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Elena Ferrante – Die Geschichte des verlorenen Kindes

Der Schlussstein

Nun ist auch das Neapolitanische Quartett von Elena Ferrante beendet. Abermals bravourös von Karin Krieger übersetzt liegt jetzt der vierte und abschließende Band der Freundschaftssaga von Lila und Lenu vor. Mit über 600 Seiten ist das Buch zugleich der dickste und handlungsintensivste Band der Reihe, ein würdiger Schlussstein.

Durfte man in den vorherigen drei Bänden (Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege) den beiden neapolitanischen Mädchen beim Aufwachsen zusehen und mit ihnen Pubertät, Ehen, Schwangerschaften durchleben, so widmet sich Elena Ferrante nun den Mühen der Ebenen. Das treffendste Zitat für den Inhalt dieses Buchs findet sich auf Seite 561: „Kurz, alles war kompliziert“. Nach den turbulenten Geschehnissen in Band 3 zeigt Band 4 Elena nun im Gefühlschaos, hin- und hergerissen zwischen den Männern. Ebenso verfahren und zerrüttet ist auch ihr Verhältnis zu Lila, ihrer Freundin, die im Gegensatz zu Lenu den Weg aus dem Rione heraus nicht gegangen ist. Während Lila im dumpf brodelnden Neapel ihrer Kindheit verharrt, ist Lila mitsamt ihrer Kinder ständig unterwegs zwischen ihren Männern und Mailand, Turin, Neapel und Florenz. Konstanz und Ruhe findet sie dabei allerdings nicht – was auch ihr Schaffen als Schriftstellerin nicht gerade begünstigt, dabei warten Verlag und Öffentlichkeit beständig auf neue Werke der Autorin.

Von allen vier Bänden ist nun Die Geschichte des verlorenen Kindes der komplexeste und in meinen Augen auch der beste Roman. Alles, was in den Vorderbänden teilweise enervierend zäh und stockend war, gerät in diesem Band nun deutlich besser. Mit ihrer Reifung werden Elena und Lila noch einmal nuanciertere, komplexere und widersprüchlichere Figuren, erhält die Handlung viel Zeitkolorit und Tempo. So geschickt wie in keinem Band zuvor arbeitet Elena Ferrante in diesem Buch mit Cliffhangern, lässt die Ich-Erzählerin Lenu zwischen den Städten und Männern pendeln und bringt damit Drive und Esprit in die Handlung. Auch wenn sich zum Ende der Erzählung hin einige kleinere Längen in die Erzählung einschleichen – so bündig und fesselnd war für mich keines der drei vorhergehenden Bücher.

Einer der spannendsten Aspekte der Bücher ist für mich sowieso die Ausgestaltung des Begriffs Freundschaft. Schon bei den anderen Romanen, aber besonders hier dachte ich mir, dass der Begriff der Freundschaft für die Beziehung der beiden Frauen nur unzureichend greift. Diese tiefe, widersprüchliche und sprunghafte – und damit so glaubwürdige Ausgestaltung dieser Beziehung, das ist die große Qualität, die für mich durch das Neapolitanische Quartett zutage tritt. Elena und Lila – das ist mal Ablehnung, mal Hass, mal Inspirationsquelle, mal Notwendigkeit. Auch wenn sich beim Lesen der Handlung über alle 2000 Seiten so manches Mal etwas Langweile oder Frustration ob der Überfülle an Details einstellte – romanübergreifend betrachtet, ist das Bild der Freundschaft und vielfältigen Beziehungen dann doch auf alle Fälle gelungen.

Auch bietet das Quartett damit viel Reflektionspotential, was ich immer dann feststellte, wenn die Beziehung der beiden Frauen behandelt wird. Ist das wirklich die Geschichte einer Freundschaft – und was ist Freundschaft eigentlich genau? Greifen vielleicht nur meine eigene Erfahrungen und Definitionen zu kurz? Immer wieder verändern sich auch die Sympathien und Verständnis für die Figuren – was sich nicht auch zuletzt in der Frage zeigt, die bisweilen im Netz diskutiert wird: Team Lila oder Team Lenu – wo verortet man sich selbst? Auch wenn ich solche Lagerbildung und Sympathienaufrechnung nicht teile – dennoch ist es beachtenswert, wie Elena Ferrante es schafft, diese Figuren und ihre Verhaltensweisen darzustellen. Das Neapolitanische Quartett bietet hier auf alle Fälle nachdenkenswerte Impulse, genauso wie die vier Bücher eine genaue und detaillierte Chronik Neapels im 20. Jahrhundert darstellen.

Das starke Ende des Buchs rundet sowohl den Einzelband als auch das gesamte Quartett ab – somit ein würdiger Schlussstein eines respektablen literarischen Großprojekts, das nicht die überlebensgroße Bedeutung hat, die ihm einige übetrieben jubelnde Kultur-SchreiberInnen zubilligen wollen, dennoch aber ein sehr beachtenswertes und vielschichtiges Romanprojekt der letzten Jahre ist!

 

Hier noch einmal die Übersicht der vier Bücher – Besprechungen zu allen vier Teilen finden sich ebenfalls auf dem Blog:

Paolo Cognetti – Acht Berge

Die Berge als Sehnsuchtsort – davon erzählt Paolo Cognettis Roman Acht Berge. Manch einer mag dieses Phänomen kennen – man steht am Fuße eines Berges, schaut hinauf und irgendetwas in einem zieht einen dort hinauf. Das Leben am Berg erscheint einfacher, entschleunigt und löst große Sehnsucht aus. Der Bergsteiger Heinrich Harrer fasste das einmal in die Worte: „Wenn ich die Zivilisation hinter mir lasse, fühle ich mich sicherer“.

Acht Berge von Paolo Cognetti

Paolo Cognetti füllt diese Worte mit Leben, indem er von zwei ganz unterschiedlichen Menschen erzählt, deren beider Lebensentwürfe von Bergen dominiert werden. Es ist die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers Pietro und seines besten Freundes Bruno. Die beiden freunden sich als kleine Kinder im Bergdorf Grana an, in das Pietro mit seinen Eltern jeden Sommer zurückkehrt. Pietros Vater weckt in ihm die Leidenschaft, die Berge zu bezwingen und sämtliche Gipfel der Dolomiten und darüber hinaus zu erklimmen. Bruno ist ein einfacher Bauernsohn im Dorf, der stets die Vision eines Lebens als Bergbauer in sich trägt.

Cognetti beobachtet nun im Lauf des lediglich rund 240 dicken Büchleins die Leben dieser beiden Männer, die sich immer mal wieder voneinander entfernen, um dann wieder am Berg zueinanderzufinden. Mehr soll vom Inhalt an dieser Stelle gar nicht verraten werden, um die Freude der Lektüre nicht zu schmälern.

Acht Berge ist eine der bislang größten Entdeckungen dieses Bücherherbstes für mich. Obwohl das Buch nun wahrlich nicht umfangreich ist, stecken so viele Themen in diesem Buch, sodass es zu den inspirierendsten und nachdenklichsten Bücher zählt, denen ich in meinem Bücherschrank Obdach gewähren darf. Allein schon die zarte Schilderung des Verhältnisses von Pietro zu seinem Vater ist wunderbar gelungen. Auch sitzen alle anderen Wörter und Sätze an den Stellen, an denen sie es tun sollen und funktionieren aufs Beste (die Übersetzung verdankt man Christiane Burkhardt). Man könnte das Ganze auch als Pathetisch, Kitsch oder sentimental schelten, für mich haben in Acht Berge allerdings Inhalt und Sprache wunderbar und sehr stimmig zueinander gefunden.

Paolo Cognettis Buch ist von einem berührenden Ton durchzogen, der mich oftmals innehalten und Passagen auch noch einmal lesen ließ. Wie unauffällig es dem Italiener gelingt, alle wichtigen Fragen des Lebens auf diesen wenigen Seiten zu verhandeln eben ohne in jenen Coelho-haften Kitsch oder Pathos abzugleiten, das nötigt mir Respekt ab. Dem Buch sind unzählige Leser zu wünschen, da Cognettis Themen universell sind und alle LeserInnen betreffen, egal ob Väter, Söhne, Bergliebhaber, Sinnsucher, Alpinisten oder alle, die besondere Bücher zu schätzen wissen. Ein wirkliches Kleinod mit einer nachdrücklichen Leseempfehlung!

 

 

Elena Ferrante – Die Geschichte der getrennten Wege

Die Geschichte der beiden neapolitanischen Freundinnen Lila und Elena geht weiter. Nachdem zunächst die Kindheit und dann die Jugend im Mittelpunkt der Romane standen (Meine geniale Freundin und dann Die Geschichte eines neuen Namens), widmet sich Elena Ferrante nun den erwachsenen Jahren der beiden Freundinnen.

Dabei trennen sich die Wege der beiden Freundinnen recht bald, wie schon der Titel andeutet. Im Vorgängerband zog es Elena zum Studium nach Pisa, wodurch sie sich ihrer Familie und dem dumpfen und gewaltgesättigten Milieu Neapels entzog. Auch nach ihrem Studium bleibt sie Neapel fern, denn sie beschließt zu heiraten. Pietro Airota lernte sie im Zuge des Studiums kennen – nun stehen Verlobung und Heirat bevor.

Lenùs geniale Freundin Lila hingegen bleibt im Rione wohnen und zieht ihr Kind groß. Die Hoffnung auf ein Studium musste sie bereits Jahre zuvor begraben, nun wohnt sie weiterhin am Ort ihrer Kindheit. Ihr täglich Brot verdient sie in der Wurstfabrik von Bruno Soccavo, wo sie sich zahlreichen Schikanen ausgesetzt sieht. Die Freundschaft zu Lena bleibt dabei auch ein Stück weit auf der Strecke – ganz aus den Augen verlieren sich die beiden hingegen nie, wie Elena Ferrante in diesem dritten Teil der Reihe zeigt.

Neben der Freundschaft ist in diesem Roman des Quartetts der zeithistorische Kontext besonders ausgeprägt. Die Kämpfe der Faschisten gegen die Kommunisten, die Studentenrevolten und die vielen wechselhaften Entwicklungen in der Italienischen (und auch europäischen) Geschichte sind hier so präsent wie nie zuvor. Dies ist angenehm, da diese Elemente Abwechslung und Spannung ins Geschehen bringen – etwas, das der Geschichte sonst schmerzlich fehlt.

Im Rione Neapels

Ließ schon Die Geschichte eines neuen Names viel Entwicklung und Dynamik vermissen, so setzt sich das bei Die Geschichte der getrennten Wege fort. Elena Ferrante schildert minutiös die Entwicklungen ihrer beider Hauptcharaktere, und vergisst darüber den Spannungsbogen ihrer Erzählung, der oftmals bedenklich durchhängt. Statt Esprit herrscht so leider so manches Mal Langeweile vor, gerade wenn Ferrante die monotone Arbeit Lilas schildert oder das Hausfrauendasein Lenùs zu ausführlich beschreibt. Das ist besonders schade, da die Erzählung wirklich Potential besitzt, dieses aber zu oft nicht abgerufen wird.

Die Emanzipationsgeschichte der beiden Freundinnen und ihre Freundschaft wäre mit ein paar Straffungen und dem Verzicht auf redundante Szenen deutlich kompakter und lesbarer ausgefallen, so aber bleibt eine etwas kleinteilige und zähe Episode dieses Quartetts, so mein Eindruck. Hoffnung bleibt mir auf den abschließenden Teil der Reihe (der ebenfalls wieder wie alle Bücher von Karin Krieger übersetzt werden wird). Die Geschichte des verlorenen Kindes soll im Februar 2018 erscheinen und die Geschichte, die nun abermals mit einem Cliffhanger endet, zu Ende führen. Seien wir gespannt!

Elena Ferrante – Meine geniale Freundin

Wohl kaum ein Titel wurde schon vor Erscheinen so gehypt wie der vorliegende Titel Meine geniale Freundin der Italienerin Elena Ferrante (übertragen ins Deutsche von Karin Krieger). Der Suhrkamp-Verlag legte es seinen Mitarbeitern ans Herz, hunderte Rezensionsexemplare wurden unters Volk gebracht und zuletzt widmete sich Das literarische Quartett ebenfalls dem Titel. Was ist dran am #FerranteFever und dem Wind, der um das Buch gemacht wird?

FerranteMeine geniale Freundin ist der Auftaktband einer Tetralogie, in deren Mittelpunkt die Ich-Erzählerin Lenù und Lila stehen, beste Freundinnen seit Kindesbeinen an. Das Buch behandelt den Ursprung der Freundschaft zwischen den beiden italienischen Kindern, die in einem dampfigen und gewaltgeschwängerten Neapel der 50er Jahre ihren Anfang nimmt. Die beiden Mädchen wachsen miteinander auf und schweben permanent zwischen Freundschaft und Rivalität, die vor allem zunächst in der Schule zutage tritt. Lila erweist sich als blitzgescheit, hat sich selber lesen und rechnen beigebracht und avanciert zum unangefochtenen Klassenprimus. Dies ficht natürlich auch die junge Lenù an, die mit ihrer Freundin konkurriert und so auch zu schulischen Ehren gelangt. Da Bildung im ländlichen Süden in den 50er nicht den Stellenwert von klassischer Handwerksarbeit und Hausarbeit hat, müssen Lila und Lenù kämpfen, um weiter eine schulische Laufbahn verfolgen zu dürfen. Continue reading

Verstorben – Umberto Eco

Umberto Eco Copyright: Das Blaue Sofa / Club Bertelsmann

Umberto Eco
Copyright: Das Blaue Sofa / Club Bertelsmann

 

 

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco ist im Alter von 89 Jahren in Italien verstorben. Der Schriftsteller zählte zu den bekanntesten italienschen Autoren überhaupt und erlangte durch das Buch Der Name der Rose Weltruhm, wobei sicherlich auch die Verfilmung durch Jean-Jacques Annaud aus dem Jahre 1986 einen erheblichen Teil dazu beigetragen haben dürfte.

Ich selbst habe bislang nur zwei Titel des Autoren gelesen, eben jenen Namen der Rose und Ecos letztes auf Deutsch erschienenes Buch Nullnummer. Mit beiden Büchern wurde ich nicht so richtig warm, die Nullnummer entpuppte sich für mich genau als jene; auch beim Literarischen Salon im Theater Augsburg verriss ich jenes Buch (zu hanebüchen, redundant, langweilig, platt, etc.).  Besser gefiel mir da schon Der Name der Rose, auch wenn ich mit meinen damals 15 Jahren wohl noch etwas jung für den Titel war (viele philosophische Betrachtungen, lateinische Einschübe, etc.).

Auch wenn ich mit den beiden Titeln meine liebe Not hatte, so muss man doch konstatieren, dass die Originalität stets eine Triebfeder Ecos war. Schon lange vor den gerade so beliebten Serienkiller-Thrillern ersann er Motive, derer sich die Schriftsteller heute noch bedienen. Auch Verschwörungstheorien brachte Eco gekonnt in die Literatur ein und leistete damit für Kollegen wichtige Vorarbeiten.

Gerade diese traurige Nachricht vom Verscheiden des Semiotik-Professors wäre nun wohl mal wieder ein Grund, sich mit seinem literarischen Opus zu beschäftigen, hinterlässt er doch zahlreiche weitere große Werke, wie etwa Das Focaultsche PendelBaudolino oder Der Friedhof von Prag. Jener steht auch in meinen Regalen und  wird nun dank dieses traurigen Impulses wohl bald gelesen werden.