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Sorj Chalandon – Wilde Freude

Von einer niederschmetternden Diagnose, einem riskanten Plan und einer Frauenfreundschaft erzählt der französische Schriftsteller Sorj Chalandon in seinem neuen Roman „Wilde Freude“ (Originaltitel „Une Joie féroce“, Deutsch von Brigitte Große).


Es ist eine Diagnose, die ein ganzes Leben auf links dreht. Bei einer Untersuchung stellt der Arzt der Buchhändlerin Jeanne die Diagnose Krebs. Eine Chemotherapie muss schnellstmöglich begonnen werden. Nicht nur ihr Körper wird dabei an die Grenzen der Belastbarkeit geführt. Auch die Beziehung zu ihrem Partner überlebt diese Diagnose nicht. Schon einmal stand die Beziehung kurz vor ihrem Ende, als das gemeinsame Kind starb. Und nun ist die Partnerschaft mit Jeannes Mann endgültig an ihrem Ende angekommen.

Sorj Chalandon - Wilde Freude (Cover)

Allerdings findet die Buchhändlerin schon bald eine andere Form der zwischenmenschlichen Beziehung. Bei der Chemotherapie macht sie die Bekanntschaft mit drei Frauen. Da sind Brigitte und Assia, die in einer luxuriösen Pariser Wohnung zusammenleben. Die dritte im Bunde ist Eva, deren Schicksal auch Jeanne eingedenk der eigenen Biographie sehr anrührt. So hat Evas Partner ihr gemeinsames Kind entführt. Er verlangt von ihr eine Auslöse von 100.000 Euro, damit sie ihr Kind wieder in die Arme schließen kann.

Doch woher sollte man 100.000 Euro bekommen? Die vier Frauen schmieden einen riskanten Plan. Und plötzlich gibt es eine eigene französische Version von Thelma & Louise, diesmal allerdings zu viert.

Zwischen Krebsdiagnose und Polar noir

Es ist eine außergewöhnliche Mischung, die den Reiz von Wilde Freude ausmacht. So kombiniert Sorj Chalandon in diesem Roman ein Frauenschicksal mit Elementen aus dem Polar-Noir á la Jean-Patrick Manchette und einem klassischen Heist-Roman. Der Roman oszilliert zwischen Mitgefühl für Jeannes Schicksal und der Spannung eines geplanten Raubüberfalls. Wie es Chalandon hier schafft, bei einer Laufzeit von gerade einmal 288 Seiten diese Elemente glaubhaft zu verquicken und auch noch einen überraschenden Twist einzubauen, das ist beeindruckend.

Toll, wie er auf wenigen Seiten das Schicksal von Jeanne, ihre Zweifel und Kämpfe und Belastungsproben schildert. Bei diesem Roman komme ich zum selben Urteil, die am 9. August des letzten Jahres die vier Kritiker*innen des damaligen Literarischen Quartetts fällten. So rühmten sie die Fähigkeit Chalandons, Charaktere im Spannungsfeld von Gut und Böse zu zeichnen, mitreißend zu erzählen und Anteilnahme für die Figuren zu erwecken. Das 4:0 vom damals besprochenen Am Tag davor würde man Chalandon auch in diesem Falle wieder wünschen. Denn wie er in die Haut seiner Heldin schlüpft, Spannung serviert, die Leben der vier Frauen skizziert und überrascht, das hat Klasse.

Hier schreibt ein wirklicher Könner (der ebenso könnerhaft von Brigitte Große übersetzt wurde)!


  • Sorj Chalandon – Wilde Freude
  • Aus dem Französischen von Brigitte Große
  • ISBN 978-3-423-28237-6 (dtv-Verlag)
  • Preis: 22,00 €, 288 Seiten

Bild Sorj Chalandon: Par S. Veyrié — Travail personnel, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17536422

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Von Frauen, die trotzdem schrieben

Katharina Herrmann – Dichterinnen & Denkerinnen

Es ist die Zeit für eine Offenlegung gekommen: zwar habe ich nicht Germanistik studiert, aber immerhin habe ich zu Schulzeiten in Vorbereitung auf das Abitur den Leistungskurs Deutsch besucht. Generell würde ich sagen, dass ich literaturgeschichtlich durchschnittlich gebildet bin. Ich kenne die wichtigsten Epochen der deutschsprachigen Literaturgeschichte und ihre wichtigsten Vertreter. Vertreter. Keine Vertreterinnen.

Blicke ich zurück, ist keine Frau in auch nur entferntester Sicht, was die Literaturgeschichte angeht, die mir vermittelt wurde. Egal ob Barock mit Andreas Gryphius, Sturm und Drang mit dem Powerduo Goethe/Schiller oder so etwas wie Neue Sachlichkeit mit Erich Kästner oder Hans Fallada. Geht es um berühmte Persönlichkeiten, die mir aus dieser Zeit einfallen, sind das immer nur Männer.

Ich vermute allerdings stark, dass ich mit dieser vermittelten Literaturgeschichte nicht alleine auf weiter Flur bin. Blickt man auf unseren Literaturkanon, so ist das auch nicht weiter verwunderlich. Schaue ich zurück auf die verwendete Literaturlisten unserer Schulzeit, dann ist da so einiges vertreten, auch Entlegenes, das ich heutzutage lesenden Teenager nicht mehr unbedingt als erstes an die Hand geben würde, um sie für die Epochen und Werke zu begeistern, etwa Aristophanes‘ Die Vögel, Wilhelm Raabes Stopfkuchen oder Zuckmayrs Der Hauptmann von Köpenick.

Die einzige Frau, die mir beim schulisch verordneten Lesen unterkam, war Annette von Droste-Hülshoff (das allerdings nur als Ergänzungslektüre) und Anna SeghersDas siebte Kreuz. Mehr Frauen? Fehlanzeige

Vergessene Frauen

Gewiss – die Schulzeit ist lange vorbei. Und ich bemühe mich auch, Literaturgeschichte nachzuholen, Klassiker zu lesen, vergessene Schriftsteller*innen auch hier öffentlich wieder ans Tageslicht zu bringen. Aber dennoch bleibt am Ende des Tages die Bilanz, dass mein Lesen genauso wie unser Literaturkanon männlich geprägt ist.

Das jüngste flächendeckende Schweigen zum Doppeljubiläum Marlene Haushofers ist da nur ein Beispiel unter vielen.

Eine gute Korrektur bietet da das Buch Dichterinnen & Denkerinnen von Katharina Herrmann. Katharina Herrmann ist in Buchblogger-Kreisen keine Unbekannte. Sie betreibt den Blog Kulturgeschwätz, hat an der LMU München promoviert, saß 2020 in der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse und ist als Gymnasiallehrerin tätig. Auch ich hatte schon die Ehre, mit ihr den Bayerischen Buchpreis begleiten zu dürfen.

Katharina Herrmann ist in meinen Augen die klügste deutschsprachige Literaturbloggerin, die immer wieder bedenkenswerte Impulse zur Lage der Literatur in Deutschland liefert. Es empfiehlt sich, ihr in den sozialen Netzwerken zu folgen.

KAtharina Herrmann - Dichterinnen & Denkerinnen (Cover)

Einer ihrer augenöffnenden Texte war vor zwei Jahren der Beitrag Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen. Damit setzte sie sich zum ersten Mal in der Bloggerszene in umfassender Art und Weise mit dem männlich geprägten Literaturkanon und den Mechanismen des Literaturbetriebs auseinander, der es Frauen erschwert hat, zu schreiben. In meinen Augen hat Katharina mit diesem Artikel Aktionen wie das #frauenzählen oder dem Boom feministischer Literaturblogs das Feld bereitet.

Viele Impulse gingen von diesem Artikel aus – unter anderem auch eine kleine Reihe mit Dichterinnenporträts, die Katharina Herrmann auf ihrem Blog veröffentlichte. Aus diesen Porträts ist nun das vorliegende Buch entstanden. Es versammelt 20 Porträts von Schriftstellerinnen, ausgehend vom 18. Jahrhundert bis hinein ins 20. Jahrhundert, das Herrmann mit der Autorin Mascha Kalékos beschließt. Frauenporträts, die ganz unterschiedliche Dichterinnen und Denkerinnen in den Fokus rücken.

Von Louise Aston bis Rahel Varnhagen

Schon einmal von Louise Aston gehört? Oder von Helene Böhlau? Katharina Herrmann schafft es, von der breiten Öffentlichkeit völlig vergessene Frauen wieder zurück ans Tageslicht zu bringen. Oftmals wurden diese zu Lebzeiten viel gelesen und diskutiert – gerieten dann aber wieder zunehmend in Vergessenheit. Und selbst wenn ein Name wie etwa der von Annette Droste von Hülshoff etwas bekannter ist, dann ist es auch nur der Tatsache zu verdanken, dass verschiedene Parteien über ihre Deutungshoheit bestimmen wollten. Dieser Streit wiederum begünstigte dann ihre Kanonisierung.

Die Autorin Rahel Varnhagen

Dass der Kampf um schriftstellerische Selbstbehauptung immer auch ein Kampf gegen das Patriarchat und die Fesseln ihrer Zeit war, das zeigt Katharina Herrmann in ihren Porträts deutlich. Sie schafft es, das Wesen und die prägenden Charakterzüge ihrer vorgestellten Schriftstellerinnen trotz des Umfangs von nur wenigen Seiten kurz und prägnant auf den Punkt zu bringen.

Sie zeigt die Widerstände, gegen die sich die Autorinnen wehren mussten. Versagte Schulbildung, die Versorgung der Familie, Männer, die die Schriftstellerinnen nach ihren Vorstellungen formen und beeinflussen wollten. Viele Motive kehren immer wieder, über die Jahrhunderte hinweg. Herrmann macht diese Hindernisse deutlich, weshalb der Untertitel Frauen, die trotzdem geschrieben haben mehr als treffend ist.

Neben den biographischen Nacherzählungen finden sich auch immer wieder Auszüge aus den Werken der Autorinnen im Text, die so ein Gefühl für das schriftstellerisches Oeuvre erzeugen. Das macht Lust, die Schriftstellerinnen selbst kennenzulernen und ihre Bücher zu lesen (wenn es nicht so schwer wäre, an sie heranzukommen).

Ein wunderbar gestaltetes Buch

Ein Wort soll an dieser Stelle auch über die Gestaltung des Buches verloren werden. Denn neben Literaturhinweisen und bibliographischen Verweisen gibt es auch zahlreiche Porträts, die das Buch ergänzen. Sie stammen aus der Feder von Tanja Kischel und können nicht anders als sehr gelungen bezeichnet werden. Gestalterisch ist Dichterinnen & Denkerinnen ebenfalls ein Gewinn.

Schade ist es natürlich, dass dieses Buch auch zu jenen Titeln des Bücherfrühlings zählt, denen kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch die kaum vorhandenen Werbemaßnahmen des Reclam-Verlags tun leider ihr übriges dazu. Mehr Sichtbarkeit für dieses Buch und die darin vorgestellten Schriftstellerinnen, das wäre wünschenswert. Denn die vorgestellten Dichterinnen und Denkerinnen verdienen es genauso wie dieses Buch!


Eine weitere Besprechung des Buchs findet sich auch bei Birgit Böllinger vom Blog Sätze & Schätze und bei Sabine vom Blog Binge Reading & More.

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Mein Autorinnenschuber

Machen wir uns nichts vor – auch ich zähle zu den alten weißen Männer. Weiß bin ich sowieso, alt werde ich auch langsam. Und auch inhaltlich bin ich nicht immer ein Vorbild: zu viele Männer, die ich lese und auch hier auf dem Blog vorstelle, zu wenige Frauen, zu wenig marginalisierte Stimmen, die ich hier zu Wort kommen lasse. Zwar bemühe ich mich um Ausgewogenheit, ganz gelingt es mir aber auch nicht immer.

Der Soulmates-Schuber der Süddeutschen Zeitung (Bildquelle: SZ-Shop)

Dass es andere da nicht besser machen, ist nur ein kleiner Trost. Aber immerhin – so monothematisch wie etwa die Süddeutsche Zeitung bin ich dann doch nicht unterwegs. Diese hat jüngst unter dem Titel Soulmates einen Romanschuber veröffentlicht (das Weihnachtsgeschäft naht schließlich schon bald). In diesem haben die verantwortlichen Redakteur*innen 10 Romane zusammengetragen. So finden sich Bücher wie etwa Alexis Sorbas von Nikos Kazantzakis, Die Straße von Cormac MacCarthy oder Der große Gatsby von Scott F. Fitzgerald. Ein bunter Schuber, der aber nur auf den ersten Blick bunt und vielfältig wirkt. Der Shop der SZ findet folgende Worte, um diese Zusammenstellung anzupreisen:

Androiden, Milliardäre, Boxer, Senatorensöhne, Bergmänner, Armenärzte, Polar­forscher – das sind die Protagonisten einer neuen SZ-Edition mit zehn Romanen der Weltliteratur im Schuber.

Die Homepage des SZ-Shops

Zehn Romane der Weltliteratur von Jack London bis Norman Mailer – bei der nur eine Sache fehlt: ein einziges Buch von einer Frau. 10 Bücher, 10 Männer. Wer jetzt denkt – na da kommt ja sicher noch ein Soulmates-Schuber von Frauen über Frauen – falsch gedacht. Laut SZ ist ein solcher Schuber nicht angedacht und wird in nächster Zeit nicht veröffentlicht. Haben wirklich nur Männer Weltliteratur geschrieben?

Männer, Männer, Männer – einseitig und eindimensional

Da diese monothematische Männerschau doch etwas einseitig und mehr als unvollständig ist, liegt ja auf der Hand. Muss man wirklich schon wieder weißen, zumeist schon verstorbenen und mehr als bekannten Autoren eine Plattform bieten? Warum nicht einmal einen überraschenden, neuen Blick auf die Männlichkeit auch aus weiblicher Sicht werfen? Warum nicht einmal einer jungen Autorin und ihren Männerfiguren Aufmerksamkeit schenken, wie etwa Jackie Thomae oder Adelle Waldman? Warum nicht einmal Frauen lesen oder auch Women of Color einen prominenten Platz einräumen? Haben diese schließlich keine Weltliteratur geschrieben? Ich denke dabei nur an Stimmen wie etwa Maryse Condé oder Toni Morrison, die ich bislang noch in keinem solchen Schuber gesehen habe. Stattdessen gibt es die 500. Ausgabe des Großen Gatsby, die gefühlt eh in jedem zweiten Schuber steckt.

Dieser männlichen Monothematik etwas überdrüssig hat Nicole Seifert vom jünst ausgezeichneten Blog Nacht&Tag eine Gegenaktion gestartet. Unter dem Schlagwort #autorinnenschuber sind Lesende aufgerufen, einfach ihren eigenen Schuber mit interessanten Stimmen von Autorinnen zu kuratieren. Diese Gelegenheit wollte ich mir natürlich auch nicht entgehenlassen und habe aus meinem Regal zehn Bücher zusammengestellt. Diese reichen von bekannten und gehypten Titeln bis hin zu Entlegenem und kaum Besprochenen. Konkret sieht mein Schuber so aus:

Die meisten Bücher aus diesem Schuber habe ich bereits hier über die Jahre auf dem Blog rezensiert und vorgestellt. Man findet sie ganz leicht per Suchfunktion oder im Archiv. Der Übersichtlichkeit halber führe ich sie hier noch einmal auf – vielleicht ist ja für ein paar der Lesenden hier etwas Inspiration dabei?

Allesamt Bücher, die mir neue Perspektiven eröffnet , mich gut unterhalten und mir auch stilistisch neue Zugänge zur Literatur gezeigt haben. Meine momentane Top10 an weiblichen Stimmen. Und in meinen Augen allemal interessanter als so ein reiner männlicher Helden-Schuber. Davon gibts in meinen Augen schon mehr als genug.


Wie sähe denn euer Schuber aus? Welche Bücher von Autorinnen würdet ihr in einen solchen Schuber packen? Wer dürfte bei euch auf keinen Fall fehlen? Über Kommentare unter dem Artikel würde ich mich freuen!

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Mackenzi Lee – Kick-Ass-Women

Eine gute Absicht macht noch kein gutes Buch – diese Erkenntnis bestätigte sich für mich nach der Lektüre von Mackenzi Lees Biographie-Konvolut Kick-Ass-Women einmal mehr.

Dabei ist die Intention wirklich lobenswert. In den gängigen Kanons sind Frauen zumeist unterrepräsentiert. Ihre Errungenschaften fallen schnell einmal unter den Tisch, auch wenn sich diese Marginalisierung von Frauen in letzter Zeit gotteseidank etwas ändert (hier sei nur beispielhaft auf den von Sybille Berg initiierten Die Kanon hingewiesen).

Auch der Suhrkamp-Verlag hat den Zeitgeist erkannt und die die Sektion Feminismus/Empowerment im Bestandsprofil ausgebaut. Früchte dieser Arbeit sind beispielsweise der Graphic Novel Rebellische Frauen über 150 Jahre Kampf für Frauenrechte oder die Kinderbuchreihe Little People – Big Dreams. In dieser werden kindgerecht wichtige weibliche Persönlichkeiten aus den Bereichen Forschung, Kultur oder Geschichte vorgestellt.

An etwas erwachseneres Publikum richtet sich das bei Suhrkamp Nova erschienene Buch Kick-Ass-Women von Mackenzi Lee. Sie stellt in ihrem Buch in Kurzbiographien 52 wahre Heldinnen vor, so der Untertitel des Buchs (übersetzt von Jenny Merling, Bilder von Petra Eriksson). Die Intention des Ganzen wird vom Verlag selbst so beworben:

Dieses Buch versammelt 52 sagenhafte Heldinnen und ihre wahren Geschichten – actionreich, informativ und ein schillernder Appell an alle Frauen, nie an der eigenen Großartigkeit zu zweifeln.

Nun gut. Diese Versprechen löst das Buch dann nur zu einem Teil ein, was wirklich schade ist. Denn zum Einen ist schon einmal die Frage des Publikums schwierig. Ich sehe dieses eher im jugendlichen Bereich, denn für ein erwachsenes Publikum ist mir die Sprache und die Herangehensweise an das Thema eindeutig zu flappsig.

Flappsige Sprache, magerer Informationsgehalt

Man muss sich zuallererst die Genese dieses Buchs in Erinnerung rufen. So nutzte Mackenzi Lee den Kurznachrichtendienst Twitter, um jede Woche eine besondere Frau vorzustellen. Aus diesen 280-Zeichen-Botschaften entstand nun dieses Buch. So ist auch jede Vita ihrer 52 Heldinnen nur eine wirkliche Kurzvita. Kaum eine Heldin bekommt mehr als 2 Seiten zugestanden, die zwar doppelspaltig gehalten sind, dennoch aber nicht wirklich den Leistungen der Frauen gerecht werden. Dazu ist das Buch viel zu oberflächlich.

Oberflächlich beziehungsweise mir eindeutig zu flappsig (weswegen ich mir auch nicht vorstellen kann, dass das Buch für den interessierten erwachsenen Leser von Belang ist) ist auch der ganze Tonfall des Buchs. Beispiele gefällig?

Man darf ja wohl noch träumen, oder? Nur hatte Thi Sách leider die Angewohnheit, offen rumzuerzählen, wie unzufrieden er mit der chinesischen Tyrannei war und wie super er es fände, wenn jemand den Chinesen mal zeigen würde, wo der Frosch die Locken hat.

Lee, Mackenzi: Kick-Ass-Women, S. 17

So ist Mackenzi Lee reichlich frei in ihrer Nacherzählung der historischen Umstände und scheint ein Faible für Comicsprache zu besitzen. Da liest man schon mal mitten im Text – BÄM!- oder auch gerne Floskeln wie „Scheiße, nein!“. Auch legt sie ihren Heldinnen gerne reichlich infantile und läppische Dialoge oder Aussagen in den Mund, die sinngemäß zeigen sollen, was die Frauen ausdrücken wollten oder worum es ihnen ging.

Unterkomplexität als Programm

Dieses Buch unterfordert mit dieser Art der Erzählung leider pausenlos und wird in meinen Augen den Heldinnen nicht wirklich gerecht. Dabei gäbe es so tolle Frauen in diesem Buch zu entdecken, und das über den ganzen Erdball verteilt. Von der ersten ägyptischen Pharaonin Hatschepsut über die erste Sci-Fi-Autorin der Welt, Margaret Cavendish, bis hin zur phillipinischen Rebellin Kumander Liwayway. Doch der Tonfall und der etwas magere Informationsgehalt der Kurzbiographie enttäuschen. Darüber hilft auch nicht die tolle Gestaltung des Bandes mit seinen wunderbar poppigen Porträts hinweg. Leider kein Kick-Ass für die Leser*innen.

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Johanna Holmström – Die Frauen von Själö

Drei unterschiedliche Frauen, über 100 Jahre Handlungszeitraum, eine Insel: das ist der neue Roman von Johanna Holmström. In ihm widmet sich die schwedischsprachige Finnin einem wenig bearbeiteten Kapitel in der Geschichte ihres Landes – nämlich dem der Insel Själö (übersetzt von Wibke Kuhn).

Diese Insel befindet sich vor der Südwestküste Finnlands im dortigen Schärengarten. Etwa zwei Kilometer beträgt der Durchmesser der Insel – und bis auf die Tatsache, dass ein Asteroid nach der Insel benannt wurde, gibt es eigentlich kaum nennenswerte Besonderheiten oder Sehenswürdigkeiten. Eine Kirche, heutzutage eine Forschungsstation, ein altes Krankenhaus, das war es. Aber gerade dieses Krankenhaus hat eine erschütternde Vergangenheit, die Johanna Holmström in ihrem Roman wieder ans Tageslicht holt.

Sie erzählt von drei Frauen, der Schicksal eng mit der Insel Själö verknüpft ist. Da ist im ersten Teil Kristina, die im Jahr 1891 eine schier unglaubliche Tat begeht. Mit einem Boot rudert sie nächtens auf einen Fluss hinaus. Dort wirft sie dann ihren Sohn und ihre Tochter schlafend über Bord und rudert dann wieder heim. Eine schier unfassliche Tat, die auch Kristina selbst am nächsten Tag nicht wirklich glauben kann.

Man weist sie in die Nervenheilanstalt in Själö ein, wo man sich um Frauen wie Kristina kümmert, fernab der normalen Zivilisation. Diese Insel wird Kristina nicht mehr verlassen, was sie auch Jahre später im Gespräch mit einem Priester konstatiert:

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Kristina. Aber eines weiß ich. Der Herr ist denen nah, die ein gebrochenes Herz haben, und er rettet die, die geistig verloren sind. Sie wussten nicht, was Sie taten, als Sie ihre Kinder ertränkt haben. Und sie haben selbst gesagt, dass Sie acht Jahre in geistiger Umnachtung verbracht haben. Ist das nicht Strafe genug?“

„Diese Frage entscheiden nicht Sie. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, meine Verbrechen gesühnt zu haben, und ich bin froh, sie jeden Tag aufs Neue zu sühnen.“

„Nein Sie werden gesund werden, Kristina. Schauen Sie sich doch an, wie Sie hier sitzen und mit mir reden. Sie können gesund werden, KRistina, wenn Sie es nur versuchen.“ (…)

Sie schaut ihn eine Weile an und deutet dann mit einem Nicken zum Friedhof. Erland folgt ihrem Blick.

„Ich werde diese Insel niemals verlassen“, sagte sie. „Von hier … von hier führt nur ein Weg fort, und der geht dorthin.“

Holmström, Johanna: Die Frauen von Själö. S. 120

Pfleger*innen kommen und gehen, Priester und Ärzte kommen und gehen – aber Kristina wird die Insel tatsächlich nicht mehr verlassen.

Drei Frauen in der Nervenheilanstalt

Auch die junge Elli wird Jahrzehnte später auf Själö interniert. Diese hat sich allerdings keines Verbrechens schuldig gemacht, vielmehr ist sie einem Komplott um Liebe und Enttäuschung zum Opfer gefallen. Auch für sie wird Själö zum unbarmherzigen Schicksal, dabei wollte sie eigentlich nur frei und unbestimmt leben. Doch die finnische Gesellschaft kennt auf einen solchen Emanzipationsversuch nur die Antwort – Själö.

Besonders grausam sind neben den psychischen Bedingungen auch die medizinischen Ansichten des Personals, die besonders zur Zeit des Zweiten Weltkriegs unglaubliche Blüten treiben und beim Lesen schaudern lassen.

„Es gibt also keine Chance? Das wollen Sie damit sagen? Keine Chance, jemals entlassen zu werden?“

„Tja, kommt ganz drauf an. Mit der weiblichen Natur verhält es sich nämlich so, dass sie zyklisch ist. Das gilt auch für den weiblichen Wahnsinn. Der Zusammenhang zwischen diesen Wahnsinnszyklen und der Menstruation ist in den meisten Fällen offensichtlich, und sobald die Menstruation aufhört, hört sehr oft auch der Wahnsinn auf. Deswegen hatten schon viele das Glück, zu diesem Zeitpunkt entlassen zu werden“, erklärt er.

Holmström, Johanna: Die Frauen von Själö, S. 176

Auch wenn die Jahre ins Land gehen, wenn man auf Själö gelandet ist, dann wird man kaum mehr von der Insel herunterkommen, außer man gehört zum medizinischen Personal.

Aber auch dieses hat es nicht unbedingt besser, auch wenn man sich auf der anderen Seite befindet. Das wird im dritten Teil des Romans klar, der die Pflegerin Sigrid in den Mittelpunkt stellt. Auch sie ist mit einen Wünschen und Hoffnungen einst nach Själö gekommen. Doch die Hoffnung und Illusionen haben sich im Lauf der Zeit schnell zerschlagen. Und so endet der Roman dann nach über hundert Jahren 1997.

Geblieben ist kaum etwas, außer Enttäuschung, viel Unaufgearbeitetes und jede Menge Frauenschicksale, auf deren unglückliche Leben die Gesellschaft nur die Antwort Ausgrenzung und Psychiatrie kannte.

Eine Reise nach Själö ohne Wiederkehr

Am Ende des traurigen und nachdenklich stimmenden Romans steht dann die Erkenntnis, die allen Frauen von Själö über kurz oder lang immer kommt:

„Jetzt weiß ich, dass das nur ein Märchen ist“, sagt Karin. „Denn in Wirklichkeit werden wir hier nie wegkommen, wusstest du das nicht?“

Elli schweigt einen Augenblick.

„Wie meinst du das?“, fragt sie dann, aber Karin schaut sie gar nicht an.

„Damit meine ich, dass das hier die Endstation ist. Das Ende meiner Reise. Und deiner Reise auch. Hier wird niemand entlassen (…).“

Holmström, Johanna: Die Frauen von Själö, S. 249

Kein Buch für gute Laune, erhebende Stimmung oder ein wenig Flucht aus der Realität. Aber ein nachdenklich machendes Mahnmal für ein erschütterndes Kapitel (finnischer) Psychiatriegeschichte.

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