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Ilja Leonard Pfeijffer – Grand Hotel Europa

Es gibt Bücher, die haben es mir in letzter Zeit deutlich leichter gemacht als dieses. Fast hätte ich nach gut fünfzig Seiten aufgegeben und Grand Hotel Europa aus Ärger über seinen Ich-Erzähler Ilja Leonard Pfeijffer abgebrochen. Gut, dass ich es nicht getan habe. Denn obschon das Buch in meinen Augen durchaus Schwächen hat, belohnt Grand Hotel Europa auch reichlich. Und so steht am Ende ein Leseerlebnis mit Höhen und Tiefen.


Da steigt ein Schriftsteller in einem Hotel namens Grand Hotel Europa ab. Der genaue Ort, die Umgebung oder die Zeit des ganzen bleiben abstrakt. Dort im Hotel beginnt der Schriftsteller zu schreiben und offenbart dadurch eine Romanze, die ihn schlussendlich einsam in das Hotel getrieben hat. Die Hintergründe der Geschichte des Schriftstellers offenbaren sich in der Folge genauso wie die Veränderungen, die das Hotel durchläuft. Denn ein chinesischer Investor hat im Hotel das Zepter übernommen und gestaltet es nun fleißig gemäß seiner modernen ästhetischen Vorstellungen um.

Das sind die erzählerischen Grundpfeiler von Ilja Leonard Pfeijffers Roman. Der niederländische Schriftsteller ersinnt für seine Geschichte einen Ich-Erzähler, der seinen Namen teilt. Und dieser Pfeijffer sorgte bei mir fast für einen Leseabbruch des Buch, schon auf den ersten Seiten dieses 550 Seiten starken Romans. Woran liegt das? Ganz klar am zur Schau gestellten Charakter eines alten weißen Mannes, dessen Weltbild voller Vorurteile steckt und vor Sexismen und Klischees schier überquillt.

So mokiert er sich über Touristen, die er schon einmal als „Koch-Homos“ betitelt, Frauen verfallen ihm, wobei er sich deutlich mehr für ihre sexuellen Reize als ihren Charakter erwärmt (so reist er beispielsweise zu einem Vortrag einer Koryphäe namens Deborah Drimble, um mit dieser eine Affäre wieder aufzuwärmen. In ihrer Beschreibung spielen für Pfeijffer ihre Initialen allerdings stets die wichtigste Rolle, da diese ihre körperlichen Reize abbilden, wofür er sich am meisten interessiert. Auch andere Frauen betrachtet er meist hauptsächlich auf ihre köperlichen Reize hin). Banal, paternalistisch, homophob, sexistisch und dergleichen mehr. Sollte ich wirklich mehr Zeit mit einem solch reaktionären Erzähler von vorgestern verbringen?

Im Grand Hotel Europa

Ich habe mich dafür entschieden – und diese Entscheidung nicht bereut. Denn dieses krasse Bild Pfeijffers eines Mannes von vorgestern schwächt sich im Fortgang merklich ab. Es wird nach und nach durchaus geschickt gebrochen. Pfeijffer erweist sich im Laufe des Buchs durchaus als beobachtungsstarker und vielschichtigerer Charakter. Vielschichtiger und interessanter, als ich das zunächst wahrgenommen habe.

Natürlich, es gibt absurde Sexzenen, die teilweise durchaus heiße Kandidaten für den Bad Sex in Fiction-Award wären. Der Eros dieses Mannes und seine Bettgeschichten sind mitunter grotesk. Auch stopft Pfeijjfer seine Erzählung neben der Rahmen- und der Binnenhandlung mit weiteren Erzählsträngen voll, die nicht immer ganz aufgehen. So reichert er seine Liebesgeschichte um einen Caravaggio-Erzählstrang an. In diesem erzählt vom Leben des berühmten Malers sowie der Suche nach einem verschollenen Gemälde, auf dessen Spuren sich Pfeijffer und seine Freundin Clio begeben. Daneben gibt es auch ein Medien-Projekt, von dem Pfeijffer erzählt. Zusammen mit einem kreativen Duo möchte er eine Reportage über den Tourismus und Europa anstrengen. Das beschwert das Buch mitunter, dann lassen sich aber auch wieder reizvolle Querverbindungen zwischen den Themen finden.

Quo vadis Europa

Dieses von Touristen heimgesuchte Europa ist auch in zahlreichen Diskussionen und theoretischen Erörtungerungen im Grand Hotel Europa selbst Thema. Während Pfeijffer von all den oben geschilderten Dingen erzählt, trifft er sich häufig mit dem betagten Hotelgast Patelki, mit dem er über den Zustand und das Wesen Europas debattiert. George Steiner, berühmte Epen der Geschichte oder Exkurse zu Oswald Spengler sind in den langen Dialogen Thema. Das klingt dröge. Ist es aber abgesehen von ein paar zu lang geratenen Ausführungen aber nicht.

Ilja Leonard Pfeijffer - Grand Hotel Europa (Cover)

Denn Pfeijffer gelingt das Kunststück, diese scheinbar disparaten Themen und Erzählstränge dann doch zu verbinden. Und zwar so, dass sich im Lauf des Buchs bei mir ein echter Leseseog einstellte. Was ist unser Europa heute noch wert und worauf gründen seine Werte? Wie umgehen mit Flüchtlingen in der EU? Wie sollte man dem überbordenden Tourismus in Regionen wie Cinque Terre oder Amsterdam Herr werden? Und welchen Einfluss nimmt Asien, insbesondere China, auf die Entwicklung des alten Kontinents? Darüber macht sich Pfeijffer Gedanken und schafft so den Spagat zwischen Erzählung, Sachthemen und philosophischen Exkursen.

Dass dies gelingt, ist auch dem schriftstellerischen Vermögen Ilja Leonard Pfeijffers geschuldet. Denn wo Robert Seethaler in seinem mediokren Der letzte Satz zuletzt postulierte, dass man über Musik nicht schreiben könne, beweist Pfeijffer das Gegenteil. Seine Schilderung eines Konzerts im Grand Hotel Europa ist derart packend und plastisch, dass man meint, selbst im Auditorium zu sitzen. Seine Beschreibungen von Orten wie etwa Venedig oder Amsterdam sind farbenreich, sein Sprachwerkzeug vielgestaltig. Mal elegisch, mal selbstironisch, mal vorwärtsdrängend, dann auch wieder reflektiert präsentiert sich der niederländische Schriftsteller. Dass sich das auch im Deutschen so gut liest, verdanken wir der Übersetzung von Ira Wilhelm.

Fazit

Hatte ich zunächst persönliche Probleme mit dem Buch und sehe auch durchaus Schwachstellen, so muss man objektiv gesehen auch konstatieren, dass Pfeijffer sein Handwerk als Schriftsteller gänzend beherrscht.

Ihm gelingt ein Buch, das postmodern und verwinkelt wie das Grand Hotel Europa selbst ist. Sein Buch steckt voller Themen und Fragen. Die Referenzen zu anderen Werken der Literaturgeschichte sind spannend eingearbeitet. Mal ist das Werk eine Suche nach Identität, dann wieder ein doppelbödiges und autofiktional gespiegeltes Porträt eines Mannes und eines Kontinents mit Geschichte. Philosophisch, auf der Höhe der Zeit, romantisierend, mitunter etwas anstrengend und dann wieder ironisch – das alles ist Grand Hotel Europa!

Weiter Meinungen zum Buch gibt es bei Letteratura, Buchpost und Libertine Literatur.


  • Ilja Pfeijffer – Grand Hotel Europa
  • Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
  • ISBN 978-3-492-07011-9 (Piper)
  • 560 Seiten. Preis: 25,00 €
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Simone Buchholz – Hotel Cartagena

Neues von der Königin des deutschsprachigen Krimis: Simone Buchholz legt mit Hotel Cartagena den inzwischen neunten Band der Reihe um die Staatsanwältin Chastity Riley vor. Und sie liefert einmal mehr. Großes Kino vom Hamburger Kiez.


Diese Party hat sich Chastity Riley eigentlich ganz anders vorgestellt. Auf einer Geburtstagsparty in einem Hamburger Hotel trifft sie auf alte Kolleg*innen. Eigentlich ist ein lockerer Abend in feschem Ambiente geplant.

Die Wände sind aus Glas, von der schwarzen Decke baumeln ein paar gedimmte Kugellampen, zu unseren Füßen liegt der Hamburger Hafen in seinem gleißenden Nachtlicht. Diese Bar macht so sehr einen auf Ausblick, dass ich eigentlich keinem Drink, den ich nicht selber gemixt habe, über den Weg trauen sollte. Zu viel aufdringliche Schönheit, zu viele Sich-mich-an-Sachen, zu viel Ablenkung. Da kann sich doch keiner auf seinen Alkohol konzentrieren.

Buchholz, Simone: Hotel Cartagena, S. 15

Doch dann kommt alles anders. Geiselnehmer stürmen die Bar, nehmen die Beamt*innen und andere Gäste als Geiseln und verzichten zunächst auf Forderungen. Um was es den Geiselnehmern geht, das erfährt man als Leser*in in einer zweiten Geschichte, die bis ins ferne, titelgebende Cartagena führt.

Vom Hamburger Hafen nach Cartagena

Einmal mehr ist der Hamburger Hafen Ausgangsort für eine dramatische Geschichte, die mit tödlichen Konsequenzen enden soll. Auf wenigen Seiten gelingt es Simone Buchholz hier wieder, eine rasante Hintergrundgeschichte zu erzählen, die berührt und mitreißt.

Und auch auf den übrigen Seiten des Buchs lässt es die Wahlhamburgerin wieder ordentlich krachen. Titelüberschriften wie „Alex Meier, Fußballgott“, „Mein Herz macht ein ungesundes Geräusch“ oder „Ist die Hammerwerfertruppe schon unterwegs“ sprechen für sich. So gut wie kaum einer anderen Schriftstellerin gelingen Simone Buchholz knackige Dialoge, die auf den Punkt geschrieben sind. Und auch abseits der Dialoge schlägt ihr Talent im Finden von ungewöhnlichen (Sprach)Bildern in Hotel Cartagena einmal mehr Funken. Eine solche Originalität beim Kreiern von Formulierungen, die gibts im deutschen Krimi nicht so oft.

Er schmeißt die Zigarette in eine Pfütze, schließt den Mercedes ab, geht über die Straße und drückt auf die Klingel, die zur Wohnung im dritten Stock links gehört.

Der Druck auf seinen Brustkorb lässt etwas nach.

Er atmet tief durch, und die Nachtluft schraubt sein Herz auf, damit der Augenblick, der gleich kommt, da auch reinkann.

Buchholz, Simone: Hotel Cartagena, S. 12

Die coolste Staatsanwältin im deutschen Krimi, die besten Dialoge, dazu noch handfeste Action – Krimiherz, was willst du mehr?

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Hummer und Sorgen

Erik Fosnes Hansen – Ein Hummerleben

Und weiter geht es in der losen Reihe #norwegenerlesen hier in der Buch-Haltung. Heute mit dem neuen Buch von Erik Fosnes Hansen, das im Original 2016 in Norwegen erschien. Drei Jahre später liegt Ein Hummerleben nun in der Übersetzung durch Hinrich Schmidt-Henkel auch auf Deutsch vor.

Erik Fosnes Hansen gelangte mit seinem Roman Choral am Ende der Reise zu großer Bekanntheit über die Grenzen Norwegens hinaus. Darin beschreibt er die Lebensgeschichte von sieben Musikern, die auf einem Schiff dessen Jungfernfahrt begleiten sollen. Bei jenem Schiff handelt es sich allerdings um die Titanic, die ihren Zielhafen nie erreichen wird. Nun also das neue Buch des norwegischen Schriftstellers.

Ein Hummerleben beschreibt das Leben im norwegischen Berghotel Fåvnesheim. Das Tun und Treiben in diesem Hotel bekommen wir durch die Augen von Sedd, kurz für Sedgewick, erzählt. Er wächst in diesem Hotel unter der Obhut seiner Großeltern auf. Seine Herkunft – oder Provenienz, wie seine österreichstämmige Großmutter es auszudrücken pflegt – liegt etwas im Unklaren. Doch nicht nur über seine Herkunft weiß Sedd zu Beginn des Buches nicht wirklich Bescheid. Auch die wirtschaftliche Lage des Berghotels und damit die Lage seiner Familie enthüllt sich den Kinderaugen erst nach und nach.

Erik Fosnes Hansen - Ein Hummerleben (Cover)

Dabei ist das Hotel durchaus respektabel. In einem großen Wasserbassin im Hotelrestaurant wohnen zahlreiche Hummer, die sich die Gäste je nach Gusto zur Mahlzeit aussuchen können. Zahllose Hotelzimmer, eine Minigolfbahn und ein Schwimmbecken zählen zu den Merkmalen von Fåvnesheim. In den Hotelgängen, in der Küche oder in der Lobby ist stets Sedd anzutreffen, der als Hotelboy überall dort zur Stelle ist, wo man ihn braucht. Denn von seinem Großvater, dem Hoteldirektor Zacchariassen, hat er die Maxime übernommen „Für die Gäste nur das Beste“.

So umsorgt Sedd die Gäste, die zum großen Kummer seiner Großeltern in immer geringerer Frequenz das Hotel aufsuchen. Langsam dämmert auch Sedd, dass das Hotel seine besten Zeiten schon hinter sich hat. Aber als 11-jähriger hat man auch andere Sorgen. So erlebt er Angelausflüge, muss mit einem jungen weiblichen Hotelgast die Minigolfbahn unsicher machen und versucht das Geheimnis seiner Herkunft zu ergründen.

Zwischen Leben und Tod

Es ist kein Wunder, dass Erik Fosnes Hansen an den Beginn seines Textes ein Zitat von Frances Hodgson Burnett aus Der Kleinen Lord setzt.

Cedric himself knew nothing whatever about it. It had never been mentioned to him.

[Cedric ahnte von alle dem nichts. Man hatte es ihm gegenüber nie erwähnt. (Eigene Übersetzung)]

F. Hodgson Burnett: Little Lord Fauntleroy

Ähnlich unschuldig-naiv wie der kleine Lord in Burnetts Erzählung wirbelt auch Sedgewick das Leben seiner Großeltern durcheinander. Großartig gelingt es Erik Fosnes Hansen, die kindliche Perspektive einzunehmen, dabei aber auch immer schon einen Blick in die Erwachsenenwelt hineinzuwerfen. Sedds Tun und Treiben erinnert in manchen Passagen auch an den Hotelboy Zero Moustafa in Wes Andersons Film Grand Budapest Hotel.

Im Ganzen gesehen ist Ein Hummerleben auch ein Roman, der den Tod und das Leben auf eindrückliche Weise miteinander verbindet. So ist es kein Zufall, dass das Buch gleich mit einem Todesfall beginnt. Immer wieder wird so die scheinbar idyllische Welt in den abgelegenen Bergen Norwegens kontrastiert. Besonders eindrücklich ist da auch die Szene zum Ende des Buchs hin, als eine hochkomische Weihnachtsfeier nur Bruchteile von einem schrecklichen Todesfall entfernt ist. Diese Dichotomie auf nur wenigen Seiten so miteinander verbunden zu bekommen, das ist große schriftstellerische Klasse.

Insgesamt ist Ein Hummerleben eine wirklich großartige Lektüre, die noch einmal den verblassenden Glanz eines Hotels und eine Kindheit in den norwegischen Bergen auf Papier bannt. Eine große Empfehlung meinerseits, auch als Einstieg in die reichhaltige norwegische Literaturszene!

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Astrid Sozio – Das einzige Paradies

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann“ (Jean Paul)

Dieses Motto hat Astrid Sozio für ihre Heldin Frieda Troost konsequent umgesetzt, die dem Leser im Debüt der 36-jährigen Hamburgerin begegnet. Denn mehr als Erinnerungen hat die Dame eigentlich nicht mehr. Sie arbeitete einst im Hotel „Zum Löwen“ irgendwo im Ruhrgebiet. Doch der Charme des Hotels ist genauso verblasst wie die Erinnerungen der hochbetagten Frieda Troost. Doch sie schleppt sich jeden Tag noch von Zimmer zu Zimmer und putzt – beziehungsweise  könnte man es eher den Versuch nennen, eine Form von Normalität und Routine aufrecht zu erhalten.

Sozio

Eigentlich ist das Hotel nur noch eine Ruine, der Strom wurde schon lange abgestellt, Schimmelpilze wuchern genauso wie die wilden Erinnerungen der Dame. Denn je weiter man im Text voranschreitet, umso klarer wird, dass Frieda Troost schwer dement ist und in ihrem ganz eigenen Paradies der Erinnerung lebt. Viele der Erinnerungen hat sie auch hinter die Türen des Hotels gebannt und will ihnen nicht mehr begegnen. Doch da steht plötzlich eines Tages die junge Nasefe vor der Tür, ein Flüchtlingsmädchen. Und das ausgerechnet bei Frieda, für die alle Fremden und Flüchtlinge Kroppzeug oder Ölaugen sind. Denn Frieda ist nicht nur dement, sondern auch eine Fremdenfeindin, mit der nicht gut Kirschen essen ist. Doch plötzlich wird der Löwe von zwei völlig konträren Gestalten bevölkert, die doch auch einiges verbindet.

Grund für Kritik, aber nicht für einen Verris

Das Einzige Paradies hat unbestreitbar Schwächen. Es scheint nicht ganz einleuchtend, warum Frieda Troost auf Pidgin-Englisch mit Nasefe kommunizieren kann bzw. des Englischen in Grundzügen mächtig ist. Für eine Dame ihren Alters und mit ihrem Hintergrund schien mir dies etwas konstruiert zu sein. Mag auch mancher Flüchtlingsbezug von der Autorin etwas aufdringlich in die Geschichte eingewebt worden sein, die Grundidee dahinter verfängt dann doch.

Für ihr beim Bachmannpreis vorgetragenes Stück Prosa aus dem Buch musste die Autorin viel Kritik einstecken. Diese heftige Kritik kann ich nach der abschließenden Lektüre des Buchs nicht teilen. Die Idee der dementen und rassistischen Erzählerin, deren Geschichte erst Stück für Stück offenbar wird – trägt das Buch sehr gut. Auch findet Sozio einen ganz eigenen ältlichen Ton für ihre Ich-Erzählerin, der dem Buch Rhythmus und Struktur gibt. Mit ihrer Protagonistin geht sie über die ganze Distanz und schafft auch ein konsequentes Finale. Abseits der breit in den Medien geführten Flüchtlingsdebatte wirkt das Buch stark und bietet einige Impulse.

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Bernhard Aichner – Totenhaus

Die Rückkehr des Racheengels

Blum ist zurück – und am Beginn von Totenhaus eigentlich schon wieder am Ende. Nachdem sie im ersten Teil der geplanten Trilogie zu einer Art österreichischen Lisbeth Salander mutierte, ein unbarmherziger und mörderischer Racheengel auf einem Motorrad, könnte jetzt eigentlich alles gut sein.
Doch die Dämonen der Vergangenheit kann man nicht so einfach begraben, selbst wenn man Bestatterin ist. Bei einem Urlaub mit ihren Kindern fällt Blum ein Bild ins Auge, das eine ihr wie aus dem Gesicht geschnittene Frau zeigt. Diese ist als Exponat eines Künstlers á la Gunther von Hagens in einer Art „Körperwelten“-Ausstellung ausgestellt. Da Blum als Kind adoptiert wurde, wittert sie hier eine Chance, ihrer Identität auf den Grund zu gehen. Sie reist nach Wien ins Naturhistorische Museum in Wien, um den Künstler zur Rede zu stellen. Wer ist die Tote? Wieso hat der Künstler sie derart plastiniert?
Doch die Ereignisse überschlagen sich: als Blum in Wien weilt wird derweil in Innsbruck ein Grab exhumiert, bei dem neben den Überresten des Toten auch Teile einer von Blum ermordeten Leiche auftauchen. Eine Hetzjagd auf die Bestatterin beginnt.
Doch für die hatz nach ihr interessiert sich Blum überhaupt nicht, sie will nur hinter das Geheimnis der Toten aus dem Museum kommen. die Spuren führen sie zu einem geheimnisumwitterten Hotelkomplex im Schwarzwald, der in seinen riesigen Gängen ein dunkles Geheimnis hütet.
Die Zutaten, die Bernhard Aichner in seinem zweiten Thriller um Brünhilde Blum zusammenrührt, sind eigentlich ein Garant für Spannung: Leichen der Vergangenheit, eventuelle Klarheit über Blums Herkunft, ein mysteriöses Hotel mit einer ebenso mysteriösen Eignerfamilie. Doch die Zutaten wollen sich nicht so recht vermengen und stehen disparat nebeneinander. Spannung wollte bei mir nicht wirklich aufkommen, da ich so meine Probleme mit Blums Charakter und Handlungsweise hatte. War sie im ersten Band noch ein kompromissloser Racheengel, so schlittert sie in Band Zwei nur hin und her. Ihre Handlungen sind nicht immer logisch, impulsgetrieben hastet sie durch die Handlung. Hier fiel es mir schwer, eine klare Linie zu erkennen. Auch die Handlung im Hotel oder die Geschehnisse um den Plastinator hätten mir besser gefallen, wenn sich Aichner für einen Strang entschieden hätte und diesen konsequent auserzählt hätte. So bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass der zweite Teil nach dem ersten stringenten Teil klar verliert. Auch ist das Duell, auf das das Buch hinausläuft, zu lange klar und man kann sich nur wundern, warum Blum, die in Totenfrau zielgerichtet die Mörder ihres Mannes ausschaltete, nun nicht in der Lage ist, einen Mörder zu identifizieren und ihm das Handwerk zu legen.
Allerdings sollte an dieser Stelle noch ein lobendes Wort zum Schreibstil Aichners gefunden werden. Der Ton seines Prosatextes ist klar, direkt, präzise und hart. Keine langen Sätze, klare Struktur herrscht im Text. Dank der vielen Kapitel wird die Geschichte schnell vorangetrieben und man bleibt bei Blum, auch wenn man über ihr Handeln oftmals den Kopf schütteln muss.
Spannend bleibt auch, wie sich der finale Band der Blum-Trilogie ausnehmen wird. Wird es Aichner noch einmal gelingen, an die Qualitäten von Band 1 anzuknüpfen oder bleibt dieses Buch als Solitär bestehen, während sich die Nachfolger gegen den wuchtigen ersten Teil verlieren? In ein oder zwei Jahren werden wir es wissen!

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