Monthly Archives: Februar 2014

Arne Dahl – Neid

Die OPCOP-Truppe zum Dritten

Mit „Neid“ beschert Arne Dahl seiner OPCOP-Truppe den dritten von vier geplanten Einsätzen. Nachdem der zweite Band eher „Zorn“ ein Durchhänger war, gelingt es Arne Dahl mit seinem neuen Buch an der Qualität des Quartett-Erstlings „Gier“ anzuknüpfen.

Menschenhändler und Lobbyismus

„Neid“ ist ein komplexer Thriller, der erst ein wenig braucht, um Fahrt aufzunehmen. Nachdem man einer Observation eines Menschenhändlerringes beiwohnte, schickt Dahl seinen Ermittler Paul Hjelm auf eine geheime Sondermission. Die französische EU-Kommissarin Marie Barrière wird erpresst – und ihre Gegner scheinen vor nichts zurückzuschrecken. Auch der Tod eines hochrangigen Wissenschaftlers in Schweden scheint in Verbindung mit der Erpressung zu stehen.

Verschiedene Stränge führen zum Ziel

Wer die Romane Arne Dahls kennt, weiß dass diese Fälle zusammenhängen müssen – wie sie dies tun, wird aber erst im spannungsgeladenen Finale deutlich. Dahl legt viele Fäden aus und behält sie immer in der Hand, auch wenn es zwischenzeitlich nicht immer danach aussehen mag. Seine einzelnen Ermittler hetzen zwischen Chios, Amsterdam und Berlin hin und her – die Kenntnis der Vorgängerbände bzw. des schwedischen A-Teams erleichtert hier vieles. Man muss manchmal aufpassen, den Überblick über die ganzen Handlungsstränge und Ermittler nicht zu verlieren.

(c) Sara Arnald

Wie schon in „Totenmesse“ beschäftigt sich Dahl in „Neid“ auch mit dem Ende des Öls und mit regenerativen Energien, die eine nicht unbedeutende Rolle im Roman einnehmen. Andere Subthemen wie Menschenhandel und Entscheidungen der EU fließen ebenso in die Erzählung ein, ohne dass die Spannung an den Exkursen übermäßig zu leiden hätte.
Seine Metaphernwut und den unbedingten Willen zur stilistischen Brillanz kann Dahl diesmal ganz gut einbremsen und so wird aus „Neid“ abermals ein komplexer und spannender Thriller. Wer dem ersten OPCOP-Roman „Gier“ etwas abgewinnen konnte, dürfte auch mit „Neid“ warm werden- Ein Buch, das meine hohen Erwartungen vollkommen zufriedenstellen konnte!
Und hier auch die gute Nachricht für alle OPCOP-Fans, die überlegen, wie es mit dem Team weitergeht – Hass heißt die Antwort auf diese bange Frage. Ein Buch, das sämtliche Vorgängerbände schlüßig bündelt und zum Finale bringt!

Wolfgang Schorlau – Am zwölften Tag

Die Fleischmafia

Er hat es wieder getan: in seinem neuen Krimi „Am zwölften Tag“ legt Wolfgang Schorlau wieder den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft. Diesmal schickt er seinen Privatdetektiv Georg Dengler auf eine persönliche Mission. Sein Sohn Jakob ist verschwunden. Offensichtlich hatte sich dieser in Angelegenheiten der fleischverarbeitenden Industrie herumgeschnüffelt.
Nun liegt es an Dengler, seinen Sohn wieder zu finden und die Geheimnisse der Fleischindustrie zu ergründen.

Die Krimihandlung von „Am zwölften Tag“ mag etwas an den Haaren herbei gezogen sein beziehungsweise wenig Neues bieten. Dennoch funktioniert das Buch hervorragend, da die Stärke des Buches in meinen Augen weniger auf dem Krimi als in seiner Verbindung mit dem brisanten Thema des Fleischkonsums und der Fleischherstellung steht. Schorlau schaut dahin, wo wie lieber unsere Augen abwenden: Wollen wir wirklich wissen, was das Schnitzel in der Kühltheke war, bevor es dorthin kam? Wollen wir wirklich wissen, wer unser täglich Fleisch herstellt und wie die Arbeitsbedingungen der Menschen sind, die täglich in Schlachtereien ihren Dienst versehen?

Zwar ragt in einigen Passagen der moralische Zeigefinger Schorlaus etwas überhöht auf, dennoch schmälert das die Qualität des Buchs keineswegs. Es regt zum Nachdenken an und lässt uns unsere Ernährungsgewohnheiten hinterfragen. Müssen wir wirklich sieben Tage in der Woche Fleisch verzehren, das im Laden zu obszön billigen Preisen angeboten wird?
Ein Krimi, der auch ein Debattenbuch ist und der uns wieder klar macht, wie wir leben beziehungsweise wie wir leben wollen – stark!

Annelie Wendeberg: Teufelsgrinsen

Sherlock und Anna

In den letzten Jahren erfuhr Sherlock Holmes ein Comeback wie es nur wenigen literarischen Figuren zuteil wird: in Kinofilmen mit Robert Downey Jr., in mehreren neuen Erzählungen (u. a. „Das Geheimnis des weißen Bands“ von Anthony Horowitz) und einer Fernsehserie der BBC.
Nun bereichert auch Annelie Wendeberg den Sherlock-Holmes-Kosmos mit einer weiteren Erzählung, die der Detektiv aus der Baker Street bevölkert.
Das Ungewöhnliche an „Teufelsgrinsen“ ist, dass Annelie Wendeberg – eine deutsche Umweltmikrobiologin – dieses Buch auf Englisch schrieb und als E-Book publizierte, ehe es vom Kiepenheuer&Witsch-Verlag auf Deutsch herausgebracht wurde.
Der Roman dreht sich um die Forscherin Anna Kronenberg, die als Mann verkleidet praktizieren muss, da es Frauen im Viktorianischen Zeitalter nicht gestattet war, an Universitäten zu forschen.
Dies klappt auch erstaunlich gut, bis ein gewisser Sherlock Holmes ihren Weg kreuzt. Er erkennt ihr Geheimnis doch behält es für sich, da er Annas Verstand und ihr Wissen für einen besonderen Fall benötigt. Im Wasserwerk, das London mit Wasser versorgt, wurde ein Cholera.Opfer gefunden. Doch wie es scheint handelt es sich um einen Mordanschlag. Kronenberg und Holmes müssen versuchen, den Hintermännern das Handwerk zu legen …
Das Bild, das Annelie Wendeberg in „Teufelsgrinsen“ von Sherlock Holmes zeichnet, dürfte eingefleischten Holmesianer wohl wenig gefallen: der legendäre Detektiv flirtet mit Anna Kronenberg, duzt seine Mitmenschen und weicht auch ansonsten vom gewohnten Bild ab. Puristen, die das Werk Arthur Conan Doyles verehren, dürfte „Teufelsgrinsen“ somit weniger gefallen. Allen, die Interesse an einer unkonventionellen Holmes-Episode haben, die Charakterisierung des britischen Detektivs nicht so ernst nehmen und sich gerne in das viktorianische England zurückversetzen lassen möchten, könnten trotzdem ihre Freude an diesem Titel finden
So ist „Teufelsgrinsen“ ein Roman über Sherlock Holmes, der sich eher an Medizin- und Medizingeschichtlich interessierte Menschen wendet, darüber hinaus aber auch ein solider Krimi.

Don Winslow – Vergeltung

Ein Mann sieht rot

Dave Collins hat alles verloren, das ihm je etwas bedeutet hat: Seine Frau und sein Sohn kamen bei einem Flugzeugunfall ums Leben. Doch plötzlich ändert sich alles, als er erfährt, dass der Tod seiner Familie durch einen Terroranschlag verursacht wurde.
Kurzerhand stellt Collins eine eigene Söldnertruppe zusammen um den Drahtziehern des Terroranschlags das Handwerk zu legen. Nun kommt sie – die Zeit der Vergeltung.

Vergeltung ist ein Rachethriller alter Schule. Ein Mann nimmt es mit den gefährlichsten Terroristen überhaupt auf und zieht solange gegen sie zu Felde, bis sie vernichtet sind. Das mag jetzt nicht sonderlich komplex oder tiefschürfend sein, in den bewährten Händen von Don Winslow wird aus diesem Thema dennoch ein weitestgehend packender Roman, der nicht lange fackelt.

Kaum wurde Dave Collins aus seiner Lethargie nach dem Tod seiner Familie gerissen, geht es gleich hochtourig zur Sache.
Zwar verliert sich Winslow manchmal in allzu akribischen Schilderungen des Waffenarsenals seiner Söldnertruppe, dennoch begeht er nie den Fehler wie beispielsweise Tom Clancy, seine Leser mit seitenlangen Exkursen über bestimmtes Equipment, das wie aus der Gebrauchsanleitung abgeschrieben klingt, zu langweilen. Er begleitet die Söldner auf Schritt und Tritt und zeigt, wie eine internationale Söldnertruppe jagt. Zugleich bekommt man eine Vorstellung davon, wie wohl die Ermordung Osama Bin Ladens im Jahr 2011 in Pakistan abgelaufen sein muss.

Winslow zeichnet zugleich ein ungeschöntes Bild vom Krieg des neuen Jahrtausends. Die Schlachten werden künftig an den Computern gewonnen und gelernt, nicht mehr das Können auf dem Schlachtfeld entscheidet über Sieg und Niederlage sondern die technische Ausrüstung.

All diese Reflexionen und die schriftstellerische Klasse heben „Vergeltung“ hoch über das Gros der modernen Techno- und Rachethriller und zeigen erneut die literarische Vielfalt, die Don Winslow beherrscht!