Category Archives: Kriminalroman

Norman Ohler – Die Gleichung des Lebens

Umsiedlungen, Flächenfraß, Flüchtlingsbewegungen – dass diese Schlagworte nicht nur in unserer Zeit Bedeutung haben zeigt Norman Ohler in seinem Roman Die Gleichung des Lebens. Er siedelt seinen historischen Krimi im Oderbruch des Jahres 1747 an. Die Hintergründe des Plots sind schnell erzählt:

Friedrich der Große will das Oderbruch in Brandenburg trocken legen. Dies soll neue Siedler nach Preußen locken, Rinder versprechen mehr Profit als die bisher im Oderbruch vorherrschende Fischerei. Und außerdem wäre endlich Platz für die vom alten Fritz so geliebten Erdtoffeln, die er als Nahrungsmittel etablieren möchte. Eine klare Interessenlage also, in die ein Mord denkbar schlecht passt.

Doch genau zu jenem Mord kommt es in den verschlungenen Wasserkanälen des Oderbruchs, als ein Ingenieur des Königs, der für die Trockenlegung des Kanals zuständig war, tot aus dem Wasser gefischt wird. Sein Körper ist von den Spuren eines archaischen Fischerwerkzeugs entstellt. Viele Menschen, allen voran die Bewohner des Oderbruchs, haben ein starkes Motiv für den Tod des Ingenieurs, der ihnen mit seinen Planungen wahrscheinlich ihre Lebensgrundlage entzogen hätte.

Um den Fall aufzuklären setzt Friedrich der Große auf sein bestes Pferd im Stall: den legendären Mathematiker Leonhard Euler, der von der Petersburger Akademie der Wissenschaften zu Friedrich an den preußischen Hofstaat berufen wurde. Jener Euler, von Friedrich aufgrund seines einen blinden Auges nur der Rechenzyklop genannt, soll in das Oderbruch aufbrechen, um den Mord aufzuklären und die Region zu befrieden.

„Gerade weil Sie Mathematiker sind, bin ich so vom Gedanken durchdrungen, Sie bei dieser Aufklärung involviert zu sehen. Wir sind ein moderner Staat, also greifen wir zu modernen Methoden. Stellen Sie sich den Fall um den armen Mahistre als ein mathematisches Problem vor. Als Gleichung , wenn Sie so wollen.“ (Ohler, Norman: Die Gleichung des Lebens, S. 89)

Fortan durchstreift Leonhard Euler als Ermittler den Oderbruch, den Ohler wunderbar stimmungsvoll inszeniert. Als ein Sherlock-Holmes-Ableger ermitteln sich Euler und ein Gehilfe durch die Wasserkanäle und Wirtshäuser des Oderbruchs und stoßen auf verschiedene Menschen und Motive, die alle in Eulers Gleichung zur Mordaufklärung einfließen. Ohler zeigt eine schon längst verschwundene Welt, die so höchstens noch in Anklängen im Spreewald weiterlebt. Zerrissen zwischen Aufklärung und Anbetung von Naturgöttern leben die Menschen im Oderbruch, das von dieser Symbiose von Mensch und Natur lebt.

In den Szenen, die im Oderbruch spielen und die verschiedenen Bewohner und deren Leben und Berufe zeigen, ist Die Gleichung des Lebens am stärksten. Mich erinnerten die Schilderungen aus dem fast dschungelhaften Milieu stark an Tolkiens Hobbit, speziell die Szenen in Seestadt. Atmosphärisch dicht ist ein auf Klappentexten sehr arg strapazierter Begriff – hier trifft er endlich einmal wirklich zu. Die stimmungsvolle Szenerie ist in meinen Augen die größte Stärke dieses Romans.

Andere Punkte geraten Ohler leider nicht ganz so stark wie diese Seite des Buchs. So sind die Dialoge stellenweise etwas hölzern und wirken aufgesetzt. Auch die Charaktere sind nicht wirklich ausgearbeitet. Allen voran Leonhard Euler, der ruhig etwas mehr Tiefe oder auch Brüche in der Charakterzeichnung verdient hätte. So ist er einfach nur ein hochintelligenter Mensch, dem die Erkenntnisse mühelos zufliegen, von Wissen über Virusverbreitung bis hin zu physischen Berechnungen. Dieser Euler weiß einfach alles und hat stets den Überblick. Dies ist natürlich auch an Arthur Conan Doyles allwissendem Sherlock Holmes geschult (auch die Auflösung der Geschichte wirkt wie aus dem Lehrbuch), doch nimmt der Geschichte auch ein klein wenig den Reiz. Insgesamt wirkt Norman Ohlers erzählerisches Gesamtpaket noch nicht völlig austariert.

Dies ist natürlich Meckern auf ganz hohem Niveau, Die Gleichung der Welt ist deutlich besser als das Gros der historischen Kriminalromane und gerade in den Oderbruch-Szenen wirklich sehr, sehr stark. Die stimmungsvolle Szenerie weiß zu überzeugen und lässt auch die schwächeren Seiten des Buchs verschmerzen. Insgesamt ein höchst reizvolles Buch , das wie eine Mischung aus Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt, den Holmes-Romanen Arthur Conan Doyles und der Märchenwelt der Gebrüder Grimm wirkt. Nicht zuletzt ist das Buch auch wunderbar gestaltet und sei hiermit mit marginalen Abstrichen gerne empfohlen!

Andreas Pflüger – Niemals

Jenny Aaron ist zurück. Die blinde Verhörspezialistin erlebte in Endgültig einen Tag, den man seinem ärgsten Feind nicht wünscht und der den Begriff Tour de Force neu definierte. Nun schickt Andreas Pflüger seine unkonventionelle Heldin ein zweites Mal auf ein Himmelfahrtskommando, das es in sich hat. Denn die Ereignisse aus Endgültig wirken auch in diesem Mittelteil der als Trilogie ausgelegten Reihe weiter und stellen für Aaron eine große Bedrohung dar.

Gerade befindet sich die blinde Polizistin im Prozess der Rekonvaleszenz bei ihrem alten Freund Lissek in Schweden, als sie in Gestalt eines Anwalts erneut in einen Strudel aus Tod und Verderben gerissen wird. Dieser Anwalt überbringt Aaron nämlich eine Botschaft ihrer alten Nemesis, die schon in Berlin fast ihren Tod bedeutet hätte. In Marrakesch wartet in einer Bank auf Jenny das unvorstellbare Vermögen von 2 Milliarden Dollar – und dazu in einem Schließfach noch eine Botschaft. Doch da das Geld ja irgendwoher stammen muss, hat Jenny Aaron schon bald hartnäckige Verfolger auf den Fersen, die sie und ihren Unterstützer Pavlik durch ganz Marrakesch jagen. Welche Geheimnisse sind mit dem Vermögen verbunden – und wer will erneut Jennys Tod, jetzt da ihre eigentliche Nemesis doch tot ist?

Allein schon der beinharte Prolog ist besser als mancher James-Bond-Film der letzten Jahre. Pflüger weiß, wie man Action inszeniert und literarisch ansprechend verpackt. Das Setting, das Timing, die Worte – da stimmt einfach alles. Und so wie das Buch beginnt, geht es dann auch die nächsten 410 Seiten weiter. Pflüger baut einen wuchtigen Plot und entspricht der verwinkelten Handlung, indem er auch ganz unsymmetrisch Rückblenden einbaut, die die aktuellen Ereignisse langsam besser ausleuchten und Hintergründe erklären. Das ist bärenstark gemacht und immer genau richtig. Langsam enthüllt sich ein komplexes Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Beziehungen zwischen den Protagonisten – und Pflüger gelingt auch das Kunststück, alles höchst plausibel wirken zu lassen, von der großen Geheimdienstpolitik in Berlin bis in in die staubigen Gassen Marrakeschs. Und mittendrin eine Jenny Aaron, deren Wille und Mut einfach überwältigend ist. Pflüger schont seine Heldin nicht – als Leser dankt man es ihm.

Endlich einmal ein deutscher Autor, der vor internationalen Handlungsorten, vor großen Verschwörungen und glaubhaften zerrissenen Charakteren nicht zurückschreckt – und in allen Belangen brilliert. Die Orte, an denen Niemals spielt, sind liebevoll und bis ins kleinste Detail gezeichnet, seine Figuren bleiben im Gedächtnis haften. Und ich kenne keinen deutschsprachigen Autor, der so gelungen Actionszenen in Worte fassen kann. Pflügers Prosa spielt in einer ganz eigenen Liga, die man in der Gegenwart so nur von wenigen Autoren lesen kann. Seine Sprache ist bunt, gut gewählt und in den Kampfszenen schon von ganz eigener, lyrischer Qualität.

Dies macht aus Niemals einen ganz eigenen Lesegenuss, den man auf diesem Niveau sonst nicht findet.

Die Kritikpunkte sind wirklich marginal, da sie in diesem fantastisch geschriebenen Thriller weniger ins Gewicht fallen als ein falsch gesetzter Buchstabe. Der Kniff, dass sich eigentlich schon verstorbene Feinde aus dem Jenseits zu Wort melden und die Protagonisten einer Story wieder auf eine Schnitzeljagd schicken, halte ich immer für etwas aufgepropft (schon bei Sherlock fand ich diese Methode ermüdend). Hier funktioniert es aber trotzdem gut, da Pflüger nicht nur auf Aarons alte Nemesis setzt, sondern auch weitere Faktoren und Erzählstränge ins Gefüge einbaut, die bald die Stimme der Vergangenheit etwas in den Hintergrund drängen. Zudem fand ich die Inszenierung in Endgültig eine Nuance besser, da konziser (ein Handlungstag, in dem alles spielt, ist einfach bestechend). Hier zerfasert das Ganze manchmal ganz leicht, wenngleich auf Champions-League-Niveau, das muss man der Fairness halber auch festhalten.

Von diesen kleinen Kritikpunkten abgesehen ist Andreas Pflügers Niemals einmal mehr ein Thriller, seine amerikanischen und sonstigen Thrillerkollegen weit hinter sich lässt und zeigt, was in einem modernen Spitzenthriller alles möglich ist. Ein vielschichtiges, sprachliches und inhaltlich überzeugendes Buch, das erneut an die Spitze der (Krimi)Bestsellerlisten gehört. Ich warte auf Jenny Aaron Nummer 3!

 

Oder um es im Stil von Andreas Pflügers Heldin Jenny Aaron auszudrücken:

Zehn Dinge, die Marius Müller an Niemals gefallen

  • das Setting in Marrakesch
  • die Bauart des Romans
  • die Sprache Andreas Pflügers
  • die gut choreografierte Action
  • die Aufmachung des Buchs
  • der Showdown des Romans
  • Pavlik, Demirici, Reimer und Co
  • die Mühelosigkeit wie große Politik hier einfließt
  • die Inszenierungsideen
  • Jenny Aaron

Abir Mukherjee – Ein angesehener Mann

Es gibt so Bücher, die nimmt man in die Hand, man liest die ersten Seiten und weiß – das passt einfach. Da stimmt die Sprache, die Charakterzeichnung und die Setzung der Kapitel. Der Plot entfaltet sich Stück für Stück, das Tempo ist genau richtig und die Schilderungen lassen farbige Bilder im Kopf entstehen. Dem Engländer Abir Mukherjee ist mit seinem Debüt genau eines dieser Bücher gelungen.

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Sein Buch Ein angesehener Mann (schön rund ins Deutsche übertragen von Jens Plassmann) entführt direkt zurück nach Indien, und zwar im Jahr 1919. Der Ich-Erzähler Sam Wyndham ist frisch aus England eingetroffen, nachdem er seinen Dienst bei Scotland Yard quittiert hat. Die Ereignisse aus dem Ersten Weltkrieg und der traumatische Verlust seiner Frau haben ihn dazu bewogen, sämtliche Brücken hinter sich abzubrechen und in Kalkutta noch einmal neu zu beginnen. Als Captain versieht er seinen Dienst bei den Polizeistreitkräften im Schmelztiegel Kalkutta und wird schon auf den ersten Seiten des Buches mit  einem kniffligen Mord konfrontiert.

Ein wichtiger Berater des Lieutenant-Governors wurde in einer dunklen Seitengasse der Millionenstadt ermordet. In seinem Mund steckt eine Warnung an die englischen Besatzungskräfte. Der Gouverneur ist folglich alarmiert und erwartet von Wyndham und seinen Kollegen Ermittlungserfolge. Doch auch der Militärgeheimdienst steigt in die Ermittlungen ein und macht Wyndham Druck. Und dann ist da auch noch die indische Bevölkerung, die gegen die englischen Kolonialherren aufbegehrt und immer vehementer für Souveränität eintritt.

Abir Mukherjee macht in seinem ersten Buch auf Anhieb gleich alles richtig. Über den Plot transportiert Mukherjee viele Infos über die indisch-britische Geschichte und zeigt ein exotisches Indien, das aus vielen Widersprüchen besteht. Als Sohn indischer Einwanderer (seine Eltern stammen ebenfalls aus Kalkutta) ist er hierfür geradezu prädestiniert. Ihm gelingt es unaufgeregt, dieses brodelnde Indien, das zwischen dem Verlangen nach Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Stärke zerrissen ist so zu zeichnen, dass dabei die Krimihandlung nie zur Nebensache wird, sondern diese hervorragend ergänzt – oder mit anderen Worten: einfach ein stimmiger Krimi!

Von diesem Ermittler liest man gerne noch weitere Fälle!

Jo Nesbø – Durst

Vier Jahre hat sich Jo Nesbø gelassen, ehe er Harry Hole einen neuen Fall servierte. Nun liegt Durst in der deutschen Übersetzung durch Günther Frauenlob vor – wie ist der inzwischen elfte Fall des norwegischen Ermittlers geraten?

Mit seinem zehnten Fall Koma schien Jo Nesbø mehr oder minder am Ende seiner Reihe angekommen zu sein. Die Luft war für mein Empfinden aus der einst  Maßstäbe setzenden Krimireihe entwichen: Motive wiederholten sich, die Plots waren irgendwie vorhersehbar, Harry schien die Kollegen und Leser nicht mehr so begeistern zu können wie in den den frühreren Tagen.

Nesbø wandte sich anderen Werken zu, der Standalone-Thriller Der Sohn erschien genauso wie die zwei kurzen (und recht mediokren) Blood on Snow-Krimis Der Auftrag und Das Versteck. Auch die in wenigen Wochen startende Verfilmung des achten Harry Hole-Falls Der Schneemann mit Michael Fassbender und Rebecca Ferguson band Kapazitäten – und Harry musste erst einmal ruhen. Diese Pause hat Harry und dem neuen Fall merklich gutgetan!

In Oslo sterben mehrere jungen Frauen, nachdem sie sich über die populäre Tinder-App verabredet haben. Der Täter entwischt der Polizei ein ums andere Mal und lässt an den Tatorten blutige Spuren zurück. Da ein solcher Serientäter in Norwegens Hauptstadt schlechte Presse für die Polizei bedeutet, sieht der ambitionierte Polizeipräsident Mikael Bellmann Handlungsbedarf und erpresst Harry Hole, die im Dunkeln tappende Ermittlungsgruppe um Harrys Vertraute Katrine Bratt inoffiziell zu unterstützen. So lässt Harry seine Lehrtätigkeit an der Polizeihochschule ruhen, um einmal mehr die Spuren an den Tatorten so zu interpretieren, wie nur er es kann. Unterstützung erhält er dabei schon bald von einem neuen Polizeimitarbeiter und einem Psychologen. Denn es scheint, als habe der Serientäter großen Durst …

Mit Durst gelingt es Nesbø endlich wieder, ein raffiniert konstruiertes, bis zum Ende hin unvorhersehbares und trotz einer Länge von 620 eng bedruckten Seiten stets spannendes Buch vorzulegen. Abgesehen von kleinen Redundanzen und stilistischen Ausrutschern trägt die raffinierte Konstruktion über die gesamte Länge des Buchs, vor allem da Nesbø hier wieder ein paar schöne Kniffe einfallen.

Nach zwei Dritteln des Buchs könnte der Fall eigentlich gelöst sein (der erfahrene Krimileser weiß hier natürlich schon, dass nichts ist, wie es scheint), bevor Nesbø noch einmal ein paar Finten schlägt und dem Leser dann erst die wahren Verwicklungen preisgibt. Auch das ist schön gemacht und erinnert an die „klassischen“ zumeist aus britischer Feder stammenden Krimis, bei denen alle Verdächtigen versammelt werden, um dann dem Ermittler Raum zu geben, der alle Anwesenden mit seinen Schlussfolgerungen überrascht und seine Deduktionen darlegt – und den Täter einem Kaninchen gleich aus dem Hut zaubert.

Ein warnendes Wort sollte an dieser Stelle aber an alle Neulinge im Harry Hole-Kosmos gerichtet werden: als Einstieg in die Buchreihe empfiehlt sich dieser elfte Band auf keinen Fall. Ein chronologisches Lesen der Reihe ist von großem Nutzen, besonders der Vorgängerfall Koma sollte gelesen sein, ehe man sich an Durst macht. In meinen Augen ist jener elfte Fall nämlich mehr oder minder nahtlos die Fortsetzung von Koma und sollte zügig im Anschluss gelesen werden, um die Kontinuität nicht außer acht zu lassen. Wichtige Personen und Stränge aus Fall Zehn setzen sich im Fall Elf fort und erleichtern bei Kenntnis des Vorgängers das Verständnis allgemein.

Fazit: Durst ist endlich wieder ein echter Nesbø’scher Pageturner, der alles hat, was die Fans an der Reihe schätzen, Twists, Serientäter, raffinierte Morde und ein Harry Hole in Bestform inklusive. Die Reifezeit von vier Jahren hat dem Buch merklich gutgetan und wenn es Nesbø gelingt, wieder Thriller auf ähnlich hohem Niveau abzuliefern, bin ich gerne bereit, längere Durst-Strecken in Kauf zu nehmen (der obligatorische Cliffhanger am Ende deutet ja schon etwas in die Richtung an).

Grégoire Hervier – Vintage

Wieder einmal könnte man bei Wer wird Millionär zu den großen Gewinnern zählen, wenn man Vintage gelesen hat und anschließend die Frage gestellt bekommt: Worum handelt es sich bei dem, der oder die Gibson Moderne?

Der aufmerksame Leser weiß es nach der Lektüre des Romans sofort – es handelt sich bei der Gibson Moderne um eine geheimnisumwitterte Gitarre, die die Hauptrolle in Gregoire Hérviers Buch spielt. Auf die Suche nach dieser Gitarre begibt sich der verhinderte Profimusiker und Ich-Erzähler Thomas Dupré, der von einem reichen Lord auf die Spur des Instruments gesetzt wird. Jenem Lord wurde aus seinem Anwesen die legendäre Gitarre gestohlen und Thomas soll sie nun für seinen Auftraggeber wieder auftreiben.

Das ist die Rahmenhandlung hinter Vintage, als besonderer erzählerischer Clou folgt der Roman dabei keiner herkömmlichen Kapiteleinteilung, sondern ist wie einer Song strukturiert. Das heißt, statt Kapitel 1-20 gibt es hier schnell getaktete Refrains, Bridge und Strophen,  (400 Seiten umfasst das Buch). Man hetzt mit Thomas durch die USA, seine Schnitzeljagd führt ihn von Schottland über Memphis und weitere Stationen bis tief in den amerikanischen Süden der Cajun-Sümpfe.  Die Anhaltspunkte seiner Odyssee liefert ihm dabei der mythenumrankte und nahezu völlig vergessene Musiker Li Grand Zombi, dessen Werk und Wirken Hinweise auf den Verbleib der Moderne liefern könnte.

Im Vorbeigehen rollt Hervier neben seiner Schnitzeljagd noch zahllose Informationen über Gitarren und den Rock’n Roll aus. Namen wie Robert Johnson oder Elvis Presley spielen im Buch eine große Rolle – das ist für jeden Musikfan buchstäblich Musik in den Ohren. Bei allen musikhistorischen Exkursen vergisst Grégoire Hervier dabei aber auch die Handlung und Spannung nicht, was aus Vintage einen unterhaltsamen und informativen Pageturner macht, der nicht nur Rock ’n’ Roll-Liebhabern wärmstens empfohlen sei.

Nota bene: Wer Geschmack an derartigen Musik-Krimis gefunden hat, dem seien hier noch zwei weitere Geheimtipps genannt: zum Einen der famose Krimi Back Up des Belgiers Paul Colize und zum anderen Roadkill von Eyre Price. Auch in diesen Büchern ist Spannung und Musik drin!