Category Archives: Historischer Roman

Michael Lichtwarck-Aschoff – Vermessen

Wieder einmal hat sich Michael Lichtwarck-Aschoff tief in die Medizingeschichte eingegraben und präsentiert in Vermessen das Leben des Versicherungsmediziners John Hutchinson, der als einer der Väter der Spirometrie gilt und dessen voltenreiches Leben er aus verschiedenen Perspektiven blickt.


Die Bitte einmal tief einzuatmen, um dann wieder langsam auszuatmen, man kennt sie von ärztlichen Untersuchen hinlänglich. Doch nicht nur die Lunge lässt sich mit dieser Aufforderung gut abhören, auch kann man auf diesem Wege die sogenannte Vitalkapazität ermitteln, die durch das Volumen an maximal ein- und dann wieder ausgeatmeter Luft bestimmt wird.

Einen der Väter dieses medizinischen Parameters stellt der früher ebenfalls als Mediziner tätige Michael Lichtwarck-Aschoff in seinem neuen Romans Vermessen vor. Es handelt sich um den 1811 geborenen Versicherungsmediziner John „Hutch“ Hutchinson, der der Öffentlichkeit im Jahr 1846 seinen sogenannten Spirometer vorstellte und damit die Grundlagen für die Wissenschaftsdisziplin der Spirometrie schuf.

Die Erfindung der Spirometrie

Mithilfe einem kräftigen Atemstoßes in sein Gerät will Hutchinson die Lungenkapazität und damit auch den Gesundheitsstatus seiner Probanden ermitteln. Dem befreundeten Pferdeknecht Ethelbert, einem der Erzähler dieses Buchs, erklärt es „Hutch“ wie folgt:

Nein, Bert. Ich vermesse die Kandidaten. Größe, Gewicht, Alter, und dann kommt auch schon mein Spirometer ins Spiel.
Die kriegen eine Maske über?
Nein, Bert, den Männern gebe ich natürlich keine Maske, sondern ein Mundstück. Habe ich dir doch erklärt. Ich klemme ihnen die Nase ab und sage ihnen, sie müssen durch das Mundstück ausatmen, so fest sie können. In die Lunge gehen so und so viel Kubikzoll Luft hinein, und ebenso viele Kubikzoll kommen auch wieder raus, eine Zahl, präzise bis auf drei Stellen hinter dem Komma. Ich kann fünf- oder zehnmal hintereinander messen, immer annähernd dieselbe Zahl. Sag selbst: Ist das nicht großartig? Über das, was man bloß vermutet, kann man ja endlos streiten. Über Messergebnisse kann man nicht streiten.

Michael Lichtwarck-Aschoff, S, 34 f.

Seine Erfindung präsentiert der findige Mediziner nicht nur seinem Freund Ethelbert stolz, vor allem dessen Tochter erweist sich als höchst verständige und talentierte Naturwissenschaftlerin, die Hutchinson mit seiner Erfindung entscheidend unterstützt.

Doch weil die Wissenschaft nur die halbe Miete ist, sammelt der Mediziner auch noch zwei weitere, höchst illustre Gestalten um sich, die ihm bei der Präsentation seines Spirometers unterstützen sollen. Es handelt sich bei ihnen um den jahrmarktgestählten Impresario Sands Maddox und seine Assistentin Rosalind.

Aus dem Blenheim Palace nach Bendigo in Australien

Michael Lichtwarck-Aschoff - Vermessen (Cover)

So beginnt John Hutchinson die Vermarktung seines Spirometers und gastiert damit im nahegelegenen Blenheim Palace, wo er seine Erfindung vor dem Hofstaat des Herzogs von Marlborough vorführen will.
Der Mediziner wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Eventisierung seiner Erfindung und der Nutzbarmachung, indem er eine große Versuchsreihe zur Erfassung der Vitalkapazität von Bewohnern der Cotswolds beginnt.

Doch wie das mit schmalen Graten so ist, auf denen man wandelt: immer ist auch ein Absturz möglich, von dem wir in Lichtwarck-Aschoffs Roman schon früh Kenntnis erlangen. Denn Hutchinson findet sich mit Getreuen plötzlich in Bendigo, Australien wieder und es bleibt die große Frage, wie es den Versicherungsmediziner dorthin verschlagen hat.

Allmählich bekommen wir eine Antwort, da uns Maddox, Ethelbert und weitere Figuren alle auf ihre ganz eigene Weise vom Mediziner und seinem Weg bis nach Australien erzählen. Wirkliche Lufthoheit über die Geschichte des Mediziners gewinnt dabei keine der Figuren, was aber auch den Reiz des Romans ausmacht, Denn im Gegensatz zu Hutchinson und dessen unumstößlichen Wahrheiten, die seine Spirometrie zeitigen soll, gibt es in Lichwarck-Aschoffs Roman Raum – oder sollte man besser sagen: Luft – für Vielstimmigkeit, Widerspruch und Interpretation.

Literarisch wendig wie Christine Wunnicke

Suchte man ein literarisches Äquivalent zu Michael Lichtwarck-Aschoffs Schreiben, würde man wohl am ehesten bei der Büchner-Preisträgerin Christine Wunnicke fündig. Denn wie Wunnicke greift sich Lichtwarck-Aschoff immer wieder Figuren und Episoden der Wissenschaftsgeschichte auf, die er mit seinen durchaus humorbegabten Fiktionen umkreist und ausstellt.
Zuletzt widmete er sich der Frage des Rassismus im Werk und Denken Immanuel Kants, indem er den fiktiven hugenottischen Perückenmacher von Königsberg zu Wort kommen ließ oder beleuchtete in Robert Kochs Affe ein dunkles Kapitel aus dem Leben des „Seuchenarztes“ Koch.

Nun also John Hutchinson, dessen Werk die Lungenmedizin bis heute prägt und der doch noch nicht einmal einen Eintrag in der Encyclopaedia Britannica hat, worauf Lichtwarck-Aschoff in seinem ausführlichen Nachwort hinweist – genauso wie auf den nur schwer zu tilgenden Rassismus, der seit den Tagen Hutchinsons die Lehre der Spirometrie prägt und der nur langsam verschwindet. Leichthändig stellt sein umfassendes Nachwort die Verbindung unserer (medizinischen) Gegenwart und dem Wirken des Mediziners im 19. Jahrhundert her und liefert neben der literarischen Freude so noch allerhand Wissenswertes.

Vermessen ist voller Medizingeschichte und Augenzwinkern – und überzeugt durch seine literarische Vielstimmigkeit, mit der Lichtwarck-Aschoff seinen Versicherungsmediziner umtanzt, verrätselt und vorstellt. Wer war dieser Hutch? Ganz sicher vermag man es nach der Lektüre von Vermessen auch nicht zu bestimmen, aber dass die literarische Umkreisung Erkenntnis und gute Unterhaltung hervorbringt, das lässt sich ganz bestimmt sagen!


  • Michael Lichtwarck-Aschoff – Vermessen
  • ISBN 978-3-99050-305-8 (Amalthea)
  • 224 Seiten. Preis: 26,00 €

Kevin Barry – Das Herz im Winter

Outlaws der Liebe. In seinem Western Das Herz im Winter lässt der Ire Kevin Barry zwei Verliebte in Montana gemeinsam durchbrennen. Einen richtigen Plan haben sie dafür aber nicht…


Es ist eine schöne Klammer, die sich um die zweijährige Absenz des Liebeskind-Verlags auf dem deutschen Buchmarkt schließt. Denn vor zwei Jahren schickte man mit dem Western Letztes Gefecht am Saber River von Elmore Leonard das Lesepublikum in eine Publikationspause.
Das passte zu dem Verlags, der sich mit Autoren wie James Carlos Blake, Bruce Holbert oder Thomas Willmann wie kein anderer um den zeitgenössischen Western verdient gemacht hat. Die kontinuierliche Pflege und Weitung des Westerngenres beherrscht man bei Liebeskind, weswegen dieser letzte Ritt in den Sonnenuntergang mit Leonards Western da nur konsequent war.

Und nun reitet wieder eine mit Cowboyhut bekleidete Gestalt auf einem Pferd, sowohl auf dem Cover des neuen Verlagsprogramms von Liebeskind als auch auf dem Äußeren von Kevin Barrys neuem Roman, mit dem er nach Stationen bei Klett-Cotta und Rowohlt nun hoffentlich zu einem neuen Zugpferd im Verlagsstall von Liebeskind wird, so ist es zumindest zu hoffen.

Montana 1891

Kevin Barry - Das Herz im Winter (Cover)

Die neue Heimat bei Liebeskind passt gut, denn mit seinem historischen Western fügt sich der 1969 im irischen Limerick geborene Autor aufs Beste ins Portfolio des Verlags ein.
In Das Herz im Winter nimmt er uns mit ins kleine Städtchen Butte in Montana, durch das der Taugenichts Tom Rourke im Jahr 1891 taumelt. Zwar prosperiert das Städtchen aufgrund der Kupfervorkommen, die dort gefördert werden, aber auch das Laster floriert.

Tom treibt ohne richtigen Job durch die Tage, verfasst gegen Bezahlung kleine Formen wie Briefe für seine irischen Landsleute, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig sind. Hauptsächlich aber gibt er sich den Drogen hin und bedröhnt sich, auch um die nagenden Schulden zu vergessen, die er in allen Saloons von Butte schon aufgehäuft hat und die bei jedem Gang durch die Stadt auf ihn lauern.

Auf seine Weise war er ein ganz schlechter Kunde. Dem falschen Himmlischen Bud McIntyre schuldete er Kohle für Dope; auch den echten Himmlischen war er Geld für Dope schuldig; im Board of Trade, im Southern Hotel, im Open-All-Night, im Pay Day und in der Alley Cate hatte er offene Rechnungen, wie auch in seinem Zimmer im Zagreb Boarding House, mit eindrucksvollen Zahlungsrückständen.

Kevin Barry – Das Herz im Winter, S. 22

Tom und Polly auf der Flucht

Doch als er nun bei einem seiner Hilfsjobs in einem Fotoatelier der jungen Polly Gillespie ansichtig wird, ändert sich sein Leben schlagartig. Denn obgleich diese eigentlich zur Anfertigung von Fotos zusammen mit ihrem jüngst geehelichten Mann, einem Minenaufseher, im Studio ist, ist auch Toms Interesse an der jungen Frau geweckt. Ein Interesse, das wechselseitig ist.

Denn die begonnene Affäre in Butte ist den beiden nicht genug. Sie beschließen, gemeinsam aus dem Bergarbeiterstädtchen zu fliehen. Zwar reißen sie nicht alle Brücken hinter sich ab, dafür wird noch ein Haus in Brand gesteckt, ehe es losgeht mit ihrer Flucht. Mit einem Pferd, 600 Dollar und ein wenig Proviant in den Satteltaschen geht es los auf ihrer Flucht, für die sie eigentlich keinen richtigen Plan haben, wie sich schnell zeigen soll.

So irren sie durch die Wälder Montanas, begegnen anderen Outlaws und Métis dort im Grenzland zwischen den USA und Kanada – doch auch der gehörnte Ehemann will Rache und schickt Männer hinter dem flüchtigen Liebespaar her…

Großes (Western)Kino

Das Herz im Winter ist ein auf den Punkt reduzierter Western, der die raue Natur dort in Montana ebenso gelungen einfängt, wie er die Jagd zwischen den liebenden Outlaws und ihren Jägern. Auf gerade einmal 215 Seiten stellt Kevin Barry unter Beweis, dass auch jenseits des Atlantiks ganz großes (Western)Kino geschrieben wird.

Immer wieder wechselt der Ire die Perspektive, blickt aus Sicht von Polly und Tom auf ihr Miteinander, lässt die Jäger reüssieren und die beiden dem Schicksal dann doch wieder ein Schnippchen schlagen. Stets hat Das Herz im Winter Tempo und verfügt über hervorragendes Timing, was die Flucht und die Jagd nach den beiden anbelangt, ohne dabei den dramatischen Bogen zu überspannen oder zu viel Seiten für Nebensächliches zu verschwenden.

Es erinnert bisweilen an den ebenfalls großartigen Roman Dusk des Tasaniers Robbie Arnott oder an die vielen anderen hervorragenden Western aus dem Hause Liebeskind.
Rau, ungeschönt und explizit, aber auf hoffnungsfroh und dramatisch, all das trifft auf Das Herz im Winter von Kevin Barry zu, der sein Outlaw-Pärchen auf eine Reise ins Ungewisse schickt.

Fazit

Nach der Lektüre bleibt zu konstatieren, dass Kevin Barry mit diesem von Thomas Überhoff aus dem Englischen übersetzten Buch ein Einstand nach Maß in seinem neuen Verlag gelingt. Und auch dem Liebeskind-Verlag beschert Das Herz im Winter ein stimmiges Comeback, das zudem das Verlags-Portfolio in Sachen moderner Western gelungen ausbaut. So darf es weitergehen!


  • Kevin Barry – Das Herz im Winter
  • Aus dem Englischen von Thomas Überhoff
  • ISBN 978-3-95438-182-1 (Liebeskind)
  • 216 Seiten. Preis: 23,00 €

Jakob Wassermann – Caspar Hauser

Ein furioses Fest der Sprache und die Studie eines jungen Mannes, dessen Vita noch heute Rätsel aufgibt. Jakob Wassermann wendet sich in seinem 1908 erschienenen Roman auf herausragende Art und Weise dem Schicksal Caspar Hausers zu und erzählt weit über den historischen Rahmen hinaus eine Geschichte von Identitätsfragen und Erwartungen.


Es war im Jahr 1828, da ein junger Mann in Nürnberg auftauchte, dessen Schicksal sich schon bald zu einer cause cé­lè­bre auswachsen sollte und dessen Name bis heute mythenumrankt ist. Kaspar Hauser war der Name jenes Kindes, der sich schnell zum Stadtgespräch in der fränkischen Stadt entwickeln sollte. Jakob Wassermann bannt diesen Vorgang in eine unvergleichliche Prosa, die seinen 400 Seiten starken Roman wie folgt eröffnet:

In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab.
Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wusste, woher er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge, bald klagend, bald freudig, als wenn kein Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wären. Auch sein Gang glich dem eines Kindes, das gerade die ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der Ferse berührte er zuerst den Boden, sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf.

Jakob Wassermann – Caspar Hauser, S. 9

Wie aus dem Nichts erscheint der Junge, aufgrund dessen Entwicklungsstand hinter seinem offensichtlichen Alter zurückgeblieben ist. Da er sich nicht nennenswert mitteilen kann, schießen die Spekulationen um das Nürnberger Findelkind schon bald ins Kraut. Woher kommt der Junge, ist er möglicherweise sogar adeliger Abstammung, dessen Existenz verheimlich werden sollte?

Ein Junge ohne Identität

Jakob Wassermann - Caspar Hauser (Cover)

Ein boulevardesker Erregungsschauer erfüllt die halbe Stadt. Dieser eignet sich als literarisches Ausgangsmaterial wunderbar für Jakob Wassermanns Roman, der sich an den verbürgten historischen Tatsachen rund um das Auftauchen des identitätslosen Jungen im Jahr 1828 orientiert.

In eine überaus reiche, historisierende Sprache gekleidet erzählt Wassermann von der Aufregung, die von Nürnberg bis ins benachbarte Ansbach reicht, ausgelöst durch die bloße Existenz Kaspar Hausers. Der Nürnberger Bürgermeister, das Appellgericht, Lehrer, Polizei und Professoren, sie alle sehen in ihm ein Faszinosum, das wahlweise befragt, studiert oder gebildet werden soll.

Und doch schien ein Licht wie aus weit entfernter Vergangenheit den Geist des Jünglings viel rascher zu beflügeln, als selbst der hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und wie er aus dem Chaos unlebendiger Laute das für ihn Lebendige und Bedeutungsvolle bildvoll herauszauberte, so daß es Daumer zumute war, als hebe er bloß Schleier von den Augen seines Schützlings, als spiele er die Rolle des Lauschers bei den langsam hervorquellenden Erinnerungen. Er hielt den Körper, in den der Geist des Knaben zurückkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine Kunde brachte, dergleichen kein Ohr je vernommen.

Jakob Wassermann – Caspar Hauser

Die Einwirkung unterschiedlichster Kräfte

Kaspar Hauser, gemalt von Johann Georg Laminit (1775–1848)

Wie ein moderner Pygmalion oder auch Frankensteins Kreatur wirkt der Junge oftmals, den die oberen Teile der Stadtgesellschaft und weniger als menschliches Individuum denn als formbares Material begreifen. Der Zeit in einer Zelle in der Nürnberger Kaiserburg folgen weitere Stationen in den Häusern der Nürnberger Patrizier bis hin zu einem Aufenthalt in Ansbach, wo Hauser nach einem Mordanschlag in Sicherheit gebracht werden soll.

Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens operiert nämlich auch mit einem gewissen Suspense-Anteil, welcher sich ja auch durch den rätselhaften Tod begründet. Nachdem der Junge in Nürnberg bereits von einem unbekannten Attentäter verletzt wurde, ist es eine Stichverletzung im Ansbacher Hofgarten, beigebracht möglicherweise durch einen Fremden, an der Hauser fünf Jahre nach seinem Auftauchen in Nürnberg stirbt. Dies ergibt natürlich einen fruchtbarer Boden für Spekulationen ist. Wer wollte den Tod des Jungen, wer trachtete ihm nach dem Leben und wie glaubwürdig ist dieser Kaspar Hauser überhaupt?

Aus diesen Fragen zieht Jakob Wassermanns Roman seine Spannung, der seinen Caspar Hauser immer wieder in Kontakt mit verschiedenen Menschen bringt. Ein reicher Lord, der als Gönner auftritt, eine Dame, deren Begehren durch die bloße Anwesenheit Hausers in ihrem Haus geweckt wird oder Mitschüler, die Hauser begaffen und piesacken, als dieser in die Schule geschickt wird. Immer wieder wirken unterschiedlichste Kräfte auf den jungen Menschen ein, die allesamt etwas anderes in ihm sehen. Doch was Kaspar Hauser selbst ausmacht, wie sich eine Identität langsam herausbildet, während sein Umfeld Erwartungen und Wünsche auf Kaspar Hauser projiziert, das verleiht Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens eine zeitlose Kraft.

Jakob Wassermann, ein vergessener Autor

Der 1873 im fränkischen Fürth geborene und heute etwas in Vergessenheit geratene Wassermann greift in seinem historischen Roman in die Vollen. Eine großes Figurentableau ergänzt er um Spannungselemente und reichert das alles mit einer altertümlich-gehobenen Sprache an, die in Sachen sprachlichen Schöpferkraft einem Thomas Manns in nichts nachsteht (der ebenso wie seine Kinder Klaus und Golo von Wassermanns Werk sehr begeistert war, wie der Germanist Gunnar Och in seinem Nachwort schreibt).

Es ist schade, dass Jakob Wassermann heute so vergessen ist, denn auch fast hundertzwanzig Jahre seit Erscheinen hat das Buch weder in sprachlicher noch inhaltlicher Hinsicht an Qualität eingebüßt. Vielschichtig zeigt Wassermann die Beladung eines Identitätslosen durch sein Umfeld und zeichnet die Lebensspanne seit seinem Auftauchen in Nürnberg bis zu seinem Tod in Ansbach mit ebenso großer Akribie wie auch Fabulierlust nach.

Durch die Neuauflage des Buchs in der Edition Moderne fränkische Klassiker durch den unabhängigen Ars Vivendi-Verlag aus Cadolzburg vor zehn Jahren ist ein Autor wiederzuentdecken, der mit seinen Werken wie Die Juden von Zirndorf oder Der Fall Maurizius zu den meistgelesenen Autoren der Weimarer Republik zählte und dessen Werke 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft im Rahmen der Bücherverbrennung auf den Scheiterhaufen der Nazis landeten, ehe er selbst ein Jahr später völlig verarmt in Altaussee in der Steiermark verstarb.

Fazit

Die Zeitlosigkeit von Wassermanns Erzählens, die süffige Mischung aus historischem Roman, Spekulation und Bildungsroman, die Pflege und Dekonstruktion des Mythos des Kaspar Hausers, dazu noch die sprachliche Wucht, das alles macht Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens zu einem Ereignis, das man sich weder als historisch Interessierter, als Franke noch als Literaturinteressierter entgehen lassen sollte. Es lohnt sich, Wassermann wiederzuentdecken!


  • Jakob Wassermann – Caspar Hauser
  • ISBN 978-3-86913-700-1 (Ars Vivendi)
  • 402 Seiten. Preis: 22,00 €

John Horne Burns – Galleria Umberto

Die Wiederentdeckung eines hierzulande so gut wie unbekannten Buchs: John Horne Burns reiht sich mit seinem Werk in die Riege von Joseph Heller und Norman Mailer ein. Sein (Anti)Kriegsroman erzählt von US-Amerikanern und Italienerinnen im Neapel unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs — und dem Ort, der sie alle verbindet: die Galleria Umberto.


Immer wieder kehren die Figuren, die John Horne Burns (1916-1953) nacheinander in sein erzählerisches Scheinwerferlicht rückt, in der Galleria Umberto in Neapel ein. Bei dieser Galerie handelt es sich um einen kathedralenähnlichen Bau im Herzen Neapels, der heute überwiegend als Shoppingcenter fungiert.
Mit einem höchst spektakulären Glasdach versehen zählt der Bau zum UNESCO-Weltkulturerbe und hat in Form dieses Romans aus dem Jahr 1947 auch ein literarisches Denkmal erhalten.

Und so ging ich immer wieder in die Galleria Umberto Primo, die Einkaufspassage im Zentrum der Stadt. Hier konnte man im August 1944 bereits sehen, dass die ganze moderne Welt in Trümmern lag.
Ich fühlte mich in der Galleria auf unbestimmte Weise aufgehoben, beinahe wie im Schoß meiner Mutter. Ich durchmaß das Kreuz, das sie bildete, in beide Richtungen, ich sag mich um, neugierig und staunend. Ich habe zusammengenommen bestimmt neun Monate meines Lebens in dieser Passage verbracht

John Horne Burns – Galleria Umberto, S. 438

Dieser diente, aus gutem Hause stammend, selbst einige Zeit als Soldat zunächst in Nordafrika, ehe er dann nach Neapel abgeordnet wurde. Diese Erfahrungen merkt man Galleria Umberto unmittelbar an. Denn nicht nur, dass dieser Roman eine Vielzahl von plastischen Figuren aufweist, denen Burns in leicht abgewandelter Form bei seinem Militärdienst begegnet sein dürfte, auch die zwischen die einzelnen Kapitel gesetzten sogenannten Spaziergänge dürften stark von seinen Erfahrungen geprägt sein.

Zwischen Casablanca, Algier und Neapel

John Horne Burns - Galleria Umberto (Cover)

So sind hier Casablanca, Algier und Neapel Stationen der Zwischenspiele, die häufig aus der Sicht von Militärpersonal erzählt sind und die den Roman weiter aufladen mit einer Stimmung, die wenig heroisch oder glorifizierend ist, im Gegenteil.

Liest man Galleria Umberto, dann betrachtet man die Seiten des Kriegs und seiner Nachwehen, die in Geschichtsbüchern und in der Militärgeschichte keinen Platz finden. John Horne Burns erzählt in seinem Roman vom Leben an der Bruchlinie zwischen Siegern und Besiegten, bei der die Seiten oftmals fließend sind. So drehen sich seine Porträts um eine Nachclubbesitzerin, die eine Kaschemme dort in der Galleria Umberto betreibt, bei der Schwule ein und ausgehen und in der der Vermouth in Strömen fließt.

Er erzählt von einem jungen Mädchen namens Giulia, die im Offiziersclub für die US-amerikanischen Truppen zu arbeiten beginnt und dort mit einem Hauptmann anbandelt — wobei sich die Machtverhältnisse auf interessante Art und Weise immer verschieben.

Zwischen der einheimischen Bevölkerung und den US-amerikanischen Besatzern wechselt John Horne Burns hin und her, wobei ihm bei seinem Erzählen auch in Sachen Militär eine erstaunliche Breite an Personen und Geschichten gelingt.

So nimmt er zwei Militärgeistliche unterschiedlicher Konfession in den Blick, die auf der Suche nach einem Absacker in einen besonderen Nachtclub geraten. Die Arbeit der Zensur ist ebenfalls Thema, wenn John Horne Burns im Kapitel „Das Blatt“ die Arbeit des Zensors Major Motes und dessen Führungsstil beschreibt, ehe er in der letzten, eindrücklichen Passage von einem einfachen Soldaten namens Moe erzählt, in dessen Geschichte Burns noch einmal all die Elemente von italienisch-amerikanischen Verbindungen, dem dreckigen Gesicht des Kriegs und dem Sehnsuchtsort Galleria Umberto aufgreift.

Kein Platz für Heroismus

Es sind wenig heroische Szenen, die sich im Roman abspielen. Wir werden Zeugen von Kriegsverbrechen, wenn US-Amerikaner kurzerhand einen deutschen Kriegsgefangenen erschießen. Ein großes Kapitel widmet sich auch der massenhaften Behandlung von Syphiliserkrankungen, der sich dutzende Soldaten auf einer eigenen Station unterziehen müssen. Hier ist wenig Raum für Heroismus oder große Kriegsmomente. Es dominiert der Realismus und ein feines Sensorium für die Zwischentöne von Gut und Böse.

Das macht aus dem Buch einen Kriegsroman, indem er dessen Ablauf aus dem Innersten von Militär und Zivilbevölkerung im Kulminationspunkt Neapel heraus erzählt. Zugleich ist dieses Buch aber auch ein starker Antikriegsroman, indem er die Sinnlosigkeit des Mordens und die dünne Trennlinie zwischen den Fronten besieht und damit auch in der Tradition eines Catch 22 von Joseph Heller oder Remarques Im Westen nichts Neues steht, worauf der Übersetzer Gregor Hens in seinem Nachwort zu Galleria Umberto völlig zurecht hinweist.

Generell muss das Wirken von Übersetzer Gregor Hens im Zusammenhang mit diesem Buch besonders gewürdigt werden. Es ist kein kleiner Verdienst, dass er dieses Buch in einer Zeit aus der Vergessenheit holt, in sich die öffentliche Wahrnehmung zusehends auf die Förderung nach mehr Aufrüstung und einer Stärkung des Militärs verengt.

Seine facettenreichen Neuübersetzung macht die unterschiedlichen Ebenen des Romans erfahrbar und zeigt, welches Verlustgeschäft Krieg für alle Seiten ist. Zudem steuert er auch gleich noch ein Nachwort zu Werk und Wirken dieses unglücklichen Schriftstellers bei, dessen Debüt viel Lob erhielt, unter anderem von Ernest Hemingway und dessen Ex-Frau Martha Gellhorn, die konstatierte, John Horne Burns schreibe „wie ein Engel“.

Besonders interessant ist auch der Aspekt zur deutschen Geschichte von Galleria Umberto, das zwar schon 1951 in deutscher Übersetzung erschien, dass aber ebenso in Vergessenheit geriet wie ihr damaliger Übersetzer Günther Birkenfeld.

Fazit

Diese hochinformativen Anmerkungen zum Wirken und Schreiben des heute vergessenen John Horne Burns runden die Wiederentdeckung von Galleria Umberto vollends ab. So stellt diese Neuausgabe des Werks dem Kanon an Antikriegsromanen einen weiteren wichtigen Beitrag zur Seite, der durch den frischen Zugang, der hier geschaffen wurde, hoffentlich viele Lesende erreicht!


  • John Horne Burns – Galleria Umberto
  • Aus dem Englischen von Gregor Hens
  • ISBN 978-3-8477-0493-5 (Die Andere Bibliothek)
  • 492 Seiten. Preis: 48,00 €

Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten

Es ist ein Titel, der auch abschrecken könnte. Aber statt einer historischen Saga über „starke Frauen“ und Kaffeeröstung liefert Nicola Denis mit ihrem Roman Wo die Kaffeekirschen leuchten das Porträt einer Auswanderehe mit zusätzlicher Reflexionsebene.


Es sind Orte mit viel Klang, die im ein oder anderen auch Fernweh auszulösen vermögen: Maracaibo, Santo Domingo, Barranquilla, das Hochland Kolumbiens. Sie alle finden Erwähnung im zweiten Roman der Übersetzerin und Autorin Nicola Denis, die sich darin mit der eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt hat, so zumindest lassen es das Nachwort von Wo die Kaffeekirschen leuchten wie auch einige biografische Wegmarken vermuten.

Schon einmal blickte sie auf ein familiäres Gefüge zur Wirtschaftswunderzeit, nämlich in ihrem literarischen Debüt Die Tanten. Nun, vier Jahre später, bleibt sie dieser Zeit treu. Sie erzählt vom jungen Ehepaar Hannelore Zimmerle und ihrem Mann, die den Start in ihre Ehe nicht im heimischen Ludwigshafen wagen wollen, sondern die es hinauszieht in die wirklich weite Welt.

Aus der Pfalz nach Kolumbien

Nicola Denis - Wo die Kaffeekirschen leuchten (Cover)

Die Lage in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist im Jahr 1952 noch immer recht prekär, da verheißt Hannelores Mann eine Anstellung als Geologe an der Columbianischen Pädagogischen Akademie in Tunja in Kolumbien ein gesichertes Einkommen, noch dazu in einem exotischen Land. Die junge Frau lässt die Sicherheit der Heimat hinter sich, ein Studium mit dem Konzertfach Geige schließt sie nicht ab, sondern wagt mit ihrem Mann an der Seite den Aufbruch nach Kolumbien.

Diesem Abenteuer spürt siebzig Jahre später ihre Tochter nach, die sich mithilfe der fein säuberlich sortierten Leitzordner mit Luftpost aus der kolumbianischen Periode ihrer Eltern daran macht, diese Lebensphase ihrer damals noch kinderlosen Eltern zu rekonstruieren. Tief fühlt sie sich dabei in die Zeit und Erlebnisse ihrer Eltern ein, was insbesondere immer durch kursiv zitierte Passagen aus der Überseepost passiert, die immer wieder in den schön gesetzten Text einfließen.

Erst in jüngster Zeit fiel mir ein anderes Vermächtnis in die Hand, das schon seit einer Weile unbeachtet in einem Schrank mit Familiendokumenten lagerte: zwölf Pappschnellhefter von Leitz, in verblichenem Rot, Gelb, Blau und Grün, von meiner Großmutter mütterlicherseits mit Jahreszahlen beschriftet. Seite um Seite des dünnen Luftpostpapiers hatte sie säuberlich gelocht und abgeheftet. Zeitungsartikel, ausgeschnitten und Programmhefte dazwischengeschoben, als dächte sie schon an die künftige Leserin. Ob sie die Briefe ihrer Tochter selbst noch einmal überflog, zumindest beim Abheften? Und wann hatte sie all diese Seiten so umsichtig angeordnet; sobald sie eingetroffen, vorgelesen und herumgezeigt worden waren, oder doch erst später? Die Hefter reichen vom Aufbruch meiner Eltern nach Kolumbien bis lange nach meiner Geburt im Jahr 1972.

Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten, S. 13 f.

Mit dem Blick von heute erkundet sie das Leben und die Prägung ihrer Eltern, bei der sogar im fernen Kolumbien die Nachwehen der Nazizeit im Denken und Handeln von einigen anderen Emigranten zu spüren waren. Migranten, die dem Weltbild der Nazis auch eine halbe Weltreise später noch nachhingen, KZ-Überlebende und mittendrin die Eltern der Erzählerin. Sie alle erstehen durch die Beschau der Post aus Übersee wieder vor unseren Augen auf.

Das Abenteuer Neuanfang

Das Abenteuer Neuanfang nach einer langen Überfahrt, rührige Akteure der deutschen Expat-Gemeinde wie ein Missionspriester, dazu das Schwanken zwischen dem Reiz des Unbekannten und der Sehnsucht nach der vertrauten Heimat, das alles arbeitet die Erzählerin und Familienforscherin in Wo die Kaffeekirschen leuchten fein heraus.

So geben die privaten Briefe reichlich Einblicke in Bräuche und den Versuch, sich etwas Normalität und Form auf über 2.800 Meter über Normalnull zu bewahren.

Die Feier von Weihnachten in Kolumbien mit Wiener Würstchen und Kartoffelsalat, die Anspannungen im Land, die nach der Ermordung des kolumbianischen Politikers Gaitan immer stärker zutage traten, die Exotik eines Landes, in dem nicht nur der Kaffee so anders riecht und schmeckt, als man es aus dem Pfälzischen kennt, das alles vermitteln die Briefe und Erlebnisse des jungen Ehepaars, die sich mit dem Blick von heute auf die eigenen Eltern und die damalige Zeit wirklich lesenswert überlagern und überschichten.

Einziger Schwachpunkt ist der Titel. Denn Nicola Denis‘ Roman ist deutlich vielschichtiger und reflektierter, als es der etwas pilchernde Titel vermuten lässt. Das ambivalente Verhältnis zu anderen Auswandern, die Nachwehen der Nazizeit im fernen Kolumbien und Themen wie Raubkunst und Rasseideologie lässt der Roman nicht aus, sondern spiegelt alle Themen durch die differenziert auf ihre Eltern blickende Erzählerin. Somit vermeidet der Roman alle Auswanderer-Rührseligkeit und die Verklärung jener Epoche an der Schwelle zur Wirtschaftswunderzeit und ergänz so unseren eurozentristischen Blick auf jene Zeit durch eine deutlich globalere Perspektive.


  • Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten
  • ISBN 978-3-7518-8048-0
  • 340 Seiten. Preis: 26,00 €