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Michael Roes – Zeithain

Nach Norman Ohlers Buch Die Gleichung des Lebens ist Michael RoesZeithain bereits der zweite Roman in diesem Bücherherbst, der sich mit Friedrich II. von Preußen und dessen Beziehung zu Hans Hermann von Katte befasst. Dabei gelingt Roes ein eindringliches Katte-Porträt, eine Studie über Väter und ihre Söhne sowie eine Reise zu den Grundpfeilern des Mythos Preußen.

Ausgangspunkt ist Hans Hermann von Katte, der mutterlos in einem Haushalt ohne Liebe oder Fürsorge aufwächst. Seinem Vater Hans Heinrich von Katte gilt als preußischem Landjunker die strenge Disziplin als das höchste Gut; Hauslehrer, die zu liberal oder freigeistig sind, werden von Kattes Vater schneller entlassen, als ihnen lieb ist. Als Stein des Anstoßes genügt da schon, dass Katte senior zugetragen wird, sein Sohn würde in den schönen Künsten gelehrt wird. In diesem indoktrinierten und regelstarren Milieu wächst Hans Hermann von Katte heran und schafft es dennoch, sich einen Willen zur Selbstbehauptung zu bewahren.

Vom Aufwachsen in Wust ausgehend schreibt sich Roes chronologisch durch Kattes Leben, einem Aufenthalt im pietistischen Francke’schen Collegium zu Glaucha folgt dann die historisch verbürgte Kavaliersreise Kattes, ehe er den Eintritt des jungen Mannes in das preußische Heer beschreibt. Generell ist die historische Genauigkeit zu loben, mit der Roes seinen Roman versieht. Roes füllt die Eckdaten und bekannten Fakten aus dem Leben Kattes weiterhin mit einem erzählerischen Kniff. Er erfindet den Erzähler Philipp Stanhope, ein illegitimen englischen Sproß, der auf einer Seitenlinie mit dem preußischen Königshaus verwandt ist. Jener imaginiert sich in die historischen Begebenheiten hinein und wird dadurch zum Ich-Erzähler Katte. Angereichert wird das Ganze durch eine von Dissoziation und Psychosen (so zumindest meine Deutung) gekennzeichnete Rahmenhandlung, in der Stanhope die Lebensstationen von Katte noch einmal bereist. Von Glaucha über Köthen bis nach Kaliningrad, London und abschließend Küstrin führt Stanhopes Reise, die auch immer wieder von fiktiven Briefen Hans Hermann von Kattes unterbrochen wird.

In Küstrin endet dann Roes fiktionalisierte Katte-Biografie mit jenem Ereignis, das an Dramatik kaum zu überbieten ist. Im Heer verbindet Katte mit dem jungen Königssprößling Friedrich II. eine innige Freundschaft, deren Grenze zu Liebe überschritten wird. Friedrich, der unter seinem ebenfalls unmenschlich agierendem Vater, dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm, leiden musste, beschließt zu fliehen. Hans Hermann von Katte sollte ihm auf der Flucht beistehen – doch der Plan scheiterte. Beide werden festgesetzt und Katte wird in Festungshaft genommen. Als Erziehungsmaßnahme für den jungen Thronfolger beschließt Friedrich Wilhelm, Katte vor den Augen Friedrich Wilhelm II. mit dem Schwert hinrichten zu lassen.

Hans Hermann von Katte

Einen solchen Stoff kann man sich als Schriftsteller ja nur wünschen. Die Lebensgeschichte Kattes und sein Schicksal sind ein Geschenk in Sachen Dramatik und Eindringlichkeit. Schon Theodor Fontane, dessen Zitat aus den Wanderungen durch die Mark Brandenburg vorangestellt ist, begreift die Katte-Geschichte als zentrales Motiv im Mythos Preußen. Und tatsächlich gelingt es Roes glaubhaft, diesen Mythos auch durch die Leben von Katte und Friedrich II. zu begründen. Er zeigt in gelungenen Spiegelungen die Folgen von Härte und Unbarmherzigkeit in der väterlichen Erziehung und enttarnt starre Regeln wie etwa die Preußischen Tugenden als ein Joch, das junge Männer bricht und im Zusammenspiel mit Militarismus eine fatale Dynamik entwickelt.

Die Zeichnung der gegenläufigen und doch so ähnlichen Männern gelingt Roes genauso bravourös wie die Beschreibungen ihres Kampfes um Souveränität und Selbstbehauptung. Bei anderen Schilderungen gehen die Pferde dann doch etwas mit ihm durch, gerade was die wilden psychotischen Schilderungen von Stanhopes Eskapaden betrifft. So wohnt dieser etwa im nächtlichen Berliner Tiergarten der Geburt von Kojotenjungen bei, die dann im Lauf der Geschichte zu Engeln werden. Hier hätte eine Reduktion derartiger Fantastereien zugunsten der Katte-Biographie Not getan.

Stark sind die Binnenepisoden immer dann, wenn Stanhope zu den Schauplätzen aus Kattes Biografie reist und seine Eindrücke der Städte schildert. Egal ob Kaliningrad oder Köthen, die Diskrepanz zwischen dem Glamour des 18. Jahrhunderts und der Gegenwart ist frappant und wird von Roes gut herausgearbeitet. Schilderungen wie die etwa oben erwähnte Kojoten-Episode oder Nachtszenen hingegen fallen angesichts des insgesamt hohen Niveaus bedauerlicherweise ab. Auch die inkonsequente Haltung, die Stanhope’sche Rahmenhandlung im Nichts enden zu lassen, ist nicht ganz schlüssig und lässt diesen Erählstrang zur schwächsten Seiten des Buchs werden.

Die Hinrichtung Hans Hermann von Kattes

Mit dem Setting rund um Hans Hermann von Katte hingegen kann Roes umso mehr überzeugen, mehrere Punkte machen die Qualität dieses Erzählstrangs aus. Neben der Sprachmacht Roes (für die er eine gute Mittellösung zwischen historischem Duktus und aktueller Lesbarkeit findet) sind es auch Setting und Figuren, die man in dieser Qualität nicht häufig findet. Über die Zeichnung von Handlungsorten wie etwa den Francke’schen Erziehungsanstalten zu Glaucha oder dem megalomanischen Heereslager in Zeithain gelingt ihm auch ein Porträt der damit verbundenen historischen Persönlichkeiten. Eine ganze Fülle an historischen Gestalten begegnet Katte nämlich auf seinem Lebensweg, vom Meisterkompositor Bach über Georg Friedrich Händel in London bis zu August Hermann Francke. Aus diesen auch heute noch klingenden Namen erschafft Roes tiefenscharfe Vignetten und zeigt Menschen mit Schwächen und Stärken.

Die wahre Klasse von Zeithain beweist sich auch darin, dass Roes sich nicht, wie zumeist für historische Romane üblich, mit dem Nacherzählen von Fakten und Figuren begnügt. Er geht deutlich tiefer und schafft über diese Ebene hinaus noch ein viel eindrücklicheres Leseerlebnis, indem er viele Subthemen in seine Rahmenhandlung einwebt – mal auffälliger, mal subtiler. So werden die Fragen von schwuler Identitätsfindung im 18. Jahrhundert und heute immer wieder aufgegriffen und verhandelt, die Vater-Sohn-Konflikte treten ebenso in der Vergangenheit wie heute zutage. Insgesamt eignet sich Roes‘ Roman für mehrere wissenschaftliche Arbeiten, soviel Motive und stilistische Besonderheiten sind in diesem Roman versteckt.

Dass dieser Roman bei der Auswahl zum Deutschen Buchpreis im Herbst übergangen wurde, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ein gewaltiger Stoff und ein immenses Drama, dem Roes wirklich gerecht wird. Ein Mammutwerk mit leichten Schwächen, die durch den Rest des Buchs allerdings mehr als wettgemacht werden. Ein Doppelporträt zweier besonderer Männer, ein historischer Roman und Zeitgeist-Roman zugleich, ein pralles Gemälde, satt an Bildern, Gerüchen und Emotionen. Ich bin begeistert und schließe mit einem etwas albernen, im Kern doch zutreffenden Poem: Für Zeithain sollte Zeit sein. Doch diese Investition von Zeit lohnt sich aber auf alle Fälle – man wird mit großem literarischen Genuss belohnt.

 

Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie

„Meine Güte, was für ein Leben.“, fasste Martha zusammen. „Der reinste Irrsinn“ (Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie, S. 480)

Das ist es tatsächlich, das Leben von William James Sidis. Dieses Leben beschreibt der 49-jäährige Romancier Klaus Cäsar Zehrer in seinem Debüt Das Genie, das sich um jenen genialen Sidis dreht, der heute schon vergessen ist, hier aber ein Denkmal erhält.

Bis das titelgebende Genie das Licht der Welt erblickt, vergehen allerdings 150 Seiten. Auf diesen Seiten wird nämlich zunächst Boris Sidis vorgestellt, ein ukranischen Immigrant, der 1886 aus seiner osteuropäischen Heimat in Richtung Amerika flieht. Dort lebt er den amerikanischen Traum, stößt mit seinem völligen Fehlen von zwischenmenschlichem Geschick aber auch schnell alle Menschen seines Umfelds vor den Kopf . Kein Arbeitgeber will diesen starrköpfigen Mann lange beschäftigen, der sich zwar als hochintelligent erweist, es sich aber über kurz oder lang mit sämtlichen Chefs verscherzt.

Jener Boris Sidis findet im Forschungsgebiet der Psychologie schließlich ein Thema und in der Universität von Harvard ein Zuhause, das ihm die besten Möglichkeiten bietet, um den menschlichen Geist zu erforschen. Nach den 150 Seiten ist Boris nun Vater von William James Sidis geworden, einem Jungen, der zum Versuchsobjekt der Studien seines Vaters wird. Denn mit der von ihm ersonnenen Sidis-Methode kann jedes Kind zum Genie werden, so Boris. Und die Erfolge lassen tatsächlich nicht lange auf sich warten. In Rekordzeit erlernt Willam lesen, schreiben, Logik, Fremdsprachen und hält mit elf Jahren Vorlesungen in Harvard.

James William Sidis
(Quelle: The Sidis Archive)

Doch mit zunehmenden Alter zeigt die Parabelkurve von Williams Leben wieder nach unten und man wird Zeuge, wie sich die Vorstellungen seiner Eltern und William selbst voneinander fortbewegen. Gerade die erste Hälfte des Romans ist noch recht unbeschwert, humorig und typisch Diogenes-rund, ehe dann im zweiten Teil aus der vergnüglichen Geschichte ein zunehmend desillusioniertes Porträt eines Mannes wird, den man obschon seiner Genialität bemitleidet.

Natürlich bietet Williams Leben in der Kindheit die Vorlage für viele Schrullen, die Beschreibungen seiner skurrilen Verhaltensweisen ist voller Komik. Doch immer wieder webt Zehrer Gedanken ein, die viel Raum für Reflektionen bieten. Wie viel Förderung und wie viel Forderung des eigenen Nachwuchses sind gut? Wie wichtig sollte Bildung sein – und was macht eine gelungene Kindheit aus?

All diese Gedanken und Beschreibungen machen Das Genie zu einem interessanten Leseerlebnis und wecken Interesse für dieses wahrlich kuriose Leben. Wer darüber noch mehr lesen möchte, dem sei dann an dieser Stelle noch Morten Brasks vor Kurzem erschienene Titel Das perfekte Leben des William Sidis empfohlen.

Eine weitere kleine Ergänzung auch noch an dieser Stelle: zusammen mit den Titeln Das Floß der Medusa von Franzobel und Justizpalast von Petra Morsbach ist das Buch nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2017. Herzlichen Glückwunsch hierzu von meiner Stelle!