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Karine Tuil – Die Liebeshungrigen

Kulminationspunkt Cannes. In ihrem neuen Roman Die Liebeshungrigen blickt Karine Tuil auf einen abgewählten französischen Präsidenten und sein Umfeld und schildert einen möglichen #metoo-Skandal, der spät, dafür aber umso spektakulärer an der Croisette in Cannes einschlägt..


Liest man den neuesten Roman der Französin Karine Tuil, so wird man unweigerlich an das politische Personal der Grande Nation unserer Tage erinnert. Sie besetzt ihr Buch mit einem ehemaligen Präsidenten namens Dan Lehmann, der als Linker mit großen Erwartungen in sein Amt an der Sputze der Republik gestartet war . Ein großes politisches Werk glückte ihm allerdings nicht und so wurde er nach nur einer Amtszeit abgewählt und hadert bis heute mit dem damit einhergehenden Machtverlust.

Nicht einmal seine Frau, eine glamouröse Schauspielerin mit deutschen Wurzeln, kann ihn über den Machtverlust hinwegtrösten. Zuflucht hat dieser Dan Lehmann im Alkohol gefunden, der zunehmend seinen Alltag dominiert. Sein Versuch einer zweiten Karriere als Schriftsteller, die er mit einer Romanbiografie über Karl Marx wagte, hat nicht nur einer platten erotischen Szene wegen wenig Gnade bei Publikum und Kritik gefunden.

Ein Ex-Präsident im freien Fall

Nicht besser wird das Ganze, da ihm auch noch eine Aussage in einem Prozess über Wahlkampfspenden ins Haus steht. Bei solchen markanten biografischen Strichen kann man sich schon einmal an Nicolas Sarkozy und seine Ehefrau Carla Bruni erinnert fühlen, der jüngst mit der Nachricht der Anfertigung eines Buchs über jene zwanzig Tage im Gefängnis auffiel, die er infolge des Prozesses um die illegale Finanzierung seines Wahlkampfs durch Muammar Al-Gaddafi verbüßte.

Dieser Dan Lehmann ist eine wehleidige Figur, der seine Tage mit Trinken und einem Diktiergerät verbringt, in das er seine Weisheiten und Erkenntnisse spricht, wie Karine Tuil ausführlich zeigt.

Sicher, einige Vergünstigungen waren ihm geblieben: eine jährliche Pension in Höhe von 75.000 Euro, zu der sich ein Monatsgehalt von 13.500 Euro gesellte, das er als Mitglied des Verfassungsrats erhielt; zwei Polizeibeamte, die rund um die Uhr für seine persönliche Sicherheit sorgten; ein Dienstwagen mit zwei Fahrern: ein dreihundert Quadratmeter großes Büro in der Rue de Ponthieu, inklusive mehrerer Mitarbeiter. Doch das alles wog nicht die brennende Enttäuschung darüber auf, dass er keine wichtigen, das Schicksal der Nation betreffenden Entscheidungen mehr fällen durfte, dass er nicht für eine zweite Amtszeit gewählt worden war, dass er nicht hatte überzeugen können.

Karine Tuil – Die Liebesbedürftigen, S. 37

Um ihn herum gesellen sich langsam weitere Figuren aus seinem unmittelbaren Umfeld hinzu.
Da ist Hilda Müller, die Schauspielerin, mit der Lehman eine gemeinsame Tochter hat. Wo Lehman unter dem Machtverlust leidet, ist es bei ihr der Verlust ihrer bisherigen Arbeit als vielbeachtete Aktrice. Kein Regisseur will sie als Frau an der Seite eines gescheiterten Präsidenten mehr besetzen.

Ein komplexes Personengefüge

Karine Tuil - Die Liebeshungrigen (Cover)

Den Ausweg aus der Krise verheißt ihr der anstehende Film eines gefeierten Regisseurs, der Hilda als Arbeiterin besetzen will. Geschrieben hat die Buchvorlage ausgerechnet Marianne, die Ex-Frau von Dan, mit der er zusammen drei Kinder hat. Diese beiden führt Karine Tuil ebenso als Erzählfiguren ein, wobei das Ganze zusätzlich verkompliziert wird, da nicht nur Hilda eine Affäre mit dem Regisseur beginnt, sondern auch Mariannes Tochter Leo für den Regisseur schwärmt.

Angesichts der komplexen Ausgangslage überrascht es nicht, dass Karine Tuil einige Zeit braucht, um die Figuren mitsamt ihrer Abhängigkeiten auf dem Spielfeld zu platzieren und diese aufeinander auszurichten.

Was dann folgt, ist ein Roman, der unbarmherzig auf den Kulminationspunkt Cannes zuläuft. Mitleidenschaft, so der Titel der Buchverfilmung, kennt hier nämlich jeder und keiner. Während die Figuren alle voreinander Dinge verheimlichen, mal näher aufeinander zutreiben und sich wieder entfremden, hat es der Film derweil in die Auswahl zu den Filmfestspielen an der Croisette geschafft.

Kulminationspunkt Cannes

Dort innerhalb und außerhalb des Kinosaals treffen alle Figuren aufeinander und es entwickelt sich ein verhängnisvolle Dynamik. Denn obwohl er sich filmisch mit der Frage von #metoo auseinandersetzen wollte, umfloren den Film und vor allem seinen Regisseur nun in realiter plötzlich Vorwürfe von überzogener Gewalt und Machtmissbrauch, die sich im Rahmen der Vorführung der Films dort in Cannes nun Bahn brechen.

Wie schon ihr vorletzter Roman Menschliche Dinge verhandelt auch Die Liebeshungrigen wieder die Fragen von Macht und Einfluss, deren Aushandlungsmittel hier fast ausschließlich Sex und Affären sind. Während auf der Leinwand und unter der Sonne Cannes die größten Illusionen gepflegt werden, sieht die Realität deutlich ernüchternder aus.

Nach außen wahrt man die Fassade, postet seinen vermeintlich glamourösen Alltag, während Lehman, der von seiner Frau ein Auftrittsverbot für den Roten Teppich erhalten hat, in der Villa eines befreundeten Unternehmers am Pool säuft oder eine Schauspielerin, die in Mitleidenschaft lediglich die Rolle des Körperdoubles spielt, verzweifelt Zutritt zu den wichtigen Veranstaltungen und Netzwerktreffen zu erhalten versucht, während sie in der günstigsten Absteige nächtigen muss.

Alle Figuren taumeln hier auf eigene Weise durch die Handlung, was einen Gesellschaftsroman im besten Sinne ergibt.
Denn nicht nur, dass Karine Tuil in die Sphären der großen Politik und der Filmwelt vorstößt (besonders schön hier die kleine Referenz an die Übersetzerin und Buchpreis-Gewinnerin Anne Weber, die einer Filmproduzentin ihren Namen leihen darf), besonders interessant wird der Roman neben seiner Figurenkonstellation voller Abhängigkeiten und gesellschaftlichen Schichten besonders durch die mannigfaltige Brechung der Frage von Macht, Machtausübung und Machtverlust.

Machtverlust und Machterhalt

Begehren und Sex sind bei ihr eigentlich nie reiner Selbstzweck, immer wieder wird darüber die Frage von Macht verhandelt. Anders als im schon erwähnten Roman Menschliche Dinge kommt Tuil hier zu überzeugenderen Schlüssen und schont ihre Figuren nicht. Konsequent blickt sie auf das Miteinander ihrer Personen, das viel zu oft ein Gegeneinander ist und bei dem die Autorin an Dramatik nicht spart (vielleicht sogar den ein oder anderen Strich zu dick aufträgt, insbesondere im Finale).

Im Falle von Die Liebeshungrigen tritt auch der seltene Fall auf, dass der deutsche Titel dem französischen Original fast überlegen ist (Übersetzung des Textes aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch).

Großartig mehrdeutig zu lesen ist dieser Titel, den die deutsche Übertragung für den sperrigeren französischen Originaltitel La guerre par d’autres moyens gefunden hat, schließlich klingen in ihm schon die Sehnsucht nach Liebe und der Hunger nach ihr an, die in Tuils Buch dann auch schlüssig ausgedeutet werden.

Fazit

Die Liebe und das Geliebtwerden, es wollen hier fast alle Figuren. Vor allem aber wollen sie Macht — und das ergibt einen hochaktuellen, gesellschaftlich relevanten Roman, wie ihn in dieser Form wohl nur französische Autor*innen hinbekommen.

Die Liebeshungrigen erzählt unterhaltsam von Süchten und Verlangen und blickt von ganz oben nach ganz unten. Süchte und Verlangen fängt Tuils Buch erfreulich facettenreich ein und verstrickt ihre Figuren mit viel erfreulich viel erzählerischer Lust in einem Gespinst der Abhängigkeiten und Konflikte.


  • Karine Tuil – Die Liebeshungrigen
  • Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch
  • ISBN 978-3-423-28522-3 (dtv)
  • 400 Seiten. Preis: 25,00 €

Helena Falke – Noch fünf Tage

Endlich mal wieder ein guter deutscher Thriller, der mit eigenen Ideen überzeugt! In Noch fünf Tage kreuzt die unter Pseudonym schreibende Helena Falke die Welt der Sternekulinarik mit einem unbarmherzig tickenden Countdown. Denn eine Spitzenköchin liegt im Sterben und hat noch fünf Tage, um herauszufinden, warum nur.


Davos, das ist spätestens seit Thomas Manns Zauberberg ein Hort der Literatur – und seit den 70er Jahren auch ein Hort der Hochfinanz, wenn alljährlich im Januar die Spitzen aus Politik und Wirtschaft einfliegen, um beim Weltwirtschaftsforum vor montaner Kulisse über den Zustand und das Ziel der westlichen Wirtschaftswelt und Gesellschaft zu debattieren.

Helena Falke kreuzt nun für ihren in Davos spielenden Thriller Literatur, Wirtschaft und Kulinarik zu einem ganz besonderen Buch. Die zugrundeliegende Idee des Ganzen ist nämlich enorm bestechend.

Polonium im Essen

Helena Falke - Noch fünf Tage (Cover)

Die Köchin Lis Castrop liegt in einem Krankenhaus in Davos und ihr bleiben Noch fünf Tage. In ihrem Körper findet sich eine hohe Dosis des radioaktiven Giftes Polonium-210, das vor ihr schon für den Tod etwa des russischen Überläufers Alexander Litwinenko sorgte.

Die Industriellenfamilie Harman, die Lis am Abend zuvor bekochte, starb durch das hochdosierte Gift, nur sie als Köchin hat eine geringere Menge des Gifts im Körper. Letal ist die Dosis aber auf alle Fälle und lässt ihr somit nicht mehr viel Zeit, um sich von ihrer Tochter Cosima und der Krankenpflegerin Esme zu verabschieden.

Ich habe beschlossen, dass die Uhr meine Freundin ist. Wenn ich die zwei Blonden im Krankenwagen wörtlich nehme, bleiben mir noch 110 Stunden und 48 Minuten. Das ist machbar. Schließlich habe ich mal ein Sieben-Gänge-Menü für zwölf Leute in weniger als dreieinhalb Stunden zubereitet.

Helena Falke – Noch fünf Tage, S. 37

Für die Polizei ist sie Lis selbst die Hauptverdächtige, was die Köchin nicht auf sich beruhen lassen will und selbst vom Krankenbett aus zu ermitteln beginnt. So steht sie vor der kuriosen Aufgabe, ihren eigenen Mörder zu finden, ehe sie in Bälde stirbt.

Wie gelangte das Gift ins Essen und wer wollte die Familie tot sehen? Im Wettlauf mit der Zeit versucht sie zu ergründen, wie es zu den Todesfällen kommen konnte und wer ein Motiv für die Auslöschung der schwerreichen Familie dort in den Bergen von Davos hatte.

Ermitteln in Häppchen

Dabei taucht sie tief in ihre Erinnerungen ein, serviert uns — wir haben es schließlich mit einer hochtalentierten Köchin zu tun — in appetitanregenden Häppchen von ihrem Tun und ihren ersten Kontakten mit der Familie Harmann, die ironischerweise mit Burgerketten in den USA ihr Vermögen gemacht hat.

Die Welt der Hochfinanz, das Leben im Flieger und der persönlichen Yacht, die kulinarischen Höhenflüge und die Koexistenz mit der Familie, das Wissen um deren Tod und Lis‘ eigenen nahenden Exitus, das verbindet sich zu einem Thriller, der stets vorwärtstreibt, obwohl er strenggenommen zumindest in puncto Schauplatz auf der Stelle tritt.

Mit dem Stilmittel des Countdowns leitet Helena Falke die Kapitel ein, die die verrinnende Zeit symbolisiert und weder der grübelnden Heldin noch uns eine wirkliche Verschnaufpause gönnt. Immer näher rückt das Ende und damit die Frage, ob das überhaupt klappen kann: den Fall alleine vom Krankenlager aus aufklären, gestützt nur von Erinnerungen und Nachgrübeln.

Fazit

Das ist originell erzählt, besitzt Tempo und Drive, besticht durch die Schauplätze und das Milieu und lässt ein wenig mitermitteln, wer jetzt diesen so aufwändigen Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat. Damit hebt sich Noch fünf Tage vom üblichen Krimieinheitsbrei kriminalliterarisch so ab, wie es die hochambitionierten Gerichte kulinarisch tun, die Lis hoch oben in den Bergen oder auf der familieneigenen Yacht zubereitet.

Kurzum: das ist nun wirklich ein Thriller, der Appetit macht. Appetit auf mehr Bücher dieses Kalibers, die uns Helena Falke in Zukunft gerne servieren dürfte!


  • Helena Falke – Noch fünf Tage
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47538-6 (Suhrkamp)
  • 303 Seiten. Preis: 20,00 €

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Titel, die die eigene Familiengeschichte aufarbeiten und dem Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus nachspüren, haben auf dem Buchmarkt aktuell Hochkonjunktur. Auch Judith Hermann liefert nun mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit eine literarische Auseinandersetzung mit ihrem Erbe und blickt auf das, was nach dem Tod bleibt. Es ist ein Text, der zu wenig Erkenntnisgewinn gereicht — und das mit Ansage.


Die frühere Journalistin und spätere Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Hoffmann, machte vor vier Jahren mit ihrem Buch Alles, das wir nicht erinnern den Anfang. Darin schilderte sie die Wanderung, die sie zu Fuß in Erinnerung an ihren Vater unternahm, der 1945 als Neunjähriger vor der Roten Armee aus Schlesien nach Deutschland per pedes fliehen musste und ergründet dabei die familiären Nachwehen des Erlebten.

Letztes Jahr legte die Fernsehmoderatorin Caro Matzko mit Alte Wut ein thematisch ähnlich gelagertes Buch vor, in dem auch sie die Fluchtroute ihres Vaters aus Ostpreußen bereiste und dabei ebenfalls den Fragen innerfamiliär vererbter Traumata nachspürte.

Auch das ein Jahr nach Christiane Hoffmanns Werk erschienene, ebenfalls bei C. H. Beck publizierte Buch Ein Hof und elf Geschwister des Geschichtsprofessors Ewald Frie könnte man in diese Reihe der persönlich gefärbten Geschichtserkundungen anhand des eigenen Stammbaums stellen.
In seinem mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2023 ausgezeichneten Buch blickt er mithilfe eigener Erinnerungen und Interviews mit seinen zehn Geschwistern auf seine Eltern und deren Leben, das den Abschied von der bäuerlichen Lebenswelt des 19. Jahrhunderts symbolisierte.

Und auch ein dritter und letzter Autor aus dem Hause C. H. Beck ist zu nennen, möchte man die auffällige Häufung dieser genealogisch grundierten Geschichtsstunden auf dem deutschen Buchmarkt belegen.
Der Verfasser des Buchs ist der normalerweise für die Wochenzeitung Die Zeit schreibende Autor Henning Sußebach. Diesem gelang im vergangenen Jahr mit Anna oder: was von einem Leben bleibt eine großartige Meditation über das Wissen um die eigene Herkunft und die Brüchigkeit von historischer Überlieferung, indem er den spärlichen Spuren und deutlich größeren Überlieferungslücken betreffend das Leben seiner eigenen Urgroßmutter nachspürte. Auch dieses Buch bedient sich der Bauweise der zuvor zitierten Titel.

Autobiografische Aufarbeitungen im Trend

Judith Hermann - Ich möchte zurückgehen in der Zeit (Cover)

Autobiografische Aufarbeitungen von Familien- und Fluchtgeschichten liegen also im Trend — und auch die preisgekrönte Autorin Judith Hermann fügt sich nun in diese Riege ein und betritt mit ihrem neuen Buch gut bereiteten Boden, wenn man mittlerweile nicht sogar schon von reichlich ausgetretem Grund sprechen könnte.

Interessant wir ihr Text Ich möchte zurückgehen in der Zeit durch den merklich verschobenen Ansatz ihrer familiären Erkundung. Denn Hermanns Großvater war für die SS in Radom in Polen tätig, so die etwas diffusen, aber bekannten Umstände der eigenen Familiengeschichte. Somit erkundet Hermann als Autorin nun eine familiäre Täterbiografie — oder versucht es zumindest.

Denn recht viel mehr die bekannten, diffusen Fakten wird ihr Aufenthalt vor Ort in Radom auch nicht zutagefördern, um dieses Faktum vorwegzunehmen.

In der Kiste fand ich die Heiratsurkunde meiner Großeltern neben ihren Sterbeurkunden neben einem Enltassungsbrief aus der Kriegsgefangenschaft der Aliierten, Certificate of Discharge, neben einem Stpaelchen unsortierter Ftos, die jemand auf den Rückseiten in sachlicher Schrift mit Orten und Daten versehen hatte. Meine Mutte diese Schrift niemandem zuordnen. Sie sagte, sie kenne diese Schrift nicht, ihre sei es nicht, nicht die ihrer Mutter und die ihres Vaters auch nicht.
Mein Großvater im Turnerbund. Mein Großvater in SS-Uniform. Auf einer Allee im Frühling auf jemanden zugehend, über den er sich freut. Am Tag seiner Hochzeit, vor dem Standesamt steht die SS Spalier. Mein Großvater am Waldrand zwischen dunklen Tannen in einem zugeknöpften Mantel, auffällig blanke Schuhen und mit dem zweideutigen Lächeln eines Schaustellers im Gesicht. Mein Großvater im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in Radom.
Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens.
Ich hatte meiner Mutter diese Frage gestellt, sie hatte die Schultern gehoben und ihrerseits leere Hände vorgezeigt. Sie wusste nicht, was ihr Vater in Polen gemacht hatte. Sie wusste, dass Polen von den Deutschen besetzt gewesen war, dass es in Radom ein Ghetto gegeben hatte. Das zumindest wusste sie schon.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 12 f.

Ausgelöst durch einen kurzzeitigen Gedächtnisverlust ihrer Mutter möchte sich Hermann nicht länger mit diesem ungefährem Wissen begnügen und reist selbst nach Radom. Dort in Polen will sie der Familiengeschichte nachspüren, vielleicht sogar neue Erkenntnisse gewinnen und sich in ihren Großvater einfühlen.

Spurensuche in Radom

Doch das will nicht so recht gelingen. Zwar durchstreift die Autorin den Ort, in dem auch der Literat Witold Gombrowicz zur Welt kam, versucht mit Menschen ins Gespräch zu kommen und liest höchst ambitioniert vor Ort Margarete und Alexander Mitscherlichs Standardwerk Die Unfähigkeit zu trauern aus dem Jahr 1967, das sich mit verdrängter Schuld und dem kollektiven Wunsch nach Vergessen der Verbrechen der SS-Zeit beschäftigt.
Doch recht viel mehr an Wissen und Erkenntnis bringt auch der Ortsbesuch nicht. Die Rolle ihres Vaters an den Massakern in Radom bleibt nebulös, der Schleier der Geschichte, er will sich für die Autorin nicht recht heben.

So löst Hermanns Text bis hierhin genau das ein, was die Autorin selbst prophezeit, nämlich dass ein solcher Text nicht gelingen kann.

(..) ich versuchte, etwas darüber zu schreiben, natürlich gelang mir das nicht. Gelang ist nicht der richtige Ausdruck, oder anders gesagt, mir schien ein gelingender Text über eine Reise wie diese nach Radom gar nicht möglich zu sein. Wenn ein Text über eine solche Reise gelungen war, war er zugleich missglückt, ganz bestimmt falsch, es wäre unmöglich, über einen Großvater, der aller Wahrscheinlichkeit nach an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos, an einer Auslöschung beteiligt gewesen war, einen gelingenden Text zu schreiben. Was kann man ausdrücken, nichts kann man ausdrücken.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 35

In seinem ausbleibenden Erkenntnisgewinn dreht dieser Text tatsächlich hohl und findet nur in seiner metaphysischen Reflektion über den Zugang zu Vergangenem zu einer Form. Denn an die siebzig großzügig gesetzten Seiten über die Radomer Reise folgt ein zweiter Teil, der Hermann nach einer Lesung in Krakau in den Süden Italiens führt.

Von Polen nach Italien

Dort in einem Landhaus nahe Salerno wohnt ihre Schwester mit ihrer Familie, die — höchst symbolträchtig — ihrem Beruf als Archäologin nachgeht. Und auch wenn die Autorin und ihre Schwester in distanziertes Verhältnis haben, so sind sich die beiden Frauen doch nahe, was den Blick auf Vergangenes und das Freilegen dieses Vergangen mit unterschiedlichen Mitteln betrifft.

Das wird besonders deutlich, als die gesamte Sippe vom Landhaus in den zweiten Wohnsitz der Familie umsiedelt, nämlich in eine Wohnung in Neapel. An diese in einem Palazzo befindliche Wohnung kam die Familie durch Vitamin B, denn es handelt sich bei dieser Immobilie um die Wohnung der verstorbenen Mutter eines Bekannten. Deren Lebensspuren sind in der ganzen Wohnung präsent, da sich ihr Sohn bislang zu keiner Auflösung des Inventars aufraffen konnte. So künden die auf einem Zwischenboden eingelagerten Kisten vom Leben der hochbetagt gestorbenen Frau, einer Lehrerin, Malerin und Kommunistin.

Hier zeigen sich wieder die Motive der Bewahrung und Erkundung von Vergangenem. Was bleibt von einem Leben und welchen Zugang finden die Nachgeborenen zu diesen Leben? Der letzte Teil des Buchs mit einer kleinen Anekdote über kurzzeitig verschwundene Eltern schließt ein finaler Absatz an, der in seinem knappen Fazit auch den Charakter des Buchs gut trifft.

Als meine Mutter ein Kind war, im zerstörten Berlin der fünfziger Jahre des vergangenen, untergegangenen Jahrhunderts, spielte sie ein Spiel, das sich Geheimnis nannte, alle Kinder in ihrer Straße spielten das.
Sie gruben kleine Löchter in die Erde und legten Dinge hinein, die ihnen etwas bedeuteten, die wichtig waren. Wsrum auch immer wichtig waren; schöne Dinge und hässliche. Knöpfe, Stanniolpapier, Spatzenfedern, Kiesel, farbigen Schutt, Splitter und Knöchelchen. Sie verschlossen die Löcher mit Scherben, schütteten Erde darüber, strichen die Erde glatt. Winzige Sarkophage, manche überdauerten, andere nicht.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 155 f.

Vielleicht ist es wirklich nicht mehr, was vom Vergangen bleibt, so die Erkenntnis nach diesem kurzen Text.

Dennoch fordert die zuvor schon zitierte Ansicht der Autorin über die Unmöglichkeit eines Erfolgs solcher forschender Texte die Frage heraus, was nun in Bezug auf ihr Werk aus einer äußeren Perspektive gilt. Ist der Text misslungen, da die Zugänge zu ihrem Großvater so verschüttet erscheinen wie manche der Sarkophage, die die Berliner Kinder in der Nachkriegszeit in den Boden pflanzten – oder bietet das Buch andere Qualitäten?

Fazit

Blickt man auf Erkenntnisse, die Hermanns Spurensuchen zutagefördern sollten, muss man das Vorhaben des Buchs klar als gescheitert ansehen. Andere Autor*innen haben in ihrer Erkenntnisstärke bessere Bücher vorgelegt, als es dieser Text überhaupt kann.

Betrachtet man ihren dreigeteilten Text allerdings als eine Reflektion über das, was bleibt und das, was nicht bleibt — und wie wir uns dem nähern, so ist Ich möchte zurückgehen in der Zeit doch ein interessantes Buch, das dem flüchtigen Schleier der Vergangenheit nachspürt, der manchmal trügerisch dünn und dann wieder so blickdicht ist.
Hermann versucht ihn in diesem Text zu fassen, indem bei ihr alles auf die zentrale Frage zuläuft: Was bleibt vom Leben und welche Spuren sind es, die wir hinterlassen und denen andere folgen können?


  • Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
  • ISBN 978-3-10-397764-6 (S. Fischer)
  • 160 Seiten. Preis: 23,00 €

Rachel Khong – Real Americans

Was ist schon wirklich echt? In Real Americans blickt Rachel Khong auf drei Generation chinesischstämmiger Amerikaner*innen und beschreibt deren Leben und familiäre Wurzeln. Dabei braucht ihr Roman aber Zeit, bis er wirklich in Fahrt kommt.


Kann man einen Bestseller machen? Der Kölner Kiepenheuer und Witsch-Verlag übt sich dieser Tage in einem spannenden Experiment. Denn unter Federführung von Mona Lang, der Programmleiterin für Internationale Literatur, zieht der Verlag um den zweiten Roman der US-Amerikanerin Rachel Khong ein Marketing-Ballyhoo auf, wie man es selten zuvor gesehen hat.

Nicht weniger als ganz Deutschland soll Khongs Buch lesen, so hat es sich die Marketingkampagne zum Ziel gesetzt, die passenderweise auf den ambitionierten Titel Deutschland liest ein Buch hört.
Eine Kooperation mit der Wochenzeitung Die Zeit, um über deren Ausspielwege das Buch zu bewerben, eine Karte, die auf Buchclubs, Buchhandlungen und Veranstaltungen rund um das Buch hinweist, dazu Zusatzmaterial für die gemeinschaftliche Lektüre und Diskussionen über Rachel Khongs Buch, das alles stellt der Kölner Verlag bereit, um das Buch aufmerksamkeitsökonomisch zu flankieren. Es scheint, als hätte man sich in Köln den Deichkind-Song Denken Sie groß wirklich zu Herzen genommen.

Deutschland liest ein Buch

Rachel Khong - Real Americans (Cover)

In vielen Buchhandlungen nimmt Rachel Khongs Roman schon einen prominenten Platz in der Auslage ein, auch Blogger*innen (inklusive meiner Wenigkeit) wurden großzügig mit eigens gestalteten Bloggerboxen bemustert. Es ist eine Strategie, die aufgeht.
Im Gegensatz zum althergebrachten Feuilleton der Printmedien ist Rachel Khongs Buch auf Instagram omnipräsent. Damit macht Kiepenheuer und Witsch wohl auch hier vieles richtig in Sachen Ökonomie, glauben doch auch Branchenkenner wie die Programmchefin des Claassen-Verlags, Miryam Schellbach, selber nicht mehr an eine verkaufsfördernde Rolle des klassischen Feuilletons (nachzulesen hier).

Stattdessen also ein Schwerpunkt auf digitales Marketing, dazu Präsenz an unterschiedlichen Orten und der fleißig ventilierte Wunsch, dass man mit dem Buch das Gespräch über Bücher wieder stärken möchte.

So ganz kann ich mich persönlich des Eindrucks aber nicht erwehren, dass das Buch trotz aller sicherlich richtigen Gründe auch ein Test ist, wie man sich im kriselnden Buchmarkt behaupten und Sichtbarkeit und finanziellen Erfolg gleichermaßen sichern kann. Auch in anderen Verlagshäusern dürfte man sicherlich genau beobachten, wie sich KiWi dabei schlägt.

Ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhält

Real Americans ist dabei ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhalten kann. Denn das Buch spricht verschiedene Zielgruppen an und ist durchaus massenkompatibel. So fällt Khongs Roman fällt in die Kategorie des Great American Novel, der mit einer wenig anspruchsvollen Sprache nicht nur die typischen Leser*innen dieser Gattung von sich überzeugt, sondern auch auf jene junge Zielgruppe schielt, die die KiWi-Programmleiterin Mona Lang in ihrer zweiten Rolle als Programmleiterin des jungen, BookTok-affinen Labels KiWi Sphere betreut.

Man kann sich gut vorstellen, dass das Buch auf BookTok bestens funktioniert und sonst eher zielgruppenferne Leser*innen mit der Geschichte von drei unterschiedlichen Generationen chinesischstämmiger Menschen anspricht und überzeugt.

Los geht alles mit Lily, die ihre chinesischen Wurzeln abgesehen von ihrem Äußeren schon lange hinter sich gelassen hat. So ist sie in den USA aufgewachsen und spricht kein Kantonesisch, sodass ein Besuch in China Town immer zu einer peinlichen Sache gerät.
Wie viele andere junge, strebsame Menschen möchte auch Lily hoch hinaus – schafft es aber nur in architektonischer Hinsicht. Im Etagenbüro einer Medienagentur im Big Apple versieht sie einen Dienst als unbezahlte Praktikantin.

Ein Roman in drei Teilen

Das ändert sich, als sie Matthew kennenlernt, den jungen Spross der elitären Familie Maier. Sofort und ohne nennenswerte Widerstände entbrennt Matthew in seiner Liebe zu Lily und führt diese in seine Kreise ein, eine Hochzeit und Nachwuchs sollen wenig später folgen.

Ebenjener Nachwuchs bildet den Mittelteil des erzählerischen Triptychons, das mit einem zeitlichen Sprung einsetzt. Man erlebt nun Nic, den Sohn von Lily und Matthew und dessen Suche nach einem Platz im Leben. Tief taucht er in das studentische Leben ein und kämpft mit seinen beiden elterlichen Bezugspunkten auf jeweils ganz eigene Weise.

Den Schlussteil bildet dann die Erzählung von Mai, in der die chinesischen Wurzeln gründen, denen Tochter und Enkel in den beiden vorherigen Teilen immer wieder nachspüren und doch keinen schlüssigen Zugang zum eigenen Erbe finden.
Diesen Zugang bekommen sie und wir mit ihnen erst in diesem Teil der Erzählung, der zugleich der spannendste der drei Episoden ist. Denn wo Lily und Nick als vermeintlich echte Amerikaner aufwachsen, da wächst Mai im Schatten von Maos langem Weg in China heran. Armut und ein späterer Aufstieg durch Bildung, der durch das Treiben der Rotarmisten konterkariert wird, sie sind die prägenden Erfahrungen, die die junge Frau in China macht, ehe ihr die Flucht nach Amerika gelingt.

In diesem Teil fügen sich die zuvor berührten Brüche und offenen Fragen zu einem schlüssigen und durchaus dramatischen Erzählfluss, der die Statik der ersten Teile zumindest ein Stück weit wieder wettmacht. Die erlebten Extreme, das hierzulande recht unbekannte Kapitel der chinesischen Epoche unter Mao, die Erfahrungen als Migrantin in einem fremden Land und die begangenen Fehler, die sich doch mit Verzögerung rächen, so wie der Samen einer Lotospflanze auch Jahrzehnte nach seiner Ernte noch keimen kann, das gelingt Rachel Khong wirklich gut.

Ein Great American Novel mit chinesischen Wurzeln

Mal erinnert Rachel Khongs Erzählen an Richard Powers, mal gibt es einen Anklang an Taffy Brodesser-Akner, mal blitzt Min Jin Lee aus der Ferne auf.

Doch um an die ganz großen Namen der amerikanischen Gegenwartsliteratur anzuschließen, fehlt mir bei dem Buch in Teilen Tiefe und ein entschiedener genutztes Potential, das der Geschichte fraglos innewohnt.

Bis die interessanteste Erzählperspektive ins Spiel kommt, vergehen viele hundert Seiten, ehe es dann soweit ist und Mai loserzählen darf.
Spannende erzählerische Einfälle wie die verschobene Zeit-Wahrnehmung, die alle drei Generationen immer wieder als kurzzeitig stillstehend erleben, sie werden nicht in ihrer ganzen Tiefe ausgeschöpft, sondern hinterlassen den Eindruck, dass man aus so einem Einfall deutlich mehr hätte herausholen können.
Ziemlich ungewöhnliche oder unwahrscheinliche Umstände, wie die sofortige Liebesgeschichte zwischen Matthew und Lily und arg große Zufälle in Sachen familiärer Zusammenführungen, sie lösen ein kleines Störgefühl aus, das aber durch den geschmeidigen erzählerischen Sog auch wieder besänftigt wird.

So schnurrt Real Americans geschmeidig vor sich hin und nimmt die Leser*innen mit nach Amerika und China, unterhält gut und bietet Dramatik, Liebe und familiäre Volten und dürfte damit viele Leserschichten ansprechen.

Ein Bestseller mit Ansage?

Bleibt nur noch die eingangs aufgeworfene Frage nach der Planbarkeit von Beststellern. Ist es möglich, Bestseller mit solchen orchestrierten Marketingkampagnen zu erzeugen? Offensichtlich ja, wie die Geschichte von Rachel Khongs Roman zeigt.
Real Americans ist nämlich bereits wenige Tage nach dem Erscheinen in die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen und dürfte damit in leicht abgewandelter Form auch für weitere Kampagnen in anderen Verlagshäusern dienen, um sich ein Stück vom Kuchen in Sachen Verkaufszahlen und Sichtbarkeit zu sichern, den die landesweite Kampagnen um Rachel Khongs Buch damit verspricht.


  • Rachel Khong – Real Americans
  • Aus dem Englischen von Tobias Schnettler
  • ISBN: 978-3-462-00572-1 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 528 Seiten. Preis: 24,00 €

Megan Nolan – Kleine Schwächen

Es ist wieder einmal eine auf ihre eigene Art traurige Familie, die die irische Schriftstellerin Megan Nolan in ihrem Roman Kleine Schwächen präsentiert. Darin erzählt sie von den Schicksalen der Mitgliedern der Familie Green, die sich durch eine Katastrophe kurzzeitig verbinden und den Blick auf eine Familie mit Makeln freigeben. Doch es sind ja Makel jener Sorte, die uns erst zu Menschen machen und von denen die Irin in ihrem sozialrealistischen Roman gekonnt zu erzählen weiß.


Man kann nicht sagen, dass die Greens in ihrer Umgebung wohlgelitten sind. So werden die aus Irland zugezogenen Mitglieder der Familie von den anderen Bewohnern der Siedlung am Skyler Square im Süden Londons misstrauisch beäugt und gemieden. Sie gelten in den Augen ihrer Mitbürger als „asozial“ – und als es unter den Kindern der Siedlung zu einem tragischen Tod kommt, steht schnell fest, wer unzweifelhaft die Schuld an der Tragödie trägt, nämlich Lucy Green, die Tochter von Carmel.

Die Außenseiter aus Irland

Als Mörderin gebrandmarkt sieht sich die Familie noch weiter ausgegrenzt und wird zum willkommenen Ziel des Reporters Tom Hargreaves, der in der Geschichte um den Tod der dreijährigen Mia Enright das ideale Motiv für eine große Story und damit seinen Aufstieg in der Zeitungsredaktion wittert. Denn die „asozialen“ Greens lassen sich wunderbar zum Widerpart der Opferfamilie aufbauen, die in der Gemeinde hochengagiert, beliebt und respektiert waren — eben das krasse Gegenteil zur irischen Familie, aus deren Reihen womöglich sogar eine Mörderin stammt.

Wir alle haben gesehen, mit wem sie zuletzt gespielt hat. Fragt sich nur, wer von denen ihr was angetan hat.“
Tom klopfte das Herz bis zum Hals.
Nichts ging über dieses Gefühl: an der Schwelle zu etwas Wertvollem zu stehen, das noch im Dunkeln lag. Er spürte es jedes Mal, vor jeder noch so banalen Enthüllung — so lange war er ja noch nicht dabei —, aber etwas in dieser Größenordnung war ihm bisher noch nicht passiert.
Wer von denen, hatte sie gesagt.
Einer von denen.
Hieß das etwa, dass es nicht nur eine kleine Satansbrut aufzuspüren halt, sondern vielleicht sogar — welch unerhörtes, unverschämtes Glück — einen ganzen Haufen?

Megan Nolan – Kleine Schwächen, S. 22f.

Während nun der Witwenschüttler Tom alle presserechtlichen und presseethischen Grundsätze über Bord wirft, um seine Geschichte zu bekommen, tauchen wir durch seine Verhöre in Rückblenden tief ein in die Geschichte um Lucy, ihre Mutter Carmel, Carmels Bruder Richie und ihren Vater, die alle auf ihre eigene Art vom Leben versehrt wurden.

Versehrt vom Leben

MEgan Nolan - Kleine Schwächen (Cover)

So stammt die Familie eigentlich aus der irischen Kleinstadt Waterford an der Südküste Irlands, hat sich aber aufgrund hier nicht näher auszuführender Umstände schon vor Jahren nach London begeben. Alkoholismus, Schwangerschaft, Jugendgewalt – Kleine Schwächen bespielt eine ganze Menge von schwierigen Themen, die die Mitglieder der Familie Green an den gesellschaftlichen Rand haben rutschen lassen.

Das macht das Buch zu einer ernsten Angelegenheit, die bei der 1990 in ebenjenem Waterford in Irland geborenen Megan Nolan aber in sehr guten Händen ist. Denn mit Ernst und Interesse nähert sich die Autorin ihren Figuren und schafft es, durch die Bank weg plastische Figuren zu zeichnen, die durch ihre Risse und Widersprüche lebendig werden, dass es eine Freude ist, ihre Leben und Kämpfe zumindest ein Stück weit zu begleiten.

Würde man filmische Bezüge zu Nolans Erzählen suchen, würde man sie irgendwo zwischen Ken Loach und der Serie Adolescence finden. Ungeschönt und direkt ist der Blick der Irin, was zu einem beeindruckenden deutschen Debüt wird (übersetzt von Stefanie Ochel).

Fazit

Und auch wenn der Titel Kleine Schwächen benennt (im Übrigen eine passende Entsprechung zum nicht minder tollen Originaltitel Ordinary Human Failing), so leistet sich das Erzählen von Megan Nolan weder kleine noch große Schwächen, im Gegenteil. Ihr Gespür für Figuren und der ungeschönte Blick auf das Leben am Rand des sozialen Spektrums überzeugt, genauso wie ihr kritischer Blick auf die Berichterstattung in den Boulevardmedien, bei dem sich nur wenig geändert zu haben scheint, auch wenn Nolans Roman in den 90er Jahren angesiedelt ist. Von dieser Stimme wird man sicherlich noch hören!


  • Megan Nolan – Kleine Schwächen
  • Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-910372-63-4
  • 254 Seiten. Preis: 24,00 €