Kurz und Gut

Hier kommt nun wie angekündigt die zweite Fuhre von Kurzkritiken zum Osterfest. Was will man auch schon anders machen als lesen, wenn draußen vor dem Fenster die Schneeflocken vorbeiwirbeln!? In diesem Sinne eine anregende Lektüre mit neuen Tipps!

Claire Fuller – Eine englische Ehe

In ihrem ersten auf Deutsch vorliegenden Buch erzählt Claire Fuller von der Ehe, die Ingrid und Gil Coleman führten (Deutsch von Susanne Höbel). Diese turbulente Ehe mit vielen Tiefschlägen und Enttäuschungen wird von Ingrid in Form von Briefen an ihren Mann erzählt. Diese enthüllen langsam das Geheimnis, warum sie vor 12 Jahren aus dem Leben von Gil und ihren zwei Kindern trat. Und dann ist da noch der zweite Erzählstrang, der ihre Tochter Flora zum Mittelpunkt hat. Diese begibt sich wieder nach Hause zu ihrem Vater, als dieser meint, seine Frau nach 12 Jahren wiedererkannt zu haben.

Claire Fuller umschifft in ihrem Roman alle Kitsch- und Sentimentalitätsfallen großräumig. Sie entfaltet langsam eine Ehe, in der alles anders als rund lief und die nicht einmal mit dem Begriff zweckdienlich beschrieben werden kann. Das Buch ist schön und angenehm geschrieben, kurzweilig und nebenbei auch eine Hymne ans Lesen, da Gil ihre Briefe immer in korrespondierenden Büchern versteckt. Sehr lesenswert!

 

Feridun Zaimoglu – Evangelio

Luther hier, Luther da – schon zu Beginn des Lutherjahres scheint Martin Luther überrepräsentiert zu sein – schön wenn es da neben all den wissenschaftlichen Annäherungen an den Reformer auch solche Bücher wie das von Feridun Zaimoglu gibt, die den zugestellten Blick auf Luther wieder öffnen und es schaffen, dass man der überhöhten Gestalt wieder neu begegnen kann.

Zaimoglu erzählt in einer an Luther geschulten Kunstsprache vom Wartburgaufenthalt des Reformators. Dieser wird dabei just von einem katholischen Landsknecht bewacht und beschützt und gerät nicht nur mit ihm das ein oder andere Mal aneinander. Denn auch der Teufel hat es auf Luther abgesehen (das meint zumindest jener) und so wird Luther in zahlreiche bedrohliche Situationen verwickelt.

Der deutsch-türkische Autor zeigt ein derbes, stinkendes und brutales Mittelalter. Durch seine Sprache muss man sich wirklich kämpfen – doch sie schafft es, dass man sich im Thüringen 1521 einfindet. Zaimoglu zeigt viele Facetten an der Gestalt Luther, seinen Zweifel, sein aufbrausendes Wesen, aber eben auch seinen Judenhass, der ebenfalls zur Gestalt des Reformers gehört. Ein herausfordernder, aber auch bereichernder Beitrag zum Lutherjahr 2017!

 

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Ein Saatguthändler, der depressiv in seinem Bett liegt. Ein Imker, der darauf angewiesen ist, seine Bienenstöcke mit Trucks quer durch die USA zu karren. Eine junge Frau in der Zukunft, die auf Felder um Beijing herum Bäume per Hand bestäuben muss, da die Bienen verschwunden sind.

Diese drei Erzählstränge verknüpft die Norwegerin Maja Lunde in Die Geschichte der Bienen zu einer zeitüberspannenden Erzählung, denn die Stränge reichen vom 18. Jahrhundert bis ins Jahr 2098 (Übersetzung Ursel Allenstein). Übergreifendes Thema ist die Beziehung von Eltern zu ihren Söhnen. Daneben ist das Buch auch eine Einführung in die Botanik und die Geschichte der Imkerei. Einsteins Bonmot dass die Menschheit nach dem Aussterben der Bienen nur noch vier Jahre zu leben hätte, wird von der Autorin mit viel Verve umgesetzt.

Maja Lunde hat zudem einen gefälligen Sprachstil, der ihrem Roman zupass kommt. Darüber hinaus sind die Kapitel sehr kurz – häufig springt sie zwischen ihren drei ProtagonistInnen umher. Das macht Die Geschichte der Bienen zu einem leicht lesbaren, unterhaltsamen und lehrreichen Buch.

 

3 comments

  1. Hallo Marius,

    vielen Dank für diese Buchvorstellung, aufgrund derer ich ‚Die Geschichte der Bienen‘ auch selbst las. Da Du eher die Highlights hier hervorhebst, möchte ich gerne noch ein paar kritische Worte über diesen Roman ergänzen:
    Die drei Geschichten werden immer in kleinen parallel laufenden Kapiteln erzählt und wechseln sich ab. Das macht tatsächlich den Reiz des Buches aus. Leider wirkt sich aus meiner Sicht dieser positive Effekt nicht auf die einzelnen Erzählungen aus. Alle drei Geschichten wirken eher zäh und sind an sich unspektakulär, weil nicht wirklich etwas unerwartetes passiert. Ganz im Gegenteil, ich finde, jede der Geschichten ist vorhersehbar. Die Spannung wird lediglich durch den Wechsel angetrieben, da die meisten Kapitel mit einem Mini-Cliffhanger enden.
    Der Aufbau zwischen den unterschiedlichen Epochen und Protagonisten ist dagegen absolut passend und richtig ansprechend. Der Einstieg in jede der Geschichten ist gut gelungen und man kann sich zunächst in jede der einzelnen Geschichte gut einfühlen. Die Bienen-Thematik finde ich dann jedoch insgesamt viel zu schwach. Erst kurz vor Schluß wird einem die eigentliche „Geschichte der Bienen“ in 2 Seiten vorgestellt, mir aber viel zu gefühllos, da hätte man mehr daraus machen können. Findet sich dort doch so viel mehr Brennstoff, den man schon viel früher in der Geschichte platzieren hätte können. So wird es nur nebenbei „abgehandelt“.
    Für mich ein wenig enttäuschend in der Ausarbeitung, die Geschichten gerade in der Mitte des Buches zu zäh, zu wenig Dramatik, zu wenig Gesellschaftskritik, die zukünftige Welt zu detailarm und die einzelnen Familienkonflikte zu schwach und ohne schlüssige Auflösung dargestellt. Ein etwas zu tristes Buch hinter einen tollen Idee, aber vielleicht wollte die Autorin genau das hinterlassen. Einen Anlass zum Nachdenken auf eine bedrückende Zukunftsvision. Das ist ihr bei mir gelungen.
    Trotz allem Danke für Deine Vorstellung.

    1. Hallo Anderl, vielen herzlichen Dank für deinen ausführlichen und schönen Kommentar! Und ja – deine Kritik kann ich auch nachvollziehen und teile sie auch in Teilen.

      Viel Freude dir auch hier weiterhin auf dem Blog – auf viele weitere spannende Bücher!

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