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Elena Ferrante und ich – eine Kapitulation

Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Schon ein Jahr lang schaute mich das Leseexemplar von Elena Ferrantes neuestem Roman Das lügenhafte Leben der Erwachsenen vorwurfsvoll aus dem Regal heraus an. Irgendwie gab es immer etwas anderes zu lesen, neue Bücher , beruflich zu Lesendes, scheinbar Interessanteres – kurz, ich schob die Lektüre des Romans wieder und wieder vor mir her. Doch genug damit. Nun im Juli griff ich zu Ferrantes Buch. Italien beziehungsweise Sizilien als Schauplatz des Buchs schien mir als Sehnsuchtsort für diesen alles andere als sommerlichen Sommer die richtige Wahl. Doch leider musste ich dann schon nach gut der Hälfte des Romans kapitulieren. Das mit Elena Ferrante und mir wurde nichts. Aber warum?


Elena Ferrante - Das lügenhafte Leben der Erwachsenen (Cover)

Mit dem Erscheinen von Ferrantes Neapolitanischem Quartett war ich in Neugier versetzt. Jedes große Feuilleton schrieb über die vierbändige Saga um Lila und Lenu, angeheizt durch eine kluge Marketingkampagne setzt das #ferrantefieber in Deutschland ein. Sogar als Serie wurde das Quartett in der Folge adaptiert.

Auch ich las die Werke mit Interesse und fand mich wieder in einem Neapel, das wenig mit Pizza und Funiculì Funiculà-Folklore gemein hatte. Stattdessen dominierten Gewalt, unzufriedene und fluchende Figuren und wenig Aufstiegschancen die Welt der Freundinnen. Kinder, später Frauen, die mit ihrem Schicksal haderten, in großer Armut, enttäuscht von den Männern lebten, sich auch gerne einmal beschimpften und hinter dem Rücken schlecht redeten. Wenig Glück, dafür umso mehr Düsternis, Dumpfheit und Elend. Das war das Neapel, das ich in Elena Ferrantes Büchern vorfand.

Frauen im Dunkeln, wenig Hoffnung und Freude

In der Folge machte sich der Suhrkamp daran, die Backlist der Autorin zu erschließen. Zumeist in der Übersetzung von Karin Krieger erschienen nach und nach ältere und vergriffene Werke der Autorin, darunter auch der Roman Frau im Dunkeln. Auch hier stand wieder eine Frau Mittelpunkt, deren Leben wirklich im Dunkeln stattfand. Sie stiehlt am Strand die Puppe eines kleinen Mädchens und beobachtet, was diese Tat mit dem Kind und seiner Mutter macht.

Damals schrieb ich in meiner Besprechung von überspannten Frauenfiguren, wahren Furien, deren Handlungsmotivation unklar bleibt. Ein Einfühlen in den geschilderten Kosmos wollte mir so gar nicht gelingen, sodass ich konstatierte:

Von Strand, la dolce vita und Entspannung ist bei Elena Ferrante nicht viel übrig. Auf ihre Welten muss man sich einlassen – mir ist das hier leider überhaupt nicht gelungen. Die Faszination für die Frau im Dunkeln liegt für mich im Dunkeln.

Meine Rezension vom 11. Februar 2019

Zurück in Neapel

Seit jener Besprechung waren zwei Jahre ins Land gegangen, Zeit also für einen abermaligen Versuch mit Elena Ferrante und mir. Und schon nach wenigen Seiten fühlt man sich wieder heimisch in dieser Welt. Abermals ist die Erzählung in Neapel angesiedelt, diesmal erzählt die junge Giovanna, die sich am Beginn der Pubertät befindet. Ein Schlüsselsatz prägt sich bei ihr ein, der ihre Welt erschüttern soll.

Zwei Jahre, bevor mein Vater von zu Hause wegging, sagte er zu meiner Mutter, ich sei sehr hässlich. Der Satz wurde leise gesprochen, in der Wohnung, die sich meine Eltern, frisch verheiratet, im Rione Alto, oben in San Giacomo dei Capri, gekauft hatten. Alles – Neapels Orte, das blaue Licht des eisigen Februars, jene Worte – ist geblieben.

Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen, S. 9

Ihr Vater, ein bewunderter Intellektueller, vergleicht in jenem Gespräch das Aussehen Giovannas mit dem seiner Schwester, die in der Familie totgeschwiegen wird. Das weckt das Interesse des Mädchens, die sich nun für die familiären Wurzeln zu interessieren beginnt. Sie lernt ihre Tante kennen, eine ausgesprochen vulgäre Erscheinung, die Giovanna fasziniert. Immer mehr pflegt sie den Kontakt mit ihrer Tante und muss erkennen, dass auch ihre eigenen Eltern Lügen leben und obschon besserer Umgangsformen und Manieren durchaus auch schlechte Seiten haben.

Davon erzählt Elena Ferrante ausführlich, indem sie durch Giovanna auf diese lügenreiche Welt der Erwachsenen blickt, die voller Widersprüche und Heuchelei steckt. Die vulgäre Tante wird damit zum Gegenpol, da sie all das in ihrem derben Dialekt thematisiert und Giovanna damit auch ein Stück weit die Augen öffnet.

Monothematisch und voller überspannter Figuren

Alleine, mir war das irgendwann zu viele. Diese Monothematik von fluchenden und bigotten Figuren, einem Neapel, in dem scheinbar nie die Sonne scheint, die völlige Abwesenheit von Hoffnung und Freude, all das war mir nun im sechsten Buch der Autorin zu viel. Was im vierbändigen Freundinnen-Quartett schon manchmal kaum erträglich war, hat mir hier endgültig die Freude an der Lektüre vermiest, sodass ich dieses Buch wider meinen eigentlichen Gewohnheiten abbrach.

Nun muss es natürlich nicht die oben angesprochene Neapel-Pizza-Romantik mit jodelnden Pizzaoilo, stundenlangem Bad im Meer und Schlendern durch die engen Gassen im Abendlicht sein. Aber ein klein wenig mehr mediterranen Charme, eine nuancen- und kontrastreichere Welt und wenigstens ein bisschen Zufriedenheit oder ausgeglichenere Figuren anstelle von Überspanntheit, Schimpfen und Betrügen, das hätte mir gefallen, besonders in diesem so trostlosen Sommer, in dem ich zum Buch griff.

So muss ich leider konstatieren, dass das mit Elena Ferrante und mir wohl nichts mehr wird, habe ich doch das Gefühl, stets das gleiche Buch in leicht variiertem Setting zu lesen. Elena Ferrante seien die vielen euphorischen Leserinnen und Leser gegönnt, ich zähle mich nun nach diesem Lektüreabbruch nicht mehr dazu.


  • Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen
  • Aus dem Italienischen von Karin Krieger
  • ISBN: 978-3-518-42952-5 (Suhrkamp)
  • 414 Seiten. Preis: 24,00 €
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Chris Whitaker – Von Hier bis zum Anfang

Auf knappe 7000 Rezensionen auf einem einschlägigen Shoppingportal bringt es die englische Originalausgabe von Chris Whitakers Roman We begin at the end. Eine stattliche Anzahl von Rezensionen, auch auf die Bestsellerliste der New York Times hat es der britische Autor mit seinem Buch geschafft. Nun erscheint das Buch in der deutschen Übertragung durch die bewährte Übersetzerin Conny Lösch auf Deutsch. Was kann der „must-read crime novel of the year“, wie es vom Cover der Originalausgabe kündet?

Zunächst zwei kurze Feststellungen vorweg: im Vergleich zum englischen Originaltitel ist der deutsche Titel Von hier bis zum Anfang deutlich schwächer, da ungenauer. Und ein Krimi ist das Buch in meinen Augen auch nicht, genauso wenig wie es die Romane von Joel Dicker, Ann Petry oder Delia Owens sind. Warum komme ich zu diesen Urteilen?

Ein vermeintlicher Krimi

Zunächst klingt alles tatsächlich sehr nach einem klassischen Krimi, blict man auf den Klappentext oder die Inhaltszusammenfassung. Vor 30 Jahren soll Vincent King Sissy Radley umgebracht haben. Seine Strafe hat er im Gefängnis verbüßt, wurde wegen eines Mordes im Gefängnis noch länger einbehalten und kehrt nun nach Cape Haven zurück. Dort hat eigentlich niemand auf ihn gewartet, nur sein Freund aus Kindertagen, der lokale Polizeichef Walk hät ihm aus alter Verbundenheit die Treue. Doch die Rückkehr des verurteilten Mörders verursacht viel Aufruhr – und wenig später wird Walk zu einem neuen Tatort gerufen. Das Opfer diesmal: Star Radley, die Schwester von Sissy. Am Tatort greift er den blutverschmierten Vincent King auf, der auch diesen Mord gesteht. Die Spuren sprechen eine eindeutige Sprache und so steht eine Verurteilung von Walks altem Freund unmittelbar bevor. Doch was führte zu der Tat?

Um diese zu verstehen, muss man wirklich am Anfang der Geschichte ansetzen, die vor 30 Jahren begann. Geschickt schafft es Chris Whitaker, nach und nach kleine Puzzlestücke an den Platz zu rücken, während er seine Geschichte vorantreibt. Er schildert die Spurensuche Walks auf eigene Faust, der sich in der Kleinstadt Cape Haven auskennt und der mit seiner lokalen Expertise und Verbundenheit mit den Bewohner*innen viel Vorsprung vor den eigentlichen Ermittlern hat.

Den größten Raum in dieser Erzählung nimmt aber das Schicksal der beiden Kinder der ermordeten Star Radley ein. Da ist die Erstgeborene Dutchess. Ihren Vater kennt sie nicht, dafür spendet ihr der eigene Familienstammbaum Orientierung. In diesem Stammbaum findet sich ein Outlaw, der zum Vorbild für Dutchess wird. Die Qualitäten eines Outlaws braucht sie auch tatsächlich, um ihren kleinen Bruder Robin zu beschützen. Musste Dutchess schon vor dem Mord an ihrer Mutter die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen, steht sie nun nach der Ermordung noch mehr in der Verantwortung. Zusammen mit ihrem Bruder wird sie nach Montana zu ihrem Großvater geschickt. Wirklich zur Ruhe kommen die beiden hier aber auch nicht. Die Macht des Schicksals ist stark und holt die beiden auch dort ein.

Ein potentieller Bestseller mit vielen Qualitäten

Dass dieses Buch zum Bestseller avancierte, überrascht wenig. Denn Whitakers Debüt besitzt ganz unterschiedliche Qualitäten, die das Buch für eine wirklich breite Leserschicht interessant machen. Da ist zunächst die Tatsache, dass das Buch rund ist. Erst am Ende ergeben sich die Zusammenhänge und die Schicksalsfäden werden entwirrt. Insofern ist der Originaltitel, der vom Beginn am Ende spricht, sehr gut passend. Alles fügt sich und ergibt ein sinnreiches Bild.

Dieses Bild, das sich dann zeigt, zielt deutlich aufs Herz und besitzt eine starke emotionale Kraft. Das Waisenschicksal von Dutchess und ihrem Bruder Robin rührt an, auch wenn Chris Whitaker hier so manches Mal etwas zu stark auf die Tränendrüse drückt. Aber wie er von Einsamkeit und dem viel zu frühen Erwachsenwerden von Dutchess erzählt, das ist wirklich stark gemacht (und erinnert an Delia Owens Bestseller).

Neben der emotionalen Güte ist es auch die Qualität eines Justiz- und Spannungsromans, die dem Buch innewohnt. Es gibt Tote, Vermisste, einen Prozess mit Geschworenen, der die Suche nach der Wahrheit beschleunigt und immer drängender werden lässt. Dabei übertreibt es Whitaker auch nicht mit der Gewalt, alles geschieht in allgemein verträglicher Intensität, sodass auch zarter besaitete Leser*innen durchaus gut unterhalten werden. Ist Vincent King schuldig? Wer hätte weiteres Interesse an den Morden und wo sind die Motive zu suchen? All diese Fragen ziehen sich durch das Buch.

Neben all der Schwere gibt es aber auch immer wieder komische Momente, etwa wenn Walks Nachbar alleine als Bürgerwehr fungiert und dabei höchst sachverständig erscheinen will, ein Wahrheit aber ständig die Polizeicodes durcheinanderbringt. Aber auch die anderen Figuren sind zumeist glaubwürdig gezeichnet und haben alle ihre zwei Gesichter.

In Von hier bis zum Anfang stellt Chris Whitaker auch unter Beweis, dass es nicht viele Figuren braucht, um eine große Geschichte zu erzählen. Er konzentriert sich auf ein sehr überschaubares Figurenensemble. Genauso klein wie die Figuren ist auch der Schauplatz Cape Haven. Dem Engländer Whitaker gelingt es ähnlich wie dem Schweizer Joel Dicker, das Leben in der amerikanischen Kleinstadt ungemein plastisch zu schildern. Man vermeint, selbst durch die Straßenzüge Cape Havens zu bummeln, die Läden und Häuser vor sich zu sehen oder in der Weite Montanas zu stehen.

Fazit

Die Atmosphäre in diesem Buch ist stark. Die Naturbeschreibungen überzeugen genauso wie das soziale Gefüge in Whitakers Kleinstadt, das Buch hat eine untergründige Spannung und große emotionale Wucht. Viele Punkte also, die das Buch maximal anschlussfähig an verschiedene Leseinteressen machen. Ein breiter Erfolg beim lesenden Publikum sollte diesem Buch gewiss sein, davon bin ich überzeugt. Ein potentieller Bestseller, den ich mir auch bei der Wahl zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels im Herbst gut vorstellen könnte.


  • Chris Whitaker – Von Hier bis zum Anfang
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-492-07129-1 (Piper)
  • 448 Seiten. Preis: 22,00 €
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C Pam Zhang – Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

Was für ein Debüt! Mit Wie viel von diesen Hügeln ist Gold legt C Pam Zhang ein Buch vor, dem das Kunststück gelingt, sowohl von zeitlosen Themen zu erzählen, als auch in alle aktuellen Debatten vorzustoßen. Ein vermeintlich historischer Roman, der erstaunlich viele Berührungspunkte mit der Gegenwart aufweist und der angenehm vieldeutig ist. Sehr stark!

Ob Zhangs Buch ein historischer Roman ist, darüber lässt sich schon einmal vortrefflich streiten. Denn C Pam Zhang entzieht sich einer allzu eindeutigen Zuordnung, indem sie einen Kniff anwendet. Denn anstelle einer ganz konkreten Verhaftung in Zeit und Ort wählt sie für ihre verschiedenen Teile des Buchs eine semi-konkrete Zeitbeschreibung. Ihre Kapitel spielen in den Jahren XX59 oder XX68. So enthebt sie sich einer althergebrachten und klassischen Geschichtsschreibung und zielt etwas am Eindeutigen vorbei. Das ist auch in vielen anderen Bereichen des Romans ein Kennzeichen ihres Schreibens. Das Uneindeutige, vielfach lesbare findet sich in verschiedensten Ausprägungen im ganzen Buch wieder.

Das beginnt bei der Geschlechtszuordnung und endet bei der Frage, wie konkret das Beschriebene überhaupt ist. Goldfunde vor dem Goldrausch, Tiger in der Prärie, die eigenen Familienlegenden die genaue Herkunft ihrer Protagonistinnen: was davon kann man trauen? Was ist im Fakt, was Fiktion? Vieles entzieht sich in Wie viel von diesen Hügeln ist Gold einer eindeutigen Lesart – was das Buch so vielschichtig und grandios macht. Aber der Reihe nach.

Zwei Waisenkinder auf der Flucht

C Pam Zhang - Wie viel von diesen Hügeln ist Gold (Cover)

Alles beginnt in Zhangs Roman mit der Flucht zweier Waisenkinder. Sam und Lucy sind auf der Flucht, nachdem sie zwei Silberdollars geraubt haben. Diese benötigen sie, um ihrem Vater ein rituelles Begräbnis zukommen zu lassen. Nach ihrer Mutter ist nun auch der Vater verstorben, ein jähzorniger und schwieriger Zeitgenosse, der den Tod der eigenen Frau nicht verwinden konnte. Dieser Tyrann ist nun tot und Sam und Lucy möchten seine Beine gestatten. Mit der Leiche des Vaters auf dem Rücken ihres Pferdes reiten sie nun durch die Prärie, damit seine Seele nach dem Begräbnis Frieden finden kann.

Nachdem uns die Autorin hier eine schon nahezu völlig fragmentierte Familie präsentiert, geht es in den folgenden Teilen zurück zu den Anfängen. Vater und Mutter dürfen erzählen, ihre Sichtweise zu Gehör bringen. Wie fanden sich die Eltern, beide aufgrund ihres Aussehens und ihrer Andersartigkeit Außenseiter? Wie erlebten die beiden den Goldrausch, was bedeutet und bedeutete Familie für die beiden? Zhang zeigt hier einen ganz besonderen Familienverbund, die als Kuriosum in der lokalen Goldgräbergemeinde angesehen wurde. Sprache, Aussehen, Verhalten – alles an dieser Familie war anders als die Mehrheit. So gelingt es C Pam Zhang, einen alternativen Blick auf den amerikanischen Goldrausch und seiner Abgründe zu werfen, wie er mit seit Jugendtagen (damals in Form von Rainer M. Schröders Goldrausch in Kalifornien) nicht mehr begegnet ist. Fernab von jeder Klondike- und Glücksritterromantik zeigt sie hier den Raubbau an Mensch und Natur, den dieser Rausch bedeutete.

Von der Frage der Identität

Nicht nur in diesem Punkt der Ökologie und des fragwürdigen Umgangs mit den Ressourcen der Natur weist Wie viel von diesen Hügeln ist Gold viele Berührungspunkte mit der Gegenwart auf. Auch die Frage von Geschlecht und gesellschaftlicher Zuschreibung spielt in diesem Roman eine wichtige Rolle. So nutzt Zhang geschickt den Kniff, Sam stets nur mit dem geschlechtslosen Kurznamen anzusprechen (was auch gut in die tolle deutsche Übersetzung von Eva Regul hinübergerettet wird). Denn obwohl Sam eigentlich ein Mädchen ist, wurde ihr vom Vater die Rolle des nicht vorhandenen Sohns zugewiesen. Und Sam fühlt sich mit dieser Zuschreibung ganz wohl. Sie trägt das Haar kurz und ist mit ihrem durchaus aggressiven Charakter so ganz anders als Lucy, die versucht, die letzten Rumpfbestände der Familie zusammenzuhalten. Hochinteressant, wie Zhang hier zeigt, wie Geschlecht eben nicht nur Biologie sondern auch gesellschaftliche Zuschreibung sein kann.

Und nicht zuletzt ist es auch die Sprache, die dieses Buch so besonders macht. Wie viel von diesen Hügeln ist Gold besitzt einen eigenen Sound ist sprachmächtig und ragt aus der Masse heraus. C Pam Zhang besitzt die Gabe, poetische Schilderungen mit höchster Grausamkeit zu verbinden, Elegie, Tod und Action zu einer eindringlichen Melange zu verschmelzen. Immer wieder sind chinesische Satzfetzen in die Gespräche eingeflochten, reden Menschen aneinander vorbei und sind auch hier wieder: uneindeutig.

Fazit

Diese Ambiguität, Vielfalt der Themen und überzeugende literarische und poetische Gestaltung neben einer interessanten Konstruktion machen für mich den Reiz von Wie viel von diesen Hügeln ist Gold aus. Eine Gegenerzählung zum oftmals romantisierten „Goldrausch“ und seiner Glücksritter, das Porträt einer auseinanderdriftenden Familie und dazu noch viele Berührungspunkten mit aktuellen Diskursen und Fragestellungen. Ein Buch, das auf ganzer Linie überzeugt und viele Denkanstöße liefert.


  • C Pam Zhang – Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
  • Aus dem Amerikanischen von Eva Regul
  • ISBN: 978-3-10-397392-1 (S. Fischer)
  • 352 Seiten. Preis: 22,00 €
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Salvatore Scibona – Der Freiwillige

Vom Dschungel Vietnams bis nach Hamburg. In seinem Roman Der Freiwillige spannt Salvatore Scibona einen weiten Bogen – und scheitert an den eigenen Ambitionen.


Dabei ist der Auftakt zu Scibonas zweitem Roman (zuletzt „Das Ende“, erschienen 2012 bei Arche) durchaus vielversprechend. Ein Junge steht menschenverlassen auf dem Hamburger Flughafen, keine Spur von Erziehungsberechtigten. Die Ermittlung der Identität des Jungen stellt sich als schwierig heraus. Von dort aus springt der Roman dann einige Jahrzehnte zurück, um im ersten Teil die Geschichte von Vollie zu schildern.

Salvatore Scibona - Der Freiwillige (Cover)

Dieser meldet sich als Freiwilliger für den Vietnamkrieg und verlängert sein Engagement dort sogar noch einmal. Er gerät in Kriegsgefangenschaft und erlebt den Wahnsinn des Kriegs hautnah mit. Später wird er nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst auf eine Spionagemission geschickt. In Queens soll er den Verbleib eines Mannes herausfinden. Sollte er erfolgreich sein, erwartet ihn eine finanzielle Entlohnung. Doch bis sich diese Geschichte mit der des verlassenen Jungen auf dem Hamburger Flughafen verbindet, wird noch einige Zeit vergehen.

Es sind durchaus vielversprechende Zutaten, die Salvatore Scibona für seinen Roman verwendet. Schilderungen des Vietnamkriegs, die Frage von familiärer Verbundenheit, der Blick auf das gesellschaftliche Leben abseits des öffentlichen Interesses. All das spielt in dem Buch eine Rolle, mag sich aber nicht zu einem überzeugenden Ganzen verbinden.

Ein Buch, das den Fokus verliert

Beginnt das Buch mit einer klaren Schlagrichtung, nämlich den Schilderungen des Kriegs in Vietnam, verliert sich dieser Fokus bereits nach dem ersten Teil. Scibona springt zurück nach Hamburg, erzählt von dem Jungen, der unter die Fittiche eines Priesters genommen wird. Dann ändert er den Erzählfokus, rückt Vollie (der inzwischen seine Identität bereits zum ersten, aber nicht letzten Mal gewechselt hat) an den Rand der Erzählung. Er beendet den Teil um die Spionageerzählung, um dann weiter zu einer Kommune in New Mexico zu springen. Vollie, sein Sohn, der Junge in Hamburg – immer mehr lösen sich die Erzählstrukturen auf, enden oftmals wahllos und in großer Beliebigkeit. Viele eingeführte Konflikte enden im Nichts, immer zielloser wird dieser wild mäandernde Erzählstrom. Auch bleiben die meisten Figuren völlig unkonkret, obwohl Scibona viel Zeit zur Schilderung dieser verwendet.

Das ist schade, denn so bleibt bei mir der Eindruck eines Buchs, bei dem deutlich mehr dringewesen wäre. Schon die Schilderungen des Kriegs in Vietnam wirken eingedenk einer Fülle an Filmen und Romanen überholt. Andere Schriftsteller haben gezeigt, wie man heute modern und mit Erkenntnisgewinn von diesem Krieg erzählen kann. Scibona wirkt hier etwas antiquiert und fällt ästhetisch hinter ein solches Erzählen zurück. Und da dieser Teil der überzeugendste des Buchs ist, bekommt man eine Ahnung, wie der Rest dieses Romans versandet. Zwischen all den Identitäts-und Schauplatzwechseln stellte sich bei mir eine Müdigkeit ein, die ein guter da fokussierter Roman so hätte nicht entstehen lassen.

Das ist schade, denn mit einer klareren Stoßrichtung, einer prägnanteren Figurenzeichnung und einer überzeugend durchgeführten Entwicklung hätte aus Der Freiwillige ein echter Klassiker werden können. So bleibt Scibonas Roman weit hinter seinen Möglichkeiten zurück und erzeugte zumindest bei mir etwas Ratlosigkeit ob der erzählerischen Orientierungslosigkeit.


  • Salvatore Scibona – Der Freiwillige
  • Aus dem Englischen von Bettina Arabarnell und Nikolaus Hansen
  • ISBN 978-3-8270-1383-5 (Berlin-Verlag)
  • 560 Seiten. Preis: 25,00 €

Titelbild: „1968 Helicopter Lands Jungle Clearing US Soldiers Vietnam War UPI Photo“ by manhhai is licensed under CC BY 2.0

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Peter Richter – August

Neues von Peter Richter. Nach seinen beiden in Ostdeutschland spielenden Büchern (zuletzt Dresden revisited, 2016) wechselt er nun den Schauplatz. Der ehemalige New York-Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung erzählt nun von zwei Paaren, die ihren Sommer dort auf Long Island verbringen, genauer gesagt in den Hamptons. Im luxuriösen Milieu voller Villen mit hauseigenem Gärtner, Swimmingpools und Gartenpartys wollen die beiden Paare mit deutsche Wurzeln einen sorglosen Sommer verbringen. Und merken dabei doch, dass selbst im vermeintlich den Sorgen enthobenen Idyll der Hamptons nicht alles perfekt ist.


Geladen zum sorglosen Sommer hat Richard (die Betonung liegt auf Rich), der mit seiner Frau Stefanie, einer ehemaligen Moderatorin im Musikfernsehen, aus Berlin in die Hamptons gezogen ist. Reichgeworden mit Immobiliengeschäften hat er sich einen Bungalow in den Hamptons gekauft, in dem er den Impressario gibt. Zu laut über das Grundstück tönender Jazzmusik pflegt man zusammen mit dem befreundeten Ehepaar Alec und Vera das süße Nichtstun. Das Apartment der beiden in New York ist vermietet, die Kinder spielen gemeinsam und so kann das gemeinsame sorglose Sommern beginnen.

Denn Vera hatte bis dahin weder das Wort noch die Sache gekannt: to summer. Allein die Idee, den kompletten Sommer da draußen zu verbringen, kam ihr so verlockend wie abszön vor – auch noch in den mythischen Hamptons, wo nach allem, was sie darüber wusste, siebzigjährige Bienenköniginnen inmitten unverstellbarer Reichtümern auf den Dünen hockten.

Peter Richter -August, S.14

Vera versucht, von ihrem Job in der Klinik abzuschalten, Alec seine ausufernden Materialsammlungen zu einem Buchprojekt zu bündeln (von der Hitlerjugend zu Facebook, von der Waldorfschule zum Waldorf Astoria, so die ungefähre Synopse seine Frau). Die Routine aus Rammdösigkeit aus Swimmingpool und dem Bad im nahegelegenen Ozean wird allenfalls von der Fahrt zum Indianerreservat (besonders günstige Zigarettenstangen!) oder zum Discounter (zwei Flaschen Champagner zum Preis von einer!) unterbrochen.

Wollen und Nicht-Ganz-Können

Peter Richter - August (Cover)

Ein schönes Bild ist es, das Peter Richter hier für den Status von Richard und Co und deren Wunsch nach einer Hochglanzfassade zeigt. Während Vera und Alec ihr Appartment via AirBnB untervermietet haben, um sich den Luxus der Auszeit zu gönnen, darf diese Auszeit für Richard und Stefanie nur den August über dauern. Danach ist der Bungalow wieder vermietet. Überhaupt – was wie purer Luxus klingt, ist dann doch nicht DER Luxus, der in den Hamptons angestrebt wird. Statt einem feudalen Anwesen reicht es bei den beiden doch nur zum Bungalow plus beengter Gästehütte. Zudem liegt dieser auf der falschen Seite des Highways. Aber immerhin, für einen Parkberechtigungsschein am Strand reicht es.

Und wenn man schon nicht die erste Geige im Konzert der Upperclass spielt, so muss wenigstens ein Lifestyleguru für die Paare drin sein. Was andere Hollywoodstars vormachen, das ahmen Richard und Stefanie natürlich begeistert nach. Und so besucht diese regelmäßig ein Guru mit wallendem Haar, aufgrund seiner österreichischen Provenienz Kaunsler getauft. Er animiert besonders Stefanie zu Yoga, Globuliexzessen und Esoterik. Und auch das heimischen Zierpflanzen sind vor den halluzinogenen Versuchen es österreichischen Schamanen nicht sicher.

Eine Satire auf das Streben nach Aufstieg

Die Figuren und die Setzung des Romans zeigen schon, in welche Richtung Peter Richter in seinem neuen Buch geht. August ist eine Satire auf das Streben nach sozialem Aufstieg und den Wunsch, selbst in der Upperclass mitzumischen. Er beschreibt ein vermeintliches Paradies, das doch nach und nach seine Risse offenbart. Je länger der Sommer dauert, desto mehr Störfaktoren tauchen innerhalb und außerhalb der Beziehungsgefüge auf.

Es sind schöne Bilder, die Richter neben so manchem Klischee hier aufbietet. Ein Beispiel für die Koexistenz von beidem wäre etwa die übers Grundstück tönende Musik und deren Begleitumstände. Ist es zunächst wilder Jazz (den die Sommerfrischler eher aus Distinktionsgewinn denn Genuss konsumieren), der zur Untermalung der mondänen Lebenswelt dient, wird dieser später im Buch von Dolly Parton und ihrem Schlager Jolene abgelöst, passend zur Affäre mit dem Schweizer Kindermädchen. Ist das vielleicht auch etwas zu plakativ und erwartbar, sind es weitere Bilder und Motive, die noch stärker, da unaufdringlicher sind.

So versammeln sich auf dem Grund des Pools immer mehr Gegenstände, die ihren Weg im Lauf des Sommers dort hineinfinden. Der Gärtner Ramon ist nicht auffindbar, und so bleibt alles eben einfach alles im Schwimmbecken zurück. Wer will sich schon im Sommer mit Aufräumen beschäftigen? Zunächst fällt ein Buch stellvertretend für alle Ambitionen in den Pool. Später ist es ein Handy, dann – nein, es soll hier nicht verraten werden. Die Lektüre bis zum Schluss lohnt und dieses Bild ist gelungen und vielgestaltig interpretierbar.

Vielgestaltiger Humor

Überhaupt – vielgestaltig ist auch der Humor, den Peter Richter in August aufbietet. Dieser reicht von erwartbar und vielleicht etwas flach („Ihr Trainer hieß auf Englisch so, wie sie sich auf Deutsch fühlten, seit sie den Raum betreten hatten: Matt. S. 139 ) über intellektuell-hintersinnig (etwa die ganzen ergebnislosen Gedankenschleifen und Monologe Alecs) bis zu dem distinguierten und fast an Thomas Mann erinnernden Humor, der an anderen Stellen aufblitzt:

„Champagner“, rief Richard, als sie alle wieder aufgetaucht waren. „Ein Bad in Champagner, oder etwa nicht?“. Nicht nur der Sand sei weißer, auch die Gischt moussiere feiner hier draußen. „Alles westlich von hier ist bestenfalls Prosecco dagegen: Jones Beach, sogar Fire Island.“ Und was Coney Island oder Rockaway Beach waren, wo Alec und die Seinen normalerweise schwimmen gingen, was also diejenigen Strände dagegen waren, die man mit der Subway erreichen konnte, das wollte Richard lieber gar nicht in den Mund nehmen.

Peter Richter – August, S. 36

Für meinen Geschmack hätte Richter diesem feineren Humor noch etwas mehr Platz einräumen dürfen, gegenüber den oftmals schon reichlich karikaturesk wirkenden Beschreibungen seiner Protagonist*innen (besonders überzeichnet in meinen Augen die ökologische Übermutter Stefanie, die dem Nachwuchs selbst gemachte Sonnencreme der Vermeidung von Chemikalien wegen auf die Haut schmiert, Globuli verfüttert, sämtliche Kellner am Tisch peinlichen Verhören über die Öko-Bilanz des Essens unterzieht, etc.). Auch bleibt Richter in seinen Sottisen etwas erwartbar (das Geiern der am Strand zurückgelassenen Mütter nach dem athletischen Lifeguard, die amerikanische Prüderie egal ob Kleinkind ohne Bikini oder Champagnerkonsum, die Esoterik-Begeisterung in Teilen der Upperclass, die Begeisterung der Eliten für das vermeintlich Einfache und Echte, und so weiter).

Fazit

Insgesamt aber gelingt Peter Richter eine ansprechende Satire auf die (amerikanische) Upperclass und den unbedingten Wunsch, dazugehören zu wollen. Eine Satire, die klarmacht, dass auch hinter den vermeintlich paradiesischen Zuständen immer ein Abgrund lauert und die bereit ist, die Abgründe auch zu beschreiben und zu bebildern. August ist ein Buch, das sommerliche Langeweile und amerikanischen lifestyle beschreibt und persifliert und dabei auch ohne Politik und große Gegenwartsanalysen auskommt, wie es bei manch einem anderen amerikanischen Kollegen wahrscheinlich der Fall wäre. Manchmal eine Spur zu überzogen und etwas erwartbar, aber von hoher Unterhaltsamkeit und mit viel funkelndem (oder moussierendem?) Humor versehen.


  • Peter Richter – August
  • ISBN 978-3-446-26763-3 (Hanser)
  • 256 Seiten. Preis: 22,00 €
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