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Emanuel Bergmann – Der Trick

Immer mal wieder geschieht es, dass man in der ganzen Bücherflut über Preziosen stolpert, die man nicht unbedingt auf dem Schirm hatte, denen man aber eine möglichst große Leserschaft wünscht. Das im März neu erscheinende Debüt von Emanuel Bergmann fällt in diese Kategorie – erschienen ist es gleich als Hardcover bei Diogenes. Für ein Debüt spricht dies schon Bände – umso schöner dass das Buch auch alle Versprechen einlösen kann.

Von Prag bis nach Los Angeles

978-3-257-06955-6Das Buch erzählt in zwei Strängen vom kleinen Mosche Goldenhirsch in Prag 1934 und vom kleinen Max Cohn, der dieser Tage in Los Angeles lebt.

Dessen Eltern haben sich nicht mehr viel zu sagen und stecken gerade inmitten ihrer Scheidung. Max nimmt dies alles sehr mit, sähe er doch seine Eltern am liebsten wieder zusammen. Die Rettung aus dieser verfahrenen Situation scheint eine alte Schallplatte zu sein, die Max im Gerümpel seines Vaters findet. Diese Schallplatte stammt vom Zauberkünstler Zabbatini, der in rätselhaftem Singsang von einem Liebeszauber berichtet, den er vollführen könne. Aber wie das mit alten Schallplatten so ist – an der entscheidenden Stelle hängt natürlich die Aufnahme. Für Max steht nun fest – er muss diesen Zabbatini finden, koste es was es wolle. Kurzerhand macht er sich auf die eigene Faust auf den Weg, den Zauberer zu finden. Doch wird Zabbatini die Magie noch einmal entfachen können?

Während Max nach dem Zabbatini sucht, erzählt Emanuel Bergmann derweil parallel von Mosche Goldenhirsch, den das Leben bald zu eben jenem Großen Zabbatini machen wird, der Max‘ Eltern verzaubern soll. Während der Nationalsozialismus in Deutschland um sich greift, wächst Goldenhirsch als Sohn eines Talmud-Gelehrten in Prag heran und beschließt, sich einem Zirkus anzuschließen. Langsam bewegen sich die beiden Stränge aufeinander zu und bringen Max und Mosche zusammen, die zwar Jahrzehnte trennen, die sich aber beide ähnlicher sind, als es zunächst den Anschein hat.

Magie, Humor, Drama

Seit Joachim Meyerhoffs Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke habe ich bei keinem Buch mehr so oft lachen müssen. Emanuel Bergmann hat ein tolles Gespür für Pointen, Situationskomik und humorvolle Dialoge. Das Aufeinandertreffen von Max und Mosche wird toll beschrieben und der deutsche Autor geizt nicht mit absurden Szenen. Doch was sich hier vielleicht nach überdrehtem Klamauk anhören könnte, ist es keinesfalls. Bergmann nimmt seine Figuren ernst und schafft es, im letzten Teil des Buchs noch eine todtraurige Ebene einzuziehen, die mich sehr berührte.

Sein Roman erzählt vom Zauber der Kindheit, als noch vieles möglich schien. Die Magie und die Kunst der Täuschung nehmen in seinem Roman einen großen Raum ein. Er erzählt vom zeitlosen Wunsch, seinen Träumen zu folgen und rührt damit genauso zu Tränen, wie er die Leser herzlich lachen lässt. Manchmal genügen nur kleine Andeutungen, dass der Leser weiß, was Sache ist. Sein Mosche alias Zabbatini erinnert passagenweise auch an Charlie Chaplins großen Diktator, gerade wenn Bergmann im letzten Drittel die prägenden Erlebnisse aus Mosches Leben schildert.

Mit Max und Mosche stellt er zwei schlitzohrige Helden in den Mittelpunkt, die den Leser für sich einzunehmen wissen. Der Trick ist ein buntes Buch, das viele Emotionen beim Leser zu wecken weiß. Ein großartiges und toll inszeniertes Debüt, das in den Bestsellerlisten landen sollte!

 

Katharina Hartwell – Der Dieb in der Nacht

Ein dunkles Märchen

Nach ihrem Debüt Das fremde Meer legt Katharina Hartwell, Absolventin des Deutschen Literaturinstituts, nun nach: Der Dieb in der Nacht heißt ihr neuer Titel und erzählt von mysteriösen Ereignissen.
Ein Sommer, drei unterschiedliche Versionen der Ereignisse: Nach einem Tag am See verschwindet Felix plötzlich, nachdem er die Zeit mit seiner Mutter Agnes, seiner Schwester Louise und seinem besten Freund Paul verbracht hat. Nichts deutete auf das Verschwinden hin, die Spuren verlieren sich, nachdem Felix bei einer Tankstelle eine Cola kaufen wollte.
Sprung nach vorne: der erwachsene Paul durchstreift ruhelos Prag, als er in einer Spelunke über einen mysteriösen Mann stolpert. Dieser erinnert ihn auf unglaubliche Weise an den damals verschwundenen Felix. Er trägt ein identisches Muttermal wie Felix und weckt Erinnerungen in Paul. Doch dem Mann, der sich den Namen Ira Blixen gegeben hat, fehlen sämtliche Erinnerungen. Er wurde vor Jahren unterkühlt aus der Moldau gezogen und weiß so gut wie nichts über sich – zumindest behauptet er das.
Ist Ira Blixen tatsächlich Felix? Zweifel und Hoffnung beginnen sich abzuwechseln und plötzlich entfalten sich gefährliche Dynamiken, als Ira vor der Wohnung von Paul steht. Sämtliche Beteiligte werden nun in Untiefen gesogen, als die Geschehnisse um Ira Blixen und den damaligen Sommertag am See ans Licht drängen.

Lebenslügen

Katharina Hartwell seziert in ihrem neuen Roman Lebenslügen aus unterschiedlichen Perspektiven. Langsam dröselt sie die Geschehnisse am See auf. Die Hintergründe des Verschwindens von Felix erschließen sich erst langsam und der Leser muss sich aus den Aussagen die subjektive Wahrheit erst selbst zusammenpuzzlen.
Vordergründig passiert in Der Dieb in der Nacht nicht viel – Katharina Hartwell legt ihren Fokus mehr auf die Verschiebungen im zwischenmenschlichen Bereich.

Ein Kammerspiel

Wer Hoffnungen auf einen Krimi hegt, sieht sich schnell getäuscht. Der Dieb in der Nacht ist ein Kammerspiel, das auch gut als Theaterstück auf einer offenen Bühne funktionieren könnte. Denn die etwas karge Inszenierung von Katharina Hartwell lässt sich auch gut übertragen, kreist das Buch doch permanent um die vier Charaktere Agnes, Paul, Louise und  Ira (oder doch Felix?) und wie sich deren Beziehung untereinander verändern…
Ein besonderes Wort sollte noch über die Aufmachung und das Cover des Buchs verloren werden. Wie der Farbton des Covers auf dem Buchrücken und dem Lesebändchen aufgegriffen wird, zeigt deutlich, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat. das mit floralen Elementen und Vanitas-Motiven aufgehübschte Cover zählt für mich zu den schönsten buchgestalterischen Entwürfen dieses Literaturherbstes.