Tag Archives: Rassismus

Elizabeth H. Winthrop – Mercy Seat

And the mercy seat is waiting
And I think my head is burning
And in a way I’m yearning
To be done with all this measuring of proof.
An eye for an eye
And a tooth for a tooth
And anyway I told the truth
And I’m not afraid to die.
(Nick Cave & The Bad Seeds – The mercy seat)

Dieser Song war es, der die amerikanische Autorin Elizabeth H. Winthrop zu ihrem Roman Mercy Seat inspirierte. Sie überführt damit den Text Nick Caves in Romanform – und das gelingt ihr bravourös!

Multiperspektivisch blickt sie in das kleine Städtchen St. Martinsville in Louisiana im Jahr 1943. Wie aus der Zeit gefallen wirkt dieser Ort, die Segregation zwischen Weiß und Schwarz ist unvermindert im Gange. Fast meint man, den Ku Klux Klan jeden Moment um die Ecke biegen zu sehen. Doch auch ohne Pferde und Masken gärt es inmitten der Bevölkerung. Auslöser ist der junge Schwarze Will, der ein Mädchen vergewaltigt haben soll. In der Folge tötete sich das Mädchen selbst – und nun wollen die Bewohner St. Martinsville Blut sehen.

Will sitzt in Untersuchungshaft, ein Elektrischer Stuhl wird aus der Nachbarstadt zur Hinrichtung gebracht – und der zuständige Staatsanwalt zweifelt. Nicht nur er hat seine Zweifel, auch andere Dorfbewohner stehen der drohenden Exekution kritisch gegenüber. Elizabeth H. Winthrop lässt hierfür eine Vielzahl von unterschiedlichsten Menschen zu Wort kommen – vom Sohn des Staatsanwaltes bis hin zum trinkenden Pfarrer, der frisch nach St. Martinsville versetzt wurde. Die Bewohner des Bayous begegnen sich immer wieder, beeinflussen sich gegenseitig und erzeugen so ein nuanciertes Bild von Verbrechen, Strafe und dem, was die Hinrichtung für die Gesellschaft bedeutet.

Der Autorin gelingt dabei das Kunststück, jeder Figur trotz des sehr begrenzten Spielzeit ein eigenständiges Profil und Tiefe zu verpassen. Eindrucksvoll fängt sie die brodelnde Stimmung tief im Süden der USA ein und erschafft ein Stück Literatur, das an andere Größen wie etwa William Faulkner erinnert. Eine packende Geschichte, ein Dorfporträt, eine Studie über Rassismus und Ausgrenzung, die auch als Nukleus der gegenwärtigen Probleme der USA funktioniert. Toll von Hansjörg Schertenleib übersetzt ist das Buch eine wirkliche Entdeckung – gerne empfohlen!

 

Karine Tuil – Die Zeit der Ruhelosen

Die richtungsweisenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich stehen kurz bevor – da erscheint nun im Ullstein-Verlag der passende Roman, der sich mit der sozialen Gemengelage in Frankreich auseinandersetzt. Geschrieben hat ihn die Autorin Karine Tuil, die deutsche Übersetzung besorgte Maja Ueberle-Pfaff.

Die Zeit der Ruhelosen setzt sich mit wichtigen und prägenden Themen der Zeit auseinander und kreist um vier ProtagonistInnen, die da wären: der Afghanistan-Veteran Romain Roller, der unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet, die Journalistin Marion Decker, die wiederum mit dem Milliardär Francois Vély liiert ist, sowie der verstoßene Politiker Osman Diboulla, der einst Teil des Beraterstabs des französischen Präsidenten war.

Diese vier Protagonisten bilden das Gerüst des Romans. Wie sich die vier gegenseitig beeinflussen, das beobachtet Karine Tuil ausgehend von einem Fenstersturz. Die Frau des Milliardärs Francois Vély hat sich umgebracht, indem sie aus dem eigenen Wohnungsfenster in den Tod sprang. Folglich driftet dessen Familie nun völlig auseinander. Vély, dessen Geburtstagsname eigentlich Lévy ist, pflegt eine Affäre mit der Journalistin Marion Decker, um sich über den Verlust seiner Frau und die Entfremdung seiner Kinder hinwegzutrösten. Jene beginnt nun wiederum eine Affäre mit dem Soldaten Romain Roller, dem die Journalistin in Afghanistan begegnete, als sie eine Reportage schrieb.

Der verstoßene Politiker Osman Diboulla kommt nun ins Spiel, als über Francois Vély ein Shitstorm hereinbricht, der ihn zu verschlingen droht. Infolge eines Interviews präsentierte sich Vély sehr ungeschickt und hat nun Rassismus- und Sexismusvorwürfe am Hals. Immer größer wird der Shitstorm – in dem Osman seine Chance erkennt, sich gesellschaftlich und politisch zu rehabilitieren. Der Politiker springt für Vély in die Bresche und setzt sich mit Verve für den gefallenen Magnaten ein.

In Die Zeit der Ruhelosen verhandelt Karine Tuil viele Fragen, die die Zeit und Frankreich prägen. Rassismus in den Gesellschaftsschichten, Antisemitismus, Kriegsheimkehrer, Radikalismus, die prekäre Lage in den Banlieues – es sind viele Themen, die Tuil in ihrem Roman anschneidet. Auch wenn das ganze manchmal in sehr theatrale, an Yasmina Reza geschulte Dialoge und Szenen kippt, in denen sämtliche Argumente verhandelt werden, unterhält der Roman doch im Großen und Ganzen sehr gut.

Ähnlich wie im hier schon besprochenen Roman Die Gierigen ist Tuil hier auf Höhe der Zeit und porträtiert eine zerrissene Gesellschaft und ein zerrissenes Land. Der Autorin ist ein wirklicher Gesellschaftsroman gelungen, der viel über unser Nachbarland Frankreich, aber auch viel über unser eigenes Denken und Handeln verrät.

 

Rolf & Cilla Börjlind – Die Strömung

Bereits zum dritten Mal dürfen die Polizistin Olivia Rönning und der ehemalige Kommissar Tom Stilton in Schweden auf Verbrecherjagd gehen. Das Strickmuster hierbei ist aus den beiden Vorgängerbänden hinlänglich bekannt (Die Springflut und Die dritte Stimme).

Die Stroemung von Cilla Boerjlind

Die Strömung von Cilla Börjlind

Zwei Ereignisse, mit denen sich Olivia und Tom beschäftigen, haben eigentlich auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, doch verknüpfen sie sich im Lauf des Buchs immer mehr. Diesmal ist es der brutale Mord an einem Kleinkind, dem einfach das Genick gebrochen wurde, während es im Sandkasten einen Moment unbeaufsichtigt war. Während Olivia hier an den Ermittlungen beteiligt ist und möglichen rassistischen Spuren nachgeht, lebt Tom sein zurückgezogenes Leben halb auf der Straße. Per Zufall stößt er auf ein altes Buch, in dem verschiedene Notizen und Zettel zu einem Mord an einer Prostituierten liegen, der schon Jahre zurückliegt. Tom beginnt Nachforschungen über das Buch anzustellen und rollt alte Spuren auf.

Langsam fügen die beiden schwedischen Autoren die Stränge zusammen und lassen das bewährte und grundverschiedene Duo Olivia/Tom einmal mehr ermitteln. Der Krimi folgt dabei dem bekannten Strickmuster und ist solide gemacht. Ein gewisses Maß an Über-Konstruktion kann man dem Krimi sicher nicht absprechen, doch dieses Problem hat das Autorenduo nicht alleine, liest man doch diesen Grundplot immer wieder in zahlreichen Krimis (ein Ereignis aus der Vergangenheit, das plötzlich für alle Beteiligten tödliche Konsequenzen entwickelt). Doch wenn man sich am hinlänglich bekannten Strickmuster nicht stört, bekommt man einen weiteren soliden Schwedenkrimi, der besonders in diesen Tagen durch das im Buch behandelte Thema des Rassismus über das Gros der Schwedenkrimis herausragt. Eine gute Fortsetzung der Reihe, der wahrscheinlich noch einige Titel folgen werden!

[Die Übersetzung hier leistete ebenfalls wie schon im Vorgängertitel routiniert Christel Hildebrandt]

Don Winslow – Way down on the High Lonely

Neal Careys dritter Einsatz

Drei Jahre sind vergangen, seit den turbulenten Ereignissen aus China Girl, die den jungen Privatdetektiv Neal Carey gefordert haben. Seitdem saß der Amerikaner im Reich der aufgehenden Sonne in einem buddhistischen Kloster fest, ehe nun Joe Graham auftaucht. Dieser ist Neals Mentor und hat ihn für die Bank rekrutiert, ein exklusives Unternehmen mit einer ebenso exklusiver Klientel. Für diese Bank soll Neal nun ein weiteres Mal auf ein Himmelfahrtskommando gehen. Der Sohn einer Hollywoodproduzentin wurde entführt und niemand weiß, wo sich das Kind und der Kindsvater befinden, der den Jungen gekidnappt hat.

Way down on the High Lonely - Don Winslow

Neal Carey No. 3

Ein Fall wie gerufen für Neal, der undercover ermitteln muss. Seine Spuren führen ihn schon bald in die tiefste Provinz nach Nevada, wo noch echte Cowboys und Ranger leben. Es scheint, als sei der Vater und der entführte Junge auf einer dieser Ranches untergekommen und würde sich dort vor der Welt verstecken. Neal Carey beschließt, sich auf dem Nachbargut einzuquartieren und die benachbarte Ranch in aller Ruhe auszukundschaften und zu unterwandern. Doch damit beginnen erst die Probleme, denn die Cowboys auf der entsprechenden Ranch scheinen fanatische Rassisten zu sein, die den Schwarzen, Juden und allen sonstigen Ethnien und Menschen den Kampf angesagt haben. Neal Carey muss sein ganzes kriminalistisches Talent aufbieten, um den entführten Jungen aus diesem Schlamassel zu befreien.

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Malla Nunn: Ein schöner Ort zum Sterben

Hochspannende Geschichtsstunde

„Ein schöner Ort zum Sterben“ von Malla Nunn ist ein packendes, faszinierendes und überaus vielschichtiges Buch, bei dem ich mich richtig ärgere, es erst so spät zur Hand genommen zu haben.
Bereits vor einem Jahr erworben, fristete es lange ein Dasein in den unteren Bereichen meiner Bücherstapel, ehe ich es mir nun zur Hand nahm, um das Buch endlich auch einmal zu lesen. Und schon wenige Kapitel später ärgerte ich mich schon über mich selbst und fragte mich, warum ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe – denn es ist wirklich großartig.
Nicht erst seit der WM 2010 erfährt Südafrika einen großen Boom, der sich besonders in der Kriminalliteratur niederschlägt. Deon Meyer, Roger Smith und Mike Nicol stehen für extraordinäre Kriminalliteratur, die sich besonders durch ihre Härte und ihre Schnelligkeit auszeichnet. Malla Nunn geht hier andere Wege. Beinahe bedächtig lässt sie den englischstämmigen Constable Emmanuel Cooper in Jacob’s Rest, einem kleinen Dorf an der Grenze zu Mosambik ermitteln. Der örtliche Dorfpolizist wurde erschossen und treibt tot in einer Furt ‚ und das im Jahr 1952, in dem die menschenfeindliche Apartheid-Politik gerade in Kraft tritt. Unbeirrt vertritt Cooper seine Auffassung von Gerechtigkeit und nimmt mit seinen Kollegen die Ermittlungen auf. Dabei muss er nicht nur zwischen der schwarzen und weißen Lebenswelt hin- und herwechseln, sondern kommt mit seiner Spurensuche schon bald dem mächtigen südafrikanischen Geheimdienst, genannt Security Branch, in die Quere.
Malla Nunn hat mit „Ein schöner Ort zum Sterben“ ein Buch geschrieben, das noch lange über das Ende hinaus nachdenklich macht und den Leser fesselt. Gelungen gibt sie Einblick in eine Zeit und in ein rassistisch motiviertes Denken, dass wir uns heute weder vorstellen wollen, noch können. Dennoch schafft sie es, weder die Krimihandlung, noch ihre Protagonisten oder die geschichtliche Rahmenhandlung zu kurz geraten zu lassen. Man meint förmlich die aufgeladene Stimmung in Jacob’s Rest zu spüren, wenn Cooper die Dorfgemeinschaft aufmischt und dann auch noch die sadistischen Schergen des Geheimdienstes die Südafrikaner quälen.
Für mich kommen bei diesem Buch zwei wichtige Aspekte zum Tragen: Zum einen schafft es Malla Nunn wirklich hervorragend, die Geschichte Südafrikas und seine wechselvollen Perioden und Einwohner glaubhaft zu schildern, und zum anderen ist dieses Buch ein ausgezeichneter Kriminalroman, der spannend ist, ohne je die Glaubwürdigkeit zu verlieren und der seine Spannung bis zum großartigen Finale halten kann. Müßig ist es zu erwähnen, dass die Autorin mit Emmanuel Cooper einen tollen Ermittler geschaffen hat, der mich in seiner unbeirrbaren Haltung zwecks Wahrheitsfindung stark an Leo Demidow aus den Büchern Tom Rob Smiths erinnert.
Wenn Sie mal wieder auf der Suche nach Lektüre für den Kopf und für spannende Stunden sind, greifen Sie zu diesem Buch – intelligenter kann man Geschichte und Literatur nicht zusammenbringen!