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Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter

„Die Kleinfamilie“, zitiere ich, „ist gegründet auf die offene oder verhüllte Haussklaverei der Frau. Er ist der Bourgeois, sie das Proletariat.“

„Wer sagt das? Marx?“, will meine Mutter wissen.

„Nein, Engels.“

Sie nickt

„Vielleicht hat er nicht ganz unrecht, dein Engels.“

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter. S. 204

Nicht erst seit der Zuerkennung des diesjährigen Literaturnobelpreises an die Französin Annie Ernaux ist die Erkundung der eigenen weiblichen Identität in Verschränkung mit der Klassenfrage in den literarischen Fokus gerückt. Annie Ernaux in Frankreich, Elena Medel in Spanien, Autorinnen wie Daniela Dröscher oder Marlen Hobrack hierzulande gehen mal mehr und mal weniger fiktionalisiert ihrer eigenen Familiengeschichte und Herkunft auf den Grund, um Klassismus und die Prägung der eigenen Identität durch die Herkunft zu ergründen und offenzulegen.

Gab es zwar schon vereinzelt schreibende Selbsterkunderinnen wie Ulla Hahn, doch bislang war das Feld in Deutschland bislang eher in der Hand schreibender Männer wie Andreas Maier, Christian Baron oder Alem Grabovac. Nun sind es verstärkt weibliche Schreibende, die dieses Genre auch durch die Mittel der Autofiktoentscheidend prägen und bestimmen.


So ist es bei Daniela Dröscher die Ich-Erzählerin Ela, die sich an ihre eigene Kindheit erinnert. Einsetzend im Jahr 1983 wird die Erzählerinnen chronologisch vier Jahre ihrer Kindheit präsentieren. Jahre, in denen das Unglück der eigenen Mutter wie Blei auf den Schultern der Erzählerin lag, was die Geschichte der Mutter auch zu ihrer höchsteigenen Geschichte macht, wie sie im Prolog des Buches erklärt.

Dabei sind den vier Jahren vier Attribute zugeschrieben, die ironischerweise der Beziehung der eigenen Eltern und der zu ihrem Kind spotten. So beginnt das Jahr 1983 als Jahr der Kommunikation, es folgen das Jahr der Frauen in Südafrika, das Jahr der Vereinten Nationen, ehe 1986 zum Jahr des Friedens getauft wird. Doch weder Frieden, noch Kommunikation, Einheit oder gar Respekt vor dem Weiblichen sind der Beziehung der eigenen Eltern eingeschrieben, wie Daniela Dröscher eindrucksvoll zeigt.

Eine Familie im Grabenkampf

Denn obschon Elas Eltern ein heteronormatives BRD-Eigenheim-Leben in der fiktiven Kleinstadt Obach im Hunsrück führen, hat die Beziehung der Eltern Risse oder gleicht besser gesagt eher einem Grabenkampf.

In den Tagen zuvor war es eisig bei uns zu Hause zugegangen. Martha-Oma schwieg beleidigt, mein Vater ebenso. Auch meine Mutter hatte neuerdings das Schweigen für sich entdeckt. Nun hatte ich also zwei Elternteile, die schwiegen. Es war wie im Kalten Krieg, nur dass ich keine Ahnung hatte, wer von beiden jetzt der OSTBLOCK war.

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter, S. 98
Daniela Dröscher - Lügen über meine Mutter (Cover)

Dabei sind die Konflikte und beharkten Themenfelder äußerst vielfältig. Das präsenteste ist sicherlich das vom Vater ständig bemängelte Übergewicht seiner Frau, das ihm ein Dorn im Auge ist. Er fordert ihr Diäten ab und sorgt mit seiner beständigen Kritik und Disziplinierungsversuchen durch Wiegen für eine Scham auch bei Ela. Doch auch ansonsten sind die Konfliktfelder vielfältig. Die Abwertung der Mutter durch die Schwiegereltern, die ungleich verteilte Sorgearbeit (neben Ela werden in den folgenden Jahren noch eine weitere Tochter, ein Pflegekind und die demente Großmutter in ihren Aufgabenbereich fallen) reicht bis hin zu den Finanzen, die völlig ungleich verteilt sind. So hat der Vater „Spielgeld“ zur eigenen Verfügung, den eigentlichen Unterhalt der Familie muss die Mutter aus ihrem Vermögen bestreiten.

Der Versuch von beruflicher Qualifizierung und ökonomischer Selbstständigkeit wird von ihrem Mann argwöhnisch beäugt und abgewertet. Als dann eine Erbschaft den Bau eines neuen Eigenheims ermöglicht, ist es vor allem der Vater, der dann mit extravaganzen Ausgaben für luxuriöse Autos auffällt.

Das Kind im Spannungsfeld

Die Beziehung der Eltern ist von Taktieren, Heimlichkeiten, Lügen und der Aufführung einer fadenscheinigen Komödie (oder eher Tragödie) vor den Augen des eigenen Kindes bestimmt, das in die Konflikte hineingezogen wird und oftmals gar nicht weiß, wie es sich verhalten soll, wenn die Konfliktregeln der Erwachsenen so undurchschaubar sind, wie es in der eigenen Familie der Fall ist.

„Wir werden das schon schaffen“, sagte sie. „Aber du musst mir versprechen: kein Wort zu Papa.“

Mir war flau im Magen. Ich fühl[t]e mich beklommen, gleichzeitig aber machte es mich stolz, dass sie mir so geheime Sachen erzählte.

„Klar“, sagte ich. „Mach ich.“

Das war meine Rolle. Inzwischen war ich geübt darin, Geheimnisse zu hüten. Und allmählich verstand ich, dass Geheimnisse eine gewisse Verwandschaft zu Lügen besaßen.

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter, S. 254

Eine noch größere Fallhöhe bekommt das Beschriebene durch die Kommentierung der erwachsenen Erzählerin, die sich vor den einzelnen Kapiteln zu Wort meldet und mit einem emanzipierten und gebildeten Blick das damalige Schauspiel analysiert und sich auch in ihre Mutter einzufühlen und zu verstehen versucht. Hier wird aus dem chronologisch voranschreitenden Familienbild dann ein Sachbuch, das die Frage von Klasse, Herkunft, der Prägung des sozialen Milieus verhandelt und untersucht.

Und nicht zuletzt auch die Sprache stimmt in diesem Buch. Gelungen schafft es Daniela Dröscher, sich die Perspektive eines Kindes anzueignen und aus den Augen der kindlichen Ich-Erzählerin auf diesen elterlichen Kampf nach undurchsichtigen Regeln zu blicken. Immer wieder sind Floskeln und Redewendungen der Erwachsenen kursiv gesetzt (was etwas an die erzählerischen Mittel von Heinz Strunks letztem Roman erinnert) und zeigen Sprache beziehungsweise den Dialekt, der in vielen Dialogen zum Einsatz kommt, als Marker von Bildung, Alter und sozialem Rang. Auch dieser Aspekt des Buches ist gut gelungen und hochinteressant.

Fazit

Vor dem Hintergrund der 80er Jahre, der diffusen Angst vor dem Atomunglück in Tschernobyl, dem sowjetischen Feind oder der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, dem Tennisfieber rund um Steffi Graf und Boris Becker und dem sozialen Druck der Kleinstadt seziert Daniela Dröscher das Kleinbürgertum, die Unterdrückung der Frau in der Ehe und den Blick eines Kindes auf die seltsame Welt der Eltern, das sie zugleich mit dem späteren analytischen und gebildeten Blick der erwachsenen Erzählerin vergleicht und kontrastiert.

Toll erzählt und genussvoll spielend mit den Möglichkeiten der (Auto-)Fiktion dringt sie mit ihrem Roman ganz tief in das Geflecht von Familie ein, zeigt Widersprüche und patriachale Strukturen auf und unternimmt den Versuch, ihre Mutter zu verstehen – und setzt der fiktiven Mutter damit auch ein höchst plastisch und anschaulich geratenes Denkmal, das es völlig verdient in die Endrund des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft hat.


  • Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter
  • ISBN 978-3-462-00199-0 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 448 Seiten. Preis: 24,00 €
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Dörte Hansen – Zur See

Mit ihren beiden bislang erschienen Romanen Altes Land und Mittagsstunde hat sich Dörte Hansen weit nach vorne in die Riege wichtiger deutscher Erzählerinnen katapultiert. Glänzend ihre Erzählweise zwischen Anspruch und Unterhaltung, mit der sie die Bestsellerlisten erklommen hat. Innerhalb kurzer Zeit wurden die beiden bislang erschienen Werke auch als Serie fürs Fernsehen (Altes Land) und als Verfilmung fürs Kino (Mittagsstunde) adaptiert. Nun liegt mit Zur See der dritte Roman der 1964 geborenen Autorin vor, der erwartungsgemäß aus dem Stand die Bestsellerlisten erklommen hat. Auch hier bleibt sie ihren Themen des norddeutschen Settings und der Beschreibung lebensnaher Charaktere treu. Und hat mich dennoch etwas enttäuscht.


Eine nicht näher benannte Nordseeinsel ist der Schauplatz von Dörte Hansens neuem Buch. Hier lebt die Familie Sander in dem wohl schönsten Haus der Insel, reetgedecktes Dach und Delfter Kacheln an den Wänden inklusive. Doch nicht nur der Knochenzaun, der das Haus umgibt, ist morsch. Auch die Familie im Inneren des Hauses leidet unter Auflösungserscheinungen.

So ist Jens Sander, der Ehemann von Hanne Sander und Vater der drei Kinder, schon vor längerem ausgezogen und lebt auf der kleinen Nordseeinsel Driftland als Vogelwart. Hanne hält derweil das Haus sauber und ist vor allem mit der Betreuung ihres Sohnes Ryckmer beschäftigt.

Dieser war einst Kapitän auf einem Nordseeschiff, doch seine Erfahrungen im Sturm haben ihn zum Alkoholiker gemacht, dem von seiner Mutter täglich sechs Flaschen Bier zugestanden werden, keine mehr und keine weniger. Nächtens erbricht er sich nach Exzessen schon einmal in die Rosen und unterhält an guten Tagen die Touristen, indem er die Rolle als Seemann gibt. Dabei hat er sein Kapitänspatent schon lange verloren.

Seine Schwester Eske pflegt im lokalen Altersheim die Senioren, Henrik ist als jünster ein arrivierter Künstler, der mit Treibgut Skulpturen formt, die sich die reichen Inseltouristen gerne in ihre luxuriösen Häuser stellen.

Während die Mitglieder der Familie Sander alle ihre Leben leben, kämpft der Inselpfarrer Matthias Lehmann derweil mit einer handfesten Glaubenskrise und seiner Beziehung zu seiner Frau und Töchter. Als dann ein Wal an den Strand der kleinen und so pittoresken Insel angespült wird, kommt einiges in Bewegung, auch bei Hanne und Jens.

Die Prägung der Heimat

Dörte Hansen - Zur See (Rezension)

Zur See ist ein Roman, der von der Prägung der Heimat erzählt, aber auch von den Gefahren, die ihr drohen. So ist Hansens nicht näher benanntes Eiland wohl auch mit einigen Parallelen zur Insel Sylt zu sehen, bei der die reichen Touristen und die dauerhafte touristische Ausbeutung längst alles Einheimische, Autochthone verdrängt hat und zur Kulisse werden hat lassen.

Dörte Hansen zeigt (ähnlich wie zuletzt auch Susanne Mathiessen) , wie die monetären Anreize durch die zahlungskräftigen Touristen langsam alles Einheimische Verdrängen, wie die Fischkutter und Kutschfahrten über die Insel längst zum Folklorekitsch geworden sind, die zwar ein einträgliches Auskommen bescheren, aber keinen Sinn. Sogar das letzte Inselwäldchen wurde hier verkauft – und beständig klopfen die Immobilienmakler an Hanne Sanders Tür und lassen ihren Briefkasten von Kaufangeboten überquellen.

Scharf auch ihre Blick auf die Rituale auf einer solchen Insel, etwa der Alkoholkonsum, der schon den jungen Konfirmanden eingeschrieben wird. Auch der Tourismus, der längst vom familiären Miteinander der Gästezimmer zu einer anonymen Beherbung anspruchsvoller Fremder geworden ist. Doch neben aller Kritik ist Zur See auch ein beobachtungsscharfes Buch, das dem Inselgeist nachspürt und dem, was im Verschwinden begriffen ist.

Die Kräfte der Insel

Es gibt auf einer Insel eigene Naturgesetze, eine andere Art der Schwerkraft und der Anziehung vielleicht. Gezeitenströme, die noch nicht verstanden werden. Einen unerforschten Sog, dem Heimweh ähnlicher, aber stärker.

Ein Mensch, der hier geboren ist, kehrt irgendwann zurück, lebendig oder tot, egal, wie weit er segelt und wie lange er verschwunden bleibt, so lautet ein Gesetz der Insel.

Und für die meisten gilt es noch. Nur wenn sie jung sind, wagen sie den Sprung aufs Festland. Manche bleiben dann und leben mit dem Heimweh wie mit einem Rheuma, das in Schüben kommt und geht.

Dörte Hansen – Zur See, S. 18 f.

Schade nur, dass Dörte Hansen allzu deutlich das Klischee der menschenscheuen und einsilbigen Norddeutschen auf die Spitze treiben muss. Jeder hier lebt für sich, stirbt für sich und lässt andere kaum in die Seele blicken. Die Nachbarin mit dem ausgestopften Dackel, die sich als ernährungstechnischer Messie entpuppt. Jens Sander auf seiner Vogelbeobachtungsstation. Eske Sander nacht allein im Altersheim. Hanne in ihrem viel zu großen Haus. Jens in seinem Atelier. Alle leben sie nebeneinander her, statt miteinander.

Dieser Roman kommt mir vor wie ein Schachbrett, auf dem Dörte Hansen filigran ihre Figuren aus einem Stück holz drechselt und die sorgsam ausgestalteten Figuren in Position stellt, aber nicht mit ihnen spielt, sondern sich in der Beobachtung des Spielbrett ergeht.

Die Figuren interargieren so rein gar nicht miteinander. Jeder lebt für sich, denkt und handelt alleine, niemand reagiert auf das Schicksal der anderen oder unternimmt einen Versuch der Gestaltung des eigenen oder fremden Schicksals. Das mag natürlich dem Klischee der Norddeutschen entsprechen, für einen gelungenen Roman war es mir aber deutlich zu wenig. Da kann selbst der angeschwemmte Wal nicht mehr für Abhilfe schaffen, der ebenso verloren am Strand liegt, wie es die übrigen Figuren in diesem Buch tun.

Fazit

Mit Zur See bleibt sich Dörte Hansen treu und erzählt abermals von einer Welt, die im Verschwinden inbegriffen ist. Statt auf dem norddeutschen Land ist es hier nun eben eine Insel, deren Rituale und Bewohner*innen sie höchst plastisch mit einem tollen Sprachzugriff schildert. Vom sich wandelnden Tourismus, der Kulisse und der Folklore, die man den Fremden vorgaukelt und von der Einsamkeit, die allen unglücklichen Familien auf ihre Art und Weise eingeschrieben ist, erzählt die Bestsellerautorin und wird damit viele Leser*innen wieder glücklich machen.

Und doch bleibt bei mir das Gefühl von verschenktem Potenzial, interagiert doch keine ihrer sorgsam entworfenen Figuren miteinander, leben alle für sich und und sind auf ihre Art und Weise unglücklich. Es ist ein Buch, das viel beschreibt und bei dem ich mir ein wenig mehr zwischenmenschliche Handlung gewünscht hätte, selbst wenn das dem Klischee der menschenscheuen und wortkargen Norddeutschen entsprechen mag.


  • Dörte Hansen – Zur See
  • ISBN 978-3-328-60222-4 (Penguin)
  • 256 Seiten. Preis: 24,00 €

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Maggie Shipstead – Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit

Solch ein grandioser Titel – und der Inhalt stimmt auch. Maggie Shipstead in Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit über drei Tage Ausnahmezustand im Vorfeld einer Hochzeit – und den unbedingten Wunsch, in den feinen Kreisen dazugehören zu wollen. Eine feine Sezierung der amerikanischen Oberschichtswelt – und das Porträt eines Mannes mit Fehl und Tadel.


Alles ist bereit auf Waskeke Island, einer Insel vor der Küste Maines. In drei Tagen soll die Hochzeit von Daphne Van Meter stattfinden, der Tochter von Winn Van Meter. Deshalb setzt der Familienpatriach auf die Insel über, um seinen Frauen das benötigte Brautkleid und Unterstützung zu liefern.

Vor Ort gleicht das Treiben im Anwesen der Familie auf der Insel einem Bienenstock. Die Brautjungfern müssen zu Kostüm- und Figurproben, die Hochzeitsplanerin will letzte Details durchgehen, die Familie des Bräutigams hat sich angekündigt und dann sind dann da auch noch die Erinnerungen an eine Begegnung mit einer der Brautjungfern, die so gar nicht schicklich und gesittet ablief, wie es sonst die Art von Winn ist.

Ein Leben wie aus dem Upperclass-Bilderbuch

Maggie Shipstead - Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit (Cover)

Denn eigentlich lebt Winn ja ein Upperclass-Leben wie im Bilderbuch. Der Nachlass seiner Väter hat ihm finanzielle Unabhängigkeit beschert, mit seiner Frau hat er zwei Töchter (wenngleich ihm Jungen erheblich mehr bedeutet hätten) und Mitglied in den richtigen Clubs und Verbindungen ist er auch noch. Wenn da nur nicht die erstrebte Mitgliedschaft im Golfclub Pequod wäre, die ihm bislang verwehrt blieb und für ihn die Erfüllung seiner Träume bedeuten würde.

Ob diese ausbleibende Einladung in den Golfclub mit alten Rivalitäten zu tun haben könnte, darüber wird er das ganze Buch über nachgrübeln, besonders da seine jüngere Tochter eine Liasion an die Familie eines alten Intimus und Intimfeind band.

Das alles dröselt Maggie Shipstead Stück für Stück auf und verquickt die turbulente Gegenwart der drei Hochzeitstage gekonnt mit der Vergangenheit Winns und dessen Lebensweg, der ihn bis nach Waskeke führte.

Ein Familienpatriach mit Fehl und Tadel

Dabei zeichnet sie das Bild eines Mannes, der sich in der Rolle des Familienpatriarchen gefällt, dessen Leben aber doch mehr Fehl und Tadel bereithält, als die Fassade den Anschein macht. Denn neben seinem Traumhaus, der materiellen Sorglosigkeit und seinem Dasein als Hobbykoch, der für ein Dinner mit der Schwiegerfamilie schon einmal zwanzig respektive 19 Hummer in den Topf wirft, gibt es noch andere, deutlich weniger hell glänzende Punkte in seiner Vergangenheit.

Das seziert Magie Shipstead gekonnt und zeichnet leichtfüßig und mit viel Humor das Treiben auf Waskeke, das mich persönlich an zwei filmische Referenzen erinnerte. Da wäre das chaotische und familiäre Treiben rund um die Hochzeit auf einer Insel, das an das Abba-Musical Mamma Mia erinnert. Ebenso trägt das Geschehen von Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit aber auch Züge des Weihnachtsfilm-Klassikers National Lampoon’s Christmas Vacation beziehungsweise Schöne Bescherung, wie der Film mit Chevy Chase in der deutschen Fassung hieß.

Auch hier gerät die Welt eines Familienvaters gehörig ins Wanken, als in dessen Haus neben der eigenen Familie auch noch die Schwiegerfamilie einfällt uns sich die Ereignisse überstürzen. Alles kommt anders als geplant und am Ende entpuppen sich im Strudel der Ereignisse grundfeste Gewissheiten als durchaus trügerisch, eben Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit.

Fazit

Die komischen Züge dieses filmischen Geschehens trägt auch die Geschichte von Maggie Shipstead ein Stück weit und schafft damit ein leichtes, aber keineswegs belangloses Buch, das gekonnt vom Treiben der Oberschicht an der amerikanischen Ostküste erzählt. Es ist auch das Bild eines Mannes, dessen Leben leicht in Turbulenzen gerät, als sich Gewissheiten verschieben und der Strömungsgeschwindkeit, die ihn bislang durchs Leben trug, nun doch mit Abriss droht. Das ist verngüglich, nah an den Figuren und von daher mehr als ein gelungener Sommerschmöker. Jetzt in der Neuauflage auch nicht zuletzt endlich mit einem annehmbareren Bild als jenem, das die Erstausgabe aus dem Jahr 2012 zierte.


  • Maggie Shipstead – Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit
  • Aus dem Englischen von Karen Nölle
  • ISBN 978-3-423-14837-5 (dtv)
  • 440 Seiten. Preis: 13,00 €
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José Ovejero – Aufstand

Wohl jeder, der schon einmal in einer WG gewohnt hat, kann bestätigen, dass eine gemeinsame Wohnung noch lange nicht für gemeinsame Weltanschauung oder Werte sorgt. Doch auch wenn man in völlig unterschiedlichen Verhältnissen lebt, kann es mit der gemeinsame Sicht auf die Dinge weit her sein, sogar wenn es sich um Vater und Tochter handelt. Das zeigt José Ovejero in Aufstand auf eindrückliche Weise und lässt gesetzten Radiomoderator auf Hausbesetzer-Tochter treffen. Mit explosiven Folgen.


Im Mittelpunkt von Aufstand steht der Radiomoderator Aitor, der getrennt von seiner Frau lebt und sich in Madrid mit seinen beiden Kindern eine Wohnung teilt. Ihn führt José Oevejero mit folgenden Worten ein:

Aitor konnte sich an kein Ereignis in seinem Leben erinnern, das ihm so nahegegangen wäre wie das Verschwinden seiner Tochter. Obwohl Ana nach mehrmaliger Ankündigung, vielmehr Drohung, das Haus freiwillig verlassen hatte, fühlte Aitor die gleiche Verzweiflung wie jemand, der bei einem Unfall oder einer Katatstrophe einen geliebten Menschen verloren hat. Dass er selbst sich niemals eigene Kinder gewünscht hatte, tröstete ihn nicht.

José Ovejero – Aufstand, S. 7

Schon früher hatte Ana immer wieder das gemeinsame Zuhause verlassen, war nach Tagen mit neuen Piercings oder Tätowierungen nachhause gekommen. Doch nun ist alles anders, denn es sind schon mehr Tage als bisher üblich vergangen – und von Ana fehlt weiterhin jede Spur.

Die Hausbesetzerin und ihr Vater

Was mit ihr in der Zwischenzeit passiert ist, das erzählt Ovejero in der zentralen zweiten Perspektive des Buchs. Denn Ana ist zur Hausbesetzerin geworden, hat mit anderen illegal ein Haus bezogen, das auf den Namen El Agujero hört. Dort lebt sie mit andere auf siffigen Matratzen, zieht durch die Straßen, bettelt und plant Unternehmungen in jenem Kampf, den sie gegen die Touristenhorden führen, die Madrid überfluten.

Jose Ovejero - Aufstand (Cover)

Das bedeutet dann schon einmal, dass Ana und Gleichgesinnte ein durchsichtiges Seil spannen, um eine geführte Tourist*innengruppe auf Segways zu Fall zu bringen. Doch auch vor anderen Aktionen wie einer Bombe vor einem Polizeipräsidium schreckt Ana nicht zurück, wenngleich die Bombe den Worten ihres Bruders zufolge eher ein Knallkörper war.

Und so beobachet José Ovejero, wie Vater und Tochter auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit der neuen Lebenssituation umgehen. Ana widmet sich ihrem Kampf – und Aitor beauftragt einen Privatdetektiv, der seiner Tochter nachspüren soll, während er beruflich unter Druck steht.

Denn die anonymen CEOs des Radiosenders, für den Aitor arbeitet, sparen den Sender immer weiter kaputt und rationalisieren alle bestehenden Strukturen völlig weg. Um weiterhin seinem Beruf nachgehen zu können, schließt Aitor einen folgenreichen Deal mit seinen Vorgesetzten. Und auch seine Wohnsituation ändert er – zwar nicht so entscheidend wie seine Tochter, aber dennoch wird auch das eine folgenreiche Entscheidung, die im Buch noch eine Rolle spielt.

Angespannter Wohnungsmarkt, angespannte Beziehungen

Aufstand ist ein Buch, das einen Blick auf den angespannten Wohnungsmarkt in Madrid wirft, in dem Ovejero Aitors bourgeoise Situation mit der der Wohnungsbesetzer vergleicht, die in der spanischen Hauptstadt und anderswo schon längst viele Dutzende Wohnungen als Gegenmodell zu Mietwucher und Co besetzt haben (die sogenannten Okupados).

Ovejeros Buch erzählt aber auch von Radikalsierung und Entfremdung in Beziehungen. So sind es bei Aitor und dessen Tochter Ana gerade einmal hastig an den Kühlschrank gepinnte Gedichte, über die die beiden noch kommunizieren, wenn die Lebensrealitäten schon so unterschiedlich geworden sind.

Was das Buch neben diesen sehr aktuellen und weit über Spanien hinausweisenden Themen so herausfordernd macht, ist die Erzählweise. Denn neben der hauptsächlichen Perspektiven von Aitor und Ana schleicht sich auch der Privatdetektiv Javier in den Fokus des Buchs – und Aitors Exfrau Isabel spielt ebenfalls eine Rolle.

Während diese Figuren eigentlich durch ihr Biografien sehr unterschiedlich angelegt sind, so verschwimmen diese Unterschiede auf sprachlicher Ebene stark. Denn Ovejero wählt einen ungewöhnlichen Erzählkniff, indem er die Erzählperspektiven konsequent durcheinanderwürfelt. Über alle Figuren wird mal in der Ich-Perspektive erzählt, dann werden sie wieder mit Du adressiert oder man schaut ihnen in der 3. Person über die Schulter (Übersetzung aus dem Spanischen von Patricia Hansel).

Gedichte und seitenweise Dialoge ergänzen das Geschriebene – und erfordern viel Konzentration beim Lesen, da es der vielperspektivische Erzählansatz nicht immer leicht macht, den Überblick über das Geschehen zu bewahren und der Handlung zu folgen.

Fazit

So ist Aufstand ein literarisch herausfordernder Kommentar auf Wohnungsnot und Entfremdung im Spanien dieser Tage geworden. José Ovejero gelingt ein Buch, das von Radikalisierung erzählt, und das durch einen ebenso genauen Blick auf die Hausbesetzerszene in Madrid wie auch auf eine komplexe Vater-Tochter-Beziehung besticht.


  • José Ovejero – Aufstand
  • Aus dem Spanischen von Patricia Hansel
  • ISBN 978-3-96054-296-4 (Nautilus)
  • 328 Seiten. Preis: 26,00 €
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Cay Rademacher – Die Passage nach Maskat

Wenn es ein Motiv in der Kriminalliteratur gibt, das nicht aus der Mode zu kommen scheint, dann ist es wohl das des Mords auf einem Schiff. Agatha Christie popularisierte es mit ihrem Tod auf dem Nil (immer wieder verfilmt, etwa jüngst von Kenneth Branagh), Sebastian Fitzek gelang mit Passagier 23 ein (ebenfalls verfilmter) Bestseller, im letzten Jahr war es Stuart Turton, der die hermetische Enge des Schiffs für einen historischen Krimi nutzte. Und nun hat auch Cay Rademacher das Schiff als Schauplatz eines Krimis für sich entdeckt. In Die Passage nach Maskat schickt er Ende der 20er Jahre einen Pressefotografen an Bord eines Ozeanliners auf die Suche nach seiner eigenen Frau.


Rademacher, der bislang mit historischen Stücken (Der Trümmermörder) und Frankreich-Krimis (Gefährliche Côte Bleu) in Erscheinung trat und damit gleich zwei boomende Themen im Kriminalroman besetzte, spendiert nun im Jahr 1929 dem für die Berliner Illustrirte arbeitenden Pressefotografen Theodor Jung eine Reise an Bord des Ozeanliners Champollion.

Von Marseille bis Maskat

Cay Rademacher - Die Passage nach Maskat (Cover)

Von Marseille aus soll die Reise über den Suezkanal bis nach Maskat, die Hauptstadt des Oman, führen. Doch Jung reist nicht alleine. Ihn begleitet seine Frau Dora – wobei man eigentlich eher davon sprechen müsste, dass Jung seine Frau Dora begleiten darf. Denn diese entstammt der reichen Gewürzhandelsdynastie Rosterg, die in Form des Patriarchen Hugo Rosterg, dessen Gattin und Sohn sowie des Prokuristen Lüttgen mit an Bord ist. Im Oman hofft man auf ertragbringende Geschäfte für das Gewürzhaus – und Lüttgen auf das Ende der Beziehung von Dora und Theodor, möchte er doch selbst in der Familie aufsteigen und die Tochter des Patriarchen ehelichen.

Und so schippert man vom Hafen von Marseille aus über Port Said, parliert an Bord, während Theodor Fotos von seiner Reise knipst – schließlich hofft die Berliner Illustrirte auch auf exotische Fotos aus Afrika, die bei der Reise abfallen sollen. Doch plötzlich bekommt die Reise eine unerwartete Wendung. Eines Abends fehlt ein Stuhl am Tisch der Familie Rosterg – und Dora ist verschwunden. Als jeder der Familie behauptet, dass Dora nie an Bord gewesen sei, beginnt Jung an seinem Verstand zu verzweifeln. Nirgendwo auf dem Schiff finden sich Spuren seiner Frau – hat er sich alles nur eingebildet? Oder treibt die Familie ein doppeltes Spiel mit ihm, um Geheimnisse zu kaschieren?

Das Schiff als nimmermüdes Kriegsmotiv

Das Schiff als Schauplatz, es hat seine Vorzüge, was es für Krimis zum immer wieder beliebten Motiv werden lässt. Ein abgeschlossener Raum auf dem Meer, keine Fluchtmöglichkeiten, ein überschaubares Personenensemble und damit auch viele Möglichkeiten für die Leserinnen und Leser, mitzuraten. Wer ist verdächtig? Was könnte hinter dem Verschwinden von Dora stecken? Stellvertretend für uns Leser*innen tappt Theodor über das Schiff, an seiner Seite die Stwardess Fanny, die dem durch seine Erlebnisse als U-Boot Besatzungsmitglied im Ersten Weltkrieg traumatisierten Fotografen beisteht. Zusammen ermitteln sie sich durch das Schiff, begegnen gefallenen Tanzstars, kriminellen Schlägern und der (scheinbar) feinen Gesellschaft an Bord der Champollion.

Dabei braucht Cay Rademachers Schiff dann allerdings einige Zeit, ehe es in kriminellen Gefilde kommt. Die ersten hundert Seiten vergehen doch eher wie auf dem Traumschiff, statt durch atemlose Spannung zu bestechen. So gibt es zwar eine Drohung durch den Prokuristen der Familie Rosterg, die gegen Jung ausgesprochen wird. Aber bis der versprochene Krimi wirklich losgeht, dauert es einige Zeit.

Man schlendert durch Marseille, Theodor Jungs traumatisierende U-Boot-Erfahrungen und sein Job bei der Berliner Illustrirten wird vorgestellt, das Personenensemble an Bord gemächlich eingeführt (dass dann aber größtenteils doch blass und rein funktional bleibt).

Häufig ist auch viel Kulissenschieberei dabei, etwa wenn man extra zu den Ausgrabungen von Howard Carter in der Wüste Ägyptens aufbricht, um so die zur selben Zeit staffindenden historischen Ausgrabungen auf dem Schauplatzzettel abhaken zu können. Oftmals kaschieren diese Schauwerte den geringen kriminalliterarischen Gehalt des Buchs. Das ist doch alles recht brav und bieder gehalten und weiß weder als Krimi noch als historischer Roman so recht zu überzeugen. Etwas mehr Schwung und neue Ideen fernab der bekannten Ermittlungstropen und Motive, das hätte hier Not getan.

Fazit

So ist Cay Rademachers Buch in meinen Augen dann bisweilen dann doch eher kriminalliterarisches Traumschiff als wirklich mitreißend erzähltes Spannungswerk, das auch mit seiner Auflösung nicht ganz überzeuen kann. Als solide Spannungsware ohne viel Gemetzel oder Blutfontänen taugt Die Passage nach Maskat allemal, aber leider verzichtet das Buch auf Überraschendes oder wirklich mitreißende Spannungsmomente.


  • Cay Rademacher – Die Passage nach Maskat
  • ISBN 978-3-8321-8197-0 (DuMont)
  • 368 Seiten. Preis: 22,00 €
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