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Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit

Bücher sind die einzigen Zeitreisemaschinen, die zuverlässig funktionieren. Dieses Erkenntnis Denis Schecks teile ich voll und ganz. Mit keinem anderen Medium kann ich so schnell von Walfangreisen in der Antarktis in die Gänge von EU-Behörden wechseln, vom tschetschenischen Bürgerkrieg bis ins Neapel der 60er Jahre reisen. Ein Buch, das dies besonders gut ermöglicht, ist Stefan Zweigs Historien-Klassiker Sternstunden der Menschheit. Mit seinen Miniaturen historischer Momente ist das Buch Urvater aller kommenden Autoren, heißen sie Florian Illies, Jürgen Goldstein oder Richard von Schirach. Zweigs Idee, besondere Momente literarisch zu verdichten, an denen die Geschichte an einer Wegscheide stand, ist auch nach genau 90 Jahren seit Erscheinen immer noch bestechend und inspirierend. Dies beweist nicht zuletzt die Fülle an Büchern, die regelmäßig die Bestsellerlisten bevölkern und sich stark an Zweigs Konzept der literarischen Geschichtsschreibung orientieren.

Die aktuelle Neuausgabe der Sternstunden der Menschheit ist zugleich der Auftakt der sogenannten Salzburger Ausgabe. Hier werden nach und nach die Bücher Zweigs neu editiert und auf dem aktuellsten Stand der Forschung herausgegeben. Urheber ist das Salzburger Stefan Zweig Zentrum, dessen Forscher die Werke mit einem Appendix versehen, der über die Entstehungsgeschichte der Zweig’schen Bücher Auskunft gibt. Mustergültig lässt sich das bei den Sternstunden der Menschheit beobachten.

Diese umfassen die (bekannten) Episoden über Entdecker wie Sir Walter Scott, Komponisten wie Georg Friedrich Händel oder Politiker wie Woodrow Wilson, deren Handeln entscheidenden Einfluss auf die Weltgeschichte hatte. Die vierzehn historischen Miniaturen sind mal mehr und mal weniger historisch genau belegbar, Zweig bewegt sich von der Antike (Cicero) bis hin in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg (Wilson versagt). Ebenso weit, wie der historische Rahmen gesteckt ist, ist es auch der inhaltliche. Musik, Literatur, Militärgeschichte – Zweig interessiert sich für alle nur denkbaren Geschehnisse und wählt auch ein spannendes Personaltableau für seine Erzählungen. Von strahlenden Helden bis zu völlig gebrochenen Charakteren versammelt das Buch eine Vielzahl an Männern. Aber eben auch nur Männer – keine einzige der vierzehn Geschichten dreht sich um eine Frau oder geht auf deren Bedeutung an den Wendepunkten der Geschichten ein. Frauen sind für Zweig in seinen Miniaturen Marginalien oder gar Ärgernisse, wie er es in der Geschichte Die Entdeckung Eldorados formuliert:

Nach acht Tagen ist das Geheimnis verraten, eine Frau – immer eine Frau! – hat es irgendeinem Vorübergehenden erzählt und ihm ein paar Goldkörner gegeben.

Dieses Frauen- und Weltbild hat sich in den 90 Jahren seit Erscheinen von Zweigs Geschichten zwar verändert, diese maskuline Erzählhaltung ist aber sehr auffallend. Auch wenn Zweig beispielsweise mit seiner Romanbiographie Maria Stuart Geschichte aus Frauensicht zu erzählen versucht – das jegliche Fehlen der weiblichen Perspektive irritiert hier bisweilen.

Zweigs Episoden sind inhaltlich so vielfältig wie stilistisch variabel. Ob nahe an einer Gedichtinterpretation (Marienbader Elegie), Poem (Heroischer Augenblick) oder Theaterstück (Die Flucht zu Gott) – Zweig beweist seine schriftstellerische Vielfalt eindrücklich, auch wenn ihm beim Würzen seiner Geschichten manchmal der Pathos-Streuer etwas zu sehr aus den Händen gleitet. Trotzdem wirken die Geschichten dank der erzählerischen Klasse auch heute noch frisch und wunderbar lesbar.

Die wahre Qualität dieser Ausgabe liegt nun allerdings im Bonusmaterial, das die Salzburger Ausgabe mitliefert. Bereits vorangestellt sind die verschiedenen Vorworte, die Zweig zu seinen unterschiedlichen Sternstunden-Ausgaben verfasste. Auf den Textkorpus folgen anschließend  Versionshistorien, Überlieferungen, Quellen und Stellenkommentare. Eine wirklich erhellende Fundgrube, die die Geschichten hinter den Geschichten besser verstehen lässt.

Wenn die kommenden Bände der Salzburger Ausgabe weiterhin so sorgfältig editiert herausgegeben werden, kann man sich wirklich freuen. Ein weiterer Baustein des Zweig-Revivals, der einen Autor wieder neu entdecken lässt und Zugänge schafft!

Anthony Marra – Letztes Lied einer vergangenen Welt: Stories

The Tsar of love and techno

So lautet der Titel dieser Kurzgeschichtensammlung von Anthony Marra im Original. Die Geschichten des Zars von Liebe und Techno bildet auch das Herzstück dieses sorgsam choreografierten Bandes, der sich wie jede gute Schallplatte in eine A- und eine B-Seite teilt; als Pause zwischen diesen beiden Seiten fungiert dann die Erzählung des Zars von Liebe und Techno.

Anthony MarraDie Einordnung des neuen Buchs von Anthony Marra in das Genre der Kurzgeschichtensammlung würde ich in diesem Falle nur mit sehr vielen Widerworten zulassen. Zwar weist das Buch insgesamt neun Geschichten auf insgesamt 340 Seiten auf, doch diese hängen alle durch Raum und Zeit verbunden miteinander zusammen und bilden so eigentlich ein einzige, große Erzählung.

Anthony Marra erzählt in seinen Stories von einer russischen Schönheitskönigin, von einem linientreuen Fotoretuscheur auf Abwegen oder dem selbsternannten Direktor für Tourismus in der völlig zerstörten tschetschenischen Stadt Grosny. Die einzelnen Lebensfäden der von ihm geschilderten Charaktere verflechten sich, je weiter man im Buch voranschreitet. Ähnlich einer kunstvollen Fuge verdichtet er seine Stories bis zum fantastischen Ende irgendwo in der Zukunft. Als eine Art Leitmotiv dient ihm hierbei ein Bild des russischen Malers Pjotr Sacharow-Tschetschenez, dem die Charaktere von Leningrad bis nach Moskau immer wieder begegnen.

Wie schon in seinem Debüt Die niedrigen Himmel erweist sich Marra auch mit seinem neuen Band wieder als Meister der Komposition. In seinen abwechslungsreichen Geschichten, die sich erneut im Spannungsfeld des historischen und gegenwärtigen Russlands abspielen, schafft er es, eindringliche Szenen zu kreieren und Fäden zu spinnen, die den Leser so schnell nicht loslassen. Ähnlich wie in Tom Rob Smiths Kind 44 gießt Marra die Stalinistische Paranoia hier in eine spannende Buchform und erweckt die vergangenen russischen Jahrzehnte zum Leben.

Fazit: Nach seinem Meisterwerk Die niedrigen Himmel bereist Anthony Marra hier wieder Tschetschenien und Russland auf eine ganz eigene Art und Weise und schafft große Literatur über ein Land, das so groß wie wechselvoll ist. Eine ganz besondere Kurzgeschichtensammlung.