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Andrew O’Hagan – Maifliegen

Oh, bittersüße Nostalgie. In Maifliegen blickt der schottische Journalist und Autor Andrew O’Hagan zurück auf eine Jugend in Schottland und fragt sich, was von jener Zeit bleibt…


Morrissey und seine The Smiths, Orchestral Manoeuvres in the Dark oder die Specials : es ist eine ganze Playlist des Britpops und -rocks der 80er Jahre, die einem wieder im Ohr klingt, wenn man sich an die Lektüre von Andrew O’Hagans Roman Maifliegen macht (Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).

Ein Wochenende in Manchester

Andrew O'Hagan - Maifliegen (Cover)

Ausgangspunkt des Ganzen sind die Erinnerungen von James, der sich noch einmal seine Jugendzeit vor Augen führt. Aufgewachsen in einer schottischen Kleinstadt verband ihn schon immer eine Freundschaft mit Tully Dawson, die zusammen einige Freunde um sich scharten, mit denen sie ihre Liebe zum Fußball und zur Musik teilten.

Prägend und zentraler Teil dieser Jugenderinnerungen war eine Reise, die die Tully und Dawson zusammen mit einem Freund nach Manchester unternahmen. Für ein Wochenende wollten sie die Stadt unsicher machen, junge Frauen kennenlernen, trinken, feiern und viel Musik hören. In Kaschemmen, Musikclubs und Plattenläden erlebten die Teenager eine Art Initiation fürs Erwachsenenleben, ehe sie der Alltag in Schottland wieder einholen sollte.

Bis hierhin lässt sich Andrew O’Hagan Roman wie ein rückblickender, nostalgiegeschwängerter Jugendromans an, den auch Benedict Wells oder Joey Goebel in leicht abgewandelter Form hätten schreiben können. Was Maifliegen aber über diese Beschau einer britischen beziehungsweise schottischen Jugend hinaushebt, ist der Cut in der Mitte des Buchs.

Dreißig Jahre später

Denn Andrew O’Hagan bricht diese Feier von Musik und Freiheitsdrang ab, um den zweiten Teil des Romans dreißig Jahre später anzusetzen. Im Jahr 2017 lernen wir den Ich-Erzähler James als Erwachsenen kennen, dem nicht viel von seiner rebellischen Adoleszenz geblieben ist. Eines Abends bekommt er eine Nachricht von Tully, den ihn aus seiner mittlerweile so eingeübten Routine reißt.

In der U-Bahn waren die Scheiben beschlagen. Ich saß in einem leeren Abteil, und vor meinem inneren Auge erschien die rote Leuchtreklame des Hotels Britannia, damals, vor vielen Jahren, zusammen mit Tully. Zuhause legte ich die Krawatte ab und goss mir einen Whisky ein. Tully arbeitete inzwischen als Lehrer. Fachleiter für Englisch. Vor vielen langen Wintern hatte er die Abendschule besucht, ganz wie beschlossen. Und jetzt unterrichtete er im East End von Glasgow, und die Schüler liebten ihn. Ich hatte eine Weile nichts von ihm gehört, und seine Nachricht beunruhigte mich. Ich versuchte, mir einen Fluss in den Highlands vorzustellen oder ein loderndes Torffeuer, als das Display aufleuchtete. „Tullygarwan, Townland von Ulster“, sagte ich. „Was liegt an?“
„Ach, Noodles.“
Einen Augenblick lang herrschte Stille.
„Lass dir Zeit.“
„Ich bin am Marsch, Mann, total im Arsch. Eigentlich wollte ich es dir gar nicht sagen.“

Andrew O’Hagan – Maifliegen, S. 168

Die Nachricht, die Tully seinem Jugendfreund dann übermittelt, zieht James dann wirklich den Boden unter den Füßen weg. Aber nachdem die beiden ja schon in Jugendzeiten unter Beweis gestellt haben, dass ihre Freundschaft tragfähig ist, will James auch Tullys letzten Wünsche noch übermitteln und beginnt so, für seinen Freund entscheidende Dinge in die Wege zu leiten.

Was bedeutet Freundschaft?

Maifliegen ist eine Hymne auf die Freundschaft und das Leben, das viel zu schnell wieder vorbei ist. Mit der zweiten Hälfte des Romans verschafft Andrew O’Hagan dem Text eine Tiefe, die der erste Teil für sich alleine nicht einlösen kann. Denn dann gesellt sich zur Nostalgie auch die Frage von dem, was von uns und unseren Bindungen bleibt, was dem Text eine ganz eigene Dramatik verleiht.

Dieser Roman ist indes bereits der zweite Auftritt von Andrew O’Hagan auf dem deutschen Literaturmarkt. Vor zwei Jahren gelang ihm und dem herausgebenden Ullstein-Verlag mit Caledonian Road ein wirklich großer Gesellschaftsroman der britischen Gegenwart, der sämtliche sozialen Schichten ausleuchtete und mit dem im Mittelpunkt stehenden – oder besser taumelnden — Intellektuellen Campbell Flynn auch sein humoristisches Potenzial entfaltete.

Ganz neu ist Maifliegen nun aber nicht, vielmehr erschien das Werk als Mayflies im Original bereits im Jahr 2020 und liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Den gesellschaftlichen Anspruch von Caledonian Road hat dieses Buch nicht und will ihn auch gar nicht haben. Vielmehr ist O’Hagans Buch der konzentrierte Blick auf eine Freundschaft zwischen Jugend und Alter und die Frage, was Freundschaft trägt und was sie bestenfalls aushalten kann.

Das macht aus dem Buch eine kleine Preziose, der hoffentlich auch etwas der Aufmerksamkeit vergönnt ist, die Andrew O’Hagans Caledonian Road bereits beschieden war.


  • Andrew O’Hagan – Maifliegen
  • Aus dem Englischen Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié
  • ISBN 978-3-550-20447-0 (Ullstein)
  • 334 Seiten. Preis: 24,00 €

Julian Barnes – Abschied(e)

Wie geht Abschied? Der britische Schriftsteller Julian Barnes verabschiedet sich mit seinem letzten Werk Abschied(e) von der literarischen Bühne und seinen Leser*innen — und nimmt sie mit in die Welt seiner Gedanken und Reflektionen. Großes Thema, lose Form.


Der Gedanke, der hinter Julian Barnes von ihm selbst als letztes Werk betitelten Abschied(e) steckt, ist ein großer. Wie geht man von der literarischen Bühne ab, wie verabschiedet man sich als Autor von seinem Publikum, wenn man noch selbst in der Lage ist, über den Abschied zu bestimmen?

Berühmt etwa das Beispiel von Jacob Grimm, der zusammen mit seinem Bruder Wilhelm das Grimm’sche Wörterbuch verfasste, in dem sie alle Wörter ihrer Zeit und deren Bedeutungen und Herkunft sammelten und erfassten. Auf der Seite 259 heißt es da in einer Fußnote zur Eintragung des Begriffs Frucht: Mit diesem Worte sollte Jacob Grimm seine Feder von dem Werke leider für immer niederlegen.

Ein selbstbestimmtes letztes Werk

Julian Barnes - Abschied(e) (Cover)

Julian Barnes möchte es da anders machen und selbstbestimmt ein letztes Werk vorlegen, da ihm sein Ende schon vor Augen steht. Myeloproliferative Neoplasie heißt die Diagnose, die er erhalten hat. Ein Art seltener Blutkrebs, zwar behandelbar, aber dennoch letal, sodass ihm noch etwas Zeit gegeben ist, um sich von der Welt zu verabschieden.
Er hat diese Zeit über die letzten drei Jahre hinweg genutzt , um Abschied(e) zu verfassen und zu nehmen.

Sein Buch ist ein Spaziergang durch Erinnerungen, dessen Ausgangspunkt der literarische Versuch eines sogenannten IAMs bildet, eine Involuntarily Autobiographical Memory, also eine unwillkürliche autobiographische Erinnerung, die eine Erinnerungskaskade auslöst.

Ähnlich wie bei seinem Hausheiligen Marcel Proust, bei dem ein in den Tee getunkter Madeleine die von Erinnerungen getriebene Handlung seines Mammutwerks Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in Gang setzt, die sich über ganze viereinhalbtausend Seiten erstreckt. Ganz so viele Seiten werden es bei Barnes nicht, ihm genügen 240 Seiten für die Coda seines über vierzig Jahre währenden Karriere als Schriftsteller.

Erinnerungen eines Lebens

Reich an Erinnerungen ist aber auch Barnes Werk. Im leichten Parlando begibt er sich ausgehend von der Theorie der IAM auf eine Erinnerungsreise, die ganz unterschiedliche Themen berührt. Barnes begreift sein Buch nämlich wirklich als Gespräch mit uns als Leser*innen, was er auch so klar formuliert.

Was mich betrifft, ich bin jetzt achtundsiebzig , und dies ist definitiv mein letztes Buch — mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen. Dass ich mein letztes Buch in aller Ruhe zu Ende schreibe und dann verstumme, hat zumindest eine nützliche Folge: Es bedeutet, dass man nicht mitten im Schreiben — wie Brian Moore fürchtete — unterbrochen wird. So spricht man dem Tod seine Handlungsmacht ab. Wenn auch, zugegeben, in sehr bescheidenem Maße.

Julian Barnes – Abschied(e), S. 229

Möchte man kritikasterhaft sein, könnte man sagen, dass Barnes‘ Werk wirklich das Gespräch mit einem älteren Herrn ist. Seine Erinnerungen kreisen um die alterstypischen Themen Krankheit, Tod und die hell glänzenden Erinnerungen der eigenen Jugend, hier in Form der Studienjahre des Erzählers in Oxford, als auch einmal ein Mädchen im Zimmerspind versteckt wurde und die olfaktorischen Spuren von deren Anwesenheit mit fleißigen Rauchen überdeckt wurden, um die Nase des Zimmerinspekteurs auf eine falsche Fährte zu locken.

Ein Gespräch mit Julian Barnes

Nun hat man aber das Glück, dass Julian Barnes der Gegenüber in diesem Gespräch ist. Denn das, was leicht in eine peinliche oder larmoyante Beschwörung der eigenen Jugend und der Hinfälligkeit hätte werden können, ist in der Realität eine durchaus charmantes Unterfangen, das von Barnes Distinguiertheit und feinem, britischen Witz getragen ist.

Egal ob Krankenhausaufenthalt zu Coronazeit, bei der Barnes als berühmter Schriftsteller erkannt wird, oder die Geschichte seiner guten Freunde, für die er gleich zwei Mal im Leben zum Beziehungsstifter wird, immer liegt über allem ein augenzwinkernder Ton, der mal wehmütiger und mal heiterer ist.

Was Abschied(e) fehlt, ist ein roter Faden. Ein wenig arg unbehauen stehen die Themen hier nebeneinander. Jugend in Oxford, der um ihn herum wegsterbende Freundeskreis von Intellektuellen wie Martin Amis oder Christopher Hitchens, der Verlust seiner Frau und die eigene Diagnose über den nahenden Tod. Immer wieder springt Barnes in seiner Erinnerungskaskade hin und her, ergeht sich in Gedanken, literarischen Betrachtungen oder biografischen Splittern.
Auch ist der Text durchwirkt von Zitaten, die von Goethe über den ebenschon erwähnten Marcel Proust bis hin zu George Sand reichen.

Fazit

So entzieht sich sein Text auch einer klaren Zuordnung. Ist es Autofiktion, ein Memoir, literarische Meditation oder in seiner Vielgestaltigkeit etwas womöglich ganz anderes? Abschied(e) lässt Fragen offen, womöglich sogar die, ob es sich hier um Julian Barnes wirklich letztes Werk handelt.

Ich würde es dem mittlerweile achtzig Jahre alten Schriftsteller auf alle Fälle wünschen, damit es ihm dann wirklich nicht so geht wie Jacob Grimm und dessen Feder, die ihm noch vor der Vollendung seines Lebenswerks aus der Hand fiel. Ein interessanter Schlusspunkt ist hier auf alle Fälle gefunden.


  • Julian Barnes – Abschied(e)
  • Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
  • ISBN 978-3-462-00919-4
  • 240 Seiten. Preis: 23,00 €

R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit

Wie geht eigentlich Ruhestand? Das muss Tom Baldwin, der Held von R. C. Sherriffs Glücksfall von wiederentdecktem Roman Vor uns die Zeit erst noch lernen. Bis dahin leiden wir mit dem ehemaligen Angestellten mit, dem es sichtbar schwer fällt, sich mit der neugewonnen Freiheit zu arrangieren. Aber man wäre nicht in einem Roman von R. C. Sherriff, wenn sich nicht doch alles noch irgendwie fügen würde…


Es gibt gelungenere Symbole als das einer Uhr, die der Angestellte Tom Baldwin an seinem letzten Arbeitstag von den Kollegen überreicht bekommt. Ist es ein Zeichen, dass seine Zeit abläuft, ein Hinweis auf die verbleibende Lebensspanne? Oder vielleicht doch eher ein Geschenk mit der Intention, dem Beschenkten vor Augen zu führen, wie viel Zeit er nun hat?

Dass es ganz schön schwierig sein kann, mit der nun neugewonnenen Zeit im Ruhestand umzugehen, das muss Tom Baldwin schon recht bald erkennen. Denn nun ist er auch tagsüber zu Hause in seinem kleinen Häuschen im Londoner Vorort Brondesbury Park zusammen mit der Hausangestellten Ada und seiner Frau Edith. Statt Harmonie und neugewonnener Zeit mehren sich aber schon bald die atmosphärischen Störungen zwischen den Eheleuten und mit der Hausangestellten.

Willkommen im Ruhestand

Dabei hatte er sich alles so schön ausgemalt, auch im Hinblick auf Vorbilder in Sachen Schaffenskraft im Rentenalter:

Das goldene Zeitalter lag für einen Mann, wenn er vernünftig gelebt hatte, zwischen sechzig und fünfundsiebzig. Männer hatten sich in dieser Zeit aus Tälern zu Berggipfeln emporgeschwungen. Hindenburg zum Beispiel, 1914 ein Soldat im Ruhestand, weltberühmt mit siebzig, Präsident von Deutschland mit fast achtzig. Oder Gladestone, der mit sechsundsiebzig an die Macht zurückgekehrt, mit , mit dreiundachtzig noch ein großer Premierminister war… oder Dutzend andere … Shaw schrieb mit siebzig Meisterwerke, und da war er, der als Pensionist nach Hause kam und dachte, er stünde mit achtundfünfzig mit einem Fuß im Grab!

R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit, S. 22

Weder die Versuche des Studiums historischer Bücher noch die Gartenarbeit führen zu einem erfüllten Dasein Baldwins, im Gegenteil. Sogar bei so profanen Dingen wie der Nutzung eines Besens geraten sich die drei Hausinsassen in die Haare. Immer unglücklicher wird dieser Tom Baldwin und es scheint sich zu bestätigen, was ihm schon eine Zeitungsmeldung auf dem letzten dienstlichen Heimweg in der Bahn einst vor Augen führte. Denn damals stolperte er über die Zeitungsmeldung eines Mannes, der im Ruhestand angesichts des nun vor ihm liegenden unstrukturierten Zeithorizonts keine Lösung außer einem Suizid wusste.

Im Milieu der kleinen Leute

R. C. Sherriff - Vor uns die Zeit (Cover)

Ganz so dramatisch kommt es in R. C. Sherriffs Vor uns die Zeit aber nicht, da der Autor von einer großen Hingabe und Sympathie zu seinen Figuren getragen ist und diese mit Geschick und Wohlwollen durch die Handlung lenkt.

Wie schon bei seinem ersten wiederentdeckten Roman Zwei Wochen am Meer spielt auch dieser Roman im Milieu der kleinen Leute. Es sind keine spektakulären Wendungen oder Ereignisse, die der 1896 geborene Brite in den Mittelpunkt seiner Bücher rückt. Vielmehr sind es die kleinen Dinge im Leben wie ein Strandurlaub oder im vorliegenden Fall der Ruhestand und die Frage, welche Wagnisse man im gesetzten Alter noch einzugehen bereit ist.

Mit viel Liebe zu seinen Figuren beschreibt Sherriff in seinem 1936 unter dem Titel Greengates erschienenen Roman das vertraute Miteinander der Eheleute Baldwin, ihre kleinen und größeren Sorgen und Nöte – und gönnt ihnen einen Neuanfang zu zweit (ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen). Dabei lebt das Buch von seiner Atmosphäre zwischen den Figuren und dem Optimismus, der dem Buch trotz der leicht niederschmetternden ersten Hälfte doch innewohnt.

Neben der Wärme und dem Optimismus ist es aus heutiger Sicht auch eine ganz große Portion Nostalgie, die Vor uns die Zeit innewohnt. Denn nicht nur der Erzählton stimmt nostalgisch, auch der ruhige Gang des Lebens oder Umstände wie ein Renteneintritt mit 58 Jahren oder Kaufpreise von 850 oder 1100 Pfund für ganze Häuser in und um London herum lassen heute wehmütig schmunzeln bei der Lektüre.

Fazit

Wie schon in seinem ersten wiederentdeckten Roman ist auch Vor uns die Zeit (diesmal benachwortet wie auch übersetzt von Rainer Moritz , der einen besseren Job gemacht hat als sein Kollege der Übertragung von Zwei Wochen am Meer) ein warmherziger Roman aus der Welt der kleinen Leute.

Möchte man den Roman in der originellen Zuordnung einpassen, die eine der Romanfiguren, nämlich ein Pfarrer unter dem schönen Titel Bücher zum Lesen und Bücher zum Feuermachen anbietet, muss man Vor uns die Zeit unbedingt in die erstere Kategorie packen.

Eine wundervolle Wiederentdeckung ist dieses Buch – nicht nur für kurz vor der Rente stehenden oder in dieser Sinn suchenden Leser, sondern für alle Fans warmherziger und gut beobachtete Literatur der alten britischen Schule, wie sie auch ein J. L. Carr oder Reginald Arkell schrieben!


  • R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit
  • Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Moritz
  • ISBN 978-3-293-00635-5 (Unionsverlag)
  • 336 Seiten. Preis: 26,00 €

Paul Gallico – Der Krönungstag

Wir schreiben den 2. Juni 1953 und ganz Großbritannien steht Kopf. Denn heute ist er gekommen, Der Krönungstag, an dem Elizabeth II. zur Königin ausgerufen wird. Das möchte sich auch die Familie Clagg aus Sheffield nicht entgehen lassen – und stolpert in Paul Gallicos nostalgischer Geschichte in ein Abenteuer in der britischen Hauptstadt.


25 Guineen, so viel hat jedes der Tickets gekostet, das Familienvater Will Clagg für seine zwei Kinder Johnny und Gwendoline, seine Frau Violet und die griesgrämige Schwiegermutter erworben hat. Es ist ein halbes Vermögen für die Familie aus der Arbeiterschicht, das der Vater in Tickets investiert hat, um mit dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird und die frisch gekrönte Elizabeth II. am Krönungstag auf dem Weg vom Buckingham Palast hin zur Westminster Abbey mit einer großen Parade gefeiert wird.

Er sagte bloß an einem Sonntagnachmittag Anfang April, als sie in dem bescheidenen Haus in der Imperial Road Nr. 52 in Little Pudney am Esstisch saßen: „Hört mal, was würdet ihr sagen, wenn wir alle zur Krönung nach London fahren?“
Die Frage hatte seine Familie erschüttert, verblüfft, aufgewühlt, hypnotisiert, erschreckt und verzaubert. Er hatte sie wie eine glimmende Zündschnur auf den Tisch geworfen, wo sie brannte und sprühte und den Rauch und die Flammen des Abenteuers entfachte.

Paul Gallico – Der Krönungstag, S. 20

Für die Familie bedeuten die Tickets eine echte Entscheidung, denn um sich die Kosten leisten zu können, hat der Familienrat getagt und entschieden, anstelle des jährlichen Urlaubs am Meer diesmal das Geld in die Krönungstickets zu investieren.

Eine Familie im Krönungsfieber

Paul Gallico - Der Krönungstag (Cover)

Doch dann das: als sich die Familie übermüdet nach einer nächtlichen Bahnfahrt von einem Vorort in Sheffield im vibrierenden London wiederfindet, folgt auf die Euphorie schnell die Ernüchterung. Denn die über einen Verwandten besorgten Karten sind eine dreiste Fälschung. Das Haus, von dem aus sie in der ersten Reihe einen Blick auf die Parade werfen wollten, erweist sich als Brandruine. Die Familie ist Betrügern aufgesessen.

Und so gibt es statt der erhofften Blicke auf Kutsche und Königin, Champagner und Parlando mit Menschen von Welt nur lange Gesichter im Nieselregen der britischen Hauptstadt. Doch davon lassen sich die Claggs nicht unterkriegen und verbringen den Krönungstag trotzdem in London, das vor Erregung über die kurz bevorstehende Krönung zu vibrieren scheint.

Gelungen erzählt der 1897 geborene US-amerikanische Sportreporter und Schriftsteller Paul Gallico in dem ursprünglich 1962 erschienenen Roman Der Krönungstag von der einzigartigen Atmosphäre in der britischen Hauptstadt. Es ist das Nebeneinander von großen Enttäuschungen und kleinen Dingen, die den Tag dann doch unvergesslich machen, das anrührt.

Ein ganz besonderer Tag

Denn trotz der großen Enttäuschungen des aufgesessenen Ticketbetrugs erlebt die Familie immer wieder kleine besondere Momente, die für sie den Tag besonders machen und die zumindest kurzzeitig die im Alltag stets manifesten Klassenschranken an diesem Tag als überwindbar erscheinen lassen:

Denn der Korken stand in gewissem Sinne für das Durchbrechen des Musters der Enttäuschungen in ihrem Leben

Paul Gallico – Der Krönungstag, S. 177

Ein Fläschchen Champagner im Bordbistro, ein Regimentsabzeichen, ein Schluck Gin für die miesepetrige Großmutter – es sind die kleinen Dinge, die für die Claggs doch so viel bedeuten, wovon Paul Gallico anschaulich zu erzählen vermag. Ähnlich wie in R. C. Sherriffs Roman Zwei Wochen am Meer ist es auch hier eine durchschnittliche Arbeiterfamilie, die trotz materieller Beengtheit einem Tag etwas ganz Besonderes abzuringen vermag.

Fazit

Das Besondere in einfachen Leben und der Moment, wenn Momente in Leben unvergesslich werden, Paul Gallico vermag in diesem nostalgischen Roman rührendend davon zu erzählen und erinnert damit auch an andere Erzähler wie den schon erwähnten R. C. Sherriff, Reginald Arkell oder J. L. Carr.


  • Paul Gallico – Der Krönungstag
  • Aus dem Englischen von Robert Lucas
  • ISBN 978-3-311-70422-5 (Oktopus)
  • 192 Seiten. Preis: 16,99 €

Bernardine Evaristo – Mädchen, Frau etc.

Einen ganzen Teppich aus Frauenleben webt die britische Autorin Bernardine Evaristo in ihrem Roman Mädchen, Frau etc.. Mit diesem Bogen an weiblichem, schwarzem Leben gelang der Autorin im Jahr 2019 eine Sensation: nach genau fünfzig Jahren seit Bestehen des Preises errang mit Bernardine Evaristo erstmals eine schwarze Frau diesen Preis. Nicht nur angesichts ihres Themas eine mehr als fällige Entscheidung – die im Lichte unserer Tage besehen auch zeigt, wie schnell sich der Zeitgeist wieder wandeln kann.


So viel (schwarzes) Frauenleben in einem Buch ist selten. Jedes der ersten vier Kapitel von Bernardine Evaristos Buch stellt drei ganz unterschiedliche Frauenleben vor, ehe im fünften Kapitel dann viele der vorgestellten Frauen auf der Premierenparty zum neuen Stück der Theatermacherin Amma im National Theatre in London zusammenfinden.

Es ist ein großer Bogen oder besser ein literarischer Teppich aus Leben und Schicksalen, den Evaristo in ihrem Roman knüpft. Da ist die schon erwähnte Amma, die als schwarze, lesbische Künstlerin zunächst gegen das althergebrachte System revoltierte. Sie „schleuderte als Rebellin Handgraten auf das Establishment, das sie ausschloss“ (S. 12), hat jetzt aber doch den Weg in die Institutionen angetreten. Als gefeierte Regisseurin aus dem Off reüssiert sie auf der größten Theaterbühne des Landes, wo sie ihr Stück Die letzte Amazone von Dahomey inszeniert.

Weiter geht es dann mit Ammas Tochter Yazz; darauf folgen weitere Frauen wie die im Laufe ihres Lebens zunehmend desillusionierte Lehrerin Shirley, die aus Nigeria stammende Akademikerin Bummi, die sich in London trotzdem als Putzfrau durchschlagen muss oder deren Tochter, deren Leben dann wiederum Berührungspunkte mit der Lehrerin Shirley aufweist.

Ein erzählerischer Teppich schwarzer Frauenleben

Bernardine Evaristo - Mädchen, Frau, etc. (Cover der Büchergilde-Ausgabe)

Immer wieder gibt es kleine Querverweise, berühren sich Leben, gibt es Überschneidungen der Lebensthemen, denen sich die Frauen gegenüber sehen. Dabei ist es die Unterschiedlichkeit, die ihre schwarzen Frauen ein. Mögen sie auch höher oder tiefer auf der gesellschaftlichen Leiter stehen, mögen sie scheinbar aller materiellen Sorgen enthoben sein oder sich genau damit herumschlagen. Es sind doch Fragen der Perspektivlosigkeit, des Rassismus und der Aussicht auf gesellschaftlichen Aufstieg, der über Generationen hinweg die Frauen vor Herausforderungen stellt.

Ausgreifend bis ins 19. Jahrhundert hinein ist Mädchen, Frau etc. das Manifest weiblicher Widerstandskraft und zeigt den vielgestaltigen Kampf um Selbstbehauptung für Evaristos Frauen.

Ebenso vielgestaltig, was Frauenleben und Themen anbelangt, ist auch Bernardine Evaristos Sprache. Die Professorin für Kreatives Schreiben wählt einen schnellen, manchmal fast nur angerissenen Stil, der sich gar nicht erst mit so etwas wie Zeichensetzung und eigentlich grammatikalisch gebotener Großschreibung innerhalb eines Satzes aufhält.

Rhythmisiert und vorwärtsdrängend ist ihr Stil, den Tanja Handels wunderbar ins Deutsche übertragen hat. Schnell hat man sich eingewöhnt in diese Erzählweise, die auch mit Rückblenden arbeitet und in manchen Passagen an ein Langgedicht erinnert.

Gewinner des Booker Prize 2019

Evaristos Sprache und der so vielstimmige Blick von schwarzen Frauen auf ihr Leben in Großbritannien fügt der britischen Literaturgeschichte eine notwendige und aufschlussreiche Perspektive hinzu. Insofern ist die Auszeichnung mit dem Booker Prize mehr als gerechtfertigt, den Evaristo im Jahr 2019 zusammen mit Margaret Atwoods Die Zeuginnen erhielt.

Nun, sechs Jahre später, lässt sich konstatieren, dass Evaristos Auszeichnung wirklich gerechtfertigt war und vielleicht auch nur die singuläre Zuerkennung des Preises verdient hätte. Atwoods Werk war ein solides, aber eben auch nur durchschnittlich erzähltes, am Actionerzählhandwerk aktueller Bücher orientiertes Sequel zu ihrer eigentlichen Großtat Der Report der Magd, das angesichts der zeitgeschichtlichen Entwicklungen seine ganze Prophetie und Klasse nach wie vor entfaltet, wohingegen das deutlich jüngere Werk der kanadischen Autorin dem Vergleich mit dem Vorgängerroman nicht Stand gehalten hat.

Doch der Blick zurück stellt nicht nur die wahre Klasse von Evaristos Werk und dessen Zeitlosigkeit in Sachen Themen und Erzählabsichten unter Beweis. Vor allem ist das Buch – so paradox es klingen mag -aufgrund dieser Zeitlosigkeit in gleichem Maße auch eine Kenngröße für die Zeit, die seit der Auszeichnung des Buchs verstrichen ist.

Zeitgeist im Wandel

Denn besieht man sich Bernardine Evaristos Sieg mit Mädchen, Frau etc. vor sechs Jahren, so muss man auch unweigerlich feststellen, wie sehr sich der Zeitgeist seit jenen Tagen gedreht hat. Jener Sieg zeigt deutlich, welcher Backlash in Sachen marginalisierter Perspektive, LGBTQI+ und der gesellschaftlichen Stellung der Frau in der Zeit von 2019 bis heute im Jahr 2025 stattgefunden hat.

War die Auszeichnung des Buchs im Jahr 2019 auch Ausdruck eines gestiegenen Bewusstseins für Diversität, Women of Color und bislang vernachlässigter Blickwinkel, so wäre eine Mehrheitsentscheidung für Evaristos Buch in diesen Tagen nicht mehr ohne Weiteres denkbar, davon bin ich überzeugt.

In aktuell tonangebenden Kreisen würde Mädchen, Frau etc. schnell als „identitätspolitisch“ oder gleich stumpf als „woke“ verunglimpft werden (was es natürlich im besten Sinne auch ist). In Zeiten, in denen diese Begriffe als Schimpfworte geführt werden, Firmen in atemberaubenden Tempo ihre Programme zur Förderung von Vielfalt und benachteiligten Personen einkassieren und die „starken“ Männer wieder den Ton angeben, dürfte schon alleine die Widmung des Buchs das Gemüt manch rechtsreaktionären Geistes erheblich zum Kochen bringen. Denn da heißt es:

Für die Schwestern, Sisters & Sistas & Sistahs & Sistren & die Frauen, Women & Womxn & Wimmin & Womyn & unseren Männern, Men & Mandem & die LGBTQI*-Mitglieder unserer Menschenfamilie

Widmung von Bernardine Evaristo – Mädchen, Frau, etc.

Notwendige Lektüre – gerade jetzt

Vor sechs Jahren sprach aus dieser Widmung ein fortschrittlicher Geistes, der ebenso in sprachlichen Experimenten eines Gendersterns oder der Einführung von Sensitivity Readers einen Ausdruck fand. Das Bemühen um den Einschluss von Menschen in ihrer ganzen Vielfalt und die Ermöglichung und Sichtbarmachung von mehr Pluralität in Gesellschaft und Sprache war an vielen Stellen zu greifen.

Davon ist nicht mehr viel übrig. Die über die Jahre mühevoll vorangedrehten Uhren des gesellschaftlichen Fortschritts werden in Rekordtempo zurückgestellt. Die USA als Taktgeber der „antiwoken“ Revolution kassieren erkämpfte Rechte für Trans*-Menschen ein, lassen per Geschlechtseintrag nur noch zwei Geschlechter zu (wie unsinnig dies ist zeigt schon alleine das Buchkapitel Megan/Morgan), unterstützen die Entfernung tausender Bücher aus Schulbibliotheken (darunter das eben schon erwähnte Der Report der Magd von Margaret Atwood, aber auch die Aussonderung von Evaristos Buch ist bestimmt nur eine Frage der Zeit)

Dabei zeigt doch Bernardine Evaristo mit ihrer lässig erzählten Geschichte, wie bedeutend gerade für Menschen, die außerhalb der weißen Mehrheitsgesellschaft stehen, die Sichtbarkeit in Gesellschaft und damit auch in der Literatur ist.

Natürlich ist auch manch linker Furor in Sachen Identitätspolitik zu kritisieren und auch das Buch meint es vielleicht an der ein oder anderen Stelle zu gut damit. Aber, und das ist das Entscheidende: Mädchen, Frau etc. schafft Bewusstsein für die Bedeutung dieses Fortschritts und der Notwendigkeit der gesellschaftlichen Veränderung, mit dem wir uns hinterfragen, uns auf unbekannte Schicksale und Perspektiven einlassen und im Dialog mit anderen Menschen den gesellschaftlichen Fortschritt vorantreiben. Das Buch atmetet diesen Geist, der in der Realität längst schon wieder verpufft zu sein scheint.

Fazit

Aber trotzdem – oder genau deswegen sind solche Bücher wie das von Bernardine Evaristo auch in reaktionären Zeiten so wichtig. Wir sehen, was auf dem Spiel steht, welche Fortschritte wir schon erlangt haben und was dieser Kampf auch für Menschen außerhalb der Mehrheitsordnung bedeutet. Allein schon deshalb lohnt die Lektüre von auch in diesen Tagen, schließlich ist Evaristos Werk eines, das weit über seine Zeit hinaus- und uns den Weg zu einer verständnisvolleren Gesellschaft weist.


  • Bernardine Evaristo – Mächen, Frau etc.
  • Aus dem Englischen von Tanja Handels
  • ISBN 978-3-608-50484-2 (Tropen)
  • Artikelnr. 172844 (Büchergilde Gutenberg)
  • 512 Seiten. Preis: 24,00 €