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Lauren Groff – Licht und Zorn

Was weiß man in einer Ehe wirklich über den Partner? Wer ist eigentlich diese Person gegenüber, der man die ewige Treue geschworen hat, in guten wie in schlechten Zeiten und was kennt man von ihr? Wenn es nach Lauren Groff in Licht und Zorn geht, gar nicht einmal so viel. Denn sie zeigt in ihrem Roman eindringlich, dass man zwar eine Ehe leben kann, dahinter allerdings zwei völlig unterschiedliche Leben stecken können, die nicht immer viel gemeinsam haben.

So etwa wie die beiden Leben von Lancelot, genannt Lotto, Satterwhite und Mathilde Yorden. Lotto, ein Draufgänger und Weiberheld, entflammt auf einer Wohnheim-Party auf dem Campus in unsterblicher Liebe zu Mathilde, die gerade durch die Tür den Raum betritt. In einem impulsiven Überschwang der Gefühle macht er Mathilde den Antrag und wenige Wochen später wird tatsächlich geheiratet. Dinge wie Kennenlernen oder gar eine Verlobungsphase gibt es bei Mathilde und Lotto nicht. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeiten übersteht die Ehe die Zeit. Die beiden jungen Studenten wachsen zusammen, ergänzen sich, Lotto steigt zum erfolgreichen und vielgespielten Dramatiker auf, während Mathilde ihm den Rücken freihält und ihn erdet. Die beiden Menschen sind das Musterbeispiel einer Symbiose – das Eheversprechen scheint für sie wie gemacht.

So erleben wir dies zumindest im ersten mit Licht überschriebenen Teil des glänzend geschrieben und komponierten Romans. Lotto als Mittelpunkt der Erzählung zeigt sich als narzisstischer, verletzlicher und auch widersprüchlicher Mensch, der immer neu um schöpferische Eingebung ringt und dessen von ihm ersonnenen Stücke und Opern sich auch in Ausschnitten in der Geschichte wiederfinden. Immer wieder zeigt Lauren Groff Lotto als Suchenden, der sich manchmal in Strudeln zu verlieren droht, wenn da nicht Mathilde wäre, die seinen Anker und Ruhepol bildet. Über Jahre hinweg begleitet sie Lotto und sein Umfeld und betrachtet seine Entwicklungsschritte hin zum gefeierten Autor.

Nach dramatischen Ereignissen, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, springt Lauren Groff anschließend in Zorn zu Mathilde und erzählt nun ihr Leben und ihre Sicht der Ehe. Hier zeigt sich langsam die vollständige Klasse dieses Romans, denn Mathildes Blickpunkt macht aus diesem bis dahin bereits großartigen Roman endgültig ein Meisterwerk. Der Gegenblick auf alle Ereignisse, das was man dem Partner verschweigt und Überraschungen, die einen selbst ereilen – all das ist wunderbar und glaubwürdig gelungen. Immer wieder fragt man sich, ob man gerade wirklich von jener Ehe liest, die Lotto zuvor geschildert hat.

Die Blitzhochzeit, das Davor und Danach – Lauren Groff zeigt sich als Meisterin der Montage und des Erzählens. Ihr gelingt es, Mathilde genauso plastisch und glaubwürdig wie Lotto zu zeichnen. Durch diesen zweiten Teil wird das Buch erst abgerundet und ergänzt – wobei sich Groff bis zum Schluss Enthüllungen und Kniffe vorbehält. Das lässt den Roman zu keiner Sekunde langweilig werden, im Gegenteil. Obwohl man annehmen könnte, dass es nichts Öderes und Konventionelleres als die Schilderung einer Ehe gibt – ein packenderes Leseerlebnis habe ich in letzter Zeit kaum erlebt.

Beständig schwankt man in der Bewertung dieser Ehe und ihrer ProtagonistInnen. Soll man Lotto und Mathilde bewundern für ihren Wagemut und ihre Hingabe – oder ist vielmehr das Gegenteil angebracht und die beiden verdienen Mitleid oder gar Verachtung? Wunderbar ambivalent erzählt Lauren Groff diesen ausgefuchsten Plot, vieles bleibt in der Schwebe und am Ende dem Leser selbst überlassen. Dies macht für mich die Klasse dieses Buchs aus, obwohl natürlich noch viele weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Wie oben schon angedeutet, ist ein weiterer Faktor auch die Bauart des Romans. Neben der konsequenten Zweiteilung in Lottos und Mathildes Sicht ist die Montagetechnik Groffs wunderbar – ganze Zeitabschnitte werden von ihr gerafft, dann springt sie wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Das sorgt für Abwechslung im Lesefluss und fordert den Leser. Auch die Sprache von Lauren Groff ist poetisch, präzise, immer angemessen – und natürlich muss an dieser Stelle dann auch die Übersetzerin Stefanie Jacobs genannt werden. Eine großartige Leistung, wie sie den sprachmächtigen Plot ins Deutsche überführt.

Selten begegneten mir bislang derart plastische Figuren, die weit über das Buchende bei mir blieben. Die Strahlkraft dieses Romans ist genauso enorm wie sein erzählerischer Sog. Ein Buch, das zum Wiederlesen einlädt oder dies sogar implizit einfordert. Definitiv ein Kandidat für meine ewige Top 10. Ich gebe für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung ab – besonders auch dann, wenn man vor der Entscheidung steht, den Bund fürs Leben einzugehen.

 

vielschichtig

Joachim Meyerhoff – Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Mit dem neuen Buch von Joachim Meyerhoff geht es mir wie mit kritischen Anleger eines erfolgreichen Unternehmens: selbst wenn abgeliefert wird und die Produkte einschlagen – es könnte immer noch besser sein und man könnte noch mehr herausholen. Diese befremdliche Unersättlichkeit stellte sich auch bei mir in leichter Ausprägung während der Lektüre von Die Zweisamkeit der Einzelgänger ein.

Meyerhoff, der Feuilleton-Liebling, der gekonnt auf dem zwischen Scheitern und Humor gespannten Seil balanciert, der arrivierte Schauspieler und Bestsellerautor, er dreht in seinem Alle-Toten-fliegen-hoch-Zyklus die Erinnerungen weiter voran. Zuletzt legte er die superben und höchst witzigen Erinnerungen an seinen Werdegang als junger Schauspieler in Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke dar, immer zerrissen zwischen großelterlicher Behaglichkeit und fordernder Schauspielschule. Nun widmet er sich seinen ersten Schauspieljahren in Bielefeld und Dortmund, bei denen sich langsam die ersten Erfolge einstellen, auch wenn die Selbstzweifel in der Zwischenzeit nicht kleiner geworden sind.

Verkompliziert wird sein Beruf zusätzlich noch durch eine Menage-a-quartre, die Meyerhoff im Laufe seiner über 400 Seiten starken Erinnerungen präsentiert. So verliebt er sich zunächst in Hannah, die ihn mit ihrer Mischung aus Wirrnis und Intellekt anzieht. Dann kommt an seiner nächsten Schauspielstation in Dortmund noch die Tänzerin Franka noch dazu, mit der er ebenfalls eine Liaison eingeht, ohne sich derweil in Bielefeld von Hanna zu trennen. Weitere Schubkraft erhält das Liebeskarussell dann noch in Form der Bäckerin Ilse, in deren Backstube der junge Joachim ebenfalls viel Zeit verbringt. Hier zeigt sich wieder einmal die Bestätigung der These, das mit dem Fortschreiten der Jahre alles immer komplizierter wird.

Tolle Erinnerungen sind das wieder geworden, die stark zwischen Lachen und Weinen schwanken, teilweise liegen die Pole nur wenige Absätze auseinander. Meyerhoff versteht sein Handwerk, in einer klaren Sprache (die immer besser wird, wie ich meine) schildert er die Episoden seines Lebens und inszeniert sich als ewig Zweifelnder inmitten der Frauen.

Nun aber zu meinen Luxusproblemen: stets hatte ich bei den letzten drei Büchern von Mal zu Mal das Gefühl, dass sich Meyerhoff steigern konnte. Bislang war Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke wirklich das Non-Plus-Ultra der Reihe – hier verbanden sich Wehmut und Lachen zu einer wirklich großartigen Mischung. Im neuesten Band hatte ich nun erstmals den Eindruck, dass sich Meyerhoff nicht mehr steigern konnte. Obwohl er die erzählerischen Episoden wie gewohnt furios aneinandermontiert, aus seiner Kindheit genauso wie aus der Jugend erzählt – irgendwann wird das ewige Kokettieren mit dem Scheitern und den Versagensängsten etwas obligat.

Nur um Missverständnissen vorzubeugen – Die Zweisamkeit der Einzelgänger ist nach wie vor ein hervorragendes Produkt  – nur für Meyerhoff’sche Verhältnisse hätte für meinen Geschmack noch eine kleine Nuance mehr drin sein dürfen. Abgesehen von diesem minimalen Meckern auf hohem Niveau – ein wunderbares Buch!

 

 

 

Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit

Bücher sind die einzigen Zeitreisemaschinen, die zuverlässig funktionieren. Dieses Erkenntnis Denis Schecks teile ich voll und ganz. Mit keinem anderen Medium kann ich so schnell von Walfangreisen in der Antarktis in die Gänge von EU-Behörden wechseln, vom tschetschenischen Bürgerkrieg bis ins Neapel der 60er Jahre reisen. Ein Buch, das dies besonders gut ermöglicht, ist Stefan Zweigs Historien-Klassiker Sternstunden der Menschheit. Mit seinen Miniaturen historischer Momente ist das Buch Urvater aller kommenden Autoren, heißen sie Florian Illies, Jürgen Goldstein oder Richard von Schirach. Zweigs Idee, besondere Momente literarisch zu verdichten, an denen die Geschichte an einer Wegscheide stand, ist auch nach genau 90 Jahren seit Erscheinen immer noch bestechend und inspirierend. Dies beweist nicht zuletzt die Fülle an Büchern, die regelmäßig die Bestsellerlisten bevölkern und sich stark an Zweigs Konzept der literarischen Geschichtsschreibung orientieren.

Die aktuelle Neuausgabe der Sternstunden der Menschheit ist zugleich der Auftakt der sogenannten Salzburger Ausgabe. Hier werden nach und nach die Bücher Zweigs neu editiert und auf dem aktuellsten Stand der Forschung herausgegeben. Urheber ist das Salzburger Stefan Zweig Zentrum, dessen Forscher die Werke mit einem Appendix versehen, der über die Entstehungsgeschichte der Zweig’schen Bücher Auskunft gibt. Mustergültig lässt sich das bei den Sternstunden der Menschheit beobachten.

Diese umfassen die (bekannten) Episoden über Entdecker wie Sir Walter Scott, Komponisten wie Georg Friedrich Händel oder Politiker wie Woodrow Wilson, deren Handeln entscheidenden Einfluss auf die Weltgeschichte hatte. Die vierzehn historischen Miniaturen sind mal mehr und mal weniger historisch genau belegbar, Zweig bewegt sich von der Antike (Cicero) bis hin in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg (Wilson versagt). Ebenso weit, wie der historische Rahmen gesteckt ist, ist es auch der inhaltliche. Musik, Literatur, Militärgeschichte – Zweig interessiert sich für alle nur denkbaren Geschehnisse und wählt auch ein spannendes Personaltableau für seine Erzählungen. Von strahlenden Helden bis zu völlig gebrochenen Charakteren versammelt das Buch eine Vielzahl an Männern. Aber eben auch nur Männer – keine einzige der vierzehn Geschichten dreht sich um eine Frau oder geht auf deren Bedeutung an den Wendepunkten der Geschichten ein. Frauen sind für Zweig in seinen Miniaturen Marginalien oder gar Ärgernisse, wie er es in der Geschichte Die Entdeckung Eldorados formuliert:

Nach acht Tagen ist das Geheimnis verraten, eine Frau – immer eine Frau! – hat es irgendeinem Vorübergehenden erzählt und ihm ein paar Goldkörner gegeben.

Dieses Frauen- und Weltbild hat sich in den 90 Jahren seit Erscheinen von Zweigs Geschichten zwar verändert, diese maskuline Erzählhaltung ist aber sehr auffallend. Auch wenn Zweig beispielsweise mit seiner Romanbiographie Maria Stuart Geschichte aus Frauensicht zu erzählen versucht – das jegliche Fehlen der weiblichen Perspektive irritiert hier bisweilen.

Zweigs Episoden sind inhaltlich so vielfältig wie stilistisch variabel. Ob nahe an einer Gedichtinterpretation (Marienbader Elegie), Poem (Heroischer Augenblick) oder Theaterstück (Die Flucht zu Gott) – Zweig beweist seine schriftstellerische Vielfalt eindrücklich, auch wenn ihm beim Würzen seiner Geschichten manchmal der Pathos-Streuer etwas zu sehr aus den Händen gleitet. Trotzdem wirken die Geschichten dank der erzählerischen Klasse auch heute noch frisch und wunderbar lesbar.

Die wahre Qualität dieser Ausgabe liegt nun allerdings im Bonusmaterial, das die Salzburger Ausgabe mitliefert. Bereits vorangestellt sind die verschiedenen Vorworte, die Zweig zu seinen unterschiedlichen Sternstunden-Ausgaben verfasste. Auf den Textkorpus folgen anschließend  Versionshistorien, Überlieferungen, Quellen und Stellenkommentare. Eine wirklich erhellende Fundgrube, die die Geschichten hinter den Geschichten besser verstehen lässt.

Wenn die kommenden Bände der Salzburger Ausgabe weiterhin so sorgfältig editiert herausgegeben werden, kann man sich wirklich freuen. Ein weiterer Baustein des Zweig-Revivals, der einen Autor wieder neu entdecken lässt und Zugänge schafft!

Deon Meyer – Fever

„Es gab keine Gerechtigkeit im Universum. Als das Fieber kam, stand Dortmund auf dem zweiten Tabellenplatz, sie hätten Meister werden können. Thomas Tuchel war ihr Trainer. Ein verdammtes Genie …“ (Meyer, Deon: Fever, S. 230)

Der BVB und die Frage der Meisterschaft – das kann auch schon einmal in der Apokalypse enden, wie der südafrikanische Starautor Deon Meyer in seinem Buch Fever zeigt. Denn die Welt, wie wir sie kennen existiert im neuen Buch des Krimiautors nicht mehr, Grund dafür ist eine Fieberepidemie, die nahezu die komplette Bevölkerung ausgelöscht hat. Während sich die Flora und Fauna ihre Lebensräume zurückerobert, sind es nur wenige Menschen, die die Katastrophe überlebt haben.

Solche Überlebenden sind Nico und sein Vater Willem Storm, die in einem Truck durch Südafrika reisen, auf der Suche nach anderen Überlebenden und einem Plan in der Hinterhand. So schildert es uns Nico, der als Erzähler fungiert und uns eine Chronik des Untergangs und des Neuanfangs präsentiert. Wer sich hier an Cormac McCarthys Die Straße erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Das Thema vom Vater und seinem Sohn und deren Kampf ums Überleben ist identisch, Deon Meyer aber gelingt trotz der ähnlichen Ausgangslage ein ganz eigenständiger, ebenso unterhaltsamer wie nachdenklicher Roman, der Dystopie, Entwicklungsroman und Mad Max gekonnt verquickt.

Für die Erzählung seiner großen Geschichte (der Umfang fällt mit über 700 Seiten weit aus dem üblichen Rahmen, die Übersetzung besorgte Stefanie Schäfer) wählt Meyer einen besonderen Kniff. Der Großteil der Geschichte wird vom 13-jährigen Ich-Erzähler Nico Storm vorgetragen, der durch oftmalige Sprünge in der Chronik und Vorgriffe für Spannung sorgt. Dieser erzählerische Hauptstrang wird durch Berichte und Rückblenden vieler weiterer Charaktere ergänzt, die ebenfalls beständig zu Wort kommen. Denn Nicos Vater begründet im Lauf des Buchs den Ort Amanzi, an dem er einen Neustart der Gesellschaft versucht. Die Bewohner, die nach und nach Amanzi bevölkern, finden durch das sogenannte Amanzi-Projekt Gehör, das Willem Storm unaufhörlich vorantreibt. Er sammelt und konserviert die Eindrücke und Erfahrungen seiner Mitmenschen um ein möglichst umfassendes Bild der Fieberepidemie und dem Überlebenskampf der Menschen zu gewinnen.

Das alles ist wunderbar gemacht und fließt beständig in die Erzählung Meyers ein, was für Abwechslung und einen nie reißenden Spannungsbogen sorgt. Man beobachtet gespannt den Kampf ums Überleben der Amanzi-Gemeinde und die Spannungen, die sich innerhalb der Mikro-Gesellschaft abzeichnen. Dabei kann man Fever als einen spannenden und packenden Roman lesen, der vom Sterben genauso wie vom Überleben erzählt und der sich trotz seines Volumens wunderbar verschlingen lässt.

Man kann in Fever allerdings noch eine weitere, faszinierende Ebene entdecken, wenn man denn möchte. Denn Fever ist von einem großen Humanismus durchwirkt, der sich vor allem in der Figur des Willem Storm ausdrückt. Wie er zusammen mit seinem Sohn um das eigene Überleben und das der Menschheit kämpft, das gestaltet Deon Meyer eindringlich. Storm glaubt unverrückbar an das Gute im Menschen und die Fortschritte, die die Zivilisation bewirkt hat, auch wenn viele Geschehnisse in Amanzi dieser Hoffnung spotten. Seinem Sohn (und damit auch dem Leser) vermittelt Willem Storm eine nachahmenswerte Philosophie und viel Wissen, das sich wunderbar in den Gesamtkontext einfügt. Denker wie Baruch Spinoza, Yuval Noah Harari oder John Bowlby und deren Theorien sind Antriebsfedern, die Willem Storm und damit auch Amanzi am Laufen halten. Hier zeigt sich, wie Denken und Wissen Zivilisationen voranbringen kann, auch wenn häufig der Nutzen von Philosophie und Ethik in utilitaristischen Kreisen in Abrede gestellt wird. Meyer sieht das allerdings nicht so und bietet dabei am Ende einen interessanten Denkansatz: Ist es vielleicht am Ende eher jene die Philosophie und Ethik, die unsere Gesellschaften bewahren kann, als das technische Wissen und Know-How, das so leicht verlorengehen kann?

Man könnte Deon Meyers Fever fast als eine Art Versuchsanordnung betrachten. Da ist ein Dorf, das im Lauf des Buches wächst, es gibt verschiedene Einflussfaktoren, die das Vorankommen der Gesellschaft mal behindern und mal fördern. Geradezu analytisch ist man als Leser dabei, wenn man beobachtet, wie es sein könnte, nach einem Zusammenbruch den Resest einer Gemeinschaft oder im größeren gedacht, den Neuanfang einer Zivilisation zu versuchen. Dabei ergeben sich viele Fragen, deren Beantwortung nicht Ziel des Buchs ist, sondern nur der Denkanstoß. Wer möchte, kann unzählige dieser Fragen und Dilemmata entdecken: Was macht eine Gesellschaft aus? Was lässt Zivilisationen wachsen, welche Faktoren können die Entwicklung ausbremsen oder zurückwerfen?

Auch wenn ich die Mehr-als-Phrase eigentlich verabscheue (Mehr als ein Krimi oder Mehr als eine Dystopie …), da sie so unspezifisch wie (meist) unzutreffend ist. Hier möchte ich sie trotzdem zur Anwendung bringen. Fever ist mehr als ein Endzeitroman, mehr als ein Thriller. Der Verlag hat dies auch dankenswerterweise erkannt, schlicht prangt das Label Roman auf dem Cover. Natürlich bietet Fever viel Action und Spannung, all das ist unzweifelhaft vorhanden und gut gemacht, allerdings eben auch weit mehr als das. Eine wirkliche Empfehlung und ein wunderbarer Buchtipp für das kommende Weihnachtsfest.

P.S.: Gute Nachrichten gibt es an dieser Stelle auch für alle Bennie-Griessel-Fans. Der neue Band der Reihe mit dem Titel Die Amerikanerin erschient schon im März des kommenden Jahres. Ich bin gespannt, wie es mit Bennie nach dessen Absturz in Icarus weitergeht.

Juli Zeh – Leere Herzen

Was wollte uns die Künstlerin damit sagen?

Diese Phrase steht für mich auch am Ende nach der Lektüre von Leere Herzen, dem neuesten Streich von Juli Zeh. Zeh, die mit ihrem letzten Roman Unterleuten zur veritablen Bestsellerautorin mutierte (sage und schreibe 78 Wochen konnte sich das Buch in den Spiegel-Bestsellerlisten behaupten), legt nun eineinhalb Jahre nach Erscheinen ihrer brandenburgischen Dorf-Betrachtung einen neuen Roman vor, der vieles will, aber wenig kann.

Ausgangspunkt ist das Geschäftsmodell der Brücke, einem Unternehmen, das die Geschäftspartner Britta und Babak betreiben. Die Kernidee der Brücke ist folgende: suizidale Menschen werden von den beiden überprüft, bewertet und gecoacht, um diese dann im besten Falle als Märtyrer für bestimmte Aktionen einzusetzen. Der Selbstmord ihrer Kandidaten hilft anderen Organisation wie etwa Umweltschutzgruppen, vor deren Karren sich die willfährigen Suizidenten spannen lassen. Britta und Babak kassieren gutes Geld – dafür leben sie in einer alles anderen als  mondänen Welt. Genauer gesagt in Braunschweig. Die Welt hat sich noch etwas weitergedreht in diesen Tagen, die Regierung wird von der BBB gestellt, der Besorgten Bürger Bewegung, Innenministerin ist Sarah Wagenknecht.  Instabile Zeiten, in denen Zehs Protagonisten leben. Noch instabiler wird das Gefüge, nachdem eine neue Klientin der Brücke auftaucht, die einen Keil zwischen Britta und Babak treibt. In der Folge gerät die Welt der beiden Geschäftsleute aus dem Lot, als auch noch eine Konkurrenzorganisation den beiden das Leben schwer macht – und so steht bald Babaks und Brittas Existenz auf dem Spiel.

So die Synopse von Zehs neuem Buch, das dann deutlich weniger gut funktioniert, wenn es um die Umsetzung von Theorie in Praxis geht. Und das, obwohl Zeh ja schon bewiesen hat, dass sie etwas von Erzählökonomie, Charakterzeichnung und Struktur versteht. Bereits der Grundidee der kommerziellen Nutzung von potentiellen Selbstmördern kann ich wenig abgewinnen. Bis auf wenige plakative Szenen (Waterboarding, etc.) bleibt vieles Behauptung und wird angerissen, wirklich plausibel erscheint wenig. Dies gilt auch für die übrigen dystopischen Elemente des Buchs, die ab und an eingeworfen und eingestreut werden. Nachvollziehbar und genuin entwickelt ist diese Vision in meinen Augen nicht. Auch Zehs HeldInnen scheinen sich mit der Welt versöhnt zu haben, es regiert der Neo-Biedermeier. Höhepunkt ist der eskapistische Trip in die norddeutsche Provinz, bei der dann ein Hauskauf und ein Landlust-ähnliches Bezugsfest des Objekts im Mittelpunkt der Episode stehen. In Unterleuten wirkte all dieser Möchtegern-Eskapismus viel böser, viel echter. Hier ist viel Kulissenschieberei am Werk, die Menschen, die in diesen Kulissen interagieren, bleiben allerdings höchst blass – und wenn sie einmal Kontur gewinnen, dann möchte man doch wieder, dass sie wieder blass werden.

Überspannte und leicht an der Grenze zur Hysterie stehende Charaktere gehören ja zum Markenzeichen der Autorin. Das kann mal nerven (Nullzeit), mal wunderbar funktionieren (Unterleuten). Im aktuellen Fall ist es eher erstere Kategorie, in die Zehs Personal fällt. Ihre Heldin Britta nervt mit zahlreichen Marotten (Putzfimmel, ständige Übelkeit, sprunghaftes Verhalten), die anderen Figuren stolpern alleingelassen durch das Setting. Vieles an den Figuren bleibt reine Behauptung, plausibel ist auch hier wenig. Egal ob Flüchtling und Hacker, Geheimdienstmann oder Ehegatte. Vieles wird gelabelt, mit Leben gefüllt aber nahezu nichts. Je weiter das Buch voranschreitet, desto hanebüchener wird es. Höhepunkt findest das Ganze dann in einem Finale, in dem verschiedene Terror-Organisationen und Geheimdienste aufeinandertreffen. Als erste Opfer sind dann gleich Logik Plausibilität und sprachliche Qualität zu beklagen, die auf der Strecke bleiben.

Als Dystopie ist Leere Herzen zu unentschlossen, als Parabel auf Pegida, AfD und Co. funktioniert das Buch ebenfalls nicht. Das Geschäftsmodell der Brücke bleibt im Ungefähren. Der Roman hat eine deutliche Unwucht, die einzelnen Handlungsabschnitte sind alles andere als ausbalanciert. Besonders offensichtlich wird dies am Schluss des Romans, der in seiner Gehetztheit die vorherigen langweilenden vorherigen Passagen in puncto Tempo und Logik ab absurdum führt. Was zudem auch  unangenehm oft auffällt, ist der übermäßig strapazierte moralische Zeigefinger der Autorin, der hier eindeutig zu oft im Einsatz ist. Nicht ohne Hintersinn trug ihre Kolumne im Magazin Der Spiegel auch den Titel „Die Klassensprecherin“ – vieles von dieser Rechthaberei findet sich auch zwischen den Zeilen in Leere Herzen.

Vieles an diesem Buch ist sicherlich gut gewollt, auch will ich mich eigentlich an dieser Stelle nicht beklagen, dass sich eine Autorin hier mit Politik und zeitgenössischen Aspekten beschäftigt, hatte ich doch so etwas erst in meinem letzten Meinungsbeitrag hier eingefordert. Leider bleibt es beim Wollen und einer mangelhaften Umsetzung der aktuellen Themen und Fragen. Leere Herzen ist einfach schlecht ausbalanciert, unrund, wenig plausibel und somit eine der großen Enttäuschungen dieses Bücherherbstes.