Tag Archives: Deutschland

Per aspera ad astra

Daniel Mellem – Die Erfindung des Countdowns

Ein Leben als Countdown. Von Zehn auf Null erzählt Daniel Mellem in Die Erfindung des Countdowns vom Leben des Raketenpioniers Hermann Oberth. Eine widersprüchliche Figur, die Mellem manchmal nicht widersprüchlich genug schildert – aber dennoch gute Unterhaltung bietet.


Daniel Mellem - Die Erfindung des Countdowns (Cover)

Dabei ist das Thema der Physik eines, das Mellem schon vor seinem Roman umtrieb. Der 1987 geborene Autor studierte in London und Hamburg Physik und promovierte. Anschließend wechselte er von der Physik zum Fach der Literatur und studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Schon im Vorfeld konnte er einige Preise für sein Debüt einsammeln. So durfte er 2018 an der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung teilnehmen. Unter der Anleitung von Angelica Ammar und Saša Stanišić trieben 10 Nachwuchsautor*innen die Arbeit an ihren Romanmanuskripten voran. Dass nun ein Blurb von Stanišić auf dem Cover des Buchs prangt, das überrascht kaum.

Aber auch den Retzhof-Preis für junge Literatur und den Hamburger Literaturförderpreis konnte Daniel Mellem erringen. Viel Vorschusslorbeeren also, die bei mir unweigerlich die Frage evozierten: was kann das Buch wirklich?

Das Leben des Herrmann Oberth

Für seinen Roman hat sich Daniel Mellem eine spannende historische Figur ausgesucht. Herrmann Oberth gilt als einer DER Väter der Raketentechnik. In Schäßburg im heutigen Rumänien geboren fand er sich nach dem Ersten Weltkrieg in Rumänien plötzlich als Ausgestoßener wieder. Als deutsche Minderheit, ein sogenannter Volksdeutscher, wandelte er verloren zwischen Heimat in Siebenbürgen und Deutschland. Ebenso verloren fühlte sich Oberth auch mit seinem Dissertationsthema. Gegen den Wunsch seines Vaters verspürte er schon als Kind eine Faszination für Physik und forschte mit Feuereifer. Schon bald hatte er ein klares Ziel, auf das er hinarbeitete: eine funktionsfähige Rakete. Doch der Weg zu Sternen ist eben doch mehr als steinig.

Filmplakat zu Langs Film

Das muss Oberth auch in Mellems Buch feststellen. Daheim in Siebenbürgen wartet die Frau. Doch verbissen und unerbittlich treibt Oberth seinen Wunsch nach der Rakete voran. Er macht die Bekanntschaft mit Max Valier, dem Schrifsteller und „Raketenmann“. Auch die Wege von Fritz Lang kreuzt Oberth, als er an der Entwicklung von dessen legendärem Film Frau im Mond mitwirkt (bei dem nebenbei auch der titelgebende Countdown erfunden wird).

Eine prägende Gestalt, die für die weitere Karriere von Oberth entscheidend wird, ist Wernher von Braun, dessen Lehrmeister Oberth wird. Bis nach Peenemünde in die Raketenwerkstatt der Nationalsozialisten wird Oberths Weg führen.

Eine widersprüchliche Gestalt – nicht ganz widersprüchlich erzählt

Viel Material also und eine Figur, die durch ihre Widersprüche lebt. Ein Raketenwissenschaftler, der verloren zwischen Rumänien und Deutschland mäandert. Der die Schrecken des Ersten Weltkriegs am eigenen Leib miterlebt, der aber trotzdem an die Raketentechnik auch als Waffe glaubt. Der sich den Nazis andient, ihre Positionen mindestens in Teilen gutheißt. Der dann nach Amerika auswandert, sich aber nie vom Glauben an die Rakete losreißt, später sogar NPD-Mitglied wird.

Bei solch einer interessanten Figur überrascht es dann doch, wie glattpoliert und bruchlos Mellem vor allem den ersten Teil seines Buchs gestaltet. Dieser liest sich eher wie ein unterhaltendes Buch aus dem Diogenes-Programm (Kategorie Flutschbuch) denn ein wirklich tiefgehender und damit interessanter Roman.

Bezeichnend jener Dialog, den Oberth führt, um in Deutschland einreisen zu dürfen, obwohl er neuerdings als Rumäne nicht mehr einreisen dürfte.

Nach zwei Wochen kam er bei Salzburg endlich an der deutschen Grenze an. Erschöpft reichte er dem Grenzbeamten seinen Pass. Der warf einen Blick darauf und schüttelte den Kopf. „Sie können wider umkehren. Ausländer dürfen nicht einreisen.“

„Ich komme aus Siebenbürgen“.

„Eben“, sagte der Beamte. „Sie sind Rumäne“. (…)

„Und wenn Siebenbürgen überflutet worden wäre?“, fragte er. „Was wäre ich dann? Ein Fisch?“

Der Beamte mustere ihn stirnrunzelnd, schaute wieder in den Pass. Er zog seine Schublade auf, holte ein Dokument heraus, lächelte schließlich. Er drückte einen Stempel in Hermanns Pass.

„Na dann kommen Sie mal an Land“.

Mellem, Daniel: Die Erfindung des Countdowns, S. 76 f.

Auch ist die Figur des Hermann Oberth vor allem in jener ersten Hälfte wenig stimmig gezeichnet. So operiert sich der junge Mann in einer Schlacht des Ersten Weltkriegs kurzerhand selbst eine Kugel nach einem Steckschuss aus dem Bauch und ohrfeigt wenig später einen Arzt. Er füttert im Lazarett einen Soldaten, dem der Unterkiefer fehlt. Hingegen scheitert er zwecks Unkenntnis der Anatomie am Vollzug der ehelichen Pflichten. Auch seinen neugeborenen Sohn vermag er kaum im Arm zu halten. Alle das scheint mir im Kontext des Buchs als wenig stimmig.

Mit fortlaufender Dauer glätten sich diese Unstimmigkeiten allerdings und zeigen die Widersprüche im Denken und Handeln Oberths auf. Der Leitspruch Per aspera ad astra, also Durch Mühen zu den Sternen, in diesem Leben ist er plastisch zu bestaunen.

Im Countdown durch ein Leben

Schön auch die Idee, sich per Countdown in zehn Kapiteln durch das Leben Oberths zu erzählen. Von diesem strukturellen Kniff abgesehen bleiben Inszenierung und Sprache recht konventionell. Unterhaltsam ist es aber alle mal.

Und auch wenn ich selbst nicht restlos überzeugt von dem Buch bin: eine Empfehlung spreche ich für Die Erfindung des Countdowns trotzdem aus. Ebenso wie für das von mir schon besuchte Hermann-Oberth-Museum, das in Oberths früherem Wohnhaus im fränkischen Feucht beheimatet ist. In diesem kleinen Museum wird auf ehrenamtlicher Basis die Geschichte der Raumfahrt und Oberths Beitrag an dieser Geschichte vermittelt. Ein kleines Museum, das einen Besuch wert ist.

Diesen Beitrag teilen

Éric Vuillard – Der Krieg der Armen

Der Kabarettist Georg Schramm zitiert in seinen Programmen häufig einen der reichsten Menschen der Welt. So äußerte sich der Investor und Multimilliardär Warren Buffett im Jahr 2006 in einem Interview mit der New York Times auf folgende Art und Weise:

Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.

Warren Buffett im Interview mit Ben Stein. New York Times, 26.11.2006

Erstaunlich offene und martialische Worte, die einer der reichsten Investoren und Profiteur des Kapitalismus hier äußerte. Der Kampf zwischen Reich und Arm, er ist ein weltweites Problem. Schon jetzt besitzt circa 1 Prozent der Weltbevölkerung 44 Prozent des weltweiten Vermögens. 56 Prozent der Weltbevölkerung halten zusammen nicht einmal 1,8 Prozent des globalen Vermögens (Quelle hier). Die Satiresendung Die Anstalt brachte das Problem vor wenigen Jahren auf den eingängigen Slogan: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer mehr.

Statt in die Zukunft blickt Éric Vuillard in seinem Roman Der Krieg der Armen allerdings zurück in die Vergangenheit und findet alle Themen, die uns auch heute umtreiben. Nach dem Bastille-Drama 14. Juli ist es wie auch schon im Bestseller Die Tagesordnung nun wieder die deutsche Geschichte, die es Vuillard angetan hat. Er erzählt in seinem schmalen Büchlein, das gerade einmal 64 locker gesetzte Seiten umfasst, die Geschichte der Bauernkriege und die ihres Anführers Thomas Müntzer.

Dieter Forte - Martin Lutzer & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung (Cover)

Jener Thomas Müntzer ist etwas in Vergessenheit geraten. Dieter Forte widmete dem Revolutionär 1970 das Drama Martin Luther & Thomas Müntzer oder Die Einführung der Buchhaltung. Einst ein großer Erfolg, heute jedoch kaum mehr gespielt (zuletzt etwa vor drei Jahren hier am Staatstheater Augsburg).

Doch anders als sein Widerpart Martin Luther konnte Müntzer mit seinem Wirken keine bedeutende Langzeitwirkung entfalten. Auf eine DDR-Banknote schaffte es sein Konterfei, eine Thomas Müntzer-Gesellschaft existiert. Aber hat uns sein Schaffen heute auch noch etwas zu sagen? Vuillard versucht sich in seinem Buch an einer Antwort.

Das Leben des Thomas Müntzer

Der Krieg der Armen ist ein Buch, das ein Leben auf das kleinstmögliche Format komprimiert. So beginnt alles im Leben des Thomas Müntzers mit dem Tod des Vaters.

Sein Vater war gehängt worden. Er war ins Leere gefallen wie ein Sack Körner. Man hatte ihn nachts auf den Schultern tragen müssen, er war schweigsam geblieben, den Mund voller Erde. Dann ging alles in Flammen auf. Die Eichen, die Weisen, die Flüsse, das Labkraut in den Hecken, die karge Erde, die Kirche, alles. Er war elf Jahre alt.

Vuillar, Éric: Der Krieg der Armen, S. 5

Mit der Hinrichtung des Vaters beginnt die Geschichte, mit der Hinrichtung Thomas Müntzers endet sie. Dazwischen wirft Vuillard einen Blick in die Epoche der Bauernkriege, die nicht nur in Deutschland grassierte, wie der Franzose zeigt. Ausgehend von Luthers Ermächtigung und dem Gedanken eines gütigen Gottes, dem anstelle des katholischen Klerus die Verehrung gelten sollte, griff die radikale Idee nach Freiheit um sich. Freiheit von verhassten Institutionen wie dem Klerus und dem Adel. Eine Freiheit von horrenden Abgaben und bedingungslosem Gehorsam. Und so erhoben sich in England die Bauern genauso wie in Deutschland. Sie brachten den lokalen Adel und sogar Könige in Bedrängis – und scheiterten schlussendlich.

Davon erzählt Éric Vuillard, wobei die Person Thomas Müntzer auch nur eine unter vielen ist. So interessiert ihn in diesem Roman die globale Geschichte der Aufstände deutlich mehr, als nur das Porträt eines radikalen Kämpfers zu liefern. Möchte man Der Krieg der Armen als Thomas Müntzer-Biografie lesen, würde man unweigerlich enttäuscht. Denn die komplexe Person des Thomas Müntzers durchdringt Vuillard kaum. Die widersprüchlichen Facetten dieses Reformators, Revolutionärs, Theologen und Drucker bildet das Buch nur unzureichend ab. Das Interesse Vuillards liegt auf einem anderen Aspekt der Zeit und des Wirken Münzers.

Ein Panorama der Bauernkriege

Der Franzose inszeniert sein Buch (das ohne Gattungsbezeichnung vom Verlag versehen wurde) als ein großes Panorama der Bauernkriege. Wat Tyler in England, Jan Hus in Böhmen, Müntzer in deutschen Landen. Vuillard montiert die Szenen und Geschichten atemlos aneinander. Er springt durch die Geschichte, bindet Ereignisse zusammen und erzählt von den Grausamkeiten dieser Kriege und den Hoffnungen, die zusammen mit ihren Kämpfern dann wieder begraben wurden.

Éric Vuillard - Der Krieg der Armen (Cover)

Vuillard bleibt seinem einzigartigen Stil im Guten wie im Schlechten erneut treu. Im Guten, da er interessante Querbezüge auftut, originell schreibt und Geschichte in Geschichten einfach gut vermitteln kann. Im Schlechten, da er seinen Wunsch nach stilistischer Originalität auch hier einmal mehr nicht wirklich einhegen kann. Zwar nicht so ausufernd wie im letzten Buch über den 14. Juli (das ich nach einigen Dutzend Seiten genervt zur Seite legte), aber auch hier wieder manchmal mit einer Spur zu viel. Da ist so manches Mal eine Formulierung drüber oder eine stilistische Pirouette zuviel.

Bei den gerade einmal 64 Seiten Laufzeit fällt das allerdings nicht wirklich ins Gewicht. Vielmehr ist es doch beachtlich, wie diese frankophone Schule der Espresso-Geschichtsliteratur boomt, sei es nun Jean Echenoz oder Éric Vuillard, die diese Literaturgattung pflegen. Solche Stimmen würde ich mir in der deutschen Literatur auch einmal wünschen.

Es ist ja auch für den Literaturstandort Deutschland beschämen, dass solche Aufarbeitungen unserer deutschen Geschichte aus dem Ausland kommen müssen, ehe sie breit gelesen und in den Feuilletons besprochen werden. Großes Lob an dieser Stelle wie immer auch an Nicola Denis, die diesen Roman ins Deutsche übertragen hat.


  • Éric Vuillard – Der Krieg der Armen
  • Aus dem Französischen von Nicola Denis
  • ISBN 978-3-95757-837-2 (Matthes & Seitz Berlin)
  • 64 Seiten, 16,00 €
Diesen Beitrag teilen

Der Krieg im Huertgenwald

Steffen Kopetzky – Propaganda

Eine neue Anwendung der Kopetzky-Formel. Der bayerische Romancier verwandelt ein nahezu vergessenes Kapitel (Kriegs-)Geschichte in einen großen Schmöker, der auch viel von der heutigen Welt erzählt. Nun kann es ja bei der Anwendung von Formeln immer wieder zu unliebsamen Ereignissen kommen (meine Mathematik- und Physikklausuren zeugen eindrücklich davon). Im Falle von Steffen Kopetzkys neuem Buch geht aber alles glatt. Was in Risiko klappte, funktioniert auch in Propaganda wunderbar.


„Weißt du, was gerade geschieht, in Deutschland, Frankreich? Beim Krieg gegen die Sowjetunion? Und du brüllst: Heil Hitler?

Es wäre lächerlich, so zu tun, also ob ich selber damals, am Samstag, den 16. August 1941, tatsächlich gewusst hätte, was der deutsche Feldzug gegen die Sowjetunion war, was er bedeutete oder wie Hitler ihn sich gedacht hatte. Ich war gerade mal zwanzig Jahre alt, zum ersten Mal alleine zu Hause in New York , und obwohl politisch leidenschaftlich interessiert, hatte ich eine naive Vorstellung vom Krieg, und gerade von dem der Deutschen. Ich hatte nur ein Bauchgefühl, aber das trug mich.

Koeptzky, Steffen: Propaganda, S. 81

Dieser junge und naive Mann, den wir in Propaganda kennenlernen, trägt den Namen John Glueck. Deutsche Vorfahren machen ihn zum sprichwörtlichen Gluecks-Fall für die amerikanische Armee, die dringend junge Männer für die Schlachten des Zweiten Weltkriegs benötigt. Die Japaner haben Pearl Harbor attacktiert, und seitdem befinden sich auch die USA im Krieg. John Glueck will auch sein Scherflein zum Krieg beitragen, er wird allerdings in eine ganz besondere Einheit versetzt: die sogenannte Abteilung Sykewar, im Volksmund auch Propaganda genannt.

Im Dienste der Propaganda

Auch ich war ein Angehöriger dieser Armee. Leutnant John Glueck, Department for Psychological Warfare, kurz Sykewar. Psychologische Kriegsführung.

Alle anderen nannten uns Propaganda.

Kopetzky, Steffen: Propaganda, S. 15

Die Männer dieser Abteilung sollen das Kriegsgeschehen und die deutschen Gegener derart beeinflussen und manipulieren, dass die amerikanischen Truppen nach dem Übertritt der Siegfriedlinie leichtes Spiel haben. So gilt es, beständig den Gegner mit Worten und Nachrichten zu destabilisieren und zu demotivieren, damit der Krieg rasch zu Ende geht. Glueck geht als junger Student vollkommen in seiner Aufgabe auf, die ihn schon bald an die Front, in die Nähe Ernest „Papa“ Hemingways und mitten hinein in den dunklen Hürtgenwald führen wird.

Doch all diese Ereignisse bekommen wir nur in Scheibchen serviert. Denn eigentlich sitzt John Glueck im März 1971 in Missouri in einem Gefängnis. Die Hochphase von Flower Power herrscht, die Hippies protestieren gegen Vietnam. Doch hinter Gittern bekommt man davon wenig mit.

Von Psoriasis, also strenger Schuppenflechte, gepeinigt sitzt der 49-Jährige Glueck in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft drängt auf eine langfristige Inhaftierung des ehemaligen Majors. Verschwörung gegen den Vietnamkrieg, so raunt man in den Gängen des Gefängnisses von Missouri. Alle Ereignisse, die dazu führten, stehen in Verbindung mit den Ereignissen im Huertgenwald. Doch wie sie es tun, davon berichtet Glueck sehr geschickt in verschiedenen Episoden, die er immer wieder der Gefängnisleitung vorlegen muss. Erst am Ende ergibt sich ein großer Brückenschlag, der von der Schlacht im Huertgenwald bis zum Krieg in Vietnam führt. Und der Pfeiler, der diese Brücke trägt, ist die Propaganda, die zum allesentscheidenden Faktor wird (und immer mächtiger und mächtiger wird).

Im Huertgenwald

Kern von Kopetzkys Roman ist jenes eingangs erwähnte Kapitel um die Schlacht im Huertgenwald. Auf diese läuft der Roman zu und nimmt auch von der Gewichtung her den meisten Platz im Buch an. Hier gelingt Kopetzky eine deutsche Version des Soldaten James Ryan. Mit größter sprachlichen Wucht nimmt er uns Leser*innen mit in jenen Wald in der Eifel, in dem die amerikanischen Truppen auf unerwarteten Widerstand der Deutschen trafen. Wenn die Kugeln fliegen, Bunker gestürmt, Erkundungsgänge unternommen und Dörfer erobert werden, dann ist man durch Gluecks Schilderungen so nahe dabei, wie man das in der deutschen Literatur zuletzt kaum gelesen hat.

Die Schlacht im Hürtgenwald. Von Bundesarchiv, Bild 183-J28303 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5364836

Eindrucksvoll schildert Kopetzky, wie sich die beiden Seiten im Endeffekt gegenseitig zerrieben, am Ende stehen auf beiden Seiten über 12.000 Toten. Den Amerikanern gilt die Schlacht im Hürtgenwald bis heute als die längste Schlacht im Zweiten Weltkrieg und als das größte Desaster, das die Truppen auf deutschem Boden erlitten.

Doch ist dieses militärhistorische Kapitel schon wieder fast dem Vergessen anheimgefallen und wird von Kopetzky nun mehr als eindrucksvoll wiederbelebt. Auch die Verbindung hin zum Vietnamkrieg gelingt dem Romancier überzeugend, stets im Hintergrund mit der Frage, wie die Propaganda die Kriege verändert. Die historischen Vignetten, die Struktur seines Romans, die Sprache – alles ist hier überzeugend gearbeitet. Ein echter Breitwandroman, der dem Zweiten Weltkrieg, über den ja auch schon so viel geschrieben wurde, neue Facetten abringen kann. Oder um das eingangs gemachte Wortspiel noch einmal aufzugreifen: dieser Roman ist ein echter Gluecks-Fall für uns Leser. Bestechend, beeindruckend, preiswürdig.

Diesen Beitrag teilen

Kai Wieland – Amerika

Manche Manuskripte gehen verschlungene Wege, ehe sie dann als Bücher in die Buchhandlungen oder Bibliotheken finden. Amerika von Kai Wieland ist hierfür das Paradebeispiel.

Wieland reichte sein Manuskript beim ersten Durchgang des Blogbuster-Preises ein. Autoren mit unveröffentlichten Manuskripten in der Schublade (oder wahrscheinlich eher auf dem Rechner) konnten diese an teilnehmende Blogger schicken. Diese kürten aus den ihnen zugegangenen Einsendungen ein preiswürdiges Manuskript. Diese Manuskripte fanden sich dann auf der Longlist, aus denen dann eine Shortlist mit drei Finalisten gekürt wurde.

Wieland schafft es mit seinem Buch auf diese Shortlist, den Preis gewann dann aber der Titel Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert. 

Das hätte es nun sein können – doch wie es dann eben so ist mit den Manuskripten und den verschlungenen Wegen: ein Jahr nach dem ersten Blogbuster-Preis steht Amerika nun doch noch in den Buchhandlungen und Bibliotheken. Der Klett-Cotta-Verlag hat es möglich gemacht und lässt damit alle interessierten Leser*innen nach Rillingsbach im schwäbischen Hinterland reisen. Dorthin verschlägt es nämlich den namenlosen Chronisten in Wielands Debüt.

Tief im Schwäbischen Wald, fernab der Zivilisation selbst solch bescheidener Metropolen wie Backnang und Murrhardt, liegt ein kleines Dorf, in dem kaum noch einer wohnt.

Wieland, Kai: Amerika, S. 5

So märchenhaft und betulich der Ton dieses Auftaktes, so birgt dieser Kern doch schon alles, was das Buch im Folgenden kennzeichnen soll. Die Einsamkeit, die Verwurzelung im Schwäbischen und doch zugleich auch die Suche nach Entgrenzung, mögen die Eckpfeiler der Welt auch Backnang oder Murrhardt heißen und hinter Heilbronn Terra Incognita lauern.

Ein schwäbischer Dorfroman

All das sind Themen, die diesen Dorfroman kennzeichnen. Ein Dorfroman im besten Sinne, am ehesten vielleicht zu vergleichen mit Saša Stanišićs Vor dem Fest. Doch auch andere Bücher kommen über der Lektüre von Wielands vielschichtigem Werk in den Sinn. Da wären Bücher wie etwa Unterleuten von Juli Zeh oder der dauerboomende Renner Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky. Im weiteren Sinne könnte man auch Altes Land von Dörte Hansen hier noch aufführen, um Referenzen für die Einordnung zu nennen.

Je mehr man dann darüber nachdenkt und all diese jüngst erschienen Titel und ihre Verkaufszahlen betrachtet, dann kommt man auch unweigerlich zu einer Beobachtung: der Dorfroman in der deutschen Gegenwartsliteratur boomt. Heimatgefühle, Orientierung in unübersichtlichen Zeiten, Entschleunigung und Versenkung ins Bekannte, Landlust-Literatur. All das Erklärungsversuche und Schlagwörter, die aufgerufen werden, wenn es um diese Gattung geht.

Und natürlich lässt sich auch Amerika wunderbar in dieses Raster einpassen. Eine bekannte Region, ein abgeschlossener Mikrokosmos, schrullige Dorfbewohner und ein protokollierender Chronist – es ist alles angerichtet, was es an Ingredenzien für einen erfolgreichen Dorfroman braucht. Zu wünschen wäre Wieland dieser Erfolg auf alle Fälle, denn sein Buch hat es wirklich verdient.

Angenehm fällt zum einen schon die Sprache Wielands auf. Wo anderen Autor*innen die Sprache gerne einmal lediglich das Vehikel für den Plot ist, ist sie im Falle von Wielands Buch deutlich sorgfältiger und eingänglicher gearbeitet. Immer wieder findet er schöne Sprachbilder und Vergleiche für das ländliche Milieu, in dem er seine Geschichte ansiedelt.

Dinge nehmen ihren Gang, wie die Blätter im Herbst von den Buchen und den Birken schweben. Auf und ab, in Schwingen und im Kreis, aber letzten Endes stets abwärts, zum Boden hin.

Wieland, Kai: Amerika, S. 197

Doch nicht nur die Sprache ist es, die Amerika über das Gros der boomenden Dorfromane hinaushebt. Mit seinem Chronisten hat Wieland eine clevere Brechstange gefunden, die das Fundament des Dorfes zumindest kurzzeitig aus den Angeln hebt. Ausgehend vom  Schippen, der Dorfkneipe, die der Ankerpunkt des ganzen Dorfs ist, werden Episoden erzählt, Figuren vorgestellt und sogar die Chronologie der Zeit wird überwunden.

Das große Über-Thema dabei ist die Erinnerung, die auch den Chronisten bei dieser schwäbischen Oral History aus Rillingsbach beschäftigt. Wie erinnern wir uns? Haben wir das, was wir erinnern und weitergeben, überhaupt erlebt? Wie zuverlässig ist unser Geist? Alles höchst spannende Themen, die Wieland en passant in seiner Erzählung anreißt.

Zudem gelingt es Wieland neben den vielen Subthemen, Sehnsüchten und Motiven auch wunderbar, mit seinem Roman den ausgelutschten Begriff der Heimatliteratur auf ganz eigene Art und Weise neu zu beleben. Brauchtum, Kultur und Pflege. Alle diese abgenutzten Begriffe werden von Amerika wieder frisch und mit neuem Leben aufgeladen.

Fazit

Ja, Amerika ist ein Dorfroman. Ein Buch, das all die klassischen Themen dieser Gattung bedient. Aber das Buch ist eben auch so viel mehr als das. Ein kluges, stilistisch ansprechendes Buch, bei dem man froh sein muss, dass es seinen Weg als Manuskript zu einem Verlag gefunden hat.

Oder um ein letztes Mal mit einem der Bewohner Rillingsbachs zu sprechen, und zwar in Form des Schriftstellers Schattenbach:

Es ist gar nicht so schwer, mein junger Freund. Ein Buch ist wie ein Mensch. Wenn du es immer fleißig fütterst, setzt es den Speck irgendwann von ganz alleine an. Jeder, der es wirklich möchte, kann ein Buch schreiben.

Wieland, Kai: Amerika, S. 112

Bei vielen Menschen bin ich sehr froh, dass sie keine Bücher schreiben. Bei Kai Wieland hingegen freue ich mich sehr, dass er es getan hat und sein Buch bis zum Erscheinen angefüttert hat. Der Genuss desselben lohnt!

Diesen Beitrag teilen

Christian Torkler – Der Platz an der Sonne

In diesem Bücherherbst ist es noch nicht so oft vorgekommen, dass sich Sprache, Botschaft und Inhalt eines deutschsprachigen Romans auf eine derartig großartige Art und Weise vermengt haben. Umso verblüffender, dass dieses Stück Literatur ein Debüt ist. Geschrieben hat es Christian Torkler und es hört auf den Namen Der Platz an der Sonne.

Auf der Flucht nach Afrika

Torklers Grundidee ist dabei bestechend und macht das Buch zur Pflichtlektüre unserer Tage. Denn er dreht die Fluchtbewegung von Afrika ins wirtschaftlich so prosperierende Europa einfach um. Bei ihm zieht es nun die Deutschen nach Afrika, so auch den Ich-Erzähler Josua Brenner, der sich auf eine unglaubliche Odysee hin zu seinem eigenen Platz an der Sonne macht.

Denn jenen Platz an der Sonne, den Bernhard von Bülow noch 1897 für das aufstrebende Deutsche Kaiserreich forderte, den hat Deutschland in Torklers Buch nicht bekommen. Stattdessen liegt Deutschland im Jahr 1978 in Kleinstaaten zersplittert danieder. Brenner lebt in der Preußischen Republik, die von  großer Armut, einer desolaten Infrastruktur und wild wuchernder Bürokratie gekennzeichnet ist. Mögen auch die Machthaber und ihre Wahlparolen wechseln, die Grundübel einer Nation im Niedergang bleibt. Und so beschließt Brenner, sich auf den Weg ins Gelobte Land zu machen, das hier der Afrikanische Kontinent ist

Nach der klassischen Einführung (Mann legt Beichte ab, die ihn in diese Situation gebracht hat, wir erfahren nach und nach seine Geschichte) formuliert Torkler eine wild wuchernde und überbordende Geschichte. Diese ist genauso eine alternative Geschichtsschreibung wie eine klassische Odyssee. Torkler formuliert einen fantastischen Bilderbogen, mitreißend und nachdenklich stimmend.

Für seinen Ich-Erzähler Josua Brenner findet er genau den richtigen Ton, genauso wie für alle anderen Menschen, denen er begegnet. Dass ein Debütant derart vielgestaltig und -sprachig zu erzählen weiß, das überrascht positiv und nimmt mich noch mehr für das Buch ein.

Ein anderer Blick

Hier zeigt sich wieder einmal was Literatur in ihrem besten Sinne kann. Sie lässt uns unsere Weltbilder hinterfragen, schürt Empathie und unterhält dabei auch noch auf das Beste. Wer Der Platz an der Sonne gelesen hat, der sieht neu auf Fluchtbewegungen und bekommt auch einen neuen Blick auf den Komplex Flucht. Gerade in Zeiten, in denen Diskurse vergiftet, Positionen verschoben und Mitgefühl als Schwäche verleugnet werden, rückt dieses Buch wieder vieles gerade.

Für mich ist Der Platz an der Sonne das Buch der Stunde, die Antwort auf alles fremdenfeindliche Geblöke und eine geistige Kur für alle, die von Wohlstandsflüchtlingen und Ähnlichem schwafeln. Eines der literarischen Highlights dieser Saison. Bitte lesen – danke!

Diesen Beitrag teilen