Monthly Archives: Oktober 2015

Deon Meyer – Icarus

Wer hoch fliegt …

Bennie Griessel ist abgestürzt. Sein fünfter Einsatz wird zu seinem persönlichen Prüfstein, als der trockene Alkoholiker den Dämonen des Alkohols nicht länger entsagen kann. Der Tod eines Kollegen weckt im südafrikanischen Cop nämlich tiefe Verzweiflung, der er mit einem Rückfall in alte Gewohnheiten begegnet. Dabei bedürften die Kollegen gerade jetzt eines hellwachen Bennie, denn ein schwieriger Fall ist kurz vor Weihnachten aufgetaucht:

Per Zufall wird die Leiche von Ernst Richter entdeckt. Dieser Internet-Unternehmer hatte mit einem Start-Up Furore gemacht, mithilfe dessen er all denen ein perfektes Alibi versprach, die fremdgehen wollten.

Wer hat den schillernden Star der New-Economy-Szene auf dem Gewissen? Welche Geheimnisse aus Richters Leben kosteten ihn selbiges? Bennies Kollegen beginnen zu ermitteln, während dieser eher damit beschäftigt ist, auf den nächsten Schluck Alkohol hinzuarbeiten. Kann sich Griessel aus diesem Sumpf befreien und den Mörder Richters dingfest machen?

Im nunmehr fünften Fall für Bennie Griessel wagt der südafrikanische Starautor die radikale Kehrtwende – war doch Meyers Spezialität immer das Tempo und der Druck, unter den er seine Ermittler setzte. Mal hatte Bennie Griessel nur Sieben Tage, um einen Killer aufzuhalten, mal hetzte er sein Personal ganze 13 Stunden durch ganz Kapstadt auf der Suche nach einer jungen Frau. Nach den turbulenten Geschehnissen im Vorgänger Cobra tritt Meyer nun völlig auf die Bremse und nimmt das Tempo aus dem Thriller.

Wie von Meyer nicht anders gewohnt setzt er seinen Roman aus mehreren Strängen zusammen – diesmal lässt er einen Winzer seine Lebensgeschichte erzählen. Dies tut der Winzer allerdings ganz nach dem Motto Von  hinten durch die Brust ins Auge und schlägt mit seinen etwas faden Erzählungen Volten. Doch selbst dem unbedarftesten Leser dämmert schon bald, wohin grob die Story führen wird, vor allem da schon recht früh im Roman Querverbindungen auftauchen.

Nur Bennie mag seinen Spürsinn für die Spuren nicht so richtig aufbringen und spielt in Meyers Gesamtensemble eher die zweite Geige. Während die Kollegen zwischen Apps, Tinder und außerehelichem Begehren herumirren, lässt Griessel den Spürsinn und sein Gefühl für Fälle sehr vermissen. Es dauert über dreihundert Seiten, ehe Bennie und die Ermittlungen in Schwung kommen, doch nach 430 Seiten ist schon wieder Schluss. Somit stellte sich diesmal dieser typische Meyer-Sog, der den Leser ins dunkle Kapstadt hineinsaugt und erst nach einem Parforce-Ritt wieder freigibt, nicht ein.

Hoffentlich drückt Meyer im Folgeband wieder mehr aufs Gas und lässt Bennie zu alter Stärke zurückfinden – es wäre ihm und der Reihe sehr zu wünschen. So ist Icarus leider nicht der stärkste Band der Reihe. Hoffentlich bekommt Bennie sein Leben wieder auf die Reihe und Meyer wieder das Tempo in seine großartigen Romane!

Adrian McKinty – Gun Street Girl

Zurück an der Front

Schon der zweite Einsatz für Sean Duffy dieses Jahr im Neuerscheinungsregal: Nachdem er sich im März noch der Aufklärung eines klassischen Locked-Room-Mysterys widmen und dazu parallel einen IRA-Bombenleger unschädlich machen musste (siehe Die verlorenen Schwestern), gibt es nun kurz nach der Frankfurter Buchmesse gleich Nachschlag:

Ursprünglich als Trilogie angelegt darf der katholische Bulle Sean Duffy nun noch eine Ehrenrunde im hochexplosiven Irland der 80er Jahre drehen. Eigentlich könnte alles in relativer Ordnung sein – doch die Ruhe in Duffys Revier hält nicht lange vor. Ein Mord bedarf seiner Spürnase, obwohl eigentlich alles klar wäre.
Ein reiches Ehepaar wird erschossen in ihrem Anwesen an der Küste Irlands aufgefunden. Vom Sohn des Paares fehlt jede Spur, doch nach ein paar Tagen wird dieser am Fuße der Steilklippen aufgefunden. Ein Selbstmord oder ein geschickt getarnter Mord, bei dem etwas vertuscht werden sollte?
Für Sturkopf Duffy ist Ockhams Rasiermesser nämlich mehr als stumpf – die offensichtliche Lösung des Falls behagt ihm  überhaupt nicht. Unbeirrt gräbt er immer tiefer und beginnt seine Nachforschungen, die ihm mächtige Feinde bescheren und ihn bis nach Oxford und London führen werden.
Inmitten von IRA-Bomben, Straßenschlachten und Anwerbeversuchen des MI5 versucht der katholische Bulle seinen Weg zu gehen, doch wird ihm dies noch einmal gelingen?

Sean Duffy im Piano-Modus

Musste Duffy in seinem letzten Fall unter Hochdruck operieren, hat ihm McKinty in seinem neuesten Fall eher wieder einen klassischen Krimi mit viel Ermittlungsarbeit auf den Leib geschrieben. Ausgehend von den Ereignissen rund um das erschossene Ehepaar gräbt sich der irische Ermittler Schicht um Schicht tiefer und stößt diesmal auf Amerikaner in Nordirland, Waffenschmuggel und Spuren, die gen England weisen.
Flott geht in diesem Falle diesmal kaum etwas, vielmehr muss Duffy immer wieder seine Ermittlungen neu ausrichten und alle Spuren hinterfragen. Doch das Schnüffeln wird in seinem neuesten Fall etwas leichter, da Duffy von Adrian McKinty sogar eine kleine Liebesgeschichte spendiert bekommt, die sein tristes nordirisches Dasein etwas erträglicher macht (plus diverse Wodka Gimlets und alles, was das Betäubungsmittelgesetz so kennt).

Verlorenen

Duffy No. 3: Die verlorenen Schwestern

Adrian McKinty könnte in meinem Falle auch ein Rezept zur Herstellung von Brühe beschreiben, sodass es ein Genuss wäre, dieses zu lesen. Mit seiner Mischung aus Noir, der Geschichte Irlands und einer Einführung in die Popkultur der 80er Jahre verquickt er alles zu einem höchst unterhaltsamen Gesamtkunstwerk. Sein Sean Duffy ist ein gebrochener Charakter, dem die unverbrüchliche Sympathie des Lesers gehört, auch wenn für Duffy Gesetze und Richtlinien eher frei ausgelegt werden.

Ein Lob an dieser Stelle wieder an den famosen Übersetzer Peter Torberg, der McKintys so variantenreiche Prosa stets gelungen ins Deutsche hinüberzuretten weiß. Die Dialoge sitzen und machen einfach Spaß.
Ich bleibe dabei: Die Sean-Duffy-Reihe ist derzeit eine der besten in der Kriminalliteratur und McKinty einer der talentiertesten Schreiberlinge von der irischen Insel. Eine Pflichtlektüre für alle Leser, die gerne mal abseits ausgetretener Pfade wandeln!

Augsburg Literarisch

Die Büchereien Augsburgs

Die Stadtbücherei Augsburg (c) AZ

Zunächst – schon rein beruflich prädestiniert – will ich ein paar Worte zu den Büchereien Augsburgs verlieren, allen voran die Stadtbücherei Augsburg, mein Arbeitgeber. Mit 1,3 Millionen Ausleihen im Jahr 2014 kann sich die Bücherei, die die größte öffentliche Einrichtung im schwäbischen Raum ist, sicherlich sehen lassen. Für 20 Euro Jahresgebühr (bzw. 10 Euro für Studenten, Schüler, Rentner, etc.) bekommt man einen interessanten Mix aus Kinder- Sach – oder Hörbüchern, Spielen, BluRays oder Konsolenspielen. Auch E-Books lassen sich ohne Mehrgebühren ausleihen – somit muss man das Sofa eigentlich gar nicht verlassen, um die Bücherei zu nutzen. Mehr  250.000 Medien beträgt der Bestand, der sich auf die Hauptstelle am Ernst-Reuter-Platz und die vier Zweigstellen in Kriegshaber, Lechhausen, Haunstetten und Göggingen aufteilt. Ein besonderer Service ist in meinen Augen auch der schon etwas betagte Bücherbus, der von der Firnhaberau bis nach Inningen alles anfährt, was zu weit von den Büchereien entfernt ist.

Nachdem das Projekt einer neuen Stadtbücherei sehr sehr lang auf Halde lag ist es umso erfreulicher, dass die Stadtteile nun eigentlich ganz gut ans literarische Netz angeschlossen sind. Mal schauen wie sich die finanzielle Schieflage der Stadt auf die kommenden Jahre auswirken wird …

Die UB Augsburg

Doch natürlich sollte an dieser Stelle auch die Universitätsbibliothek mit ihren höchst unterschiedlichen Teilbibliotheken oder die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg nicht unerwähnt bleiben.

Der Bestand der UB Augsburg ist klar auf das wissenschaftliche Buch ausgerichtet – jeder der im Bestand der Stadtbücherei nicht fündig wird, sollte hier mal einen Blick riskieren. Zudem ist die Benutzung der UB Augsburg kostenlos, als sogenannter Ortsnutzer kann jeder ansässige Interessierte eine Karte erhalten, die gratis ist.

Die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg

Und wem die Universitätsbibliothek zu modern ist, der dürfte sich in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg wohlfühlen. Diese Bibliothek marschiert trotz Finanzierungssorgen stramm auf ihr 500-jähriges Bestehen zu und gehört inzwischen dem Freistaat. Die in der Schaezlerstraße gelegene Staats- und Stadtbibliothek hat auch das schwäbische Pflichtexemplarrecht inne, sprich jedes Buch, das in Schwaben erscheint und gedruckt wird, muss mit einem Exemplar dort abgeliefert werden. Man kann sich vorstellen, was das in der Stadt mit Weltbild, Wißner- und Kontextverlag und Konsorten bedeutet …

Daneben gibt es natürlich noch kleinere Bibliotheken mit wissenschaftlichem Schwerpunkt wie die der FH Augsburg oder spezielle Einrichtungen wie die Diözesan- und Pastoralbibliothek.

Wer also ein spezielles Buch in Augsburg sucht und ausleihen möchte, der wird ziemlich sicher fündig. Aber auch für all diejenigen, die Bücher nicht leihen sondern besitzen möchten, die werden in Augsburg glücklich

 

Die Buchhandlungen Augsburgs

Die Buchhandlung am Obstmarkt (c) Kurt Idrizovic

Abgesehen von den üblichen verdächtigen Ladenklonen, die sich in jeder Großstadt finden (und bei denen mal wohl öfter einen Badezusatz als einen wirklich ausgefallenen Titel findet) gibt es in Augsburg eine erfreulich hohe Dichte an inhabergeführten Buchhandlungen, die wohl für jeden Geschmack etwas bieten. Vom altehrwürdigen Antiquariat bis hin zum modernen Shop mit sorgsam kuratierten Programm gibt es in dieser Stadt viele Facetten. Egal ob die kleine familiäre Taschenbuchhandlung Krüger im Färbergässchen oder die große Auswahl von Bücher Pustet (bei der man auch zweimal im Jahr im Rahmen der Lesenacht übernachten und schmökern kann, schon ausprobiert) – eigentlich kann man in der Innenstadt kaum ein paar Schritte tun, ohne über eine Buchhandlung zu stolpern. Egal ob gelungene Mischung aus Feinkost- und Buchhandlung (Kolonial und Feinkost neben der Kresslesmühle) oder repräsentative Räume (Rieger&Kranzfelder im alten Fuggerhaus) – irgendwo wird sicher jeder fündig.

An dieser Stelle muss auch auf jeden Fall auch die umtriebige Buchhandlung am Obstmarkt von Kurt Idrizovic genannt werden, die neben ihrem ausgewählten Sortiment von Gegenwartsliteratur auch mit Veranstaltungen nicht geizt. Egal ob Literatur im Biergarten, Brecht-Spaziergänge oder Lesungen im Bahnpark Augsburg – wenn es um literarische Veranstaltungen in Augsburg geht, dann ist Idrizovic meist nicht weit weg.

 

Was sonst noch geboten ist

Doch auch außerhalb von Bibliotheken und Buchhandlungen ist die Literatur in Augsburg in einer erfreulichen hohen Dichte anzutreffen. Eine dieser Idrizovic-Ideen war auch der Literarische Salon, der inzwischen in der Haag-Villa stattfindet. Verschiedene Persönlichkeiten (und manchmal auch meine Wenigkeit) stellen lesenswerte Titel vor und diskutieren diese dann untereinander, Reibungen nicht ausgeschlossen.

Ebenfalls im Theater, und zwar auf der Brechtbühne, beheimatet ist der von Horst Thieme moderierte Poetry Slam, der zuvor in der Kresslesmühle stattfand. Besonders sei an dieser Stelle auf die vom 3.-7.11 November stattfindende Deutsche Poetry-Slam-Meisterschaft hingewiesen, die so ziemlich das Größte in Sachen Slam werden dürfte, das Süddeutschland respektive Augsburg seit langem gesehen hat. Das sollte man sich schon einmal dick in seinem Kalender anstreichen.

Ein Novum für die Stadtgesellschaft war sicher die Aktion Augsburg liest ein Buch bei der über Monate hinweg Der Trafikant von Robert Seethaler gelesen und durch unterschiedliche Aktionen begleitet wurde. Nachdem Städte wie Frankfurt schon vorgelegt hatten, zog Augsburg dann nach und wählte die Geschichte des Jungen Franz Huchel, der in der Zeit des Austrofaschismus in Wien zum Mann wird. Die finale Lesung mit dem Autoren Seethaler lockte dann in die Stadtbücherei ungewohnt große Mengen an Zuhörern, sodass die Kapazitäten hier schnell erreicht waren. Eine erfreuliche Tatsache, dass gute Literatur auch in einer Stadt wie Augsburg noch Massen begeistern kann.

Eine schöne Einrichtung ist für mich auch das offene Buchregal im Hofgarten, bei dem man immer mal wieder vorbeischlendern und Bücher einstellen oder mitnehmen kann (und diese gleich einmal im schönen Ambiente anschmökern kann).

Auch gibt es daneben natürlich noch die klassischen Lesungen, die nach meinen Erfahrungen noch nie so trist wie im berühmten Loriot-Sketch waren (man erinnere sich an „Krawehl, krawehl! Taubtrüber Ginst am Musenhain trübtauber Hain am Musenginst Krawehl, krawehl!“).

Die Namen die hier in der Fuggerstadt demnächst wieder aus ihren Werken lesen, können sich durchaus sehen lassen. Autoren wie Rolf Lappert, Feridun Zaimoglu, Andreas Altmann oder gar der Bestseller-Autor Sebastian Fitzek (und die kommen nur in den nächsten paar Wochen) – wer will findet immer spannende Aktivitäten rund ums Buch in Augsburg.

Fazit

Wer suchet, der findet: Diese Worte aus dem Matthäus-Evangelium bewahrheiten sich in Augsburg literarisch einmal mehr. Abseits von Brecht gibt es nämlich so viel mehr, egal ob Bücherei, Buchhandlung oder spannendes Event rund um das geschriebene und gesprochene Wort. Die Kultur- und Literaturszene der Stadt lebt, auch wenn sie noch den ein oder anderen frischen Impuls vertragen könnte. Dass aber zu weniger los sei, darüber kann man sich wahrlich nicht beschweren!

Ich hoffe ich konnte euch ein paar Anregungen geben und freue mich über Rückmeldungen.

 

Wo lest ihr am liebsten? Was sind eure Tipps für das literarische Leben in Augsburg? Immer her mit euren Anmerkungen!

 

 

Fuminori Nakamura – Der Dieb

Der japanische Dieb

Zugegeben, die japanische Literatur ist in meinem Bücherregal nicht wirklich gut vertreten: Doch neben den üblichen Verdächtigen wie Haruki Murakami oder Keigo Higashino hat nun ein weiterer Autor seinen Platz gefunden. Die Rede ist von Fuminori Nakamura, einem 1977 geborenen Autoren, dessen 2009 erschienenes Buch Suri nun unter dem Titel Der Dieb vom Schweizer Diogenes-Verlag veröffentlicht wurde.

 

Das schmale Buch (210 Seiten) erzählt von einem Dieb mit dem Namen Nishimura aus der Ich-Perspektive, der die Megametropole Tokio auf seinen Raubzügen durchstreift. Mit höchst geschickter Fingerfertigkeit zieht er seinen Opfer die Geldbörsen aus der Tasche, ohne dass diese den Diebstahl bemerken. Aber wie es in Krimis und Thrillern eben so ist, kann die Idylle natürlich nicht lange vorhalten. Die Vergangenheit in Form eines alten Freundes läuft Nishimura über den Weg und zieht ihn in ein dunkles Geschäft hinein. Für einen Yakuza-Boss müssen die Freunde nämlich an einem Raubüberfall teilnehmen. Sie wissen nicht, was sie mit dieser Tat alles an Bösem entfesseln. Denn in Japan kann der Verstoß gegen das siebte Gebot auch schnell mit dem Tod enden …

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Marie Hermanson – Der unsichtbare Gast

Die stehengebliebene Zeit

Martina kann und will nicht mehr – als Hotelangestellte ist sie in der sozialen Hackordnung ganz unten angekommen und muss für einen Hungerlohn buckeln und schuften. Durch ihre Eltern erfährt sie auch keinerlei Unterstützung, da kommt ihr die Begegnung mit ihrer alten Freundin Tessan ganz recht.
Diese erzählt ihr von einem reichlich dubiosen Dienst, dem sie nachgeht. Auf dem abgeschiedenen Gut Glimmenäs lebt sie als Hausmädchen einer reichen alten Dame, deren Verstand noch im Jahr 1943 weilt. Tessan hält die des Jahres 1943 Fassade aufrecht und sorgt für das Wohlergehen der Dame.
Fasziniert beschließt Martina, mit Tessan dem Gut einen Besuch abzustatten und findet alles tatsächlich so vor, als wäre das Jahr 1943 noch nicht vergangen. Martina findet bei Florence Wendmann – so der Name der Dame – ebenfalls Unterschlupf und ein Auskommen. Doch die Idylle, die sich die drei in diesem Sommer aufbauen, hält nicht lange vor: je mehr Gäste auf das Gut drängen, desto brüchiger wird die Fassade, die sich Florence, Martina und Theresa mühsam errichtet haben.

Marie Hermansons Roman Der unsichtbare Gast ist nach Himmelstal das zweite Buch aus der Feder der Schwedin, das ich lesen durfte und das mir ebenso gefallen hat wie das erste Buch der Autorin, das mir in die Hände fiel.
Hermansons schafft es sehr geschickt stimmungsvolle und atmosphärisch dichte Settings aufzubauen, bei denen die vermeintliche Idylle sehr schnell in Bedrohlichkeit umschlagen kann. War es in Himmelstal ein pittoreskes Schweizer Sanatorium, so bringt sie dieses Mal die Bedrohlichkeit eines schwedischen Bilderbuch-Gutshofes zum Vorschein. Warum lebt Florence Wendmann in der Welt von 1943? Wer sind die Charaktere, mit denen sie imaginär zu speisen pflegt? Was wollen die anderen Gäste, die sukzessive in die heile Welt des Guts eindringen?

Auf lediglich 240 Seiten schafft es die Autorin, langsam Neid und Missgunst in Glimmenäs einsickern zu lassen und fesselt die Leser mit kurzen Kapitel, durch die man auf der Suche nach Aufklärung hetzt. Ein Buch, das geschickt zwischen den Genres wandelt, das mal Agatha-Christie-Landhauskrimi, mal schwedische Bullerbü-Idylle, mal soziale Beobachtung ist.
Außergewöhnlich, gut und auf jeden Fall lesenswert!