Monthly Archives: Dezember 2016

Adventskalender – Türchen 21

Eine wunderbare Preziose und Wiederentdeckung verbirgt sich hinter dem heutigen Adventskalendertürchen – die Rede ist vom Büchlein „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr.

Dieses im Original 1980 erschienene Büchlein wurde nun vom Dumont-Verlag in einer wunderschön gestalteten bibliophilen Ausgabe herausgegeben, die Übersetzung hat Monika Köpfer besorgt. Der Titel des Buchs trifft nicht ganz zu, denn mehr als ein Monat auf dem englischen Land soll es dann für den Kriegsveteran und Ich-Erzähler Tom Birkin schon werden.

Dieser kommt ins verschlafene Dörfchen Oxgodby auf dem Land, hier gehen die Uhren noch anders. In einer Kirche soll er ein Deckengemälde restaurieren und freilegen – doch die Arbeit ist eigentlich nur Metapher. So behutsam wie er Schicht um Schicht an der Kirchendecke abträgt, so behutsam enthüllt J. L. Carr langsam die Details über das Leben seines Protagonisten. Seine Vergangenheit und seine Versuche sich ins Leben zurückzutasten verfolgt man gebannt und freut sich über Birkins neu erwachenden Lebensmut.

J.L. Carr benötigt nicht viele Worte oder Passagen und die Schrecken des Weltkrieges zu skizzieren, die zur Verunstaltung und den Leiden von Tom Birkin führen. Ebenso gelingt im die Gratwanderung zwischen Idylle und  Sentimentalität fernab von jeglichem Pilcher-Cornwall-Dramolett. Das Buch vermeidet jeden Kitsch, den man fürchten könnte und ist ein wunderbares Kleinod, das unter jedem Weihnachtsbaum gut aufgehoben ist!

Adventskalender – Türchen 19

Eieiei, da lag der Adventskalender nun tatsächlich über das Wochenende brach – den Weihnachtsfeiern ist es geschuldet. Nun aber wieder frisch ans Werk in dieser letzten Woche. Heute gleich mit einem Krimi für das Weihnachtsfest, wie er perfekter nicht sein könnte!

J. Jefferson Farjeon – Geheimnis in Weiß

Der Krimi zum Weihnachtsfest

Geheimnis in Weiß ist die deutsche Erstveröffentlichung eines im englischen Sprachraum schon lang bekannten Krimis des Autors J. Jefferson Farjeon (1883-1955) aus dem Jahr 1937. Stilistisch zählt dieser Krimi klar zur goldenen Epoche des Kriminalromans und wurde von Eike Schönfeld ins Deutsche übertragen. Zudem wurde diese Monographie mit einem Nachwort des britischen Krimischriftstellers Martin Edwards versehen, um die Ausgabe zu komplettieren.

geheimnisDer Krimi erzählt von einer bunt zusammengewürfelten Reisegesellschaft, der der heftige Schneefall in England kurz vor dem Heiligen Abend zum Verhängnis wird. So wird die Bahn, in der sich die Reisenden befinden, zu einem Halt auf freier Strecke gezwungen. Notgedrungen raufen sich das im Bahnabteil befindliche Geschwisterpärchen, eine Revuetänzerin, ein Mitglied der Königlich-Parapsychologischen Gesellschaft, ein fiebernder Rechnungsprüfer und ein betagter Nörgler zusammen, um sich per Fuß auf den Weg ins nächste Dorf zu machen. Doch unterwegs kommt alles anders als gedacht und ein weiterer Gestrandeter trifft auf die Gruppe. Zusammen kämpfen sie sich durch das dichte Schneetreiben, um plötzlich vor einem Herrenhaus zu stehen. Dessen Tür ist nicht verschlossen, auf dem Herd ist Teewasser aufgesetzt und im Kamin prasselt ein gemütliches Feuer. Continue reading

Adventskalender – Türchen 16

Heute gibt es noch einmal neues Vorschaumaterial, auf das ich mich in den kommenden Monaten besonders freue:

Graham Moore – Die letzten Tage der Nacht

New York, 1888. Thomas Edison hat mit seiner bahnbrechenden Erfindung der Glühbirne ein Wunder gewirkt. Die Elektrizität ist geboren, die dunklen Tage der Menschheit sind Vergangenheit. Nur eine Sache steht Edison und seinem Monopol im Weg, sein Konkurrent George Westinghouse. Zwischen den beiden Männern entbrennt ein juristischer Kampf, es geht um die Millarden-Dollar-Frage: Wer hat die Glühbirne wirklich erfunden? Und wer hat also die Macht, ein ganzes Land zu elektrifizieren?

Neben diesem Titel gibt es noch eine weitere Neuerscheinung, die sich um Thomas Edison und seinen Kampf mit Konkurrenten dreht. Sie kommt von Anthony McCarten und trägt den Titel Licht.

 

Don Winslow – Corruption

In den Straßenschluchten von New York lässt der internationale Star-Autor Don Winslow ein alptraumhaft realistisches Szenario von Drogen, Menschenhandel, Mord entstehen. Er zeichnet die todbringende Allianz von staatlichen Stellen und organisiertem Verbrechen: Sie sehen sich als Elitetruppe der Polizei, eine verschworene Einheit, ausgestattet mit weitreichenden technischen und rechtlichen Möglichkeiten. Gemeinsam sollen sie für Ruhe und Ordnung in ihrem Revier sorgen, dem nördlichen Manhattan. Und genau das tun sie. Hier gelten ihre Spielregeln, hier geschieht nichts ohne ihr Wissen. Doch die Truppe ist extremem Stress ebenso ausgesetzt wie extremen Risiken … und extremen Verlockungen …

Ob Don Winslow wohl an alte Großtaten anknüpfen kann oder in seinem Formtief verharrt?

 

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

England im Jahr 1852: Der Biologe und Samenhändler William kann seit Wochen das Bett nicht verlassen. Als Forscher sieht er sich gescheitert, sein Mentor Rahm hat sich abgewendet, und das Geschäft liegt brach. Doch dann kommt er auf eine Idee, die alles verändern könnte – die Idee für einen völlig neuartigen Bienenstock.

Ohio, USA im Jahr 2007: Der Imker George arbeitet hart für seinen Traum. Der Hof soll größer werden, sein Sohn Tom eines Tages übernehmen. Tom aber träumt vom Journalismus. Bis eines Tages das Unglaubliche geschieht: Die Bienen verschwinden.

China, im Jahr 2098: Die Arbeiterin Tao bestäubt von Hand Bäume, denn Bienen gibt es längst nicht mehr. Mehr als alles andere wünscht sie sich ein besseres Leben für ihren Sohn Wei-Wen. Als der jedoch einen mysteriösen Unfall hat, steht plötzlich alles auf dem Spiel: das Leben ihres Kindes und die Zukunft der Menschheit.

 

Adventskalender – Türchen 15

Heute wird es im Adventskalender düster, eigentlich schon mehr als düster – was ja auch in diese dunkle Jahreszeit ganz gut passt.

Carl-Johan Vallgrén – Schweine

In seinem neuen Thriller folgt der schwedische Autor einer alten skandinavischen Tradition – der des Blicks in die Abgründe des Wohlfahrtstaates. Was bereits prototypisch vom schwedischen Autorenduo Sjöwall & Wahlöö in den 70ern durchexerziert und fortan von Mankell bis Nesbø weiterverfolgt wurde, das tut nun auch Carl-Johan Vallgrén. Er wendet seinen Blick vom Vorzeigeschweden mit seiner idealisierten IKEA-Idylle ab und beleuchtet die Abgründen der Gesellschaft und die der menschlichen Natur.

Der drogenabhängige Danny Katz durfte bereits einmal in Zusammenarbeit mit der Staatsanwältin Eva Westin ermitteln (siehe Schattenjunge) ehe er nun von Vallgren seinen zweiten Einsatz bewilligt bekam. Und dieser hat es wieder mehr als in sich, wenngleich Katz erst nach 60 Seiten ins Spiel kommt. Vorher wohnt man einem Raubüberfall bei, der mit tödlichen Konsequenzen scheitert. In den Überfall ist ein alter Bekannter von Katz verwickelt, der mitansehen muss, wie ein Kumpane kaltblütig von einem Polizisten hingerichtet wird.

Währenddessen trifft Katz in Stockholm ebenfalls auf einen Freund aus alten Tagen, der den Drogen verfallen ist. Doch die Wiedersehensfreude währt nur kurz, am nächsten Tag ist Katz‘ Kumpel tot und seine Freundin verschwunden. Danny Katz misstraut der offiziellen Version der Überdosis und macht sich dran, die Wahrheit über seine Freunde herauszufinden. Doch die Wahrheiten, die Katz schließlich in Zusammenarbeit mit Eva Westin ans Tageslicht zerrt, sind alles andere als positiv. Die Suche führt zu düsteren Geheimnissen und Abgründen – und dann ist da noch der missglückte Raubüberfall, der mit all dem in Verbindung zu stehen scheint.

Schweine führt seinen Titel konsequent im Inneren weiter. Die Welt, die Vallgren in seinem Buch schildert, ist mit dem Begriff düster nur unzureichend beschrieben. Der Blick in die Abgründe fällt bei diesem Autoren ganz besonders dunkel aus und erfordert vom Leser einen starken Magen. Missbrauch, Morde und Mysogynie sind nur drei der Themen, die Vallgren detailfreudig beleuchtet. Der groß gesetzte und von Susanne Dahmann übersetzte Band 2 der Katz-Westin-Saga ist komplex und schafft es, auf den knapp 400 Seiten einen Sog zu erzeugen. Wem Stieg Larssons Weltbild zu freundlich und wem Jo Nesbo Harry Hole zu soft war, der findet hier die extremere Variante.