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Christof Weigold – Der Mann, der nicht mitspielt

Mächtige Studiobosse, die sich erlauben können, was sie wollen. Partys mit leichten Mädchen, Strömen von Alkohol und Drogen. Vergewaltigungsvorwürfe, sakrosankte Leinwandstars und geheime Seilschaften von Produktionsfirmen. Wer glaubt, dass hier das Hollywood unserer Tage beschrieben wird, in dem die Machenschaften von Männern wie Harvey Weinstein, Kevin Spacey oder Louis C.K. viel zu lange toleriert wurden (oder auf Deutschland bezogen etwa die Causa Dieter Wedel) – der sieht sich schnell getäuscht. Denn Christof Weigolds Debüt Der Mann der nicht mitspielt – erzählt genau von diesen Skandalen, allerdings bereits 100 Jahre zuvor. Er widmet sich den Gründungsjahren Hollywoods und zeigt ein einziges Sündenbabel, in dem trotz Prohibition der Champagner fließt und die Sahnetorten genauso wie die Kugeln fliegen. Und mittendrin – Hardy Engel.

Dieser Hardy Engel heißt eigentlich Reinhard Engel, kämpfte im Ersten Weltrkieg für Deutschland, bevor er beschloss, den Weg über den großen Teich anzutreten und sich in Hollywood zu verdingen. Jenes Hollywood ist aber auch schon im Jahre 1921 alles andere als eine Traumfabrik. Denn wenn Hollywood etwas kann, dann ist es das: die Träume der Möchtegern-Starlets schnell zum Platzen zu bringen. So sind auch Hardys Ambitionen als Schauspieler recht schnell passé, stattdessen ist er gezwungen, sich als Detektiv zu verdingen. Und sein erster Fall beginnt dann auch gleich wie es klassischer auch bei Philip Marlowe oder Sam Spade nicht sein könnte: eine attraktive rothaarige Dame sucht Hardy auf, damit er ihre Freundin aufspürt. Sie ist verschwunden und Pepper, so der Name seiner Klientin, macht sich Sorgen um ihren Verbleib.

Hardy beschließt, sich der Klientin anzunehmen und gerät damit in einen Fall, der zu einem Strudel für halb Hollywood wird. Denn die Traumfabrik Hollywood steht zu ihrer Gründungszeit auf tönernen Füßen. Zensoren machen den Studios die Arbeit schwer, kapriziöse Stars wollen umhegt werden und nicht minder kapriziöse Regisseure lechzen auch nach Anerkennung und ambitionierten Projekten – und das alles inmitten der Prohibtion. Da passt ein eigensinniger Schnüffler wie Hardy nicht so recht ins Konzept – vor allem, wenn dieser dann auch noch so unangenehme Dinge wie Erpressungen, Vergewaltigunsvorwürfe oder sogar Morde ans Licht bringt. Denn vieles ist in Hollywood wirklich nur Fassade – wenn man dahinter blickt, kann dies schnell tödlich werden. Das muss auch Hardy feststellen, denn seine Ermittlungen bringen den Deutschen zwischen die Fronten der rivalisierenden Filmstudios. Und diesen geht es primär nicht um die Auflärung der wirklichen Geschehnisse, sondern eher um eigene Gewinne und Interessen.

Mit Der Mann, der nicht mitspielt hat Christof Weigold ein Buch geschrieben, das zwar 1921 angesiedelt sein mag, bei dem aber immer wieder Parallelen in die heutige Zeit ins Auge fallen. Das ethisch nicht immer tragbare Verhalten der Mächtigen in Hollywood erscheint so aktuell wie eh und je. Fast könnte man meinen, dass auch eine #metoo-Bewegung und die in Verbindung damit enthüllten Skandale schon vor 100 Jahren hätten passieren können, wenn die Medien ein Interesse an der Aufklärung gehabt hätten. Doch auch diese haben – allen voran die Blätter des Medienmoguls William Randolph Hearst – eine ganz eigene Agenda und versuchen mit unlauteren Mitteln ihre eigenen Absätze zu steigern.

Christof Weigold hat für sein Debüt ein originelles Setting gewählt, in dem künftig noch öfter ermittelt werden wird. Den besonderen Reiz erhält das Buch durch die Verbindung von Kriminalfall, historischen Schilderungen der Entstehung Hollywoods und der Vermischung von Fakt und Fiktion. Größen wie der damalige Universal-Gründer Carl Laemmle oder Regisseure wie Erich von Stroheim oder Cecil B. DeMille kreuzen immer wieder Hardy Engels Weg, der sich als mustergültiger Hardboiled-Detektiv durch Los Angeles und San Francisco ermittelt. Dabei sollte man auch nicht verschweigen, das nicht alles an Der Mann der nicht mitspielt im ersten Anlauf perfekt ist. Die Charaktere würden etwas mehr Profil vertragen, der Prolog nimmt dem Buch mehr, als dass er gibt; auch dürfte Christof Weigolds Sprache noch eine Idee bunter und sogkräftiger werden (wenn zu lesen ist, dass zwei Polizisten Löcher in ihr Polizeiauto gemacht haben, dann würde ich mir doch etwas mehr Rafinesse wünschen). Auch bekommt ein Setting nicht automatisch dadurch Tiefe, das man alle möglichen Büsche oder Bäume aufzählt, die sich auf dem jeweiligen Gelände befinden.

Von diesen Mäkeleien abgesehen ist Weigolds Debüt eine tolle neue Stimme im boomenden Genre des historischen Kriminalromans. Zwar ist für die kommenden Bände noch etwas Luft nach oben, nichtsdestoweniger ist Der Mann, der nicht mitspielt eine gelungene Hollywood-Hommage und ein toller Krimi mit Noir- und Hardboiled-Anklängen. Ich bin auf Hardys weitere Fälle gespannt.

Elizabeth H. Winthrop – Mercy Seat

And the mercy seat is waiting
And I think my head is burning
And in a way I’m yearning
To be done with all this measuring of proof.
An eye for an eye
And a tooth for a tooth
And anyway I told the truth
And I’m not afraid to die.
(Nick Cave & The Bad Seeds – The mercy seat)

Dieser Song war es, der die amerikanische Autorin Elizabeth H. Winthrop zu ihrem Roman Mercy Seat inspirierte. Sie überführt damit den Text Nick Caves in Romanform – und das gelingt ihr bravourös!

Multiperspektivisch blickt sie in das kleine Städtchen St. Martinsville in Louisiana im Jahr 1943. Wie aus der Zeit gefallen wirkt dieser Ort, die Segregation zwischen Weiß und Schwarz ist unvermindert im Gange. Fast meint man, den Ku Klux Klan jeden Moment um die Ecke biegen zu sehen. Doch auch ohne Pferde und Masken gärt es inmitten der Bevölkerung. Auslöser ist der junge Schwarze Will, der ein Mädchen vergewaltigt haben soll. In der Folge tötete sich das Mädchen selbst – und nun wollen die Bewohner St. Martinsville Blut sehen.

Will sitzt in Untersuchungshaft, ein Elektrischer Stuhl wird aus der Nachbarstadt zur Hinrichtung gebracht – und der zuständige Staatsanwalt zweifelt. Nicht nur er hat seine Zweifel, auch andere Dorfbewohner stehen der drohenden Exekution kritisch gegenüber. Elizabeth H. Winthrop lässt hierfür eine Vielzahl von unterschiedlichsten Menschen zu Wort kommen – vom Sohn des Staatsanwaltes bis hin zum trinkenden Pfarrer, der frisch nach St. Martinsville versetzt wurde. Die Bewohner des Bayous begegnen sich immer wieder, beeinflussen sich gegenseitig und erzeugen so ein nuanciertes Bild von Verbrechen, Strafe und dem, was die Hinrichtung für die Gesellschaft bedeutet.

Der Autorin gelingt dabei das Kunststück, jeder Figur trotz des sehr begrenzten Spielzeit ein eigenständiges Profil und Tiefe zu verpassen. Eindrucksvoll fängt sie die brodelnde Stimmung tief im Süden der USA ein und erschafft ein Stück Literatur, das an andere Größen wie etwa William Faulkner erinnert. Eine packende Geschichte, ein Dorfporträt, eine Studie über Rassismus und Ausgrenzung, die auch als Nukleus der gegenwärtigen Probleme der USA funktioniert. Toll von Hansjörg Schertenleib übersetzt ist das Buch eine wirkliche Entdeckung – gerne empfohlen!

 

Lauren Groff – Licht und Zorn

Was weiß man in einer Ehe wirklich über den Partner? Wer ist eigentlich diese Person gegenüber, der man die ewige Treue geschworen hat, in guten wie in schlechten Zeiten und was kennt man von ihr? Wenn es nach Lauren Groff in Licht und Zorn geht, gar nicht einmal so viel. Denn sie zeigt in ihrem Roman eindringlich, dass man zwar eine Ehe leben kann, dahinter allerdings zwei völlig unterschiedliche Leben stecken können, die nicht immer viel gemeinsam haben.

So etwa wie die beiden Leben von Lancelot, genannt Lotto, Satterwhite und Mathilde Yorden. Lotto, ein Draufgänger und Weiberheld, entflammt auf einer Wohnheim-Party auf dem Campus in unsterblicher Liebe zu Mathilde, die gerade durch die Tür den Raum betritt. In einem impulsiven Überschwang der Gefühle macht er Mathilde den Antrag und wenige Wochen später wird tatsächlich geheiratet. Dinge wie Kennenlernen oder gar eine Verlobungsphase gibt es bei Mathilde und Lotto nicht. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeiten übersteht die Ehe die Zeit. Die beiden jungen Studenten wachsen zusammen, ergänzen sich, Lotto steigt zum erfolgreichen und vielgespielten Dramatiker auf, während Mathilde ihm den Rücken freihält und ihn erdet. Die beiden Menschen sind das Musterbeispiel einer Symbiose – das Eheversprechen scheint für sie wie gemacht.

So erleben wir dies zumindest im ersten mit Licht überschriebenen Teil des glänzend geschrieben und komponierten Romans. Lotto als Mittelpunkt der Erzählung zeigt sich als narzisstischer, verletzlicher und auch widersprüchlicher Mensch, der immer neu um schöpferische Eingebung ringt und dessen von ihm ersonnenen Stücke und Opern sich auch in Ausschnitten in der Geschichte wiederfinden. Immer wieder zeigt Lauren Groff Lotto als Suchenden, der sich manchmal in Strudeln zu verlieren droht, wenn da nicht Mathilde wäre, die seinen Anker und Ruhepol bildet. Über Jahre hinweg begleitet sie Lotto und sein Umfeld und betrachtet seine Entwicklungsschritte hin zum gefeierten Autor.

Nach dramatischen Ereignissen, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, springt Lauren Groff anschließend in Zorn zu Mathilde und erzählt nun ihr Leben und ihre Sicht der Ehe. Hier zeigt sich langsam die vollständige Klasse dieses Romans, denn Mathildes Blickpunkt macht aus diesem bis dahin bereits großartigen Roman endgültig ein Meisterwerk. Der Gegenblick auf alle Ereignisse, das was man dem Partner verschweigt und Überraschungen, die einen selbst ereilen – all das ist wunderbar und glaubwürdig gelungen. Immer wieder fragt man sich, ob man gerade wirklich von jener Ehe liest, die Lotto zuvor geschildert hat.

Die Blitzhochzeit, das Davor und Danach – Lauren Groff zeigt sich als Meisterin der Montage und des Erzählens. Ihr gelingt es, Mathilde genauso plastisch und glaubwürdig wie Lotto zu zeichnen. Durch diesen zweiten Teil wird das Buch erst abgerundet und ergänzt – wobei sich Groff bis zum Schluss Enthüllungen und Kniffe vorbehält. Das lässt den Roman zu keiner Sekunde langweilig werden, im Gegenteil. Obwohl man annehmen könnte, dass es nichts Öderes und Konventionelleres als die Schilderung einer Ehe gibt – ein packenderes Leseerlebnis habe ich in letzter Zeit kaum erlebt.

Beständig schwankt man in der Bewertung dieser Ehe und ihrer ProtagonistInnen. Soll man Lotto und Mathilde bewundern für ihren Wagemut und ihre Hingabe – oder ist vielmehr das Gegenteil angebracht und die beiden verdienen Mitleid oder gar Verachtung? Wunderbar ambivalent erzählt Lauren Groff diesen ausgefuchsten Plot, vieles bleibt in der Schwebe und am Ende dem Leser selbst überlassen. Dies macht für mich die Klasse dieses Buchs aus, obwohl natürlich noch viele weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Wie oben schon angedeutet, ist ein weiterer Faktor auch die Bauart des Romans. Neben der konsequenten Zweiteilung in Lottos und Mathildes Sicht ist die Montagetechnik Groffs wunderbar – ganze Zeitabschnitte werden von ihr gerafft, dann springt sie wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Das sorgt für Abwechslung im Lesefluss und fordert den Leser. Auch die Sprache von Lauren Groff ist poetisch, präzise, immer angemessen – und natürlich muss an dieser Stelle dann auch die Übersetzerin Stefanie Jacobs genannt werden. Eine großartige Leistung, wie sie den sprachmächtigen Plot ins Deutsche überführt.

Selten begegneten mir bislang derart plastische Figuren, die weit über das Buchende bei mir blieben. Die Strahlkraft dieses Romans ist genauso enorm wie sein erzählerischer Sog. Ein Buch, das zum Wiederlesen einlädt oder dies sogar implizit einfordert. Definitiv ein Kandidat für meine ewige Top 10. Ich gebe für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung ab – besonders auch dann, wenn man vor der Entscheidung steht, den Bund fürs Leben einzugehen.

 

vielschichtig

Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

Zwei Herzen in meiner Brust

Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin. (Nguyen, Viet Thanh, Der Sympathisant, S. 9)

Was für ein Einstieg in den Roman Der Sympathisant von Viet Thanh Nguyen. So groß wie der Einstieg in das Buch ist auch der ganze Rest dieses außergewöhnlichen Romans – ein ganz großer Wurf! Nguyens Buch betrachtet die Verwerfungen Vietnams in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive eines Doppelagenten, der nicht mehr weiß, welchem Land seine Treue gehört und wer er eigentlich selbst ist.

Diese Dialektik, die schon durch das kongeniale Cover und das Intro eingeführt wird, setzt sich in der Person des Ich-Erzählers fort. Jener sitzt gerade in Haft und legt nun ein schriftliches Geständnis ab. Mithilfe dieses klassischen Kniffs fächert nun Nguyen die Biographie seines (Anti)Helden auf. Wer er ist und wie er zu dem wurde, was er nun ist, das blättert sich langsam vor den Augen des Lesers auf. Die Janusköpfigkeit dieses Erzählers gründet schon in seiner Geburt, denn er kam als Bastard eines Amerikaners und einer Vietnamesin zur Welt. Diese Mischung verwehrte ihm zeitlebens den Zugang zu geschlossenen Kreisen und sorgt dafür, dass er schon in der Schule stets abgestoßen wurde und sich außerhalb der Gesellschaftsschichten wiederfand.

In seinem Wirken setzt sich diese doppelte Polung nahtlos fort, denn schon zu Beginn des Romans muss der Sympathisant im Gefolge eines Generals aus dem unter Beschuss stehenden Saigon fliehen. Hier setzt die Handlung ein und begleitet die Flucht des Erzählers bis nach Amerika. Dort lässt sich der General mit seiner Entourage in Los Angeles nieder. Während nun die Expats aus Vietnam ein Leben fernab von Panzerbeschuss und militärischen Verwerfungen führen, wird der Sympathisant langsam zwischen seinen Identitäten zerrieben. Besonders deutlich wird dies bei einer der eindrücklichsten Episoden des Buchs – denn als „echter“ Vietnamese soll er Hollywood beim Drehen eines Blockbusters unterstützen, der den Vietnamkrieg thematisiert. Auch wenn dieser Film im Buch den Arbeitstitel Das Dorf trägt, so sind doch die Bezüge kristallklar erkennbar (Francis Ford Coppola lässt grüßen).

Immer weiter erodieren die Sympathien, immer unklarer wird, wohin der Sympathisant eigentlich gehört. Diese Zerrissenheit fasst Viet Thanh Nguyen in sprachgewaltige Bilder (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch durch Wolfgang Müller). Weiß oder schwarz? Der Sympathisant ist eindeutig grau, weder ist er klarer Held, noch Antiheld. Zerrieben zwischen den Polen, gebunden an ein Land, das ebenso fremdbestimmt ist und war wie der Sympathisant selbst. Nguyen bietet keine Antworten, sondern beobachtet nur, die Gräuel des Krieges fasst er genauso wie sinnliche Szenen in Worte. Zu Recht wurde dieser Roman mit dem Pulitzerpreis im Jahr 2016 ausgezeichnet, denn der vietnamesisch-amerikanische Autor schafft es in diesem meisterhaft komponierten Buch, einen Gegenblick auf das normalerweise von der amerikanischen Lesart dominiert Kapitel Vietnam und dessen Konflikte zu werfen. Stark!

Kurz und gut

Gael Faye- Kleines Land

Was passiert, wenn man den Ort seiner Kindheit hinter sich lassen musste und in einem anderen Land erwachsen wird? Davon erzählt Gael Fayes Debüt Kleines Land. Sein Protagonist Gabriel, genannt Gaby, wächst in Burundi mit seiner Schwester auf. Sein Vater ist Franzose, seine Mutter stammt aus Burundi und gehört der Ethnie der Tutsi an. Die unbeschwerte Kindheit endet aber recht bald, als nach einem Militärputsch die Auseinandersetzungen von Hutu und Tutsi zunehmen und schließlich in einem brutalen Bürgerkrieg münden. Nach der Flucht aus diesem sich selbst zerstörenden Land lässt Gaby die Erinnerung allerdings nicht los und er beschließt, noch einmal nach Burundi zurückzukehren.

Ein Buch, das ordentlich beginnt und dann immer faszinierender und besser wird, ehe es in einen packenden Schluss mündet. Faye erzählt bildstark und sehr farbig. Literatur über Afrika und dessen Menschen und Länder fristet in unserem literarischen Bewusstsein doch eher ein Nischendasein, umso schöner, dass uns hier ein junger frankophoner Autor in die wechselvolle Geschichte Burundis eintauchen lässt. (Übersetzung von Brigitte Große und Andrea Alvermann)

 

Hari Kunzru – White Tears

Hari Kunzru erschafft mit White Tears einen reizvollen Bastard aus Musikgeschichte, magischem Realismus und amerikanischer Gesellschaftsanalyse. Ähnlich wie Grégoire Hervier in Vintage ist es bei Kunzru auch die Musik, die einen Strudel aus Tod und Verderben auslösen wird. Dabei beginnt bei Kunzru eigentlich alles recht unscheinbar, und zwar mit der Freundschaft von Seth und Carter. Jene freunden sich auf dem Campus an und halten ihre Freundschaft auch nach dem Studium aufrecht. Ein von ihnen aufgenommenes und verfremdetes Musikstück wird dann allerdings zum Wendepunkt, an dem sich ihre Freundschaft und schon bald ihre Leben scheiden. Denn dieses Musikstück führt zu einem schweren Angriff auf Carter – und Seth beschließt, dem von ihnen produzierten Musikstück auf den Grund zu gehen. (Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Kunzru schickt seinen Helden auf einen düsteren Trip in den (musikalischen) Süden der USA. Dabei stößt er an die Wurzeln von Rassismus, Blues und kultureller Aneignung vor. Ein Buch, das sich einer Einordnung konsequent entzieht, und das durch seine flirrende Art zu den eindrücklichsten und originellsten Büchern dieses Bücherherbstes gezählt werden darf.

 

Sarah Perry – Die Schlange von Essex

In ein unbekanntes England entführt die Autorin Sarah Perry in ihrem wirklich wunderbar gestalteten Buch Die Schlange von Essex. Ihre Geschichte spielt im ländlichen Essex gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Während sich zu dieser Zeit Sherlock Holmes bereits durch ein rasch wandelndes und von der Industrialisierung gekennzeichnetes England ermittelt, herrscht bei Perry noch höchste Entschleunigung. Ihre Heldin ist Cora Seaborne zieht sich aus Land nach Essex zurück, nachdem ihr Mann verstorben ist. Dort kollidiert sie mit dem ansässigen Pfarrer, der einen Gegenpol zu Cora bildet. Denn die Leidenschaft der jungen Frau gilt den Naturwissenschaften und dem Kampf um Selbstbestimmung. Punkte, die zu Konfrontationen mit William Ransome, so der Name des Pfarrers, führen. Doch lauert unter allem Streit auch eine starke Anziehungskraft zwischen beiden Parteien. (Übersetzung von Eva Bonné)

Leider konnte der von Sarah Perry entfachte Funke bei mir nicht überspringen. Über allen eigenwilligen Figuren vergisst Perry für meinen Geschmack etwas zu sehr, die Handlung zu strukturieren und voranzutreiben. Stattdessen dominiert das Figurenensensemble, was bei mir für einige Lesedurchhänger sorgte. Mehr Esprit und Agilität hätten dieser Schlange gut getan!