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Herbert Kapfer – 1919 | Fiktion

Zeitgeschichte im Remix

Wie soll und kann man von Geschichte erzählen? Herbert Kapfer versucht sich in seinem Buch 1919 – Fiktion als eine Art literarischer DJ. Er sampelt verschiedenste Quellen und Augenzeugenberichte, um den Leser*innen die ganze Fülle an Ereignissen aus jenen Revolutionsjahren 1918/19 zugänglich zu machen. Eine sinnvolle Herangehensweise, denn anders ist diesem epochalen Wendepunkt in der deutschen Geschichte kaum beizukommen.

Zwar kennt man durch den Schulunterricht so manche Gedenktage und historische Personen. Auch das im letzten Jahr verstärkt einsetzende mediale Erinnern an die Ereignisse vor hundert Jahren hat einige historische Landmarken wachgerufen. Doch wie geballt Revolutionen, Räterepubliken, Kriegsnachwehen, Morde und politische Grabenkämpfe in dieser so kurzen Zeitspanne auftraten, das wird bei der Lektüre von 1919 eindrücklich erfahrbar.

Revolution, Anarchie, Räterepublik, Freikorps

Plakat zur Räterepublik in Bayern von Siegmund von Suchodolski: Raus mit euch! Bei ons gibt’s koa Anarchie!

Kapfer erzählt in fünf Teile aufgesplittet von den Ereignissen, die ausgehend vom Kriegsende 1918 zu jenen Revolutionsereignissen 1919 führten. Der Matrosenaufstand 1918 in Kiel steht am Anfang jener Ereigniskette, dem schon bald die Herrschaft von Arbeiter- und Soldatenräten im Deutschen Reich folgten. So ist die Räterepublik in Bayern und die Ermordung Kurt Eisners ein Thema im Buch, das einen großen Platz einnimmt. Auch andere spektakuläre Morde finden in Augenzeugenberichten Niederschlag – so etwa die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch eine militärische Truppe . Von Weimar bis Berlin, von München bis ins Baltikum reichen die Schauplätze, die Kapfer durch die Augenzeugenberichte und Tagebücher einfängt..

Dabei ist jedoch der Begriff der Autorenschaft im Fall von 1919 ein kniffliger Fall. Denn Kapfer selbst stellt im Nachwort seines Buchs klar

1919 setzt sich aus Texten zusammen, die zwischen 1918 und 1938 veröffentlich worden sind – ausgenommen die Zeilen von Heiner Müller. Alles ist Zitat, bis auf etwa fünfzig Wörter, die in der Titelei von mir eingefügt wurden. Orthographie, Interpunktion und Grammatik wurden unverändert beibehalten. Auslassungen, Umstellungen, auch innerhalb einzelner Sätze, nicht gekennzeichnet.

Kapfer, Herbert: 1919, S. 411

So ist 1919 eigentlich eine Collage voller Fremdtexte, bei denen die Kunst darin besteht, diese so miteinander zu verfugen und zu verzahnen, wie es Kapfer in seinem Werk tut. Dass er hierbei einige Kunstfertigkeit erlangt hat, das erklärt auch ein Blick in seinen beruflichen Werdegang. So leitete Kapfer bis 2017 die Abteilung Hörspiel und Medienkunst im Bayerischen Rundfunk. Und auch als Buchautor sammelte er mit dieser Art von Erinnern und Erzählen schon Erfahrung. So verarbeitete er zusammen mit Lisbeth Exner bereits die Jahre 1914 und 1915-1918. Hierbei erzählten die Autor*innen, indem sie aus über 240 verschiedenen Tagebüchern zitierten und so durch Primärquellen einen unmittelbaren Eindruck des Ersten Weltkriegs und dessen Auswirkungen erschufen. 1919 ist da nur die konsequente Fortschreibung dieser Art von Erinnungsarbeit (wenngleich Lisbeth Exner hier nur als Mitarbeiterin im Nachwort Dank erfährt und nicht als Co-Autorin fungiert. Zudem erscheint das Werk nun bei Kunstmann statt bei Galiani).

Wie bei den anderen Büchern Kapfers drängt sich auch hier der Vergleich mit Walter Kemposwkis Echolot auf. Ganz ähnlich zu dem Mammutwerk Kempowskis fängt der Autor hier polyphon die Stimmen von ganz unterschiedlichen Zeitgenossen ein. Von Dada (Hugo Ball und Richard Huelsenbeck) über militärische Berichte (Ludwig von Reuter) bis hin zu den Romanen und Erinnerungen großer Literaten (Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Erich Mühsam) reicht die Bandbreite in Kapfers Collage. So fließen auch Zeitungsmeldungen, Militärmeldungen und zeitgenössische Fotografien in das Werk ein. Den Mittelteil des Buchs bildet dann ein Theaterstück Karl Polenskes, der darin seinen Mitrat Silvio Gesell porträtiert und karikiert. Jener wollte nämlich in seiner Funktion als Finanzminister in der Münchner Räterepublik die Freiwirtschaftslehre einführen – ein Vorhaben, das Gesell eine Amtszeit von ganzen sieben Tagen bescherte.

Viele Quellen – viele Stimmen

Das alles verschafft einen umfassenden Eindruck jenes Revolutionsjahrs – und ist doch so Manches auch mühsam zu lesen. Einige Texte wirken frisch und manchmal gar von großer Komik (großartig beispielsweise Tollers Schilderung eines geplanten Flug nach Leipzig), andere sind durchaus anstrengend, besitzen einen antiquierten Stil, wirken manchmal zu nüchtern, dann wieder zu überladen. Ein einheitliches Lesegefühl stellt sich kaum ein, zu heterogen sind die Quellen, sowohl in thematischer als auch in inhaltlicher Hinsicht. Hier sprechen viele Quellen und somit auch viele Stimmen – die einen angenehmer, die anderen etwas gewöhnungsbedürtiger.

Kapfer verzichtet dabei auf eine Nennung seiner Quellen im Text. Erst im Anhang offenbart sich, von welchem Autor welche Zeilen stammen. Das ist manchmal ein reizvolles Rätselraten – mir wäre eine direkte Nennung der Quellen jedoch deutlich lieber gewesen. So ist man ständig am Zuordnen, muss schauen, von wem jetzt wieder die Rede ist, wer gerade erzählt, und wie das Ganze einzuordnen ist. 1919 fordert permanent und ließ mich oftmals pausenlos zwischen der Bibliographie im Anhang und dem eigentlichen Text springen.

Eine gefällige Präsentation von Zeitgeschichte im Stile eines Florian Illies oder Volker Weidermann ist 1919 somit weniger und will es auch nicht sein. Das Buch ist eine große Fundgrube für historisch Interessierte, ein Buch, das schon lange vergessene Gestalten wie einen Max Hoelz oder Eduard Stadtler wieder in Erinnerung ruft. Eine polyphone Collage, die versucht, das Revolutionsjahr 1919 mit all seiner Anarchie, seinen politischen Entwicklungen, seiner Bedeutung einzufangen- und das gelingt ihm auf alle Fälle!


Auch das Kulturjournal Titel, Thesen, Temperamente hat sich mit dem Buch und seinem Verfasser beschäftigt. Den Beitrag dazu findet man hier

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Petra Morsbach – Justizpalast

Im Namen des Volkes

Petra Morsbach widmet sich mit ihrem neuen Roman einem weiteren elementaren gesellschaftlichen Feld. Nach dem Glauben (Gottes Diener) und der Kultur (Opernroman) geht es nun ins Gefüge von Recht und Ordnung. Die Folie zu ihrer Geschichte bildet die Lebensgeschichte der Richterin Thirza Zorniger. Mithilfe der Biografie der Frau zeichnet Morsbach den Gang durch die juristischen Institutionen nach und schafft ein facettenreiches Bild von Recht und Ordnung. Darüberhinaus weckt sie im Leser eine Sensibilität für das Spannungsfeld zwischen Recht und Gerechtigkeit und ersetzt en passant ein komplettes Proseminar Jura. Hat man den Justizpalast gelesen, kann man dem Ersten Juristischen Staatsexamen beruhigt entgegengehen.

Justizpalast von Petra Morsbach

Der stetige und strebsame Aufstieg dieser Thirza Zorniger vom Studienbeginn an sorgt dafür, dass man als Leser überall mit hingenommen wird. Von den Vorlesungen über erste Stationen als Richterin einer Kammer bis in die legendären Gänge des Justizpalastes führt Petra Morsbach den Leser. Es sind elementarste Fragen, die sie in ihrem Roman verhandelt und die auch einen Mehrwert bieten. Wie sieht der Alltag einer Richterin aus? Wie werden Urteile gefällt? Wie findet man Gerechtigkeit? Kann es diese überhaupt geben?

Morsbachs gewähltes Stilmittel ist dabei Fluch und Segen dieses Romans zugleich. Denn Justizpalast strotzt vor Fallgeschichten und Urteilen, die Thirza im Lauf ihrer Karriere fällen muss. Das ist auf der einen Seite zu loben, da dies eine große Plastizität in den Roman bringt und auch die Routine und manchmal auf Langweile zeigt, mit der sich Thirza beschäftigen muss. Zum Anderen hemmen diese permanenten Urteile und Fälle durch ihre trockene juristische Diktion den Fluss des Buches und lassen den Leser bei der Lektüre immer wieder stolpern und aus dem Tritt geraten (so zumindest mein subjektives Empfinden).

Geschickter hat das Problem der Frage, inwieweit juristische Urteile auch Literatur sein können, beispielsweise Ian McEwan gelöst. In seinem Roman Kindeswohl steht ebenfalls eine Richterin im Mittelpunkt. Motor des Buchs allerdings ist ein einziger großer Fall, der mit seinen Problemen schlussendlich auch auf das Leben der Richterin Fiona Maye abfärbt. Hier schafft McEwan den Spagat zwischen juristischer Spitzfindigkeit und Lebensrealität besser, als er Petra Morsbach in ihrem Buch gelingen mag.

Justizpalast ist allerdings kein schlechtes Buch, ganz im Gegenteil. Von diesen juristischen Redundanzen abgesehen gelingt der Autorin ein vielgestaltiges Buch des Justizwesens und ebenso ein facettenreiches Bild einer Richterin, die in ihrem Job aufgeht, doch auch vom Recht versehrt wird. Überlastungen der Justiz, der manchmal Don-Quichotteske Kampf gegen die Windmühlen, verfahrene Verfahren – sehr realistisch und praxisnah ist das von Morsbach gezeichnete Bild des Justizwesens in Deutschland und dessen Entwicklung. Und auch diese Thiza Zorniger ist faszinierend, hat Ecken und Kanten und ist so glaubhaft, wie nur wenige Figuren dieses Bücherherbstes.

Ein wichtiger Punkt kommt für mich auch noch auf die Habenseite des Romans. Justizpalast hat nach der Lektüre noch an Qualität gewonnen. Zunächst war ich froh, mich durch die vielen hundert Seiten Schicksal und Grundsatzurteile, Anfechtungen und Abwägungen gekämpft zu haben und wieder aus dem Justizpalast treten zu können. Thirza als Figur hat mich hingegen noch länger begleitet, ihr Streben, ihr Scheitern und Gelingen, all das vergisst man nicht so schnell. Durch Morsbachs Buch bekommt man auch einen neuen Blick auf die Institutionen und Menschen, die Recht sprechen.

Diese Plastizität und die Ambitionen Morsbachs, dem deutschen Justizwesen ein Gesicht zu geben, machen das Buch absolut preiswürdig. Nicht umsonst wurde das Buch ebenfalls für den Bayerischen Buchpreis nominiert und befindet sich damit völlig zurecht auf der Liste. Meine hochgeschätzte Kollegin und ebenfalls #baybuch-Bloggerin Birgit Böllinger vom Blog Sätze und Schätze hat ihre Gedanken zu Justizpalast ebenfalls in Schriftform gebracht. Ihr Urteil findet sich in diesem Blogbeitrag.

 

P.S.: Einen Preis würde ich Petra Morsbach im Übrigen gleich jetzt verleihen – nämlich den für den besten Schluss des Jahres. Justizpalast endet nämlich genau auf dem Punkt. Wie, das sollte hier natürlich nicht verraten werden. Nur die eigene Lektüre wird Aufklärung schaffen – es lohnt sich!

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Jörg Maurer – Schwindelfrei ist nur der Tod

Mörderisches Werdenfelser Land

Jörg Maurer ist schon ein Phänomen. Eigentlich als Musikkabarettist gestartet, begann er im Jahr 2009 im Fischer-Verlag die Reihe um den Kommissar Jennerwein, der in jenem pittoresken Kurort ermittelt, dessen genauer Name nie in den Büchern auftaucht. Fortan wurde die Reihe zu einem beachtlichen Erfolg und war meist in den oberen Regionen der Spiegel-Bestsellerlisten zu finden. Dabei experimentierte der Verlag des Öfteren mit Format- und Veröffentlichungsarten. Der neueste Streich ist nun als Paperback erschienen und trägt den Titel Schwindelfrei ist nur der Tod.

Maurer

Darin hat Kommissar Jennerwein wieder einen mehr als komplexen Fall zu lösen, der ihn diesmal auch zurück in die Vergangenheit führt – und zwar zu einem Banküberfall, der sich im Sommer des Jahres 1971 in München abspielte. Dieser auf einer wahren Begebenheit basierende Fall wird zum Ausgangspunkt, der über vierzig Jahre später im Werdenfelser Land einige Turbulenzen auslöst. In diese Turbulenzen kommt auch ein Heißluftballon, der einfach über dem Himmel des Kurorts verschwindet – an Bord ein ganzes Ensemble an Typen, vom Bauunternehmer bis zum geheimnisumwitterten Anonymus. Und dann ist da noch der mysteriöse Alte namens Dirschbiegel, den Kommissar Jennerwein des Öfteren aufsucht, und der auch irgendwie mit dem bayerischen Kriminaler verbandelt zu sein scheint.

Es könnte drunter und drüber gehen, wenn man mit Jörg Maurer nicht einen Erzähler hätte, der vielstimmig durch den undurchsichtigen bayerischen Filz zu geleiten weiß. Wie gewohnt souverän hält der Garmisch-Partenkirchner die Erzählfäden in der Hand und springt zwischen den unterschiedlichen Protagonisten, Zeitsträngen und Erzählebenen hin und her – und verliert dabei den Leser nicht aus den Augen.

Vom Sommer 1971, an dem der Hit Chirpy, chirpy cheep cheep der Band Middle of the road nicht aus den Ohren zu kriegen war bis hin zum Treiben im sonnig-sommerlichen Kurort – Maurer findet die richtigen Worte, um Stimmung zu erzeugen und aus seinen Worten Bilder im Kopf werden zu lassen.

Gewitzte Einfälle durchziehen das Buch, auch wenn manche Wortspielereien oder Gags etwas überstrapaziert werden – Fans der Reihe werden sich schnell wieder zurechtfinden und die Anspielungen zu goutieren wissen (bestes Beispiel hier der berühmte Maler Wotzgössel, der dem Leser schon einst in Niedertracht begnetete). Von Albernheiten bis zum Anziehen der Spannungsschraube beherrscht Maurer die Klaviatur des Schreibens und wird somit auch mit diesem Titel der Jennerwein-Reihe wieder in die Bestseller-Rankings vorstoßen.

Fazit: Auch im mittlerweile achten Band der Reihe schwächelt Jörg Maurer nicht und serviert wie gewohnt eine komplexe Kriminalgeschichte voller Pointen, Wortspielereien und bayerischem Lebensgefühl. Ein Schmankerl unter den Heimatkrimis!

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