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John Williams – Augustus

Die Erfolgsgeschichte von John Williams mutet ziemlich kurios an. Zu Lebzeiten recht erfolglos brachte der amerikanische Professor und Schriftsteller nur vier Romane zuwege, darunter die Titel Stoner und Butcher’s Crossing. Der Erfolg blieb recht überschaubar und erst 20 Jahre nach seinem Tod avancierten die oben genannten Bücher zu Welterfolgen. Die einzige Ausnahme stellt sein letzter Roman Augustus dar, der ihm schon zu Lebzeiten den National Book Award einbrachte und die Kritik aufhorchen lies.

Genau 43 Jahre nach dieser Auszeichnung erscheint der Roman nun von Bernhard Robben ins Deutsche übertragen bei dtv. Im Vergleich zu den beiden schon zuvor publizierten Romanen lässt sich hier konstatieren – dieser Roman fällt aus dem Rahmen. Nicht nur wegen des Topos, das von den amerikanischen Settings komplett abweicht, sondern auch von der Schreibweise her.

augustusDer Roman erzählt die Lebensgeschichte des Gaius Octavius Cäsar, der unter seinem Namen Oktavian beziehungsweise Augustus zu einem der wichtigsten Persönlichkeiten der Geschichte wurde und diese entscheidend mitprägte. Für seine fiktive Biographie des Cäsaren wählt Williams die Form einer Collage. Chronologisch spannt der Autor den Bogen von den Jugendjahren Augustus über dessen Nachfolge des ermordeten Cäsars bis hin zu seinem Tod im Alter von 77 Jahren bei Neapel. Dabei lässt er Weggefährten und Augustus selbst in Briefen, Tagebüchern und Berichten erzählen. Viele der Protagonisten stehen in häufiger Korrespondez miteinander und berichten dabei von der Entwicklung Octavians hin zu Augustus. Dichter wie Vergil oder Horaz schreiben über ihn, Seneca und Cicero finden mit ihren Schriften auch Eingang in den Roman. Williams verwendet für seinen Roman sogar in den Text eingebaut Auszüge aus der Propagandaschrift Res gestae divi Augusti, die die Heldentaten Augustus‘ preisen.

Dies ist profund gestaltet, allerdings ist dieses Buch auch das forderndste aus Williams Feder. Die Lektüre von Augustus ersetzt ein ganzes Pro-Seminar der römischen Geschichte, so detailliert hat sich der Autor eingearbeitet. Neben den zahlreichen berühmten schon oben geschilderten Namen treten auch noch weitere historische Figuren wie der spätere Kaiser Tiberius oder Augusts Weggefährten wie Maecenas und Salvidienus auf. Da die Charaktere auch untereinander immer wieder schreiben, Tagebucheinträge an Erinnerungen montiert sind und das Personaltableau nahezu uferlos ist, braucht man für diese Lektüre schon jede Menge Konzentration bzw. Erinnerungsvermögen, um alle wichtigen Charaktere im Kopf zu behalten. Erleichterung verschaffen da die angefügte Zeittafel und das Who’s who im Alten Rom. Auch der angehängte aufschlussreiche Essay des Williams-Kenner Daniel Mendelsohns soll hier lobend Erwähnung finden.

Fazit: Zweifelsohne Williams‘ ambitioniertester Roman, dessen Lektüre einiges an Zeit bzw. Willen zur Einarbeitung verlangt. Wer dies mitbringt, wird mit einem kenntnisreichen und durchaus auch modernen Roman belohnt, der mit Gewinn (wiederzu-)entdecken ist!

 

Callan Wink – Der letzte beste Ort

Es sind einfache Menschen, von denen Callan Wink in seinem Kurzgeschichtendebüt erzählt. Und genau das macht seine Erzählungen so packend, die dieser Band unter dem Titel Der letzte beste Ort versammelt.

Das Buch beinhaltet neun Erzählunge, die sich meist im Rahmen von 25-30 Seiten bewegen. Einziger kleiner Ausreißer ist die letzte Erzählung Im Nachhinein, die 65 Seiten stark ist und mit Kapiteln gegliedert wurde.

WinkWenn ich den Inhalt des Buches oder seine Stoßrichtung beschreiben sollte, gelange ich schon an meine Grenzen. Das Buch berichtet einfach von ganz normalen Menschen und den großen und kleinen Dramen des Lebens. Da ist zunächst ein Mann, der einen Hund aus seiner Gefangenschaft befreite und nun vor den Besitzern durch die Nacht davonläuft. Da ist ein Mann, der als Schauspieler an der Nachstellung der Schlacht am Little Big Horn mitwirkt, bei der der berühmte amerikanische Heeresführer Custer starb. Oder der Abschluss des Bandes – hier lässt Callan Wink eine Frau über ihr gelebtes Leben und dessen Höhen und Tiefen räsonieren.

Für mich macht den Reiz dieser hervorragenden Kurzgeschichte das Ausbleiben von Pathos und Überhöhung aus. Callan Wink schreibt auf den Punkt – mit prätentiösen literarischen Ausschmückungen hat er nichts am Hut. Er schreibt über ganz normale Menschen und ganz normale Dramen, die sich in deren Leben abspielen. Und dies gelingt ihm in einer herzzerreißenden Intensität – vor allem die zweite Geschichte Schneeschmelze berührte mich sehr. Hier schreibt ein Autor, den man gerne liest und von dem man gerne mehr lesen würde (Hoffnung gibt da die Info, dass Wink gerade an seinem ersten abgeschlossenen Roman arbeitet).

Ein Wort sollte an dieser Stelle auch noch zur besonders schönen Ausstattung dieses Buchs verloren werden. Hier hat sich der Suhrkamp-Verlag nämlich wirklich Mühe gegeben. Der Buchblock ist in einen kartonierten festen Umschlag eingebunden, der das Bildmotiv gleich aufgeprägt trägt. Das Buch liegt gut in der Hand und macht einfach Freude beim Aufschlagen. Gerne blättert man in das Buch hinein und lässt sich in die Kurzgeschichten saugen.

Hier beweist der junge Autor Callan Wink, dass das ganz einfache Leben und dessen Dramen noch immer am spannendsten sind, wenn man gut über sie zu schreiben weiß. Und Wink weiß das auf alle Fälle!

 

William Boyd – Die Fotografin

Bilder eines Lebens

Amory Clay ist Die Fotografin. Erneut legt der britische Romancier William Boyd eine Biographie über eine fiktive Persönlichkeit vor, die in ihrem Leben Geschichte erlebte und die Wege von bekannten Persönlichkeiten kreuzte. Ähnlich wie in seinen Romanen Eines Menschen Herz oder Nat Tate setzt er aus den Schlaglichtern des turbulenten und polyphonen 20. Jahrhunderts eine Geschichte zusammen, in der der Fotografie und bestimmten Bildern eine tragende Rolle zukommt.

 War die Kunst im Opus William Boyds schon immer ein zentrales Motiv, so findet auch hier die Kunst den Weg ins Buch – in der Form von zahlreichen Fotos, deren Urheberin Amory Clay sein soll. Diese geht als junge Frau in England ihren Weg, indem sie trotz Bedenken ihren Wunsch, Fotografin zu werden, in die Tat umsetzt. Unzufrieden mit ihrem Dasein als Gesellschaftsfotografin beschließt Amory, ins Berlin der 30er Jahre aufzubrechen.

In der brodelnden Stadt entdeckt sich die Fotografin selbst, konzipiert eine Ausstellung mit skandalösen Fotos aus Berliner Clubs und wird prompt polizeilich dafür belangt. In der Folge werden Amerika, London und der Vietnamkrieg zu Wegmarken in ihrem Leben, immer mit der Hand am Auslöser ihrer Kamera.

Doch nicht nur das Weltgeschehen erlebt Amory am eigenen Leib, auch bekannte Menschen werden immer wieder ihre Bahnen kreuzen und ihrem Leben immer wieder neue Impulse geben, während sich Amory als Frau behaupten muss und ihren Kampf um Selbstbestimmung führt.

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