Richard Flanagan – Das Buch der Fische

Ein Fisch namens William Buelow Gould

Durch Zufall durchstöberte ich vor wenigen Wochen wieder einmal meine Lieblingsbuchhandlung in meinem alten Münchner Viertel, als ich auf Goulds Buch der Fische von Richard Flanagan stieß. Der Titel ist eine Neuausgabe, das Original erschien auf Deutsch bereits im Jahr 2002 und wurde nun noch einmal neu aufgelegt – zum Glück!

Goulds Buch der Fische

Goulds Buch der Fische

Hinter dem Titel verbirgt sich eine mit dem Commonwealth Prize ausgezeichnete Geschichte, die so grandios wie überschäumend ist. Der Roman wird in zwölf Fischen erzählt, die die Kapitelgliederung darstellen. Das Ganze wird gleich von zwei Rahmenhandlungen ummantelt. Die erste ist die eines Möbelfälschers, dem aus Zufall in einem alten Möbelstück Goulds Buch der Fische entgegenfällt. Zu seiner großen Verblüffung beginnt das Buch zu leuchten und ihn in seinen Bann zu schlagen. Doch die darin erzählten Geschichten sind zu tolldreist, als dass ihnen ein Experte Glauben schenkt. Inmitten dieser Rahmenhandlung setzt dann die zweite Ebene ein, die uns zu William Buelow Gould bringt. Dieser sitzt in einer Zelle in Tasmanien Anfang des 19. Jahrhunderts ein und schreibt mit Fischblut sein Vermächtnis, das ihn in jene Zelle brachte. Seine Lebensgeschichte erweist sich als fantastisch – die Abenteuer von Don Quijote oder des Soldaten Schwejk verblassen geradezu neben Goulds Aventuren, die ihn nach Tasmanien, Amerika und England führten. Mehr soll an dieser Stelle auch nicht erzählt werden – diese Abenteuer müssen gelesen werden!

PfadGoulds Buch der Fische ist eine perfekt konstruierte Erzählung und ein Leseereignis im besten Sinne. Diese Robinsonade ist ein barocker, überbordender und sprachmächtiger Titel, ein Schelmenroman und eine sprudelnde Spimplicissimus-Variation, in der man versinkt wie ein Fisch im Ozean. Das Buch selbst wird durch Stiche der Fischillustrationen unterbrochen, die auch in den einzelnen Kapiteln wichtige Rollen spielen. Von grausamen, traurigen bis hin zu brüllend komischen Episoden fährt Richard Flanagan seine ganze Erzählkunst auf und schafft es, dass man den Titel nach seinem Ende gleich noch einmal von vorne beginnen möchte. Für mich eine Neuentdeckung, die in mir den Wunsch weckte, das gesamte schriftstellerische Schaffen Richard Flanagans kennenzulernen, allen voran seinen neuesten, mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman Der schmale Pfad durchs Hinterland. Dieses Buch hat das Potential zu einem meiner absoluten Lieblingslektüren – und das schaffen bei der Masse an Büchern, mit denen ich mich beschäftige, wahrlich nicht viele Titel!

5 comments

  1. Flanagan kann grandios erzählen und erfindet ungemein viele, verzweigte Geschichten. Habe ihn über sein aktuellen Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ entdeckt und selten so angeregt viel beim Lesen und danach recherchiert. Mit dieser Begeisterung habe ich mich dann auch an „Goulds Buch der Fische“ gemacht. Doch das war mir dann des Guten zuviel. Habe es abgebrochen. Aber der aktuelle Roman zählt zu meinen beeindruckendsten Lektüreerlebnissen in jüngster Vergangenheit: https://thomasbrasch.wordpress.com/2016/01/27/the-last-post/

    1. Deinen Post hatte ich gesehen, ihn aber willentlich erst mal überflogen, da mich das Buch wirklich sehr anspricht und ich mir einen unvoreingenommenen Leseeindruck verschaffen will. In „Goulds Buch der Fische“ habe ich einen sprudelnden Erzähler voller Einfälle kennengelernt – und wenn „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ deiner Meinung nach besser ist, dann freue ich mich wirklich auf diese Lektüre, die mir da bevorsteht. Definitiv eine Neuentdeckung für mich, dieser Richard Flanagan (und im Juni wird ja noch ein Titel von ihm neu aufgelegt, wie ich gesehen habe)!

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