Michael Köhlmeier – Das Mädchen mit dem Fingerhut

Das wilde Kind 

Köhlmeier_25055_MR2.inddEin kleines Mädchen taucht quasi aus dem Nichts in einer Stadt auf. Von einem Onkel mehr oder weniger ausgesetzt stromert es fortan getrieben wie ein Korken in den Wellen, durch eine Stadt und eine Gesellschaft, die es nicht kennt. Erwachsene Menschen kreuzen seine Wege, doch das Mädchen wirkt getrieben und geht den Erwachsenen aus dem Weg. Einzig beim Wort „Polizei“ schreit das Kind und sträubt sich gegen jede Vereinnahmung.
Konsequent nimmt Köhlmeier in seiner neuen Erzählung die Perspektive eines kleines Kindes ein. Mit leichtem österreichischen Idiom betrachtet er diese wundersame Welt aus den Augen seiner Yiza. Dies gelingt ihm ähnlich gut wenn nicht sogar besser wie in seinem Roman Die Abenteuer des Joel Spazierer. In kurzen, parataktischen Sätzen begleitet er das Wesen und seinen Taumel durch die Welt.

Vieles in dieser Erzählung wird nur angerissen und bleibt ungefähr, ebenso wie das verschwommene Kind auf dem Cover. Woher kommt das Mädchen? Was sind seine Hintergründe? Wo spielt die Geschichte? Nach 140 Seiten ist man nicht wirklich schlauer, was die Identität von Yiza betrifft, doch hat man mit ihr Zeit verbracht und eine Ahnung davon bekommen, wie das Leben als Außenseiter oder als Schwacher in unserer Gesellschaft sein muss.
Für mich schwankt diese Erzählung Köhlmeiers irgendwo zwischen einer Novelle und einem lyrischen Text. Die kurze, sachliche und schmucklose Prosa Köhlmeiers bürstet die ungewöhnliche Geschichte noch einmal gegen meine sonstigen Lesegewohnheiten und zwang mich zu genauem Lesen.
Das Mädchen mit dem Fingerhut sensibilisiert für die Schicksale der von der Gesellschaft Ausgestoßenen und lässt einen genauer hinblicken hinter das Schicksal vieler Menschen, die sich als Obdachlose oder Ausgestoßene über die Runden bringen müssen. Eine nachdenklich machende Lektüre.

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