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Hal Ebbott – Unter Freunden

Zwei Freunde, ein Treffen mit Anhang im Wochenendhaus des einen, Frotzeleien, leichte sportliche Betätigungen und Erinnerungen an die eigenen Vergangenheit. So könnte das Treffen Unter Freunden ablaufen, das die Jugendfreunde Emerson und Amos anstreben. Doch dann nimmt alles einen ganz anderen Lauf, wie Hal Ebbott in seinem Debütroman zeigt.


Selten klafften bei einem Buch zuletzt Erwartung und Realität so auseinander, wie es bei Hal Ebbotts Debüt Unter Freunden der Fall ist. Beworben als „Sommer-Leseempfehlung“ der New York Times, las ich offenbar etwas unachtsam den Klappentext und ließ mich von der Beschreibung eines Aufeinandertreffen alter Jugendfreunde in einem Wochenendhaus schnell auf eine falsche Fährte locken.

Tatsächlich ist das Setting eines sommerlichen Feriendomizils fernab des normalen Alltags in Amerika ja ein beliebtes erzählerisches Motiv und erinnert an die Werke Miranda Cowley Hellers oder Richard Russos.

Von der sommerlichen Leichtigkeit, mit der bei diesen Autor*innen auch schwere Themen, überraschende Erkenntnisse über die eigene Vergangenheit oder die bei solchen Treffen festzustellende Distanz zwischen den Charakteren grundiert werden, ist bei Hal Ebbott keine Spur.

Keine sommerliche Leichtigkeit

Hal Ebbott - Unter Freunden (Cover)

Zwar beginnt bei ihm auch alles recht typisch mit der Anreise von Amos, seiner Frau Claire und der Tochter Anna zum Wochenendhaus seines Freundes Emerson, den er seit Jugendtagen kennt, sodass man einen sommerlichen Easy Read erwarten könnte. Doch schon bald verflüchtigt sich diese Erwartung.

Von der Straße getragen, glitt das Auto durch den Wald. Die gelben Markierungen waren rissig, der Asphalt jedoch glatt. Quer durch das Land zog er sich. Links und rechts erstreckte sich die Welt im trägen Stumpfsinn eines abgeflauten Sturms. Satt, schläfrig und selbstzufrieden.
Ab und zu verschwanden die Bäume, und der große Fluss kam zum Vorschein, glatt, grau und schimmernd wie Fischhaut. Eine Ortschaft kam näher — ein Dorf aus Häuschen und gestapeltem Gemüse. Daneben mit Kreide gekritzelte Preise und zum Bezahlen ein Becher, den niemand bewachte.
Die Straße floss weiter; in eine Senke hinab, dann einen Steilhang hinauf. Schließlich eine scharfe Abzweigung — die, vor der man Neulinge in der Wegbeschreibung warnte, weil sie so leicht zu verpassen war. Der Boden knirschte unter den Reifen, Wurzeln rüttelten die Koffer durch. Der Nachbarshund preschte hervor, als er sie hörte, lief bellend und schwanzwedelnd neben dem Wagen her. Vögel flohen aus den Büschen und tüpfelten den Himmel.

Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 22

Auch wenn es sich hier noch so anlässt: die Idylle ist es nicht, die Hal Ebbott im Sinn hat, im Gegenteil. Denn auch wenn die Jugendfreunde anlässlich Emersons 52. Geburtstag anfangs in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen, Sport treiben und dabei mal gespielter, mal ernstlicher miteinander konkurrieren, so kippt das Buch ab der Mitte in ein düsteres Kammerspiel, das jegliche Sonne vermissen wird.

Zwei Jugendfreunde und eine unfassliche Tat

Ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, kommt es aus der angespannten Stimmung heraus zu einem sexuellen Übergriff im Landhaus. Fortan kreist der Roman um die Frage, wie sich alle Figuren zu dem Erlebten verhalten. Ignoriert man es, zweifelt die Echtheit des Erlebten an, sucht man die Aussprache oder flieht vor der Wahrheit?

Unter Freunden dekliniert die verschiedenen Ansätze durch und blickt aus mehreren Perspektiven auf die Tat, die die Figuren ganz unterschiedlich wahrnehmen. Dabei ist die Wahrnehmung der zentrale Begriff, den Ebbotts Schreiben kennzeichnet. Gefühle und Wahrnehmungen spielen eine starke Rolle, immer wieder greift Ebbott als erzählerisches Mittel zurück auf die Beschreibung der inneren Welt der Figuren, was den Effekt des Kammerspiels noch einmal verstärkt.

Beständig kreisen die Gedanken der Figuren um sich und ihren Kosmos. Dahinter tritt die äußere, eh recht knappe Handlung, zusätzlich zurück. Beispielhaft etwa diese Gedankenarabeske, über die Emerson brütet, nachdem er aufgrund einer Sportverletzung an seinem Geburtstag zur Ruhe im Sessel zum Nichtstun gezwungen ist.

Emerson antwortete nicht. Weder wollte er den Gedanken würdigen noch zugeben, dass er ihm selbst schon gekommen war. Dass er sich mit zweiundfünfzig Jahren ein „Ausgerechnet heute“ nicht verkneifen konnte, machte ihn bloß noch erbärmlicher. Eine Verletzung zu beklagen, war verständlich; unverzeihlich schien ihm das Bedürfnis nach einer besonderen Gelegenheit. Doch da saß er nun, in seinem breiten Ledersessel, umgeben von Regalen voller ernster, kluger Bücher, und konnte nicht anders. Ausgerechnet an meinem Geburtstag, verdammt. An meinem scheiß Geburtstag.

Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 106

Ein Fall für eine Triggerwarnung

Ein letzter Gedanke sei auch noch zur oft belächelten und schon wieder etwas aus der Mode gekommenen Triggerwarnung angebracht. Obschon in manchen Fällen sicher fraglich, drängt sich im Falle von Unter Freunden in meinen Augen eine solche Vorwarnung auf, obgleich spät im Klappentext von „einem schockierenden Akt der Gewalt“ die Rede ist.

Dennoch bereitet dieses unkonkrete Raunen kaum auf das vor, was plötzlich im Text steht und Menschen mit Traumata oder einer Vorgeschichte recht unvermittelt überfällt und verletzen könnte. Hier wäre eine Warnung in Form einer vorangestellten Notiz durchaus angebracht, so mein Empfinden.

Das bringt mich dann auch zum eingangs erwähnten Label der Sommer-Lektüre zurück. Spätestens wenn ich mir als nicht sonderlich sensibler Leser Gedanken über Triggerwarnungen in einem düsteren Kammerspiel mit unfasslicher Tat mache, ist jegliche sommerliche Leichtigkeit perdu.

Eine „Sommer-Leseempfehlung“ ist Unter Freunden somit nicht, vielmehr eine dunkle, gedanken- und perspektivenreiche Analyse eines Übergriffs und dessen Verarbeitung im Kleinen, die auch auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit derlei Themen blicken lässt.


  • Hal Ebbott – Unter Freunden
  • Aus dem Englischen von Jan Schönherr
  • ISBN 978-3-546-10107-3
  • 336 Seiten. Preis: 24,00 €

Markus Orths – Die Enthusiasten

Hat er es nun oder hat er es nicht? Die Möglichkeit eines unbekannten zehnten Bandes des megalomanischen Textwerks Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne macht im Roman Die Enthusiasten von Markus Orths den Sterne-Ultra Vincent völlig kirre — und eröffnet den Blick ins Innere einer besonderen Familie.


Es ist ein literarisches Erweckungserlebnis, wie es nur wenigen Literaturfans zuteilwird. Als er in einem Zug gen Freiburg ein liegengelassenes Exemplar des britischen Klassikers Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne zu lesen beginnt, wird Vince Stein förmlich in den Text gesogen, sodass er seinen Ausstieg in Freiburg verpasst und sich ein Land später als völlig neuer Mensch am Endhalt des Zugs am Badischen Bahnhof in Basel wiederfindet.

Es ist der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft für den so außergewöhnlichen wie sperrigen Text, der Vince sogar jährlich ins kleine englische Dörfchen Coxwold pilgern lässt, wo sich der Schöpfer des Tristram Shandy begraben ist. Dort, an der letzten Ruhestätte des Dichters, trifft er sich mit Gleichgesinnten, die allesamt die Leidenschaft für Sterne und die akademisch höchst umstrittene Theorie des zehnten Buchs verbindet.

Die Nachricht fiel auf fruchtbaren Boden. Im Grunde genommen hatten wir insgeheim unser ganzes Leben lang nach einer solchen Nachricht gedürstet. Dazu muss gesagt werden: Das für uns meisterhafteste Werk der Literaturgeschichte, ebenjenes Buch The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman, besteht aus neun Büchern oder Bänden, englisch Volumes genannt. Veröffentlich wurden die Bücher oder Bände in den Jahren 1759 bis 1767. Sowohl Professor Doktor Ole Andersson als auch Professor Doktor Bianca Barbosa als auch ich sind Vordenker, um nicht zu sagen, Initiatoren der sogenannten Zehn-Bücher-Theorie.
Diese Theorie basiert unter anderem auf der Veröffentlichungshistorie der vorhandenen neun Bücher, welche sich wie folgt darstellt:
Das erste Buch & das zweite Buch. York 1759.
Das dritte Buch & das vierte Buch. London 1761.
Das fünfte Buch & das sechste Buch. London 1762.
Das siebente Buch & das achte Buch. London 1765
Das neunte Buch… London 1767.
Das zehnte Buch: es fehlt.

Markus Orths – Die Enthusiasten, S. 28

Auf der Jagd nach dem zehnten Volume

Markus Orths - Die Enthusiasten (Cover)

Doch nun ist alles anders, als sie dort am Grab Sterne die Nachricht eines mysteriösen Mannes namens Morton Minelli erhalten, der im Besitz des zehnten Buchs des Tristram Shandy sein will. Erste Sätze aus dem Werk zeigen, dass tatsächlich etwas dran sein könnte mit dem fehlenden Band.

Eine Sensation zeichnet sich ab. Doch schon die Frage nach dem Erwerbungsbudget des im Besitz Minellis befindlichen Volumes stellt die Akademiker vor große Probleme, weshalb Vince nur einen waghalsigen Ausweg sieht. Damit liegt der junge Mann ganz auf seiner Familienlinie, wie der zweite Erzählstrang des Buchs beweist, den Markus Orths immer wieder in die Handlung zwischenschaltet.

Denn Vincents Familie ist eine Ansammlung von Exzentriker*innen, was von der „Koboldmutter“ bis hin zu den drei Kindern reicht. Während der Vater als Schriftsetzer die Biografie von Guido Westerwelle sinnentstellt, dreht Vince‘ Bruder Marcellus experimentelle Filme und forscht die Tochter Elfi in Sachen Antimaterie.
Ein Schwarzes Loch findet sich auch in der Familie, es ist die Mutter, die 1984 ohne ein weiteres Lebenszeichen aus dem Leben der übrigen vier Familienmitgliedern verschwand.

Eine Leerstelle namens Mutter

Orths Buch liest sich in Sachen der exzentrischen Familie wie eine Weiterführung seines Kinderbuchs Crazy Family, das vor drei Jahren erschien, nur diesmal eben an ein älteres Publikum gerichtet. Die exzentrischen Charaktere sind sich sehr ähnlich, wozu sich hier eine nicht minder verrückte Handlung gesellt.

Neben der Jagd nach dem zehnten Band des Tristram Shandy erzählt Die Enthusiasten auch von der Leerstelle der fehlenden Mutter und der Suche nach ihr, die die drei Geschwister füllen wollen. So führt sie die Suche nach dem Verbleib ihrer Mutter unter anderem nach Italien, wo sie sich auf der Suche nach der selbstbetitelten „Koboldmutter“ in Berge hineinbuddeln und dabei im Untergrund nicht nur auf grimmige Bären stoßen.

Orths Roman ist voller wilder Erzähleinfälle wie der einer asiatischstämmigen Masseurin, die seit Kurzem im kleinen Coxwold arbeitet und an deren Wand wiederum ein Bild von Vincents Bruder Marcellus hängt. Diese gerät dann in die wahrhafte Räuberpistole um das Werk Laurence Sternes, dazu werden hier Ratten aus der Toilette torpediert und verbeißen sich im Hintern des Erzählers, noch dazu gibt es intertextuelle Spielereien mit früheren Romanen Markus Orths, daneben kleine textliche Eastereggs wie etwa eine Pistole, die im Tschechow’schen Sinn eingeführt wird dann viele Seiten später auf Seite 214 genau zum richtigen Zeitpunkt erneut Erwähnung findet.

Literarische Spielfreude im Überfluss

Man kann Markus Orths wirklich keine mangelnde Spielfreude vorwerfen. Dennoch bleibt die Frage, ob das, was uns hier so kreativ präsentiert wird, erzählerisch auch aufgeht.

Dem ist leider nicht wirklich so. Denn obschon die Räuberpistole rund um das zehnte Buch Laurence Sternes eine schöne Idee ist (mit der Orths erstmals im Galiani-Verlag publiziert, der auch die prachtvolle Neuausgabe des Tristram Shandy in der Übersetzung von Michael Walter verantwortet), die Familiengeschichte mit ihren Originalen und der schmerzenden Leerstelle der fehlenden Mutter auch keine schlechte Idee ist und das Buch einen Lesesog erzuegt, so verbindet sich das alles aber nicht wirklich organisch.

Orths erzählt seitenweise Filmhandlungen aus Der Zauberer von Oz oder Mr. Bean macht Ferien nach, spielt mit den Realitätsebenen seines Erzählens und bringt auf die letzten Meter noch eine waghalsige Schlusspointe in den Roman ein, die zwar angesichts der Diskussionen um die Künstliche Intelligenz nicht unrelevant ist, dennoch aber den bruchstückhaften Charakter dieses Erzählens weiter offenlegt.

Thematisch auf der Höhe der Zeit, aber erzählerisch zu unausgegoren

Es passt alles nicht wirklich zusammen und wirkt, mit Abstand betrachtet, als erzählerisches Ganzes unausgegoren. Bestes Beispiel ist der Buchtitel. Worauf bezieht sich der Titel der Enthusiasten? Sind es die Laurence Sterne-Enthusiasten, die sich selber zwar so nicht nennen, aber vielleicht so umschrieben werden könnten? Oder bezieht sich der Titel auf die Familie, die ja eigentlich den erzählerischen Hauptteil des Buchs ausmacht, aber weniger enthusiastisch denn exzentrisch ist?
Besieht man dieses Erzählen näher und bedenkt es genauer, wirkt alles nicht ganz rund, sodass sich in die Bewunderung für Markus Orths Fabulierlust auch leichte Enttäuschung über die fehlende Haftfähigkeit zwischen den einzelnen Erzählelementen mengt.


  • Markus Orths – Die Enthusiasten
  • ISBN 978-3-86971-330-4
  • 365 Seiten. Preis: 24,00 €

Karine Tuil – Die Liebeshungrigen

Kulminationspunkt Cannes. In ihrem neuen Roman Die Liebeshungrigen blickt Karine Tuil auf einen abgewählten französischen Präsidenten und sein Umfeld und schildert einen möglichen #metoo-Skandal, der spät, dafür aber umso spektakulärer an der Croisette in Cannes einschlägt..


Liest man den neuesten Roman der Französin Karine Tuil, so wird man unweigerlich an das politische Personal der Grande Nation unserer Tage erinnert. Sie besetzt ihr Buch mit einem ehemaligen Präsidenten namens Dan Lehmann, der als Linker mit großen Erwartungen in sein Amt an der Spitze der Republik gestartet war . Ein großes politisches Werk glückte ihm allerdings nicht und so wurde er nach nur einer Amtszeit abgewählt und hadert bis heute mit dem damit einhergehenden Machtverlust.

Nicht einmal seine Frau, eine glamouröse Schauspielerin mit deutschen Wurzeln, kann ihn über den Machtverlust hinwegtrösten. Zuflucht hat dieser Dan Lehmann im Alkohol gefunden, der zunehmend seinen Alltag dominiert. Sein Versuch einer zweiten Karriere als Schriftsteller, die er mit einer Romanbiografie über Karl Marx wagte, hat nicht nur einer platten erotischen Szene wegen wenig Gnade bei Publikum und Kritik gefunden.

Ein Ex-Präsident im freien Fall

Nicht besser wird das Ganze, da ihm auch noch eine Aussage in einem Prozess über Wahlkampfspenden ins Haus steht. Bei solchen markanten biografischen Strichen kann man sich schon einmal an Nicolas Sarkozy und seine Ehefrau Carla Bruni erinnert fühlen, der jüngst mit der Nachricht der Anfertigung eines Buchs über jene zwanzig Tage im Gefängnis auffiel, die er infolge des Prozesses um die illegale Finanzierung seines Wahlkampfs durch Muammar Al-Gaddafi verbüßte.

Dieser Dan Lehmann ist eine wehleidige Figur, der seine Tage mit Trinken und einem Diktiergerät verbringt, in das er seine Weisheiten und Erkenntnisse spricht, wie Karine Tuil ausführlich zeigt.

Sicher, einige Vergünstigungen waren ihm geblieben: eine jährliche Pension in Höhe von 75.000 Euro, zu der sich ein Monatsgehalt von 13.500 Euro gesellte, das er als Mitglied des Verfassungsrats erhielt; zwei Polizeibeamte, die rund um die Uhr für seine persönliche Sicherheit sorgten; ein Dienstwagen mit zwei Fahrern: ein dreihundert Quadratmeter großes Büro in der Rue de Ponthieu, inklusive mehrerer Mitarbeiter. Doch das alles wog nicht die brennende Enttäuschung darüber auf, dass er keine wichtigen, das Schicksal der Nation betreffenden Entscheidungen mehr fällen durfte, dass er nicht für eine zweite Amtszeit gewählt worden war, dass er nicht hatte überzeugen können.

Karine Tuil – Die Liebesbedürftigen, S. 37

Um ihn herum gesellen sich langsam weitere Figuren aus seinem unmittelbaren Umfeld hinzu.
Da ist Hilda Müller, eine deutlich jüngere Schauspielerin mit deutschen Wurzeln, mit der Lehman eine gemeinsame Tochter hat. Wo Lehman unter dem Machtverlust leidet, ist es bei ihr der Verlust ihrer bisherigen Arbeit als vielbeachtete Aktrice. Kein Regisseur will sie als Frau an der Seite eines gescheiterten Präsidenten mehr besetzen.

Ein komplexes Personengefüge

Karine Tuil - Die Liebeshungrigen (Cover)

Den Ausweg aus der Krise verheißt ihr der anstehende Film eines gefeierten Regisseurs, der Hilda als Arbeiterin besetzen will. Geschrieben hat die Buchvorlage ausgerechnet Marianne, die Ex-Frau von Dan, mit der er zusammen drei Kinder hat. Diese beiden führt Karine Tuil ebenso als Erzählfiguren ein, wobei das Ganze zusätzlich verkompliziert wird, da nicht nur Hilda eine Affäre mit dem Regisseur beginnt, sondern auch Mariannes Tochter Leo für den Regisseur schwärmt.

Angesichts der komplexen Ausgangslage überrascht es nicht, dass Karine Tuil einige Zeit braucht, um die Figuren mitsamt ihrer Abhängigkeiten auf dem Spielfeld zu platzieren und diese aufeinander auszurichten.

Was dann folgt, ist ein Roman, der unbarmherzig auf den Kulminationspunkt Cannes zuläuft. Mitleidenschaft, so der Titel der Buchverfilmung, kennt hier nämlich jeder und keiner. Während die Figuren alle voreinander Dinge verheimlichen, mal näher aufeinander zutreiben und sich wieder entfremden, hat es der Film derweil in die Auswahl zu den Filmfestspielen an der Croisette geschafft.

Kulminationspunkt Cannes

Dort innerhalb und außerhalb des Kinosaals treffen alle Figuren aufeinander und es entwickelt sich ein verhängnisvolle Dynamik. Denn obwohl er sich filmisch mit der Frage von #metoo auseinandersetzen wollte, umfloren den Film und vor allem seinen Regisseur nun realiter plötzlich Vorwürfe von überzogener Gewalt und Machtmissbrauch, die sich im Rahmen der Vorführung der Films dort in Cannes Bahn brechen.

Wie schon ihr vorletzter Roman Menschliche Dinge verhandelt auch Die Liebeshungrigen wieder die Fragen von Macht und Einfluss, deren Aushandlungsmittel hier fast ausschließlich Sex und Affären sind. Während auf der Leinwand und unter der Sonne Cannes die größten Illusionen gepflegt werden, sieht die Realität deutlich ernüchternder aus.

Nach außen wahrt man die Fassade, postet seinen vermeintlich glamourösen Alltag, während Lehman, der von seiner Frau ein Auftrittsverbot für den Roten Teppich erhalten hat, in der Villa eines befreundeten Unternehmers am Pool säuft oder eine Schauspielerin, die in Mitleidenschaft lediglich die Rolle des Körperdoubles spielt, verzweifelt Zutritt zu den wichtigen Veranstaltungen und Netzwerktreffen zu erhalten versucht, während sie in der günstigsten Absteige nächtigen muss.

Alle Figuren taumeln hier auf eigene Weise durch die Handlung, was einen Gesellschaftsroman im besten Sinne ergibt.
Denn nicht nur, dass Karine Tuil in die Sphären der großen Politik und der Filmwelt vorstößt (besonders schön hier die kleine Referenz an die Übersetzerin und Buchpreis-Gewinnerin Anne Weber, die einer Filmproduzentin ihren Namen leihen darf), besonders interessant wird der Roman neben seiner Figurenkonstellation voller Abhängigkeiten und gesellschaftlichen Schichten besonders durch die mannigfaltige Brechung der Frage von Macht, Machtausübung und Machtverlust.

Machtverlust und Machterhalt

Begehren und Sex sind bei ihr eigentlich nie reiner Selbstzweck, immer wieder wird darüber die Frage von Macht verhandelt. Anders als im schon erwähnten Roman Menschliche Dinge kommt Tuil hier zu überzeugenderen Schlüssen und schont ihre Figuren nicht. Konsequent blickt sie auf das Miteinander ihrer Personen, das viel zu oft ein Gegeneinander ist und bei dem die Autorin an Dramatik nicht spart (vielleicht sogar den ein oder anderen Strich zu dick aufträgt, insbesondere im Finale).

Im Falle von Die Liebeshungrigen tritt auch der seltene Fall auf, dass der deutsche Titel dem französischen Original fast überlegen ist (Übersetzung des Textes aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch).

Großartig mehrdeutig zu lesen ist dieser Titel, den die deutsche Übertragung für den sperrigeren französischen Originaltitel La guerre par d’autres moyens gefunden hat, schließlich klingen in ihm schon die Sehnsucht nach Liebe und der Hunger nach ihr an, die in Tuils Buch dann auch schlüssig ausgedeutet werden.

Fazit

Die Liebe und das Geliebtwerden, es wollen hier fast alle Figuren. Vor allem aber wollen sie Macht — und das ergibt einen hochaktuellen, gesellschaftlich relevanten Roman, wie ihn in dieser Form wohl nur französische Autor*innen hinbekommen.

Die Liebeshungrigen erzählt unterhaltsam von Süchten und Verlangen und blickt von ganz oben nach ganz unten. Süchte und Verlangen fängt Tuils Buch erfreulich facettenreich ein und verstrickt ihre Figuren mit viel erfreulich viel erzählerischer Lust in einem Gespinst der Abhängigkeiten und Konflikte.


  • Karine Tuil – Die Liebeshungrigen
  • Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch
  • ISBN 978-3-423-28522-3 (dtv)
  • 400 Seiten. Preis: 25,00 €

Helena Falke – Noch fünf Tage

Endlich mal wieder ein guter deutscher Thriller, der mit eigenen Ideen überzeugt! In Noch fünf Tage kreuzt die unter Pseudonym schreibende Helena Falke die Welt der Sternekulinarik mit einem unbarmherzig tickenden Countdown. Denn eine Spitzenköchin liegt im Sterben und hat noch fünf Tage, um herauszufinden, warum nur.


Davos, das ist spätestens seit Thomas Manns Zauberberg ein Hort der Literatur – und seit den 70er Jahren auch ein Hort der Hochfinanz, wenn alljährlich im Januar die Spitzen aus Politik und Wirtschaft einfliegen, um beim Weltwirtschaftsforum vor montaner Kulisse über den Zustand und das Ziel der westlichen Wirtschaftswelt und Gesellschaft zu debattieren.

Helena Falke kreuzt nun für ihren in Davos spielenden Thriller Literatur, Wirtschaft und Kulinarik zu einem ganz besonderen Buch. Die zugrundeliegende Idee des Ganzen ist nämlich enorm bestechend.

Polonium im Essen

Helena Falke - Noch fünf Tage (Cover)

Die Köchin Lis Castrop liegt in einem Krankenhaus in Davos und ihr bleiben Noch fünf Tage. In ihrem Körper findet sich eine hohe Dosis des radioaktiven Giftes Polonium-210, das vor ihr schon für den Tod etwa des russischen Überläufers Alexander Litwinenko sorgte.

Die Industriellenfamilie Harman, die Lis am Abend zuvor bekochte, starb durch das hochdosierte Gift, nur sie als Köchin hat eine geringere Menge des Gifts im Körper. Letal ist die Dosis aber auf alle Fälle und lässt ihr somit nicht mehr viel Zeit, um sich von ihrer Tochter Cosima und der Krankenpflegerin Esme zu verabschieden.

Ich habe beschlossen, dass die Uhr meine Freundin ist. Wenn ich die zwei Blonden im Krankenwagen wörtlich nehme, bleiben mir noch 110 Stunden und 48 Minuten. Das ist machbar. Schließlich habe ich mal ein Sieben-Gänge-Menü für zwölf Leute in weniger als dreieinhalb Stunden zubereitet.

Helena Falke – Noch fünf Tage, S. 37

Für die Polizei ist sie Lis selbst die Hauptverdächtige, was die Köchin nicht auf sich beruhen lassen will und selbst vom Krankenbett aus zu ermitteln beginnt. So steht sie vor der kuriosen Aufgabe, ihren eigenen Mörder zu finden, ehe sie in Bälde stirbt.

Wie gelangte das Gift ins Essen und wer wollte die Familie tot sehen? Im Wettlauf mit der Zeit versucht sie zu ergründen, wie es zu den Todesfällen kommen konnte und wer ein Motiv für die Auslöschung der schwerreichen Familie dort in den Bergen von Davos hatte.

Ermitteln in Häppchen

Dabei taucht sie tief in ihre Erinnerungen ein, serviert uns — wir haben es schließlich mit einer hochtalentierten Köchin zu tun — in appetitanregenden Häppchen von ihrem Tun und ihren ersten Kontakten mit der Familie Harmann, die ironischerweise mit Burgerketten in den USA ihr Vermögen gemacht hat.

Die Welt der Hochfinanz, das Leben im Flieger und der persönlichen Yacht, die kulinarischen Höhenflüge und die Koexistenz mit der Familie, das Wissen um deren Tod und Lis‘ eigenen nahenden Exitus, das verbindet sich zu einem Thriller, der stets vorwärtstreibt, obwohl er strenggenommen zumindest in puncto Schauplatz auf der Stelle tritt.

Mit dem Stilmittel des Countdowns leitet Helena Falke die Kapitel ein, die die verrinnende Zeit symbolisiert und weder der grübelnden Heldin noch uns eine wirkliche Verschnaufpause gönnt. Immer näher rückt das Ende und damit die Frage, ob das überhaupt klappen kann: den Fall alleine vom Krankenlager aus aufklären, gestützt nur von Erinnerungen und Nachgrübeln.

Fazit

Das ist originell erzählt, besitzt Tempo und Drive, besticht durch die Schauplätze und das Milieu und lässt ein wenig mitermitteln, wer jetzt diesen so aufwändigen Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat. Damit hebt sich Noch fünf Tage vom üblichen Krimieinheitsbrei kriminalliterarisch so ab, wie es die hochambitionierten Gerichte kulinarisch tun, die Lis hoch oben in den Bergen oder auf der familieneigenen Yacht zubereitet.

Kurzum: das ist nun wirklich ein Thriller, der Appetit macht. Appetit auf mehr Bücher dieses Kalibers, die uns Helena Falke in Zukunft gerne servieren dürfte!


  • Helena Falke – Noch fünf Tage
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47538-6 (Suhrkamp)
  • 303 Seiten. Preis: 20,00 €

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Titel, die die eigene Familiengeschichte aufarbeiten und dem Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus nachspüren, haben auf dem Buchmarkt aktuell Hochkonjunktur. Auch Judith Hermann liefert nun mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit eine literarische Auseinandersetzung mit ihrem Erbe und blickt auf das, was nach dem Tod bleibt. Es ist ein Text, der zu wenig Erkenntnisgewinn gereicht — und das mit Ansage.


Die frühere Journalistin und spätere Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Hoffmann, machte vor vier Jahren mit ihrem Buch Alles, das wir nicht erinnern den Anfang. Darin schilderte sie die Wanderung, die sie zu Fuß in Erinnerung an ihren Vater unternahm, der 1945 als Neunjähriger vor der Roten Armee aus Schlesien nach Deutschland per pedes fliehen musste und ergründet dabei die familiären Nachwehen des Erlebten.

Letztes Jahr legte die Fernsehmoderatorin Caro Matzko mit Alte Wut ein thematisch ähnlich gelagertes Buch vor, in dem auch sie die Fluchtroute ihres Vaters aus Ostpreußen bereiste und dabei ebenfalls den Fragen innerfamiliär vererbter Traumata nachspürte.

Auch das ein Jahr nach Christiane Hoffmanns Werk erschienene, ebenfalls bei C. H. Beck publizierte Buch Ein Hof und elf Geschwister des Geschichtsprofessors Ewald Frie könnte man in diese Reihe der persönlich gefärbten Geschichtserkundungen anhand des eigenen Stammbaums stellen.
In seinem mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2023 ausgezeichneten Buch blickt er mithilfe eigener Erinnerungen und Interviews mit seinen zehn Geschwistern auf seine Eltern und deren Leben, das den Abschied von der bäuerlichen Lebenswelt des 19. Jahrhunderts symbolisierte.

Und auch ein dritter und letzter Autor aus dem Hause C. H. Beck ist zu nennen, möchte man die auffällige Häufung dieser genealogisch grundierten Geschichtsstunden auf dem deutschen Buchmarkt belegen.
Der Verfasser des Buchs ist der normalerweise für die Wochenzeitung Die Zeit schreibende Autor Henning Sußebach. Diesem gelang im vergangenen Jahr mit Anna oder: was von einem Leben bleibt eine großartige Meditation über das Wissen um die eigene Herkunft und die Brüchigkeit von historischer Überlieferung, indem er den spärlichen Spuren und deutlich größeren Überlieferungslücken betreffend das Leben seiner eigenen Urgroßmutter nachspürte. Auch dieses Buch bedient sich der Bauweise der zuvor zitierten Titel.

Autobiografische Aufarbeitungen im Trend

Judith Hermann - Ich möchte zurückgehen in der Zeit (Cover)

Autobiografische Aufarbeitungen von Familien- und Fluchtgeschichten liegen also im Trend — und auch die preisgekrönte Autorin Judith Hermann fügt sich nun in diese Riege ein und betritt mit ihrem neuen Buch gut bereiteten Boden, wenn man mittlerweile nicht sogar schon von reichlich ausgetretem Grund sprechen könnte.

Interessant wir ihr Text Ich möchte zurückgehen in der Zeit durch den merklich verschobenen Ansatz ihrer familiären Erkundung. Denn Hermanns Großvater war für die SS in Radom in Polen tätig, so die etwas diffusen, aber bekannten Umstände der eigenen Familiengeschichte. Somit erkundet Hermann als Autorin nun eine familiäre Täterbiografie — oder versucht es zumindest.

Denn recht viel mehr die bekannten, diffusen Fakten wird ihr Aufenthalt vor Ort in Radom auch nicht zutagefördern, um dieses Faktum vorwegzunehmen.

In der Kiste fand ich die Heiratsurkunde meiner Großeltern neben ihren Sterbeurkunden neben einem Enltassungsbrief aus der Kriegsgefangenschaft der Aliierten, Certificate of Discharge, neben einem Stpaelchen unsortierter Ftos, die jemand auf den Rückseiten in sachlicher Schrift mit Orten und Daten versehen hatte. Meine Mutte diese Schrift niemandem zuordnen. Sie sagte, sie kenne diese Schrift nicht, ihre sei es nicht, nicht die ihrer Mutter und die ihres Vaters auch nicht.
Mein Großvater im Turnerbund. Mein Großvater in SS-Uniform. Auf einer Allee im Frühling auf jemanden zugehend, über den er sich freut. Am Tag seiner Hochzeit, vor dem Standesamt steht die SS Spalier. Mein Großvater am Waldrand zwischen dunklen Tannen in einem zugeknöpften Mantel, auffällig blanke Schuhen und mit dem zweideutigen Lächeln eines Schaustellers im Gesicht. Mein Großvater im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in Radom.
Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens.
Ich hatte meiner Mutter diese Frage gestellt, sie hatte die Schultern gehoben und ihrerseits leere Hände vorgezeigt. Sie wusste nicht, was ihr Vater in Polen gemacht hatte. Sie wusste, dass Polen von den Deutschen besetzt gewesen war, dass es in Radom ein Ghetto gegeben hatte. Das zumindest wusste sie schon.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 12 f.

Ausgelöst durch einen kurzzeitigen Gedächtnisverlust ihrer Mutter möchte sich Hermann nicht länger mit diesem ungefährem Wissen begnügen und reist selbst nach Radom. Dort in Polen will sie der Familiengeschichte nachspüren, vielleicht sogar neue Erkenntnisse gewinnen und sich in ihren Großvater einfühlen.

Spurensuche in Radom

Doch das will nicht so recht gelingen. Zwar durchstreift die Autorin den Ort, in dem auch der Literat Witold Gombrowicz zur Welt kam, versucht mit Menschen ins Gespräch zu kommen und liest höchst ambitioniert vor Ort Margarete und Alexander Mitscherlichs Standardwerk Die Unfähigkeit zu trauern aus dem Jahr 1967, das sich mit verdrängter Schuld und dem kollektiven Wunsch nach Vergessen der Verbrechen der SS-Zeit beschäftigt.
Doch recht viel mehr an Wissen und Erkenntnis bringt auch der Ortsbesuch nicht. Die Rolle ihres Vaters an den Massakern in Radom bleibt nebulös, der Schleier der Geschichte, er will sich für die Autorin nicht recht heben.

So löst Hermanns Text bis hierhin genau das ein, was die Autorin selbst prophezeit, nämlich dass ein solcher Text nicht gelingen kann.

(..) ich versuchte, etwas darüber zu schreiben, natürlich gelang mir das nicht. Gelang ist nicht der richtige Ausdruck, oder anders gesagt, mir schien ein gelingender Text über eine Reise wie diese nach Radom gar nicht möglich zu sein. Wenn ein Text über eine solche Reise gelungen war, war er zugleich missglückt, ganz bestimmt falsch, es wäre unmöglich, über einen Großvater, der aller Wahrscheinlichkeit nach an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos, an einer Auslöschung beteiligt gewesen war, einen gelingenden Text zu schreiben. Was kann man ausdrücken, nichts kann man ausdrücken.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 35

In seinem ausbleibenden Erkenntnisgewinn dreht dieser Text tatsächlich hohl und findet nur in seiner metaphysischen Reflektion über den Zugang zu Vergangenem zu einer Form. Denn an die siebzig großzügig gesetzten Seiten über die Radomer Reise folgt ein zweiter Teil, der Hermann nach einer Lesung in Krakau in den Süden Italiens führt.

Von Polen nach Italien

Dort in einem Landhaus nahe Salerno wohnt ihre Schwester mit ihrer Familie, die — höchst symbolträchtig — ihrem Beruf als Archäologin nachgeht. Und auch wenn die Autorin und ihre Schwester in distanziertes Verhältnis haben, so sind sich die beiden Frauen doch nahe, was den Blick auf Vergangenes und das Freilegen dieses Vergangen mit unterschiedlichen Mitteln betrifft.

Das wird besonders deutlich, als die gesamte Sippe vom Landhaus in den zweiten Wohnsitz der Familie umsiedelt, nämlich in eine Wohnung in Neapel. An diese in einem Palazzo befindliche Wohnung kam die Familie durch Vitamin B, denn es handelt sich bei dieser Immobilie um die Wohnung der verstorbenen Mutter eines Bekannten. Deren Lebensspuren sind in der ganzen Wohnung präsent, da sich ihr Sohn bislang zu keiner Auflösung des Inventars aufraffen konnte. So künden die auf einem Zwischenboden eingelagerten Kisten vom Leben der hochbetagt gestorbenen Frau, einer Lehrerin, Malerin und Kommunistin.

Hier zeigen sich wieder die Motive der Bewahrung und Erkundung von Vergangenem. Was bleibt von einem Leben und welchen Zugang finden die Nachgeborenen zu diesen Leben? Der letzte Teil des Buchs mit einer kleinen Anekdote über kurzzeitig verschwundene Eltern schließt ein finaler Absatz an, der in seinem knappen Fazit auch den Charakter des Buchs gut trifft.

Als meine Mutter ein Kind war, im zerstörten Berlin der fünfziger Jahre des vergangenen, untergegangenen Jahrhunderts, spielte sie ein Spiel, das sich Geheimnis nannte, alle Kinder in ihrer Straße spielten das.
Sie gruben kleine Löchter in die Erde und legten Dinge hinein, die ihnen etwas bedeuteten, die wichtig waren. Wsrum auch immer wichtig waren; schöne Dinge und hässliche. Knöpfe, Stanniolpapier, Spatzenfedern, Kiesel, farbigen Schutt, Splitter und Knöchelchen. Sie verschlossen die Löcher mit Scherben, schütteten Erde darüber, strichen die Erde glatt. Winzige Sarkophage, manche überdauerten, andere nicht.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 155 f.

Vielleicht ist es wirklich nicht mehr, was vom Vergangen bleibt, so die Erkenntnis nach diesem kurzen Text.

Dennoch fordert die zuvor schon zitierte Ansicht der Autorin über die Unmöglichkeit eines Erfolgs solcher forschender Texte die Frage heraus, was nun in Bezug auf ihr Werk aus einer äußeren Perspektive gilt. Ist der Text misslungen, da die Zugänge zu ihrem Großvater so verschüttet erscheinen wie manche der Sarkophage, die die Berliner Kinder in der Nachkriegszeit in den Boden pflanzten – oder bietet das Buch andere Qualitäten?

Fazit

Blickt man auf Erkenntnisse, die Hermanns Spurensuchen zutagefördern sollten, muss man das Vorhaben des Buchs klar als gescheitert ansehen. Andere Autor*innen haben in ihrer Erkenntnisstärke bessere Bücher vorgelegt, als es dieser Text überhaupt kann.

Betrachtet man ihren dreigeteilten Text allerdings als eine Reflektion über das, was bleibt und das, was nicht bleibt — und wie wir uns dem nähern, so ist Ich möchte zurückgehen in der Zeit doch ein interessantes Buch, das dem flüchtigen Schleier der Vergangenheit nachspürt, der manchmal trügerisch dünn und dann wieder so blickdicht ist.
Hermann versucht ihn in diesem Text zu fassen, indem bei ihr alles auf die zentrale Frage zuläuft: Was bleibt vom Leben und welche Spuren sind es, die wir hinterlassen und denen andere folgen können?


  • Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
  • ISBN 978-3-10-397764-6 (S. Fischer)
  • 160 Seiten. Preis: 23,00 €