean dreht, der eigentlich ein klassisches Loser-Dasein führt. Mutter mit schwerwiegenden psychischen Problemen, unbekannter Vater und Leben im Trailerpark.

Durch die Bekanntschaft mit der ebenfalls in psychischer Behandlung befindlichen rebellischen Anne-May reift in ihm ein Plan: Nachdem seine Mutter ihm den Namen seines Vaters und die skurrile Hintergrundgeschichte zu seiner Zeugung offenbart hat, macht er sich mit Anne-May und seinem besten Kumpel Grover auf den Weg quer durch die USA, um seinen Vater kennenzulernen.

In klar strukturierten Kapiteln lässt Benedict Wells seine drei Helden in verschiedenen Städten Amerikas Halt machen und wechselt dabei ruhige, fast kontemplative Phasen mit schnellen Beschreibungen ab. Dies sorgt für einen ganz eigenen Rhythmus des Buchs und gefiel mir ausnehmend gut. Lustige Szenen wechseln sich genauso mit nachdenklich machenden Schilderungen ab und zeigen die Dynamiken innerhalb der Gruppe, ihre Sorgen und Wünsche.
Stellenweise erinnerte mich dies sehr an die Filme Vincent will meer und Friendship, doch das Buch bleibt immer eigenständig und souverän. Bereits Becks letzter Sommer von Benedict Wells hat mich tief berührt und ist eines meiner Lieblingsbücher geworden und nun hat er mit Fast genial das Kunststück wiederholt. Ein berührender Roman, der Depression mit Hoffnung verschmilzt und ein wirklich fieses Ende bereithält, das zahlreiche Interpretationen erlaubt!

Hugh Howey: Silo

Eine spannende Dystopie

Die Geschichte von Hugh Howey und seinem Roman „Silo“ zeigt eindrucksvoll, wie die digitale Revolution die Welt der Literatur ändert. Howey, bereits als Skipper, Buchhändler oder Bootsbauer tätig, hat seinen Romanerstling in den USA zunächst auf eigene Faust als E-Book veröffentlicht. Der Erfolg auf dem E-Book-Markt rief dann Verlage auf den Plan, das E-Book als Printprodukt zu publizieren und so wurden auch die Rechte ins Ausland verkauft. Und nun ist „Silo“ auch in deutschen Buchregalen anzutreffen und hat den Sprung in die Bestsellerlisten geschafft.
Zudem hat sich der Piper-Verlag in Deutschland auch dazu entschieden, das Buch als zerstückeltes E-Book anzubieten. Dies ist eine gute Gelegenheit einfach mal unverbindlich in das Buch hineinzuschnuppern, da der erste Abschnitt des Buchs kostenlos heruntergeladen werden kann.
Howeys Roman entwirft eine Dystopie der Zukunft, in der die Menschen in einem riesigen Silo autark leben. Die Hintergründe des Silos und seiner Entstehungsgeschichte bleiben zu Beginn nebulös, erst allmählich erschließt sich der Leser Zusammenhänge und findet in diese Parallelwelt hinein. Ähnlich wie die junge Ingenieurin Juliette muss man die Hintergründe des Silos erkunden und stößt auf Ungereimtheiten. Dies ist sehr geschickt gelöst, da sich der Leser quasi notgedrungen gleich mit der jungen Juliette identifizieren muss und ihre Erkundungen begleitet.
Insgesamt bleibt „Silo“ sprachlich stets angenehm und kann sich zwar nicht mit einer herausragenden stilistischen Sprache überzeugen – schlecht ist die Prosa Hugh Howeys aber keinesfalls. Da ich gerade bei selbst publizierten E-Books immer recht skeptisch bin, was die Qualität des Produkts angeht, wurde ich bei „Silo“ angenehm überrascht. Es ist nicht verwunderlich, dass verschiedene Verlage die Vorzüge des Buchs erkannten und es als physisches Produkt veröffentlichten.
Das Buch ist originell und spannend und erinnerte mich von der Grundidee an den Film „Die Insel“ von Michael Bay – was dem Buch keinesfalls zum Nachteil gereicht.Die 544 Seiten sind klug gewählt und strukturiert. Wenn man möchte, kann man im Roman Bezüge und intertextuelle Verweise erkennen oder hineininterpretieren – man kann das Buch aber auch einfach nur als spannende Zukunftsvision lesen, die den Leser packt und manchmal frösteln lässt!

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