Tag Archives: Serienmörder

Arne Dahl – Sechs mal Zwei

Vorweg- wer Dahls Vorgängerroman Sieben minus eins nicht gelesen hat, wird an Sechs mal zwei (Übersetzung von Kerstin Schöps) kaum Freude finden. Die Lektüre des Auftaktbandes seiner Reihe um die Ermittler Molly Blom und Sam Berger sollte wirklich vor Dahls neuem Roman stehen, sonst wird man das ganze Dickicht aus Fährten, Anspielungen und Beziehungen kaum durchdringen können (was aber auch mit der vorher erfolgten Lektüre von Sieben minus eins schwierig wird).

Inhaltlich knüpft Dahl an die Ereignisse des ersten Bandes an, als Blom und Berger einen Entführer junger Frauen jagten. Die Ermittler wurden dabei jedoch selbst von Jägern zu Gejagten, weshalb sie nun in Sechs mal zwei ständig unter dem Radar operieren müssen. Die SÄPO (der schwedische Nachrichtendienst) sucht nach den beiden Ermittlern, nur die Kommissarin Desiree Rosenqvist, genannt Deer, hält den Kontakt zu Blom und Berger und versorgt sie mit einem Fall und Informationen.

Denn durch einen Brief einer scheinbar paranoiden Frau stoßen die beiden im wahrsten Sinne des Wortes verdeckten Ermittler auf die Spur eines Serienkillers. Schon vor Jahren schien Sam Berger diesen verhaftet zu haben und somit alle Fälle aufgeklärt zu haben. Doch neue Erkenntnisse lassen die zwei an der offensichtlichen Faktenlage zweifeln. Hat Sam damals wirklich den richtigen Täter festgenommen? Oder befindet sich der wahre Serienkiller immer noch da draußen in der schwedischen Wildnis?

Sechs mal zwei verlangt vom Leser zwei Dinge: Vorkenntnis des ersten Buchs (wie eingangs schon beschrieben) und zweitens ein gerütteltes Maß an Akzeptanz, die wenig glaubhaften Geschehnisse und Twists hinzunehmen, die Arne Dahl den Lesern serviert. Hinterfragen sollte man an diesem Buch nichts, denn dann stürzt das ganze Konstrukt in sich zusammen. Und genau daran ist das Buch bei mir gescheitert.

Geschenkt, dass die Kriminalstatistik Schwedens der Handlung in Sechs mal zwei spottet. 106 Morde für das Jahr 2016 verzeichnet die Kriminalstatistik, davon 29 an Frauen. Wenn man die Geschehnisse in Dahls Kosmos betrachtet, müsste fast die Hälfte der Taten ja schon im Umkreis von Sam Berger und Molly Blom passiert sein. Überall Leichen und Tote, die auf das Konto des Killers gehen. Mit der Realität ist das kaum vereinbar (was natürlich kein gravierender Kritikpunkt ist – schaut man einmal ins skandinavische Krimiregal, dann dürfte zwischen Dänemark und Finnland kaum mehr ein Bewohner existieren, so viele Serienmörder machen dort die Bücher unsicher).

Abgesehen davon, dass der zugrundeliegende Plot für meinen Geschmack zu sehr auserzählt ist (Serienkiller verhaftet, Taten gehen weiter – Suche nach dem wahren Schuldigen), ist das Dickicht aus Plotfäden hier einfach zu verwirrt. Die Hälfte des Buchs gleicht mindestens einem von Schlamm und Schlick durchsetzen Wasserglas, das sich sehr gemächlich absetzt und klärt. Was wirklich passiert ist, das schält sich erst Stück für Stück aus der Handlung, während sich der Leser immer wieder am Kopf kratzt. Was treibt dieser Sam Berger aus dem gut 150 Seiten dauernden Prolog? Wie passt das mit den weiteren Geschehnissen zusammen? Was ist mit der paranoiden Briefschreiberin? Wer beobachtet Molly und Sam? Sechs mal zwei bietet von Anfang an ein Bündel an Fragen, die Antworten kommen aber erst sehr spät.

Während Molly Blom und Sam Berger unerkannt durch ganz Schweden reisen, um der Fährte des Serienkillers zu folgen, wird der Plot immer hanebüchener. Arne Dahl zieht einen Budenzauber um gestohlene Identitäten, nicht entdeckte Morde und multiple Persönlichkeiten auf, dass man sich schon manchmal nach einer gewissen Prise Normalität sehnt. Auch die Umsetzung der Taten erscheint arg konstruiert immer wieder werden neue Arbeitshypothesen präsentiert, die dann aber doch schlussendlich wieder verpuffen oder nicht verfolgt werden.

Dies schmälert alles leider den Genuss des Buches. Man muss einfach konstatieren, dass sich Arne Dahl – wenngleich komplexe Plots ja eigentlich immer seine Stärke sind – hier einfach verhoben hat. Hoffentlich wird der nächste Band der Blom/Berger-Reihe da wieder etwas realistischer und weniger überkonstruiert.

Dennis Lehane – Dunkelheit, nimm meine Hand

Kenzie & Gennaro Nr. 2

Um es gleich einmal vorweg zu nehmen – auch nach 21 Jahren seit dem ersten Erscheinen hat dieses Buch nichts von seiner Klasse eingebüßt – mein Spannungshighlight dieses Monats bislang!

Dankenswerterweise legt der Diogenes-Verlag nun nach und nach die vergriffenen Titel der Kenzie/Gennaro-Reihe wieder auf und spendiert den Büchern eine Neuübersetzung. Diesmal war der Routinier Peter Torberg für die Neuübertragung ins Deutsche verantwortlich – und hat seinen Job gut gemacht.

Dunkelheit, nimm meine Hand ist nach Ein letzter Drink der zweite Teil der Reihe, der die beiden Ermittler Patrick Kenzie und Angie Gennaro dem Leser noch näher bringt. Die beiden werden bei ihrem neuesten Auftrag wieder einmal persönlich in ein undurchdringliches Geflecht verstrickt. Denn diesmal gerät der Ich-Erzähler Patrick Kenzie in den Fokus eines Mörders, der ihn mit den Sünden seines Vaters konfrontiert.

Die Psychologin Diandra Warren erhält eine beunruhigende Nachricht, die ihren Sohn zeigt. Die Arbeitshypothese von Kenzie und Gennaro zerschlägt sich dann doch recht schnell, nachdem sie davon ausgingen, dass die Bostoner Mafia noch eine Rechnung mit Diandra oder ihrem Sohn offen hat. Als dann plötzlich der Sohn der Psychologin tot aufgefunden wird und zudem eine alte Bekannte von Patrick brutal gekreuzigt auf den Straßen Bostons gefunden wird, sitzt das Detektivpärchen in der Patsche. Denn diese beiden Morde sind nur Teil eines weitaus größeren mörderischen Geflechts, das das FBI schon seit unter Beobachtung hat. Jemand möchte Sünden aus der Vergangenheit rächen – und Patricks eigene Weste ist dabei nicht ganz blütenrein. Continue reading

Paul Finch – Spurensammler

No more Mr. Nice Guy

Der inzwischen dritte Fall für DS Mark „Heck“ Heckenburg steigt gleich mal in die Vollen ein: nachdem er einen Neonazi zur Strecke gebracht hat bekommt es Heck mit alten Feinden zu tun. Seine alte Nemesis aus dem Mädchensammler-Fall ist zurück. Eigentlich im Gefängnis, wird der ehemalige Anführer der Nice Guys, einer Gruppe die für wohlhabende Kunden junge Mädchen entführte und anschließend umbrachte, ins Krankenhaus verlegt. Dieser Transport wird jedoch überfallen und der Chef-Nice Guy verschwindet. In der Folge beginnt eine brutale Mordserie an Männern, die mit den Nice Guys in Verbindung standen. Offenbar möchte jemand sämtliche lose Enden der Gruppe abschneiden. Und Heck findet sich inmitten einer brutalen Hatz, bei der auch er ins Visier der Nice Guys gerät. Schließlich hat er drren Anführer damals hinter Gitter gebracht. Und jetzt gilt das Alice-Cooper-Motto: „No more Mister Nice Guy“
Wer sich vom neuen Fall von Mark „Heck“ Heckenburg einen spannenden Fall erwartet, in dem Ermittlungsarbeit eine wichtige Rolle spielt, der sieht sich schnell getäuscht. Die Ermittlungsergebnisse fallen Heck eher in den Schoß und sind Aufhänger zu weiteren Actionszenen.
Heck muss sich mit seinen Einsätzen vor John McClane oder Rambo nicht verstecken, auch wenn im Buch die Kollegen ihm impliziert nahelegen, dass er letzterer nicht sei. Der Bodycount des britischen Ermittlers spricht da aber eine andere Sprache. Die Schlagzahl, mit der hier die Opfer der Nice Guys sterben, ist beträchtlich. Langweile kommt somit im Lauf der Lektüre nicht auf, schließlich setzt schon das Finale zwischen Heck und den Nice Guys 150 Seiten vor Ende des Buchs ein. Fans von Action kommen hier definitiv auf ihre Kosten.
Zwar baut Spurensammler sehr stark auf Finchs Erstling Mädchenjäger auf, für das Verständnis des neuen Heckenburg-Thrillers ist die Kenntnis des ersten Bandes aber nicht zwingend notwendig. Wer sich von expliziter Gewalt in Thrillern nicht abschrecken lässt und exzessive Action mit einem Ein-Mann-Rollkommando mag, der hat mit Spurensammler seinen Thriller gefunden. Hier werden keine Gefangenen gemacht!

Stuart MacBride – Das Knochenband

Nach all den ernsten und literarisch eher anspruchsvollen Titel in letzter Zeit komme ich heute mal wieder mit einem Buchtipp daher, der allen Spannungsfans gute und simple Unterhaltung bietet (dies im Sinne dass der Krimi nicht viel mehr will als gut unterhalten – keine Nabelschau der Probleme der Welt, etc.): Das Knochenband des schottischen Autors Stuart MacBride ist der achte Band der Reihe um den Dective Inspector Logan MacRae.

Die Flipperkugel von Aberdeen

Man möchte wirklich nicht in Logan MacRaes Haut stecken. Als Interims-DI darf er sich mit den gehobenen Problemen der schottischen Bürokratie herumärgern und nebenbei an diversen Fronten kämpfen. Einige Obdachlose sind verschwunden, asiatischen Migranten werden die Knie zertrümmert – über die Identität ihrer Peiniger schweigen sie sich jedoch aus, und ein Teenagerpärchen wird vermisst. Darüberhinaus wurde ein anonymes Opfer auf einem abgelegenen Parkplatz per Necklacing getötet, erwürgt und erstochen. Viel zu tun also für Logan MacRae, der von seiner Vorgesetzten DI Steel permanent unter Druck gesetzt und herumgescheucht wird.
Neben diesen ganzen Problemen erleichtert es MacRae nicht gerade, dass die Aberdeener Unterweltgröße Wee Hamish Mowat per Testament Logan zu seinem Nachfolger auserkoren hat.
Und woher kommen die Knochenbündel, die sich immer wieder an Logans Wohnungstür finden?
Logan MacRae ist wirklich die Flipperkugel von Aberdeen. An zahlreichen Fronten muss er kämpfen, seine Vorgesetzte DI Steel, die Interne Dienstaufsicht, die Unterwelt und auch ehemalige Vorgesetzte – alle wollen etwas von Logan. Dieser muss sich meist beide Beine ausreißen, um irgendetwas gebacken zu bekommen.
Das große übergeordnete Thema dieses Buchs ist die Verfilmung des Buchs Witchfire, das Harry-Potter-ähnliche Erfolge nach Aberdeen bringen soll. Die meisten der Verbrechen, die dem Leser in Das Knochenband begegnen drehen sich um die Dreharbeitenvon Witchfire, wenngleich Stuart MacBride erst im letzten Viertel des Buchs die wahren Beweggründe für einige Verbrechen offenbart.

Krimi und Komik

Bis dahin ist man mit Logan MacRae durch ein kaltes Aberdeen gehetzt und wurde köstlich unterhalten. MacBride ist nämlich einer der wenigen Autoren, dem eine passable Mischung aus düsterem und harten Thriller mit jeder Menge Komik gelingt. Die Figuren, die seine Bücher bevölkern, sind oftmals bewusst wandelnde Klischees und ihre Dialoge und Aktionen kann man manchmal wirklich nicht ernst nehmen. Dennoch gelingt es dem Schotten, die Balance zwischen seinem Krimi und dem Spaß im Buch zu bewahren.
Auch wenn sich nicht alles komplett logisch auflöst und ein, zwei Logiklöcher den Plot durchziehen ist das Buch doch eine prima Unterhaltung für alle Krimifreunde, die auch zwischen den Seiten einmal lachen können oder wollen.

Schwankendes Veröffentlichungsformat

Schade nur das schon wieder geänderte Design der Buchreihe, die auch in ihren Veröffentlichungsformaten zwischen Hardcover, Paperback und Taschenbuch springt. Hier würde ich mir einmal mehr Kontinuität wünschen, dies bleibt wohl aber nur Wunschdenken.

Ian Rankin – Mädchengrab

Rebus im Unruhestand

Eigentlich hatte er ihn schon in Rente geschickt, seinen inzwischen altgedienten Schnüffler John Rebus – doch dann hat sich Ian Rankin eines Besseren besonnen und Rebus reaktiviert. In seinem nunmehr 18. Fall bekommt es Rebus diesmal mit verschwundenen Mädchen und einem anderen Rankin-Protagonisten zu tun

Die verschwundenen Mädchen

http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Maedchengrab-Inspector-Rebus-18-Kriminalroman/Ian-Rankin/e449763.rhdEigentlich hätte es so schön sein können – entspannt alte Platten hören, in der Oxford-Bar einen Whisky schlürfen. Doch das Schicksal und die Lektorin Nina Hazlitt haben anderes mit dem Rentner im Ruhestand vor. Hazlitts Tochter verschwand vor einigen Jahren spurlos entlang der Autobahn A9 in Schottland. Sie ist davon überzeugt, dass andere Fälle mit diesem zusammenhängen und wendet sich nun an Rebus. Dieser verbringt seine Tage bei der Abteilung für ungelöste Verbrechen und kann das Ermitteln doch nicht ganz sein lassen. Erfolgreich und stur wie eh und je klemmt er sich hinter die Fährte der Verschwundenen und stößt tatsächlich schon bald auf Übereinstimmungen mit anderen Fällen. Kann es sein, dass in Schottland unerkannt mehrere Mädchen verschwanden und niemand die Zusammenhänge erkannte?

 

 

Nicht Rebus‘ stärkster Fall

Die Grundidee von Mädchengrab ist nicht die Neueste. Verschwundene Mädchen, ein unerkannt operierender Killer, ein Dezernat für ungeklärte Verbrechen. Die Zutaten, mit denen Rankin sein Süppchen kocht sind nicht mehr die frischesten. 
Für das Comeback von Rebus hätte ich mir hier etwas mehr Originalität gewünscht. Zudem sind die Ermittlungen Rebus‘ doch eher von Zufällen und dem Ermittler einfach vor die Füße fallenden Fakten geprägt.
Gerade das letzte Viertel erschien mit etwas lieblos heruntergeschrieben worden zu sein – den Showdown und die schlussendlichen Ermittlungen hat man bei Ian Rankin schon einmal stärker gelesen. Auch blieb mir Rankin das Motiv des Mörders und Hintergründe zu den Taten schuldig.
Bei aller Kritik über den Plot, dem etwas mehr Raffinesse gutgetan hätte, muss man jedoch auch sagen, dass Rebus‘ 18. Fall in der Reihe nicht der stärkste Roman sein mag, insgesamt aber solider Durchschnitt ist. Von Conny Lösch ins Deutsche übertragen ist dieses Wiedersehen mit Schottlands Ermittler No. 1 für Fans auf jeden Fall lesenswert. Allen Rebus-Neulingen würde ich empfehlen, mit früheren Bänden einzusteigen.