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William Boyd – Eines Menschen Herz

Es war ein Anfall von Nostalgie. Zu Besuch in der neuen Bücherei HP8 in München schloss ich einen Bummel durch die Innenstadt meiner alten Studienstadt München an. Der Weg führte mich dabei einmal mehr in die Sendlinger Straße, wo ich die tolle Buchhandlung texxt durchstöberte. Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit in den Katakomben des modernen Antiquariats fündig – und so auch jetzt. Ein Mängelexemplar von William Boyds Eines Menschen Herz fiel mir in die Hände. Diese Auflage aus dem Berlin-Verlag ist vergriffen, die Rechte liegen inzwischen beim Kampa-Verlag, der das Buch im nächsten Jahr noch einmal als Hardcover veröffentlichen wird.

Zwar hatten mich die letzten Werke des 1952 geborenen Romanciers in ihrer Oberflächlichkeit und Konventionalität etwas gelangweilt, aber trotzdem wollte ich noch einmal in dieses Werk eintauchen, das mich zu Beginn meiner Studienzeit vor zehn Jahren sehr begeistert hatte. Würde der ursprünglich 2002 erschienene Roman noch einmal seinen Zauber entfalten?

Ich griff in der Buchhandlung zu und machte mich im Zug zurück nach Augsburg an die Lektüre dieses immerhin 700 Seiten starken Buchs. Ich tauchte ein in das Leben von Logan Gonzago Mountstuart – war aber nicht mehr so sehr angetan, wie ich das in meiner Erinnerung vor zehn Jahren gewesen war.

Ein Leben in Tagebüchern

In Form verschiedener Tagebücher erzählt uns Logan Mountstuart hier seine Biografie, die die unwahrscheinlichsten Begegnungen und Erlebnisse bereithalten wird. Einsetzend zu Jugendzeiten, die er in einem englischen Internat verbrachte, über sein Oxforder Tagebuch bis zu seinen Aufenthalten auf den Bahamas, in Amerika, Afrika oder Frankreich bekommen wir eine außergewöhnliches und manchmal schon fast fantastisch anmutendes Leben erzählt, in dem Logan alle Verwerfungen des 20. Jahrhunderts selbst erlebt und prägenden Figuren begegnet.

William Boyd - Eines Menschen Herz (Cover)

Wie eine Art Forrest Gump schlendert, sprintet und taumelt Logan durch die Weltgeschichte, trifft Pablo Picasso, Virginia Woolf oder Ernest Hemingway, wird während des Zweiten Weltkriegs in einen Krimiplot um den abgedankten englischen König Edward VIII und seine Frau Wallis Simpson verwickelt oder kommt durch Zufall in den Besitz mehrerer Werke Mirós und unterstützt indirekt die RAF.

Schon in Jugendjahren avanciert er zum erfolgreichen Schriftsteller, lernt den später als Schöpfer James Bonds zu Bekanntheit gelangten Ian Fleming auf militärischer Mission kennen, spioniert für England, gerät in der Schweiz in Gefangenschaft, wird erfolgreicher Kunsthändler, ehelicht mehre Frauen, wird später sogar in linksradikale Kreise gezogen und macht eine Erbschaft.

Dieses Leben, das uns William Boyd hier präsentiert, ist wirklich larger than life, in der Zeit, in der andere Menschen ihr Leben leben scheint es, als lebe Logan ein ganzes Dutzend. Von den Niederungen des Alkoholismus bis auf den Zenit der gesellschaftlichen Kreise, von dem Leid des Zweiten Weltkriegs bis zum Vaterglück – in Logans Leben spiegeln sich mannigfache Erfahrungen. Das ist unterhaltsam und in den ganzen Vignetten bestechend (schön etwa, wie Boyd die literarische Begabung Virginia Woolfs und ihren Rassismus gleichermaßen thematisiert), dennoch stellt sich in Logan Mountstart Achterbahn namens Leben irgendwann auch eine Gewöhnung ein. Immer wieder trifft er wie selbstverständlich Geistesgrößen, parliert, verbringt Zeit mit ihnen und berichtet in seinen Tagebüchern darüber.

Eine permanente sexuelle Note

Ergänzt wird das von einer steten sexuellen Note, die bei allen Amouren und Abenteuern mitschwingt. Wenn Boyd Eines Menschen Herz mit Die intimen Tagebücher des Logan Gonzago Mountstuart untertitelt, dann sollte man das auf alle Fälle ernst nehmen. Von der Jugend an sind Eroberungen, Affären und Eskapaden Teil von Logans Leben, wovon in er in großer Ausführlichkeit berichtet. Im Jahr 2021 liest sich das nun aber leider teilweise eher weniger frivol und teilweise deutlich eher abgestanden, ganz anders als ich es in Erinnerung hatte. Nach gesellschaftlichen Debatten und Entwicklungen wie #metoo wirkt dieses Buch dann doch das ein ums andere Mal etwas schlüpfrig und altherren-like.

Minderjährige verfallen dem mehrfachen Vater Mountstuart, von der Jugend an pflegt er Affären, Ehen und Abenteuer und berichtet ausschweifend darüber. Selbst im hohen Alter ist Logan Mountstuart von so etwas wie einer Reflektion seines Begehrens und Weisheit so weit entfernt wie Ex-König Edward VIII. in seinem Exil auf den Bahamas vom englischen Thron. Das ist manchmal amüsant, dann aber doch auch wieder schlüpfrig bis unangenehm und zeigt, dass sich die Gesellschaft seit den zwanzig Jahren seit Erscheinen deutlich weiterentwickelt hat.

Eines kann man Logans Erinnerungen aber nicht vorwerfen – dass er nicht konsequent wäre. Diese intimen Memoiren halten auf alle Fälle Wort und bleiben seinem selbstgesteckten Ziel treu, nämlich nichts in seinem Leben auszulassen oder aus Schamhaftigkeit zu verschweigen. Hier werden alle Liebesgeschichten und Affären chronisch genau verhandelt, auch wenn Logan manchmal hierbei ordinär mit geistreich verwechselt.

Die Summe eines Lebens

Abgesehen von solchen etwas abgestandenen Passagen ist Eines Menschen Herz doch auch ein anrührendes Dokument der Summe eines Lebens. Logan Gonzago Mountstuart macht viele Entwicklungen mit, die sich alle im Buch niederschlagen und eine Entwicklung vom adoleszenten Springsinsfeld bis zum betagten Senioren belegen. Wie in einem Brennglas zeigen sich die Verwerfungen und Einschnitte in diesem Leben, das fast alle Kontinente, Entwicklungen und Moden umfasst. William Boyd passt das Buch auch in sein Oeuvre ein, indem er Berührungspunkte zu anderen Werken setzt. So macht Logan in seiner Zeit als Kunsthändler in Amerika etwa Bekanntschaft mit Nat Tate, dessen Leben Boyd in der gleichnamigen fiktiven Autobiographie beschrieb und mithilfe er damals die gesamte Kunstwelt narrte.

So ist Eines Menschen Herz nach wie vor ein starkes Buch, das mit immer neuen Episoden, Schauplätzen und Erlebnissen selten so etwas wie Langeweile kaum aufkommen lässt (auch wenn vieles alles andere als glaubwürdig und allzu fantastisch anmutet). In seinem Frauenbild zeigt sich das Buch stark überkommen, abgesehen davon ist das von Chris Hirte übersetzte Buch noch immer lesenswert und hält den großen Bogen eines Lebens bereit, das eigentlich ein ganzes Dutzend an unterschiedlichen Leben beinhaltet.


  • William Boyd – Eines Menschen Herz
  • Aus dem Englischen von Chris Hirte
  • ISBN 978-3-83330-508-5 (Berlin-Verlag)
  • 704 Seiten. Antiquarisch erhältlich.
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Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers

Langsam werden die Folgen des Brexit sichtbar. Während sich die Regierung des Landes in symbolischen restituierenden Maßnahmen wie der Einführung von alten Gewichtseinheiten wie Unzen oder antiquierter Eichmaße we dem Crown Stamp übt, herrscht in Weiten Teilen des Landes die Lorry Crisis. Zahlreiche Facharbeiter*innen oder Fahrer*innen sind im Zuge des Abschieds aus der EU zurück auf den Kontinent gegangen, was sich nun in zahlreichen Bereichen des täglichen Lebens bemerkbar macht. So sind die Versorgungsketten brüchig geworden, was häufig zu leeren Supermarktregalen genauso wie zu langen Schlangen vor den Tankstellen führt. Egal ob Nahrungsmittel oder Benzin, der Brexit hat gezeigt, dass es mit der versprochenen neuen Stärke Großbritanniens nicht weit her ist.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich da auf dem Buchmarkt. Auf ihm treten vermehrt Bücher in Erscheinung, die ein gegenläufiges Bild Großbritanniens zeichnen. In den Dorfromanen sind es zumeist Protagonist*innen, die auf Bauernhöfen wohnen, in der ländlichen Umgebung fest verwurzelt sind und die aus der sie umgebenden Natur ihre Stärke ziehen. Zu nennen wäre hier beispielsweise Sebastian Barry mit seinem Roman Annie Dunne, der eine widerborstige Frau in den Wicklows 1959 zeigt. J. L. Carr beschreibt in seinem Roman Ein Monat auf dem Land die Gesundung eines Weltrkiegsveteranen im ländlichen Yorkshire. Benjamin Myers lässt in Offene See einen jungen Mann kurz vor dem Ernst des Lebens durch die englische Natur wandern . Und Reginald Arkell zeigt in Pinnegars Garten ein ebenso gegensätzliches Paar, das die Liebe zur englischen Natur, insbesondere der Flora, zusammengeführt hat.

Melissa Harrison - Vom Ende eines Sommers (Cover)

Viele Bücher also, die die Vorstellungen eines unberührten aus der Zeit gefallenen Vereinigten Königreichs bedienen und so konträr zu den aktuellen Entwicklungen stehen. Einmal mehr erscheint nun im Dumont-Verlag ein weiteres Buch, bei dem das Cover an genau die Sorte der obigen Beispiele erinnert. Schwalben, die eine blühende Natur aus Feldern und gesunden Bäume bestehend durchmessen. Helle Farben, blühende Sträucher und Sicht bis zum Horizont. Das verspricht der Melissa Harrisons Roman rein äußerlich – erschöpft sich dann aber gottseidank nicht Landschaftskitsch. Vielmehr ist Vom Ende eines Sommers der genaue Blick auf das Erwachsenwerden einer jungen Frau und die Probleme der ländlichen Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg, fernab von jeglicher Empire-Romantik.

Sommer in Suffolk 1933

Wir schreiben das Jahr 1933 – es herrscht Sommer in Suffolk. Als Kind von Bauern weiß die vierzehnjährige Edie um die Fülle und den Reichtum der Natur. Mit den Gleichaltrigen vermag sie nicht allzu viel anzufangen. Stattdessen fasziniert die plötzlich in ihrem Dorf aufgetauchte Constance FitzAllen das junge Mädchen ungemein. Die Journalistin recherchiert über das Dorfleben und hegt ganz eigene Ansichten über den Lebensstil der Dorfbevölkerung. In ihrer Andersartigkeit wird sie für Edie zum Orientierungspunkt und zeigt dem Mädchen eine Alternative zum Altbekannten auf. Doch auch Constance FitzAllen hat ihre nicht so schönen Seiten, die Edie erst spät kennenlernen wird.

Vom Ende eines Sommers ist ein Roman, der die ganze Fülle des britischen Landlebens und der Natur atmet. Insofern verspricht das Cover nicht zu viel. Hier steht alles in voller Blüte, in den Hecken zwischen den Feldern ziept und zirpt es beständig. Melissa Harrisons Buch nimmt aber auch die weniger pittoresken Seiten des Dorflebens der 30er Jahre in den Blick. So grassiert die Armut, Edie Eltern leben am unteren Existenzminimum und sind auf gute Ernten angewiesen, um halbwegs die Schulden auf Abstand zu halten. Der lokale Adel wirft einmal im Jahr ein Fest und fällt ansonsten durch größtmögliche Distanz zur normalsterblichen Bevölkerung auf. Heruntergekommene Höfe und Armut, sie sind ein entscheidender Teil vom Bild des lokalen Englands.

Auch der zurückliegende Weltkrieg hat die Bevölkerung nachdrücklich geprägt und die Erinnerung an die damaligen Ereignisse ist bei den meisten Menschen noch immer präsent. Auf den Feldern Flanderns oder Frankreichs sind viele junge Männer zurückgeblieben, auch auf Edies Hof gab es tragische Verluste zu beklagen. Die Verluste wurden nicht richtig verarbeitet, Männer nehmen sich, was sie wollen. Gleichberechtigung und gegenseitige Achtung sind hier noch nicht wirklich festzustellen. Deshalb übt die so unangepasste und starke Constance einen derartigen Reiz auf Edie aus, die so wenig in die ländliche Umgebung passt, aber gerade deshalb umso mehr vom einfachen Landleben angezogen wird, in das sie sich ganz hineingibt.

Fazit

Durch den genauen Blick auf die Lebensverhältnisse der damaligen Zeit besticht Melissa Harrisons Roman, der sich eben nicht alleine mit Naturschilderungen und Verklärung der „guten, alten Zeit“ begnügt. Das Buch ist in seiner Verschmelzung von romantischen und naturalistischen Ansätzen sehr reizvoll und kombiniert den klassischen Coming-of-Age-Roman mit zeitgeschichtlichem und naturnahem Kolorit. Von Werner Löcher-Lawrence wurde das Ganze in seiner ganzen Beschreibungsfülle ins Deutsche übertragen.

Ein Buch, das wenig beschönigt und nicht den Fehler begeht, die Geschichte der Landbevölkerung zu verklären. Und gerade dadurch gewinnt Vom Ende eines Sommers, das eben kein pures Nostalgiebedürfnis der Leserschaft befriedigt, sondern einen genauen Blick auf die ländliche Geschichte der 30er Jahre in Suffolk liefert. In diesem Buch steckt deutlich mehr, als es das Cover suggeriert!


  • Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-8321-8152-9 (Dumont)
  • 320 Seiten. Preis: 22,00 €
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Freya Sampson – Die letzte Bibliothek der Welt

Es war eine Nachricht aus meiner Heimat, die mich vor zwei Jahren aufhorchen und den Kopf schütteln ließ. Ähnlich wie in anderen Gemeinden ist auch in meiner Heimatstadt die finanzielle Situation defizitär, der Rotstift muss angesetzt werden. Und ähnlich vorhersehbar wie andernorts verlief auch hier die Suche nach Einsparpotenzialen. Schnell landete man bei den freiwillig erbrachten kommunalen Aufgaben wie etwa Schwimmbad oder Eisstadion. Unweigerlich führte die Suche nach Möglichkeiten zur Kostensenkung auch zur städtischen Bücherei. Die Diskussion nahm hier dann aber eine wirklich bedauerliche Wendung. Ein Stadtrat forderte mit der Aussage, man sammele hier eh nur Papier, die komplette Schließung der Bibliothek. Eine Äußerung, die ein Maß an grotesker Uninformiertheit an den Tag legte, wie sie mir schon lange nicht mehr untergekommen war. Ignoriert eine solche Aussage nicht nur die Vielfalt moderner Bibliotheksarbeit, zeigt sie auch ein Maß an Geringschätzung, das mich seinerzeit fassungslos zurückließ.

Dem Stadtrat (der diesen Antrag dann wenig später wieder zurückzog) und allen, die schon lange keinen Fuß mehr über die Schwelle einer Bücherei gesetzt haben, sei Freya Sampsons Roman Die letzte Bibliothek der Welt ans Herz gelegt. Ein kraftvolles Plädoyer für die Bedeutung von Bibliotheken und wider die ökonomische Kaltherzigkeit, Leseförderung mit nackten Kennzahlen gegenzurechnen. Ein Buch, das die soziale Rolle von Büchereien in den Blick nimmt, von der Bedrohung dieser Institutionen erzählt. Und nicht zuletzt auch ein Buch, das eine warmherzige Komödie ist, die von einem ganz besonderen Kampf gegen den Neoliberalismus erzählt.


„Und wir kämpfen für soziale Gerechtigkeit, für Bildung und die Zukunft unserer Kinder.“ Mrs B fuchtelte mit dem Zeigefinger vor Junes Nase herum. „Wussten Sie, dass in den letzten zehn Jahren an die achthundert Büchereien in diesem Land dichtgemacht wurden? Und wenn es nach unserer beschissenen Regierung geht, werden es noch einige mehr. Wir mögen zwar ein kleines Dorf sein, aber unser Kampf ist größer als Chalcot. Wir müssen um unsere Bücherei kämpfen, als wäre es die letzte Bibliothek der Welt.“

Freya Sampson – Die letzte Bibliothek der Welt, S. 184

Von der Überlebenswichtigkeit von Bibliotheken

Freya Sampson - Die letzte Bibliothek der Welt (Cover)

Chalcot ist eigentlich ein beschauliches Dörfchen. Doch eine Nachricht erschüttert das gesamte Dorf. Die Bücherei soll geschlossen werden, zu gering sind Ausleihzahlen und Nutzungsfrequenz in den Augen der lokalen Behörden. Doch das lassen sich die Bewohnerinnen und Bewohner von Chalcot nicht sagen. Ihre Bücherei ist für viele der Mittelpunkt des Dorfs und die Identifikation mit der Bücherei ist hoch. So stürzen sich die Chalcoter*innen in den Kampf wider die kaltherzige Bürokratie und rufen eine Initiative zur Rettung der Bücherei ins Leben. Zunächst ungewollt wird auch die Bibliothekarin June Jones in den Kampf involviert. Obwohl es ihr von der Büchereileitung untersagt wurde, mischt sie anfangs undercover im Kampf für die Bücherei mit. Denn nach dem Tod ihrer Mutter verheißt ihr der Job in ihrer geliebten Bücherei Halt und Sinn. Als gute, aber durchaus schüchterne Seele des Hauses ist ihr am Erhalt der Bibliothek gelegen. Und schon bald müssen die Analysten und windigen Lokalpolitiker feststellen, dass die Gruppe um June höchst findig und kreativ in Sachen Widerstand ist.

Man kann Freya Sampsons Buch als leichte und sehr gut gemachte Komödie über die Emanzipation einer jungen Frau und den Widerstand eines Dorfes gegen die Obrigkeit lesen. Der Humor des Buchs ist durchaus filmreif, man könnte sich eine Übernahme des Stoffs ohne weitere große Bearbeitung sofort vorstellen. Jim Broadbent, Maggie Smith und ein paar andere talentierte Mimen – und schon hätte man eine perfekte englische Komödie im Stile von Grasgeflüster.

Ein Haus für alle Gesellschaftsschichten

Man kann das Buch aber auch als entschiedenes Plädoyer für Bibliotheken besonders auf dem Land betrachten. In Zeiten, in denen das Dorfleben zum Erliegen kommt, Gewerbegebiete in Randlagen die Innenstädte ausbluten und in denen Gasthäuser und Pubs nach und nach schließen, kommt den Bibliotheken eine immense Bedeutung zu. Als nicht-kommerzielle Einrichtung ist sie für alle Gesellschaftsschichten da – was Freya Sampson anhand ihres ebenso eigenwilligen wie erinnerungswürdigen Figurenensemble durchexerziert.

Da ist der Senior, der in der Bücherei Ansprache und seinen Zeitungslesestoff findet. Da ist die Geflüchtete, die sich mithilfe des Buchbestands die Kultur ihres neuen Landes erschließt. Da sind auch die, die einfach nach Lesestoff oder sozialem Austausch suchen. Da ist aber auch die Mutter, die nur hier einen kostenfreien Internetzugang und Hilfestellung für Themen wie Bewerbungen oder schriftlicher Konversation findet. Schüler*innen, die nur hier abseits des Trubels daheim lernen können. June als gute Bibliothekarin verschafft den Menschen eben nicht nur die gesuchte Lektüre, sondern auch Ansprache, Respekt und Austausch. Diese ganzen Faktoren sind es, die dann natürlich bei einem nüchternen Blick auf Zahlen und Effizienz schnell hintenüberfallen, kann man sie doch kaum messen, aber nicht genug wertschätzen.

„Wir haben sechs Bibliotheken im County identifiziert, die sich unserer Ansicht nach am besten für eine Restrukturierung eignen. (…). Im Laufe des nächsten Quartals werden wir eine gründliche Performance-Analyse dieser Häuser durchführen, um zu ermitteln, welche Bibliothek das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweist.“

„Wie bitte? Das ist eine Bücherei und kein Start-up-Unternehmen!“ sagte eine der Strick&Schwatz-Frauen, woraufhin unterdrücktes Gelächter ertönte.

„Ruhe, bitte“ mahnte Brian.

Richard fuhr ungerührt fort. „Zu diesem Zweck haben wir eine Unternehmensberatungsfirma damit beauftragt, diese Performance-Analyse durchzuführen und die Kreisverwaltung dadurch bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen. Dabei geht es in erster Linie um Besucherzahlen und Ausleihstatistik. Daraus lässt sich dann die Kosteneffektivität der einzelnen Bibliotheken ableiten.“

„Und wie gedenken Sie den ideellen Wert der Bücherei in Ihrer Kostenanalyse zu berücksichtigen?“ June sah sie nicht, wusste aber sofort, dass es Mrs B war, die sprach. „Bildung, Inklusion, Leseförderung der Jüngsten. Lassen sich diese Werte beziffern, Mr Donelly?“

Freya Sampson – Die letzte Bibliothek der Welt, S. 58

Bedrohte Büchereien

So mochte sich der Stadtrat in meiner Heimatgemeinde bei einem oberflächlichen Blick über die Kennzahlen der Stadtbibliothek bestätigt fühlen. Was dieser Antrag dann aber eindeutig unter Beweis stellte war die Tatsache, dass er schon lange keine Bibliothek mehr aufgesucht hatte und ihre verschiedenen Wirkungsfelder überhaupt nicht kannte. Damit ist er natürlich nicht alleine, sieht man sich auch die Zahlen in Deutschland an. Erst im letzten Jahr sorgte der Fall die geplante Schließung der Ernst Abbe-Bücherei in Jena-Lobeda über die Stadtgrenzen hinaus für Aufsehen. Die Bürger*innen vor Ort initiierten eine Online-Petition gegen die Schließung, die schlussendlich auch zum Erfolg führte. Aber solche Einrichtungen sind besonders in ökonomisch schwachen und dünn besiedelten Gegenden bedroht, wie Marius Elfering in seinem informativen Feature über die Bücherei in Jena-Lobeda und ihre Bedeutung für den Stadtteil schreibt. Zählte man 2009 in Deutschland noch 11.000 Bibliotheken, waren es zehn Jahre später bereits rund 2000 weniger. Das System Bibliothek ist durchaus bedroht und es kommt auf uns alle an, für diese Einrichtungen einzustehen.

Hierfür ist Die letzte Bibliothek der Welt ein eindrucksvolles Plädoyer, das mithilfe des Humors wichtige Einsichten und Botschaften transportiert. Dass das Buch dabei nicht unbedingt beim Booker Prize Berücksichtigung finden dürfte, das will ich nicht verschweigen. Einiges ist vorhersehbar, manche Figuren wandelnde Klischees, die Sprache auch eher funktional. Aber das macht überhaupt nichts.

Fazit

In unserer Kosten-Nutzen-optimierten Zeit, in der oftmals reine Statistiken zur Entscheidungsfindung herangezogen werden, zeigt die Engländerin, dass man Bibliotheken (und natürlich nicht nur sie) nicht einfach nur rein nach ökonomischen Aspekten beurteilen kann. Ihr Buch ist ein Plädoyer für einen ganzheitlicheren Blick auf Bibliotheken, ihre vielfältigen Nutzer*innen und die Bedeutung, die sie im ländlichen Raum haben. Ein engagierter literarischer Zwischenruf und gute Unterhaltung mit komödiantischem Schmelz. Nicht nur als Bibliothekar empfehle ich dieses Buch nachdrücklich!


  • Freya Sampson – Die letzte Bibliothek der Welt
  • Aus dem Englischen von Lisa Kögeböhn
  • ISBN: 978-3-8321-6567-3 (Dumont)
  • 368 Seiten. Preis: 20,00 €

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Susan Hill – Die kleine Hand

Endlich Zeit für etwas Grusel hier in der Buch-Haltung! Passend zu Halloween gibt es ein Buch aus der schönen Reihe Gatsby Geisterhand. Diese kleine Reihe erscheint im Schweizer Kampa-Verlag und versammelt so illustre Namen wie Henry James, Paul Theroux oder Oscar Wilde. Kurze, in einheitlichem Reihendesign gestaltete Schauermärchen und Erzählungen mit übersinnlichen Elementen gibt es hier zu entdecken. Unter anderem auch das vorliegende Buch von Susan HillDie kleine Hand.

Von Susan Hill liegt im Kampa-Verlag schon ein Krimi um den Inspector Simon Serrailler und zwei weitere Romane vor, darunter die Familiengeschichte Stummes Echo. In England ist Susan Hill auch für ihre Geistergeschichten bekannt. Mit Die Frau in Schwarz erlangte sie große Popularität, die Verfilmung mit Daniel Radcliffe sorgte für zusätzliche Bekanntheit ihres Schauerromans.

Nun ist wird ihr sonstiges Schaffen langsam durch die Editionsarbeit des Kampa-Verlags auch in Deutschland bekannter. Ihr Roman Die kleine Hand ist dabei ein hervorragender Einstieg in das Oeuvre der vielseitigen Britin. Denn es hat alles, was ein guter Schauerroman braucht. Und das auf gerade einmal etwas mehr als 170 Seiten.

Ein Antiquar auf Abwegen

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Ich-Erzähler Adam Snow. Er ist als Antiquar auf alte Bücher spezialisiert. Ankäufe und Verkäufe von seltenen oder vergriffenen Ausgabe bedeuten für ihn sein Auskommen und seine Passion. Als jäger besonderer Bücher kommt er herum – so auch an jenem Abend, als er eigentlich nach einem beruflichen Ausflug zurück richtung London möchte. Doch er verfährt sich und landet auf der Zufahrt zu einem verlassenen Haus. Dieses Haus übt eine rätselhafte Anziehung auf den Antiquar aus. Und so beschließt er, den Ort zu erkunden.

Als er sich dann im Garten umtut, spürt er plötzlich eine unsichtbare Kinderhand, die nach seiner greift. Diese Hand wird er im Laufe des Buchs noch öfter spüren. Und damit eine Macht, die eine zunehmend tödliche Gefährlichkeit für Adam entwickelt …

Susan Hill hat eine Gespenstergeschichte geschrieben, die wenig Wünsche offenlässt. Ein verwunschenes Haus, eine gespenstische Erscheinung, alte Bücher, eine Prise Der Name der Rose, alles drin. Die Zutaten ihrer Geschichte sind gut vermengt und bilden aufgrund der Kürze den idealen Gruselsnack für einen nebligen und dunklen Abend. Übersetzt von Susanne Aeckerle ist Die kleine Hand eine Empfehlung, ebenso wie die restlichen toll gestalteten Monographien in dieser Geisterhand-Reihe. Da kann Halloween kommen!


  • Susan Hill – Die kleine Hand
  • Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
  • ISBN 978 3 311 27001 0 (Kampa)
  • 176 Seiten. Preis: 18,00 €
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Der ewige Gärtner

Reginald Arkell – Pinnegars Garten

Gibt es etwas Altmodischeres als Blumenschauen? Das Flanieren durch Gärten und das Fachsimpeln über Blüten, Saat und Aufzucht ist doch etwas aus der Mode geraten. Zwar erfreuen sich Botanische Gärten oder Kleingärten großer Beliebtheit und auch der Tag der offenen Gartentür findet noch statt. Aber die Gartenkunst hatte schon mal eine größere Bedeutung. Davon zeugt der Roman Pinnegars Garten von Reginald Arkell. Ein hinreißend altmodisches Vergnügen.


Reginals Arkell kam 1881 in Gloucestershire auf die Welt. Er schrieb Theaterstücke und Singspiele, diente im Ersten Weltkrieg als Offizier und verfasste mit Pinnegars Garten (beziehungsweise Old Herbaceous im Original) einen Klassiker der englischen Gartenliteratur. Sein Roman genoss solche Popularität (und tut es noch immer), dass das Buch als Theaterstück 1979 sogar vor der englischen Königsfamilie auf Schloss Windsor aufgeführt wurde. Was macht dieses Buch also zum Klassiker, der sich solcher Beliebtheit erfreut?

Reginald Arkell - Pinnegars Garten (Cover)

Es ist ein warmherziger Ton, der dieses 1950 erschienene Buch durchzieht. Ein alter Mann, genannt Old Herbaceous, also frei übertragen etwa Alter Krautkopf, sitzt in seinem Lehnstuhl und sinniert über sein Leben. Eigentlich trägt er den Namen Herbert Pinnegar. Aber zu seinem Ehrennamen kam er durch seine Passion, die sein ganzes Leben prägen sollte.

Schon als Kind gewann er einen Preis bei einer Gartenschau, als er ein außergewöhnliches Blumenbouquet pflückte. Während gleichaltrige Kinder nach der Schule zu Knechten oder Schäfergesellen wurden (wir schreiben ein England vor der Jahrhundertwende), so hat das Schicksal für Herbert einen anderen Verlauf vorgesehen.

Ein Leben als Gärtner

Über die Jahre steigt er zum Obergärtner im Dienste von Miss Charteris auf. Diese ist die Besitzerin eines Herrenhauses mit ausgedehnten Ländereien. Und Herbert tritt in den Dienst ihres Hauses ein und wächst in den folgenden Jahrzehnten mit seinen Aufgaben. Kriege kommen und Kriege gehen – Old Herbaceous ist aber mit voller Hingabe für die Gärten von Miss Charteris da. In guten, wie in schlechten Zeiten.

In einem ruhigen Ton erzählt sich Reginald Arkell chronologisch durch das Leben von Old Herbaceous. Wie er mit Miss Charteris ein ganz eigenes dynamisches Doppel bildet, wie er seinen Job interpretiert und wie er seine Gärten genauestens hegt und pflegt, davon erzählt Arkell. Und zwar so, dass man gar nicht anders kann, als diesen Gärtner und seine Chefin ins Herz zu schließen.

Dabei ist Pinnegars Garten aber keineswegs nur ein weltabgewandter und schrulliger Roman, der die Gartenkunst feiert und sonst wenig zu sagen hat. Arkell zeigt die gesellschaftlichen Verwerfungen auf, die der Übergang vom Viktorianischen zum Edwardianischen Zeitalter bedeutete. Und nicht zuletzt ist das Buch auch eine Dokumentation darüber, wie die Bedeutung der Gartenkunst über die Jahre abnahm.

Nicht nur für Gartenliebhaber*innen oder Gärtner*innen stellt Pinnegars Garten ein wirkliches Geschenk dar. Liebevoll von Elsemarie Maletzke ins Deutsche übertragen (großartig schon allein der Ausdruck Zungendresche) und mit einem Nachwort von Penelope Hobhouse versehen, ist das Buch ein wirkliches Kleinod. Mit einem Leineneinband ausgestattet nimmt uns das Buch noch einmal mit in eine längst vergangene Zeit, als die Öfen in den Gewächshäuser bollerten und Erdbeeren im Februar eine gärtnerische Sensation waren. Einfach ein toller Roman, der die Möglichkeit gibt, auch ohne eigenen Garten literarisch durch Old Herbaceous Gärten zu lustwandeln.


  • Reginald Arkell – Pinnegars Garten
  • Aus dem Englischen von Elsemarie Maletzke
  • Mit einem Nachwort von Penelope Hobhouse
  • ISBN 978-3-293-00423-8 (Unionsverlag)
  • 224 Seiten, 14,95 €

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