Category Archives: Historischer Roman

Norbert Scheuer – Winterbienen

Die Biene, sie ist das literarische Tier der Stunde. Egal ob in Maja Lundes Megabestseller, bei Laline Paull oder Andrej Kurkow. Die Bienen ist im Moment der Star unter den Insekten. Dass das bayerische Volksbegehren für mehr Artenschutz den Titel Rettet die Bienen trug, sicher kein Wunder. Die Biene ist eines der Tiere, das den ökologischen Wandel und die gestiegene Aufmerksamkeit für die Umwelt am eindrücklichsten symbolisiert. Geht es den Bienen schlecht, geht es auch dem Menschen schlecht. Die Tiere sind ein einfacher Gradmesser für das ökologische Gleichgewicht – weswegen sie zunehmend auch in literarischer Form die Buchregale bevölkern.

Zu sagen, dass Norbert Scheuer mit Winterbienen auf ein Trendthema aufgesprungen ist, würde seinem Buch allerdings unrecht tun. Denn Winterbienen ist ein Buch, das konsequent das Oeuvre Scheuers fortsetzt, und das von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive eines Daheimgebliebenen erzählt.

Norbert Scheuer auf der Shortlist

Schon lange wirkt Norbert Scheuer als literarischer Chronist der Eifel, der wie etwa Ralf Rothmann im Falle des Ruhrgebiets, die Geschichte seiner Heimat in Geschichten erzählt. 2009 war er damit sogar schon einmal für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Überm Rauschen hieß das Buch, das von Brüdern und ihrem Vater erzählte, die die Liebe zum Angeln in den Flüssen der Eifel einte.

Genau zehn Jahre später befindet sich Norbert Scheuer wieder auf jener Shortlist und könnte in einem Monat den Preis für das beste deutschsprachige Buch des Jahres zugesprochen bekommen. Verdient hätte er es auf alle Fälle.


Mein Urahn Ambrosius Arimond glaubte, alle Vögel unserer Erde besäßen eine gemeinsame Sprache. Sein Leben lang beschäftigte er sich mit der Entschlüsselung ihrer Gesänge, einer Welt magisch klingender Töne, Zeichen und Bedeutungen. (…)

Vater hatte uns oft von Ambrosius erzählt, dessen Aufzeichnungen zum größten Teil in den napoleonischen Kriegen verloren gegangen seien, nur ein paar vergilbte Pergamentpapiere sollen noch irgendwo in einer alten Holzkiste in einer Scheune liegen, handgeschriebene Seiten (…).

Scheuer, Norbert: Die Sprache der Vögel, S. 9

So beginnt der letzte Roman von Norbert Scheuer, indem er von einem Nachfahren jenes ornithologiebegeisterten Ambrosius Arimond erzählt, der 2003 als Sanitäter nach Afghanistan gelangt.

Dessen Pergamente und Aufzeichnungen spielen auch in Scheuers neuem Roman eine zentrale Rolle. Denn Ambrosius Arimond inspirierte nicht nur Paul Arimond aus Die Sprache der Vögel, sondern auch Egidius Arimond, ein weiterer Nachfahre des Mönchs. An dessen Leben haben wir mithilfe datierter Aufzeichnungen aus den Jahren 1944 und 1945 teil.

Meine Erinnerungen gleichen denen der Winterbienen in ihrem dunklen Stock; ich weiß nicht, ob etwas erst gestern gewesen ist oder schon lange Jahre zurückliegt. Sie erscheinen mir wie ein winziger Punkt in einem unendlichen Raum

Scheuer, Norbert: Winterbienen, S. 171

Das Überleben des Egidius Arimond

Dieser Egidius war als Gymnasiallehrer im kleinen Bergarbeiterstädtchen Kall tätig, bis der Krieg kam. Jetzt verdingt er sich mit der Aufzucht von Bienen, verkauft Honig, Bienenwachs und versucht über die Runden zu kommen. Als einer der wenigen Daheimgebliebenen schlägt ihm auch offen Ablehnung und Hass entgegen. Doch sein Verharren in der Heimat hat einen einfachen Grund: Egidius ist Epileptiker und muss sich seine Medizin unter Zahlung hoher Summen vom lokalen Apotheker besorgen. Dabei ist er auch auf seinen Bruder angewiesen, der ein dekorierter Kriegsheld in der Luftwaffe ist. Er soll ihm Rezepte und Arzneien zukommen lassen, denn offiziell darf niemand von Arimonds Erkrankung wissen. Denn für die Nazis ist Arimond ein klarer Fall von unwertem Leben und ein Schmarotzer, der eigentlich ein klarer Fall für ein KZ wäre.

Also versucht sich Egidius irgendwie durchzuschlagen. Das Geld für die Medizin verdient er sich dabei mit dem Schmuggel von Flüchtlingen. Diese schafft er in seinen Bienenkörben zur nahegelegenen belgischen Grenze. Ein riskantes Geschäft, bei dem das Leben aller Beteiligten auf dem Spiel steht. Und während die Medizin immer knapper wird, kommen die Angriffe der Alliierten näher und näher.

Ein stimmiges Kunstwerk

Winterbienen ist ein Kunstwerk auf ganz vielen Ebenen. Da ist zum Einen der Plot, der einmal mehr geschickt das Leben von Ambrosius Arimond mit dem von Egidius verknüpft. Dessen Forschungen zu seinem Ahn fließen wiederum auch sprachlich sehr überzeugend in die Prosa ein. So ist der Text von lateinischen Sentenzen und Aphorismen durchsetzt, die der Gymnasiallehrer auch durch seine Übersetzungen der Pergamente von Ambrosius gewonnen hat.

Ähnlich wie zuletzt Arno Geiger in Unter der Drachenwand zeigt auch Norbert Scheuer hier in großer Intensität das (Über)Leben an der Heimatfront der Versehrten und Zurückgebliebenen. Darüber hinaus erzählt er sehr gelungen von Bienen und Bombern, von der Schönheit der Natur, dem faszinierenden Miteinander in einem Bienenstock und ersetzt einen ganzen Imkerkurs. Einmal mehr setzt er seiner Heimat, der Eifel, ein literarisches Denkmal und erschafft mit Winterbienen ein weiteres Kunstwerk, das sich in sein Oeuvre wunderbar einpasst und das über den Schluss hinaus beschäftigt.


Weitere Besprechungen dieses Titels finden sich unter anderem bei Zeichen und Zeiten, dem Deutschlandfunk (von Jörg Magenau, der zugleich Jurysprecher beim Deutschen Buchpreis ist) und bei literaturleuchtet.

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Der Krieg im Huertgenwald

Steffen Kopetzky – Propaganda

Eine neue Anwendung der Kopetzky-Formel. Der bayerische Romancier verwandelt ein nahezu vergessenes Kapitel (Kriegs-)Geschichte in einen großen Schmöker, der auch viel von der heutigen Welt erzählt. Nun kann es ja bei der Anwendung von Formeln immer wieder zu unliebsamen Ereignissen kommen (meine Mathematik- und Physikklausuren zeugen eindrücklich davon). Im Falle von Steffen Kopetzkys neuem Buch geht aber alles glatt. Was in Risiko klappte, funktioniert auch in Propaganda wunderbar.


„Weißt du, was gerade geschieht, in Deutschland, Frankreich? Beim Krieg gegen die Sowjetunion? Und du brüllst: Heil Hitler?

Es wäre lächerlich, so zu tun, also ob ich selber damals, am Samstag, den 16. August 1941, tatsächlich gewusst hätte, was der deutsche Feldzug gegen die Sowjetunion war, was er bedeutete oder wie Hitler ihn sich gedacht hatte. Ich war gerade mal zwanzig Jahre alt, zum ersten Mal alleine zu Hause in New York , und obwohl politisch leidenschaftlich interessiert, hatte ich eine naive Vorstellung vom Krieg, und gerade von dem der Deutschen. Ich hatte nur ein Bauchgefühl, aber das trug mich.

Koeptzky, Steffen: Propaganda, S. 81

Dieser junge und naive Mann, den wir in Propaganda kennenlernen, trägt den Namen John Glueck. Deutsche Vorfahren machen ihn zum sprichwörtlichen Gluecks-Fall für die amerikanische Armee, die dringend junge Männer für die Schlachten des Zweiten Weltkriegs benötigt. Die Japaner haben Pearl Harbor attacktiert, und seitdem befinden sich auch die USA im Krieg. John Glueck will auch sein Scherflein zum Krieg beitragen, er wird allerdings in eine ganz besondere Einheit versetzt: die sogenannte Abteilung Sykewar, im Volksmund auch Propaganda genannt.

Im Dienste der Propaganda

Auch ich war ein Angehöriger dieser Armee. Leutnant John Glueck, Department for Psychological Warfare, kurz Sykewar. Psychologische Kriegsführung.

Alle anderen nannten uns Propaganda.

Kopetzky, Steffen: Propaganda, S. 15

Die Männer dieser Abteilung sollen das Kriegsgeschehen und die deutschen Gegener derart beeinflussen und manipulieren, dass die amerikanischen Truppen nach dem Übertritt der Siegfriedlinie leichtes Spiel haben. So gilt es, beständig den Gegner mit Worten und Nachrichten zu destabilisieren und zu demotivieren, damit der Krieg rasch zu Ende geht. Glueck geht als junger Student vollkommen in seiner Aufgabe auf, die ihn schon bald an die Front, in die Nähe Ernest „Papa“ Hemingways und mitten hinein in den dunklen Hürtgenwald führen wird.

Doch all diese Ereignisse bekommen wir nur in Scheibchen serviert. Denn eigentlich sitzt John Glueck im März 1971 in Missouri in einem Gefängnis. Die Hochphase von Flower Power herrscht, die Hippies protestieren gegen Vietnam. Doch hinter Gittern bekommt man davon wenig mit.

Von Psoriasis, also strenger Schuppenflechte, gepeinigt sitzt der 49-Jährige Glueck in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft drängt auf eine langfristige Inhaftierung des ehemaligen Majors. Verschwörung gegen den Vietnamkrieg, so raunt man in den Gängen des Gefängnisses von Missouri. Alle Ereignisse, die dazu führten, stehen in Verbindung mit den Ereignissen im Huertgenwald. Doch wie sie es tun, davon berichtet Glueck sehr geschickt in verschiedenen Episoden, die er immer wieder der Gefängnisleitung vorlegen muss. Erst am Ende ergibt sich ein großer Brückenschlag, der von der Schlacht im Huertgenwald bis zum Krieg in Vietnam führt. Und der Pfeiler, der diese Brücke trägt, ist die Propaganda, die zum allesentscheidenden Faktor wird (und immer mächtiger und mächtiger wird).

Im Huertgenwald

Kern von Kopetzkys Roman ist jenes eingangs erwähnte Kapitel um die Schlacht im Huertgenwald. Auf diese läuft der Roman zu und nimmt auch von der Gewichtung her den meisten Platz im Buch an. Hier gelingt Kopetzky eine deutsche Version des Soldaten James Ryan. Mit größter sprachlichen Wucht nimmt er uns Leser*innen mit in jenen Wald in der Eifel, in dem die amerikanischen Truppen auf unerwarteten Widerstand der Deutschen trafen. Wenn die Kugeln fliegen, Bunker gestürmt, Erkundungsgänge unternommen und Dörfer erobert werden, dann ist man durch Gluecks Schilderungen so nahe dabei, wie man das in der deutschen Literatur zuletzt kaum gelesen hat.

Die Schlacht im Hürtgenwald. Von Bundesarchiv, Bild 183-J28303 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5364836

Eindrucksvoll schildert Kopetzky, wie sich die beiden Seiten im Endeffekt gegenseitig zerrieben, am Ende stehen auf beiden Seiten über 12.000 Toten. Den Amerikanern gilt die Schlacht im Hürtgenwald bis heute als die längste Schlacht im Zweiten Weltkrieg und als das größte Desaster, das die Truppen auf deutschem Boden erlitten.

Doch ist dieses militärhistorische Kapitel schon wieder fast dem Vergessen anheimgefallen und wird von Kopetzky nun mehr als eindrucksvoll wiederbelebt. Auch die Verbindung hin zum Vietnamkrieg gelingt dem Romancier überzeugend, stets im Hintergrund mit der Frage, wie die Propaganda die Kriege verändert. Die historischen Vignetten, die Struktur seines Romans, die Sprache – alles ist hier überzeugend gearbeitet. Ein echter Breitwandroman, der dem Zweiten Weltkrieg, über den ja auch schon so viel geschrieben wurde, neue Facetten abringen kann. Oder um das eingangs gemachte Wortspiel noch einmal aufzugreifen: dieser Roman ist ein echter Gluecks-Fall für uns Leser. Bestechend, beeindruckend, preiswürdig.

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Daniel Mason – Der Wintersoldat

Dass zwischen Theorie und Praxis ein himmelweiter Unterschied besteht, das muss der junge Student Lucius Krzelewski in Daniel Masons Roman Der Wintersoldat auf blutige Art und Weise lernen. Dabei fängt für den jungen polnischstämmigen Österreicher alles so vielversprechend an:

Er war zweiundzwanzig Jahre alt, ruhelos und hatte eine natürliche Abneigung gegen Autorität. Voller Ungeduld sah er dem Ende seiner Ausbildung entgegen. Drei Jahre hatte er in Bibliotheken über seinen Studien zugebracht, sich mit geradezu mönchischem Ernst der Medizin gewidmet. Die Ränder seiner Bücher wimmelten von unzähligen Peküre-Papieren, dünnen Lesezeichen, die er mit der Hand eingeklebt hatte. In den großen Hörsälen hatte er auf Laternendias gesehen, was Typhus, Scharlach, Tuberkulose und Pest anrichten konnten. Er hatte sich die Symptome von Kokainismus und Hysterie eingeprägt, wusste, dass der Atem bei Blausäurevergiftungen nach Bittermandeln roch und man das Geräusch einer Aortenklappenstenose am Hals hören konnte. Mit Krawatte und frisch gebügelter Jacke hatte er stundenlang aus schwindelerregender Höhe in das Amphitheater der chirurgischen Akademie gestarrt, sich den Hals verdreht, um zwischen seinen Kommilitonen hindurchsehen zu können, über die akkurat gekämmten Köpfe der älteren Studenten, der Juniorprofessoren, der Assistenten des Chirurgen hinweg einen Blick auf das Operationstuch, die Inzision zu erhaschen.

Mason, Daniel: Der Wintersoldat, S. 11

Als Einziger aus seiner Oberschichtenfamilie interessiert sich Lucius für die Medizin. Sein Vater ist ein hochdekorierter Kriegsheld, seine Mutter eine eiskalt kalkulierende Managerin in Sachen Familie und Familienvermögen. Da fällt Lucius aus der Reihe. Aber seine Faszination für die Lehren von Paracelsus und Co wächst immer weiter. Zusammen mit seinen Freunden steigert er sich zusehends in die verschiedenen Themen und Phänomene der Medizin hinein. Doch dann trifft sein theoretisch erlerntes Wissen auf die Realität. Denn nach dieser farbig geschilderten Vorgeschichte lässt Mason Lucius in der Realität des Krieges ankommen. Alle Theorie verliert sich dabei recht schnell gegen die Praxis, wie der junge Student feststellen muss.

Ein Arzt im Ersten Weltkrieg

Seine medizinischen Dienste werden nämlich an der Front benötigt. Der Große Krieg ist im Jahr 1915 im vollen Gange und man braucht kundige Ärzt*innen und Student*innen, die die vielen verwundeten Soldaten irgendwie versorgen können. Doch schon bald zerbrechen sämtliche Fantasien und Wunschvorstellungen Lucius‘, der feststellen muss, dass sein Wirken an der Front keineswegs Heilung zum Ziel hat. Vielmehr soll er seine Patienten schnellstmöglich wieder fit machen, um sie einer weiteren Verwendung dieser Menschenmühle namens Weltkrieg zuzuführen.

Bei einem Einsatz in einem alten Kloster in den Karpaten begegnet er dann auch dem titelgebenden Wintersoldaten. Dieser wird in das Kloster eingeliefert, in dem Lucius zusammen mit der Nonne Margarete um das Überleben der Soldaten kämpft. Ein aussichtsloser Kampf, der durch Lebensmittelknappheit, Medizinmangel und die völlige Abgeschiedenheit des Klosters erschwert wird.

Jener Wintersoldat wird zum Prüfstein von Lucius‘ bisherigen Leben. Denn ein Fehler im Umgang mit dem Soldaten und der Militärmacht wächst sich zur Katastrophe für den Medizinstudenten aus, der sich doch eigentlich dem Hippokratischen Eid verantwortlich fühlt. Der Wintersoldat wird zum unsichtbaren Brandmal, das Lucius fortan immer begleiten wird.

Licht und (zu viel) Schatten

Das Schöne an Der Wintersoldat ist, dass sich Daniel Mason einen Schauplatz ausgesucht hat, der so im Rahmen des Ersten Weltkrieges insbesondere von einem Amerikaner noch nicht häufig bearbeitet wurde. Die Karpaten und die Kämpfe an der dortigen Front, all das fängt Mason ganz gekonnt ein (gut auch übersetzt von Sky Nonhoff und Judith Schwaab).

In guten Momenten erinnert Der Wintersoldat so manches Mal an Ian McEwans Abbitte oder sogar an eine Prise russischer Erzähler á la Puschkin. Doch dann gibt es leider auch die schwachen Momente in diesem Buch (und davon nicht zu wenig). Auf dem Meer des Erzählens segelt Daniel Mason leider etwas unruhig und erleidet des Öfteren Schiffbruch an den berüchtigten Kitsch-Klippen. Den Überschwang an Pathos könnte man dem Autor noch verzeihen, aber leider ist auch der Kitsch stets präsent. In schlechten Momenten ähnelt das Buch eher Konsaliks Der Arzt von Stalingrad, der diesmal eben kurzerhand im Ersten Weltkrieg als Feldscher seinen Dienst versieht.

Den Nebenfiguren, die dieses Buch bevölkern, fehlt es an Brüchen. Ein besonders krasses Beispiel ist jener deutsche Offizier, der im Roman ohne Zwischentöne oder Nuancen als sadistisch geschildert wird und mit dem das reine Böse in das Klosterlazarett einbricht. Wie aus einem Propagandafilm entsprungen wirkt dieser Mann. So lässt sich natürlich die Unschuld Margeretes und Lucius‘ gut konstrastieren. Leider wirkt das Ganze dann aber arg schematisch und mit dem dicken Pinsel gemalt.

Fazit

Krieg und Liebe, Verlust, Trauer und die Frage der Heilung sind zweifelsohne höchst interessante Themen. Hier wird daraus allerdings ein zu belangloser Roman, der für mich schnell wieder vergessen war. Eine ordentliche Prise Kostümdrama, viel Weltkrieg, einige belanglose Liebesgeschichten – diese Elemente wollen sich nicht so richtig verbinden und berühren daher auch nicht sonderlich. Der Wintersoldat ist wieder einmal ein Fall von „Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht ganz gut“. Als Buch über den Ersten Weltkrieg empfehle ich aber dennoch eher die Erinnerungen von Vera Brittain. Als Krankenschwester erlebte sie den Großen Krieg direkt mit und weckt in ihren Memoiren etwas, das ich bei Daniel Mason vermisste: Mitgefühl, Emotionen und Eindrücklichkeit.

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Mathias Menegoz – Karpathia

Ein Buch wie aus der Zeit gefallen: zwischen Räuberpistole und k.u.k.-Monarchie beschwört der Franzose Mathias Menegoz noch einmal eine lang vergange Zeit herauf, die doch Schatten auf die Gegenwart wirft. Und er geht der Frage nach, wer in den Karpaten die wirklichen Blutsauger waren.


Die Karpaten: legendenumwobenes Hochgebirge, Heimat von Vlad, dem Pfähler, alias Dracula, Schmelztiegel der verschiedenen Ethnien. In Mathias MenegozKarpathia verschlägt es den jungen Offizier Alexander Korvanyi mit seiner Ehefrau Cara in dieses Gebiet. Seit einem brutalen Massaker an seinen Vorfahren im Jahr 1784 hat keiner der Korvanyis mehr dieses Gebiet betreten – bis jetzt. Denn Alexander Korvanyi hat die Vision, die familiären Güter, Burg inklusive, wieder unter seine Herrschaft zu stellen.

Und so reist das junge Paar im Jahr 1833 aus dem kaiserlichen Wien ab, um in den Karpaten das Glück in die eigene Hand zu nehmen. Ein zuvor stattgefundenes Duell mit tödlichem Ausgang für die Gegenseit macht den Entschluss der beiden noch leichter. Doch so einfach, wie sich die beiden ihr Leben in den Karpaten vorgestellt haben, soll des dann doch nicht werden. Denn die große Armut der Bevölkerung, Leibeigene und verschiedene ethnische Einflüsse machen die Karpaten zum Pulverfass, auf dem nun auch noch ein eigenwilliger und herrischer Lehnsherr namens Korvanyi herumtrampelt.

Der Kampf um die Karpaten

Seine Ländereien, Korvanya genannt, werden von Walachen, Magyaren und Östereicheren bewohnt. Ein explosives Gemisch, dessen Miteinander nur scheinbar funktioniert, denn unter der Oberfläche brodelt es. Und einige der Karpatenbewohner haben ein vitales Interesse daran, für die eigenen Vorteile diese Mischung zur Explosion zu bringen. Ein nervenaufreibender Kampf um die Vorherrschaft der Karpaten beginnt, der sich wie eine Blaupause für andere ethnische Konflikte bis in die Gegenwart hinein liest.

Ambivalent zeigt Matthias Menegoz die Herrschaft des wankelmütigen Alexander Korvanyi über seine Ländereien. Gewollte und ungewollte Provokationen durch den Lehnsherr, große Armut und schwärender Revolutionswillen beim eigenen Volk, militärische Interessen der k.u.k.-Monarchie, die die Karpaten als letzten Außenposten des Reichs gewahrt wissen wollen – irgendwie möchte jeder sein Stück vom Kuchen der Karpaten abhaben. Dass das nicht ohne Folgen bleiben kann, das inszeniert Matthias Menegoz im Stile eines alten Abenteuerromans.

Beginnt alles noch recht überschaubar mit einem Duell, dem die Frage der Ehrverletzung einer jungen Frau vorausgeht, so wird in den Karpaten dann alles recht kompliziert. Lokale Schmuggler, die das Chaos in den karpatischen Bergen wollen, ein Burgherr, der wieder den alten Glanz zurückmöchte, k.u.k-Militärbefehlshaber, lokale Fürsten – wie in einem Historiengemälde malt der Franzose Menegoz sein Bild von skizzenhaften Anfängen ausgehend immer dichter und düsterer.

Herrlich altmodisch

Dabei liest sich Karpathia herrlich altmodisch. Szenen werden detailliert aufgebaut, manchmal wird seitenlang getafelt oder Hof gehalten. Das muss man mögen – aber als entschleunigter Abenteuerroman alter Schule ist dieses Buch wirklich großartig. Dass solche Bücher heutezutage noch in einer derartigen Qualität und Akribie geschrieben werden, das finde ich wunderbar. Hier lässt es sich wirklich wieder einmal in eine alte Welt abtauchen, seitenlange Burgerstürmungen und epische Kämpfe in den Bergen der Karpaten inklusive. Schön, dass es sowas noch gibt (und von Sina de Malafosse so gut übersetzt wurde)!

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Zurück in die Renaissance Italiens

Michael Römling – Pandolfo

Von einem verlorenen Gedächtnis, Machtkämpfen in Europa und rätselhaften Flugmaschinen erzählt Michael Römling in seinem Roman Pandolfo. Ihm gelingt ein stimmiger und außerordentlich unterhaltsamer historischer Roman, der die Leser*innen in die Epoche der italienischen Renaissance zurücktransportiert.


Alles beginnt mit einem scheinbar toten Mann, der unter einem Haufen aus Unrat und Abfällen auf einem Markt in Italien begraben liegt. Er hat ein Loch im Schädel und ist dem Tod näher als dem Leben. Zu seinem Lebensretter wird der Mailänder Magnat und Abenteurer Bernado Bellapianta, der Pandolfo unter dem Abfallhaufen herauszieht und ihn unter seine Fittiche nimmt. Er lässt den Mann zu sich nach Hause bringen und dort gesundpflegen. In der Folge wird Pandolfo im Palast des reichen Mailänders heimisch und freundet sich auch mit Bellapiantas Zwillingsbruder Giancarlo an. Jener ist weniger ein ausgebuffter Händler wie sein Bruder als vielmehr ein begnadeter Ingenieur. Egal ob Verbesserungen für Schiffe oder neue wissenschaftliche Theorien – Giancarlo macht seine körperlichen Defizite mit erstaunlichen Geistesleistungen wett. Dabei ist sein größter Wunsch, an dem er beständig arbeitet, der Traum vom Fliegen.

Die beiden Brüder sind beseelt von neuen Ideen und gestalten mit ganzer Kraft die Zukunft. Pandolfo wirkt am Tun und Treiben im Bellapiant’schen Hause mit. Doch ist es seine Vergangenheit, die ihn nicht ruhen lässt. Wer hat ihn damals angegriffen und ihn fast tödlich verwundet auf dem Markt zurückgelassen? Welche Geheimnisse hütet Pandolfo, weswegen er sterben sollte? Und warum kann Pandolfo ohne nachzudenken, die kompliziertesten Zeichnungen und Bilder auf Papier bannen?

Ein Mann ohne Erinnerung, zwei Brüder mit Expansionsstreben

Für die Erzählung von Pandolfos Geschichte und der der Gebrüder Bellapianta wählt Michael Römling einen tollen Kniff. So berichtet Pandolfo immer wieder aus der Ich-Perspektive von seinen Abenteuern und seinem Schicksal. Kontrastiert wird das Ganze von einem kommentierenden Chor, der das Geschehen einordnet und von Zeit zu Zeit in die Teleologie eingreift. So entfaltet sich neben Pandolfos Rekonstruktion der eigenen Geschichte auch die der Bellapiantas. Man ist Zeuge, wie die Brüder wagemutig ihre Expeditionen starten, mit geistigen und weltlichen Würdenträgern feilschen und beständige ihre Macht und ihr Einkommen mehren.

Vor allem über die Brüder wird die Welt der italienische Renaissance in ihrer ganzen Komplexität greifbar. Die Expeditionen treiben die Bellapiantas und Pandolfo bis nach Konstaninopel. Immer wieder begegnen sie Figuren, die auch heute noch aufhorchen lassen. Kardinäle wie die della Rovere, Medici oder ein gewisser Meister Leonardo, der für Ludovico Sforza tätig ist, sie alle haben in Pandolfo ihre Auftritte. Erbfolgekriege, Intrigen im Vatikan, Streitereien unter den lokalen Fürsten – Pandolfo atmet die italienische Renaissance.

Nun ist es höchst erfreulich, dass trotz dieser berühmten Protagonisten und Schauplätze Römling nicht den Fehler macht, lediglich eine historische Nummernrevue aufzuführen. Sein Roman hat eine durchgängige Handlung, bindet den Zeit- und Lokalkolorit gut ein und schafft einen wirklich homogenen Roman, der mich hervorragend unterhalten hat. Sprachlich überzeugt vor allem die außergewöhnliche Form mit der kommentierenden Erzählstimme und so entsteht im Ganzen betrachtet ein wirklich prima historischer Roman, den ich ausdrücklich empfehle!

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