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Noah Hawley – Vor dem Fall

Netflix-Afficionados könnte der Name dieses Autors schon bekannt vorkommen – denn als Headautor ist Noah Hawley für die grandiosen beiden Staffeln der Serie Fargo verantwortlich, die lose auf dem legendären Film der Coen-Brüder basiert. Auch für die Serie Bones-Die Knochenjägerin steuerte der amerikanische Drehbuchschreiber Skripte bei. Nun liefert Hawley als Autor auf dem deutschen Buchmarkt sein zweites Buch ab- Vor dem Fall heißt der Titel.

Vor dem Fall von Noah Hawley

Vor dem Fall von Noah Hawley

Darin erzählt er von einem Flugzeugabsturz, dessen Vorgeschichte und dessen Konsequenzen. Ein Privatjet mit einem Newsmogul und dessen Familie sowie weiteren illustren Gästen an Bord, stürzt auf dem Weg von Martha’s Vineyard nach New York ab. Den Absturz haben nur der per Zufall an Bord befindliche Maler Scott Burroughs und der Sohn des Newsmoguls überlebt, den Scott in einem Akt übermenschlicher Anstrengung stundenlang durch das Wasser zieht und damit rettet. Die Medien stürzen sich schon bald auf Scott und den Jungen und beleuchten den Hintergrund des Malers und ergehen sich in dubiosen Spekulationen.

Währenddessen bedrängen Scott auch die Ermittlungsbehörden, die erfahren wollen, was an Bord der Maschine wirklich geschah. Doch die Erinnerungen von Scott sind durch den Unfall wie ausgelöscht. Erst allmählich drängen diese Erinnerungen den Wrackteilen des Flugzeugs gleich an die Oberfläche.

Mit Vor dem Fall ist Noah Hawley ein toll komponierter Roman gelungen, der durch seine geschickte Montage die Spannung über die 446 Seiten zu tragen weiß. Stück für Stück enthüllt der Autor die Wahrheit, auch indem jede der an dem Flug beteiligten Personen eine eigene Rückblende erhält, wie z.B. die Stewardess oder der Leibwächter des Newsmoguls. Immer neue Facetten treten so zutage und machen das Bild des Absturzes immer runder. Daneben flechtet Hawley auch noch Bildbetrachtungen von Werken ein, die Scott Burroughs gemacht hat und erzählt in Rückblenden von dessen Leben. Dies ist handwerklich mehr als sauber gelungen – man merkt dem Buch deutlich Hawleys Herkunft vom Film an. Durch diese außergewöhnliche Montage und die filmische Erzählweise wird Vor dem Fall zu etwas besonderem und verdient eine Lektüre!

 

Jörg Maurer – Schwindelfrei ist nur der Tod

Mörderisches Werdenfelser Land

Jörg Maurer ist schon ein Phänomen. Eigentlich als Musikkabarettist gestartet, begann er im Jahr 2009 im Fischer-Verlag die Reihe um den Kommissar Jennerwein, der in jenem pittoresken Kurort ermittelt, dessen genauer Name nie in den Büchern auftaucht. Fortan wurde die Reihe zu einem beachtlichen Erfolg und war meist in den oberen Regionen der Spiegel-Bestsellerlisten zu finden. Dabei experimentierte der Verlag des Öfteren mit Format- und Veröffentlichungsarten. Der neueste Streich ist nun als Paperback erschienen und trägt den Titel Schwindelfrei ist nur der Tod.

MaurerDarin hat Kommissar Jennerwein wieder einen mehr als komplexen Fall zu lösen, der ihn diesmal auch zurück in die Vergangenheit führt – und zwar zu einem Banküberfall, der sich im Sommer des Jahres 1971 in München abspielte. Dieser auf einer wahren Begebenheit basierende Fall wird zum Ausgangspunkt, der über vierzig Jahre später im Werdenfelser Land einige Turbulenzen auslöst. In diese Turbulenzen kommt auch ein Heißluftballon, der einfach über dem Himmel des Kurorts verschwindet – an Bord ein ganzes Ensemble an Typen, vom Bauunternehmer bis zum geheimnisumwitterten Anonymus. Und dann ist da noch der mysteriöse Alte namens Dirschbiegel, den Kommissar Jennerwein des Öfteren aufsucht, und der auch irgendwie mit dem bayerischen Kriminaler verbandelt zu sein scheint.

Es könnte drunter und drüber gehen, wenn man mit Jörg Maurer nicht einen Erzähler hätte, der vielstimmig durch den undurchsichtigen bayerischen Filz zu geleiten weiß. Wie gewohnt souverän hält der Garmisch-Partenkirchner die Erzählfäden in der Hand und springt zwischen den unterschiedlichen Protagonisten, Zeitsträngen und Erzählebenen hin und her – und verliert dabei den Leser nicht aus den Augen.

Vom Sommer 1971, an dem der Hit Chirpy, chirpy cheep cheep der Band Middle of the road nicht aus den Ohren zu kriegen war bis hin zum Treiben im sonnig-sommerlichen Kurort – Maurer findet die richtigen Worte, um Stimmung zu erzeugen und aus seinen Worten Bilder im Kopf werden zu lassen.

Gewitzte Einfälle durchziehen das Buch, auch wenn manche Wortspielereien oder Gags etwas überstrapaziert werden – Fans der Reihe werden sich schnell wieder zurechtfinden und die Anspielungen zu goutieren wissen (bestes Beispiel hier der berühmte Maler Wotzgössel, der dem Leser schon einst in Niedertracht begnetete). Von Albernheiten bis zum Anziehen der Spannungsschraube beherrscht Maurer die Klaviatur des Schreibens und wird somit auch mit diesem Titel der Jennerwein-Reihe wieder in die Bestseller-Rankings vorstoßen.

Fazit: Auch im mittlerweile achten Band der Reihe schwächelt Jörg Maurer nicht und serviert wie gewohnt eine komplexe Kriminalgeschichte voller Pointen, Wortspielereien und bayerischem Lebensgefühl. Ein Schmankerl unter den Heimatkrimis!

 

Patricia Melo – Leichendieb

Absturz in Südamerika

Ein Flugzeugabsturz im südamerikanischen Dschungel, ein Paket voller Drogen im Flugzeug und ein ganz schlechter Plan – dies könnte ein Substrat des ohnehin schon sehr kompakten Romans „Leichendieb“ von Patrícia Melo sein.

Ein Absturz mit Folgen

Nachdem er beruflich schon abgestürzt ist und seinen Job verloren hat, wohnt ein Angler im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Kolumbien einem zweiten Absturz bei. Ein Pilot verliert die Kontrolle über sein Kleinflugzeug und stürzt mitsamt der Maschine in den Fluss. Der Angler nähert sich der Absturzstelle und macht eine fatale Entdeckung. Neben dem Piloten befindet sich nämlich auch ein Päckchen mit Kokain an Bord der Maschine – das er an sich nimmt.
Und damit halst sich der Kokaindieb erst richtigen Ärger auf. Denn der Einstieg ins Drogengeschäft ist mit mehr Problemen gepflastert, als er sich vorgestellt hat. Schon bald wird er zwischen den mörderischen Fronten der Drogenbanden aufgerieben und rutscht immer tiefer ins Schlamassel. Und auch privat machen ihm seine Beziehungen zu schaffen. Es wird für ihn immer schwieriger, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen,
Denn wen der Drogensumpf einmal verschluckt hat, den gibt er nicht so leicht wieder her. Um zu Überleben muss der Kokaindieb gar zum Leichendieb werde …

Ein interessanter Einblick in die Drogenszene

https://www.flickr.com/photos/peterulrich/
Mit „Leichendieb“ erlaubt Patrícia Melo dem Leser des 2014 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Werks einen hochaktuellen Einblick in die südamerikanische Drogenszene. Ähnlich wie in Don Winslows Romanen „Tage der Toten“ oder „Savages“  zeichnet die Autorin ungerührt ein Bild davon, wie Drogen die Menschen korrumpiert und sie über Leichen gehen lässt, um die eigene Haut zu retten.
Immer tiefer lässt sie ihren Helden in das selbstverursachte Schlamassel rutschen. Besonders beklemmend wird dies durch die gewählte Ich-Erzählperspektive, die den Leser in die Position des Leichendiebs zwingt. Obwohl man sich eigentlich mit diesem skrupellosen Menschen, der Leichen bestiehlt, identifizieren will, sieht man die Welt mit seinen Augen und bangt mit ihm. Gelingt es ihm sich aus dem Klammergriff der Drogenkartelle zu befreien?

Oszillierend zwischen Thriller und Komödie

Man kann „Leichendieb“ natürlich als knallharten Thriller begreifen, in dem ein Mann mit allen Mitteln um sein Überleben kämpft. Dabei muss man aber auch die komödiantischen Elemente des Buches würdigen, die immer wieder inmitten allen Grimms aufblitzen.
Durch diese Einsprengsel nimmt Melo ihrem Buch viel Schwere und sorgt dafür, dass man inmitten des Absturzes des Leichendiebs auch einmal kurz innehalten kann. 
Nach ein bisschen mehr als 200 Seiten ist der Spuk dann auch schon wieder vorbei und man hat sich aus dem südamerikanischen Drogensumpf freigekämpft. Ein schnelles, böses aber teilweise auch komisches Buch, das einen interessanten Einblick in die Drogenszene in Südamerika erlaubt!