Monthly Archives: Dezember 2013

Elisabeth Herrmann – Versunkene Gräber

Schlesischer Wein

Ich durfte im März 2013 einer Lesung der Autorin Elisabeth Herrmann beiwohnen, in der sie ihren Roman „Das Dorf der Möder“ vorstellte und auf der sie auch ankündigte, ihr Anwalt Joachim Vernau würde wieder zurückkehren. Nach einer etwas längeren Pause (zuletzt erschien 2009 „Die letzte Instanz“, in dem Vernau ermittelte) darf der Berliner Anwalt nun in „Versunkene Gräber“ ermitteln – und tut dies nun sogar bilateral:
Seine Anwaltsfreundin Marie-Louise ist verschwunden und wird von einer polnischen Kollegin gesucht. Zeitgleich wird in Polen Vernaus Kumpel, der Automechaniker Jazek, unter Mordverdacht verhaftet. Marie-Louise scheint in dieses Verbrechen verwickelt zu sein und nun liegt es an Joachim Vernau, die Hintergründe der Geschehnisse, die in Polen geschehen sind, aufzuklären.
Selten hat das Wort der Hintergrundermittlung so gut zu einem Roman gepasst, wie hier: Vernau muss die Hintergründe des Verbrechens aufklären, das Jazek und Marie-Louise zur Last gelegt wird – und muss noch tiefer graben. Denn die Ereignisse, die im fiktiven Städtchen Janekpolana passiert sind, scheinen ihren Ausgang in den Kriegswirren in Polen und der Repatriierung der damaligen Bevölkerung genommen zu haben. Eine alles andere als durchschaubare Gemengelage, durch die sich Vernau nun kämpfen muss, um die Wahrheit herauszufinden und Jazek und Marie-Louise aus ihrer misslichen Lage zu befreien.
Ich mag Elisabeth Herrmann und ihren Schreibstil einfach – und auch diesmal liefert sie mit „Versunkene Gräber“ erneut Qualitätsware ab. Geschickt schafft sie es, in ihrem Krimi die Subthemen der Vertreibung, des schlesischen Weinanbaus und der Beschreibung Polens generell einzubinden, ohne dass der Krimi darunter ächzen würde. Zwar ist der erzählerische Kniff, dass Geheimnis aus dem Zweiten Weltkrieg bis ins Heute nachwirken, nicht gerade neu, doch die Autorin schafft es, ihr Buch mit Leben zu füllen. Weder kommen der Humor noch die Spannung zu kurz und insgesamt ist „Versunkene Gräber“ wieder ein rundes Ganzes geworden.
Wollen wir hoffen, dass Joachim Vernau schon bald wieder neue Aufträge ins Haus flattern und Elisbath Herrmann nicht so lange wartet, ehe sie ihren Anwalt wieder mit neuen Aufgaben betraut!          

Meike Winnemuth – Das große Los

Einmal um die ganze Welt …

… und die Taschen voller Geld. Selten hat dieses Lied von Karel Gott besser gepasst als auf Meike Winnemuths Reise, die sie in „Das große Los“ nachzeichnet.

Nachdem sie mithilfe eines Jokers bei „Wer wird Millionär“ beantworten konnte, wo man sich früher verfranzt hatte (Antwort „Im Flugzeug“) beschloss sie, von ihrer gewonnenen halben Million einfach ein Jahr loszufliegen, sich jeweils einen Monat in einer Stadt einzuleben und so die Welt zu erkunden.
Entstanden ist ein Bericht, eine Autobiographie, eine Städtedokumentation – und noch viel mehr. In zwölf Briefen erzählt Winnemuth, die unter anderem für das SZ-Magazin und den Stern schreibt, wie es ihr in den Städten ergeht. Sie berichtet aus ihrem Leben, schildert Schönes genauso wie Schlechtes sehr offen und garniert diese Reflektionen mit jeder Menge Fotos und ganzen Fotostrecken zu den Ländern Indien und Äthiopien.
Nach der Lektüre hat man den Eindruck, einer Frau begegnet zu sein, die bei sich angekommen ist und glücklich ist. Ein Buch, das den Geruch der weiten Welt ein Stück weit ins eigene Bücherregal trägt und das genauso kurzweilig wie informativ ist!          

Stefan Slupetzky – Polivka hat einen Traum

Mörderische Züge

Mit österreichischen Kriminalromanen ist das ja so eine Sache: ein bisschen eigen sind sie immer. Egal ob es Romane von Wolf Haas, Thomas Raab oder Heinrich Steinfest sind – stets kommen sie sowohl in der Handlung als auch in der Sprache eigenwillig und teilweise sehr skurril daher.
Auch Stefan Slupetzkys Roman „Polivka hat einen Traum“ lässt sich durchaus dieser Krimischule zuordnen, allerdings ist der Roman im Vergleich mit den obigen Autoren geradezu zahm geraten.
Von manchen erzählerischen Volten abgesehen gelingt Slupetzky ein wirklich guter und nachvollziehbarer Kriminalroman, der mit einem originellen Szenario aufwartet:
In mehreren Zügen in Europa gab es Notbremsungen auf offener Strecke, bei denen sich Menschen den Hals gebrochen haben. Der Wiener Bezirksinspektor stößt auf diese Fälle, da auch in seinem Bezirk ein Mann einen Genickbruch erlitten hat. Doch durch seine beharrliche Nachforschung und den gewitzten Gerichtsmediziner Singh stößt er schon bald darauf, dass der Unfall mitnichten ein Unfall war.
Es entspinnt sich eine europäische Reise, die Polivka mit seinen Getreuen antritt, um das Geheimnis der Zugtoten zu ergründen – die gerade aufgrund der geringen Seitenanzahl von gerade 300 Seiten sehr temporeich ausfällt. Gemeinsam hetzen die Gefährten von Wien nach Paris und Brüssel und so weiter und so fort.
Es ist Stefan Slupetzky hoch anzurechnen, dass er sich nicht im Chaos verliert, sondern die erzählerischen Fäden in der Hand behält und die Geschichte vorantreibt.Das Szenario, das er langsam enthüllt, ist so fern der Realität gar nicht und wirkte eigentlich erschreckend, wenn er nicht auch Galgenhumor beweisen würde. Denn Spaß macht „Polivka hat einen Traum“ ebenfalls, da es an humorvollen Szenen nicht mangelt (die auch im Kontext des Buches nicht stören) und diese mit gewitzten Einfällen gespickt sind.
Insgesamt ist „Polivka hat einen Traum“ ein überraschend guter, kompakter, lustiger und durchaus realistischer Krimi, der seine österreichische Herkunft nicht verleugnen kann, dies aber auch nicht will. Eigenwillig und spannend!

Antonio Hill – Der einzige Ausweg

Winter in Barcelona


Antonio Hill treibt mit „Der einzige Ausweg“ die Fortschreibung seiner Saga um den Kriminalinspektor Héctor Salgado und die Stadt Barcelona weiter voran.

Doch fernab von zementierten Klischees eines sommerlichen Barcelonas, in dem durchgängig die Sonne scheint und die Temperatur nie unter 30 Grad fällt, zeigt Hill ein gänzlich anderes Bild. Schnee fällt und kalte, ungastliche Temperaturen herrschen nicht nur in der Stadt sondern auch im zwischenmenschlichen Umgang der Katalanen.
Nach dem möglichen Suizid einer jungen Frau in einem U-Bahnschacht kommt der melancholische und manchmal jähzornige Inspektor Héctor Salgado einem tödlichen Geheimnis auf die Spur, das eine Gruppe von Mitarbeitern eines Kosmetikkonzerns teilt.
Der eigentliche Kriminalfall, der „Der einzige Ausweg“ zugrunde liegt, ist nicht allzu spektakulär und innovativ. Der Reiz, der dem neuen Roman von Antonio Hill innewohnt, liegt in der horizontalen Erzählweise des Autors begründet. Die Ereignisse, die im Vorgängerroman ihren Ausgang nahmen, werden nun weitergeführt und nehmen eine überraschende Entwicklung.
Dementsprechend empfiehlt sich die vorweg gehende Lektüre von Hills Erstling „Der Sommer der toten Puppen“, auch wenn die Kenntnis dieses guten Romans nicht essentiell ist.
Der Cliffhanger am Ende des Buches macht wahrhaft Lust auf den nächsten Roman Antonio Hills, der dann auch gerne einmal in einem wärmeren Barcelona spielen darf!
Wer weitergehende Informationen über den Roman sucht, der dürfte hier fündige werden: http://www.suhrkamp.de/buecher/der_einzige_ausweg-antonio_hill_46487.html

 

Jonas Jonasson – Die Analphabetin, die rechnen konnte

 Fortführung von Altbewährtem

Wer das Cover und den Titel zu „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ betrachtet, könnte auf den Gedanken kommen, dass sich im Vergleich zu Jonassons Erstling und Megaseller „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ nicht viel verändert hat.
Und wer das Buch aufschlägt und zu lesen beginnt, der wird feststellen, dass es sich genauso verhält, wie die Front des Buches impliziert.
Es geht um Nombeko, hyperintelligente Latrinenkraft aus Soweto, Zwillinge, von denen nur einer existiert, eine Atombombe, Mossadagenten, den schwedischen König und noch viel mehr.

Jonasson entfesselt von der ersten Seite an einen Erzählstrom, der mich manchmal an einen chaotischen Redner erinnert. Ständig verliert er sich in Nebenschauplätzen, kommt vom Hundersten ins Tausendste und prescht dann doch plötzlich wieder mit seiner Geschichte voran.
Das Wunder hierbei: Die Erzählstruktur funktioniert, man bleibt bei den parallelen Erzählsträngen von Nombeko und den janusköpfigen Zwillingen, die im Laufe des Buches zusammenfinden. Trotz der vielen Charaktere verliert man nicht den Überblick, da Jonasson seine Protagonisten liebevoll mit einer ungeheuren Masse an Schrullen und Macken zeichnet.

Wollte man „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ einem Genre zuordnen, so könnte dies nur das Fantasy-Fach sein. Die Geschichte ist so abgedreht, unwahrscheinlich und irre, dass man mit dem Kopf schütteln müsste, wäre Jonasson nicht ein solch guter Schriftsteller. Mit jeder Menge Augenzwinker und Humor lässt er seine Figuren durch die abstruse Handlung taumeln.

Wer Kritik üben möchte könnte sagen: Jonasson kopiert sich nur selber. Wer das Buch loben möchte könnte sagen: Abermals ist Jonasson eine skurrile und überbordende Geschichte nach bewährtem Muster eingefallen. Ich würde beiden Ansichten Recht geben und urteilen: Jonasson erfindet mit seinem zweiten Roman das Rad zwar nicht neu, unterhält mit seiner Geschichte aber sehr gut.