Monthly Archives: Juli 2015

William Shaw – Kings of London

London swingt

Breen

Teil 2: Kings of London

Er hat es wieder getan: nach seinem Erstling Abbey Road Murder Song, der schon gekonnt ins Jahr 1968 zurückversetzte, nimmt Shaw den Leser erneut mit in eine vergangene Epoche.

Das Jahr 1968 ist weiter vorangeschritten: die Hippies erobern London, in der Royal Albert Hall feiern John Lennon und Yoko Ono eine alchemistische Hochzeit und die Haare werden sogar bei den Polizisten länger. Swinging London ist der Ausdruck des Lebensgefühl, das bei vielen Engländern herrscht.
Nur DS Breen will sich von der allgemeinen Aufbruchstimmung nicht anstecken lassen. Die neuen Moden sind ihm fremd und eigentlich fühlt er sich viel zu alt für all diese neuen Strömungen, die das Mutterland des Pop erfasst haben – und das obwohl er kaum die 30 überschritten hat. Dass sein alleinerziehender Vater nach längerer Demenz verstorben ist, hebt auch nicht gerade seine Stimmung.
Ganz anders da seine Kollegin Tozer, die sich eigentlich aus dem Polizeidienst verabschieden wollte. Rege verkehrt sie in den Kreisen von Hippies und  Hausbesetzern und lässt sich sogar das Gitarrrenspiel beibringen. Swinging London fasziniert sie merklich.
Inmitten dieser flirrenden Atmosphäre stolpern Breen und Tozer nun in einen neuen Fall, der reichlich mysteriös beginnt. In einem Haus, das nach einem Gasaustritt in die Luft zu fliegen droht, finden die beiden die Leiche eines bekannten Playboys. Diesem wurde allerdings die Haut abgezogen und er ist fast zur Unkenntlichkeit verbrannt. Eine wirkliche Identifizierung und Obduktion ist kaum möglich und so beginnt die aufreibende Ermittlungsarbeit. Diese wird nun auch noch dadurch erschwert, dass der Vater des Playboys ein hoher Beamter im Innenministerium ist. Diesem ist denkbar wenig daran gelegen, die Umstände des Todes seines Sohnes in der Öffentlichkeit breitgetreten zu sehen.
Doch dies ist nicht die einzige Front, an der Breen und Tozer ermitteln müssen. Irgendjemand möchte den irischstämmigen Cathal „Paddy“ Breen eher heute als morgen tot sehen und lässt ihm eindeutige Botschaften zukommen.
Viel zu tun also für das ungleiche Duo, während London flirrt und sirrt.

Krimi und Zeitdokument

Abbey

Teil 1: Abbey Road Murder Song

Die Qualität, die die Krimis von William Shaw in meinen Augen auszeichnet, ist nicht unbedingt die der zugrundeliegenden Kriminalfälle. Diese sind eher Rahmenhandlung, um den Zeit- und Lokalkolorit einfangen zu können, der England im Jahr 1968 durchzog. Er lässt seine Protagonisten Galerien besuchen, in denen neue Avantgarde-Künstler präsent sind, in Plattenläden steht andersartige Musik (mit der Breen natürlich kaum etwas anfangen kann) und auf der Straße dominiert ein neues Erscheinungsbild. Gekonnt lässt Shaw auch für die Nachgeborenen die damalige Szenerie wieder auferstehen und schafft es, im Kopfkino einen Eindruck entstehen zu lassen, wie das damals im Swinging London gewesen sein muss.

Wer „nur“ einen spannenden England-Krimi sucht, der darf natürlich auch zu diesem Buch greifen. In meinen Augen allerdings ist das Buch noch deutlich mehr und darf auch gerne Lesern, die sonst nicht unbedingt Krimis bevorzugen, gerne anempfohlen werden. Möge der dritte Band um Paddy Breen und Helen Tozer rasch erscheinen!

J. K. Johansson – Lauras letzte Party

Mörderische Umtriebe in Finnland

Palokaski ist eine Kleinstadt in der Nähe von Helsinki. In dieser Stadt haben die Autoren, die sich hinter dem Pseudonym J. K. Johansson verbergen, ihre Geschichte um Laura, Nora und Venla angesiedelt, die auf drei Bände verteilt bei Suhrkamp erscheint. Der erste Teil der sogenannten Palokaski-Trilogie ist wurde nun publiziert, Teil 2 erscheint dann im September, Teil 3 final im November.
Teil 1 der Trilogie
Das Cover des ersten Bandes stimmt schon einmal auf die rauen Gegebenheiten ein:
Miia Pohjavirta kehrt an ihre Heimatschule in Palokaski zurück, diesmal allerdings nicht als Schülerin sondern als eine Art Vertrauenslehrerin für die Schüler. Früher war sie als „Internetpolizistin“ bekannt, die Verbrechern im Internet zusammen mit der Polizei das Handwerk legte, doch diese Zeiten sind vorbei.
Eine Internetsucht hat Miia ihren früheren Job aufgeben lassen um nun in Palokaski noch einmal neu anzufangen. Ihr Bruder Nikke ist ebenfalls an der Schule als Psychologe tätig und so könnte sich alles wieder einrenken, wenn in jenem Sommer nicht ein verhängnisvolles Unglück geschehen wäre:
Die Schülerin Laura kam von einer Party nicht mehr nach Hause und wird seitdem vermisst. Miia versucht unter den Schülern auf eine heiße Spur zu stoßen, doch sämtliche Kinder mauern. Welches Geheimnis hütete Laura? Parallelen zum Verschwinden von Nikkes und Miias Schwester Venla tauchen auf, die vor 20 Jahren auch unter ungeklärten Umständen verschwand …

Teil 2 der Trilogie
Die Idee eines seriellen Romans in Form einer Romantrilogie, der sich an aktuellen Sehgewohnheiten von Fernsehserien wie etwa Broadchurch orientiert ist eigentlich bestechend. Auch das Team, das hinter J. K. Johansson steckt, scheint Erfahrung im Erzählen von seriellen Stoffen zu haben. Umso enttäuschender, dass Lauras letzte Party nicht so wirklich zu zünden vermag.

Der Roman pendelt sich nach dem vielversprechenden Auftakt auf dem Mittelmaß einer durchschnittlichen Fernsehserie ein. Die Charaktere und die Handlung besitzennicht sonderlich viel Tiefgang – was auch dem Volumen des Buchs geschuldet ist. Auf den 260 Seiten des Romans werden einige Erzählstränge angerissen (Venlas damaliges Verschwinden, Cliffhanger mit Noras Geheimnis zu Band 2, etc.), doch auf das gesamte Buch gesehen ist das zu wenig. Wirkliche Spannung kommt im Laufe des Buchs nicht auf – außer einer verschwundenen Laura und den diversen Spekulationen im Netz dazu passiert nicht viel. Das Buch kreist hochtourig um sich selbst, zahlreiche schnell geschnittene Kapitel helfen auch nicht wirklich, um vorwärts zu kommen.
Teil 3 der Trilogie
Zwar macht der Auftakt neugierig auf die folgenden Episoden, die sich allerdings noch steigern müssen, um zu überzeugen.
Beim Lesen der weiteren Klappentexte, die ziemlich viel verraten, beschlich mich nun schon der Gedanke, ob es vielleicht nicht sinniger gewesen wäre, die drei jeweils circa 250 Seiten starken Bücher nicht zu einem einzigen Thriller zu vereinen und etwas einzudampfen.
Die weiteren Bände der Palokaski-Trilogie werden darüber Aufschluss geben, was es nun mit Laura, Nora und Venla wirklich auf sich hat. Potential bietet die Geschichte auf jeden Fall, hoffentlich machen die Autoren in Teil 2 und 3 noch etwas mehr aus der Geschichte, es wäre wünschenswert!

Amy Waldman – Der amerikanische Architekt

Ein amerikanischer Zwist

http://www.randomhouse.de/Presse/Taschenbuch/Der-amerikanische-Architekt-Roman/Amy-Waldman/pr449834.rhd?mid=2&showpdf=false&per=512595&men=792&pub=30000#tabboxIn ihrem Debüt hat die Journalistin Amy Waldman einen mehr als reizvollen Plot gesponnen, der die Fragen der Toleranz, der Religionen und des respektvollen Miteinanders auslotet.
In der Zeit nach den Anschlägen auf die Türme des World Trade Centers soll auf dem zerstörten Gelände eine Gedenkstätte entstehen. Ein offizieller Architektenwettbewerb wird ausgeschrieben und eine Jury aus Politik, Kunst und Hinterbliebenen tagt. In der geheimen Wahl wird das Modell eines Gartens zum Sieger gekürt – doch beim Öffnen des Umschlags tritt der Schock ein: ein Muslim ist der Urheber dieses Plans. Eine unerhörte Provokation wenn es nach den Hinterbliebenen und Lobbyisten geht. Schnell bricht eine öffentliche Debatte aus, wie man mit dem geplanten Garten umgehen sollte.
Einige sehen in dem Garten und in der Identität seines Schöpfers den Plan, ein Paradies für alle Märtyrer im Herzen New Yorks zu bauen. Muslimische Einwanderer hingegen wollen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird und sie auch in Form des Mahnmals in der Gesellschaft anerkannt werden. Der Architekt Mohammad Khan wird genauso schnell wie seine Gegner zu einem Spielball bei einem dynamischen Kampf um die Deutungshoheit der Gedenkstätte und der amerikanischen Gesellschaft und ihrer Werte.

Von der Toleranz

Das Mittel, mit dem Waldman ihre Erzählung darbringt ist die eines multiperspektivischen Romans. Vom Anfang an erzählt sie durch ein Personenensemble, dessen Meinungen und Einflüsse immer wieder wechseln. Von der jungen Witwe Claire über den Architekten Mo bis hin zur „illegalen“ muslimischen Witwe Asma bildet Waldman ein ganzes Spektrum an unterschiedlichen Personen ab. Archetypisch auch einige weitere Personen wie der konservative Radiomoderator und Hetzer Lou Sarge (der nicht von Ungefähr an Rush Limbaugh und Fox-News-Konsorten erinnert) oder diverse Lobbyisten.

Ihr Roman setzt aus zahlreichen Dialogen zusammen, in denen verschiedene Positionen verhandelt werden und die präzise die Befindlichkeiten der Charaktere ausloten. Immer wieder schwanken die Charaktere in ihrem Verhalten und zeigen die Kämpfe, die Amerika auch Jahre nach der schwärenden Wunde des 11. September noch beschäftigen. Wie brutal ist der Islam? Wer darf auf dem Monument der Gedenkstätte erwähnt werden? Wie sieht der richtige Umgang mit den Geschehnissen aus und welche Konsequenzen muss man aus den Geschehnissen ziehen?

Aufgeteilt ist das Ganze in vier Großkapitel sowie einen zeitlich nachgeordneten Epilog, der einen distanzierten Blick auf die Geschehnisse wirft.

Die Qualität, die dem amerikanische Architekt innewohnt, ist die, dass Waldman keine einfachen Antworten liefert. Durch die Dialoge und die Dialektik des Buches ist der Leser selbst aufgefordert, sich Gedanken zu machen. Wie weit soll und muss Toleranz gehen? Wie würde man selber handeln? Das Buch regt zum Nachdenken an und ist dazu angetan, den Leser über die letzten Seiten des 500 Seiten starken Romans hinaus zu beschäftigen.

The Submission, so der englische Originaltitel ist eine echte Ergänzung zu Houellebecqs Unterwerfung oder Karine Tuils Die Gierigen. Phasenweise brillant geschrieben fordert das Buch den Leser und regt zum Nachdenken an. Mehr als lesenswert, gerade in den aktuellen Zeiten, in der die Angst vor dem Fremden nicht nur in Form von Pegida um sich greift.

Augustuo Cruz – Um Mitternacht

Die Jagd nach dem verlorenen Film

Um Mitternacht ist ein Film, um den sich zahllose Legenden ranken. Von Kinos, die nach der Aufführung in Flammen aufgegangen sind, von Personen, die der Film in namenlosen Schrecken versetzt und mehr munkelt man. Natürlich weckt ein solch legendärer Film, der als verschollen gilt, die Begehrlichkeiten unterschiedlichster Parteien. Das muss auch bald Scott McKenzie erkennen.
Jener fungierte beim FBI unter Edgar J. Hoover als dessen rechte Hand, ehe er aus dem Dienst ausschied. Dass er bislang jeden Fall gelöst hat (oder zumindest bis zur Lösung verfolgte, ehe er ihm wieder entzogen wurde) ist auch dem greisen Sammler Forrest J. Ackerman nicht entgangen.
Dieser hat sein Ende vor Augen und heuert McKenzie an, ihm den Streifen Um Mitternacht zu besorgen und zugänglich zu machen. Zunächst hält McKenzie dies für eine leichte Aufgabe, muss sich aber schon bald eines besseren belehren lassen. Eine Jagd nach dem Film beginnt, die ihn von den USA bis nach Mexiko führen wird und bei der er öfters zweifeln soll – was ist Realität, was Einbildung?

Zwischen Wahn und Realität

 

Mit Um Mitternacht ist Augusto Cruz ein Buch gelungen, das nicht nur Filmfans in seinen Bann ziehen wird. Jener legendäre Streifen und der Fluch, der auf ihm liegen soll, ist schon alleine dazu angetan, den Leser zu faszinieren. Jene an der Grenze zum Okkulten stehende Melange kreuzt der Spanier in seinem Debüt nun noch mit einer pulpigen Hetzjagd nach der letzten Kopie des Streifens. Schnell wechseln die Handlungsorte um dann in einem krachigen Finale zu enden.
Der Roman liest sich schnell und erinnerte mich in manchen Passagen stellenweise an den lesenswerten Thriller Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl. Beiden Büchern liegen visuelle Legenden zugrunde (mal ein legendenumwobener Regisseur, mal ein Film wie im vorliegenden Fall) und beide verstricken Protagonisten und Leser schnell in eine reizvolle Ungewissheit: was stimmt, was ist einem Wahn entsprungen, könnte es so etwas tatsächlich geben?
Störend am Buch empfand ich eine einzige Eigenschaft: Augusto Cruz lässt sämtliche Dialoge ohne Anführungszeichen inmitten des restlichen Textkorpus stehen. Das macht die Lektüre teilweise doch recht anstrengend, wenn man noch einmal zurücklesen muss, was von wem jetzt gesagt wurde und was die äußere Handlung darstellt.
Wer sich davon beim Lesen nicht abhalten lässt, der bekommt einen schnellen und knallenden Thriller serviert, der geschickt zwischen Noir, Hardboiled und Film-Roman schwankt und keine Angst vor plakativen Figuren hat. Spannung inklusive!

Ian Rankin – Schlafende Hunde

Vom Wecken schlafender Hunde

Nachdem mich Rebus’s letzter Fall Mädchengrab nicht so wirklich begeistern konnte hab ich jetzt Rebus im Ruhestand noch eine letzte Chance gegeben, mich wieder so zu begeistern wie er es früher vermochte – und der Plan ging fast auf!

Tote Minister, Autounfälle und ein Cold case

Rebus bekommt es diesmal direkt mit Malcolm Fox zu tun, der ihm im Vorgängerband bereits das Leben schwermachte. Dieser ermittelt für die Interne Abteilung und in einer eigenen Buchreihe von Ian Rankin. Die aktuelle Zusammenführung geschieht unter ungünstigen Vorzeichen. Ein Mädchen hat einen Autounfall, die mit dem Sohn eines schottischen Ministers liiert ist. Deren Vater will den Fall schnell aufgeklärt haben – doch die Beteiligten mauern. 
Während Rebus nun Siobhan Clarke in diesem Fall zuarbeitet beschäftigt sich Fox mit Rebus‘ alten Sünden. Dieser war nämlich als junger Constable Mitglied bei einer Gruppe Polizisten, die sich The saints of the shadow bible nannten. Mit dem Gesetz nahmen es Rebus Kollegen nicht so ernst, doch dies droht sich jetzt zu rächen. Ein alter Mordfall erscheint in neuem Licht und prompt stirbt ein Verdächtiger unter mysteriösen Umständen. Fox nimmt die Spur auf und lässt sich – zunächst noch widerwillig – von Rebus unter die Arme greifen.
Allmählich verfestigt sich ein beunruhigendes Bild – es scheint nämlich als ob der Cold case mit dem Verkehrsunfall von Rebus‘ anderem Fall zusammenhängt. Der Tod eines schottischen Ministers macht da nichts einfacher.

Alte Stärken

Mit Schlafende Hunde gelingt es Ian Rankin wieder an alte Stärken anzuknüpfen, die ich nach Mädchengrab schon verloren glaubte. Zwei auf den ersten Blick unzusammenhängende Fälle, alte Spuren aus der Vergangenheit, die wieder aktuell werden und Charaktere, die bücherübergreifend auftreten. Mit Schlafende Hunde macht Ian Rankin sehr viel richtig und kaum etwas falsch. Der komplexe Plot fordert einen aufmerksamen Leser, dafür bekommt man aber auch einen Spannungsroman serviert, der auf der Höhe der Zeit ist.
Das Buch macht Hoffnung, dass der Rentner John Rebus vielleicht noch das ein oder andere Mal randarf, um einen Fall zu lösen, Vielleicht auch im Duett mit Malcolm Fox – dieses Buch macht auf jeden Fall Appetit auf mehr!