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Joe R. Lansdale – Blutiges Echo

Mörderisches Echo

Harry Wilkes ist anders als all die anderen Kinder. Als Einzelkind wurde er umhegt und gepflegt und stand unter der liebevollen Fittiche seiner Eltern. Eine Zäsur in seinem Leben stellte eine mysteriöse Erkrankung dar, nach der sein Leben nicht mehr so ist wie es einmal war.
Denn plötzlich kann Harry Geräusche hören und Taten sehen, die sich an bestimmten Orten einmal abgespielt haben. In Visionen offenbaren sich ihm die grausigen Geheimnisse, die an jedem Ort und hinter jeder Tür lauern können. Von Kindesbeinen an verfolgt ihn diese Gabe.
Als Student hat Harry nun einen Weg gefunden, um diese Klänge zum Verklingen zu bringen – und der Weg heißt Alkohol. Eigentlich könnte Harry in seinem White-Trash-Dasein versinken, wenn er nicht eines Abends die Bekanntschaft von Tad machen würde, die sich gegenseitig auf den richtigen Weg zurückbringen wollen. Als sich Harry nun auch noch verliebt, werden die Dinge nun richtig kompliziert.
Joe R. Lansdale hat erneut einen feinen Thriller abgeliefert, der diesmal härter ausgefallen ist als die „üblichen“ Romane von ihm, in denen sich seine Protagonisten an (mörderische) Erlebnisse aus ihrer Kindheit zurückerinnern. Das Buch, das im Opus Magnum Lansdales diesem Buch an nächsten kommt dürfte der Noir-Thriller Die Kälte im Juli sein. Wer auf einen der eher „sanfteren“ Krimis á la Das Dickicht oder Dunkle Gewässer gehofft hat, der sieht sich bei Blutiges Echo wahrscheinlich enttäuscht.
Die mit seiner Gabe gequälte Seele Harry porträtiert Joe R. Lansdale eindrücklich und zeigt einen Teenager, für den die Zeit, in der eh alles schon kompliziert ist, noch komplizierter wird. Die synästhetische Gabe Harrys fügt sich nahtlos in das Gesamtkonzept des Buchs ein, obwohl man bei der Lektüre des Klappentextes vielleicht eher an einen übersinnlichen Thriller denken würde. Das Buch liest sich schnell weg – ein gewohnt guter Lansdale-Schmöker mit hoher Pageturner-Qualität!

James Lee Burke – Regengötter

Ein staubiger Western

Diesen Ziegelstein von einem Buch muss man vorsichtig absetzen – wenn man zu heftig auf eine Tischoberfläche oder Ähnliches wirft wäre es nicht unwahrscheinlich, dass Staub und Sand aus diesem Buch herausrieseln. In Regengötter verleiht der Krimigroßmeister James Lee Burke dem staubigen Grenzland zwischen Mexiko und Amerika nämlich eine großartige literarische Würdigung.
Im deutschen Sprachraum nahezu vergessen zählt James Lee Burke eigentlich mit seinen diversen Krimiserien zu einem der größten lebenden Spannungsautoren aus dem anglophonen Bereich. Mit Regengötter (übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Daniel Müller) scheint es jetzt, als gelänge dem Autoren im reifen Alter von 79 Jahren noch einmal so etwas wie ein Comeback.

Im Staub zwischen Mexiko und Amerika

Mit dem Krimi Regengötter gelang es Burke den Krimipreis des Jahres 2014 zu erringen. Darin erzählt er vom 80-jährigen Sheriff Hackberry Holland, einem sturen und schmerzgeplagten Cowboy, dessen Gerechtigkeitsempfinden und dessen dicker Schädel ihn oftmals in Bedrängnis bringen.
Hinter einer alten Kirche wurden in Grenzland nämlich neun mit einem Bulldozer verscharrte Leichen von asiatischen Frauen gefunden – obwohl das FBI und das ICE den Fall zu gerne an sich reißen würden, gibt Holland nicht nach und klemmt sich zusammen mit seiner Mitarbeiterin Pam Tibbs hinter die Fährte der Leichen. Schnell führen seine Ermittlungen ihn in gefährliche Verbrecherkreise und nicht nur Hackberry muss um sein Leben fürchten. Denn ein skrupelloser Psychopath steht dem Sheriff entgegen und die Begegnung mit ihm könnte seine letzte sein …
Stellenweise erinnerte mich die Erzählweise James Lee Burkes stark an seinen Kollegen Cormac MacCarthy und seinen Meilenstein Kein Land für alte Männer. Stoische Charaktere, eine dräuende Stimmung – was braucht es mehr für einen Neo-Western?
Regengötter ist ein mächtiges Buch, sowohl in inhaltlicher als auch umfangstechnischer Sicht. Auf über 670 Seiten entfesselt der Großautor sein staubiges Panorama, lässt Killer, Crystal-Meth-Dealer und Biker durch die ungastliche Landschaft hetzen und vergisst darüberhinaus nie die Spannung.
Wer Sheriff Hackberry Holland nun liebgewonnen hat, der darf sich schon auf die Fortsetzung Glut und Asche freuen, die im Herbst diesen Jahres erneut bei Heyne Hardcore publiziert werden wird.