Dass nicht nur der Teufel, sondern auch große Literatur im Detail stecken kann, das beweist Michael Maar mit seiner neuen Stilkunde Das violette Hündchen. Darin widmet er sich wieder einmal seinen Hausgöttern wie Vladimir Nabokov, Marcel Proust oder Thomas Mann, entdeckt aber auch in hierzulande unbekannteren Autor*innen wie Colette oder Werner Bergengruen raffinierte Details und Literatur, die einer genauen Lektüre lohnt.
Es gibt sprechende, stille, verräterische, Plot-entscheidende, atmosphärische, anekdotische, metaphorische, humoristische und schaurige, erschütternde und obszöne, melancholische und schiefe Details. Und eben jene nicht weniger reizvollen, ganz beiläufigen violetten Hündchen.
Michael Maar – Das violette Hündchen, S. 18
So schreibt Michael Maar in der Einleitung seiner neuen Stilkunde, die das violette Hündchen schon im Titel trägt und das bei dem ersten Blick auf das Cover für Stirnrunzeln sorgen dürfte. Welches violette Hündchen ist da nur gemeint, hat man in den großen Klassikern der Weltliteratur etwas überlesen? Offensichtlich ja, wie Michael Maar gleich zu Beginn seines Buchs ausführt. Denn das titelgebende Hündchen, es stammt aus keinem geringeren Werk als Lew Tolstois Epos Krieg und Frieden.
Das violette Hündchen in der Weltliteratur
Die Existenz eines violetten Hündchens in diesem Großroman dürfte aber den wenigsten Leser*innen erinnerlich sein. Kein Wunder, denn beim Hündchen handelt es sich um eine Figur, deren „Existenz zur Handlung rein gar nichts beiträgt und dessen Fehlen kein Leser von Krieg und Frieden als Lücke empfunden hätte“, so Michael Maar. Und dennoch hat das Hündchen seinen Platz, zeigt es doch höchst subtil und elegant den Tod einer Figur, die Tolstoi indirekt durch das Hündchen erzählt.
Nur ein Beispiel für die Relevanz der Details, die sich einer flüchtigen Lektüre verbergen, in denen teilweise ganzen Dramen kulminieren und die, einmal entdeckt, durchaus erhellend für die ganze Lektüre sein können, wie Maar in seinen Werk- und Schriftstellerporträts zeigt.
Dabei ist sein Werk wie schon der Vorgängerband Die Schlange im Wolfspelz wieder eine wahre Wunderkammer, die weniger formstreng denn höchst verspielt den großen und kleinen Details nachspürt. So lässt er in einem Streitgespräch zwei hochgelehrte Leser über Jane Austen und die Details in ihrem Oeuvre streiten, mal versucht er sich in einem Intermezzo nur vom Sessel aus an alle Details zu erinnern, die ihm von den Lektüren unterschiedlicher Werke im Gedächtnis geblieben sind.
Eine Wunderkammer an Porträts und Werkeinführungen
Im Falle der Schriftstellerin Colette begnügt er sich nicht mit einer kurzen Einführung, sondern liefert eine geradezu barocke Einführung in ihr Leben, ehe er sich ihren Werken widmet. Neben den altbekannten Hausgöttern Maars, denen er sich auch schon in anderen Werken gewidmet hat wie etwa Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Franz Kafka, Vladimir Nabokov oder Virginia Woolf gibt es in Das violette Hündchen auch neue und erfreulich welthaltige Stimmen zu entdecken wie beispielsweise Nagib Mahfuz und dessen Midaq-Gasse. Auch sind neben Klassikern auch aktuelle Titel wie Daniel Kehlmanns Tyll oder Jonathan Franzen mit seinem Werk Crossroads neben Genreklassikern wie J. R. R. Tolkien oder William Faulkner vertreten.
Dass sein Buch zu wenig ausgreife, das kann man dieser Stilkunde nicht vorwerfen. So kommt Maar über eine Vorstellung Mark Twains Klassiker Huckleberry Finn bis zur Frage, wer William Shakespeare wirklich war. Wenn sich während der Lektüre in all den Porträts und Werkvorstellungen auch die Frage stellt, ob es hier wirklich noch ums Detail geht, schafft es Maar dann in solchen Passagen aber doch auch wieder zu belegen, dass Details entscheidend weiterhelfen können, sogar bei der Frage, wer hinter dem Markennamen Shakespeare steckte.
Kann Spuren von Thomas Mann-Rezyklat enthalten
Schade nur, dass sich Maar in dem Buch teilweise selbst recycelt. Denn neben wohlbekannten Exkursen zu Tagebüchern wie dem von Samuel Pepys fällt vor allem das Kapitel Die Blutspur. Thomas Manns Lebenskonfession auf. Hierin greift er, passend zum Thema des Details, die Spuren von (Messer)Gewalt auf, die sich durch das Werk von Thomas Mann zieht. Tatsächlich ist dieses Kapitel aber in stark eingekürzter Version der Inhalt von Michael Maars Buch Das Blaubartzimmer, das im vergangenen Jahr anlässlich des Mann-Jubiläums neu aufgelegt wurde. In jenem Buch präsentierte er ebenjene Funde und Spuren zum Schuldkomplex von Thomas Mann bereits einmal ausführlich, um sie hier nun als Rezyklat noch einmal zu verwenden.
Hier wird dann die Klage im Nachwort, im Buch nicht mehr genug Zeit und Platz für Autor*innen wie Toni Morrison, Marguerite Yourcenar oder Imre Kertész gehabt zu haben, etwas hohl.
Von solchen Einwänden abgesehen ist Das violette Hündchen eine große Stilkunde, die dazu einlädt, sich mit den bekannten und vor allem unbekannten Stimmen in dem Buch näher zu beschäftigen – und vor allem ein genaues Auge bei der Lektüre zu haben. Denn wenn Michael Maars Buch eines beweist, dann die Tatsache, dass es nicht nur der Teufel, sondern vor allem große Literatur ist, die im Detail steckt und dass dieses Detail über alles entscheiden kann.
- Michael Maar – Das violette Hündchen. Große Literatur im Detail
- ISBN 978-3-498-00291-6 (Rowohlt)
- 592 Seiten. Preis: 34,00 €
