Monthly Archives: Juni 2014

Adrian McKinty – Die Sirenen von Belfast

Zurück in der Hölle

Zurück in die Hölle auf Erden schickt Adrian McKinty seinen katholischen Bullen Sean Duffy im zweiten Teil seiner Romanreihe um den irischen Inspector. Irland im Jahr 1982, das sind IRA-Terror, Bomben unter Autos und nicht endend wollende Gewalt.
Nachdem Sean Duffy im Fall Der katholische Bulle seine Einführung erhalten hat – und zumindest mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist – legt der irische Autor Adrian McKinty nun nach und stößt Duffy wieder in die brodelnde Melange aus Gewalt, Fanatismus und Terror.

Inmitten dieser Chose stößt Duffy nun zusammen mit seinem Partner auf den Torso eines Amerikaners, der in einem Koffer entsorgt wurde. Der irische Schnüffler klemmt sich hinter die Fährte um dem Geheimnis des Toten auf die Spur zu kommen und ahnt dabei nicht, dass er sich damit mächtige Gegner schafft.
Diesmal weisen die Spuren, die Duffy verfolgt, nämlich über die irischen Landesgrenzen hinaus und führen bis in die Machtzirkel in den Vereinigten Staaten.

Der zweite Einsatz für Sean Duffy

Auch der zweite Teil dieser Romanreihe ist Adrian McKinty wieder vorzüglich gelungen. Nach der Trilogie um den irischen Gangster Michael Forsythe (Der sichere Tod, Der schnelle Tod und Todestag) entsteht hier die nächste großartige Reihe, die mit der Voranschreiten der Titel immer mehr an Profil gewinnt. Mit einer prägnanten und großartigen Schreibe ausgestattet schafft es Adrian McKinty dem Police-Procedural-Roman neue Facetten abzugewinnen. Er strukturiert seinen Roman mit Tempo, um dann wieder abzubremsen, er beschleunigt um Sean plötzlich wieder in eine Sackgasse zu manövrieren. Der Leser bleibt gespannt an den Ermittlungen dran. Symptomatisch seien hier zwei Kapitelüberschriften angeführt: Kapitel 10 Fortschritte, Kapitel 11 Keine Fortschritte. Hier schimmert der grimmige Humor des irischen Autoren durch, dessen markante Schreibe in der momentanen Krimilandschaft singulär ist. An dieser Stelle sei auch die gelungene Übersetzung durch Peter Torberg hervorgehoben, die viel der einzigartigen Wortspiele doch noch ins Deutsche hinüberrettet.

Bitte mehr von diesem Ermittler!

Sean Duffy ist ein Protagonist, dem man noch zahlreiche weitere Einsätze im Höllental Belfast in den 80ern wünscht (was der Epilog gottseidank schon andeutet). Beste Krimilektüre für den Sommer! Mehr Infos über das Buch findet ihr hier.
Ein kleines Update hier noch am Rande: Inzwischen ist tatsächlich auch schon der dritte Teil der Sean-Duffy-Reihe erschienen, der auf den Namen Die verlorenen Schwestern hört. Meine Besprechung des neuen Romans um den katholischen Bullen findet sich an dieser Stelle. Auch für diesen Teil gibt es gleich eine Leseempfehlung, wenn man sich für gutgeschriebene Lektüre abseits von skandinavischem Dauergrau interessiert!

Johan Theorin – Inselgrab

Sommer auf Öland

Mit „Inselgrab“ bringt Johan Theorin sein Jahreszeitenquartett zum Abschluss. Nach Herbst („Öland“), Winter („Nebelsturm“) und Frühling („Blutstein“) endet die Tetralogie nun im schwedischen Hochsommer.
Die Touristen aus Stockholm überschwemmen im Jahr 1999 die Insel, als einige Ereignisse kulminieren, in deren Mittelpunkt die Magnaten-Familie Kloss zu stehen scheint. Ein Geisterschiff taucht im Sund vor der Insel auf, ein alter Bekannter der Familie scheint zurückzukehren und im Feriendorf der Klossens manipuliert jemand gezielt die Touristik-Anlage.
Und offenbar hängen diese ganzen Ereignisse mit früheren Geschehnissen zusammen, als der junge Gerlof Davidsson bei einem Begräbnis Klopfgeräusche aus einem Grab vernahm und als ein junger Schwede mit seinem Vater in die Neue Welt aufbrach.

Zahlreiche Handlungsstränge

Zahlreiche Fäden verspinnt Johan Theorin am Anfang seines Romans, die erst zum Ende des Buches hin in ihrer Gesamtheit Sinn ergeben. Das mag den ein oder anderen Leser am Anfang stören, im Laufe des Buchs wird man aber für die Konzentration belohnt.

Ein alter Bekannter ermittelt

„Inselgrab“ ist ein typisches Öland-Buch Theorins. Ereignisse aus der Vergangenheit wirken bis in die Gegenwart nach und alles hängt miteinander zusammen. Wie aus den Vorgängerbänden gewohnt ermittelt der jetzige Rentner und ehemalige Seemann Gerlof Davidsson. Mit Bedacht und einem beachtlichen Erinnerungsvermögen dröselt er die einzelnen Ereignisse auf und versucht Licht ins Dunkel zu bringen.
Theorin gelingt es ausgezeichnet, Spannung und Suspense zu vermitteln. Er schafft es unnachahmlich Grusel zu erzeugen und den Leser trotz aller Bedächtigkeit bei der Stange zu halten. Man meint förmlich selbst im schwedischen Hochsommer über die Insel zu wandern und sieht die Ereignisse im eigenen Kopfkino vor sich.

Der gelungene Abschluss einer außergewöhnlichen Reihe und einer der besten Schwedenkrimis des Jahres 2014 – da lege ich mich bereits fest!

Edgar Rai – Die Gottespartitur

Glaubenszweifel

Eine geheimnisvolle Partitur, ein mysteriöser Todesfall und ein jahrhundertealtes Geheimnis. Klingt zunächst nach einer Räuberpistole á la Dan Brown, kommt aber aus der Feder von Edgar Rai. Dieser hat bislang eher leichte Sommerromane geschrieben (z.B. „Nächsten Sommer“) um nun den Genrewechsel zu wagen. Dieser ist ihm – um das gleich vorauszuschicken – durchaus gelungen.

Er erzählt vom Star-Literaturagenten Gabriel Pfeiffer, der im Trubel der Frankfurter Buchmesser von einem jungen Mann ein Manuskript erhält. Den wirren Worten des Adoleszenten schenkt er keine große Bedeutung, bis dieser tot in der Kapelle seines Seminars liegt. Gabriel forscht auf eigene Faust nach und stößt auf eine heiße Spur: Könnte es die sogenannte „Gottespartitur“ tatsächlich geben – ein Musikstück das die Existenz Gottes beweisen könnte?

Was sich auf dem Papier noch nach atemloser Hatz, gedungenen Verschwörern und eben ganz nach Dan Brown anhört, ist in Wahrheit ein ruhiger Roman über einen alternden Literaturagenten, seine Zweifel und die Frage, ob es Gott tatsächlich geben kann. An einer Stelle lässt Edgar Rai seine Protagonisten bemerken, dass Dan Brown diese Geschichte sogar höchstwahrscheinlich gelangweilt hätte. Mich hat sie es auf gar keinen Fall. Ein spannender und gut erzählter Roman, bei dem schon das stimmungsvolle Cover Lust auf mehr macht.

Rai ist ein Roman gelungen, der sich nicht in überzogenem Budenzauber verliert, sondern der seinen Fokus auf die Protagonisten und ihre Befindlichkeiten legt.
Eine gelungene Alternative zu all den hektischen, dutzendfachen Vatikan-Schnellschüssen, der sich dem Thema des Glaubens und Zweifelns widmet. Gerne darf Edgar Rai noch mehr Romane in diese Richtung schreiben!