Monthly Archives: September 2016

Ferdinand von Schirach – Terror

Der Weichenstellerfall

Der Fall, um den das Theaterstück Terror von Ferdinand von Schirach kreist, ist in der Theorie als sogenannter Weichenstellerfall bekannt. Ein Wagon rast ein abschüssiges Stück Schiene herab und droht in einen vollbesetzten Personenwaggon auf der Strecke aufzufahren. Dutzende Opfer wären die Folge – doch da gibt es eine Weiche, die man umlegen könnte. Am Ende der alternativen Strecke befinden sich allerdings 5 Gleisarbeiter, die man mit der Entscheidung, die Weiche zu stellen, ermorden würde.

Terror von Ferdinand von Schirach

Terror von Ferdinand von Schirach

Genau dieses Dilemma überträgt von Ferdinand von Schirach in seinem Stück nun auf den Bundeswehrpiloten Lars Koch. Dieser hat eine Lufthansa-Maschine abgeschossen, in der 164 Passagiere saßen. Die Maschine befand sich in der Hand eines Geiselnehmers, der drohte das Flugzeug auf die vollbesetzte Allianz-Arena abstürzen zu lassen. 70.000 Opfer wären die Folge gewesen. Lars Koch hat nun den Tod der 164 Fluggäste gegen den von 70.000 Arenabesuchern in Kauf genommen und das Flugzeug gegen die Anordnung seiner Vorgesetzten vom Himmel geholt. In der Folge sitzt er nun auf der Anklagebank und der Leser beziehungsweise der Zuschauer des Theaterstücks befindet über das Urteil. Durfte Koch das Flugzeug abschießen und damit die Verfassung im vorliegenden Einzelfall aushebeln? Oder darf man kein Menschenleben gegen ein anderes aufrechnen? Am Ende entscheidet jeder Betrachter selber. Continue reading

Richard Flanagan – Die Unbekannte Terroristin

In den Fängen der Lügenpresse

In Zeiten, in denen das Wort der Lügenpresse aus dem öffentlichen Diskurs kaum mehr wegzudenken ist, Wahlschlachten eher über Gefühle denn über Fakten entschieden werden und die Manipulation ein probates Mittel zur Skandalisierung und Zuspitzung geworden ist, gießt dieser Roman des tasmanischen Schriftstellers Richard Flanagan Öl ins Feuer.

flanaganEr erzählt in Die unbekannte Terroristin von vier Tagen im Leben von Gina Davies, nach denen nichts mehr so ist wie es war. Davies – genannt die Puppe – verdingt sich in einem Striplokal in Sydney als Tänzerin. Inmitten der schmieriger Kunden und des heruntergekommenen Ambientes gilt ihr Augenmerk eigentlich nur dem Geld, das sie mehrt und mehrt. Doch dann macht sie die Bekanntschaft mit Tariq und beschließt aus einem Affekt heraus, die Nacht mit ihm zu verbringen, ohne zu ahnen, dass damit ihr ganzes Leben aus den Fugen geraten wird. Continue reading

Horst Eckert – Wolfsspinne

Crystal Meth, NSU-Terror und rechte Gewalt in Deutschland – für seinen neuen Krimi um den Düsseldorfer Kommissar Vincent „Che“ Veih hat sich Horst Eckert viel vorgenommen. Und das Gute an Wolfsspinne ist, dass ihm damit auch fast alles gelingt. Aber nun der Reihe nach.

In Düsseldorf wird in der Szenekneipe Greens die Wirtin Melli Franck erschlagen. Vincent Veih bekommt den Fall zugeteilt und hat schnell eine heiße Spur. Denn gegen den Druck in der Gastronomie scheint die Wirtin oftmals Crystal Meth konsumiert zu haben. Führt diese Spur zu den Mördern von Melli Franck?

Derweil rollt Eckert parallel die Lebensgeschichte von Ronny Vogt auf, der als V-Mann des Verfassungsschutzes bei der Morderserie und der Unterstützung des NSU seine Finger im Spiel hatte. Momentan hat ihn sein Kontaktmann beim LKA ins rechtsradikale Milieu in Düsseldorf eingeschleust, wo sich seine Wege schon bald mit Vincent kreuzen werden. Nicht einfacher wird es dadurch, dass beide Kriminalbeamten entfernt miteinander verwandt sind und Ronnys Deckung aufzufliegen droht.

Und dann sind da auch noch berufliche Probleme, mit denen sich Vincent Veih konfrontiert sieht – er hat mit seiner Freundin an einer Demonstration gegen Nazis und PEGIDA teilgenommen und wurde infolge dieser Demo als Antifa-Anführer und Unruhestifter gebrandmarkt. Veihs Chef drängen auf die Versetzung des Ermittlers, der eigentlich gerne den Mord an Melli Franck in all seiner Tiefe aufklären möchte, doch nun plötzlich auch noch um seinen Ruf kämpfen muss. Continue reading

John Williams – Augustus

Die Erfolgsgeschichte von John Williams mutet ziemlich kurios an. Zu Lebzeiten recht erfolglos brachte der amerikanische Professor und Schriftsteller nur vier Romane zuwege, darunter die Titel Stoner und Butcher’s Crossing. Der Erfolg blieb recht überschaubar und erst 20 Jahre nach seinem Tod avancierten die oben genannten Bücher zu Welterfolgen. Die einzige Ausnahme stellt sein letzter Roman Augustus dar, der ihm schon zu Lebzeiten den National Book Award einbrachte und die Kritik aufhorchen lies.

Genau 43 Jahre nach dieser Auszeichnung erscheint der Roman nun von Bernhard Robben ins Deutsche übertragen bei dtv. Im Vergleich zu den beiden schon zuvor publizierten Romanen lässt sich hier konstatieren – dieser Roman fällt aus dem Rahmen. Nicht nur wegen des Topos, das von den amerikanischen Settings komplett abweicht, sondern auch von der Schreibweise her.

augustusDer Roman erzählt die Lebensgeschichte des Gaius Octavius Cäsar, der unter seinem Namen Oktavian beziehungsweise Augustus zu einem der wichtigsten Persönlichkeiten der Geschichte wurde und diese entscheidend mitprägte. Für seine fiktive Biographie des Cäsaren wählt Williams die Form einer Collage. Chronologisch spannt der Autor den Bogen von den Jugendjahren Augustus über dessen Nachfolge des ermordeten Cäsars bis hin zu seinem Tod im Alter von 77 Jahren bei Neapel. Dabei lässt er Weggefährten und Augustus selbst in Briefen, Tagebüchern und Berichten erzählen. Viele der Protagonisten stehen in häufiger Korrespondez miteinander und berichten dabei von der Entwicklung Octavians hin zu Augustus. Dichter wie Vergil oder Horaz schreiben über ihn, Seneca und Cicero finden mit ihren Schriften auch Eingang in den Roman. Williams verwendet für seinen Roman sogar in den Text eingebaut Auszüge aus der Propagandaschrift Res gestae divi Augusti, die die Heldentaten Augustus‘ preisen.

Dies ist profund gestaltet, allerdings ist dieses Buch auch das forderndste aus Williams Feder. Die Lektüre von Augustus ersetzt ein ganzes Pro-Seminar der römischen Geschichte, so detailliert hat sich der Autor eingearbeitet. Neben den zahlreichen berühmten schon oben geschilderten Namen treten auch noch weitere historische Figuren wie der spätere Kaiser Tiberius oder Augusts Weggefährten wie Maecenas und Salvidienus auf. Da die Charaktere auch untereinander immer wieder schreiben, Tagebucheinträge an Erinnerungen montiert sind und das Personaltableau nahezu uferlos ist, braucht man für diese Lektüre schon jede Menge Konzentration bzw. Erinnerungsvermögen, um alle wichtigen Charaktere im Kopf zu behalten. Erleichterung verschaffen da die angefügte Zeittafel und das Who’s who im Alten Rom. Auch der angehängte aufschlussreiche Essay des Williams-Kenner Daniel Mendelsohns soll hier lobend Erwähnung finden.

Fazit: Zweifelsohne Williams‘ ambitioniertester Roman, dessen Lektüre einiges an Zeit bzw. Willen zur Einarbeitung verlangt. Wer dies mitbringt, wird mit einem kenntnisreichen und durchaus auch modernen Roman belohnt, der mit Gewinn (wiederzu-)entdecken ist!

 

Mein Shortlist-Lotto

Einen Tag vor der Verkündung der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2016 wollte ich die Gelegenheit nicht missen, meine Tipps und Favoriten für dieses Jahr hier einmal zu versammeln. Auch wenn ich mit der Longlist alles andere als zufrieden war (auch hier nachzulesen), habe ich mich nun auf sechs Bücher versteift, die ich gerne auf der Shortlist sehen möchte beziehungsweise dies erwarte. Inwieweit die Prognose für dieses Jahr zutrifft, zeigt sich dann ab morgen (und diese Liste sollte natürlich auch nicht missionarischen Eifer betrachtet werden, vielmehr ist die Liste eine spielerische Tipp-Abgabe)

Die Liste ist leider eine rein männliche geworden – und finden sich auch nur altbekannte Gesichter darauf, die schon mindestens einmal auf der Nominierungsliste des Preises standen (mit Ausnahme von Gerhard Falkner). Besonders würde mich das Weiterkommen meines Augsburger Lokalmatadors Thomas von Steinaecker freuen, der mich mit einem Auszug aus seinem Roman Die Verteidigung des Paradieses bei einer Blinddate-Lesung mehr als überzeugen konnte (das Buch wurde anschließend auch flugs von mir erworben). Die Prophetie seines Titels über die aktuelle Flüchtlingssituation und die schlaue Idee, die Fluchtproblematik in der Zukunft einfach umzukehren und Deutsche zu Flüchtlingen zu machen, würde ich gerne gewürdigt sehen.

Meyerhoffs Roman Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke bietet einfach gut geschriebene Unterhaltung. Hier wäre eine Auszeichnung für den tollen Alle-Toten-fliegen-hoch-Zyklus die Krönung, die diese Reihe in meinen Augen verdient. Peter Stamm und Bodo Kirchhoff sind alte Routiniers, die ihre Lebensthemen gefunden haben und diese stilistisch ausgefeilt beleuchten. Eine Nominierung für die Shortlist wäre hier zwar konservativ aber auch erwartbar.

Spätestens seit Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur sind Prosatexte über Leiden und Erkrankungen auch auf den Bestsellerlisten angekommen. Thomas Melles autofiktionales Die Welt im Rücken wäre hier eine konsequente Fortschreibung und ein mutiges Buch, das mit dem Preis versehen werden könnte. Und dann wäre da noch der aus meiner fränkischen Heimat stammende Gerhard Falkner, der mit seiner Apollokalypse ein ebenso wuchtiges wie sperriges Debütwerk vorgelegt hat. Bringt ihm dies einen Platz auf der Shortlist ein?

Oder doch Katja Lange-Müllers Drehtür? Oder doch viel mehr eine junge Debütantin, die gleich den großen Sprung schafft, z.B. Michelle Steinbeck? Es darf noch munter gerätselt werden, morgen wissen wir mehr. Und damit gute Nacht aus dem Wettbüro!