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Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Ei, ei, ein Ei. Belinda Bauer blickt in ihrem Roman Das Ding der Unmöglichkeit auf die vielfältigen Geschehnisse, die der Fund eines besonderen Vogeleis an der britischen Steilküste auslöst. Damit gelingt ihr ein interessanter Roman, der Einblicke liefert in die Szene der Ei-Sammler und der durch seinen Mix aus Lehrstunde über Ei-Faszination, Krimi und historischem Roman überzeugt.


Ist der Sammler an sich durchaus schon spleenig und durchaus eigen, so ist die Gattung von Sammlern, denen sich Belinda Bauer in ihrem Roman Das Ding der Unmöglichkeit widmet, noch einmal spezieller. Denn ihr Buch rückt die Gruppe der Ei-Sammler in den Mittelpunkt, genauer gesagt die Spezies der Vogelei-Sammler.

Auslöser des Ganzen ist der Fund eines ganz besonderen Vogeleis an der Küste Yorkshires in Großbritanniens. An einer Stelle der Steilküste, an die sich aufgrund eines halsbrecherischen Überhangs niemand anderes wagt, lässt sich die junge Celie Sheppard im Jahr 1926 mit dem Mut der Verzweiflung abseilen, um die Nester der dort brütenden Seevögel zu plündern.

Ganz besondere Eier

Die Eier, die dort an der Steilküste von einigen Familien „geerntet“ werden, erfreuen sich bei Händlern und Touristen großer Beliebtheit. Als Celie bei der waghalsigen Aktion einer in den Steilklippen brütenden Lumme ein ganz besonders gemustertes, mit seiner markanten roten Schalenfarbe höchst auffälliges Ei entwendet, macht die Kunde von dem besonderen Fund schnell die Runde und weckt Begehrlichkeiten.

Die feinen Härchen an Patricks Unterarmen stellten sich auf.
Die Eier waren rot.
Nicht rötlich, sondern rot.
Eine satte königliche Farbe, ungetrübt durch die Geschichte und der Natur zum Trotz.
Ein Ding der Unmöglichkeit.

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Viele Jahrzehnte später suchen Verbrecher das Zuhause von Patricks Kumpel und Nachbar „Weird“ Nick heim. Auslöser des Ganzen muss wohl ein Ei gewesen sein, das Nick auf dem Dachboden gefunden hat und das er auf Ebay veräußern wollte. Die beiden jungen Freunde wollen sich nicht mit dem Umstand des Ei-Raubs abfinden und beginnen auf eine Faust zu recherchieren, wer hinter dem Diebstahl des seltsamen Eis stecken könnte…

Eier allerorten

Belinda Bauer - Das Ding der Unmöglichkeit (Cover)

Spart schon die Aufmachung des von Conny Lösch ins Deutsche übertragenen Buchs nicht mit Eiern, die sich auf dem Vorsatz, dem Buchdeckel wie auch dem augenfälligen Cover zeigen, so ist auch Bauers Roman selbst gewissermaßen ein Nest voller kleiner erzählerischer Eier.

Sie erzählt ihren Roman nämlich weniger als stringente Erzählung, sondern gruppiert verschiedene Erzählstränge und Episoden zu einem abwechslungsreichen Leseerlebnis. So gibt es historische Exkurse zur Praxis des Ei-Sammelns an der Steilklippe und den Geschehnissen, die Celies Fund vor hundert Jahren in Gang setzt. Die zweite Haupterzählung ist die der Kumpels Nick und Patrick, die bei ihrer Suche nach den gestohlenen Eiern manch übergroße Naivität auf charmante Weise mit umso größerer Beharrlichkeit und Erfindungsreichtum wettmachen.

Das bringt auch ein komödiantisches Element in den Roman, der bei der Bergung der Eier und der Jagd nach den verschwundenen Exemplaren hauptsächlich auf jugendliches Personal setzt, das der kalten kapitalgetriebenen Welt der Erwachsenen, die nur den Geldwert in den Eiern sehen, ihre ganz eigene Perspektive entgegensetzt.

Zwischen Vogelschützern, Eiersammlern, den Ei-Bergern und Jugendlichen springt Das Ding der Unmöglichkeit immer wieder hin und her – und zeigt den Wahnsinn, in den sich jene Sammler von Vogeleiern immer wieder stürzten, die Oliver Kahns legendären Ausspruch „Eier, wir brauchen Eier“ vielleicht doch etwas zu wörtlich nahmen. Tief taucht der Roman in die Szene jener Menschen ein, die für Eier von Seevögeln oder anderen Flugtieren fast jeden Preis zu zahlen bereit sind.

„Weil er verflucht nochmal irre ist“, sagte Garrett grob, tippte sich mit einem Finger an die Stirn. „Genau wie die ganzen anderen Eier-Fetischisten. Völlig bescheuert. Du hast ja sein Haus gesehen. Da liegt Pappe auf dem Fußboden. Sein ganzes Geld hat er für schicke Vitrinen, er selbst lebt in einem Loch. Dass seine Eier jetzt zerschlagen sind, wird ihn von nichts abhalten. Würde man ihm die Beine brechen, würde ihn das auch von nichts abhalten. Essen, Klamotten, seine eigene verdammte Familie – das ist ihm alles egal. Das Einzige, was ihm wichtig ist, sind Eier. Das ist eine Obsession. Er kann nichts dagegen machen. Der Typ ist krank. Die sind alle gleich, diese Sammler. Krank.

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Eine überzeugende Mischung

Trat Belinda Bauer bislang meist mit recht durchschnittlichen Krimis in Erscheinung, so ist Das Ding der Unmöglichkeit in seiner Verschmelzung aus Geschichtsstunde und Eierjagd ein weitaus interessanterer Roman geworden, der viele unterschiedliche Leser*innen hinter sich versammeln kann.

Es ist dem herausgebenden Kunstmann-Verlag zu wünschen, dass diese abwechslungsreiche Mischung hierzulande ebenso verfängt, wie es Bauers Roman schon im englischen Sprachraum gelungen ist. Die Z-Ei-chen dafür stehen aber gut!


  • Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-95614-687-9 (Kunstmann)
  • 344 Seiten. Preis: 25,00 €

Andrew O’Hagan – Maifliegen

Oh, bittersüße Nostalgie. In Maifliegen blickt der schottische Journalist und Autor Andrew O’Hagan zurück auf eine Jugend in Schottland und fragt sich, was von jener Zeit bleibt…


Morrissey und seine The Smiths, Orchestral Manoeuvres in the Dark oder die Specials : es ist eine ganze Playlist des Britpops und -rocks der 80er Jahre, die einem wieder im Ohr klingt, wenn man sich an die Lektüre von Andrew O’Hagans Roman Maifliegen macht (Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).

Ein Wochenende in Manchester

Andrew O'Hagan - Maifliegen (Cover)

Ausgangspunkt des Ganzen sind die Erinnerungen von James, der sich noch einmal seine Jugendzeit vor Augen führt. Aufgewachsen in einer schottischen Kleinstadt verband ihn schon immer eine Freundschaft mit Tully Dawson, die zusammen einige Freunde um sich scharten, mit denen sie ihre Liebe zum Fußball und zur Musik teilten.

Prägend und zentraler Teil dieser Jugenderinnerungen war eine Reise, die die Tully und Dawson zusammen mit einem Freund nach Manchester unternahmen. Für ein Wochenende wollten sie die Stadt unsicher machen, junge Frauen kennenlernen, trinken, feiern und viel Musik hören. In Kaschemmen, Musikclubs und Plattenläden erlebten die Teenager eine Art Initiation fürs Erwachsenenleben, ehe sie der Alltag in Schottland wieder einholen sollte.

Bis hierhin lässt sich Andrew O’Hagan Roman wie ein rückblickender, nostalgiegeschwängerter Jugendromans an, den auch Benedict Wells oder Joey Goebel in leicht abgewandelter Form hätten schreiben können. Was Maifliegen aber über diese Beschau einer britischen beziehungsweise schottischen Jugend hinaushebt, ist der Cut in der Mitte des Buchs.

Dreißig Jahre später

Denn Andrew O’Hagan bricht diese Feier von Musik und Freiheitsdrang ab, um den zweiten Teil des Romans dreißig Jahre später anzusetzen. Im Jahr 2017 lernen wir den Ich-Erzähler James als Erwachsenen kennen, dem nicht viel von seiner rebellischen Adoleszenz geblieben ist. Eines Abends bekommt er eine Nachricht von Tully, den ihn aus seiner mittlerweile so eingeübten Routine reißt.

In der U-Bahn waren die Scheiben beschlagen. Ich saß in einem leeren Abteil, und vor meinem inneren Auge erschien die rote Leuchtreklame des Hotels Britannia, damals, vor vielen Jahren, zusammen mit Tully. Zuhause legte ich die Krawatte ab und goss mir einen Whisky ein. Tully arbeitete inzwischen als Lehrer. Fachleiter für Englisch. Vor vielen langen Wintern hatte er die Abendschule besucht, ganz wie beschlossen. Und jetzt unterrichtete er im East End von Glasgow, und die Schüler liebten ihn. Ich hatte eine Weile nichts von ihm gehört, und seine Nachricht beunruhigte mich. Ich versuchte, mir einen Fluss in den Highlands vorzustellen oder ein loderndes Torffeuer, als das Display aufleuchtete. „Tullygarwan, Townland von Ulster“, sagte ich. „Was liegt an?“
„Ach, Noodles.“
Einen Augenblick lang herrschte Stille.
„Lass dir Zeit.“
„Ich bin am Marsch, Mann, total im Arsch. Eigentlich wollte ich es dir gar nicht sagen.“

Andrew O’Hagan – Maifliegen, S. 168

Die Nachricht, die Tully seinem Jugendfreund dann übermittelt, zieht James dann wirklich den Boden unter den Füßen weg. Aber nachdem die beiden ja schon in Jugendzeiten unter Beweis gestellt haben, dass ihre Freundschaft tragfähig ist, will James auch Tullys letzten Wünsche noch übermitteln und beginnt so, für seinen Freund entscheidende Dinge in die Wege zu leiten.

Was bedeutet Freundschaft?

Maifliegen ist eine Hymne auf die Freundschaft und das Leben, das viel zu schnell wieder vorbei ist. Mit der zweiten Hälfte des Romans verschafft Andrew O’Hagan dem Text eine Tiefe, die der erste Teil für sich alleine nicht einlösen kann. Denn dann gesellt sich zur Nostalgie auch die Frage von dem, was von uns und unseren Bindungen bleibt, was dem Text eine ganz eigene Dramatik verleiht.

Dieser Roman ist indes bereits der zweite Auftritt von Andrew O’Hagan auf dem deutschen Literaturmarkt. Vor zwei Jahren gelang ihm und dem herausgebenden Ullstein-Verlag mit Caledonian Road ein wirklich großer Gesellschaftsroman der britischen Gegenwart, der sämtliche sozialen Schichten ausleuchtete und mit dem im Mittelpunkt stehenden – oder besser taumelnden — Intellektuellen Campbell Flynn auch sein humoristisches Potenzial entfaltete.

Ganz neu ist Maifliegen nun aber nicht, vielmehr erschien das Werk als Mayflies im Original bereits im Jahr 2020 und liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Den gesellschaftlichen Anspruch von Caledonian Road hat dieses Buch nicht und will ihn auch gar nicht haben. Vielmehr ist O’Hagans Buch der konzentrierte Blick auf eine Freundschaft zwischen Jugend und Alter und die Frage, was Freundschaft trägt und was sie bestenfalls aushalten kann.

Das macht aus dem Buch eine kleine Preziose, der hoffentlich auch etwas der Aufmerksamkeit vergönnt ist, die Andrew O’Hagans Caledonian Road bereits beschieden war.


  • Andrew O’Hagan – Maifliegen
  • Aus dem Englischen Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié
  • ISBN 978-3-550-20447-0 (Ullstein)
  • 334 Seiten. Preis: 24,00 €

Julian Barnes – Abschied(e)

Wie geht Abschied? Der britische Schriftsteller Julian Barnes verabschiedet sich mit seinem letzten Werk Abschied(e) von der literarischen Bühne und seinen Leser*innen — und nimmt sie mit in die Welt seiner Gedanken und Reflektionen. Großes Thema, lose Form.


Der Gedanke, der hinter Julian Barnes von ihm selbst als letztes Werk betitelten Abschied(e) steckt, ist ein großer. Wie geht man von der literarischen Bühne ab, wie verabschiedet man sich als Autor von seinem Publikum, wenn man noch selbst in der Lage ist, über den Abschied zu bestimmen?

Berühmt etwa das Beispiel von Jacob Grimm, der zusammen mit seinem Bruder Wilhelm das Grimm’sche Wörterbuch verfasste, in dem sie alle Wörter ihrer Zeit und deren Bedeutungen und Herkunft sammelten und erfassten. Auf der Seite 259 heißt es da in einer Fußnote zur Eintragung des Begriffs Frucht: Mit diesem Worte sollte Jacob Grimm seine Feder von dem Werke leider für immer niederlegen.

Ein selbstbestimmtes letztes Werk

Julian Barnes - Abschied(e) (Cover)

Julian Barnes möchte es da anders machen und selbstbestimmt ein letztes Werk vorlegen, da ihm sein Ende schon vor Augen steht. Myeloproliferative Neoplasie heißt die Diagnose, die er erhalten hat. Ein Art seltener Blutkrebs, zwar behandelbar, aber dennoch letal, sodass ihm noch etwas Zeit gegeben ist, um sich von der Welt zu verabschieden.
Er hat diese Zeit über die letzten drei Jahre hinweg genutzt , um Abschied(e) zu verfassen und zu nehmen.

Sein Buch ist ein Spaziergang durch Erinnerungen, dessen Ausgangspunkt der literarische Versuch eines sogenannten IAMs bildet, eine Involuntarily Autobiographical Memory, also eine unwillkürliche autobiographische Erinnerung, die eine Erinnerungskaskade auslöst.

Ähnlich wie bei seinem Hausheiligen Marcel Proust, bei dem ein in den Tee getunkter Madeleine die von Erinnerungen getriebene Handlung seines Mammutwerks Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in Gang setzt, die sich über ganze viereinhalbtausend Seiten erstreckt. Ganz so viele Seiten werden es bei Barnes nicht, ihm genügen 240 Seiten für die Coda seines über vierzig Jahre währenden Karriere als Schriftsteller.

Erinnerungen eines Lebens

Reich an Erinnerungen ist aber auch Barnes Werk. Im leichten Parlando begibt er sich ausgehend von der Theorie der IAM auf eine Erinnerungsreise, die ganz unterschiedliche Themen berührt. Barnes begreift sein Buch nämlich wirklich als Gespräch mit uns als Leser*innen, was er auch so klar formuliert.

Was mich betrifft, ich bin jetzt achtundsiebzig , und dies ist definitiv mein letztes Buch — mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen. Dass ich mein letztes Buch in aller Ruhe zu Ende schreibe und dann verstumme, hat zumindest eine nützliche Folge: Es bedeutet, dass man nicht mitten im Schreiben — wie Brian Moore fürchtete — unterbrochen wird. So spricht man dem Tod seine Handlungsmacht ab. Wenn auch, zugegeben, in sehr bescheidenem Maße.

Julian Barnes – Abschied(e), S. 229

Möchte man kritikasterhaft sein, könnte man sagen, dass Barnes‘ Werk wirklich das Gespräch mit einem älteren Herrn ist. Seine Erinnerungen kreisen um die alterstypischen Themen Krankheit, Tod und die hell glänzenden Erinnerungen der eigenen Jugend, hier in Form der Studienjahre des Erzählers in Oxford, als auch einmal ein Mädchen im Zimmerspind versteckt wurde und die olfaktorischen Spuren von deren Anwesenheit mit fleißigen Rauchen überdeckt wurden, um die Nase des Zimmerinspekteurs auf eine falsche Fährte zu locken.

Ein Gespräch mit Julian Barnes

Nun hat man aber das Glück, dass Julian Barnes der Gegenüber in diesem Gespräch ist. Denn das, was leicht in eine peinliche oder larmoyante Beschwörung der eigenen Jugend und der Hinfälligkeit hätte werden können, ist in der Realität eine durchaus charmantes Unterfangen, das von Barnes Distinguiertheit und feinem, britischen Witz getragen ist.

Egal ob Krankenhausaufenthalt zu Coronazeit, bei der Barnes als berühmter Schriftsteller erkannt wird, oder die Geschichte seiner guten Freunde, für die er gleich zwei Mal im Leben zum Beziehungsstifter wird, immer liegt über allem ein augenzwinkernder Ton, der mal wehmütiger und mal heiterer ist.

Was Abschied(e) fehlt, ist ein roter Faden. Ein wenig arg unbehauen stehen die Themen hier nebeneinander. Jugend in Oxford, der um ihn herum wegsterbende Freundeskreis von Intellektuellen wie Martin Amis oder Christopher Hitchens, der Verlust seiner Frau und die eigene Diagnose über den nahenden Tod. Immer wieder springt Barnes in seiner Erinnerungskaskade hin und her, ergeht sich in Gedanken, literarischen Betrachtungen oder biografischen Splittern.
Auch ist der Text durchwirkt von Zitaten, die von Goethe über den ebenschon erwähnten Marcel Proust bis hin zu George Sand reichen.

Fazit

So entzieht sich sein Text auch einer klaren Zuordnung. Ist es Autofiktion, ein Memoir, literarische Meditation oder in seiner Vielgestaltigkeit etwas womöglich ganz anderes? Abschied(e) lässt Fragen offen, womöglich sogar die, ob es sich hier um Julian Barnes wirklich letztes Werk handelt.

Ich würde es dem mittlerweile achtzig Jahre alten Schriftsteller auf alle Fälle wünschen, damit es ihm dann wirklich nicht so geht wie Jacob Grimm und dessen Feder, die ihm noch vor der Vollendung seines Lebenswerks aus der Hand fiel. Ein interessanter Schlusspunkt ist hier auf alle Fälle gefunden.


  • Julian Barnes – Abschied(e)
  • Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
  • ISBN 978-3-462-00919-4
  • 240 Seiten. Preis: 23,00 €

R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit

Wie geht eigentlich Ruhestand? Das muss Tom Baldwin, der Held von R. C. Sherriffs Glücksfall von wiederentdecktem Roman Vor uns die Zeit erst noch lernen. Bis dahin leiden wir mit dem ehemaligen Angestellten mit, dem es sichtbar schwer fällt, sich mit der neugewonnen Freiheit zu arrangieren. Aber man wäre nicht in einem Roman von R. C. Sherriff, wenn sich nicht doch alles noch irgendwie fügen würde…


Es gibt gelungenere Symbole als das einer Uhr, die der Angestellte Tom Baldwin an seinem letzten Arbeitstag von den Kollegen überreicht bekommt. Ist es ein Zeichen, dass seine Zeit abläuft, ein Hinweis auf die verbleibende Lebensspanne? Oder vielleicht doch eher ein Geschenk mit der Intention, dem Beschenkten vor Augen zu führen, wie viel Zeit er nun hat?

Dass es ganz schön schwierig sein kann, mit der nun neugewonnenen Zeit im Ruhestand umzugehen, das muss Tom Baldwin schon recht bald erkennen. Denn nun ist er auch tagsüber zu Hause in seinem kleinen Häuschen im Londoner Vorort Brondesbury Park zusammen mit der Hausangestellten Ada und seiner Frau Edith. Statt Harmonie und neugewonnener Zeit mehren sich aber schon bald die atmosphärischen Störungen zwischen den Eheleuten und mit der Hausangestellten.

Willkommen im Ruhestand

Dabei hatte er sich alles so schön ausgemalt, auch im Hinblick auf Vorbilder in Sachen Schaffenskraft im Rentenalter:

Das goldene Zeitalter lag für einen Mann, wenn er vernünftig gelebt hatte, zwischen sechzig und fünfundsiebzig. Männer hatten sich in dieser Zeit aus Tälern zu Berggipfeln emporgeschwungen. Hindenburg zum Beispiel, 1914 ein Soldat im Ruhestand, weltberühmt mit siebzig, Präsident von Deutschland mit fast achtzig. Oder Gladestone, der mit sechsundsiebzig an die Macht zurückgekehrt, mit , mit dreiundachtzig noch ein großer Premierminister war… oder Dutzend andere … Shaw schrieb mit siebzig Meisterwerke, und da war er, der als Pensionist nach Hause kam und dachte, er stünde mit achtundfünfzig mit einem Fuß im Grab!

R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit, S. 22

Weder die Versuche des Studiums historischer Bücher noch die Gartenarbeit führen zu einem erfüllten Dasein Baldwins, im Gegenteil. Sogar bei so profanen Dingen wie der Nutzung eines Besens geraten sich die drei Hausinsassen in die Haare. Immer unglücklicher wird dieser Tom Baldwin und es scheint sich zu bestätigen, was ihm schon eine Zeitungsmeldung auf dem letzten dienstlichen Heimweg in der Bahn einst vor Augen führte. Denn damals stolperte er über die Zeitungsmeldung eines Mannes, der im Ruhestand angesichts des nun vor ihm liegenden unstrukturierten Zeithorizonts keine Lösung außer einem Suizid wusste.

Im Milieu der kleinen Leute

R. C. Sherriff - Vor uns die Zeit (Cover)

Ganz so dramatisch kommt es in R. C. Sherriffs Vor uns die Zeit aber nicht, da der Autor von einer großen Hingabe und Sympathie zu seinen Figuren getragen ist und diese mit Geschick und Wohlwollen durch die Handlung lenkt.

Wie schon bei seinem ersten wiederentdeckten Roman Zwei Wochen am Meer spielt auch dieser Roman im Milieu der kleinen Leute. Es sind keine spektakulären Wendungen oder Ereignisse, die der 1896 geborene Brite in den Mittelpunkt seiner Bücher rückt. Vielmehr sind es die kleinen Dinge im Leben wie ein Strandurlaub oder im vorliegenden Fall der Ruhestand und die Frage, welche Wagnisse man im gesetzten Alter noch einzugehen bereit ist.

Mit viel Liebe zu seinen Figuren beschreibt Sherriff in seinem 1936 unter dem Titel Greengates erschienenen Roman das vertraute Miteinander der Eheleute Baldwin, ihre kleinen und größeren Sorgen und Nöte – und gönnt ihnen einen Neuanfang zu zweit (ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen). Dabei lebt das Buch von seiner Atmosphäre zwischen den Figuren und dem Optimismus, der dem Buch trotz der leicht niederschmetternden ersten Hälfte doch innewohnt.

Neben der Wärme und dem Optimismus ist es aus heutiger Sicht auch eine ganz große Portion Nostalgie, die Vor uns die Zeit innewohnt. Denn nicht nur der Erzählton stimmt nostalgisch, auch der ruhige Gang des Lebens oder Umstände wie ein Renteneintritt mit 58 Jahren oder Kaufpreise von 850 oder 1100 Pfund für ganze Häuser in und um London herum lassen heute wehmütig schmunzeln bei der Lektüre.

Fazit

Wie schon in seinem ersten wiederentdeckten Roman ist auch Vor uns die Zeit (diesmal benachwortet wie auch übersetzt von Rainer Moritz , der einen besseren Job gemacht hat als sein Kollege der Übertragung von Zwei Wochen am Meer) ein warmherziger Roman aus der Welt der kleinen Leute.

Möchte man den Roman in der originellen Zuordnung einpassen, die eine der Romanfiguren, nämlich ein Pfarrer unter dem schönen Titel Bücher zum Lesen und Bücher zum Feuermachen anbietet, muss man Vor uns die Zeit unbedingt in die erstere Kategorie packen.

Eine wundervolle Wiederentdeckung ist dieses Buch – nicht nur für kurz vor der Rente stehenden oder in dieser Sinn suchenden Leser, sondern für alle Fans warmherziger und gut beobachtete Literatur der alten britischen Schule, wie sie auch ein J. L. Carr oder Reginald Arkell schrieben!


  • R. C. Sherriff – Vor uns die Zeit
  • Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Moritz
  • ISBN 978-3-293-00635-5 (Unionsverlag)
  • 336 Seiten. Preis: 26,00 €

Paul Gallico – Der Krönungstag

Wir schreiben den 2. Juni 1953 und ganz Großbritannien steht Kopf. Denn heute ist er gekommen, Der Krönungstag, an dem Elizabeth II. zur Königin ausgerufen wird. Das möchte sich auch die Familie Clagg aus Sheffield nicht entgehen lassen – und stolpert in Paul Gallicos nostalgischer Geschichte in ein Abenteuer in der britischen Hauptstadt.


25 Guineen, so viel hat jedes der Tickets gekostet, das Familienvater Will Clagg für seine zwei Kinder Johnny und Gwendoline, seine Frau Violet und die griesgrämige Schwiegermutter erworben hat. Es ist ein halbes Vermögen für die Familie aus der Arbeiterschicht, das der Vater in Tickets investiert hat, um mit dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird und die frisch gekrönte Elizabeth II. am Krönungstag auf dem Weg vom Buckingham Palast hin zur Westminster Abbey mit einer großen Parade gefeiert wird.

Er sagte bloß an einem Sonntagnachmittag Anfang April, als sie in dem bescheidenen Haus in der Imperial Road Nr. 52 in Little Pudney am Esstisch saßen: „Hört mal, was würdet ihr sagen, wenn wir alle zur Krönung nach London fahren?“
Die Frage hatte seine Familie erschüttert, verblüfft, aufgewühlt, hypnotisiert, erschreckt und verzaubert. Er hatte sie wie eine glimmende Zündschnur auf den Tisch geworfen, wo sie brannte und sprühte und den Rauch und die Flammen des Abenteuers entfachte.

Paul Gallico – Der Krönungstag, S. 20

Für die Familie bedeuten die Tickets eine echte Entscheidung, denn um sich die Kosten leisten zu können, hat der Familienrat getagt und entschieden, anstelle des jährlichen Urlaubs am Meer diesmal das Geld in die Krönungstickets zu investieren.

Eine Familie im Krönungsfieber

Paul Gallico - Der Krönungstag (Cover)

Doch dann das: als sich die Familie übermüdet nach einer nächtlichen Bahnfahrt von einem Vorort in Sheffield im vibrierenden London wiederfindet, folgt auf die Euphorie schnell die Ernüchterung. Denn die über einen Verwandten besorgten Karten sind eine dreiste Fälschung. Das Haus, von dem aus sie in der ersten Reihe einen Blick auf die Parade werfen wollten, erweist sich als Brandruine. Die Familie ist Betrügern aufgesessen.

Und so gibt es statt der erhofften Blicke auf Kutsche und Königin, Champagner und Parlando mit Menschen von Welt nur lange Gesichter im Nieselregen der britischen Hauptstadt. Doch davon lassen sich die Claggs nicht unterkriegen und verbringen den Krönungstag trotzdem in London, das vor Erregung über die kurz bevorstehende Krönung zu vibrieren scheint.

Gelungen erzählt der 1897 geborene US-amerikanische Sportreporter und Schriftsteller Paul Gallico in dem ursprünglich 1962 erschienenen Roman Der Krönungstag von der einzigartigen Atmosphäre in der britischen Hauptstadt. Es ist das Nebeneinander von großen Enttäuschungen und kleinen Dingen, die den Tag dann doch unvergesslich machen, das anrührt.

Ein ganz besonderer Tag

Denn trotz der großen Enttäuschungen des aufgesessenen Ticketbetrugs erlebt die Familie immer wieder kleine besondere Momente, die für sie den Tag besonders machen und die zumindest kurzzeitig die im Alltag stets manifesten Klassenschranken an diesem Tag als überwindbar erscheinen lassen:

Denn der Korken stand in gewissem Sinne für das Durchbrechen des Musters der Enttäuschungen in ihrem Leben

Paul Gallico – Der Krönungstag, S. 177

Ein Fläschchen Champagner im Bordbistro, ein Regimentsabzeichen, ein Schluck Gin für die miesepetrige Großmutter – es sind die kleinen Dinge, die für die Claggs doch so viel bedeuten, wovon Paul Gallico anschaulich zu erzählen vermag. Ähnlich wie in R. C. Sherriffs Roman Zwei Wochen am Meer ist es auch hier eine durchschnittliche Arbeiterfamilie, die trotz materieller Beengtheit einem Tag etwas ganz Besonderes abzuringen vermag.

Fazit

Das Besondere in einfachen Leben und der Moment, wenn Momente in Leben unvergesslich werden, Paul Gallico vermag in diesem nostalgischen Roman rührendend davon zu erzählen und erinnert damit auch an andere Erzähler wie den schon erwähnten R. C. Sherriff, Reginald Arkell oder J. L. Carr.


  • Paul Gallico – Der Krönungstag
  • Aus dem Englischen von Robert Lucas
  • ISBN 978-3-311-70422-5 (Oktopus)
  • 192 Seiten. Preis: 16,99 €