Spiel, Satz, Buch

Andrea Petković – Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht

Tennisspielerin Andrea Petković legt ihr erstes Buch vor. Doch wer belanglose Sportler-Memoiren erwartet, der dürfte sich schnell getäuscht sehen. Denn Petković macht in Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht vieles ganz anders, als man es von herkömmlichen Biografien gewohnt ist. Statt sich im Glanz ihrer Erfolge zu sonnen oder rührselige Aventüren gegen alle Widerstände zu präsentieren, erzählt sie. In Episodenform beschreibt sie die Besonderheiten großer Tennisturniere, ihre literarische Prägung, den Reiz New Yorks, Schwarzfahren und andere Geschichten, die durch Petkovićs literarisches Erzähltalent bestechen.


Mit welch einer versierten Autorin wir es hier zu tun bekommen beweist schon der kursiv gesetzten Auftakt des Buchs. Denn darin erzählt sie von ihrem Vater, der sie einst zu einem Tennisturnier in Australien begleitete und nächtens einem Braunbär begegnet sein wollte.

Geschichtenerzählen war immer Teil unserer Familie und Teil unserer Identität. Wenn meine Mutter meinen Vater abends beim Essen nach seinem Tag fragte, hörte sich jeder einzlne an wie ein Abenteuer. (…)

Das war der Haushalt, in dem ich aufwuchs. Denken Sie ab und zu daran, wenn Sie meine Geschichten lesen. Alles, was ich beschreibe, ist genau so passiert. Aber manchmal braucht es einen Braunbären, um der Wahrheit näherzukommen.

So verschafft sich Petković gleich zu Beginn die Lizenz zur Fiktion. Ein kluger Aufschlag für ihr Buch, mit dem sie sich von den üblichen Pflichten des drögen Genres Sportler-Biografien entbindet. So springt sie fortan mit ihren zehn bis 15 Seiten langen Erzählungen durch ihr sportliches und privates Leben.

Keine plumpen Sport-Erinnerungen

Zu plumpen Nacherzählungen von bedeutenden Matches ihrer Karriere lässt sie sich dabei nicht hinreißen. Wenn Petković an wenigen Stellen im Buch solche Ereignisse Revue passieren lässt, dann ist das reichlich selbstkritisch und verweist auf dahinterliegende Wahrheiten, die ihr wichtig sind. So erzählt sie von Überheblichkeit und anderen Probleme mit dem Kopf, der ihr von Zeit zu Zeit einen Strich durch ihre Siegespläne machte. Von Rivalität und Freundschaft, und was diese im Sport ausmacht.

Andrea Petković - Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht (Cover)

Es geht Petković in diesem Buch merklich nicht darum, ihren eigenen Ruhm zu mehren. Natürlich handelt es sich bei ihr um eine der erfolgreichsten Tennisspielerinnen jüngster Zeit, das verschweigt sie (und die Gestaltung des Buch) natürlich nicht. Aber ebenso wie vom Erfolg erzählt sie vom Scheitern. Von Verletzungen, die sie zurückwarfen. Von der Einsamkeit in schlecht klimatisierten Hotelzimmern am Rande der Welt. Und nicht zuletzt erzählt Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht auch von der Suche nach Identität. So passt sich das Memoir der Tennisspielerin in eine ganze Riege identitäts-erforschender Bücher ein, die in letzter Zeit erschienen sind, von Saša Stanišić bis hin zu Deniz Ohde.

Ihre eigene bosnische Herkunft, das Aufwachsen in Deutschland, die Zerissenheit der eigenen Familie. All das beleuchtet die Tennisspielerin sehr klar, selbstironisch und durchaus analytisch. Diese Klarheit und auch der immer wieder aufscheinende Humor machen aus diesem Buch vielmehr als eine Sportler-Biografie.

Ein großer thematischer Bogen

Dazu ist auch der thematische Bogen, den Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht umspannt, viel zu groß. So erzählt sie vom Touren mit einer Band durch die USA, Freundschaften, Familienritualen, besuchten Konzerten und nicht zuletzt auch von ihren literarischen Leidenschaften. Dass ihr die Literatur von Jonathan Franzen, Philip Roth oder David Foster Wallace ein wirkliches Bedürfnis und für sie sinnstiftend ist, das nimmt man Petković nach der Lektüre des Buchs sofort ab.

Und dass sie die Bücher nicht nur gelesen hat, sondern von ihnen auch gelernt hat, das zeigt das Buch ebenfalls. Wie gutes Erzählen funktioniert, was man besser weglässt und auf was man sich konzentriert, das hat Petković beherzigt. Ihre Geschichten sind konzise, spannend gestaltet und haben auch mir als Tennis-Muffel plastisch einen Eindruck vom Reiz dieses Sports verschafft. Ihre Erzählungen liest man gerne, scheint doch eine wache, belesene, selbstironische und auch selbstkritische Autorin durch die Zeilen durch.

Fazit

Ja, Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht ist ein Buch über Tennis. Aber Andrea Petkovićs Buch ist eben auch so viel mehr. Auch wer nichts von Tennis versteht oder wen dieser Sport nicht übermäßig interessiert – man sollte diesem Buch auf alle Fälle eine Chance geben. Eine interessante und talentierte Erzählerin ist hier zu entdecken, die nicht nur vermittelt, wie man Tennis lesen und verstehen kann, sondern die sich auch für die Fragen von Idenität und Herkunft interessiert. Ihr ist ein Buch gelungen, das man mit dem Begriff Sportler-Memoir kaum erschlägt, und das so viel mehr ist als nur das. Oder um ein vielgenutztes Tenniszitat einmal etwas anders zur Anwendung zu bringen: Spiel, Satz, tolles Buch!


  • Andrea Petković – Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht
  • ISBN: 978-3-462-05405-7 (Kiepenheuer Witsch)
  • 272 Seiten. Preis: 20,00 €
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Sam Hawken – Vermisst

Laredo ist einer der Hotspots für den amerikanisch-mexikanischen Güterverkehr. Das hat mit der Lage der texanischen Stadt zu tun, die über eine Brücke direkt mit Nuevo Laredo in Mexiko verbunden ist. Tausende von Trucks transportieren Tag für Tag Waren aus Mexiko in die USA und umgekehrt. Auch für den Drogenhandel ist die Stadt von zentraler Bedeutung. Verschiedene Kartelle wie die Golfos und das Sinaloa-Kartell kämpfen mit brutaler Gewalt um die Vorherrschaft über die Stadt. Auch Jack Searle, der Held von Sam Hawkens Krimi Vermisst wird in diesen Konflikt hineingezogen und bekommt die Tödlichkeit des mexikanisch-amerikanischen Drogenkriegs am eigenen Leib zu spüren.


Es war eine Meldung, die selbst die von den alltäglichen Mord- und Gewaltnachrichten im Bezug auf den Drogenkrieg abgestumpfte amerikanische Öffentlichkeit aufhorchen ließ. Gerade einmal sieben Stunden währte die Karriere des neuen Polizeichefs von Nuevo Laredo. Alejandro Domínguez Coello hatte gerade frisch seinen Dienst angetreten, als von Auftragsmördern eines lokalen Drogenkartells erschossen wurde. Diese Meldung ließ auch die in Sachen Brutalität und Gewalt schon viel gewohnten Menschen in der texanisch-mexikanischen Grenzregion aufhorchen.

Hier war eine neue Eskalationsstufe im Drogenkrieg erreicht. Leider aber bei Weitem nicht die finale, wie die Entwicklung der letzten Jahre gezeigt haben. Immer brutaler agieren die Kartelle, die mit Morden und zur Schau gestellter Gewalt wichtige Gebiete für sich besetzen wollen. Die Kämpfe zwischen den verschiedenen Kartellen eskalieren immer weiter und sorgen für Tausende von Opfern. Alleine in den Jahren 2015-2020 zählen vorsichtige Schätzungen über 150.000 Tote im Bezug auf den grassierenden Drogenkrieg. Es scheint kein Ende der Gewalt in Sicht. Im Gegenteil.

Wie sich ein Drogenkrieg anfühlt

Wie sich dieser Drogenkrieg für normale Menschen anfühlt, davon erzählt Sam Hawken. Er stellt den Handwerker Jack Searle in den Mittelpunkt seines Romans. Dieser verdient mit Aufträgen auf Baustellen sein täglich Brot. Er sorgt für seine beiden Stieftöchter und besucht einmal im Monat seine mexikanischen Verwandten. Dazu muss er mit seinen Töchtern über die Brücke nach Nuevo Laredo.

Sein Leben ist ein unspektakuläres. Manchmal heuert er mexikanische Migranten an, die ihm bei der Arbeit helfen. Die Aufträge sichern ihm ein Auskommen – für mehr reicht es allerdings nicht. Ein kleines Eigenheim mit Unkraut in der Auffahrt, ein Truck, das nennt Searle sein Eigen.

Die Katastrophe beginnt, als der dem Drängen seiner minderjährigen Tochter nachgibt. Diese möchte zusammen mit der Tochter der mexikanischen Verwandschaft in Konzert in Mexiko besuchen. Jack erlaubt ihr diesen Ausflug mit Bauchgrimmen – das sich schon bald als gerechtfertigt erweist. Denn die beiden jungen Frauen kehren nicht vom Konzert zurück. Verzweifelt beschließt Jack, sich auf die Suche nach seinen Töchtern zu machen. Unterstützung erhält er dabei vom Polizisten Gonzalo Soler, der für die Policia Municipale in Nuevo Laredo tätig ist. Zusammen durchkämmen die beiden die Grenzstadt auf der Suche nach den beiden Mädchen. Dabei stellen sie rasch fest, das in dieser Stadt nichts funktioniert, ohne dass ein Kartell seine Finger im Spiel hat …

Ein Buch im Schatten Don Winslows

Sam Hawken steht mit seinem Krimi unweigerlich im Schatten DES Chronisten des war on drugs: Don Winslow. Dieser hat mit seinen drei Epen Tage der Toten, Das Kartell und Jahre des Jägers von den Anfängen des Drogenkonfliktes bis in die heutige Trump-Ära hinein unglaublich feinteilig und komplex das metastasierende Geflecht Drogenkrieg herausgearbeitet. Die Messlatte liegt damit für Sam Hawken schon fast unerreichbar hoch. Und ja – er reißt sie erwartungsgemäß. Denn die Komplexität der fast 3000 Seiten starken Winslow’schen Opus Magnum erreicht Sam Hawken mit seinem Krimi nicht. Vielmehr konzentriert sich Hawken auf die verzweifelte Suche eines Vaters nach seiner Tochter.

Sam Hawken - Vermisst (Cover)

Ein klassischer Plot, der – wie auch Peter Henning in seinem Nachwort hinweist – in der Tradition von Ein Mann sieht rot oder der Taken-Filmreihe mit Liam Neeson steht. Ein solcher Plot steht und fällt natürlich mit einem zentralen Element – dem Helden. Und hier offenbart Vermisst leider zentrale Schwächen. Denn weder Jack Searle noch Gonzalo Soler sind sonderlich plastisch gezeichnet Figuren. Ihnen fehlt eine Backstory, die sie besonders auszeichnet und durch die man Sympathien für sie entwickelt. Dass Soler der um sich greifenden Korruption zu widerstehen versucht und Jack ein anständiger Kerl ist, das reicht für ein tiefergehendes Leseerlebnis leider nicht aus.

Folglich folgt man ihrer Suche nach dem Verschwinden von Jacks Stieftochter auch eher distanziert, vor allem, da diese Gegenperspektive der jungen Frauen im Buch nie wirklich angerissen wird (wenngleich dann das Ende klarmacht, warum). Um wirklich Drive zu entwickeln und die Leser*innen mitfiebern zu lassen, dazu fehlt es Sam Hawken schlicht an literarischen Möglichkeiten.

Auch hier drängt sich wieder unweigerlich der Vergleich zu Don Winslow auf, wenngleich das wenig fair erscheint. Der gebrochene Art Keller, den die Verluste seines Lebens gezeichnet haben, der aber unerschütterlich seine Mission verfolgt – das ist ein Charakter, wie er glaubhaft und plastisch ist. Mit diesem Vergleich im Hinterkopf hatte Sam Hawkens Buch das Nachsehen, wenngleich das Ende von Vermisst zu den stärksten Aspekten des Buchs gehört.

Von der Realität längst eingeholt

Ein Problem, das mich die Lektüre zudem etwas distanziert genießen ließ, ist das der Realität. Natürlich: was die Kartelle in Hawkens Buch treiben, ist schlimm. Auch die kriegsähnlichen Zustände und Schilderungen bedrücken. Allerdings ist die Realität doch noch ein ganzes Stück grausamer und brutaler geworden und hat die Fiktion dieses Buchs schon lange eingeholt. Es wirkt schon fast nostalgisch, wenn man sich hier noch auf der Suche nach den beiden Mädchen zusammentelefoniert oder an einem Drucker daheim Fotos reproduzieren muss, um die Stadt mit Suchaufrufen zu tapezieren. Die Realität der sozialen Medien, die modernen technischen Möglichkeiten einer Personensuche, in Vermisst haben sie noch nicht Einzug gehalten.

So wirkt es, als habe die Realität dieses Buch in vielen Aspekten längst eingeholt und mit Vollgas rechts überholt. Bilder von dutzenden unter Brücken Erhängten, Drogenbarone wie El Chapo und die flankierende Berichterstattung durch die Medien lassen Vermisst etwas abgehängt erscheinen und geben dem Buch einen leicht historischen Touch der Beschreibung eines frühen Zustandes des war on drugs.

In Verbindung mit den etwas limitieren literarischen Gestaltungsmitteln Sam Hawkens entsteht so der Eindruck eines Buchs, das sowohl von der Realität als auch von anderen literarischen Größen überholt wurde. Als Erzählung eines einfachen Mannes auf seiner Suche nach seiner Stieftochter gegen alle Widerstände geht das Buch in Ordnung. Auch schafft es Hawkens, einen Eindruck davon zu erwecken, wie sich diese Drogenkriege für unbescholtene Menschen in der Grenzregion anfühlen müssen. Mehr allerdings kann das Buch nicht liefern und verliert gegen die so komplexe und auf der Höhe der Zeit agierende Prosa Don Winslows deutlich.


  • Sam Hawken – Vermisst
  • Aus dem Englischen von Karen Witthuhn
  • ISBN 978-3-948392-02-4 (Polar-Verlag)
  • 400 Seiten. Preis: 22,00 €
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Die besten Bücher zum Verschenken

Dieses Jahr 2020 ist kein leichtes. Weder für uns Otto-Normalverbraucher, noch für Literaturvermittler*innen, Verlage und Buchhandlungen. Nun steht der zweite Shutdown, „Lockdown Light“ betitelt, bevor. Zwar haben Buchhandlungen, Bibliotheken und andere Einrichtungen weiterhin auf. Ein vergleichbares Geschäft wie im letzten Jahr ist in diesem Jahr allerdings nicht zu erwarten. Keine so guten Aussichten für die Buchbranche, wie ich finde.

Schon der erste Shutdown ging an die Substanz vieler Kulturmacher und -institutionen. Um nun die Verluste etwas aufzufangen, plädieren viele Buchhandlungen dafür, das Weihnachtsgeschäft etwas vorzuziehen und sich bereits jetzt mit Titeln zum Verschenken und Selberlesen einzudecken. Keine schlechte Idee, wie ich finde. So wird das Gewusel vor Weihnachten etwas entzerrt und man kann die Zeit vor Weihnachten hoffentlich besser genießen, anstatt sich gehetzt kurz vor Ladenschluss aus Verlegenheit ein Buch von Paulo Coelho oder Sebastian Fitzek einpacken zu lassen. Das kann ja auch niemand wollen. Und so habe auch ich mir Gedanken gemacht über das vergangene Buchjahr und daraus resultierende mögliche Geschenktipps. Das Ergebnis meines Nachdenkens ist diese Liste: die besten Bücher des Jahres, die man guten Gewissens verschenken kann und mit denen man nichts falsch macht. Ausführliche Besprechungen zu den Büchern gibts nach einem Klick auf die entsprechenden Cover.

Und ach ja – kauft bitte eure Bücher vor Ort. Kostet das gleiche, Nicht-Vorrätiges ist meist am nächsten Tag da und ihr unterstützt den Einzelhandel. Da ist euer Geld deutlich besser angelegt als in den Geldspeichern von Herrn Bezos!

Für Humorvolle

Ein bisschen lacheln und schmunzeln kann in dieser alles andere als leichten Zeit nicht schaden. Qualitativ hochwertige und witzige Lektüre ist in der deutschen Gegenwartsliteratur jedoch rar gesät. Gut, dass es Kristof Magnusson gibt. Denn ihm gelingt in Ein Mann der Kunst eine ausnehmend witzige, niveauvolle und wirklich unterhaltsame Kunstbetriebssatire. Ein Maler auf seiner Burg am Rhein, ein Kunstförderverein voller spleeniger Figuren und mittendrin ein Architekt, der unversehens zwischen Künstler und Kunstförderer gerät. Das sind die Zutaten für diesen gelungenen Roman, der in dieser alles andere als leichten Zeit für Ablenkung sorgt.

Für Naturfreunde

Wohl jeder kennt diese Frage nach der Schule: was soll ich danach machen? Studieren? Eine Ausbildung? Für Robert Appleyard in Benjamin MyersOffene See stellt sich diese Frage gar nicht. Wie sein Vater soll er bald unter Tage einfahren. Die Geschichte ist nämlich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in England angesiedelt. Doch die Bergarbeit ist Roberts Sache nicht und so beschließt er, den letzten jugendlichen Sommer in Freiheit zu nutzen, um zum Meer an die englische Küste zu wandern. Dabei trifft er auf Dulcie, die in einem Cottage am Meer lebt und in Robert die Liebe zur Kultur weckt. Ein poetisches, romantisches und naturverliebtes Buch, das völlig zurecht als Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels 2020 ausgewählt wurde.

Für Fans komplexer Wahrheiten

Dass es mit der Wahrheit eine ganz schön komplexe Angelegenheit ist, das zeigt Angie Kim in ihrem Debüt Miracle Creek vortrefflich. In ihrem Gerichtsroman ist eine Mutter angeklagt, ihren Sohn und einige weitere Unschuldige umgebracht zu haben. Im kleinen Kaff Miracle Creek soll sie eine Katastrophe ausgelöst haben. Sie ist der Brandstiftung und des Mordes angeklagt. Sie soll eine Überdruckkammer angezündet haben, in der Kinder mit Autismus-Störungen behandelt wurden, darunter auch ihr eigener Sohn. Die Beweislage erscheint klar – die Wahrheit über die Ereignisse ist es allerdings überhaupt nicht. Schicht für Schicht legt Angie Kim die Lügen und Unwahrheiten aller Beteiligten frei, die schließlich zur Katastrophe führten. Klug montiert, geschickt erzählt und wahrlich spannend.

Für Nostalgiker

Wenn es ein verbindendes Element gibt, das Generationen von Kindern in den Bann gezogen hat, dann ist das wohl die Augsburger Puppenkiste. Die Inszenierung der Geschichten rund um Jim Knopf, Kalle Wirsch oder die Katze mit Hut sind legendär. Thomas Hettche blickt in seinem fantasievoll erzählten Roman auf die Gründung der Puppenkiste direkt nach dem Krieg. Er erzählt von Kriegstraumata, dem Wunsch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und der Kunst des Puppenspiels. Hauptmotiv ist dabei der Herzfaden, der die Marionetten mit dem Puppenspieler selbst verbindet. Dieser Roman selbst besitzt auch einen Herzfaden, der ihn mit den Leser*innen verbindet.

Für Beziehungsmenschen

Oder eher nicht für Beziehungsmenschen? Das ist die Frage von Amity Gaiges Roman Unter uns das Meer. Dieses Buch zeigt ein Paar in der Krise, das für die eigenen Probleme einen unorthodoxen Lösungsansatz wählt. Man hat sich etwas auseinandergelebt. Da sind aber die eigenen Kinder. Außerdem war es früher ja deutlich besser – und so entschließt sich Juliets Mann Michael zu einem ungewöhnlichen Schritt. Er kauft ein Boot, auf dem er mit der Familie das nächste Jahr verbringen will. Die eigenen nautischen Kenntnisse sind beschränkt, aber Michaels Wille ist ungebrochen. Aus zwei Blickwinkeln erzählt Amity Gaige abwechselnd und zeigt so eine Beziehung und einen Schiffstrip in Untiefen. Beeindruckend und augenöffnend erzählt.

Für Gesellschaftsanalysten

Dieser Roman wirkt wie eine literaturgewordene Ansicht des Amerikas der Trump-Ära. Steph Cha zeigt in ihrem Roman Brandsätze zwei Familien, die sich gegenüberstehen und die doch durch ihre gemeinsame Vergangenheit miteinander verbunden sind. Da ist zum Einen die Familie Park, koreanische Einwanderer, die einen kleinen Laden betreiben. Und zum Anderen gibt es die Familie Matthews. Als die Mutter von Grace Park vor ihrem Laden niedergeschossen wird, erfährt diese, dass ihre Mutter auch einst jemanden niedergeschossen hat. Das Opfer kam aus der Familie Matthews…

Schicksale, die sich gegenseitig beeinflussen. Black Lives Matter, soziale Spaltung und die Kämpfe von sozialen Minderheiten. Steph Cha hat ein wertungsfreies Buch geschrieben, das schmerzlich gut in diese Zeit passt.


Das sind sie also, meine Verschenktipps für die kommende Zeit. Welche Bücher empfehlt oder verschenkt ihr? Lasst es mich gerne wissen!

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Regensburg, München, Eisenstein

Christoph Nußbaumeder – Die Unverhofften

120 Jahre. So viel Jahre umfasst die Geschichte, die Christoph Nußbaumeder in seinem Debütroman Die Unverhofften präsentiert. Der bayerische Autor erzählt in seinem Roman von Glasbläsern, Immobilienspekulanten und Kriegsgewinnlern. Ein Buch, das in Form eines Wirtschafts- und Politikromans die Entwicklungen Bayerns im 21. Jahrhundert bis in die Gegenwart nachzeichnet. Groß angelegte Lektüre, leider zu brav und mutlos erzählt.


Christoph Nußbaumeder hat sich etwas vorgenommen für sein Debüt im Suhrkampverlag. Schon 2010 kam das Stück Eisenstein des im bayerischen Eggenfelden geborenen Dramatiker in Bochum auf die Bühne. 2014 folgte eine weitere Inszenerierung in der Württembergischen Landesbühne. Manuel Soubeyrand inszenierte damals das rund dreistündige Stück, das im bayerischen Grenzort Eisenstein angesiedelt war. Darin verhandelte Nußbaumeder das Schicksal der Eisenstein’schen Dorfbewohner*innen, ihre Wünsche nach Entgrenzung und die Versuche, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Zehn Jahre nach der Premiere des Stücks liegt das Stück nun in Romanform vor. Die Handlungsfäden sind die gleichen geblieben – und auch die Probleme, die Kritiker damals in Inszenierungen des Stücks ausmachten. Aber der Reihe nach.

Eisenstein ist ein kleines Dorf im Bayerischen Wald. Die tschechische Grenze verläuft gleich hinter dem Dorf, der Große Arber ist in Sichtweite. Dort, im niederbayerischen Hinterland, gehen 1900 die Uhren noch anders. Glasbläserhütten finden sich dort im Böhmischen und Bayerischen Wald zuhauf, die Patrone der Hütten bestimmen das Leben. Hier arbeitet man nicht, um zu leben, sondern lebt, um zu arbeiten. Tödliche Unfälle in den Glasbläserhütten sind an der Tagesordnung, Not und Elend herrscht in weiten Teilen der Bevölkerung.

Hier setzt Nußbaumeders Roman ein, der als erste zentrale Figur des Romans Maria einführt. Diese will der Enge und dem Elend dort in Eisenstein entfliehen. Ihr Sehnsuchtsort heißt Amerika. Dort erhofft sie sich ein besseres Leben und hegt Auswanderungspläne. Nach einer Vergewaltigung durch den Dorfmagnaten und Besitzer der Glashütten beschließt sie, Eisenstein den Rück zu kehren. Das Schweigen der Dorfbewohner*innen und die Doppelmoral tun ihr Übriges zu Marias Entschluss. In einem letzten Akt der Rebellion setzt sie die Glasfabrik in Brand und flieht aus Eisenstein.

Aus Eisenstein nach München

In der Folge erzählt Nußbaumeder von der Entwicklung der Familie des Glasfabrikanten und dem Fortschreiten des zunächst noch jungen Jahrhunderts. Besonders der Zweite Weltkrieg wirkt sich auf die Bewohner Eisensteins aus. So werden die Söhne des einstigen Glashüttenmagnaten zu Nazis, die Kriegsverbrechen begehen. Aber besonders Josef, der talentierte der beiden Brüder wird zum Kriegsgewinnler. Nahtlos setzt er nach dem Einmarsch der Amerikaner seine Karriere fort. Er wird zum Dorfbürgermeister und schließlich sogar Abgeordneter der Christsozialen Union im Maximilianeum in München.

Christoph Nußbaumeder - Die Unverhofften (Cover)

Aus Eisenstein nach München führt auch der Weg einer der anderen zentralen Figuren des Buchs. Georg Schatzschneider erfährt ebenfalls am eigenen Leib die raschen Wandel, die das 20. Jahrhundert so mit sich bringt. Vor allem die wirtschaftlichen Veränderungen durchlebt er wie wohl kein anderer in Die Unverhofften.

Mussten die Eisensteiner 1900 noch gegen viele Widerstände und den teuflischen Ruch des „Sozialismus“ kämpfen, um mit einer Gewerkschaft ihre Arbeitnehmerinteressen durchzusetzen, so wird Georg im Lauf des Buchs zum Selfmademillionär. Nach seinem Weggang aus Eisenstein baut er sich in Regensburg ein eigenes Bauunternehmen auf und wird dann zum Investor für Wohnungen und dann gar zum Immobilienspekulanten. Eine solch große Entwicklung ist nicht allen Figuren im Buch vergönnt.

Manche der Figuren bleiben ihrer Heimat treu, andere zieht es weit nach Bayern hinaus. Nach Eisenstein kehren sie allerdings alle irgendwann zurück, und wenn auch nur für ihre eigene Beerdigung.

Ein Füllhorn an Themen und Figuren

Christoph Nußbaumeder gießt in seinem Roman ein ganzes Füllhorn von Figuren, Themen und Verbindungen aus. Die 120 erzählten Jahre stecken voller Zeitgeist, Entwicklungen und Schicksale. Die dominierenden Themen sind die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen, die Nußbaumeder ausgiebig behandelt. Von der Gründung von Gewerkschaften über das Wirtschaftswunder bis hin zur New Economy, Bauspekulation und Hartz IV reicht der Bogen, den der Autor in Die Unverhofften schlägt. Dieser Aspekt, einen Generationenroman mit jenen Themen zusammengebunden zu erzählen, zählt zu den interessantesten Aspekte dieses mit knapp 670 Seiten voluminösen Buchs.

Leider lässt das Buch einen eigenen Sound oder einen eigenen Zugriff auf die erzählten Themen vermissen. Brav montiert Nußbaumeder seine chronologisch erzählten Jahressprünge hintereinander. Diese reichlich konventionelle Erzählweise wäre zu verzeihen, wenn Nußbaumeder einen eigenen Sound hätte, um daraus eine genuine literarische Erzählweise zu entwickeln. Das aber fehlt dem Buch in weiten Teilen. Sprachlich ist Die Unverhofften nicht schlecht, aber eben auch nichts besonderes.

Wenngleich er seinen Roman im tiefsten Niederbayern, der Oberpfalz und Oberbayern ansiedelt, fehlt dem Buch der Mut zu einem bayerischen Idiom. Alle Figuren sprechen gleich, Mundart oder eine gewisse bajuwarische G’schertheit fehlen. Auch vertrüge dieses Buch mehr schwarzen Humor, mehr Deftigkeit und einen böseren Blick auf die Realität, wie er viel zu selten im Buch aufblitzt. Dieses Buch ist entschieden zu vorsichtig mit all diesen Zutaten gewürzt und entwickelt so eher den faden Geschmack eines monotonen literarischen Eintopfs denn einer wirklichen Kraftbrühe, um hier mal mit einem kulinarischen Bild zu sprechen.

Fehlender Mut

Was hätte dieses Buch mitsamt seiner Themen und Figuren hergegeben, hätte Nußbaumeder nur den Mut gehabt, Die Unverhofften gegen den Strich zu bürsten. Hatte ich nach der Lektüre des Klappentext und den ersten Seiten des Romans noch die Hoffnung auf moderne bayerische Prosa im Geiste von Oskar Maria Graf oder Georg Queri, so zerschlug sich diese Hoffnung zusehends. Ein bisschen mehr der schwarze Humor eines Gerhard Polt (der ja durchaus etwa in einer Hochzeits-Szene aufblitzt) oder der Mut zur Nestbeschmutzung eines Georg Ringsgwandl, und dieses Buch wäre sicher ein Ereignis geworden, so bin ich mir sicher. In der vorliegenden Form ist Die Unverhofften zu bieder und auch zu überladen, um wirklich zu überzeugen.

Auch die zahlreichen Figuren, die im Buch so auftauchen, mögen dargestellt auf einer Bühne funktionieren. Im Buch hingegen hätte es noch mehr Tiefe und Ausgestaltung gebraucht, um ihnen unverwechselbares Profil und eigene Charaktere zu verleihen. Viel Tiefe habe ich in den meisten Eistensteiner*innen nicht ausgemacht. Hier manifestiert sich wieder das Problem, das die Kritiker*innen schon bei der theatralen Version von Nußbaumeder Werk feststellten. Zu viel Figuren und Themen, bei denen eine Reduktion hin auf das Wesentlich Not getan hätte.

Aber abgesehen von diesen Punkten und Ausrutschern wie den wirklich kitschigen Sterbeszenen sowie dem Volkstheaterhaften, das dem Buch und seinen Figuren manchmal anhaftet: als brav erzähltes Stück bayerische Geschichte und Hommage an Eisenstein und die Bewohner des Bayerischen Waldes ist das Buch nicht schlecht. Ein Spitzentitel im Suhrkamp-Programm ist Die Unverhofften in meinen Augen allerdings auch nicht.

Eine weitere Meinung zum Buch gibt es bei Stefan vom Blog Bookster HRO.

  • Christoph Nußbaumeder – Die Unverhofften
  • ISBN 978-3-518-42962-4 (Suhrkamp)
  • 671 Seiten. Preis: 25,00 €
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Tales from Teheran

Ava Farmehri – Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen

Sheyda Porroya sitzt in Teheran im Gefängnis und wartet auf ihre Hinrichtung. Wir schreiben das Jahr 1999. Die islamische Revolution ist schon lang vorüber – die Nachwirkungen sind aber immer noch zu spüren. Dort im Gefängnis beichtet uns Sheyda ihre Lebensgeschichte. Es ist eine dunkle Schehezerade, die von einer schwierigen Heldin erzählt und die auflöst, warum sie im Gefängnis auf ihre Hinrichtung wartet. Im düstern Wald werden unsre Leiber von der kanadischen Autorin Ava Farmehri (übersetzt von Sonja Finck).


Ich kam in Gefangenschaft zur Welt.

Ich wurde am 1. April 1979 in Teheran geboren, am selben Tag wie die Islamische Republik.

Monate vor meiner Geburt wurde ein Schah von seinem Volk verraten und auf den Mattscheiben weltweit als Verräter dargestellt. Zusammen mit seiner Kaiserin wurde er Exil und dann in einen Tod geschickt, der seinen größten Schmerz und seine schlimmsten Albträume übertraf. […]

Ein Hubschrauber hob ab, und Iran stand unter Belagerung.

Farmehri, Ava: Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen, S. 14 f.

Es gibt wahrlich zugänglichere Heldinnen als diese Sheyda Porroya, die uns in diesem Buch ihre Lebensgeschichte anvertraut. Schon als Kind hintertreibt sie die Erziehungspläne ihrer Eltern, stiftet Ärger, ist aufmüpfig – kurzum: eine echte Querulantin. Ein Psychiater betreut sie von Kindesbeinen an. Ihre Unbeugsamkeit prägt sich im fortschreitenden Lebensalter aus. Sie verrät Geheimnisse, missachtet die Erziehungsversuche der Eltern und ist in ihrem Heimatviertel in Teheran berühmt-berüchtigt.

Sie macht sich der Gotteslästerung schuldig, was man ihr des jungen Alters wegen noch verzeiht. Aber kompromisslos geht sie ihren eigenen Weg, was sie nicht nur mit den Obrigkeiten in einem Staat wie dem Iran kurz nach der Islamischen Revolution in Bedrängnis bringt. Zudem kann man Sheyda nicht wirklich trauen, die sie sich in Anlehnung an Dante ein Alter Ego namens Beatrice zugelegt hat. Was ist wahr, was erzählerisches Märchengarn?

Eine widerborstige Heldin

Ava Farmheri macht es den Leser*innen in ihrem Buch nicht wirklich leicht. Der Begriff „Heldin“ für Sheyda mag nicht so wirklich greifen. Zu widerborstig ist sie, als das man große Sympathien für sie empfinden könnte. Widerständig und teilweise schon fast masochistisch strapaziert sie die Nerven ihrer Umwelt und die der Leser*innen. Darauf muss man sich einlassen. Aber darauf stimmt ja schon auch der Titel dieses Buchs ein.

Ava Farmehri - Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen (Cover)

Wenn man es tut, wird man mit einem Buch belohnt, das Einblick in eine Lebenswelt gibt, die in unserer westlich geprägten Literaturszene wenig stattfindet. Die Beschreibung Irans, des Lebens in den Stadtviertel (die mich von der Beschreibungs- und Lebensintensität an Elena Ferrantes Sizilien erinnerte) und die Schilderung die Repressionen dort, das ist gut gemacht. Farmehri gelingt es, das Leben durch die Augen ihrer Ich-Erzählerin plastisch einzufangen und zu vermitteln.

Und dann ist da auch vom Inhalt abgesehen die literarische Ebene, die in diesem Buch überzeugt. So findet sie kluge Leitmotive, wie etwa die Dichtung Dantes, die dem Buch den Titel und Sheyda ihr Alter Ego liefert. Auch die Vögel bilden eines dieser Leitmotive, derer sich Ava Farmehri beident. Beständig folgen sie Sheyda und tauchen immer wieder an zentralen Stellen im Buch auf.

Fazit

Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen hat ein erzählerisches Konzept, das in der orientalischen Tradition verhaftet ist, aber doch durch die Spannung und die gesetzten Erzählschritte zu unseren westlichen Lesegewohnheiten passt. Ava Farmehri gelingt es, Einblicke in den Iran der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu liefern. Und nicht zuletzt ist hier eine gekonnte Beschreibung einer widerspenstigen Frau zu erleben, die über das eindrucksvolle Ende des Buchs hinaus bei mir blieb. Ein beachtliches Debüt und eine dunkle Märchenstunde.


  • Ava Farmehri – Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen
  • Aus dem Englischen von Sonja Finck
  • ISBN 978-3-96054-234-6 (Nautilus)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €
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