Monthly Archives: Oktober 2013

Louis Bayard – Algebra der Nacht

Gelungener Spagat

Mit „Algebra der Nacht“ gelingt Louis Bayard der Spagat zwischen amerikanischem Akademikerroman und historischem Roman aus dem Alten England, zwischen Schatzsuche und englischer Dichtung und zwischen Info und Spannung.
Angesiedelt in Washington im Jahr 2009 erzählt Bayard von Henry Cavendish, der nach dem Tod seines besten Freundes Alonzo Wax, der sich als bibliophilen Sammler englischer Literatur des 17. Jahrhunderts verdingt hat, über einen rätselhaften Brief stolpert. Dieser führt ihn zur legendären „Schule der Nacht“, die um 1600 zusammengetreten sein soll und zu deren Mitgliedern angeblich Größen wie Thomas Ralegh, Shakespeare, Christopher Marlowe und Thomas Harriot zählten.
Letzterer scheint nicht nur einer der ersten Forscher in der neuen Welt gewesen zu sein – vielmehr scheint er auch einen großen Schatz irgendwo in England hinterlassen zu haben. Diese Informationen stacheln natürlich den Ehrgeiz von Cavendish an und so entspinnt sich eine Schnitzeljagd zwischen Amerika und England und zwischen Gegenwart und Vergangenheit.
Mit Henry Cavendish und dem verstorbenen Freund Alonzo Wax stellt der amerikanische Autor dem Leser zwei hochinteressante Figuren vor, die in ihrer akademischen Unbeholfenheit überaus komisch sind. Gerade der verstorbenen Alonzo Wax, der in Rückblenden vorgestellt wird, ist ein Charakter, für dessen Darstellung Johnny Depp geradezu prädestiniert wäre.
Der Verdienst von Louis Bayard ist es, dass er in „Algebra der Nacht“ nicht nur eine spannende Geschichte erzählt, sondern dass man nach der Lektüre des Buches das Gefühl hat, einiges gelernt zu haben. So erfährt man nicht nur, dass Thomas Harriot, der Charakter, der den Mittelpunkt der Erzählung ausmacht, unter anderem für die Algebrazeichen < und > verantwortlich ist, sondern erhält auch Einblick in die damalige Lebenswelt des Englands um 1600.
Es ist Bayard hoch anzurechnen, dass das Buch nicht zu einem trockenen Sachbuch mit Krimi-Tünche wird, sondern dass Info und Schnitzeljagd gut austariert sind. Das Buch ist unterhaltsam und spannend im besten Sinne.
Wer an „Algebra der Nacht“ sein Freude hatte, dürfte auch mit „Das Geheimnis des schwarzen Turms“ des Autoren gut beraten sein. Dort steht allerdings nicht das England um 1600 sondern Paris im Jahr 1818 im Mittelpunkt.

Horst Eckert – Schwarzlicht

Im Herzen der Macht

Der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens liegt tot in seinem Swimmingpool – war es Mord oder ein Unfall? Vor seinem Verschwinden hatte er noch in einem Spähskandal eine Ehrenwort-Erklärung abzugeben – und die Wahl in NRW kurz bevor …
Das Setting kommt Ihnen merkwürdig bekannt vor? Das darf es auch, schließlich spielt Horst Eckert -einer der wohl besten deutschen Krimiautoren – gekonnt mit Chiffren und Anspielungen und verhüllt auch die Vorbilder zu seinem fiktiven Ministerpräsidenten Castorp nicht. Von Uwe Barschel bis Christian Wulff sind einige wichtige Politiker in die Figur des Ermordeten eingeflossen und geben dem Roman „Schwarzlicht“ eine besondere Brisanz.

Die Qualität von Horst Eckerts Roman ist es nun, sich nicht auf der bloßen Beschreibung des Wulff/Barschel/Öttinger/etc.-Ministerpräsidenten auszuruhen, sondern diese Figur in einen großen Krimi einzubetten, der weit mehr als eine schiere Ermittlung im Falle des toten Ministerpräsidenten ist. Bauspekulation und Korruption sind genauso Themen wie die Identitätsfindung des ermittelnden Kommissars Vincent Veihs.
Dieser Vincent Veih ist das Gegenstück zu all den anderen blassen Kommissaren, Ermittlern, Gerichtsmedizinern und Privatdetektiven, die allzu oft die Kriminalprosa bevölkern. Der junge Kommissar wirkt alles andere als antistatisch und am Reißbrett gezeichnet – viel zu interessant ist seine Biographie: Großvater Nazi, Mutter RAF-Terroristin und der Sohn? Dieser spannende Konflikt gibt „Schwarzlicht“ eine zusätzliche interessante Note, der unweigerlich zu dem Wunsch führt, mehr von Vincent und seiner Entwicklung zu erfahren.

Die anderen Protagonisten kennen Eckert-Leser schon aus den anderen Büchern des Düsseldorfers und wie stets hat man das Gefühl, bei der Lektüre dem Leben eines eigenen Organismus beizuwohnen. Es wird intrigiert, vertuscht und um Posten geschachtert, dass es nicht mehr feierlich ist. Und gerade dieses Gefühl des In-Der-Realität-geerdet-Seins gibt dem Roman seine unvergleichliche Authenzität und hebt „Schwarzlicht“ aus dem Sumpf des platten und konstruierten Mainstream-Einheitsbreis heraus.

Dieses Buch zählt zu den besten (nicht nur deutschsprachigen) Kriminalromanen dieses Jahres und ist so viel besser als das, was ansonsten in Regalmeter die Regale des Spannungssegments in Bibliotheken und Buchhandlungen verstopft. Für mich der beste Beweis, dass Deutschland durchaus zur Produktion anständiger Spannungsliteratur mit Köpfchen in der Lage ist!

Liz Jensen – Die da kommen

Kein Kinderspiel

Wenn Kinder zu Mördern werden – diesen Gedanken spielt Liz Jensen in ihrem zweiten auf deutsch bei dtv-premium erschienenen Roman „Die da kommen“ auf beängstigende Art und Weise durch.
Irgendwo zwischen Dystopie, Krimi und Phantasy angesiedelt erzählt die Engländerin von Hesketh, einem Mann, der ebenso ungewöhnlich wie sein Vorname ist.
Als Anthropologe mit Asperger-Syndrom reist er im Auftrag seiner Firma eine Serie von scheinbar widersprüchlichen Sabotageakten aufdecken. Mehrere Menschen haben offenbar ohne Grund ihre Arbeitgeber an den Rande des Ruins gebracht und anschließend versucht, sich selbst umzubringen.
Und wie der manische Hesketh schon bald herausfindet, sind diese Taten nur der Auftakt zu einer Pandemie unter Kindern, die sich gegen ihre Eltern wenden und diese umbringen.

Wie das Cover schon suggeriert, wird hier nicht mit Details gegeizt. Jensen beschreibt die Taten der Kinder auf erschreckende Art und Weise, wobei nicht die Taten sondern der Grundgedanke hinter diesem Verhalten schockierend sind.
Sie zeigt, wie ohnmächtig wir eigentlich einer solchen Katastrophe gegenüberstehen und wie wenig wir reagieren könnten. Das macht „Die da kommen“ zu einer ungewöhnlichen Dystopie, die sich eher auf Beschreibung denn auf Spannung konzentriert.

Das Buch ist deshalb auch in meinen Augen weniger als Krimi oder als Thriller zu lesen, vielmehr ist es eine packende Vision einer Welt, in der die Kinder in einer eigenen Welt leben und sich gegen die Erwachsenen erheben. Eine Roman, der nicht mit Antworten aufwartet, sondern dem Leser selbst die Bewertung und Einordnung überlässt.

Robert Wilson – Stirb für mich

Spannung trotz irreführendem Titel & Klappentext

Bitte machen Sie nicht den Fehler und lassen Sie sich von dem Titel oder dem Klappentext dieses Buches täuschen. „Stirb für mich“ von Robert Wilson mutet zwar zu Beginn wie der hundertste Aufguss eines Entführungsthrillers an, entwickelt sich aber schnell zum undurchschaubaren Spiel zwischen verschiedenen Parteien, Charakteren und einer famosen Hatz, die mich fesseln konnte.

Mag es auch vorgeblich um die Entführung der Industriellen-Tochter Alyshia D’Cruz und die Unternehmungen des Ex-Militärs Charles Boxer gehen, sie zu befreien – „Stirb für mich“ führt schnell eine Vielzahl von Protagonisten und Gruppen ein, die ihr Interesse an Alyshia und ihrem Vater Frank D’Cruz haben. Das erfordert vom Leser einige Aufmerksamkeit, liest sich aber interessanter als der nächste Abklatsch eines platten Kidnapping-Krimis.

Was sich schon im grandiosen Sevilla-Quartett Wilsons andeutete, führt er auch in „Capital Punishment“ (so der viel treffendere Originaltitel) fort. Geheimdienste und ihre klandestinen Operationen bekommen genauso ihren Platz im Buch wie interessant Exkurse über Terror und das moderne Indien. All das macht das Buch in meinen Augen sehr lesenswert und überzeugt dank der Schreibe Wilsons und seinem Talent, die komplizierte Welt da draußen nicht unnötig einfach machen zu wollen.

Etwas überrascht war ich aber trotzdem schon: Einer der laut New York Times „besten Thrillerautoren der Welt“ legt ein neues Werk vor und das Interesse ist dabei verschwindend gering? Zugegeben, wer glaubt noch irgendwelchen Lobpreisungen, die von Kollegen oder Zeitungsredaktionen über Autoren ausgeschüttet werden?
Bei Robert Wilson finde ich die Vorschusslorbeeren allerdings ausnahmsweise einmal gerechtfertigt, schließlich war er ja bereits mehrere Male auch für die Dagger-Awards, also die britischen Buchpreise für Kriminalliteratur, nominiert. Auch „Stirb für mich“ ist wieder für einen Dagger nominiert – und das meiner Meinung nach völlig zu Recht.

Ein vielschichtiges Buch mit einigen Strängen, die erfordern, dass der Leser einen Überblick über die Protagonisten behält, und ein Einblick in das heutige Indien. Spannung ist definitiv vorhanden, auch wenn sich der deutsche Verlag den nichtssagenden Titel und den unglücklich formulierten Klappentext hätte schenken können. Außergewöhnlich gut!

Arturo Perez-Reverte – Dreimal im Leben

Der Zauber des Vergangenen

Arturo Perez-Reverte vermengt in seinem Roman „Dreimal im Leben“ Schach, Begehren, Spionage und Tango zu einer 500 Seiten starken Erzählung, die nicht immer zu fesseln weiß.
Wie in einem alten, sepia-vergilbten Foto fühlt man sich während der Lektüre und beobachtet die Charaktere in mondäner Umgebung beim Schachspiel, Tango tanzen oder lieben.

Perez-Revertes Max Costa ist ein Charmeur und Gentleman-Dieb der ganz alten Schule, der sich als Eintänzer auf einem Schiff verdingt hat, ehe er einen sozialen Abstieg hinlegte und nun als Chauffeur sein täglich Brot verdienen muss. Man beobachtet ihn bei seinen Streifzügen durch die Côte d’Azur, die Schweiz und an Bord der Cap Polonio, bei denen er Mecha Izunza de Troeye begegnet und sich verliebt. In der Folge verlieren sie sich wieder aus den Augen – doch wie der Titel des Romans schon suggeriert wird es nicht ihre letzte Begegnung gewesen sein.

Bei allen Vorschusslorbeeren und der Bezeichnung als der Liebesroman durch die Zeitung El Mundo: So ganz kann ich mich diesen Lobpreisungen nicht anschließen:
Zwar sind die Themen durchaus klug gewählt, doch leider ergeht sich Perez-Reverte zu häufig in Oberflächlichkeiten und beschreibt das Äußerliche seiner Charaktere, ohne ihnen immer Tiefe zu verleihen. Das Schlagwort „Form vor Funktion“ hat der spanische Autor wirklich verwirklicht.
Die Kleidung und das Benehmen in all ihren Feinheiten werden ausführlichst beschrieben und nehmen für mein Empfinden einen zu großen Platz ein.
Die Elemente der Erzählung erscheinen einzeln für sich stimmig, doch leider hat der Roman eine deutliche Unwucht. Seitenweise Einführungen über die Genese des Tangos oder bestimmte Finten beim Schachspiel sind nicht dazu angetan, den Leser zu fesseln. Auch die Spionagegeschichte, die Arturo Perez-Reverte kurz in seine Erzählung einwebt, mag nicht ganz zum restlichen gediegenen Teil des Romans passen. Diese Passagen hätte ein William Boyd wesentlich gekonnter gestaltet.

So bleibt bei mir der Leseeindruck eines Romans zurück, der für Liebhaber des Tangos oder Schachfreunde interessanter sein dürfte als für Leser, die eine bunte Liebesgeschichte erwarten. Gekonnt vermittelt Arturo Perez-Reverte in „Dreimal im Leben“ das Flair des 19. Jahrhunderts in Europa und Hispanoamerika – doch das reicht nicht, um den Roman zu einem runden Leseerlebnis werden zu lassen.