Tag Archives: Berlin

Ein Roman wie ein Haus

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer

Andreas Schäfer baut mit seinem neuen Roman ein Haus. Eines, das immer wieder zu neuen Entdeckungen einlädt und Überraschungen bereithält. Kunstvoll konstruiert, mit einer tollen Sprache ausgekleidet. Ein echtes Highlight!


„Sie lieben das Haus“ Auch er war verwundert: das Wort „Liebe“ in Verbindung mit seinen Empfindungen – er fühlte sich peinlich berührt, als hätte sie ihm unerwartet ein viel zu wertvolles Geschenk gemacht. „Dann hätten Sie das Haus sicher gerne für sich?“, fügte sie hinzu.

„Ach was! Solche Häuser sind ein Fluch. Man wird ihnen nie gerecht. Sie sind immer stärker als ihre Bewohner“

Schäfer, Andreas: Das Gartenzimmer, S. 249

Es ist ein verfallenes Kleinod, das der Unternehmer Frieder und seine Gattin Hannah da in Grunewald entdecken. Eine Villa mit Geschichte. Einst vom später weltberühmten Architekten Max Taubert als erstes Bauprojekt in seiner Karriere realisiert, dann dem Verfall preisgegeben. Und nun haben es Frieder und Hannah mit einem großen Aufwand und viel Geld wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückverwandelt. Doch allmählich müssen Frieder und Hannah erkennen, dass das sonnendurchflutete Heim auch seine dunklen Ecken besitzt. Die Geschichte des Hauses und seines Erbauers ist mit Makeln behaftet. Und allmählich lernen wir als Leser*innen diese Geschichte kennen, geschickt gelenkt von Andreas Schäfer.

Ein Autor wie ein Architekturführer

Dabei fungiert der Autor wie ein gekonnter Architekturführer. Abwechselnd springt er zwischen zwei zeitlichen Ebenen hin und her. Da ist zum einen die historische Ebene, die mit der Errichtung des Hauses 1909 beginnt und die um Taubert, seine Familie und das Ehepaar Rosen kreist, die Taubert mit der Konzeptionierung des Hauses betraut haben und es später bewohnen. Und dann ist da noch die zeitgenössische Ebene, die 2001 spielt. Sie kreist um die Familie von Frieder und Hannah Lekebusch, die zu den neuen Besitzer der Villa werden. Ungemeine kunstvoll verfugt er diese beiden Ebenen Stück für Stück. Dabei kommt es zu wechselseitigen Dynamiken zwischen den Strängen, beispielsweise wenn in der Gegenwart angerissene Enthüllungen dann in den Rückblenden fortgeführt und erklärt werden. Im Gegenwartsstrang gruppiert Schäfer zudem alles um einen abendlichen Empfang in der Villa Rosen, auf dem alle nach und nach eingeführten Charaktere aufeinander treffen.

Andreas Schäfer - Das Gartenzimmer (Cover)

Das Gartenzimmer funktioniert auch wie ein gekonnt geplantes und gebautes Gebäude. Immer wieder entdeckt man neue (Handlungs-)Räume. Immer wieder ergeben sich neue Blickachsen, die die Charaktere und die Handlung aus anderen Perspektiven sehen lassen oder Details freistellen. Diese erzählerische Kunstfertigkeit ist das, was mich am meisten für den Roman einnahm.

Denn Andreas Schäfer ist ein wirklich souveräner Erzähler, der es zulässt, dass Menschen mit Fehl und Tadel seinen Roman bevölkern. Alle Figuren haben ihre schlechten Eigenschaften und Seiten, alle kann man aber auch verstehen, insbesondere wenn man den Blick wechselt und aus den Augen anderer Figuren auf sie blickt. So stelle ich mir plastische Erzählkunst vor.

Architektur wird Literatur

Auch gelingt ihm der Spagat, Architektur in Literatur zu überführen grandios. So gut, wie das im englischen Sprachbereich wohl nur Ben Aaronovitch schafft. Wie er vor den Augen der Leser*innen die Villa Tauberts entstehen lässt, mit welcher Hingabe er die Räume und die Funktionsweise von Tauberts Entwürfen erklärt, das ist wirklich famos. Hier entsteht im Lauf des Romans ein sprachlich präzise und bildreich gestaltetes Haus, das ungemein faszinierend ist, in das ich aber trotz allem nicht einziehen würde.

Obwohl oder gerade weil es von Andreas Schäfer so meisterhaft beschrieben und in seiner wechselvollen Historie beleuchtet wird. Denn wie sagt schon der Feuilletonist Julius Sander im Eingangszitat: „Solche Häuser sind ein Fluch. Man wird ihnen nie gerecht. Sie sind immer stärker als ihre Bewohner.“

Andreas Schäfer hingegen ist in Form und Inhalt seinem Thema vollkommen gerecht geworden und hat einen Roman erschaffen, der ein wirklich starkes Stücke deutsche Gegenwartsliteratur darstellt.


  • Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer
  • ISBN 978-3-8321-8390-5 (DuMont-Verlag)
  • 352 Seiten, Preis 22,00 €
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Mariam Kühsel-Hussaini – Tschudi

Ein Roman wie ein Gang durch ein Museum. Mariam Kühsel-Hussaini in „Tschudi“ über Kunst, Geschmack, Intrigen und ein brodelndes Berlin um die Jahrhundertwende. Große Sprachkunst und eine Verneigung vor dem Impressionismus.


Mariam Kühsel-Hussaini gelingt in ihrem neuen Buch (zuletzt von ihr 2012 Attentat auf Adam) das Kunststück, sich mit Worten und Beschreibungen ihrem im Buch verhandelten Subjekt so anzugleichen, dass die Grenzen zwischen Kunst und Literatur verfließen. In Tschudi erschafft sie in ihrem Roman eine ganze Ausstellungshalle aus Ideen, Bildern und Künstler*innen, die auf den Lesenden wie ein wirkliches Museum wirken. Alleine schon die auftretenden Figuren in ihrem Roman lesen sich wie ein Who’s Who der damaligen Kunstwelt.

ADN-ZB/Archiv Berlin 1904: Die Ausstellungsvorbereitung der Berliner Sezession. Vorstand und Hängekommision bei der Arbeit. v.l.n.r. Willy Döring, Bruno Cassirer, Otto Engel, Max Liebermann, Walter Leistikow, Kurt Herrmann, Fritz Klimsch. (Aufn. 1904)

Max Liebermann, Wilhelm Bode, Anton von Werner, Max Klinger, Adolph Menzel, Walter Leistikow oder Leo von König geistern durch die Seiten von Kühsel-Hussainis Roman. Und auch sonst sind es große Namen, die das Buch bevölkern. Cosima Wagner, Walther Rathenau oder auch Harry Graf Kessler sind allesamt Figuren, denen allen eines gemeinsam ist: die Bekanntschaft mit Hugo von Tschudi. Der Schweizer aus altem Adel ist das, was wir heute als Netzwerker bezeichnen würden. Ein kunstsinniger Kosmopolit mit besten Kontakten hinein in die oberen Gesellschaftsschichten und die Kunstwelt.

Und dies kam nicht von ungefähr. Schließlich war der Vater als Schweizer Diplomat und Forschungsreisender tätigt. Der Großvater mütterlicherseits war niemand Geringeres als Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld. So war der Weg für Hugo von Tschudi gewissermaßen schon vorgezeichnet. Durch seine Kenntnisse und Beziehungen prädestiniert wurde er 1896 zum Direktor der Nationalgalerie berufen. Ab diesem Zeitpunkt setzt Kühsel-Hussainis Roman ein, der Tschudis Wesen und Wirken auf höchst beeindruckende Weise schildert.

Tschudi gegen Wilhelm II.

Es ist ein brodelndes Berlin an der Jahrhundertwende, das Mariam-Kühsel Hussaini in Tschudi inszeniert. Während die Gebrüder Aschinger das megalomanische Weinhaus Rheingold am Potsdamer Platz in Betrieb nehmen, treibt der Journalist Maximilian Harden den Kaiser Wilhelm II. vor sich her (und wird später die Harden-Eulenburg-Affäre auslösen).

Hugo von Tschudi
Hugo von Tschudi

Der Kaiser steht unter Druck – und prallt nicht nur in Sachen Kunstverständnis des Öfteren mit Tschudi zusammen. Denn während Tschudi fleißig französische Meister für die Nationalgalerie ankaufen lässt, darunter etwa Manets Im Wintergarten (der auch das Buchcover ziert), steht der Kaiser für ein traditionelleres Kunstverständnis. So kann der Monarch weder mit Impressionismus noch mit der Berliner Secession etwas anfangen. Die neuartigen Ausdrucksweisen verstören Wilhelm II. Dass ihm historisierende Maler wie Anton von Werner oder der Museumsdirektor Wilhelm Bode zusätzlich ihr traditionelles Kunstverständnis einimpfen und gegen Tschudi opponieren, macht die Sache für den visionären Schweizer Museumsmacher nicht einfacher.

Während Fans wie etwa Cosima Wagner extra aus Bayreuth anreisen, um in der Gesellschaft des Schweizers die Nationalgalerie zu besuchen, brauen sich am Berliner Himmel dunkel Wolken zusammen. Doch der unter der tückischen Hautkrankheit Lupus leidende und trotzdem höchst virile Tschudi merkt davon erst viel zu spät etwas.

Impressionismus in der Sprache

Man kann von Tschudi nicht reden, ohne von seiner Sprache zu reden. Denn was Mariam Kühsel-Hussaini hier schafft, ist außergewöhnlich. Sie schafft es, die suggestive Kraft des Impressionismus mit ihren Worten abzubilden und so ein außergewöhnliches Lesegefühl zu erzeugen.

Beispielhaft sei hier nur ein Absatz aus dem Roman zitiert, der den Suizid des Malers Walter Leistikow beschreibt. Mit nur wenigen hingetupften Worten entstehen so ganze Bildwelten.

Draußen versank Berlin in den frühen Sommerabend.

Ein Spreetaucher wurde an der Schlossbrücke herausgezogen und sah Tschudi durch das kleine rechteckige Fenster seines alten Helmkastens an.

Tschudi ihn.

Lange.

Und Walter Leistikow legte den Lauf seiner Pistole hart gegen die Braue, als er am Fenster seines Sanatoriums stand, die Stirn fest ans Glas gepresst.

Vollkommen stumm.

Drückte er ab.

Ein spätgotisches, rot zerlaufendes Kirchenfenster.

Kühsel-Hussaini, Mariam: Tschudi, S. 296 f.

Dieses Buch ist mit einer suggestiven Sprachkraft geschrieben, die ihresgleichen sucht. Mal lyrisch im Ton, mal stakkatohaft mit gerade einmal einem Wort pro Zeile, dann wieder elegisch oder vorantreibend, teilweise im Dialekt. Auch die Kapitel sind ganz unterschiedlich verteilt, springen zwischen Tschudi und Wilhelm II. hin und her, erstrecken sich über viele Seiten oder sind dann wieder ganz kurze Miniaturen. 72 dieser so unterschiedlichen Kapitel hat die 1987 geborene Autorin auf insgesamt 320 Seiten arrangiert. Kapitel, die alle für sich genommen kleine Kunstwerke sind.

Nicht alles funktioniert

Bei einem solch vielgestaltigen Bildersturm entstehen aber auch einige weniger überzeugende Produkte, das soll hier nicht verhehlt werden. Gibt es in jedem Museum wohl auch Kunstwerke, die sich dem Betrachtenden nicht erschließen oder ihm nicht zusagen, so gilt das auch für Kühsel-Hussainis Roman. Gerade zu Beginn des Romans meint es die in Kabul geborene Autorin besonders gut. Da pumpt ein Vakuum aus Traurigkeit das Herz leer oder Tschudi fliegt bewusstlos durch den Abend (wie bewusstloses Fliegen funktioniert, habe ich noch nicht verstanden, auch wenn mir klar ist, was Kühsel-Hussaini ausdrücken möchte). Hugo von Tschudi besitzt die schnellsten Tränen, die je ein Mensch geweint oder hinter Augen warten gute Gaben.

Kühsel-Hussaini - Tschudi (Cover)

Manchmal ist das etwas manieriert, pathetisch, ungewollt komisch oder im Suchen nach originellen Wortbildern etwas anstrengend. Dann gelingen Kühsel-Hussaini aber auch wieder unerhörte Metaphern, treffende Vergleiche und eindrückliche Beschreibungen vom brodelnden Berliner Nachtleben oder dem aufkommenden Antisemitismus etwa, die die wenigen nicht funktionierenden Sätze mehr als vergessen machen.

Was Kühsel-Hussaini da mit ihren Worten schafft, ist mehr als nur große Kunst. Das ist Sprachkreativität auf höchstem Niveau, mit dem sie in diesem Frühjahr sogar Valerie Fritsch übertrifft. Etwas in dieser Qualität bekommt man nicht alle Tage zu lesen.

So ist dieser Tschudi vieles. Ein sinnanregender Roman, der Lust auf einen Bummel durch die Alte Nationalgalerie macht. Ein Künstlerroman, der dem Impressionismus ein Denkmal setzt. Und nicht zuletzt ein Sprachkunstwerk, das seinesgleichen sucht.


Bild Hugo von Tschudi: Von unbekannt – www.pinakothek.de, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=7987764

Bild „Berliner Secession“: Von Bundesarchiv, Bild 183-1986-0718-502 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5423516

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Lutz Seiler – Stern 111

Ganz egal wo wir landen. Mein Zuhause ist kein Ort. Das bist du.

Fynn Kliemann: Zuhause (2019)

Wo gehören wir eigentlich hin? Und was ist dieses Zuhause eigentlich? In Stern 111 findet Lutz Seiler ganz eigene Antworten auf diese Fragen und erzählt von Wohnungsbesetzern, DDR-Auswanderern und einer schwebenden Ziege.


Ja was ist nun mit diesem Zuhause? Ist es ein Ort? Ist es der Verbund von Menschen? Oder der Ort, dem die eigene Familie entstammt? Im Falle Carl Bischoffs wäre das Zuhause Gera. Doch da halten es weder er noch seine Eltern Inge und Walter lange aus. Denn wir schreiben die Zeit kurz nach der Wende im Winter 89/90. Die Grenzer schießen nicht mehr, der sagenumwobene Westen lockt die Eltern, und so lassen sie sich von ihrem Sohn in der Nähe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze absetzen.

Der Grenzübergang war bevölkert: Spaziergänger, Neugierige, Autoschlangen und Fußgängerströme – das Land schien sich aufzulösen in einer einzigen Wanderschaft. Darunter nicht wenige mit Rucksäcken und Koffern, junge kräftige Wanderer, die wie auf Verabredung zusammenfanden und sich unterstützten, niemand im Alter seiner Eltern. Mit dem großen schwarzen Akkordeonkasen auf dem Rücken sah sein Vater wie ein Kriegsvertriebener aus, der versuchte, ein Stück Hausrat zu retten. Dazu passend ragten die Ruinen einer unfertigen Autobahnbrücke aus dem Tal.

Seiler, Lutz: Stern 111, S. 29 f.

Während Walter und Inge den Westen erkunden, soll der Sohn derweil das Zuhause in Gera und den Shiguli hüten. Doch schon bald fällt Carl die Decke auf den Kopf, während draußen ein Land zerfällt und ein neues entsteht. Und so schnappt er sich den Wagen aus russischer Fabrikation und macht sich auf nach Berlin. Dort, in der nun nicht mehr geteilten Hauptstadt, landet er einem Schiffbrüchigen gleich und muss feststellen, dass der Osten und der Westen in Berlin doch noch existieren.

Ein neues Zuhause

Er entdeckt dort eine Welt, die wie von einem anderen Stern wirkt. Ganze Straßenzüge sind verlassen, monolotische Wohnblöcke, in denen keine Menschen mehr wohnen und Grenzposten, die immer noch ein Land bewachen, das es so nicht mehr gibt.

Carl bewunderte dieses goldgelbe Gebäude [die Staatsbibliothek], das wie ein Raumschiff auf der staubigen Brache weit hinter den Plattenbauten der Ebertstraße gelandet war. Von Osten her bis dorthin vorzudringen war ein Kampf, als durchquerte man eine Wüste, die abweisend, kalt und bei Wind grau war von Staub (und Wind wehte dort eigentlich immer, auch wenn im Rest der Stadt Windstille herrschte), vorbei am Container des Grenzübergangs (niemand, der dort seinen Pass verlangte) und vorbei an den Hügeln, unter denen, wie es hieß, die Bunker lagen. Die Brandmauern, die Ruinen, die Pfeiler der Magnetschwebebahn – als durchschritte man ein verlassenenes Versuchsgelände, dachte Carl, das man niemals hätte betreten dürfen, ein Trümmerplatz, auf dem man sich hüten musste, nicht verlorenzugehen.

Seiler, Lutz: Stern 111, S. 134 f.

Eine fast außerirdisch wirkende Welt, kein Ort, in dem man normalerweise Quartier bezieht. Doch wie das so ist mit dem Zuhause – der Ort bildet nur die eine Hälfte der Rechnung. Zuhause ist doch auch das soziale Umfeld. Mitmenschen, Gesellschaft, Freunde, Familie. Und diese findet Carl auf ungewöhnliche Art und Weise. Nach ersten Übernachtungen im Shiguli wird er als Teil der A-Guerilla Hausbesetzer eines dieser verlassenen und eroberten Wohnblöcke zwischen Rykestraße und Oranienburger.

Die A-Guerilla

Lutz Seiler - Stern 111 (Cover)

Hinten dran am Haus ein kleines Bombenwäldchen, von der Ferne blinkt der Wasserturm. Dort, wo heute das hippe Leben im Prenzlauer Berg pulsiert, sind es 1990 die heruntergekommen Häuser, die das Straßenbild prägen. Ein kleiner Ofen mit Schamottsteinen, ein paar Matratzenteile mit Schnur umwickelt, mehr braucht Carl für seine Anfänge im besetzten Haus nicht. Für weiteres Interieur bedient sich die Gruppe aus den umliegenden Häusern, bricht in Wohnungen ein oder erobert sich verlassene Geschäfte. Zusammen bilden die Bewohner des Hauses eine verschworene Gruppe, die auf den Namen A-Guerilla getauft wird.

Carl wird schnell als Teil der Gruppe akzeptiert und verdingt sich in der Folge als Maurer und als Teilzeitpoet mit Ambitionen.

Der Sommer begann mit dem Hissen der Fahne. Im Fenske-Keller hatte der Hirte ihren edlen Stoff entrollt: schwarze Seide, auf die ein scharlachrotes A aufgenäht war. „Das ist unser A“, sagte der Hirte. „Es erzählt von der Schwer des Anfangs, von der Würde der Arbeit, und es erzählt von uns, der Arbeiter-Guerilla. Es ist ein dreifaches A.“

Seiler, Lutz: Stern 111, Seite 217

Es ist eine ungewöhnliche Gemeinschaft von Outcasts, die hier ihr im Kiez ihr eigenes Utopia gründen möchte. Schnell wird Carl als Maurermeister einer der Helden der Arbeits-Guerilla. Die Assel dient ihnen dabei als Ausgangspunkt. Eine Kneipe, die sich schnell als Wohnzimmer und Lebensmittelpunkt etabliert. Bald steht schon eine Mikrowelle unter dem Tresen, dann wird in Kindergarten-Manier eine beschriftete Garderobe für die lokalen Freudenmädchen angebracht. Schon bald wächst die höchst heterogene Kundschaft. Die A-Guerilla werkelt an der Kneipe und diese wird in der Ost-Berliner Untergrundszene zusehends „Kult“.

Zu diesem Kult trägt auch die bunte Mischung aus Hausbewohnern bei. Fantasten, Revoluzzer und Gestrandeten inklusive Dodo, einer Ziege, die später im Buch sogar noch das schweben lernt.

Auch ein Gentrifizierungsroman

Besetztes Haus in der Kollwitzstraße 1990 (Quelle:Bundesarchiv, Bild 183-1990-1211-013 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de)

Stetig wächst die Gemeinschaft, Wohnungen werden neu besetzt, andere Mitglieder der Gemeinschaft gehen wieder ihrer Wege. Aber auch wenn Stern 111 nur ein wenig mehr als ein Jahr in diesem Berliner Kiez beschreibt, ist das Buch doch auch Gentrifizierungsroman, der im Kleinen vorwegnimmt, worüber wir heute gesellschaftlich übergreifend diskutieren. Der Berliner Mietendeckel, ganze Wohnblöcke, die von Investoren aufgekauft werden, die Gentrifizierung, die ganze Stadtteile verödet. Alle Schlagwörter und Probleme, die dieser Tage zirkulieren, können auf Stern 111 rückgebunden werden. Das Wohnen als kostenloses Grundrecht, wie es Carl bald begreift, es wird im Buch immer wieder thematisiert.

An die Wand über den Briefkästen hatte jemand WRUBEL-KAPITALISTENSAU geschrieben. Tatsächlich hatten alle Mieter den Brief einer Erbengemeinschaft empfangen, unterzeichnet von einem Mann namens Wrubel. Die Miete, hieß es, würde demnächst erhöht, für Carls Wohnung von 31,80 auf glatte 50 DM.

„Aber du hast ja gar keinen Vertrag“, hatte So-nie gesagt, ohne jeden Beiklang in seiner Stimme. „Schlagen hier auf auf von irgendwo und wollen Kasse machen.“

Seiler, Lutz: Stern 111, S. 366

Im Epilog schildert Carl dann, wie er dann kurz darauf von der Erbengemeinschaft auf 143,25 DM erhöht wird. Die Grundmiete sei ein paar Mark pro Quadratmeter gestiegen, dazu kämen die Betriebskosten. Eine Szene, die angesichts der heutigen Mietpreise leicht lächeln lässt. Aber schon hier deutet sich alles an, worüber heute umso erbitterter gestritten wird, da der Wohnraum immer knapper und die Preise immer exorbitanter werden, und das nicht nur in der Hautptstadt. Zuhause ist eben mittlerweile auch zu einer Sache geworden, die man sich leisten können muss.

Ein sicherer Sieger

Etwas mokant könnte man sagen, dass die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse Lutz Seilers Roman geradezu prämieren MUSSTE. Allzu verlockend die Melange der Themen, die bei solchen Preisen zumeist ausgezeichnet werden: Ein Berlinroman, ein Buch über die Wendezeit und dazu noch eine gut gemachte Coming of Age-Geschichte mit Liebesirrungen und Liebeswirrungen? Ein Setzen auf Stern 111 als Preisträger hätte im Wahlbüro wahrscheinlich gerade einmal ein wenig mehr als den Wetteinsatz als Gewinn gebracht.

Natürlich kann man dabei beklagen, dass die Wahl sehr berechenbar und das Thema des Buchs alles andere als neu ist. Schon einmal beackerte Lutz Seiler bekanntlich mit Kruso das Feld des deutschen Wenderomans (der auch im Stern 111 seinen Auftritt hat). Der wie sein Protagonist in Gera geborene Dichter heimste dafür 2014 den Deutschen Buchpreis ein. Das Wendethema ist omnipräsent, auch im Suhrkamp-Verlag erschienen schon diverse Bücher mit diesem Sujet (die dann wie im Falle Uwe Tellkamps ebenfalls gerne mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurden). Eine sichere Bank also für einen Gewinn.

Aber durch die feinfühlige Sprache, die bildmächtigen Schilderungen und die Präzision, mit der Seiler sein Milieu in aller Akribie schildert, ist der Roman auch als Preisträger nachvollziehbar. Ähnlich wie der Fotograf Daniel Biskup vor kurzem in seinem Bildband Wendejahre: Ostdeutschland 1990-1995 diese vergangene Welt mit seinen Fotografien noch einmal in die Jetztzeit zu holen, gelingt es im vorliegenden Fall auch Lutz Seiler. Allerdings setzt er eben auf das Gestaltungsmittel Worte, das aber mehr als gekonnt.

Die Qualität der Prosa Seilers ist unbestritten, der Roman trotz seiner hohen Seitenzahl atmosphärisch dicht und genau – und in seiner Vielzahl an Themen vielgestaltig interpretierbar. Ein Buch, das den Sieg des Leipziger Buchpreises verdient hat, und das auch mir als Nachwendegeborenen und Nicht-Berlin die Welt in den Straßen und Häusern der Hauptstadt 1990 nahegebracht hat.

Weitere Besprechungen:

Weitere Meinungen zum Buch findet man hier: Buchrevier und Aufklappen haben über das Buch geschrieben genauso wie Marina Büttner und Letteratura.

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Still und starr ruht der See

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Es ist kaputt, so kaputt
Das kann man nicht reparieren
So kaputt, so kaputt
Es fließen keine Tränen
Beim Familienfest im Grünen

Bosse: Familienfest im Grünen

Rückzugsort Uckermark: was schon bei Lola Randls Buch Der große Garten thematisiert wurde, ist auch beim ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman von Miku Sophie Kühmel ein prägendes Motiv. Draußen, im Grünen, abseits von Hektik und Stress, versuchen auch Kühmels Protagonisten dem Takt der Großstadt zu entgehen und ihr Leben neu zu ordnen und zu reparieren. Was bei Randl wenig überzeugend ausgestaltet war, gelingt Miku Sophie Kühmel deutlich besser. Das sah auch die Jury des Deutschen Buchpreises so – und nominierte die junge Autorin (Jahrgang 1992) für die Endrunde des diesjährigen Preises.

Die in Gotha geborene Kühmel wählt für ihren Roman die Form eines Kammerspiels. Vier Menschen, ein Haus am See in der Uckermark – mehr braucht sie nicht, um über fast 300 Seiten ihre Geschichte zu erzählen.

Vier Menschen, ein Haus, ein See

Da sind zum Einen Reik und Max. Ein homosexuelles Pärchen, das schon seit zwanzig Jahren zusammenlebt. Max lehrt als Professor für Archäologie an der Universität und ist ein zutiefst strukturierter Geist. Alles muss seine Ordnung haben, von der Teeschale auf dem Van-Duysen-Board bis hin zu den Ritualen im Alltag.

Miku Sophie Kühmel - Kintsugi (Cover)

Ganz anders da Reik. Als Künstler zieht er das Chaotische, Unperfekte an. In der Post-Wende-Zeit kam er mit seinen Kunstwerken zu großem Ruhm, der bis heute anhält. Ständig ist er in der Welt unterwegs, besucht Vernissagen, Galerien und Museen – und hat im gemeinsamen Ferienhaus mit Max seinen Ruhepunkt gefunden.

Das Pärchen, das den Kontrapunkt zu den beiden gealterten Bohémiens bildet, wird von Tonio und Pega gebildet. Pega ist Tonios Tochter, der auch früher einmal ein Liebhaber von Reik war. Aber diese Zeiten sind schon längst vorbei. Tonio hat in der Vaterschaft von Pega seine Bestimmung gefunden und geht in der Rolle als alleinerziehender Vater vollkommen auf. Pega hingegen ist ein wirklicher Wirbelwind, die in einer Berliner WG lebt und als auslösendes Moment von außen die eingespielte Riege der alten weißen Männer aus dem Tritt bringt.

Erstaunlich souverän in der Form erzählt Miku Sophie Kühmel nacheinander von den vier Menschen, ihren Geschichten und ihren Motivationen. Zwischen die vier Teile des Ganzen montiert sie kleine Theaterpassagen, die aus reinen Dialogen bestehen und die Handlung im Ferienhaus weiter vorantreiben. Denn die Handlung umspannt nur einen Tag, der um 8 Uhr am Morgen beginnt. Alles spielt sich innerhalb dieses Tages ab, ehe ein Epilog um 8 Uhr des nächsten Morgens die Geschehnisse in Kintsugi abschließt.

Tolle Inneneinsichten der Figuren

Das ist toll gemacht, diese Verdichtung auf einen Tag und vier verschiedenen Figuren, aus deren Beziehung zueinander sich die Handlung ergibt. Alle vier Perspektiven konstruiert Miku Sophie Kühmel sehr glaubhaft. Die Widersprüche in den Figuren, ihre Wünsche und heimlichen Sorgen, davon erzählt die junge Autorin erstaunlich reif und psychologisch glaubwürdig. Während sich Reik eigentlich Kinder wünscht, kann Max mit diesem Gedanken gar nichts anfangen. Auch solche vermeintlich spießigen Themen wie „Heirat“ oder die Ausgestaltung der bürgerlichen Existenz beschreibt Kühmel sehr nachvollziehbar und kohärent.

Alle vier Berliner*innen wirken lebensnah, die Brüche in ihren Leben sind nachvollziehbar gestaltet – Miku Sophie Kühmel ist eine genaue Beobachterin von Menschen, die auch unter die Oberfläche von vermeintlich Glattem sieht. Würden Max, Pega und Co. nach ihrem Wochenende aus dem Buch ins Leben übertreten – sie würden sich wunderbar in unser Miteinander einpassen. Eine solche Figurengestaltung ist für mich große Kunst und aller Ehren wert (wenngleich die vier Protagonist*innen natürlich auch noch etwas unterscheidbarer hätten klingen dürfen).

Toll in der Form, Schwächen in der Sprache

Doch so stark das Debüt auch in der Introspektive seiner Figuren und der Form ist: einen Kritikpunkt habe ich dennoch vorzubringen. Und das ist der sprachliche Stilwillen, der in Miku Sophie Kühmels Debüt noch etwas ungebändigt wirkt. So „zischelt“ den Figuren beim Besteigen eines Hochsitzes eine Ladung Käfer entgegen (S. 79) oder „die Zeitanzeige glüht [Reik] auf Augenhöhe entgegen (S. 8). Manchmal kippt das Ganze auch ins Schwülstige oder Kitschige, wie beispielsweise auf Seite 12:

Sie beginnen, sich zu küssen, und die Baumwollwolken wogen um sie her.

Kühmel, Miku Sophie: Kintsugi, S.12

Hier hätte sicher ein strengeres Lektorat noch die ein oder andere Formulierung glätten oder streichen können. Aber im Falle eines ansonsten so starken Debüts bin ich gerne auch einmal bereit, über diesen Punkt gnädig hinwegzusehen.

Auf diese Debütantin lohnt es zu schauen

Zwar rechne ich angesichts der starken Konkurrenz nicht wirklich mit einem Sieg von Miku Sophie Kühmel. Davon unbesehen ist Kintsugi wirklich ein tolles Debüt einer Erzählerin, die genau hinschaut und sich für ihre Figuren interessiert. Von ihr erwarte ich mir noch einiges – denn wer jetzt schon so souverän Form und Inhalt beherrscht, der hat noch eine große Karriere vor sich, so meine persönliche Einschätzung. Hier könnte Großes entstehen!

Und ein letztes Rätsel sei an dieser Stelle auch noch aufgelöst: wer oder was ist denn eigentlich jenes titelgebende Kintsugi? Im Appendix des Buchs werden sämtliche japanische Titelüberschriften erklärt, darunter eben auch jenes Kintsugi:

das kunsthandwerk, zerbrochenes porzellan mit gold zu reparieren

Kühmel, Miku Sophie: Kintsugi, S.295

Das passt auf die Figuren und die Handlung des Romans wirklich exzellent und wird auch noch einmal im Cover wirklich kongenial aufgegriffen. Kaputtes reparieren und dadurch sogar aufwerten, das könnte wirklich eine Umschreibung von Kühmels Debüt sein. Sehr stimmig!

Beispiel einer mithilfe von Kintsugi veredelten Schale. (Quelle Twitter/Josh Corman)

Andere Meinungen zu dem Buch gibts beim Freitag, bei Letteratura, beim Textmagazin und bei Bleisatz.

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Wenn im Garten die Neurosen blühen

Lola Randl – Der große Garten

Mit Der große Garten steht die Filmemacherin und Autorin Lola Randl auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019. Ein Buch, das viele boomende Themen aufgreift: Gärtnern, Flucht aufs Land, das Dorf als Kulturclash, Naturerfahrung. Kein Wunder also, dass sich dieser Titel unter den Nominierten findet. Für mich persönlich ist die Platzierung aber fraglich, denn Randls Buch gelang es nur in Ansätzen, mich gut zu unterhalten. Woran das liegt? Hier im Folgenden ein paar Gründe für meine Probleme mit dem Buch.

Zu unentschieden

Ja, im Grunde basiert Der Große Garten auf dem Zyklus eines ganzen Gartenjahres. Und ja, es gibt einige Handlungsstränge, die Lola Randl hin und wieder aufgreift. Aber so etwas wie eine durchgängige Handlung, ein übergeordneter erzählerischer Bogen oder ein narratives Konzept vermisste ich in Randls großem Garten. Das Buch hat mehr Kapitel als Seiten (315) und zeichnet sich durch eine große Sprunghaftigkeit aus. Betrachtungen über den Garten werden von Reflektionen über das Zusammenleben mit dem Mann der Erzählerin abgelöst. Während es in einem Kapitel über die Tunnelgrabungen des Maulwurfs geht, sinniert die Erzählerin wenige Zeilen später über die Verwendung von Spritzgiften für die Pflege von Bordsteinkanten. Mal dreht sich alles um ihr Verhältnis zu ihrem Liebhaber, der ebenfalls im Dorf weilt, dann ist sie wieder bei der Geschlechtsreifung von Fröschen.

Alles ist drin in diesem Buch, das einer wild blühenden Gartenlandschaft gleicht. Zwischenmenschliches, Natürliches, soziale Betrachtungen, Philosophie. Allem wird in diesem Buch Platz gegeben, eine wilde Entropie herrscht vor. Dabei fehlte mir, um im Bild des Gartens zu verweilen, ein Gärtner oder eben eine Gärtnerin. Eine, die dem wild wuchernden Durcheinander zu Leibe rückt, die eine Idee für die formale und inhaltliche Ausgestaltung hat und auch einmal beherzt eine Schneise in das Durcheinander schlägt. Will das Buch ein Gartenratgeber sein? Oder ein Dorfroman? Oder das Psychogramm einer gestressten Berlinerin? In dieser Form ist der Garten eher ein Urwald, in dem man sich verlieren kann.

Die Erzählerin als Neurosengärtnerin

Ebenso sprunghaft wie die Handlung dieses Buchs ist die Erzählerin selbst. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass in Lola Randls großem literarischen Garten das Einzige, das mit Beständigkeit und großem Ertrag blüht, die Neurosen sind. Ständig schwankt die Erzählerin zwischen ihrem Mann und dem Liebhaber hin und her. Dessen Funktion als Liebhaber möchte sie in ihrem Dorf (ausgerechnet einem Dorf!) verschleiern, weshalb sie sich stets durch die Hintertür zu ihrem Geliebten schleicht.

Dann ist da auch noch ein Analytiker in Berlin, den die Erzählerin immer wieder konsultiert. Bei diesen Sitzungen steht aber eher die gegenseitige Lustbefriedigung im Mittelpunkt. Weswegen es natürlich zur Ergänzung eine Therapeutin gibt, die die Erzählerin aufsucht. Diese rät ihr zu Achtsamkeitsübungen, mit denen sie die eigene Mitte finden soll (siehe auch der Punkt Klischees). Die Elternrolle ihren Kindern gegenüber füllt die Erzählerin nur höchst sporadisch aus. Ihrem Kind Gustav Schranken zu setzen und Regeln durchzusetzen, das ist nicht so das Ding der großen Gärtnerin. Oder wie sie selbst konstatiert:

Es muss irgendeine Möglichkeit geben, ihm [Gustav] meine Überlegenheit zu beweisen, aber mir fällt außer Bestechung oder Gewalt keine ein. Wahrscheinlich gibt es keine andere Möglichkeit, weil ich dem Gustav ganz einfach nicht überlegen bin, sondern der Gustav mir. Ich kann nur versuchen, ihn mir wohlgesonnen zu stimmen, dann habe ich mit ein wenig Glück ein etwas angenehmeres Leben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Gustav Waffen hat, gegen die ich wehrlos bin. Ich kann eigentlich nur noch überlegen, ob ich mich jetzt gleich ergebe oder später.

Randl, Lola: Der Große Garten, S. 196

Erinnere: Wir sprechen hier von einem Kleinkind. Es liegt auch an mir, aber eine derartige Schluffigkeit bis Zahnlosigkeit einer Erzählerin, das macht mich schier wahnsinnig und lässt sich nicht mit Humor wegargumentieren. Da helfen auch keine Sitzungen beim Analytiker oder bei der Therapeutin.

Der Tonfall

Ebenso naiv wie die Erzählerin in vielen Szenen auftritt, so naiv ist auch der Tonfall des Buchs. Alle Charaktere werden stets mit Artikel präsentiert, viele erhalten nur Rollenbezeichnungen. So gibt es den Liebhaber, den Mann, den Hermann und die Irmi. Wenn von menschlichen Ausscheidungen die Rede ist, dann wird hier von Pippi und Kacka gesprochen. Ausgesprochen infantil, in einem Charlotte-Roche-mäßigen Erzählton, so kam mir die Prosa aus der Feder Lola Randls vor.

Stellenweise ist das auch wirklich witzig oder erinnert mit seinem Duktus in den Naturkundebeschreibungen an Die Sendung mit der Maus. Oder es findet sich so etwas hier:

Die junge Glucke aber, die sich entschieden hatte, Kinder zu bekommen, von dem Hahn, der sie tags zuvor besprungen hatte, war eine moderne Glucke, die nicht mehr als zwei Kinder wollte. Auch der Vater blieb treu und übernahm Betreuungsaufgaben, sodass sich auf dem Permakulturhof mit zwei Elternteilen auf zwei Küken ein für Hühner ungewöhnlich guter Betreuungsschlüssel ergab.

Randl, Lola: Der Große Garten, S. 176

Aber als erwachsener und mit Roman übertitelte Roman konnte mich das über die Länge hinweg allerdings nicht überzeugen.

Die Klischees

Ich kann mir nicht helfen, aber der Große Garten ist für mich eine einzige Ansammlung von Klischees. Da ist schon einmal die Erzählerin selbst, die diese in sich versammelt: gestresste Berlinerin, Sitzungen beim Analytiker, Polyamorie, Achtsamkeitsübungen, Flucht aufs Land, Gärtnern als meditative Übungen. Diese Erzählerin fusioniert alle Klischees von Berlin Mitte bis Prenzlauer Berg in sich.

Dann gibt es ja auch noch das Dorf, das einerseits von Gestalten wie der Erzählerin selbst heimgesucht wird, sowie auf der anderen Seite die lokale Bevölkerung. Dicke Ex-LPG-Mitarbeiter, die nun die im eigenen Garten weiterhin die Broiler halten treffen auf sinnentleerte Kommunikationsdesignern, die im Dorf Workshops abhalten, um Inspiration für andere Workshops zu erhalten. Japaner, die das Dorf für sich entdecken und in Horden einfallen, Bauten, die seit der Wende verfallen. All diese Bilder und Klischees kennt man schon zur Genüge.

Wie man klug und dabei auch höchst unterhaltsam die Stadt-Land und Ost-West-Bruchlinien offenlegt, das zeigte Juli Zeh in ihrem Bestseller Unterleuten um Klassen besser. Im Falle des Großen Gartens finde ich die Inszenierung platt und unspannend. Dem Genre des modernen Dorfromans fügt Lola Randl so nicht viel Neues hinzu.

Die Außengestaltung

Ein letzter Minuspunkt, der neben der Bewertung des Inhalts für mich noch ins Gewicht fällt, ist der der Außengestaltung. Natürlich ist die Weisheit Never judge a book by it’s cover unverbrüchlich und der Verlag Matthes & Seitz Berlin ist eigentlich ein Hort des Geschmacks und der Stilsicherheit (man schaue sich nur einmal die Naturkunden an). Wie bei diesen zeichnet sich auch hier Judith Schalansky für die Gestaltung des Buchs kenntlich. Aber was ist diesmal dabei herausgekommen?

Ein Cover, für die ich eher eine Grundschulklasse aus Augsburg-Oberhausen oder die Büchergilde Gutenberg verdächtigt hätte, als den renommierten Indie-Verlag aus Berlin. Naiv gezeichnete Maulwürfe, barbusige Frauen, die hinter Felsen hervorlugen, und ein streckbankverlängerter Wolf, der einem orangegesichtigen Grillz-Träger die Brust anknabbert. Was wollten uns Judith Schalanksy und der Cover-Illustrator Künstler Cristóbal Schmal damit sagen? Es bleibt wie so vieles im Buch ein Rätsel.

Aber immerhin konsequent – hier ergeben Cover und Leseeindruck eine stimmige Gesamterfahrung. Für mich eine Enttäuschung, die ich nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises in diesem Jahr sehe!


Nicht versäumen wollte ich, noch auf dieses Interview mit Lola Randl auf dem Buchpreisblog hinzuweisen, in dem sie Auskunft über ihr Buch und das Leben auf dem Dorf gibt.

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