Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Im Reich des Geliebten Führers

Der Roman von Adam Johnson könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen: Die Welt schaut auf Nordkorea, das Land das hermetisch abgeschottet vom Geliebten Führer Kim Jong Un regiert wird und dessen außenpolitischen Drohungen die Nachbarstaaten alarmieren.
Während sich die Politik im Zaudern verliert hat Adam Johnson den Versuch unternommen, sich dem Land auf literarischer Ebene zu nähern – und wurde prompt mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.
Sein Werk, im Original schlicht mit dem Titel „The Orphan Master’s Son“ versehen, wurde für den deutschen Buchmarkt von Suhrkamp Nova als „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ veröffentlicht. Ebenso sperrig wie der Titel ist auch die Gesamtstruktur und seine Länge von über 680 Seiten – ein Wagnis, das in meinen Augen geglückt ist.
Der in meinen Augen ebenso falschen wie überflüssigen Unterscheidung zwischen E und U verweigert sich „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ konsequent und erlaubt es sich, einen brutalen Konflikt literarisch aufzulösen und sogar manchmal zum Stilmittel des Humors zu greifen.

Der Roman von Adam Johnson lässt sich vortrefflich mit einem Zitat aus dem Buch beschreiben:
Es gibt kein Wort dafür […] Es gibt kein Wort, weil es noch nie jemand getan hat.“ (S. 384).
 In „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ entwirft der amerikanische Autor zugleich die Charakterstudie eines nordkoreanischen Bürgers und die der nordkoreanischen Republik. Nicht von ungefähr erinnert der Name des Protagonisten Jun Do lautmalerisch stark an das amerikanische Wort für unbekannte Leichen – John Doe. Im Buch gerät der höchst durchschnittliche Genosse Jun Do in unterschiedlichste Verwicklungen und erfährt die Abgründe des menschenverachtenden totalitären Regimes um den Geliebten Führer.
Das Buch basiert auf eigenen Eindrücken des Autoren, der für den Roman extra nach Nordkorea reiste um seine Erzählung auf eigenen Beobachtungen aufbaute. Dies gibt dem Buch eine zusätzlich ernüchternde Note, wenn Johnson in Interviews zu seinem Roman bemerkt, dass er für das Buch die schwarzen Seiten Nordkoreas noch aufhellen musste. So rückt der Autor nämlich wieder in den Fokus, was wir bei allen medialen-politischen Berichterstattungen gerne vergessen: Es geht beim Nordkorea-Konflikt noch immer um die Menschen, deren Leid vom totalitären Regime einfach hingenommen wird.
Insgesamt ist „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ nämlich deprimierend durch und durch. Immer wieder muss Jun Do Gewalt ertragen, Verluste hinnehmen und sich an neue Situationen anpassen. Dies wäre an sich noch nicht unbedingt neu oder besonders literarisch – das Neue an dem Buch besteht in meinen Augen in seiner sperrigen Konstruktion. In zwei Teile aufgeteilt erzählt Adam Johnson manchmal etwas komplizierter als vielleicht nötig von der Entwicklung Jun Dos. Er flicht Rückblenden, parallele Stränge und kurze Propagandatext-Splitter zu einem großen Epos, der aufmerksame Leser verlangt. Ein Buch, das keine Zerstreuung, dafür aber Erkenntnis bietet.

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