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Wenn im Garten die Neurosen blühen

Lola Randl – Der große Garten

Mit Der große Garten steht die Filmemacherin und Autorin Lola Randl auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019. Ein Buch, das viele boomende Themen aufgreift: Gärtnern, Flucht aufs Land, das Dorf als Kulturclash, Naturerfahrung. Kein Wunder also, dass sich dieser Titel unter den Nominierten findet. Für mich persönlich ist die Platzierung aber fraglich, denn Randls Buch gelang es nur in Ansätzen, mich gut zu unterhalten. Woran das liegt? Hier im Folgenden ein paar Gründe für meine Probleme mit dem Buch.

Zu unentschieden

Ja, im Grunde basiert Der Große Garten auf dem Zyklus eines ganzen Gartenjahres. Und ja, es gibt einige Handlungsstränge, die Lola Randl hin und wieder aufgreift. Aber so etwas wie eine durchgängige Handlung, ein übergeordneter erzählerischer Bogen oder ein narratives Konzept vermisste ich in Randls großem Garten. Das Buch hat mehr Kapitel als Seiten (315) und zeichnet sich durch eine große Sprunghaftigkeit aus. Betrachtungen über den Garten werden von Reflektionen über das Zusammenleben mit dem Mann der Erzählerin abgelöst. Während es in einem Kapitel über die Tunnelgrabungen des Maulwurfs geht, sinniert die Erzählerin wenige Zeilen später über die Verwendung von Spritzgiften für die Pflege von Bordsteinkanten. Mal dreht sich alles um ihr Verhältnis zu ihrem Liebhaber, der ebenfalls im Dorf weilt, dann ist sie wieder bei der Geschlechtsreifung von Fröschen.

Alles ist drin in diesem Buch, das einer wild blühenden Gartenlandschaft gleicht. Zwischenmenschliches, Natürliches, soziale Betrachtungen, Philosophie. Allem wird in diesem Buch Platz gegeben, eine wilde Entropie herrscht vor. Dabei fehlte mir, um im Bild des Gartens zu verweilen, ein Gärtner oder eben eine Gärtnerin. Eine, die dem wild wuchernden Durcheinander zu Leibe rückt, die eine Idee für die formale und inhaltliche Ausgestaltung hat und auch einmal beherzt eine Schneise in das Durcheinander schlägt. Will das Buch ein Gartenratgeber sein? Oder ein Dorfroman? Oder das Psychogramm einer gestressten Berlinerin? In dieser Form ist der Garten eher ein Urwald, in dem man sich verlieren kann.

Die Erzählerin als Neurosengärtnerin

Ebenso sprunghaft wie die Handlung dieses Buchs ist die Erzählerin selbst. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass in Lola Randls großem literarischen Garten das Einzige, das mit Beständigkeit und großem Ertrag blüht, die Neurosen sind. Ständig schwankt die Erzählerin zwischen ihrem Mann und dem Liebhaber hin und her. Dessen Funktion als Liebhaber möchte sie in ihrem Dorf (ausgerechnet einem Dorf!) verschleiern, weshalb sie sich stets durch die Hintertür zu ihrem Geliebten schleicht.

Dann ist da auch noch ein Analytiker in Berlin, den die Erzählerin immer wieder konsultiert. Bei diesen Sitzungen steht aber eher die gegenseitige Lustbefriedigung im Mittelpunkt. Weswegen es natürlich zur Ergänzung eine Therapeutin gibt, die die Erzählerin aufsucht. Diese rät ihr zu Achtsamkeitsübungen, mit denen sie die eigene Mitte finden soll (siehe auch der Punkt Klischees). Die Elternrolle ihren Kindern gegenüber füllt die Erzählerin nur höchst sporadisch aus. Ihrem Kind Gustav Schranken zu setzen und Regeln durchzusetzen, das ist nicht so das Ding der großen Gärtnerin. Oder wie sie selbst konstatiert:

Es muss irgendeine Möglichkeit geben, ihm [Gustav] meine Überlegenheit zu beweisen, aber mir fällt außer Bestechung oder Gewalt keine ein. Wahrscheinlich gibt es keine andere Möglichkeit, weil ich dem Gustav ganz einfach nicht überlegen bin, sondern der Gustav mir. Ich kann nur versuchen, ihn mir wohlgesonnen zu stimmen, dann habe ich mit ein wenig Glück ein etwas angenehmeres Leben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Gustav Waffen hat, gegen die ich wehrlos bin. Ich kann eigentlich nur noch überlegen, ob ich mich jetzt gleich ergebe oder später.

Randl, Lola: Der Große Garten, S. 196

Erinnere: Wir sprechen hier von einem Kleinkind. Es liegt auch an mir, aber eine derartige Schluffigkeit bis Zahnlosigkeit einer Erzählerin, das macht mich schier wahnsinnig und lässt sich nicht mit Humor wegargumentieren. Da helfen auch keine Sitzungen beim Analytiker oder bei der Therapeutin.

Der Tonfall

Ebenso naiv wie die Erzählerin in vielen Szenen auftritt, so naiv ist auch der Tonfall des Buchs. Alle Charaktere werden stets mit Artikel präsentiert, viele erhalten nur Rollenbezeichnungen. So gibt es den Liebhaber, den Mann, den Hermann und die Irmi. Wenn von menschlichen Ausscheidungen die Rede ist, dann wird hier von Pippi und Kacka gesprochen. Ausgesprochen infantil, in einem Charlotte-Roche-mäßigen Erzählton, so kam mir die Prosa aus der Feder Lola Randls vor.

Stellenweise ist das auch wirklich witzig oder erinnert mit seinem Duktus in den Naturkundebeschreibungen an Die Sendung mit der Maus. Oder es findet sich so etwas hier:

Die junge Glucke aber, die sich entschieden hatte, Kinder zu bekommen, von dem Hahn, der sie tags zuvor besprungen hatte, war eine moderne Glucke, die nicht mehr als zwei Kinder wollte. Auch der Vater blieb treu und übernahm Betreuungsaufgaben, sodass sich auf dem Permakulturhof mit zwei Elternteilen auf zwei Küken ein für Hühner ungewöhnlich guter Betreuungsschlüssel ergab.

Randl, Lola: Der Große Garten, S. 176

Aber als erwachsener und mit Roman übertitelte Roman konnte mich das über die Länge hinweg allerdings nicht überzeugen.

Die Klischees

Ich kann mir nicht helfen, aber der Große Garten ist für mich eine einzige Ansammlung von Klischees. Da ist schon einmal die Erzählerin selbst, die diese in sich versammelt: gestresste Berlinerin, Sitzungen beim Analytiker, Polyamorie, Achtsamkeitsübungen, Flucht aufs Land, Gärtnern als meditative Übungen. Diese Erzählerin fusioniert alle Klischees von Berlin Mitte bis Prenzlauer Berg in sich.

Dann gibt es ja auch noch das Dorf, das einerseits von Gestalten wie der Erzählerin selbst heimgesucht wird, sowie auf der anderen Seite die lokale Bevölkerung. Dicke Ex-LPG-Mitarbeiter, die nun die im eigenen Garten weiterhin die Broiler halten treffen auf sinnentleerte Kommunikationsdesignern, die im Dorf Workshops abhalten, um Inspiration für andere Workshops zu erhalten. Japaner, die das Dorf für sich entdecken und in Horden einfallen, Bauten, die seit der Wende verfallen. All diese Bilder und Klischees kennt man schon zur Genüge.

Wie man klug und dabei auch höchst unterhaltsam die Stadt-Land und Ost-West-Bruchlinien offenlegt, das zeigte Juli Zeh in ihrem Bestseller Unterleuten um Klassen besser. Im Falle des Großen Gartens finde ich die Inszenierung platt und unspannend. Dem Genre des modernen Dorfromans fügt Lola Randl so nicht viel Neues hinzu.

Die Außengestaltung

Ein letzter Minuspunkt, der neben der Bewertung des Inhalts für mich noch ins Gewicht fällt, ist der der Außengestaltung. Natürlich ist die Weisheit Never judge a book by it’s cover unverbrüchlich und der Verlag Matthes & Seitz Berlin ist eigentlich ein Hort des Geschmacks und der Stilsicherheit (man schaue sich nur einmal die Naturkunden an). Wie bei diesen zeichnet sich auch hier Judith Schalansky für die Gestaltung des Buchs kenntlich. Aber was ist diesmal dabei herausgekommen?

Ein Cover, für die ich eher eine Grundschulklasse aus Augsburg-Oberhausen oder die Büchergilde Gutenberg verdächtigt hätte, als den renommierten Indie-Verlag aus Berlin. Naiv gezeichnete Maulwürfe, barbusige Frauen, die hinter Felsen hervorlugen, und ein streckbankverlängerter Wolf, der einem orangegesichtigen Grillz-Träger die Brust anknabbert. Was wollten uns Judith Schalanksy und der Cover-Illustrator Künstler Cristóbal Schmal damit sagen? Es bleibt wie so vieles im Buch ein Rätsel.

Aber immerhin konsequent – hier ergeben Cover und Leseeindruck eine stimmige Gesamterfahrung. Für mich eine Enttäuschung, die ich nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises in diesem Jahr sehe!

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Berit Glanz – Pixeltänzer

Wenn die digitale Welt in die Welt der Literatur Einzug hält, dann geht das meistens schief. Man denke nur etwa an Dave Eggers The Circle, der über eine plumpe Warnung vor übermächtigen sozialen Netzwerken nicht hinauskam. Die komplexe Welt der Technologisierung und Digitalisierung in überzeugende Prosa zu überführen, das klappt leider in den seltensten Fällen. Der Autor Karl Olsberg etwa sah sich etwa genötigt, sein Debüt Das System bereits neun Jahre später noch einmal neu zu überschreiben, da seine Voraussagen und Fiktionen schon längst von der Realität eingeholt worden waren. Und auch dieses 2016 erschiene Buch Mirror wirkt schon drei Jahre nach seinem Erscheinen wiederum stark veraltet und gestrig. Beim Versuch, Digitales in Prosa zu überführen, ist die Halbwertszeit wohl so hoch wie in keinem anderen Genre.

Wie es besser geht, das zeigt die Autorin Berit Glanz in ihrem bei Schöffling erschienenen Debüt Pixeltänzer. Darin kombiniert sie eine Schilderung aus der Welt der New Economy, eine Schnitzeljagd und die Geschichte eines Künstlerpaares, das heute längst vergessen ist.

Der Auslöser des Ganzen besteht im Download der App Dawntastic. Mit dieser kann man mit einer zufällig ausgewählten Person irgendwo auf dem Erdball kurz telefonieren. Nach drei Minuten unterbricht die App das Gespräch – Rückverfolgung nicht möglich. Auch die Programmiererin Elisabeth, genannt Beta, holt sich diese App. Inmitten ihres tristen Alltags in einem Büro aus der New Economy-Hölle (übermotivierter Teamleiter als Animateur, Team-Building Events und ein Kamerafisch im Büroaquarium) bietet die App Abwechslung und einen Blick über den eigenen Tellerrand. Bei einem Gespräch kommt sie auch in Kontakt mit dem mysteriösen Nutzer Toboggan. Dieser lockt sie in eine Schnitzeljagd hinein, die um das Schaffen eines Künstlerpaares kreist. Diese setzten den Ausbruch aus der bürgerlichen Realität in der Nachkriegszeit des 1. Weltkriegs tatsächlich um.

In Beta wächst der Faszination, mehr über Toboggan und das Künstlerpaar zu erfahren. Sie stürzt sich mit Eifer in die Schnitzeljagd, auf die sie Toboggan schickt. Dabei spürt sie dem Leben und Wirken von Lavinia und Walter hinterher und erfasst langsam die ganze Radikalität, mit der die beiden ihr Leben lebten und ihre Ideale verwirklichten.

New Economy, Apps und Maskentanz

Es ist ein geschickter Kniff von Berit Glanz, die New Economy-Welt mit ihrer ganzen Oberflächlichkeit gegen die Welt von Lavinia und Walter zu schneiden. So zeigen sich Parallelen und und das Ganze bekommt durch diese Zeitsprünge etwas Zeitloses. Etwas, das anderer „digitalen“ Prosa fast durchweg fehlt. Wie in einem Browser springt man immer wieder zwischen den einzelenen Tabs „Beta“ und „Lavinia und Walter“ sowie „Toboggan“ hinterher. Doch es entsteht so über die Tabs hinweg ein faszinierender Hypertext voller Bezüge und Anspielungen.

Und auch wenn die Welt des Berlins der 20er Jahre mit Heinrich Zille, Ballhaus und Yvan Goll zunächst scheinbar so weit weg von Beta erscheint – am Ende von Pixeltänzer kann man die beschriebenen Leben doch durchaus auch kongruent betrachten. Mögen die beiden Künstler in den 20ern auch dem Maskentanz gehuldigt haben – aber ist das irrealer oder versponnener als so manche App, die Menschen heute auf ihren Smartphones installiert haben? Oder was würden Lavinia und Walter zur gegenwärtigen Sitte sagen, sich Hundeschnauzen auf Fotos aufzumontieren oder sich künstlich altern zu lassen?

Wo sich andere Autoren kaum daran wagen, die digitale Welt in ihr Schreiben einzubinden, da geht Berit Glanz in die Vollen. 3D-Drucker, Downloadfortschritte, Hashtags und Hackathons – Betas Welt bildet schriftlich die Komplexität und Vielfalt der digitalen Welt ab. Dies gelingt der Greifswalderin, ohne dass dabei der Lesefluss stockte oder für weniger Digitalaffine das Buch unzugänglich erschiene. Die eigenwilligen Kapiteleinleitungen mit SQL-Schnipseln oder Programmiererklärungen kann man ja auch überlesen. Ich für meinen Teil habe dank Pixeltänzer aber auch nebenbei gelernt, was Monkey und Gorilla Testing beim Programmieren ist.

Glanz‘ Debüt ist innovativ und endlich einmal ein gelungenes Beispiel dafür, wie man Digitales in Prosa überführen kann. Damit ist auch der Gegenbeweis zu den eingangs zitierten Werken geschafft, bei denen der Brückenschlag zwischen Alt und „Neuland“ nicht so recht klappen mochte. Nur auf die Frage der Killers gibt auch Pixeltänzer keine Antwort: Are we human? Or are we dancer?


Weitere Besprechungen zum Buch sind auch bei Bookster HRO und bei Feiner, reiner Buchstoff erschienen. Schaut doch mal vorbei!

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Lutz/Wilhelm/Kellerhoff – Die Tote im Wannsee

Auch wenn man es beim Blick auf das Cover vermuten könnte – hinter Lutz Wilhelm Kellerhoff steckt kein neuer Autor, vielmehr sind es drei Männer, die diesen Krimi zusammen verfasst haben. Martin Lutz und Sven Felix Kellerhoff sind Journalisten und Autoren, die sich in ihren Bücher mit Themen aus der deutschen Geschichte auseinandersetzen.

Für ihren ersten Krimi haben sie sich mit Uwe Wilhelm zusammengetan, der Drehbuchautor und Krimischriftsteller ist (z.B. Die sieben Kreise der Hölle). Als Trio legen sie nun ihren ersten historischen Krimi um den jungen Kommissar Wolf Heller vor, dem noch weitere Bücher folgen sollen, wenn man den Verlagsankündigungen Glauben schenken darf.

Das Buch führt zurück in eines der richtungsweisenden Jahre, das die Bundesrepublik in ihrer jüngsten Geschichte erlebte. Die Rede ist vom legendären 1968. Studentenunruhen, gewaltsame Zusammenstöße auf den Straßen, Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren, Kommune 1. Bewegte Zeiten also, in denen Wolf Heller einen Fall lösen muss, der ihm die Verwerfungen des Jahres 1968 eindrücklich vor Augen führt.

Eine junge Frau wurde mit mehreren Messerstichen ermordet, ihre Leiche anschließend im Wannsee entsorgt. Die Identität scheint zunächst unklar, nur ein roter Schuh ist der Frau geblieben. Doch schon bald verbeißt sich Wolf Heller in eine Spur, die ihn direkt ins Vorzimmer der Kanzlei von Horst Mahler führt. Denn dort hat die junge Frau gearbeitet – doch gibt es eine Verbindung ins Kommunen-Milieu?

Die Tote vom Wannsee ist voll mit Farben und Gerüchen der damaligen Zeit. Lutz, Wilhelm und Kellerhoff erzählen in ihrem Roman nicht nur aus dem turbulenten Leben ihres Kommissars, sondern flechten weitere Erzählstränge in den Roman mit ein. So ist man auch in das Geschehen auf der Täter-Seite eingeweiht und bekommt zudem noch eine weibliche Erzählfigur, die sich im Studentenmilieu bewegt. So decken die drei Autoren auch gleich drei unterschiedliche Seiten des Falls und darüber hinausgehend drei Blicke auf das Jahr 1968 ab.

Sprachlich ist das Ganze solide gelöst, die Spannung entwickelt sich langsam und ist durchaus vorhanden, wenngleich das Buch nicht viel Neues bietet. Am Spannendsten sind die zeithistorischen Hintergründe (inklusive Verbindungen zwischen BRD und DDR zu der Zeit), die Die Tote vom Wannsee behandelt.

Ein solider Krimi mit tollen zeithistorischen Bezügen. Gerne empfohlen, vor allem eingedenk der Tatsache, dass sich die anderen Verlage in Sachen belletristischer Aufarbeitung von 1968 in diesem Jubiläumsjahr bislang vornehm zurückhalten.

 

[Titelbild: By Stiftung Haus der Geschichte – 2001_03_0275.0153, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44807344]

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Gabriele Tergit – Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Meine geschätzte Mitbloggerin Birgit Böllinger vom Blog Sätze und Schätze ist schuld: nachdem sie Käsebier erobert den Kurfürstendamm auf dem Blog empfahl, wurde ich neugierig und beschaffte mir flugs den Roman, dessen Autorin mir zuvor völlig unbekannt war. Und schon konnte die Reise ins brodelnde Berlin der 1930er Jahre beginnen.

Gabriele Tergit (1894-1982), heute mehr oder minder vergessen, hat mit ihrem Käsebier einen Roman vorgelegt, der wie gemacht für unsere Tage scheint. Ausgangspunkt ist jener Georg Käsebier, ein mediokrer Sänger, der im Berliner Außenbezirk der Hasenheide in einer Art Varieté die Zuhörer mit Lieder wie etwa Mensch muss Liebe schön sein oder Wie soll er schlafen durch die dünne Wand? unterhält. Normalerweise würde sich für diesen im wahrsten Wortsinne cheesy Sänger Käsebier niemand interessieren, wenn die Berliner Rundschau nicht dringend Schlagzeilen bräuchte. Der redaktionelle Trott verlangt nach Auflockerung und Schlagzeilen – und da kommt jener Käsebier gerade recht. Nach einer ersten euphorischen Jubelrezension setzt schon bald ein Run auf den Sänger aus der Hasenheide ein. Systematisch beginnt die Hauptstadtpresse den mittelmäßigen Mann hochzuschreiben, eine Jubelarie jagt die nächste. Ein Run setzt ein, und jeder möchte ein Stück vom Käsebier-Boom abhaben. Presse, Bauspekulanten, gewiefte Unternehmer – alle setzen auf Käsebier, dem sogar eine internationale Karriere zugetraut wird.

Liest man sich in jenes Käsebier-Berlin hinein, kommen einem gleich andere Referenztitel in den Sinn. Tergits Buch gehört in die Reihe zu Erich Kästners Fabian, Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz und Hans Falladas Kleiner Mann, was nun?. In einer flirrenden und dialoggetriebenen Sprache erschafft Gabriele Tergit ein pulsierendes Berlin voller eindrücklicher Charaktere. Sie zeigt eine Welt im Wandel, in der Zeitungen um die Deutungshoheit und das wirtschaftliche Fortbestehen kämpfen müssen, in der zunächst Wohnungsnot herrscht, dann aber der ganze Bauboom zu einem Platzen der Immobilienblase führt. Höchst aktuelle Themen also, die man in ihrem Roman entdeckt, und der eine Epoche wieder zum Leben erweckt, die uns näher ist, als so manchem lieb sein kann.

Im aktuellen Boom der historischen Berlin-Stoffe (man denke nur an den durchschlagenden Erfolg von Tom Tykwers Serienadaption Babylon Berlin der historischen Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher) ist Tergits Roman eine orginelle Wiederentdeckung, die nicht immer ganz leicht zu lesen ist, die aber die geneigten Leser und Kenner der Neuen Sachlichkeit durchaus überzeugen kann. Das pulsierende Zwischenkriegsberlin ist genauso eindringlich gestaltet wie die Szenen, die vom Inneren einer Zeitung der 30er Jahre berichten. Für mich ist es die gelungenste Szene des ganzen Romans, als Tergit beschreibt, wie in der Setzerei aus den einzelnen Artikeln und Lettern schlussendlich durch die kundigen Hände von Metteuren und Co eine Tageszeitung entsteht. Hier zeigt sich Gabriele Tergits beruflicher Hintergrund. Sie war nämlich selbst als Journalistin tätig, unter anderem beim Berliner Tageblatt, ehe sie vor den Nazis flüchten und emigrieren musste.

Das informative Nachwort von Nicole Henneberg beleuchtet dazu die Entstehung des Romans und die biographischen Hintergründe von Gabriele Tergit genauer. Sie liefert lesenswerte Informationen und weist unter anderem darauf hin, dass einige der auftretenden Personen tatsächlich an historisch verbürgte Journalisten angelehnt sind. Dies sorgt für eine Abrundung des Romans.

Verdient hätte es Käsebier erobert den Kurfürstendamm auf alle Fälle, in der oben genannte Reihe der bekannten Werke der Weimarer Republik Aufnahme zu finden. Tergits flirrendes und pulsierendes Berlin-Gemälde ist vielschichtig und eindringlich – Zeit wird es, dass sie wieder gelesen wird!

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Volker Kutscher – Lunapark

Gereon Rath ist zurück – Machtergreifung, gedungene Serienkiller und eine Hochzeit haben ihm nichts anhaben können – in seiner eigenen Mischung aus Angepasstheit und Rebellion hat es der Berlin Kriminalkommissar auch ins Zeitalter der Nationalsozialisten hinübergeschafft. Immer noch versieht er seinen Dienst in der Burg am Alex während ehemalige Kollegen auf Seiten der Nazis Karriere machen.

lunapark

In diesen unruhigen Zeiten ist Raths neuer Fall mehr als brisant. Eine halbfertige kommunistische Parole prangt unter einer Eisenbahnbrücke, darunter liegt tot ein SA-Mann. Für Raths Ex-Kollegen und nun jetzt Gestapo-Ermittler Reinhold Gräf ist die Sache dann sofort klar. Kommunisten haben dieses Verbrechen verübt, da sie bei der Aufbringung ihrer Parole gestört wurden. Folglich bläst Gräf zum Angriff auf die letzten roten Kommunisten in Berlin und Rath soll ihm zuarbeiten. Diesen macht hingegen die Offensichtlichkeit des Verbrechens stutzig. Er ermittelt in eine ganz andere Richtung, denn wie es aussieht, verbindet das Opfer unter der Eisenbahnbrücke ein Geheimnis mit weiteren Männern aus dem SA-Sturm 101. Auch alte Bekannte scheinen in die Geschehnisse verstrickt und so klemmt sich Rath gegen den Widerstand der Gestapo hinter seine eigene Fährte. Denn da draußen lauert der Täter immer noch. Und er hat auch mit Gereon Rath noch eine Rechnung offen …

Verhaltener Auftakt, gute Entwicklung

Etwas verhalten beginnt der inzwischen sechste Band um den Berliner Kommissar. Kompetenzgerangel und die übliche Spurensuche dominieren das erste Drittel des Buchs, ehe sich Volker Kutscher etwas freischwimmt und den Fall um die ermordeten SA-Männer immer komplexer macht und die Erzählfäden rund um Rath, seine Frau Charly Ritter und Raths alten Bekannten Johann Marlow miteinander verstrickt. Hier zeigt sich dann die Klasse des Autors, indem er die Protagonisten immer näher zusammenführt und dadurch auch den Zeitkolorit gut in die Geschichte einwebt.

Die kurz zuvor erfolgte Machtergreifung der Nationalsozialisten, das Erstarken der SA und der Röhm-Putsch im Juli 1934 bilden diesmal das Grundgerüst für die Kriminalepisode. Kutscher fängt die Zeit und die Verhaltensweisen der Menschen hervorragend ein. Wie er Rath als widerspenstigen Ermittler aber halbwegs angepassten Menschen zeichnet, der sich durch die Herrschaft der Nazis  hindurchlaviert, und im Privaten verpasst, Stellung zu beziehen, das liest man gerne. Auch sein Wohlwollen gegenüber seines Ziehsohnes Fritze, der unbedingt in die HJ eintreten möchte, steht exemplarische für viele Biografien dieser Zeit und wird von Kutscher plausibel eingearbeitet.

Zum Verständnis der Reihe ist die Kenntnis der Vorgängerbände nicht zwingend erforderlich, wer allerdings bereits Märzgefallene gelesen hat, wird sich mit der Lektüre des Lunaparks einfacher tun, da Kutscher viele Fäden aus diesem Krimi wieder aufgreift und weiterwebt.

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