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Roland Schimmelpfennig – An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Vertane Wolfs-Chance

„An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts überquerte ein einzelner Wolf kurz nach Sonnenaufgang den zugefrorenen Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen.“ (Schimmelpfennig, S. 5)

Was für ein Auftaktsatz, der den ersten Roman des deutschen Dramatikers Roland Schimmelpfennig (der meistgespielte deutsche Theaterautor, wie der Klappentext stolz kündet) einleitet. Man denkt an Musils Mann ohne Eigenschaften: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.“

EiskaltEin großartiger erster Satz aus der Feder Schimmelpfennigs, der damit schon ein Gefälle einstellt, auf dem alles, was danach folgt, hinunter rutscht. Der Debütant erzählt von eben jenem Wolf, der als Leitmotiv durch das Buch streift und unaufhaltsam auf Berlin zuhält. Immer wieder kreuzen Menschen den Weg des Wolfs und werden mit dem Schicksal des Raubtiers verknüpft. Diese Menschen sind Ausreißer, Späti-Besitzer oder Zeitungsvolontäre, die alle in diesem Wolf etwas anderes sehen. Doch leider lässt Schimmelpfennig seinen verschiedenen Charakteren, die immer wieder im Buch auftauchen, wenig mehr als ihre Berufe. Namen hält der Autor so gut wie immer für überbewertet, was dazu führt, dass das Ausreißerpärchen meistens nur als der Junge und das Mädchen tituliert wird. Es erfordert Aufmerksamkeit vom Leser, die verschiedenen Lebens- und Erzählstränge auseinander zuhalten, da Schimmelpfennig neben der minimalen Namensgebung auch auf so etwas wie Biographien hinter den Namen verzichtet und so keinerlei Tiefenwirkung erzielt. Ein weiteres Ärgernis, das ich bei einem Dramatiker eines Ranges von Roland Schimmelpfennig so niemals erwartet hätte, ist auch die Lustlosigkeit und Banalität der Dialoge. Jeder spricht mit jedem gleich, kein Soziolekt, keine Charakterisierung durch das gesprochene Wort – nichts.

Dies ist ärgerlich, da sich An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts wie ein einziges Fest der Klischees liest. Natürlich stammt das Ausreißerpärchen aus verschiedenen Welten (da der Vater des Jungen als Alkoholiker und Psychatrieinsasse, dort die Mutter des Mädchens als Bauhaus-Villa-Bewohnerin), natürlich arbeitet der Pole auf dem Bau und seine Frau putzt Wohnungen, natürlich hat der Vater der türkischstämmigen Zeitungsvolontärin einen Dönerimbiss am Kottbusser Tor. Munter reiht Schimmelpfennig Klischee an Klischee und auch zu Berlin fällt ihm nichts Neues ein. Mehr als eine Revue von Ortsnamen und Banalitäten ist das Ganze leider nicht (die Gentrifizierung greift in der Bundeshauptstadt um sich? Welch hellsichtige Analyse). So liest man das Buch merkwürdig distanziert und wird von nichts wirklich berührt. Was die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse zur Nominierung dieses Titels bewogen hat, bleibt auch nach der Lektüre mehr als schleierhaft. Eine wahrhaft vertane Wolfs-Chance, trotz all des Potentials, das die Erzählung geboten hätte!

 

 

 

Elisabeth Herrmann – Der Schneegänger

Sanelas zweiter Einsatz

Der Schneegaenger -Elisabeth Herrmann

Der Schneegänger -Elisabeth Herrmann

Nachdem sie ihren letzten Einsatz im Dorf der Mörder nur knapp überlebt hat, will Sanela Beara eigentlich nichts mehr mit dem Streifendienst zu tun haben. Stattdessen büffelt sie lieber kräftig, um ihr Polizisten-Studium gut über die Bühne zu bringen. Doch trotz aller Ambitionen hat sie nicht die Rechnung mit dem KHK Lutz Gehring gemacht, der bei einem schwierigen Fall auf Sanelas Hilfe angewiesen ist. Ein Jäger hat in einem Waldstück die verscharrte Leiche eines kleinen Jungen gefunden. Eben dieser Junge wurde vor vier Jahren und entführt und trotz aller Ermittlungen konnte die Polizeidamals kein Lebenszeichen des Jungen geschweige denn Informationen über die Entführer ermitteln. Nun bietet sich für Gehring  die Möglichkeit, den Cold Case aufzuklären, indem er auf die Hilfe von Sanela Beara zurückgreift, denn diese verbindet mit dem Jungen die kroatischen Wurzeln.

Gegen den Willen von Gehring beschließt Sanela sich undercover in das Haus einzuschleusen, in dem der Junge mit seiner Mutter wohnte. Denn offensichtlich lauern hinter der Fassade der Prachtvilla dunkle Geheimnisse, die die Familie des Opfers und die Besitzer der Villa lebten. Schon bald gleichen Sanelas Ermittlungen einem Drahtseilakt.

Eine unangepasste Ermittlerin

Mit Sanela Beara hat Elisabeth Herrmann neben ihrem Anwalt Joachim Vernau eine zweite große Figur geschaffen, die die Leser für sich einnimmt. Mit ihrem unangepassten Wesen, mit dem sie nicht nur den Kriminalhauptkommissar Gehring immer wieder auf die Palme bringt, bleibt sie im Gedächtnis der Leser.

Erreicht nicht die Klasse des Vorgängers

Leider muss ich konstatieren, dass Der Schneegänger mitnichten so packend gelungen ist wie Sanelas erster Fall Das Dorf der Mörder. Zwar vermag es Elisabeth Herrmann auch in diesem neuen Buch wieder gekonnt, Atmosphäre zu schaffen, leider trägt der Handlungsbogen nicht über die Dauer des Buches. Einige Längen haben sich in das Buch eingeschlichen – und auch an die Originalität von Das Dorf der Mörder reicht der Fall nicht heran. Stattdessen meinte ich eher des Öfteren eine bräsige Folge von Der Alte oder Der Kommissar zu lesen, als die beiden Polizisten in der Reichen-Villa ermittelten. Die Motive und Charaktere sind für meinen Geschmack leider zu stereotyp geraten (der geheimnisvolle Wolfsforscher, der abgefeimte reiche Villenbesitzer, der verschlagen-manipulatorische Zögling, etc.) und so bleibt mir nur die Hoffnung dass es bei Sanelas drittem Einsatz wieder bergauf geht!
Wer dem Roman (der trotz aller Mängel immer noch besser als die andere kriminelle Dutzendware ist) eine Chance geben möchte, erhält hier noch einen kleinen Teaser: Die Autorin Elisabeth Herrmann schildert höchstselbst den Plot von Der Schneegänger und gibt Einblicke in das Buch.

Viel Spaß beim Schauen und bei der Lektüre des Buches wünsche ich!