Monthly Archives: Februar 2015

John Williams – Butcher’s Crossing

Zurück zur Natur

Nach dem großartigen „Stoner“, DER Wiederentdeckung des Jahres 2012 hat sich nun der Deutsche Taschenbuchverlag eines weiteren Werkes John Williams angenommen. „Butcher’s Crossing“ erscheint von Bernhard Robben makellos ins Deutsche übertragen als Hardcover und erhebt Jean Jaques Rousseaus Diktum „Zurück zur Natur“ zum Leitmotiv.

Die Umkehrung von Stoner

Der Roman erzählt von Andrews, einem jungen Studenten an einer Elite-Universität, der dieser gleich zu Beginn des Buchs den Rücken kehrt und in die amerikanische Einöde aufbricht. Er begibt sich ins titelgebende „Butcher’s Crossing“, einem kleinen Wildwest-Dörfchen inmitten der Ödnis. Dort will er der Büffeljagd nachgehen und rekrutiert sich ein Team aus erfahrenen Jägern. Einer dieser Jäger berichtet nämlich von einer sagenhaften Büffelherde, die er in den Bergen Colorados gesehen haben will. Andrews finanziert das wahnwitzige Vorhaben und gemeinsam brechen die vier Männer auf, um die Büffel zu erlegen und ihr Fell anschließend gewinnbringend zu veräußern.

Ein Kampf ums Überleben

Doch wer John Williams „Stoner“ gelesen hat weiß, dass seine Charaktere in den Büchern immer gegen Widerstände und Wirrnisse ankämpfen müssen. In „Butcher’s Crossing“ ist dies die Natur, die den Glücksrittern eindrucksvoll in die Parade fährt. Gekonnt beschreibt Williams Metzeleien und den Überlebenskampf gegen die Elemente. Das Blutbad, das die Männer unter den Büffeln anrichten vermag der Autor genauso eindrucksvoll zu beschreiben wie die Überlebenskämpfe, als Schneefall im Tal Leib und Leben bedroht.

Eine eindrucksvolle Parabel

„Butcher’s Crossing“ ist voller bitterer Erkenntnis und zeigt eindringlich, wie schnell der Wandel der Zeit Opfer von den Menschen verlangt. Am Ende muss auch Andrews erkennen, dass man zwar gescheiter, aber auch gescheitert sein kann. John Williams ist auch mit „Butcher’s Crossing“ ein großartiger Roman gelungen, für dessen Veröffentlichung man dem Deutschen Taschenbuchverlag danken sollte!

Arne Dahl – Hass

Finale furioso

Hass

Hass – Arne Dahl

Nun ist Arne Dahl also nach dem Ende seiner A-Gruppe auch beim Ende des OPCOP-Quartetts angelangt und bereitet seiner europäischen Supergroup ein Finale – und was für eines: Nach „Gier“, „Zorn“, „Neid“ kommt nun „Hass“, ein Band der die Erzählstränge aus den drei Vorgängerbänden zusammenführt und die Dichte des Plots der wahrlich nicht einfach gestrickten Vorgänger noch einmal toppt. Am Ende des Buchs ist ein Dramatis personae aufgeführt, und gerade wenn man mit diesem Thriller in den Dahl’schen Kosmos einsteigen will, empfiehlt sich die Lektüre dieses Personenverzeichnisses wirklich.

Von Kalabrien bis China

Dahl schickt die OPCOP-Truppe unter der Leitung von Paul Hjelm um den ganzen Globus, um es mit dem internationalen Verbrechen aufzunehmen. Ohne zu viel vom fintenreichen Plot verraten zu wollen. Seine multinationale Gruppe muss sich in Pärchen aufgesplittet unter anderem mit der ‚Ndrangheta in Kalabrien, Chinesischen Forschern in Shanghai und Aufständen in Spanien befassen. Denn es scheint, als seien die Geschehnisse, die in den drei Vorgängerbänden geschahen, nur das Präludium für ein weitaus größeres Verbrechen. Und so haben auch die Charaktere aus diesen Büchern wieder Auftritte genauso wie das gefürchtete Sicherheitsunternehmen Asterion, dessen Rolle sich durch die ganzen Bände wie ein roter Faden zieht.

Das letzte Puzzlestück

Wie Dahl seine verschiedenen Erzählstränge in der Hand hält und ein verästeltes Netz des Verbrechens zeichnet ist höchst meisterlich und auf dem Krimimarkt wirklich ein Alleinstellungsmerkmal. Dies erfordert vom Leser natürlich auch einen langen Atem, wenn Dahl immer wieder von Pärchen zu Pärchen springt, die Erzählebenen wechselt und alte Plots wieder aufgreift. Wer den Atem mitbringt, der wird mit einem würdigen Finale belohnt, das wie eine gute Fernsehserie von Cliffhanger zu Cliffhanger springt und den Leser mitzittern lässt.

Für den optimalen Genuss von „Hass“ empfiehlt es sich meiner Meinung nach, die drei Vorgängerbände zu kennen. Zwar erklärt Dahl in Rückblenden immer wieder essenzielle Geschehnisse, besser für das Verständnis des komplexen Plots ist es allerdings, die Bücher selber gelesen zu haben (und außerdem sind diese ja auch wirklich starke Krimilektüre, die man sich nicht entgehen lassen sollte). Ein packendes Finale furioso und der Schlusspunkt eines Krimiquartetts, das seinesgleichen sucht!

Zur Übersicht für alle Interessierten hier noch einmal die Reihenfolge des OPCOP-Quartetts:

Jörg Maurer – Der Tod greift nicht daneben

Kein Fehlgriff

Inzwischen muss man zu seinem Kommissar Jennerwein kaum mehr Worte verlieren, schließlich ermittelt die Kreation von Musikkabarettist Jörg Maurer in „Der Tod greift nicht daneben“ bereits zum siebten Mal. Diesmal bekommt es der unauffällige Kommissar und sein dezimiertes Team (die Hälfte des Stammpersonals weilt auf diversen Fortbildungen über den ganzen Erdball verteil) mit einem wirklich vertrackten Fall zu tun. Wobei auch nur Jennerwein an einen Fall glaubt, alle anderen tun die Geschehnisse im Garten des schwedischen Nobelpreisjury-Mitglieds Bertil Carlsson als bedauerlichen Unfall ab. Dieser wurde von seinem eigenen schwedischen Häcksler in ein kleinteiliges Puzzle verwandelt.

Das Puzzle aus dem Häcksler

Jennerwein mag im Gegensatz zu seinen Vorgesetzten nicht an einen Unfall glauben. Und so lässt er das Knochenpuzzle des schwedischen Komitee-Mitglieds wieder zusammensetzen und stößt dabei auf ein grausiges Detail: Eine Hand ist abgängig. Für den bayerischen Kommissar ist somit klar, dass ein Verbrechen vorliegen muss. Bei seinen Ermittlungen stößt er dann schon bald auf ein schauriges Experiment, das in Rumänien seinen Ausgang nahm und heute im ach so beschaulichen Kurort in den Bayerischen Alpen für Tote sorgt. Jennerwein muss ganzen Einsatz zeigen, um den Fall in den Griff zu bekommen.

Gekonnte und bekannte Erzählweise

(c) Gaby Gerster

Ein Buch aus der Jennerwein-Reihe zu lesen ist immer wieder ein bisschen wie heimkommen in eine Atmosphäre und Umgebung, in der man sich als Leser schon auskennt. Viele aus den vergangenen Büchern bekannte Sidekicks (etwa das Bestatterehepaar Grasegger) oder humoristische Seitenhiebe kennt man aus den anderen Bänden. Allerdings muss man sie nicht zwingend gelesen haben, um an „Der Tod greift nicht daneben“ seine Freude zu haben.

Jörg Maurer mutet seinen Lesern auch in diesem Band wieder einiges zu: der Plot schlägt mehrere Haken, zahlreiche Nebenhandlungsstränge durchziehen das Buch und auch literarisch tobt sich der Autor wieder voll und ganz aus: so erzählt z.B. eine Birke von ihrem Schicksal, ein Tagebuch spielt eine wichtige Rolle und bis nach Rumänien verschlägt es Jennerwein. Fast zur Gänze jedoch sind aus diesem Band die einleitenden Zitate oder etymologischen Erklärungen sowie die Fußnoten, die die bisherigen Bände zierten, verschwunden.
Wer bei Maureres Fabulierlust am Ball bleibt, bekommt einen Krimi mit jeder Menge bayerischem Lokalkolorit geboten, der mit überraschenden Wendungen zu überzeugen weiß – gewohnte Maurer-Qualität eben. Wer dieses Buch in einer Buchhandlung oder Bibliothek in die Finger bekommt, der tut damit sicher keinen Fehlgriff!

Andreas Föhr – Wolfsschlucht

Tödliche Familiengeheimnisse

Im Mangfalltal wird es wieder wild und mörderisch, denn schließlich ermitteln die Polizeibeamten Wallner und Kreuthner in „Wolfsschlucht“ bereits zum sechsten Mal zusammen.
Diesmal sind  die Vorkommnisse, mit denen die beiden konfrontiert werden, noch ein wenig skurriler als bisher, wobei dies ja Kennern der Vorgängerbände beinahe reichlich unwahrscheinlich erscheinen sollte. Doch Föhr schafft es, indem er ein Bestattungsauto samt erschossenem Besitzer in den Fluten der Mangfall versinken lässt und ein Fahrzeug von einem Maibaum aufspießen lässt.
Bei beiden Ereignissen hatte der chaotische Kreuthner die Finger im Spiel, wie sich im Laufe des Buches herausstellt. Doch darüber hinaus verbindet die beiden Geschehnisse auch ein tödliches Geheimnis, das Föhr im Laufe des knapp 400-seitigen Romans routiniert auffächert. Dabei wird es auch für den ewig frierenden Kommissar Wallner persönlicher, als er es vermutet hätte.
„Wolfsschlucht“ ist wieder ein Fest für alle Freunde von spannenden Romanen und Liebhabern der bayerischen Mentalität. Genussvoll seziert Föhr (diesmal sogar mit ein paar verstreuten Fußnoten, für mich Reminiszenzen an den anderen großen bayerischen Krimischreiber Jörg Maurer) die Sprache und die Traditionen Bayerns. Und dies gelingt ihm auch wieder für Nicht-Bayern hervorragend lesbar.
Manche Szenen und Dialoge in „Wolfsschlucht“ sind dabei hart an der Grenze zum Slapstick, der Balanceakt zwischen Spannung und Humor gelingt dabei jedoch durchgehend. So ist der neue Roman mit Kreuthner und Wallner für alle Fans der Reihe genauso wie für Neulinge im Mangfall-Kosmos höchst empfehlenswert und sei hiermit gelobt!