Tag Archives: Ehepaar

Mathias Menegoz – Karpathia

Ein Buch wie aus der Zeit gefallen: zwischen Räuberpistole und k.u.k.-Monarchie beschwört der Franzose Mathias Menegoz noch einmal eine lang vergange Zeit herauf, die doch Schatten auf die Gegenwart wirft. Und er geht der Frage nach, wer in den Karpaten die wirklichen Blutsauger waren.


Die Karpaten: legendenumwobenes Hochgebirge, Heimat von Vlad, dem Pfähler, alias Dracula, Schmelztiegel der verschiedenen Ethnien. In Mathias MenegozKarpathia verschlägt es den jungen Offizier Alexander Korvanyi mit seiner Ehefrau Cara in dieses Gebiet. Seit einem brutalen Massaker an seinen Vorfahren im Jahr 1784 hat keiner der Korvanyis mehr dieses Gebiet betreten – bis jetzt. Denn Alexander Korvanyi hat die Vision, die familiären Güter, Burg inklusive, wieder unter seine Herrschaft zu stellen.

Und so reist das junge Paar im Jahr 1833 aus dem kaiserlichen Wien ab, um in den Karpaten das Glück in die eigene Hand zu nehmen. Ein zuvor stattgefundenes Duell mit tödlichem Ausgang für die Gegenseit macht den Entschluss der beiden noch leichter. Doch so einfach, wie sich die beiden ihr Leben in den Karpaten vorgestellt haben, soll des dann doch nicht werden. Denn die große Armut der Bevölkerung, Leibeigene und verschiedene ethnische Einflüsse machen die Karpaten zum Pulverfass, auf dem nun auch noch ein eigenwilliger und herrischer Lehnsherr namens Korvanyi herumtrampelt.

Der Kampf um die Karpaten

Seine Ländereien, Korvanya genannt, werden von Walachen, Magyaren und Östereicheren bewohnt. Ein explosives Gemisch, dessen Miteinander nur scheinbar funktioniert, denn unter der Oberfläche brodelt es. Und einige der Karpatenbewohner haben ein vitales Interesse daran, für die eigenen Vorteile diese Mischung zur Explosion zu bringen. Ein nervenaufreibender Kampf um die Vorherrschaft der Karpaten beginnt, der sich wie eine Blaupause für andere ethnische Konflikte bis in die Gegenwart hinein liest.

Ambivalent zeigt Matthias Menegoz die Herrschaft des wankelmütigen Alexander Korvanyi über seine Ländereien. Gewollte und ungewollte Provokationen durch den Lehnsherr, große Armut und schwärender Revolutionswillen beim eigenen Volk, militärische Interessen der k.u.k.-Monarchie, die die Karpaten als letzten Außenposten des Reichs gewahrt wissen wollen – irgendwie möchte jeder sein Stück vom Kuchen der Karpaten abhaben. Dass das nicht ohne Folgen bleiben kann, das inszeniert Matthias Menegoz im Stile eines alten Abenteuerromans.

Beginnt alles noch recht überschaubar mit einem Duell, dem die Frage der Ehrverletzung einer jungen Frau vorausgeht, so wird in den Karpaten dann alles recht kompliziert. Lokale Schmuggler, die das Chaos in den karpatischen Bergen wollen, ein Burgherr, der wieder den alten Glanz zurückmöchte, k.u.k-Militärbefehlshaber, lokale Fürsten – wie in einem Historiengemälde malt der Franzose Menegoz sein Bild von skizzenhaften Anfängen ausgehend immer dichter und düsterer.

Herrlich altmodisch

Dabei liest sich Karpathia herrlich altmodisch. Szenen werden detailliert aufgebaut, manchmal wird seitenlang getafelt oder Hof gehalten. Das muss man mögen – aber als entschleunigter Abenteuerroman alter Schule ist dieses Buch wirklich großartig. Dass solche Bücher heutezutage noch in einer derartigen Qualität und Akribie geschrieben werden, das finde ich wunderbar. Hier lässt es sich wirklich wieder einmal in eine alte Welt abtauchen, seitenlange Burgerstürmungen und epische Kämpfe in den Bergen der Karpaten inklusive. Schön, dass es sowas noch gibt (und von Sina de Malafosse so gut übersetzt wurde)!

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Die Drei im Dezember

Drei Lektüren meiner letzten Tage, kurz vorgestellt und besprochen. Und ab geht die wilde Fahrt!

Éric Vuillard – Ballade vom Abendland

Ein Buch wie ADHS. Einem irren Kameramann gleich springt Éric Vuillard mitten hinein in das Getümmel des Ersten Weltkriegs. Er zoomt auf Beteiligte wie General Schlieffen, den amerikanischen Präsidenten McKinley, den Attentäter Gavrilo Princip oder Sophie Chotek, jene von Princip ermordete Gattin des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand.

Ähnlich wie bei seinem Erfolg Die Tagesordnung interessiert sich Vuillard auch hier für die Mechanismen, die einen solchen Krieg auslösen. Bei seiner Suche findet er vor allem viel Absurditäten und legt den Wahnsinn offen, den Krieg bedeutet. Seine Collagentechnik und Erzählweise ist dabei oftmals wirklich anstregend, stilistisch nicht immer einwandfrei, manchmal einfach too much. Dennoch schafft Vuillard mit seinem Buch etwas ganz großartiges: Ballade vom Abendland ermöglicht einen neuen Blick auf den Ersten Weltkrieg, fernab von immer wieder wiedergekäuten Jahreszahlen, Ereignissen und Wegmarken. Das ist es, was besondere Literatur ausmacht!

Erschienen ist das Buch in der Übersetzung von Nicola Denis in der Reihe Matthes&Seitz Paperback. Genauere Informationen gibt es hier.


Kathleen Collins – Nur ein Mal

Hier sollte man sich nicht von dem nichtssagenden deutschen Titel in die Irre führen lassen. Viel besser ist der Originaltitel, der zugleich auch der Titel einer der im Buch enthaltenen Kurzgeschichten ist: Whatever happened to interracial love? bzw. im Deutschen etwas sperriger: Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?

Das ist eines der Themen, das Kathleen Collins Buch neben vielen anderen umkreist. Die Entstehung dieses Buchs ist dabei wirklich besonders. Die Skizzen und Kurzgeschichten, die in diesem Buch versammelt sind, entstammen aller einer großen Kiste. In diese hatte Collins ihre Theaterstücke, Fragmente und Short Storys gepackt, ehe sie 1988 verstarb. Erst nach 18 Jahren öffnete ihre Tochter die Truhe, sodass wir nun in den Genuss dieser besonderen Erzählungen kommen.

Diese sind alle im Kosmos des Jahres 1963 angesiedelt und erzählen von der Liebe, der Suche nach Verwirklichung und Glück oder vom alltäglichen Rassismus. Manches wird nur angerissen, andere Geschichten sind tiefer ausgestaltet. Eine faszinierende Zeitkapsel, die den Sound und Beat des New Yorks 1963 nacherleben lässt.

Erschienen ist das Buch in der Übersetzung von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg im neugegründeten Kampa-Verlag. Alle Informationen hierzu gibt es an dieser Stelle.


Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam

Es passiert kaum Spektakuläres in diesem Buch. Ein altes Paar aus Irland tritt seinen Kurzurlaub in Amsterdam an. Man kennt sich seit Jahrzehnten, hat sich mit den Fehlern und Makeln des anderen arrangiert – und nun also vier Tage in Amsterdam.

Damit ist die Handlung von Bernard MacLavertys Roman Schnee in Amsterdam eigentlich relativ vollständig umrissen. Das Spannende ist hier weder die Rahmenhandlung noch die Sprache, die zwar erfreulich genau die Atmosphäre und jeweiligen Stimmungen einzufangen weiß, aber hinter die große Stärke des Romans zurücktritt.

Diese ist die Zeichnung der beiden Hauptfiguren Stella und Gerry. Wie beide eigentlich alles voneinander wissen, dennoch aber blind für die wahren Bedürfnisse und Geheimnisse des anderen sind, das ist toll gezeichnet und mit einer großen Empathie für die Figuren geschildert. Denn es gibt ein Geheimnis, das mit dem Besuch der Touristenattraktionen Amsterdams wieder neu ins Bewusstsein von Stella gerät. Nie hat sie es Gerry anvertraut, doch nun reißt der Urlaub alte Wunden auf.

Der Kurzurlaub gerät bei MacLaverty zum Kammerspiel, das beide Figuren eine spannende Entwicklung durchlaufen lässt. Weniger formal denn psychologisch interessant und glaubhaft erzählt!

Erschienen ist MacLavertys Roman in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser bei C.H. Beck.

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