Tag Archives: Nobelpreis

Nobelpreis: Kazuo Ishiguro

(c) Nobelpreiskomitee/Schweden

 

Der 1954 in Nagasaki geborene Brite Kazuo Ishiguro erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Nach den Experimenten der letzten Jahre (2015 Svetlana Alexijewitsch, 2016 Bob Dylan) halte ich die aktuelle Wahl für eine gute Wahl, um den Preis wieder auf seinen Kern zurückzuführen – nämlich die Literatur höchstselbst. Nachdem man ja in den letzten Jahren vortrefflich stritt, ob jetzt Songtexte oder dokumentarisches Erzählen zu dieser Definition zählen, wie sie Nobel vorschwebte, hat man nun wieder einen traditionellen Romancier gekrönt.

Schade natürlich, dass es abermals keine Frau geworden ist, die mit dem 9 Million schwedischer Kronen dotierten Preis ausgezeichnet wird; in die engere Auswahl schien es dieses Jahr ja tasächlich nur Margaret Atwood geschafft zu haben. Wenigstens bekommt sie dieses Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels noch einen Preis, der für größere Aufmerksamkeit sorgen könnte. Dass die alten Bekannten Murakami, Roth oder Thion’go abermals verschmäht wurden, scheint schon zur Folklore des Nobelpreises zu zählen. Darüber kann man jammern, lohnen tut es sich auf alle Fälle nicht.

Eine feine Ironie ist es auch, dass ich just gestern Alles, was wir geben mussten aus meinem Bücherregal eine Etage tiefer räumte. Weniger als 24 Stunden später bekommt Ishiguro dann den Nobelpreis. Da bin ich auf alle Fälle schon einmal inspiriert, welche Bücher ich nächstes Jahr am Tag vor der Bekanntgabe des Siegers in meinen Regalen umstellen werden.

Zum Einstieg in den vielstimmigen Kosmos Ishiguros seien die Werke Alles, was wir geben mussten, Was vom Tage übrig blieb und Der begrabene Riese empfohlen. Viel Spaß beim Entdecken!

Benedict Wells: Fast genial

Einmal quer durch die USA

Fast Genial ist ein rührendes Roadmovie, das sich mit den Themen Identität, Erwachsen werden und der Suche nach Glück und Erfüllung beschäftigt. Diese werden von Benedict Wells locker in seinem klar strukturierten Roman angerissen, während sich die Rahmenhandlung um den Teenager Francis Dean dreht, der eigentlich ein klassisches Loser-Dasein führt. Mutter mit schwerwiegenden psychischen Problemen, unbekannter Vater und Leben im Trailerpark.

Durch die Bekanntschaft mit der ebenfalls in psychischer Behandlung befindlichen rebellischen Anne-May reift in ihm ein Plan: Nachdem seine Mutter ihm den Namen seines Vaters und die skurrile Hintergrundgeschichte zu seiner Zeugung offenbart hat, macht er sich mit Anne-May und seinem besten Kumpel Grover auf den Weg quer durch die USA, um seinen Vater kennenzulernen.

In klar strukturierten Kapiteln lässt Benedict Wells seine drei Helden in verschiedenen Städten Amerikas Halt machen und wechselt dabei ruhige, fast kontemplative Phasen mit schnellen Beschreibungen ab. Dies sorgt für einen ganz eigenen Rhythmus des Buchs und gefiel mir ausnehmend gut. Lustige Szenen wechseln sich genauso mit nachdenklich machenden Schilderungen ab und zeigen die Dynamiken innerhalb der Gruppe, ihre Sorgen und Wünsche.
Stellenweise erinnerte mich dies sehr an die Filme Vincent will meer und Friendship, doch das Buch bleibt immer eigenständig und souverän. Bereits Becks letzter Sommer von Benedict Wells hat mich tief berührt und ist eines meiner Lieblingsbücher geworden und nun hat er mit Fast genial das Kunststück wiederholt. Ein berührender Roman, der Depression mit Hoffnung verschmilzt und ein wirklich fieses Ende bereithält, das zahlreiche Interpretationen erlaubt!