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Ralf Rothmann – Milch und Kohle

Er ist zweifelsohne DER literarische Chronist des Ruhrgebiets. Die Rede ist von Ralf Rothmann, der in seinem Werk immer wieder um die Themen Heimat und Erinnerung kreist. 2019 erschien in der Edition Büchergilde nun eine ganz besondere Ausgabe seines ursprünglich 2000 veröffentlichten Romans Milch und Kohle. Ein Paradebeispiel für die Aufwertung, die ein hervorragender Roman durch ebenso gute Buchgestaltung fürderhin erfahren kann.

Ralf Rothmann - Milch und Kohle (Cover)

Der Illustrator Jörg Hülsmann stammt selbst aus dem Ruhrgebiet und wuchs dort in den 70er und 80er Jahren auf, wie er im Nachwort des Buchs schreibt. Für die Illustration des Buchs hat er eine dunkle Farbgebung gewählt, irgendwo zwischen Graphitgrau und Kohlenschwarz. Seine Bilder von Kumpeln, Kneipen und Fördertürmen sind dunkel schattiert, nur ein immer wieder aufblitzendes Weiß kündet von der Hoffnung, die das Leben dort bereithält. Den ungemein sinnlichen Roman Rothmanns ergänzt Hülsmann um ausdrucksstarke Bilder, die in eine Wechselwirkung mit dem Roman treten. Man meint förmlich durch das ärmliche und verqualmte Ruhrgebiet zu stapfen und die Zechen in der Ferne am Horizont zu erahnen.

Als besonderer Clou fallen immer wieder illustrierte Bildkarten aus den Seiten. Sie zeigen mal ein Mofa, mal einen Plattenspielerschrank. Damit symbolisieren sie die Erinnerungen, mit denen es auch der Protagonist Simon in Rothmanns Roman bekommt. Er kehrt zurück in die Wohnung seiner Kindheit. Die Mutter ist verstorben, der Vater ist schon seit längerem tot. Wie die Bilder aus dem Buch fallen ihm dort im Ort seiner Kindheit wieder Erinnerungen entgegen. Erinnerungen an Orte, Freunde und Erlebnisse, die er schon längst verdrängt oder vergessen glaubte.

Fotografieähnliche Illustration ergänzen das Buch (Bildquelle: Büchergilde Gutenberg)

Erinnerungen an eine Jugend im Ruhrgebiet

Diese bringen eine fast untergegangene Welt wieder zurück ans Tageslicht. Eine Welt von Maggi, Gelsenkirchner Barock, Plattenspielern, paffender Nachbarn im Wohnzimmer, Bohnerwachs und Spießigkeit. Simon erinnert sich zurück in die Zeit seiner Jugendjahre. Die Beziehung seiner Eltern, die nicht unbedingt von Glück geprägt war. Die Mutter, die immer zum Tanz in die Kneipe Maus aufbrach. Der Vater, der unter Tage schuftete. Der Bruder, der nahezu unkontrollierbar war. Die Nachbarn, die Zucht von Kanarienvögel im Kohlenkeller und die ersten italienischen Gastarbeiter, die das Leben im Ruhrgebiet durcheinanderwirbelten. Daran erinnert er sich genauso wie an seine ersten Erfahrungen mit Frauen, den Ärger mit gleichaltrigen Halbstarken und die nächtlichen Touren auf dem Moped durchs Ruhrgebiet.

Ähnlich, wie beispielsweise Elena Ferrante das proletarische Milieu in Neapel zeichnet, gelingt es auch Ralf Rothmann hier, einen ganzen Kosmos voller Menschen, Sinneseindrücken und Dingen heraufzubeschwören. Seine Geschichte, die auch eine Coming of Age-Erzählung ist, lässt vor dem inneren Auge wieder die Tristesse und eskapistischen Momente des spießigen Malochermilieus entstehen. Sprachlich ist das Buch sehr genau und ausdrucksstark geraten.

Die Bilder Hülsmanns ergänzen diese Eindrücke sinnig. Zusammen mit dem schwarzen Buchschnitt und den feinen Details gelingt der Büchergilde so eine ganz besondere Ausgabe dieses genau beobachtenden und beschreibenden Romans. Ein wirkliches Kunstwerk in literarischer und optischer Sicht. Auch oder gerade für alle Menschen außerhalb des Ruhrgebiets.


  • Ralf Rothmann – Milch und Kohle
  • Illustriert von Jörg Hülsmann
  • Erhältlich bei der Büchergilde Gutenberg
  • 216 Seiten. Preis: 26,00 €
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Hinaus aufs Meer

Amity Gaige – Unter uns das Meer

Wie kann man seine Beziehung kitten? Wie damit umgehen, wenn Leidenschaft und Anziehung schon lange verschwunden sind, da aber zwei kleine Kinder sind, die einen binden? Für diese Fragen finden Michael und seine Frau Juliet eine unorthodoxe Lösungsmöglichkeit. Zusammen mit ihren beiden Kindern gehen sie auf eine Bootstour. Sämtliches Ersparte wird in den Erwerb einer Yacht gesteckt, die Tochter verpasst ein Schuljahr – aber womöglich kann es ihre Beziehung retten?

Von diesem Reparaturversuch einer Ehe erzählt die Amerikanerin Amity Gaige. Ihr Roman heißt Unter uns das Meer und wurde von André Mumot ins Deutsche übertragen (im Original: Sea Wife). Eine wilde Tour übers Meer und durch eine Beziehung.


Amity Gaige - Unter uns das Meer (Cover)

Die Welt der Seefahrt, sie ist voller Aberglauben. Unter anderem bringt es Unglück, wenn man ein Schiff neu benennt. Doch genau diesen Frevel begeht Michael. Er benennt die 14 Meter lange Yacht, für die er sein gesamtes Vermögen zusammengekratzt hat, nach seiner Frau Juliet. Doch schon Shakespeare, dessen Heldin den Namen mit Michaels Frau teilt, wusste im gleichnamigen Drama: These violent delights have violent ends (So wilde Freude nimmt ein wildes Ende, Romeo & Julia, 2. Aufzug, 5. Szene). Ob das auch für das Schicksal der beiden gilt?

Um ihre Geschichte zu erzählen, wählt Amity Gaige einen besonderen erzählerischen Kniff. Sie lässt Juliet und Michael abwechselnd zu Wort kommen. So ist es ein Schiffstagebuch von Bord der Juliet, wobei das eher eine Art Tagebuch denn eine nautische Dokumentation darstellt, in das Michael seine Gedanken notierte. Dem entgegen setzt Gaige (auch in anderer Schrift gesetzt) die Gedanken und Erinnerungen Juliets.

Zwei gegensätzliche Figuren im Widerstreit

Das ist mehr als reizvoll, vor allem, da Juliet und Michael so gegensätzliche Figuren sind. Während sie mit der Idee, ein Jahr auf einem Schiff zu verbringen, überhaupt nichts anfangen kann, leistet er jede Menge Überzeugungsarbeit, um seinen Traum zu verwirklichen. Er, der alle Linke und staatliche Einmischung verteufelt, sie, die eigentlich kurz vor ihrer Dissertation stand, ihre Karriere dann zugunsten der Kinder aufgab.

Wie sich die beiden streiten, gegensätzlicher Meinung sind, sich auch um der Kinder willen immer wieder zusammenraufen, das ist psychologisch wirklich glaubhaft geschildert.

Mein Mann und ich sind sehr verschieden, sagte ich. Wir streiten uns wieder und wieder über dieselben Dinge. Wir streiten, aber wir ändern nie die Meinung des anderen. Wir entfernen uns bloß immer weiter voneinander.

Gaige, Amity: Unter uns das Meer, S. 162

Auch wenn die Juliet über 14 Meter lang ist, täuscht das ja nicht darüber hinweg, dass der Schauplatz mehr als begrenzt ist. Zwei Kojen, ein Geschmeinschaftsraum, eine Kombüse. Das war es. Aber ähnlich wie zuletzt Ben Smith gewinnt auch Amity Gaige ihrem kleinen Schauplatz maximalen Ertrag ab. Die Grabenkämpfe zwischen den Erwachsenen, die Kämpfe mit Natur und Technik und die Schönheit des Meeres – all das fasst die Amerikanerin in tolle Prosa. Ein gesondertes Lob ergeht an dieser Stelle auch an Übersetzer André Mumot, der das nautisch geprägte Vokabular toll ins Deutsche überträgt.

Ein Buch mit Überraschungen

Unter uns das Meer ist ein Roman, der immer wieder überrascht. So enthüllt Amity Gaige geschickt nach und nach die Charaktere und Geschichte ihrer Figuren. Als nach zwei Dritteln eine anfangs nur angedeutete Vermutung zur Wahrheit wird (man betrachte nur das Shakespeare’sche Juliet-Zitat), so verliert der Roman auch dadurch nicht an erzählerischer Kraft. Wie Gaige zwischen ihren beiden Ich-Erzählern hin- und herspringt und doch den Plot vorantreibt, das ist tolle Erzählkunst.

Wenngleich der Effekt der beiden Perspektiven nicht ganz so etragreich ausgereizt wird wie im Falle von Lauren Groffs Licht und Zorn, muss man doch konstatieren: erzählerisch kann dieses Buch in allen Belangen überzeugen. Kantige Figuren, ein vorwärtsdrängender Plot, präzise Sprache. Hier kommt zusammen, was bei guter Literatur immer zusammenfinden sollte. Eine echte Entdeckung, dieser Roman. Hier erleidet man keinesfalls literarischen Schiffbruch.


  • Amity Gaige – Unter uns das Meer
  • Aus dem Englischen von André Mumot
  • ISBN 978-3-8479-0051-1 (Eichborn-Verlag)
  • 384 Seiten, Preis: 22,00 €
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Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

Also erste Sätze kann Dennis Lehane. Und wie:

An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann. (Lehane, Dennis: Der Abgrund in dir, S.7)

Zack, bumm. Da ist er wieder, jener Dennis Lehane, der mit seinen Büchern unzähligen Hollywoodfilmen ihre Grundlage geliefert hat, darunter Mystic River, Shutter Island oder In der Nacht. Nach einer Pause von drei Jahren seit Am Ende einer Welt gibt es nun Nachschub vom Meister des Thrillers und zwar in der Übersetzung von Steffen Jacobs und Peter Torberg.

Wobei ich mich über zweihundert Seiten nach dem oben zitierten Paukenschlag-Prolog fragte, ob ich hier wirklich ein Buch von Dennis Lehane lese. Denn in jenen grob zweihundert Seiten schildert Dennis Lehane zunächst einmal die Lebens- und Liebesgeschichte seiner Heldin Rachel Child vom Jahr 1977 an. Wie sie ohne Vater aufwuchs, ihr Glück in Beziehungen suchte und von Angstattacken gequält wurde, all das steht im ersten Drittel von Der Abgrund in dir im Mittelpunkt.

Natürlich will seine Heldin entwickelt werden, damit der Stoff auf einem festen Fundament steht und damit über die ganze Handlung trägt. Allerdings fehlten mir hierbei die typischen Lehane-Zutaten wie Tempo, unvorhersehbare Wendungen und vor allem das Wichtigste – die Spannung. Zunächst ist das Buch ein klassischer Roman, der von der Suche einer Frau nach Liebe handelt. Erst nach und nach zieht Lehane eine untergründige Ebene ein, die sich darum dreht, was man in der Partnerschaft wirklich von seinem Gegenüber weiß.

Nach den Enthüllungen, auf die hier natürlich nicht näher eingegangen werden soll, um die Lesefreude nicht zu schmälern, kommt dann doch plötzlich nach der Hälfte des Buchs Drive in die Handlung. Und zwar dann, als der Roman von der Liebesgeschichte langsam in Richtung Thriller kippt. Wie bei einem talentierten Fußballer merkt man hier auch klar, wenn ein Linksfuß zunächst vorher immer mit seinem schwachen Fuß geschossen hat, und sich jetzt auf seinen starken Fuß besinnt und damit einen ganz anderen Zugriff erhält.

Doch apropos Füße – betrachtet man den Roman als Ganzes, so steht Der Abgrund in dir für mich auf sehr wackligen Füßen. Dies bedingt sich durch die Kernidee, die hinter der ganzen Erzählung und dem Mord von Rachel an ihrem Mann steht. Wer schon bei Gillian Flynns Gone Girl über hanebüchene Ideen und realitätsferne Schilderungen hinwegsehen konnte, den dürften jene ähnlichen Baumängel hier auch nicht stören. In puncto Glaubwürdigkeit und Realismus würde ich Dennis Lehane hier allerdings dicke Punkte abziehen. Dies ist auch insofern schade, da er ja schon so oft bewiesen hat, dass er großartige und durchdachte Geschichten erzählen kann.

Hier konnte ich ihm das alles leider nicht so ganz abnehmen. Insofern für mich ein schwächeres Werk in einem ansonsten wirklich herausragenden Oeuvre.

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Lauren Groff – Licht und Zorn

Was weiß man in einer Ehe wirklich über den Partner? Wer ist eigentlich diese Person gegenüber, der man die ewige Treue geschworen hat, in guten wie in schlechten Zeiten und was kennt man von ihr? Wenn es nach Lauren Groff in Licht und Zorn geht, gar nicht einmal so viel. Denn sie zeigt in ihrem Roman eindringlich, dass man zwar eine Ehe leben kann, dahinter allerdings zwei völlig unterschiedliche Leben stecken können, die nicht immer viel gemeinsam haben.

So etwa wie die beiden Leben von Lancelot, genannt Lotto, Satterwhite und Mathilde Yorden. Lotto, ein Draufgänger und Weiberheld, entflammt auf einer Wohnheim-Party auf dem Campus in unsterblicher Liebe zu Mathilde, die gerade durch die Tür den Raum betritt. In einem impulsiven Überschwang der Gefühle macht er Mathilde den Antrag und wenige Wochen später wird tatsächlich geheiratet. Dinge wie Kennenlernen oder gar eine Verlobungsphase gibt es bei Mathilde und Lotto nicht. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeiten übersteht die Ehe die Zeit. Die beiden jungen Studenten wachsen zusammen, ergänzen sich, Lotto steigt zum erfolgreichen und vielgespielten Dramatiker auf, während Mathilde ihm den Rücken freihält und ihn erdet. Die beiden Menschen sind das Musterbeispiel einer Symbiose – das Eheversprechen scheint für sie wie gemacht.

So erleben wir dies zumindest im ersten mit Licht überschriebenen Teil des glänzend geschrieben und komponierten Romans. Lotto als Mittelpunkt der Erzählung zeigt sich als narzisstischer, verletzlicher und auch widersprüchlicher Mensch, der immer neu um schöpferische Eingebung ringt und dessen von ihm ersonnenen Stücke und Opern sich auch in Ausschnitten in der Geschichte wiederfinden. Immer wieder zeigt Lauren Groff Lotto als Suchenden, der sich manchmal in Strudeln zu verlieren droht, wenn da nicht Mathilde wäre, die seinen Anker und Ruhepol bildet. Über Jahre hinweg begleitet sie Lotto und sein Umfeld und betrachtet seine Entwicklungsschritte hin zum gefeierten Autor.

Nach dramatischen Ereignissen, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, springt Lauren Groff anschließend in Zorn zu Mathilde und erzählt nun ihr Leben und ihre Sicht der Ehe. Hier zeigt sich langsam die vollständige Klasse dieses Romans, denn Mathildes Blickpunkt macht aus diesem bis dahin bereits großartigen Roman endgültig ein Meisterwerk. Der Gegenblick auf alle Ereignisse, das was man dem Partner verschweigt und Überraschungen, die einen selbst ereilen – all das ist wunderbar und glaubwürdig gelungen. Immer wieder fragt man sich, ob man gerade wirklich von jener Ehe liest, die Lotto zuvor geschildert hat.

Die Blitzhochzeit, das Davor und Danach – Lauren Groff zeigt sich als Meisterin der Montage und des Erzählens. Ihr gelingt es, Mathilde genauso plastisch und glaubwürdig wie Lotto zu zeichnen. Durch diesen zweiten Teil wird das Buch erst abgerundet und ergänzt – wobei sich Groff bis zum Schluss Enthüllungen und Kniffe vorbehält. Das lässt den Roman zu keiner Sekunde langweilig werden, im Gegenteil. Obwohl man annehmen könnte, dass es nichts Öderes und Konventionelleres als die Schilderung einer Ehe gibt – ein packenderes Leseerlebnis habe ich in letzter Zeit kaum erlebt.

Beständig schwankt man in der Bewertung dieser Ehe und ihrer ProtagonistInnen. Soll man Lotto und Mathilde bewundern für ihren Wagemut und ihre Hingabe – oder ist vielmehr das Gegenteil angebracht und die beiden verdienen Mitleid oder gar Verachtung? Wunderbar ambivalent erzählt Lauren Groff diesen ausgefuchsten Plot, vieles bleibt in der Schwebe und am Ende dem Leser selbst überlassen. Dies macht für mich die Klasse dieses Buchs aus, obwohl natürlich noch viele weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Wie oben schon angedeutet, ist ein weiterer Faktor auch die Bauart des Romans. Neben der konsequenten Zweiteilung in Lottos und Mathildes Sicht ist die Montagetechnik Groffs wunderbar – ganze Zeitabschnitte werden von ihr gerafft, dann springt sie wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Das sorgt für Abwechslung im Lesefluss und fordert den Leser. Auch die Sprache von Lauren Groff ist poetisch, präzise, immer angemessen – und natürlich muss an dieser Stelle dann auch die Übersetzerin Stefanie Jacobs genannt werden. Eine großartige Leistung, wie sie den sprachmächtigen Plot ins Deutsche überführt.

Selten begegneten mir bislang derart plastische Figuren, die weit über das Buchende bei mir blieben. Die Strahlkraft dieses Romans ist genauso enorm wie sein erzählerischer Sog. Ein Buch, das zum Wiederlesen einlädt oder dies sogar implizit einfordert. Definitiv ein Kandidat für meine ewige Top 10. Ich gebe für dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung ab – besonders auch dann, wenn man vor der Entscheidung steht, den Bund fürs Leben einzugehen.

 

vielschichtig

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Mirko Bonné – Lichter als der Tag

Es ist kein Heimweh, an dem Raimund Merz in Lichter als der Tag leidet – es ist Lichtweh. So formuliert es Mirko Bonné in seinem neuen Roman, der sich um das Leben und die Liebe jenes Raimund Merz dreht. Das Licht, nachdem er sich verzehrt, findet sich manchmal im Hamburger Bahnhof. Wenn es im richtigen Winkel und zur richtigen Zeit durch die Scheiben des Bahnhofs dringt, erzeugt es eine Stimmung, die Merz glücklich macht und Energie für seinen kargen Alltag tanken lässt. Denn dieser ist alles andere als lichtdurchflutet, wie Bonné in Lichter als der Tag zeigt.

Mirko Bonné - Lichter als der Tag (Cover)

Raimund Merz lebt in Hamburg eine scheinbare Vorzeigeehe. Tochter, erfolgreiche Kieferchirurgin zur Frau, Eigenheim – was will man da schon mehr? Doch die Gefühle und Leidenschaft gibt es schon lange nicht mehr in Merz‘ Beziehung. Denn Merz ist eigentlich in Inger verliebt, eine Freundin aus Kindertagen. Ihr gilt sein Streben und seine Sehnsucht. Doch diese ist mit Moritz verheiratet, einem weiteren gemeinsamen Freund aus Merz‘ Jugend.

Diese vier Figuren bilden das Kernstück von Lichter als der Tag. Bonné betrachtet die Geschichte der Freunde und ihre Wege durch das Leben interessiert und schildert diese Wege von Jugendjahren an. Das von Bonné verwendete Motiv der ménage a quartre kennt der literaturhistorisch gebildete Leser natürlich – und auch in zahlreichen Rezensionen (Verlagswerbung inklusive) wird darauf hingewiesen: Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandtschaften standen bei der Figurenkonstellation dieses Romans Pate. Welches richtige Leben ist nach der Hochzeit der falschen Partnerin möglich? Diese Frage beleuchtet Bonné in seinem Roman eingehend.

Vom richtigen Leben und dem falschen

Er spielt im Buch eine zentrale Rolle: Der französische Landschaftsmaler Camille Corot

Wer das Buch nun aber nur als Wahlverwandtschaften-Update liest und betrachtet, der wird dem Buch aber nicht gerecht. Viele weitere Themen sind es, die der Hamburger Autor in seinem Buch unterbringt. Insekten haben genauso ihre Funktion wie auch die Kunst, die eine wenn nicht DIE zentrale Rolle in Lichter als der Tag spielt (nicht zufällig endet ja schon der Vorgängerroman Nie mehr Nacht in der Kunsthalle Hamburgs). Cy Twombly und Jean-Baptiste Camille Corot sind Leitmotive, die sich durch den ganzen Roman ziehen.

Der Roman ist wie ein Triptychon gestaltet, neben seinen vielen mäandernden Motiven und wechselnden Schauplätzen ist es besonders die Sprache, die durch Feinheit und Zurückhaltung überzeugen kann. Immer wieder fallen Bonné schöne Bilder und Formulierungen ein, wie etwa diese, wenn es um die karge Existenz Raimund Merz‘ geht:

In einem Charlottenburger Keller saß er reglos an einem Pult und überlegte, wie er sich am besten aus seinem eigenen Leben herausschlich.

Bonné, Mirko: Lichter als der Tag, S. 154

Das Buch ist für den Deutschen Buchpreis nominiert, es findet sich mit neunzehn weiteren Titeln auf der Longlist 2017. Die Nominierung ist auf alle Fälle gerechtfertigt, schließlich weiß Bonné sein Buch zu gestalteten und in die passende Sprache zu kleiden. Für einen Sprung auf die Shortlist fehlt mir bei diesem Buch dann doch etwas Ambition und der Wille zum Wagnis. Eine präzise gepinselte neue Version der Wahlverwandtschaften ist mir insgesamt etwas zu wenig, auch wenn das Ende noch etwas Drive und Ankänge an Donna Tartts Epos Der Distelfink mit sich bringt. Ein sprachlich und inhaltlich schöner Roman, den Bonné für meinen Geschmack noch etwas mehr gegen den Strich hätte bürsten können …

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