Monthly Archives: Februar 2017

Kurz und Gut

In letzter Zeit haben sich wieder viele Bücher gesammelt, für die aus verschiedensten Gründen keine Zeit für ausführliche Rezensionen war. Da ich trotzdem eine Meinung zu ihnen habe, sollen diese nun im Rahmen der Kurz und Knackig Kategorie nachgetragen werden:

Michael Ondaatje kennt man vielleicht als Autor der Romanvorlage zum oscargekrönten Film Der englische Patient. Für sein Buch Katzentisch (Deutsch von Melanie Walz) begibt er sich zurück an jenen Katzentisch auf einem Ozeandampfer. Dieser bringt ihn (bzw. sein im Buch autobiographisch recht kongruentes alter Ego Michael) von Sri Lanka nach England und in damit auch zurück in seine Kindheit. Denn Michaels Schiffsreise ist nicht nur ein nostalgischer Trip zurück in eine längst vergangene Welt sondern auch zugleich eine Metapher des Erwachsenenwerdens.

Wie Michael Ondaatje die Geschehnisse an Bord des Dampfers beschreibt, mit welchen kuriosen Persönlichkeiten Michael Kontakt hat, wie die Kolonialzeiten in diesem Buch noch einmal aufleben, das ist bravourös gemacht. Ein toller Roman – an diesen Katzentisch hätte man sich auch selbst gerne begeben!

 

Chris Kraus hingegen ist der Gegenentwurf zu Michael Ondaatje. Er ist Regisseure und hat Erfolge wie Poll und Vier Minuten gedreht. Für seinen neuesten Film Die Blumen von gestern hat der Diogenesverlag nun das Drehbuch als Filmbuch veröffentlicht. Eine groteske Fehlentscheidung, denn das Büchlein ist so missraten wie der Preis für unglaublich gestreckte 163 Seiten Taschenbuch mit 20 Euro überzogen ist. Die Geschichte ist die des Holocaust-Forschers Totila Blumen und seiner neuen französischen Assistentin Zazie. Diese verlieben natürlich ineinander, nur stehen dem die familiären Verstrickungen im Dritten Reich entgegen.

Man kann das Buch an nahezu allen Stellen aufschlagen und findet einen dilettantischen Dialog, der einen schaudern lässt: Bestes Beispiel auf Seite 118. „Ich habe … Aids. Es gibt natürlich Medikamente und alles. Aber es ist, wie es ist. Du … du kannst dir das nicht vorstellen“. – „Isch habe auch Aids.“ – „Wirklich? Oh Gott, das tut mir leid.“ -„Ja.“ – „Das ist … das ist ja toll, dass du noch so Fahrrad fahren kannst mit Aids. Und prügeln.“ – „Ja“. „Scheiße. Ich habe nämlich gar kein Aids.“ – „Isch habe auch kein Aids.“

Man kann nur den Kopf schütteln und sich fragen, was den Verlag veranlasst hat, ausgerechnet jenes unterirdische Drehbuch auch noch mit einem Filmbuch zu adeln. Hanebüchene Dialoge, die nur von der hanebüchenen Story noch getoppt werden. Ein einzig Ärgernis!

 

Bevor Eleanor Catton für ihren überaus wuchtigen Roman Die Gestirne den Man Booker Prize bekam, veröffentlichte sie bereits einen Titel, der nun vom btb-Verlag erneut aufgelegt wurde – Die Anatomie des Erwachens. Darin erzählt sie die Geschichte eines Skandals, der die Schule Abbey Grange erschüttert. Denn die 17-jährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem deutlich älteren Musiklehrer. Als die Beziehung publik wird, planen Schüler ein Stück über diese Affäre aufzuführen. Die Grenzen verschwimmen und man könnte die Vorgänge mit Schuld und Bühne überschreiben. Sie lässt die pubertierenden Schülerinnen und Schüler aufeinanderprallen. Dynamiken nehmen ihren Lauf.

Das Ganze ist wie auch schon in Die Gestirne sehr anspruchsvoll geschrieben (Deutsch von Barbara Schaden). Man muss beim Lesen wirklich Geduld und Aufmerksamkeit aufbringen, um die Geschehnisse ganz zu überblicken. Immer wieder springt die Autorin durch ihre Erzählstränge und variiert die Schilderungen. Ein forderndes Buch – wer vor Cattons Opus Magnum Die Gestirne wissen will, ob ihm die Autorin liegt, der könnte hier einen Blick riskieren!

 

Reif Larsen – Die Rettung des Horizonts

Von New Jersey bis in den Kongo, von Visegrad bis nach Kambodscha. Das Netz, das der amerikanische Autor Reif Larsen in seinem zweiten Roman Die Rettung des Horizonts aufspannt, ist gewaltig. Schon eine Beschreibung des Inhalts im Rahmen einer Rezension ist für mich nicht ohne Weiteres möglich, noch schwieriger wird es mit einer Einordnung dieses Buchs.

Reif Larsen hat mit seinem Roman eine Wundertüte geschaffen, ein postmodernes Erzählkonstrukt, das in New Jersey seinen Ausgang nimmt. Dort kommt nämlich inmitten eines Stromausfalls der Junge Radar Radmanovic auf die Welt. Schon mit seinem Eintritt in die Welt sorgt das Kind für Erstaunen und Kopfzerbrechen, denn Radar ist dunkelhäutig – und das bei zwei weißen Elternteilen. Eine Sensation, für die es keine rationale Erklärung zu geben scheint, weshalb die Eltern verzweifeln. Wie ein Ruf des Himmels ereilt sie da eine Nachricht aus der nördlichsten Spitze Norwegens, wo eine Gruppe von Wissenschaftlern glaubt eine Möglichkeit zur Heilung von Radar gefunden zu haben.

In diese Rahmengeschichte montiert Reif Larsen zwei weitere Geschichten, die einmal ins vom Bürgerkrieg Serbien und die davon gebeutelte Stadt Visegrad und zum anderen nach Kambodscha zur Zeit von Pol Pot führt. Diese beiden Seiterzählungen scheinen zunächst nichts mit der Geschichte um Radar zu tun zu haben, aber je weiter man im Text voranschreitet, umso mehr verbinden sich die Geschichten. Larsen verwebt einzelne Motive, erfindet eigene Bücher im Buch und arbeitet mit allen möglichen postmodernen Stilmitteln. Immer wieder werden Bilder in die Erzählung eingebettet, der Text fließt manchmal über den Rand hinaus und man weiß nie genau, was die nächsten Seiten beinhalten werden.

Dies alles macht das Buch zu einer Wundertüte, die sich konsequent einer genauen Einordnung entzieht. Ausflüge in die Physik, Elektronik, Buchgeschichte, Religion und Philosophie machen das Buch zu einer Ausnahmeerscheinung. Die Rettung des Horizonts liest sich, als hätten David Mitchell, Jorge Luis Borges und Peter Hoeg gemeinsame Sache gemacht, um dieses fast 800 Seiten umfassende Werk zu schreiben. Ihr Übriges tut die gelungene Übersetzung von Malte Krutzsch dazu, um dieses Buch auch im Deutschen gut lesbar zu machen. Bei all diesen technischen, sprachlichen und theoretischen Ausflügen von Reif Larsen war das sicher keine leichte Aufgabe.

Wenn man mich um einen Satz bäte, um den Buchinhalt zu beschreiben: ich könnte es nicht sagen. Was ich aber sagen kann, ist: das Buch ist lesens- und lohnenswert!

 

Adrian McKinty – Rain Dogs

So viel Pech kann doch nicht einmal Sean Duffy Haben. Der katholische Bulle aus Carrickferrgus hat es entgegen aller Wahrscheinlichkeit bereits zum zweiten Mal mit einem Locked Room Mystery zu tun. Schon in Die verlorene Schwester musste Duffy einen solchen unmöglichen Fall lösen, und nun steht der vom Schicksal gebeutelte Cop abermals vor einem jener unlösbaren Rätsel, das sich in Krimis der 30er Jahr größter Beliebtheit erfreute.

Im Wahrzeichen von Carrickfergus, dem Carrickfergus Castle, liegt die Leiche einer jungen Frau. Zu Duffys großem Schrecken wollte er am Tag zuvor noch mit der jungen und attraktiven Journalistin aus England anbandeln, nur um sie jetzt tot im Burghof vorzufinden. Die Zeichen deuten auf einen tragischen Selbstmord, denn die Dame scheint sich nächtens vom Burgfried in den Innenhof der Burg gestürzt zu haben. Doch dem einfachen Fall machen die Indizien und die Gerichtsmedizin einen Strich durch die Rechnung. Denn es zeigt sich, dass die Journalistin ermordet wurde und dann vom Burgfried geworfen wurde, um den Mord zu kaschieren.

Nun steht Duffy abermals vor einem Rätsel, denn vom Täter fehlt jegliche Spur. Ein Burgtor und hohe Mauern versperren alle möglichen Fluchtwege, die Überwachungskameras zeigen, dass niemand die Burg betreten oder verlassen hat, ehe die Polizei eintraf und auch der Hausmeister des Schlosses kann mit dem Mord eigentlich nichts zu tun haben. Wie ist es dem Täter also gelungen, im Carrickfergus Castle die junge Engländerin zu ermorden und dann zu entkommen? Und was ist das Motiv hinter der Tat? Viel zu tun also für Duffys graue Zellen, die zusätzlich von rätselhaften Frauen und inkompetenten Vorgesetzten in Beschlag genommen werden. Continue reading