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Emily Ruskovich – Idaho

Mit dem Debütroman Idaho der jungen Autorin Emily Ruskovich (Deutsch von Stefanie Jacobs) ist es ein bisschen wie mit dem Basteln eines Würfels. Wohl jeder hat schon einmal im Mathematikunterricht oder bei ähnlichen Gelegenheiten einen solchen Würfel entwerfen müssen. Zunächst wird der Grundriss auf Papier gezeichnet, die Laschen vorbereitet und ausgeschnitten. Anschließend wird das platte Gebilde gefalzt, geklebt und Stück für Stück zusammengefügt, sodass aus dem planen Grundriss am Ende ein dreidimensionales Objekt entsteht. Mit Ruskovich‘ Buch verhält es sich ähnlich, denn ähnlich wie beim Basteln muss auch hier im Buch der Leser einige Arbeiten erledigen, ehe sich das Kunstwerk ganz entfaltet.

Dabei sind die Grundflächen des erzählerischen Würfels bei Emily Ruskovich verschiedene Jahre und Figuren. Sie entscheidet sich nämlich gegen eine chronologische Erzählweise und die Fokussierung auf eine Person – stattdessen erzählt sie multiperspektivisch und deckt eine Zeitspanne von 1973 bis 2025 ab. In deren Mittelpunkt steht Wade, ein Mann aus Idaho, der bei einer Katastrophe alles verloren hat, was man verlieren kann.

Während des Holzmachens ermordet seine Frau Jenny aus heiterem Himmel seine Tochter May mit einem Beil. Wades zweite Tochter June kann fliehen und entkommt in die dichten Wälder Idahos – und bleibt verschwunden. Aufgerollt wird diese Katastrophe, das Davor und Danach durch mehrere Figuren; mal forscht Wades zweite Ehefrau Ann in der Geschichte ihres Mannes, mal wird die Geschichte aus Sicht einer Zellengenossin in Jennys Gefängnis erzählt. Stück für Stück puzzelt sich für den Leser so die Wahrheit über jenen schicksalhaften Tag in der Natur Idahos zusammen.

Vergessen und Erinnern

Das Großartige an Idaho ist nun die doppelte Erzählweise, die Ruskovich wunderbar zur Anwendung bringt. Denn neben der Katastrophe ist das zweite bestimmende Thema des Buchs die Erinnerung. Nach dem Schicksalsschlag entgleitet Wade nämlich allmählich die Erinnerung. Er rutscht in eine Form der Demenz ab. Seine zweite Frau Ann muss mitansehen, wie er immer wieder Aussetzer erleidet und zunehmend die Kontrolle über sein Leben und seine Vergangenheit verliert:

„Aber dann spürt sie in seinen verletzlichsten, würdelosesten Momenten ab und zu, dass die Ereignisse seines Lebens noch nicht ganz verloren sind, dass jener eine Nachmittag, an den sich nicht mehr erinnert, immer noch in in ihm ist, ihn ausfüllt. Verschwunden ist nur die konkrete Textur seiner Erinnerungen, nicht das Gefühl. Allmählich vermischt sich alles, verschwimmen die Linien, bleibt nur ein Gedankenort ohne Gestalt. Aber es gibt immer noch einen Mittelpunkt, ein Datum und eine Zeit, um die herum sich das zunehmend Gleichförmige sammelt und anordnet. Manchmal weiß er alles. Kennt die Namen von May und June. Weiß vom Brennholz und vom Pick-Up. Manchmal erwischt ihn die Erinnerung selbst wie eine herabsausende Axt, so scharf und präsent, dass er glaubt, es wäre erst gestern geschehen.“ (Ruskovich, Emily: Idaho, S. 264).

Die junge Amerikanerin zollt diesem Vergessen und Erinnerung nun Tribut, indem sie ihren Roman so erzählt, wie auch die Erinnerung funktioniert – nämlich nicht chronologisch, sondern in Schlaglichtern. Immer wieder kommen Fragmente aus der Vergangenheit ans Tageslicht und bilden so langsam das erzählerische Ganze.

Neben den Figuren und der behutsamen Annäherung an die Geschichte weiß auch die im Buch omnipräsente Natur zu überzeugen. Gelungen fängt Emily Ruskovich das Gefühl ein, was es bedeutet, in den Bergen und in der rauen Natur ein Leben zu verbringen. Ihre Charaktere sind überlebensgroß, besitzen psychologische Tiefe und bewegen sich in einem Umfeld, das erzählerisch gut funktioniert. Ein starkes Debüt von einer Autorin, von der man noch einiges erwarten darf!

 

 

Anne Reinecke – Leinsee

Vom schwierigen Verhältnis des jungen Karl Stiegenhauers zu seinen Eltern und seiner Suche nach neuer Inspiration erzählt das Debüt der Berliner Autorin Anne Reinecke mit dem Titel Leinsee.

Jener Karl Stiegenhauer feiert mit seinem Konzept der Vakuumkunst Erfolge, stellt in Galerien aus und feiert sich durch ein Jetset-Leben. Seine Ausstellungsstücke publiziert er allerdings unter Pseudonym. Der Grund hierfür bedingt sich durch Karls Herkunft. Er ist nämlich der Sohn des höchst erfolgreichen Künstlerehepaares Karl und Ada Stiegenhauer. Jene dominier(t)en mit ihren Werken die deutsche Kunstwelt und galten als DAS Vorzeigepaar. Nur Karl passte nicht so recht in ihr Konzept, sodass dieser in Internaten groß wurde und stets ein distanziertes Verhältnis zu seinen Eltern pflegte.

Nun ist Karls Vater durch einen Suizid aus dem Leben geschieden und Karls Mutter liegt schwerkrank in einem Krankenhaus. Karl muss notgedrungen wieder in sein Zuhause in Leinsee zurückkehren. Dort trifft er auf die Geister der Vergangenheit – und ein junges Mädchen namens Tanja, die zu Karls neuem Kompass wird, nachdem sein ganzes Leben einmal durcheinander gewirbelt wurde. An ihr richtet sich Karl aus und lernt, sein Leben neu zu betrachten und zu erkennen, was eigentlich wichtig ist, fernab von Vernissagen und Champagnerbrunnen.

Leinsee ist wieder ein typischer Vertreter der Gattung Flutschbuch. In einer angenehmen, keinesfalls zu fordernden Sprache, berichtet Anne Reinecke von ein paar Rückblenden abgesehen chronologisch aus Karls Leben. Sie zeigt einen Künstler auf der Suche nach Inspiration, etabliert mit Tanja ein niedliches Element und verfolgt von der Bruchlinie des Verlusts aus über viele Jahre Karls Leben. Leider ist Leinsee für meine Begriffe zu glatt und besitzt zu wenig Widerhaken, um wirklich nachdrücklich im Gedächtnis haften zu bleiben. Für die Kunstwelt und Karls Schaffen fallen Reinecke leider nicht allzuviel originelle Bilder ein. Stattdessen empfand ich die Schilderungen über weite Strecken etwas abgegriffen.

Bestes Beispiel ist für mich die Szene, als Karl in das von Paparazzi belagerte herrschaftliche Anwesen seiner Eltern in Leinsee zurückkehrt. Um die Pressemeute zu vertreiben, greift er zur alten Schrotflinte seines Vaters und schießt in die Luft, um die Reporter zu vertreiben. Der Plan gelingt und Karl hat seine Ruhe. Diese Schilderungen lesen sich wie schon in dieser Form oft dagewesen, das Trauernde und Karls Misanthropie und nehme ich Reinecke dabei leider nicht wirklich ab.

Auch ist die Grundidee, dass ein junges und unkonventionelles Mädchen einem arrivierten und in Sackgassen steckenden Maler neue Inspiration und Lebensmut verleiht, für mich unoriginell. Andere Werke wie etwa Nick Hornbys About a boy oder der Film 500 Days of summer scheinen immer wieder im Lauf des Buchs durch.

Dabei ist Leinsee beileibe kein schlechtes Buch, das sollte an dieser Stelle auch festgehalten sein. Reinecke serviert dem Leser auf 368 Seiten eine Geschichte, die in ein fremdes Leben eintauchen lässt und gut unterhält. Eben ein wirkliches Flutschbuch. Ich persönlich hätte mit nur ein wenig mehr Originalität und Reibungsfläche erhofft. So bleibt mir die Hoffnung, dass Anne Reinecke in ihrem nächsten Buch noch etwas mehr zu sagen hat und sich von etwas abgegriffenen Motiven freischwimmt.

 

Candice Fox – Crimson Lake

Welch ein Output: binnen Kurzem erschienen im Hause Suhrkamp die drei Titel der Archer-Bennett-Trilogie (Hades, Eden, Fall), des Weiteren publiziert Candice Fox noch Thriller mit James Patterson und nun also sechs Monate nach der Veröffentlichung von Fall Crimson Lake. Dieses Buch stellt erneut das Faible von Candice Fox für unorthodoxe Ermittlungspaare unter Beweis. Übersetzt wurde das Buch von Andrea O’Brien aus dem australischen Englisch

Im vorliegenden Fall sind das zwei von der Gesellschaft geächtete Gestalten, die sich als Ermittlungsduo wider Willen zusammenfinden. Da ist zum Einen der Ex-Cop Ted Conkaffey, der des Kindesmissbrauchs angeklagt wurde, dem aber nie Schuld nachgewiesen werden konnte. Nach einer öffentlichen Hexenjagd zog er sich nach Crimson Lake im Norden Australiens zurück, um dort den ständigen Nachstellungen zu entkommen. Dort trifft er auf seine künftige Partnerin, die Ermittlerin Amanda Pharrell, die ebenfalls bereits vor Gericht stand. Sie ist des Mordes an ihrer Freundin verdächtig, doch auch hier bestehen von Anfang an starke Zweifel an der Schuld. Die Logik dieser Grundkonstellation bedingt nun natürlich die Aufklärung der tatsächlichen Sachverhalte der beiden Fälle im Lauf des Buches. Hinter dem Rücken des jeweils anderen versuchen Conkaffey und Pharrell die beiden Fälle zu lösen.

Diesen Plot verquickt Candice Fox mit einem aktuellen Fall, den die beiden Schnüffler nach dem Desinteresse bzw. Versagen der lokalen Polizeibehörden lösen müssen (und sich dabei natürlich auch besser kennenlernen): ein bekannter Schriftsteller ist verschwunden, sein Ehering wurde im Verdauungstrakt eines Krokodils entdeckt. Die Ehefrau des Verschwundenen setzt Conkaffey und Pharrell auf die Spur – und die beiden liefern schon bald. Sie wirbeln ganz Crimson Lake durcheinander und stoßen dabei auf einen verwinkelten Fall, der es mehr als in sich hat …

Vergleicht man nun Crimson Lake (Übersetzung aus dem australischen Englisch von Andrea O’Brien) mit der Archer-Bennett-Trilogie komme ich zu einem eindeutigen Ergebnis – Crimson Lake ist das klar bessere Buch. Zwar malt Candice Fox immer noch mit sehr grobem Pinsel und hat auch vor abgegriffenen Bildern keine Scheu, dennoch funktioniert ihr Konzept hier wirklich sehr gut. Gekonnt fängt sie die Atmosphäre im sumpfigen Norden Australiens ein und schafft es, durch die Subplots die Spannung hoch zu halten und diese auch konsequent zu Ende zu führen. Die Verbindung von ungelösten Altfällen und dem aktuellen Auftrag geht hier wirklich auf und sorgt durch Perspektivwechsel und Sprünge für permanentes Tempo.

Ärgerlich sind nur die Schludrigkeiten im Buch, die ins Auge fallen. So halte ich es auch als Nicht-Biologe für ausgeschlossen, dass in Australien ein 200 Meter langes Krokodil die Sümpfe unsicher macht. Hier scheint mir entweder Candice Fox‘ Fantasie etwas mit ihr durchgegangen zu sein oder ihr Verlag hat bei der Korrektur geschludert. Auch die sehr nahe an amerikanischen Thrillern orientierte Optik ist nicht ganz mein Fall, wirkt sie doch etwas billig und effekthascherisch.

Ansonsten gibt es wenig zu meckern – wenn es so weitergeht freue ich mich sehr auf den neuen Fall von Ted Conkaffey und Amanda Pharrell!

Arne Dahl – Sechs mal Zwei

Vorweg- wer Dahls Vorgängerroman Sieben minus eins nicht gelesen hat, wird an Sechs mal zwei (Übersetzung von Kerstin Schöps) kaum Freude finden. Die Lektüre des Auftaktbandes seiner Reihe um die Ermittler Molly Blom und Sam Berger sollte wirklich vor Dahls neuem Roman stehen, sonst wird man das ganze Dickicht aus Fährten, Anspielungen und Beziehungen kaum durchdringen können (was aber auch mit der vorher erfolgten Lektüre von Sieben minus eins schwierig wird).

Inhaltlich knüpft Dahl an die Ereignisse des ersten Bandes an, als Blom und Berger einen Entführer junger Frauen jagten. Die Ermittler wurden dabei jedoch selbst von Jägern zu Gejagten, weshalb sie nun in Sechs mal zwei ständig unter dem Radar operieren müssen. Die SÄPO (der schwedische Nachrichtendienst) sucht nach den beiden Ermittlern, nur die Kommissarin Desiree Rosenqvist, genannt Deer, hält den Kontakt zu Blom und Berger und versorgt sie mit einem Fall und Informationen.

Denn durch einen Brief einer scheinbar paranoiden Frau stoßen die beiden im wahrsten Sinne des Wortes verdeckten Ermittler auf die Spur eines Serienkillers. Schon vor Jahren schien Sam Berger diesen verhaftet zu haben und somit alle Fälle aufgeklärt zu haben. Doch neue Erkenntnisse lassen die zwei an der offensichtlichen Faktenlage zweifeln. Hat Sam damals wirklich den richtigen Täter festgenommen? Oder befindet sich der wahre Serienkiller immer noch da draußen in der schwedischen Wildnis?

Sechs mal zwei verlangt vom Leser zwei Dinge: Vorkenntnis des ersten Buchs (wie eingangs schon beschrieben) und zweitens ein gerütteltes Maß an Akzeptanz, die wenig glaubhaften Geschehnisse und Twists hinzunehmen, die Arne Dahl den Lesern serviert. Hinterfragen sollte man an diesem Buch nichts, denn dann stürzt das ganze Konstrukt in sich zusammen. Und genau daran ist das Buch bei mir gescheitert.

Geschenkt, dass die Kriminalstatistik Schwedens der Handlung in Sechs mal zwei spottet. 106 Morde für das Jahr 2016 verzeichnet die Kriminalstatistik, davon 29 an Frauen. Wenn man die Geschehnisse in Dahls Kosmos betrachtet, müsste fast die Hälfte der Taten ja schon im Umkreis von Sam Berger und Molly Blom passiert sein. Überall Leichen und Tote, die auf das Konto des Killers gehen. Mit der Realität ist das kaum vereinbar (was natürlich kein gravierender Kritikpunkt ist – schaut man einmal ins skandinavische Krimiregal, dann dürfte zwischen Dänemark und Finnland kaum mehr ein Bewohner existieren, so viele Serienmörder machen dort die Bücher unsicher).

Abgesehen davon, dass der zugrundeliegende Plot für meinen Geschmack zu sehr auserzählt ist (Serienkiller verhaftet, Taten gehen weiter – Suche nach dem wahren Schuldigen), ist das Dickicht aus Plotfäden hier einfach zu verwirrt. Die Hälfte des Buchs gleicht mindestens einem von Schlamm und Schlick durchsetzen Wasserglas, das sich sehr gemächlich absetzt und klärt. Was wirklich passiert ist, das schält sich erst Stück für Stück aus der Handlung, während sich der Leser immer wieder am Kopf kratzt. Was treibt dieser Sam Berger aus dem gut 150 Seiten dauernden Prolog? Wie passt das mit den weiteren Geschehnissen zusammen? Was ist mit der paranoiden Briefschreiberin? Wer beobachtet Molly und Sam? Sechs mal zwei bietet von Anfang an ein Bündel an Fragen, die Antworten kommen aber erst sehr spät.

Während Molly Blom und Sam Berger unerkannt durch ganz Schweden reisen, um der Fährte des Serienkillers zu folgen, wird der Plot immer hanebüchener. Arne Dahl zieht einen Budenzauber um gestohlene Identitäten, nicht entdeckte Morde und multiple Persönlichkeiten auf, dass man sich schon manchmal nach einer gewissen Prise Normalität sehnt. Auch die Umsetzung der Taten erscheint arg konstruiert immer wieder werden neue Arbeitshypothesen präsentiert, die dann aber doch schlussendlich wieder verpuffen oder nicht verfolgt werden.

Dies schmälert alles leider den Genuss des Buches. Man muss einfach konstatieren, dass sich Arne Dahl – wenngleich komplexe Plots ja eigentlich immer seine Stärke sind – hier einfach verhoben hat. Hoffentlich wird der nächste Band der Blom/Berger-Reihe da wieder etwas realistischer und weniger überkonstruiert.

Sasha Marianna Salzmann – Außer sich

Mit dem Debüt Außer sich der Berliner Dramaturgin und Theaterautorin Sasha Marianna Salzmann liegt ein Buch vor, das es mir nicht wirklich leicht gemacht hat und bei dessen Beurteilung ich nach wie vor schwanke.

Inhaltlich ist dieses Buch eine familiäre Spurensuche, eine Selbstfindung und ein Familienroman. Ausgangspunkt ist die Reise der Erzählerin Alissa nach Istanbul. Von dort erhielt sie nämlich eine Postkarte ihres Zwillingsbruders Anton, der in der Millionenmetropole am Bosporus verschwunden zu sein scheint. Von nun an operiert Salzmanns Roman auf zwei Achsen. Da ist zum Einen die Suche nach Anton im Moloch Istanbul und zum Anderen die Geschichte von Allissas und Antons Familie, die in Episoden erzählt wird. Von der Revolutionszeit ausgehend wird die Geschichte der Großeltern und eigenen Eltern bis zum Asyl in Deutschland ausgebreitet

Dabei verortet sie ihre Geschichte ganz konkret in der türkisch-deutschen Gegenwart: Gezi-Park-Proteste, Militär-Putsch, Asyl – all diese Themen spielen im Buch von Sasha Marianna Salzmann eine Rolle.

Mit ihrem ersten Titel gelang es der Autorin gleich, den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung zu erringen. Kein unbedeutender Erfolg, wenn man sich die Reihe der bisherigen Preisträger vergegenwärtigt. Namen wie Martin Mosebach, Arnold Stadler oder Zsuzsa Bánk finden sich auf dieser Liste – oder auch Reinhard Kaiser-Mühlecker. Dem österreichischen Autoren gelang im letzten Jahr etwas, das auch Sasha Marianna Salzmann auf Anhieb geschafft hat – der Sprung auf die Longlist (und nun sogar auf die Shortlist) des Deutschen Buchpreises – und das als einzige Debütantin in diesem Jahrgang.

Trotz dieser Meriten kann ich das Buch nur eingeschränkt empfehlen. Ihre 365 Buchseiten packt Sasha Marianna Salzmann übervoll mit Themen und schafft so eine Sperrigkeit, die mich nach 150 Seiten das Buch abbrechen und noch einmal von vorne beginnen ließ. Wie hängen die ganzen familiären Fäden zusammen? Wie ist die Verbindung zur Suche nach ihrem Bruder in Istanbul?

Die Sprünge in der Erzählperspektive und Brüche in der Erzählstruktur machen die Lektüre nicht wirklich leicht, zudem erfordert Außer sich ein sehr langsames Lesetempo, um die komprimiert erzählten Verwicklungen und Verbindungen en detail zu erfassen. Für Leser, die eine konzise erzählte oder klar strukturierte Familiensaga suchen, ist dieses Debüt dadurch weniger geeignet.

Das Buch machte es mir zu keinem Zeitpunkt leicht – was an sich auch nicht schlecht ist. Bücher, die fordern und den Leser auffordern, zu hinterfragen und bedenken, können auch immer ein Gewinn sein. Doch ein weiterer Malus machte mir bei Salzmanns Debüt außerdem zu schaffen: keine der zahlreichen Figuren, die das Buch bevölkern, schaffte es, Empathie zu erzeugen. Alle Protagonistinnen leiden für meinen Geschmack an Überdramatisierung. Jede Figur ist dissoziativ, problembeladen, sperrig – so gelang mir kein Einfühlen in die Figuren und ihre Lebenswelten.

Dadurch bleiben für mich in der Endabrechnungen viele Punkte auf der Soll- und Haben-Seite dieses Debüts stehen. Aktuelle Schilderungen der Türkei und Asylschicksale, ein ambitionierter Plot und eine Autorin, die für die Zukunft viel verspricht – es bei diesem Buch aber noch nicht einlöst. Sperrige Figuren, ein zu viel an Dramatisierung, viele zurückbleibende Fragen. Damit ist Außer sich für mich ein zwar recht interessanter Titel, den ich aber nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises sehe (auch wenn, nachdem diese Kritik nun geschrieben war, die Jury das Ganze anders gesehen hat und Salzmann auf die Shortlist befördert hat. Ich als Jurymitglied hätte anders entschieden und statt dieses Buches Ellenbogen von Fatma Aydemir auf die Shortlist gesetzt).

Außer sich ist ein Buch, das sicher ein gespaltenes Echo bei den Lesern hervorrufen wird. Ich bin auf alle anderen Meinungen Mitlesender gespannt!

 

[Headerbild: (c) Matthias Ripp/Flickr]