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Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien

Mit seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet Paul Ingendaay das blutige Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs in den Jahren 1936 bis 1939 und zeigt, welche Rolle darin die Kultur spielte. Er blickt auf Künstler und Schriftstellerinnen von George Orwell über Simone Weil bis hin zu Pablo Picasso und zeigt, wie sie sich auf ganz unterschiedliche Weise in den Bürgerkrieg einbrachten.


Es ist eines der wohl ikonischsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts — und eine Erinnerung an die Gewalt des Spanischen Bürgerkriegs, dessen Entstehungsgeschichte Paul Ingendaay in seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet. Die Rede ist von Pablo Picassos monumentalen Werk Guernica, das an die Kriegsgräuel erinnert, die die Legion Condor über die kleine spanische Stadt am 26. April 1937 brachte.

„Dieses Bild hat Augen, mit denen es unser Tun beobachtet.“ Mit dieser Feststellung über Picassos fast acht Meter lange und dreieinhalb Meter hohe Kunstwerk schließt Ingendaays Werk nach 312 Seiten. Dass Guernica aber auch immens viel Geschichte und Bedeutung in sich trägt, das legt Ingendaay in seinem Sachbuch wieder frei und zeigt, wie sich die Gräuel des Kriegs in Spanien auch in der Kunst und im Leben ihrer Schöpfer*innen wiederspiegelte.

Im Ton einer historischen Schaltkonferenz

Paul Ingendaay - Entscheidung in Spanien (Cover)

Dafür wählt er jenen Erzählton einer historischen Schaltkonferenz, dessen sich auch andere Autoren aus dem Hause C. H. Becks bedienen, allen voran Uwe Wittstock, der in seinem jüngsten Werk die Flucht von Literaten nach Marseille nachzeichnete und dabei von Intellektuellen wie Franz Werfel, Anna Seghers, Hannah Arendt oder Max Ernst erzählte, wie diese durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in ihrer Kunst behindert und zur Aufgabe ihres bisherigen Lebens gezwungen wurden.

Von dort ist es nicht mehr weit zu Paul Ingendaay, der seine Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs ebenfalls mit starkem Fokus auf die Kulturwelt gewichtet und immer wieder von Künstler zu Künstler springt, um den Fortgang des Kriegs und die persönlichen Entwicklungen von Größen wie den Fotografen Robert Capa und Gerda Taro bis hin zu Schriftstellern wie Arthur Koestler nachzuzeichnen.

Ein spanischer Vorgeschmack auf die Brutalität des Zweiten Weltkriegs

Sein Buch liest sich wie eine Vorgeschichte zu jenen Ereignissen, in die der blutige Bürgerkrieg in Spanien dann im Jahr 1939 schließlich enden sollte.
Dass der Spanische Bürgerkrieg dem Zweiten Weltkrieg in Sachen Grausamkeit und Brutalität um nichts nachstehen sollte und schon einen Vorgeschmack auf das gab, was den halben Erdball vier Jahre nach Ausbruch des innerspanischen Konflikts erwarten sollte, das arbeitet sein Werk plastisch heraus.

Paul Ingendaay erzählt die vier Jahre dieses blutigen spanischen Präludiums zum großen Weltkrieg eng chronologisch nach und beginnt mit den Spannungen, die im Spanien der 30er Jahre immer stärker zutage traten, ehe die Militärs um General Franco von den spanischen Exklaven Ceuta aus auf das spanische Festland übersetzen und vom Südwesten aus eine Blutspur durch die Zweite Spanische Republik zogen.

Während die von Stalin und den Kommunisten unterstützen Republikanern die großen Städte Barcelona und Madrid verteidigten, bedeutete der Bürgerkrieg auf dem Land Chaos und unglaubliche Brutalität, die Ingendaay mithilfe historischer Quellen eindrücklich schildert, etwa das Massaker in der Stierarena von Badajoz an der spanisch-portugiesischen Grenze, wo vor den Augen von 3000 Zuschauern als Spektakel unglaubliche Kriegsverbrechen verübt wurden.

Das Schlimmste ist das Massaker nach der Einnahme der Stadt, von dem wieder und wieder erzählt wird. „Noch heute diskutiert man über seine Größenordnung“, schreibt der Historiker Pierre Vilar, „nicht jedoch über seine Abscheulichkeit.“ Der süße Blutgeruch hängt auch eine Woche danach noch in den Straßen. Massenhaft wurden Festgenommene, darunter auch Frauen, mit erhobenen Armen in die Stierkampfarena getrieben. Dort warteten die Maschinengewehre auf sie. Ströme von Blut fließen, als 1800 Menschen innerhalb von zwölf Stunden niedergeschossen werden. „In 1800 Körpern“, schreibt Allen, „steckt mehr Blut, als man sich vorstellen kann.“

Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien, S. 67

Schier endlos scheinende Gewalt

Er blickt auf die schier grenzenlos scheinende Gewalt, die von Truppen Francos ausgeht, nimmt aber auch den Terror der Gegenseite in den Blick, bei dem etwa linke und anarchistische Gruppen Jagd auf Angehörige des spanischen Klerus machten — mit fast 7000 Opfern als Ergebnis dieser Gewalt.

Der berüchtigte rote und weiße Terror der Opponenten ist in diesem Buch ebenso Thema wie die Unterstützung der Kriegsparteien durch Stalin und kommunistische Kampfbataillone auf der einen Seite und die durch die Nationalsozialisten auf der anderen Seite.

Paul Ingendaay zeigt, wie die Unterstützung Hitlers durch Aktionen wie die zynisch „Unternehmen Feuerzauber“ getaufte Luftbrücke, die die Generäle genauso wie zahlreiche Waffenlieferungen aus Deutschland unterstützen sollte — bis hin zu den Massakern aus der Luft durch die Legion Condor, deren Folgen Pablo Picasso später zu seiner Arbeit am Werk Guernica inspirieren sollten.

Neben der historischen Dimension macht vor allem der Blickwinkel der Künste Entscheidung in Spanien so interessant.

Mehr als nur Der große Kampf der Literatur

Der Untertitel Der große Kampf der Literatur 1936 bis 1939 erweist sich dabei als zu kurz gefasst, denn es sind nicht nur alleine Literaten, die im Fokus von Paul Ingendaays Schilderungen stehen.

Natürlich gibt es die Schriftsteller wie den spanischen Dichter und Dramatiker Federico García Lorca, der von den Falangisten kurz nach Ausbruch des Militärputsches in Madrid ermordet wurde, oder die mal beobachtenden (Ernest Hemingway, Martha Gellhorn), mal teilnehmenden (George Orwell) Schriftsteller von außen, für die der Krieg wahlweise Überzeugung oder auch ein großes Abenteuer war.

Aber Entscheidung in Spanien macht ein künstlerisches Panorama auf, das weit über die Dimension der Literaten hinausweist. So haben auch Intellektuelle wie die Philosophin Simone Weil, Politiker wie der junge Willy Brandt oder der Essayist und Denker Miguel de Unamuno ihren Auftritt. Vor allem letzterer ist bis heute für sein Diktum berühmt, das er den Militärs an der Universität von Salamanca, der er vorstand, entgegenhielt: Venceréis pero no convenceréis: Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen.

Sogar Künstler wie Goya oder der eingangs schon erwähnte Pablo Picasso finden Platz in dieser Künstlerschau zu Zeiten des Bürgerkriegs, das eindrücklich zeigt, wie die Kunst und ihre Schöpfer*innen zu Kriegszielen wurden, die sich keine Neutralität leisten konnten oder wollten.

Mal wieder Thomas Mann

Da erweist sich nur DIE Stimme des guten Deutschlands als fast überflüssige Figur in diesem Kosmos, die sich zur Zeit des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs auf neutralem Boden befindet, genauer gesagt im schweizerischen Küsnacht.

Dort hat Thomas Mann sein Exil bezogen und erfährt aus der Ferne von den blutigen Ereignissen in Spanien. Immer wieder wird Ingendaay Thomas Mann über die folgenden vier Jahre in seine erzählerische Schaltkonferenz miteinbeziehen und seine Beschäftigung mit den Neuigkeiten aus dem Krieg schildern.

Nach einer Übersättigung an Mann-Biografien (Illies, Lahme, Wißkirchen, Holzer, Breloer, Mittelmeier, etc.) im vergangenen Jahr ist man den biografischen Schilderungen und der Tagebucharbeit doch etwas überdrüssig geworden. Noch einmal Mann im Exil, noch einmal das Kreisen um sich und das Bedenken der Weltlage mit politischer Sensibilität — das ist nicht verkehrt, hätte aber auch im Fall einer Weglassung nicht unbedingt gefehlt.

Fazit

Kann man über eine solche Rahmung wie auch den Untertitel des Buchs natürlich trefflich diskutieren, ist Paul Ingendaays Buch aber im Ganzen eine mehr als lohnenswerte Lektüre, die zugleich eine historische Geschichtsstunde, die Erinnerung an ein hierzulande recht schmählich behandeltes Thema, eine Einführung in die spanische (Kultur)Geschichte des 20. Jahrhunderts und ein eindrucksvolles Porträt von Künstler*innen ist, die mal zu Opfern, mal zu Protagonisten in einem Krieg wurden, dessen Schrecken dieses Buch wieder in Erinnerung ruft.


  • Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien: der große Kampf der Literatur 1936 – 1939
  • ISBN 978-3-406-84363-1 (C. H. Beck)
  • 352 Seiten. Preis: 28,00 €

Titelbild von Jules Verne Times Two / www.julesvernex2.com, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=149356484

George Orwell – Zeilen der Zeit

Obwohl in den Jahren 1943 bis 1949 entstanden, lesen sich George Orwells Kolumnen, die der Herausgeber und Übersetzer Lutz-W. Wolff unter dem Titel Zeilen der Zeit in diesem Band erstmalig auf Deutsch versammelt hat, mehr als aktuell. Die Frage des Faschismus, das Erstarken totalitärer Systeme und gesellschaftliche Spannung sind Themen, die der Brite unbeirrt von Gegenwind und politischen Moden in seinen Texten behandelt – aber auch von der Kunst der richtigen Teezubereitung schreibt. Eine Entdeckung!


Wenn man die Redefreiheit kassiert, vertrocknen alle schöpferischen Fähigkeiten.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. 50

In Zeiten, in denen erbittert über die Meinungsfreiheit gestritten wird und so manch einer behauptet, man dürfe heute nichts mehr sagen, dabei aber doch eher eine Widerspruchsfreiheit denn eine Meinungsfreiheit für radikale Positionen möchte, da kommen Orwells erstmals ins Deutsche übersetzte Kolumnen gerade zu richtigen Zeit.

Denn in Zeilen der Zeit wird man Zeuge eines steten Kämpfers für die Meinungsfreiheit und den öffentlichen Austausch von Positionen, der es in seinen Texten nicht auf Verbindlichkeit und Zustimmung anlegt, sondern im Gegenteil keinem gepflegten Streit aus dem Weg geht und mit Leidenschaft den Wettkampf um das beste Argument sucht.

Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch

Beginnend im Kriegsjahr 1943 blickt Orwell in seinen Texten auf die Kriegsgräuel und die Stimmung in seiner britischen Heimat, auf die Fehlbarkeit von Kriegsexperten, auf antibritische und antiamerikanische Ressentiments, Zensur und auf besorgniserregende Entwicklungen national wie international.
Wie geht man mit einem Aggressor um, der einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche legt und wie soll ein Frieden ausgestaltet sein, der dauerhaft ist?
Heute, da wir in Bezug auf den Ukrainekrieg wieder die gleichen Fragen debattieren, wirken Orwells Themen und Antworten leider wieder — oder immer noch — höchst aktuell.

Pointiert fasst er seine Ansichten und Positionen in den Texten zusammen und wirkt so manches Mal verzweifelt und fatalistisch ob der Entwicklungen und Ereignisse, derer er Zeuge wird.

Nichtsdestotrotz, wenn ich eine Welt sehe, in der es ein Verbrechen ist, einen einzelnen Zivilisten zu töten, aber völlig rechtmäßig, wenn man tausend Tonnen hochexplosiven Sprengstoff über einem Wohngebiet abwirft, dann frage ich mich schon, ob unsere Erde nicht eine Irrenanstalt ist, die ein anderer Planet als seine Abfalltonne benutzt.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. 22

Erstarkender Antisemitismus, die Kriegsgräuel und die Angst, unter der Großbritanniens ob des Vernichtungswillens der Nationalsozialismus leidet, es sind die Themen, die er in der diesen Kolumnen umkreist, die parallel zu den beiden literarischen Solitären 1984 und Die Farm der Tiere entstanden. Auch musste er persönliche Schicksalsschläge wie den Tod seiner Frau verwinden, wie Herausgeber und Übersetzer Lutz-W. Wolff in den Kommentierungen zu den Kolumnen erläutert.

Ein Streiter für das freie Wort

George Orwell - Zeilen der Zeit (Cover)

Niedergeschlagen und fatalistisch sind die Texte allerdings keineswegs. Zeilen der Zeit zeigt einen hellsichtigen und liberalen Beobachter, der unbedingt für das freie Wort und die Debatte einstand. Das unbedingte Eintreten für das bessere Argumente und einen bereichernden Meinungsaustausch fällt über alle Texte hinweg auf. Seine Kolumnen vermitteln den Eindruck eines klugen und debattenfreudigen Kopfes, für den Gegenrede und protestierende Leserbriefe als Reaktionen auf seine Kolumen das Zündmittel waren.

Nicht umsonst ist Zeilen der Zeit das Zitat des Herausgebers der Zeitschrift Tribune vorangestellt, in der der Großteil von Orwells Kolumnen erschien. Dieser bemerkt, dass es sich bei Orwell mit As I please (so der wunderbar egozentrische Titel von dessen Kolumne im Original) wohl um den einzigen Kolumnist des ganzen Londoner Zeitschriftenviertels handeln dürfte, der es erkennbar darauf anlegte, mit seinen Texten Woche für Woche einen möglichst großen Teil seiner Leserschaft vor den Kopf zu stoßen.

Provokant, politisch und debattenfreudig sind seine Texte, aber keineswegs moralinsauer. Denn Orwell mengt in seine Texte auch immer wieder Ironie und Humor. So äußert er sich auf eine Leserinnenbeschwerde, seine Texte seien so voller Kritik, ausführlich über die Rosen bei Woolworth. Auch gehen seine Kolumnen mal der Frage der perfekten Teezubereitung in mehreren Schritten nach (bloß kein Zucker!), mal schildert er seine Wunschvorstellung des perfekten Pubs und bittet um Publikumsbeteiligung ob dieser Frage – oder widmet sich der Betrachtung des Laichverhaltens von Kröten (nicht ohne vor dort wieder auf das das politische große Ganze zu kommen).

George Orwell als Prophet unserer Gegenwart

Hellsichtig auch etwas seine Prognosen über die Zukunft der Medien, die sich Orwell in einem Text in Bezug auf den Totalitarismus ausmalte, die sich aber nun auch in unserer Gegenwart zu bewahrheiten scheint, angefangen von mit KI generierten Kinderbüchern bis hin zu einem kollabierenden Literaturmarkt:

Aber es ist zweifelhaft, ob die große Masse des Volkes in den Industriestaaten das Bedürfnis nach irgendeiner Form von Literatur haben wird. Auf jeden Fall werden die Leute nicht annähernd so viel Geld dafür ausgeben wolen, wie sie für andere Freizeitunterhaltungen auszugeben bereit sind. Wahrscheinlich werden Romane und Erzählungen vollständigen von Filmen und Hörspielen abgelöst werden. Vielleicht wird es auch eine mindere Sensationsliteratur geben, die am Fließband hergestellt wird und keines menschlichen Zutuns bedarf.
Der menschliche Erfindergeist wird sicher bald Maschinen hervorbringen, die selbstständig Bücher schreiben.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. (S. 153)

Man könnte auch selbst leicht fatalistisch werden, wenn man die wahrgewordenen Prophezeihungen Orwells liest und den ausgebliebenen Fortschritt in Sachen Frieden, Fortschritt und Abrüstung sieht, der in den letzten 80 Jahren seit dem Erscheinen dieser Kolumnen ausgeblieben ist.

Die Hoffnung auf Frühling

Dennoch lässt Orwell in diesem lesens- wie bedenkenswerten Buch auch die Hoffnung nicht fahren, wie wir es auch nicht tun sollten, denn der Frühling, er lässt sich nicht verhindern. So formulierte es der Brite im April 1946 und die Hoffnung bleibt, dass sich seine Worte nicht nur in jahreszeitlicher Hinsicht bald bewahrheiten sollen!

Solange man nicht krank , hungrig, voller Angst oder in einem Gefängnis oder Ferienlager eingesperrt ist, bleibt der Frühling immer noch Frühling. In den Fabriken stapeln sich jetzt die Atombomben, die Polizei lauert überall in den Straßen, die Lügen ergießen sich aus den Lautsprechern, aber die Erde kreist immer noch um die Sonne, und — sosehr sie ihn auch hassen — weder die Diktatoren noch die Bürokraten können den Frühling verhindern.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. 190

  • George Orwell – Zeilen der Zeit
  • Ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von Lutz-W. Wolf
  • ISBN 978-3-15-011577-0 (Reclam)
  • 267 Seiten. Preis: 25,00 €

Rachel Cockerell – Melting Point

Weit mehr als nur die Erforschung ihrer eigenen Familie: Rachel Cockerell liefert mit Melting Point eine Textcollage, die von der jüdischen Sehnsucht nach einem eigenen Land ebenso wie von Theaterrevolutionären und nicht zuletzt von ihrer bemerkenswerten Familie über die Jahrzehnte hinweg erzählt.


Die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, sie beschert nicht nur Archiven hunderte Anfragen im Jahr zu genealogischen Themen, auch der Buchmarkt ist gesättigt von solchen belletristischen Aufarbeitungen. Den Ansatz, den Rachel Cockerell in ihrem Buch wählt, ist allerdings lobenswerterweise ein anderer als das schon recht abgenutzte Prinzip eines Generationenromans.

Cockerell verzichtet völlig auf eine ordnende Erzählinstanz und präsentiert stattdessen hunderte Originalstimmen aus Zeitungen, von Zeitzeugen und ihrer eigenen Familie, aus deren Miteinander langsam eine vielfältige Geschichte wird, die ebenso vom Zionismus wie den wilden Volten des 20. Jahrhunderts erzählt. Das ist sehr spannend, nicht zuletzt, da diese Zeitläufe aus ihrer Familie die gemacht haben, deren Lebenswege wir in Melting Point nachverfolgen dürfen.

Bis es allerdings so weit ist, vergeht fast die Hälft dieses Buchs. Denn Cockerell greift sehr weit aus, um die historischen Läufe zu verdeutlichen, aus denen sich auch ihre Familiengeschichte speist. Alles beginnt bei ihr Ende des 19. Jahrhunderts, als Theodor Herzl seine ersten Zionistenkongresse einberuft.

Die Sehnsucht nach einem Land für das so verstreut lebende und seit biblischen Zeiten nicht mehr wirklich sesshafte Volk bewegt ihn dazu, mit der Suche nach einem Lebensumfeld für Jüdinnen und Juden zu beginnen. Auf den ersten Zionistenkongressen in Basel beschäftigt man sich intensiv mit der Frage nach einem solchen Ort, an dem das Volk Heimat finden könnte. Mit von der Partie ist auch ein heute völlig vergessener Intellektueller, der Herzls Suche nach einem jüdischen Land über dessen Tod hinaus unermüdlich fortführen wird. Sein Name: Israel Zangwill.

Auf der Suche nach einem Land

Rachel Cockerell - Melting Point (Cover)

Schon zu Lebzeiten Herzls wurde auf dem sechsten Zionistenkongress in Basel das Angebot Großbritanniens diskutiert, die den Jüdinnen und Juden ein Territorium in ihrer Kolonie Britisch-Ostafrika im heutigen Uganda zur Verfügung stellen wollten.
Nachdem diese Idee verworfen worden war, betrieb Zangwill zusammen mit dem ITO, der Jewish Territorial Organization, die Suche nach einem geeigneten Land, das nach den Plänen des zionistischen Schriftstellers mal in Mesopotamien, mal in Australien liegen sollte.

Dringlichkeit bekam die Suche durch Pogrome in Russland, etwa in Kischinau, wo die Gewalt der russischen Bevölkerung gegen ihre jüdischen Mitbewohner*innen immer häufiger brutal eskalierte.

Mithilfe vieler Quellen und Originalstimmen erzählt sie von der verzweifelten Suche Zangwills nach einem Land – und der rapiden Zunahme von Feindlichkeiten gegenüber der jüdischen Bevölkerung nicht nur in Russland. Auch ist die Bemühung der amerikanischen ITO-Sektion Thema in Melting Point, das den verfolgten Jüdinnen und Juden speziell aus Russland in den USA eine neue Heimstatt geben wollte. Ausgehend vom völlig überlaufenen kulturellen Schmelztiegel New York begab man sich auf die Suche nach neuen Lebensorten für die russischstämmigen Juden.

Im sogenannten Galveston-Projekt wollte man diese Geflüchteten in ebenjenem Küstenort in Texas ansiedeln und ihnen somit einen neuen Lebensraum verschaffen. Prägende Figur bei jenem Bestreben war der Vizepräsident der ITO in Amerika, Dr. David Jochelmann.

Hier findet Melting Point nun endlich den Anschluss an die im Unteritel versprochene biografische Geschichte Rachel Cockerells. Denn bei David Jochelmann handelt es sich um Cockerells Großvater.

Dieser hatte mit seiner ersten Frau einen Sohn, der unter dem Pseudonym Emjo Basshe (zusammengesetzt aus Emmanuel und Jochelmann, dazu der Name seiner Großmutter) zu einem aufsehenerregenden Theatergründer wurde, der zusammen mit Größen wie John Dos Passos im New Playwright-Theater für Aufsehen sorgen sollte. Seine nur kurze Lebensgeschichte von gerade einaml 40 Jahren handelt der kürzere Mittelteil des Buchs ab, ehe sich Cockerell dann im letzten Teil auf ihre eigene Familiengeschichte besinnt, die in der zweiten Ehe David Jochelmanns begründet liegt.

Das kuriose Miteinander der Familien Jochelmann

Vom Überleben im zweiten Weltkrieg in London, vom kuriosen Miteinander der zwei Familien, die Fanny Jochelmann gründeteder auch die Autorin selbst entstammt) sowie der von Sonja Jochelmann erzählt sie – und gibt einen Eindruck vom Schmelztiegel dieser ungewöhnlichen Familien, die allesamt mit ihren insgesamt sieben Kindern nebst Großmutter in einem Haus in London zusammenlebten. Hier zeigt sich eine Polyphonie und ein Chaos, wie es dem Buch auch in seinem Ganzen in seiner collagierten Weise zu eigen ist – und doch zu einer überzeugenden Form findet. Denn spätestens mit der Auswanderung von Sonja und ihrer Familie in das aus britischer Herrschaft übernommene Palästina schließt sich dann der Bogen zu den zionistischen Bemühungen Herzls und Zangwills.

Fazit

Melting Point ist eine hochinteressante Familiengeschichte, die die eigenen biographischen Volten der Familie neben die Volten der Zeit und dem zionistischen Bestreben legt. Daraus erwächst ein Buch, das (in seiner Vielstimmigkeit und registerreichen Sprache hervorragend von Cornelius Reiber und Nina Frey übersetzt) einen Eindruck gibt von der Sehnsucht der Jüdinnen und Juden nach einem eigenen Land und den Gewalterfahrungen, die sie immer wieder ausgesetzt waren.

Ebenso erzählt Rachel Cockerells Buch nach der Frage von Identität und wie sich diese konstituiert. Durch die außergewöhnliche Erzählweise gewinnt ihr Buch und ist ein einsichtsreiches und zeithistorisches Dokument, das belegt, wie sich die Zeit in der eigenen Familie widerspiegelt und umgekehrt. Den Schmelzpunkt, der Weltgeschichte und persönliche Biografien miteinander verbindet und amalgamiert, hier lässt er sich genau besehen.

Nicht nur angesichts des Israel-Palästina-Konflikts eine einsichtsreiche Lektüre, die viel Hintergrund zum Zionismus bietet und mit der persönlichen Perspektive auf einem Komplex blickt, dem man wohl nur durch eine so polyphone Erzählweise gerecht werden kann, die zugleich abwechslungsreich und differenziert ist. Damit leistet Rachel Cockerell wertvolle Arbeit, die unbedingt der Lektüre lohnt.


  • Rachel Cockerell – Melting Point
  • Aus dem Englischen von Nina Frey und Cornelius Reiber
  • ISBN 978-3-8477-2066-9 (Die andere Bibliothek)
  • 456 Seiten. Preis: 28,00 €

Henning Sußebach – Anna oder: Was von einem Leben bleibt

Ja was ist es, das von einem Leben bleibt? Spuren, Fotos, Vermächtnisse geben Hinterbliebenen eine Ahnung davon, wer der Mensch war, der da gegangen ist. Was aber, wenn der Tod einer Person schon fast hundert Jahre zurückliegt, niemand mehr lebt, der der Toten je begegnet ist und sich so gut wie nichts erhalten hat, das einen Eindruck von der Person geben könnte, die einst gelebt hat?

In seinem Buch Anna oder: was von einem Leben bleibt macht sich Henning Sußebach daran, das Leben seiner 1932 verstorbenen Urgroßmutter zu rekonstruieren, um sie so auch stellvertretend für andere Menschen dieser Generation wenigstens ein Stück weit dem Vergessen zu entreißen. Was er dabei zutage fördert, ist die Biografie einer resilienten Frau, deren Leben von jenem Fortschritt kündet, der die Gesellschaft erst deutlich später erreichen sollte.


Kein Tagebuch, nur ein paar Notizbücher, Fotos, Briefe, Kaffeeservice, Verlobungsring und ein paar weitere Hinterlassenschaften, mehr hat sich nicht erhalten an Spuren von Anna, der Urgroßmutter des Journalisten Henning Sußebachs. Ausgehend von diesen kümmerlichen Spuren begibt er sich auf die Mission, wenigstens in Ansätzen ihr Leben und die Lebenswelt zu rekonstruieren, in der sich diese Frau bewegt hat. Dies tut er immer auch mit dem Blick von heute, der um die Probleme und eigenen Unzulänglichkeiten der Interpretation vergangener Zeiten und vergangener Leben weiß.

Anna lebte in heute schwer fassbaren, unübersichtlichen Zeiten, womöglich zu wirr und widersprüchlich für ein klares Bild, das die Jahre überdauert. Sie war Bürgerin von vier Staaten. Königreich Preußen, Norddeutscher Bund, Deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik. Sie durchlebte Währungsreformen, Börsencrashs und Inflation. Sie war Zeugin, als ein großer Krieg den Kontinent verheerte, als Monarchien stürzten und eine junge Demokratie um ihre Existenz kämpfte. Sie erlebte mit, wie die Industrialisierung einigen Wohlstand brachte und andere ins Elend rutschen ließ. Sie las von Männern, die sich in wackligen Fluggeräten an die Eroberung des Himmels machten. Sie sah die ersten Autos fahren. Sie hörte, wie plötzlich Stimmen von Radiowellen übertragen wurden.
Anna war dabei, als die Welt sich weitete, die Räume für eine Frau wie sie aber eng blieben.

Henning Sußebach – Anna oder: was von einem Leben bleibt, S. 8 f.

Auf den Spuren der eigenen Urgroßmutter

Henning Sußebach - Anna oder: was von einem Leben bleibt (Cover)

Anhand einiger Fotos und den biografischen Spuren fühlt sich Sußebach in das Leben seiner Urgroßmutter ein, das nicht nur von zeitlichen Umbrüchen gekennzeichnet war, sondern in dem sie auch selbst den Zerfall von sicher Geglaubtem erfuhr.

So arbeitete sie in jungen Jahren als Lehrerin im tiefsten Sauerland und trat mit 20 Jahren diesen Dienst im Dörfchen Cobbenrode an, in dem sie als alleinstehende Frau die stete Verfügung durch die Männer des Dorfs erfahren haben muss. Aber durch Heirat und stete Arbeit brachte es die 1867 geborene Frau zur angesehenen Besitzerin des wenige Jahre zuvor errichteten Postamtes, dessen Betreiberin sie wurde. Während in den Ländern Europas langsam eine Frauenbewegung erstarkte und Rechte für sich einforderte, war davon in Cobbenrode noch wenig zu merken.

Und doch setzt sich Anna gegen viele Widerstände durch, die es privat wie auch gesellschaftlich zu dieser Zeit zu überwinden gab – und die auch heute noch nicht ganz verschwunden sind. Eine Ehe, die nur nach 90 Tagen ihr tragisches Ende fand, danach eine unkonventionelle Partnerwahl, auch der Aufstieg zur selbstständigen Unternehmerin, die als Postbevollmächtige die Poststation des Dorfs betrieb – mit all dem zeigte sich Anna als widerstandsfähig und selbstermächtigend, was ihr Leben auch über hundert Jahre nach ihrem Tod so interessant und geradezu zu einem Vorbild macht, was die unbeirrte Verfolgung des eigenen Lebensweges anbelangt.

Fortschritt und Widerstandskraft

Aufstieg und private Schicksalsschläge vermengen sich im Leben Annas, die doch nie aufgibt und sich von Widerständen nicht aufhalten lässt, wie Henning Sußebach in seinem Buch zeigt.

Auch der Zeitkontext spielt eine wichtige Rolle. So bettet der für die Wochenzeitung Die Zeit tätige Journalist das Leben und die wichtigen Schritte in Annas Leben immer wieder in das jeweilige historische Zeitgeschehen ein. Er blickt auf die parallel zum Leben Annas stattfindenden Entwicklungen weltweit, die auch einen Fortschrittsgeist atmen, bei der wie in der übrigen Geschichtsschreibung für Frauen aber nicht viel Platz ist.

1878 – weit außerhalb von Annas Radius bedeutet das:
In Berlin werden zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I. verübt. (…)
In New Jersey an der Ostküste der Vereinigten Staaten arbeitet der Erfinder Thomas Alva Edison an Glühbirnen für elektrisches Licht. In Paris stellt ein Bildhauer den Kopf einer Freiheitsstatue vor, die Frankreich dem Verbündeten jenseits des Atlantiks schenken will.
Ein Baron bricht auf, um als erster Seefahrer das Polarmeer nördlich des russischen Kaiserreichs zu durchfahren, die Nordostpassage.
Im Osmanischen Reich beginnt der Archäologe Carl Humann mit Ausgrabungen auf dem Burgberg der antiken Stadt Pergamon.
Männer, Männer, Männer.

Henning Sußebach – Anna oder: was von einem Leben bleibt, S. 31 f.

Ergänzt um Dokumente wie die damals geltende Schulordnung in Cobbenrode oder Auszüge aus Schulbüchern entsteht ein dichter, reflektierter Text, der den Geist jener Zeit gut vermittelt. Auch bricht der Text die Männerzentrierung der Geschichtsschreibung auf und zeigt mit dem exemplarischen Blick auf das vergessene Leben von Anna, wie viel Tiefe, Kraft und Fortschrittsgeist auch an Orten und in Leben von heute vergessenen Personen zu finden ist, die die Geschichtsschreibung sonst eher übersieht und wo man es kaum erwartet. Zudem entdeckt Sußebach seine Urgroßmutter als Quelle dessen, was heute unter dem Wort der „Resilienz“ firmiert.

Fazit

Anna oder: was von einem Leben bleibt setzt dem Leben Annas ein Denkmal und zeigt, was wir durch das Vergessen und Nicht-mehr-Erinnern an Personen der Geschichte drei oder vier Generationen vor uns eigentlich verlieren. Sein liebevoller und bedachter Blick auf die eigene Urgroßmutter entreißt diese wirklich dem Vergessen und zeigt sie als widerstandskräftige, bereits damals emanzipierte und unkonventionelle Frau

Nicht zuletzt ist Sußebachs Buch auch eine Einladung zur Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte und zum Blick auf die Leistungen und Leben der eigenen Vorfahren. Dass sich diese Beschäftigung lohnen kann, das unterstreicht Anna oder: was von einem Leben bleibt auf eindrucksvolle Art und Weise!


  • Henning Sußebach – Anna oder: was von einem Leben bleibt
  • ISBN 978-3-406-83626-8 (C. H. Beck)
  • 205 Seiten. Preis: 23,00 €

Kerstin Holzer – Thomas Mann macht Ferien

Thomas Mann-Festwochen allerorten. Gefühlt im Wochentakt bringen die Verlage derzeit Publikationen auf den Markt, um den Jubilar, der in diesem Jahr seinen 150. Ehrentag hätte feiern können, zu würdigen. Kerstin Holzers Sachbuch Thomas Mann macht Ferien fügt sich nun in diese Reihe ein und erkundet die Lebenswelt des 1918 am Tegernsee urlaubenden Großschriftstellers. Dabei macht das Buch nichts falsch, überzeugt aber dennoch auch nicht wirklich.


Per Boot über den Tegernsee, dann weiter zum Bauerndorf Abwinkl und von dort noch einmal ein ganzes Stück entfernt auf einen einsam gelegenen Bauernhof, so sah der Reiseweg aus, den Thomas Manns Familie im Jahr 1918 zurücklegte, um dort in der Natur Oberbayerns die Sommerfrische zu verbringen. Während der Große Krieg zwar vorüber war, waren die Folgen des Kriegs auch auf dem Land noch zu spüren, wo sich die Familie im Anwesen der sogenannten Defregger Villa einmietete. Man litt Mangel – und dennoch wollte man sich die Ferien nicht vermiesen lassen, wie Kerstin Holzer in ihrem Buch schreibt.

Holzer, die schon mit Büchern über die Mann-Töchter Elisabeth Mann Borghese und jüngst über Monika Mann und ihr Leben auf Capri hervortrat (Monascella), nimmt sich nun eine kleine biographische Vignette aus dem Leben der Familie vor, um anhand dieser vom Schreiben und Leben Thomas Manns und dem Leben der Münchner Intellektuellen dort am Tegernsee zu schreiben.

Am Wasser sein, da ist das Glück. Hier am Tegernsee führen die Wege am Ufer entlang, entweder nach rechts um die Buch des Ringsees bis nach Rottach-Egern oder noch weiter zum Hauptort Tegernsee, das ist immerhin eine Stunde durch hohe Schilfwälder und an sandigen Buchten vorbei – dort gibt es tatsächlich Sand wie am geliebten Meer, wenn auch weniger fein.

Kerstin Holzer – Thomas Mann macht Ferien, S. 39

Thomas Mann am Tegernsee

Kerstin Holzer - Thomas Mann macht Ferien (Cover)

Während Mann der Veröffentlichung seines kämpferischen Werks Betrachtungen eines Unpolitischen entgegenbangt, dessen Thesen sich durch die Niederlage Deutschlands im Kriegs schon wieder in Teilen revidiert haben, wandert er in langen Spaziergängen im Tegernseer Tal, an seiner Seite der Hund Bauschan, dem er mit Herr und Hund einen ganzen Text widmet, der während seines Aufenthalts dort im Sommer 1918 entsteht.

Die fünfköpfige Familie, die sich schon bald nach dem sommerlichen Aufenthalt noch einmal vergrößern wird, andere Intellektuelle, die es der Familie Mann gleichtun und ins Tegernseer Tal strömen, dazu noch Auszüge aus den Erinnerungen Manns oder Katja Manns Mutter Hedwig von Pringsheim, sie bilden die Themen dieses Romans, das sich in einigen kurzen Kapiteln der Mann’schen Familiengeschichte widmet und vom Urlauben erzählt, das damals noch Sommerfrische hieß.

Trotz der angenehmen Erzählweise und der lokalen Verbundenheit meinerseits zum Erzählobjekt und Ort blieb für mich nach der raschen Lektüre von Thomas Mann macht Ferien allerdings der Eindruck eines schönen Soufflés, welches ich gerade konsumiert hatte. Natürlich ist das Buch in lokalem bayerischen Bezug durchaus interessant und die Familie von Thomas Mann ebenso – neue Einsichten bietet das Buch mit seiner aus vielen Quellen gespeisten Erzählweise aber nicht unbedingt.

Mann als Erzählgegenstand schon gut auserzählt

Vielleicht ist für mich im allgemeinen Mann-Rausch, in dem fast im Wochentakt Biografien (von Volker Weidermann bis Hans Wißkirchen), neue Romane (von Matthias Lohre bis hin zu Krimis über (Drei ???) oder mit Thomas Mann) und feuilletonistische Betrachtungen erscheinen, auch einfach der Punkt gekommen, an dem ich für mich konstatieren muss, mit Thomas Mann als Erzählgegenstand vielleicht etwas übersättigt zu sein. Persönlich würde ich sagen, dass die Mann-Mania ihren Höhepunkt überschritten hat. Von solch subjektiven Widerständen abgesehen finde ich auch in Holzers Buch für sich genommen nicht viel, das sich mir nach der Lektüre tiefer ins literarische Gedächtnis eingeschrieben hätte.

Anders als zum Beispiel Uwe Wittstocks Literaturgeschichte über die Flucht der Intellektuellen nach Marseille 1940 oder Martin Mittelmeiers Exilgeschichte Heimweh im Paradies über Thomas Mann in Kalifornien fehlen dem Buch über das Buch hinausweisende Aspekte, obschon Kerstin Holzer mit aktuellen Kampfbegriffen wie der Kulturellen Aneignung oder der Lügenpresse in ihrem Text hantiert.

Leider aber bietet die Autorin in ihrem Buch neben der Recherche-Fleißarbeit nicht viel mehr Punkte auf, die Dirk Heißerer nicht schon zwanzig Jahre zuvor in seinem Buch Im Zaubergarten – Thomas Mann in Bayern analysiert und vorgestellt hätte. Der komplizierte Thomas Mann, die Großfamilie mit ihren so unterschiedlichen Persönlichkeiten, Leben und Werk, die Bindung zu Bayern – es ist eben doch schon recht gut erforscht und noch ausführlicher erzählt worden.

Fazit

Gewiss, Thomas Mann macht Ferien ist ein gut lesbares Buch, kurzweilig, unterhaltsam, kurzum: ein kleines Bonbon in Sachen Mann-Mania. Mir aber geht es da in etwa so wie mit dem per KI-Kunst generiertem Cover: es sieht nett aus, bei näherer Betrachtung bleibt dann aber nicht mehr viel übrig vom Kunstgenuss und dem Gehalt dieses erzählendem Sachbuch.


  • Kerstin Holzer – Thomas Mann macht Ferien
  • ISBN 978-3-462-00671-1 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 208 Seiten. Preis: 22,00 €