Tag Archives: Coming-of-Age

Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers

Langsam werden die Folgen des Brexit sichtbar. Während sich die Regierung des Landes in symbolischen restituierenden Maßnahmen wie der Einführung von alten Gewichtseinheiten wie Unzen oder antiquierter Eichmaße we dem Crown Stamp übt, herrscht in Weiten Teilen des Landes die Lorry Crisis. Zahlreiche Facharbeiter*innen oder Fahrer*innen sind im Zuge des Abschieds aus der EU zurück auf den Kontinent gegangen, was sich nun in zahlreichen Bereichen des täglichen Lebens bemerkbar macht. So sind die Versorgungsketten brüchig geworden, was häufig zu leeren Supermarktregalen genauso wie zu langen Schlangen vor den Tankstellen führt. Egal ob Nahrungsmittel oder Benzin, der Brexit hat gezeigt, dass es mit der versprochenen neuen Stärke Großbritanniens nicht weit her ist.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich da auf dem Buchmarkt. Auf ihm treten vermehrt Bücher in Erscheinung, die ein gegenläufiges Bild Großbritanniens zeichnen. In den Dorfromanen sind es zumeist Protagonist*innen, die auf Bauernhöfen wohnen, in der ländlichen Umgebung fest verwurzelt sind und die aus der sie umgebenden Natur ihre Stärke ziehen. Zu nennen wäre hier beispielsweise Sebastian Barry mit seinem Roman Annie Dunne, der eine widerborstige Frau in den Wicklows 1959 zeigt. J. L. Carr beschreibt in seinem Roman Ein Monat auf dem Land die Gesundung eines Weltrkiegsveteranen im ländlichen Yorkshire. Benjamin Myers lässt in Offene See einen jungen Mann kurz vor dem Ernst des Lebens durch die englische Natur wandern . Und Reginald Arkell zeigt in Pinnegars Garten ein ebenso gegensätzliches Paar, das die Liebe zur englischen Natur, insbesondere der Flora, zusammengeführt hat.

Melissa Harrison - Vom Ende eines Sommers (Cover)

Viele Bücher also, die die Vorstellungen eines unberührten aus der Zeit gefallenen Vereinigten Königreichs bedienen und so konträr zu den aktuellen Entwicklungen stehen. Einmal mehr erscheint nun im Dumont-Verlag ein weiteres Buch, bei dem das Cover an genau die Sorte der obigen Beispiele erinnert. Schwalben, die eine blühende Natur aus Feldern und gesunden Bäume bestehend durchmessen. Helle Farben, blühende Sträucher und Sicht bis zum Horizont. Das verspricht der Melissa Harrisons Roman rein äußerlich – erschöpft sich dann aber gottseidank nicht Landschaftskitsch. Vielmehr ist Vom Ende eines Sommers der genaue Blick auf das Erwachsenwerden einer jungen Frau und die Probleme der ländlichen Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg, fernab von jeglicher Empire-Romantik.

Sommer in Suffolk 1933

Wir schreiben das Jahr 1933 – es herrscht Sommer in Suffolk. Als Kind von Bauern weiß die vierzehnjährige Edie um die Fülle und den Reichtum der Natur. Mit den Gleichaltrigen vermag sie nicht allzu viel anzufangen. Stattdessen fasziniert die plötzlich in ihrem Dorf aufgetauchte Constance FitzAllen das junge Mädchen ungemein. Die Journalistin recherchiert über das Dorfleben und hegt ganz eigene Ansichten über den Lebensstil der Dorfbevölkerung. In ihrer Andersartigkeit wird sie für Edie zum Orientierungspunkt und zeigt dem Mädchen eine Alternative zum Altbekannten auf. Doch auch Constance FitzAllen hat ihre nicht so schönen Seiten, die Edie erst spät kennenlernen wird.

Vom Ende eines Sommers ist ein Roman, der die ganze Fülle des britischen Landlebens und der Natur atmet. Insofern verspricht das Cover nicht zu viel. Hier steht alles in voller Blüte, in den Hecken zwischen den Feldern ziept und zirpt es beständig. Melissa Harrisons Buch nimmt aber auch die weniger pittoresken Seiten des Dorflebens der 30er Jahre in den Blick. So grassiert die Armut, Edie Eltern leben am unteren Existenzminimum und sind auf gute Ernten angewiesen, um halbwegs die Schulden auf Abstand zu halten. Der lokale Adel wirft einmal im Jahr ein Fest und fällt ansonsten durch größtmögliche Distanz zur normalsterblichen Bevölkerung auf. Heruntergekommene Höfe und Armut, sie sind ein entscheidender Teil vom Bild des lokalen Englands.

Auch der zurückliegende Weltkrieg hat die Bevölkerung nachdrücklich geprägt und die Erinnerung an die damaligen Ereignisse ist bei den meisten Menschen noch immer präsent. Auf den Feldern Flanderns oder Frankreichs sind viele junge Männer zurückgeblieben, auch auf Edies Hof gab es tragische Verluste zu beklagen. Die Verluste wurden nicht richtig verarbeitet, Männer nehmen sich, was sie wollen. Gleichberechtigung und gegenseitige Achtung sind hier noch nicht wirklich festzustellen. Deshalb übt die so unangepasste und starke Constance einen derartigen Reiz auf Edie aus, die so wenig in die ländliche Umgebung passt, aber gerade deshalb umso mehr vom einfachen Landleben angezogen wird, in das sie sich ganz hineingibt.

Fazit

Durch den genauen Blick auf die Lebensverhältnisse der damaligen Zeit besticht Melissa Harrisons Roman, der sich eben nicht alleine mit Naturschilderungen und Verklärung der „guten, alten Zeit“ begnügt. Das Buch ist in seiner Verschmelzung von romantischen und naturalistischen Ansätzen sehr reizvoll und kombiniert den klassischen Coming-of-Age-Roman mit zeitgeschichtlichem und naturnahem Kolorit. Von Werner Löcher-Lawrence wurde das Ganze in seiner ganzen Beschreibungsfülle ins Deutsche übertragen.

Ein Buch, das wenig beschönigt und nicht den Fehler begeht, die Geschichte der Landbevölkerung zu verklären. Und gerade dadurch gewinnt Vom Ende eines Sommers, das eben kein pures Nostalgiebedürfnis der Leserschaft befriedigt, sondern einen genauen Blick auf die ländliche Geschichte der 30er Jahre in Suffolk liefert. In diesem Buch steckt deutlich mehr, als es das Cover suggeriert!


  • Melissa Harrison – Vom Ende eines Sommers
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-8321-8152-9 (Dumont)
  • 320 Seiten. Preis: 22,00 €
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Elena Ferrante und ich – eine Kapitulation

Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Schon ein Jahr lang schaute mich das Leseexemplar von Elena Ferrantes neuestem Roman Das lügenhafte Leben der Erwachsenen vorwurfsvoll aus dem Regal heraus an. Irgendwie gab es immer etwas anderes zu lesen, neue Bücher , beruflich zu Lesendes, scheinbar Interessanteres – kurz, ich schob die Lektüre des Romans wieder und wieder vor mir her. Doch genug damit. Nun im Juli griff ich zu Ferrantes Buch. Italien beziehungsweise Sizilien als Schauplatz des Buchs schien mir als Sehnsuchtsort für diesen alles andere als sommerlichen Sommer die richtige Wahl. Doch leider musste ich dann schon nach gut der Hälfte des Romans kapitulieren. Das mit Elena Ferrante und mir wurde nichts. Aber warum?


Elena Ferrante - Das lügenhafte Leben der Erwachsenen (Cover)

Mit dem Erscheinen von Ferrantes Neapolitanischem Quartett war ich in Neugier versetzt. Jedes große Feuilleton schrieb über die vierbändige Saga um Lila und Lenu, angeheizt durch eine kluge Marketingkampagne setzt das #ferrantefieber in Deutschland ein. Sogar als Serie wurde das Quartett in der Folge adaptiert.

Auch ich las die Werke mit Interesse und fand mich wieder in einem Neapel, das wenig mit Pizza und Funiculì Funiculà-Folklore gemein hatte. Stattdessen dominierten Gewalt, unzufriedene und fluchende Figuren und wenig Aufstiegschancen die Welt der Freundinnen. Kinder, später Frauen, die mit ihrem Schicksal haderten, in großer Armut, enttäuscht von den Männern lebten, sich auch gerne einmal beschimpften und hinter dem Rücken schlecht redeten. Wenig Glück, dafür umso mehr Düsternis, Dumpfheit und Elend. Das war das Neapel, das ich in Elena Ferrantes Büchern vorfand.

Frauen im Dunkeln, wenig Hoffnung und Freude

In der Folge machte sich der Suhrkamp daran, die Backlist der Autorin zu erschließen. Zumeist in der Übersetzung von Karin Krieger erschienen nach und nach ältere und vergriffene Werke der Autorin, darunter auch der Roman Frau im Dunkeln. Auch hier stand wieder eine Frau Mittelpunkt, deren Leben wirklich im Dunkeln stattfand. Sie stiehlt am Strand die Puppe eines kleinen Mädchens und beobachtet, was diese Tat mit dem Kind und seiner Mutter macht.

Damals schrieb ich in meiner Besprechung von überspannten Frauenfiguren, wahren Furien, deren Handlungsmotivation unklar bleibt. Ein Einfühlen in den geschilderten Kosmos wollte mir so gar nicht gelingen, sodass ich konstatierte:

Von Strand, la dolce vita und Entspannung ist bei Elena Ferrante nicht viel übrig. Auf ihre Welten muss man sich einlassen – mir ist das hier leider überhaupt nicht gelungen. Die Faszination für die Frau im Dunkeln liegt für mich im Dunkeln.

Meine Rezension vom 11. Februar 2019

Zurück in Neapel

Seit jener Besprechung waren zwei Jahre ins Land gegangen, Zeit also für einen abermaligen Versuch mit Elena Ferrante und mir. Und schon nach wenigen Seiten fühlt man sich wieder heimisch in dieser Welt. Abermals ist die Erzählung in Neapel angesiedelt, diesmal erzählt die junge Giovanna, die sich am Beginn der Pubertät befindet. Ein Schlüsselsatz prägt sich bei ihr ein, der ihre Welt erschüttern soll.

Zwei Jahre, bevor mein Vater von zu Hause wegging, sagte er zu meiner Mutter, ich sei sehr hässlich. Der Satz wurde leise gesprochen, in der Wohnung, die sich meine Eltern, frisch verheiratet, im Rione Alto, oben in San Giacomo dei Capri, gekauft hatten. Alles – Neapels Orte, das blaue Licht des eisigen Februars, jene Worte – ist geblieben.

Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen, S. 9

Ihr Vater, ein bewunderter Intellektueller, vergleicht in jenem Gespräch das Aussehen Giovannas mit dem seiner Schwester, die in der Familie totgeschwiegen wird. Das weckt das Interesse des Mädchens, die sich nun für die familiären Wurzeln zu interessieren beginnt. Sie lernt ihre Tante kennen, eine ausgesprochen vulgäre Erscheinung, die Giovanna fasziniert. Immer mehr pflegt sie den Kontakt mit ihrer Tante und muss erkennen, dass auch ihre eigenen Eltern Lügen leben und obschon besserer Umgangsformen und Manieren durchaus auch schlechte Seiten haben.

Davon erzählt Elena Ferrante ausführlich, indem sie durch Giovanna auf diese lügenreiche Welt der Erwachsenen blickt, die voller Widersprüche und Heuchelei steckt. Die vulgäre Tante wird damit zum Gegenpol, da sie all das in ihrem derben Dialekt thematisiert und Giovanna damit auch ein Stück weit die Augen öffnet.

Monothematisch und voller überspannter Figuren

Alleine, mir war das irgendwann zu viele. Diese Monothematik von fluchenden und bigotten Figuren, einem Neapel, in dem scheinbar nie die Sonne scheint, die völlige Abwesenheit von Hoffnung und Freude, all das war mir nun im sechsten Buch der Autorin zu viel. Was im vierbändigen Freundinnen-Quartett schon manchmal kaum erträglich war, hat mir hier endgültig die Freude an der Lektüre vermiest, sodass ich dieses Buch wider meinen eigentlichen Gewohnheiten abbrach.

Nun muss es natürlich nicht die oben angesprochene Neapel-Pizza-Romantik mit jodelnden Pizzaoilo, stundenlangem Bad im Meer und Schlendern durch die engen Gassen im Abendlicht sein. Aber ein klein wenig mehr mediterranen Charme, eine nuancen- und kontrastreichere Welt und wenigstens ein bisschen Zufriedenheit oder ausgeglichenere Figuren anstelle von Überspanntheit, Schimpfen und Betrügen, das hätte mir gefallen, besonders in diesem so trostlosen Sommer, in dem ich zum Buch griff.

So muss ich leider konstatieren, dass das mit Elena Ferrante und mir wohl nichts mehr wird, habe ich doch das Gefühl, stets das gleiche Buch in leicht variiertem Setting zu lesen. Elena Ferrante seien die vielen euphorischen Leserinnen und Leser gegönnt, ich zähle mich nun nach diesem Lektüreabbruch nicht mehr dazu.


  • Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen
  • Aus dem Italienischen von Karin Krieger
  • ISBN: 978-3-518-42952-5 (Suhrkamp)
  • 414 Seiten. Preis: 24,00 €
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Johann Scheerer – Unheimlich nah

Wie wird man erwachsen, wenn man rund um die Uhr von Bewachern umgeben ist? Wie es sich anfühlt, zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem Bedürfnis nach Sicherheit aufzuwachsen, davon erzählt Johann Scheerer. Sein zweiter Roman Unheimlich nah setzt nach der Rückkehr seines entführten Vaters Jan Philipp Reemtsma ein.

Die Geschehnisse rund um die Entführung des berühmten Hamburgers beschrieb Scheerer vor drei Jahren in seinem Buch Wir sind dann wohl die Angehörigen. Die Entführung, die damals die Bundesrepublik in Atem hielt, schilderte Scheerer damals aus seiner kindlichen Sicht. Die Unsicherheit, die Verhandlungen mit den Entführern und seinen Wunsch nach etwas Normalität. Das waren Themen, von denen der Musikproduzent in seinem Debüt erzählte. Diese Themen haben sich im zweiten Buch nur wenig geändert.

Zwar ist nun die Unsicherheit durch die Entführung des Vaters verschwunden. Doch so etwas wie Normalität im Leben der Familie Reemtsma ist weiterhin Fehlanzeige. Scheerer beschreibt, wie nun durch Sicherheitsunternehmen die Familie abgeschirmt wird. Stets befindet sich ein Bewacher in Rufnähe Johanns. Das Hamburger Heim wird hochgerüstet, Überwachungskameras, Sicherheitszaun und Patrouillengänge gehören nun zum Leben der Reemtsmas dazu. Scheerer beschreibt besondere Urlaube unter Polizeischutz, die Monotonie der Tage, zu deren Routine nun auch immer das Abmelden und das Bescheidgeben gehört. Er erzählt von Schießübungen im Wald, Fahrsicherheitstraining und der Schwierigkeit von Partys und Dates mit dem Wissen um die Bewachung im Hinterkopf.

Einblicke ins Innere der Familie Reemtsma

Wie schon im ersten Teil gibt Scheerer auch hier Einblicke in das Familienleben, das durch die Entführung eine so unterwartete Zäsur erhielt. Die Entführung Reemtsmas beschäftigte damals ja die ganze Öffentlichkeit. Der Blick auf die Familie und die Nachwehen der Tat waren für die Boulevardberichterstattung damals aber nachrangig. Schon mit seinem ersten Band setzte Scheerer dem öffentlichen Narrativ seine Sicht entgegen. Diesen Weg geht er mit Unheimlich nah konsequent weiter.

Johann Scheerer - Unheimlich nah (Cover)

Der literarische Gehalt dieses Buchs ist in meinen Augen dabei eher zu vernachlässigen. Scheerer erzählt ohne klar erkennbaren Höhepunkt oder eine besondere kunstvolle Gestaltung. Auch bleibt die Introspektion der Figur etwas auf der Strecke, Scheerer konzentriert sich eher auf das Erzählen von episodisch Erlebtem. So liegen die Qualitäten eher in seinen einsichtsreichen Schilderungen und seinem Schlüssellochblick auf die Familie Reemtsma.

Was dann aber bei einem solchen Spitzentitel doch sehr überrascht, ist das schlampige Lektorat des Buch.

Anschlüsse stimmen nicht und in einem Absatz gelingt sogar das Kunststück, den Namen des Schauspielers Brad Pitt auf zwei verschiedene Arten falsch zu schreiben. Das muss man auch erst einmal schaffen, markiert doch schon jedes handelsübliche Rechtschreibprogramm solche Schnitzer.

Dass Jasmin den Jungsfilm so mochte, fand ich wahnsinnig aufregend. Ob es an Brat Pitts Oberkörper lag? Ich zog meinen Bauch ein, schob den Gedanken zur Seite und lehnte mich mich vorsichtig zu ihr hinüber. Unsere Knie berührten sich schon. Irgendwann auch unsere Schultern und Hände, und als sich im Film einen Moment lang nicht geprügelt wurde und Bratt Pitt mal ein Hemd trug, beugte sie sich zu mir rüber und küsste mich.

Johann Scheerer – Unheimlich nah, S. 250

Bei einem ordentlichen Lektorat hätten solche groben Schnitzer auffallen müssen. Für einen so beworbenen und als Spitzentitel kalkulierten Roman überrascht das schon. Hier wäre mehr Sorgfalt angeraten gewesen.

Fazit

Von solchen Ärgernissen abgesehen ist Unheimlich nah ein interessanter Blick durchs Schlüsselloch der Familie Reemtsma. Zudem steckt im Buch auch eine Coming of Age-Erzählung, deren Protagonist sich zwischen den Polen des Freiheitsdrangs und des Sicherheitsbedürfnisses bewegt. Literarisch nicht weltbewegend und von begrenzter Introspektion, aber eben doch auch einsichtsreich, was das Gefüge der Familie belangt. Und auch wenn die zeitgeschichtlichen Bezüge für jüngere Leser eher abstrakt bleiben dürften: Unheimlich nah ist auch für ein jüngeres Lesepublikum geeignet, ist doch das im Buch verhandelte Thema der Selbstfindung eines, das besonders auch ein solches Publikum ansprechen dürften.


  • Johann Scheerer – Unheimlich nah
  • ISBN 978-3-492-05915-2 (Piper)
  • 331 Seiten. Preis: 22,00 €
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Ralf Rothmann – Milch und Kohle

Er ist zweifelsohne DER literarische Chronist des Ruhrgebiets. Die Rede ist von Ralf Rothmann, der in seinem Werk immer wieder um die Themen Heimat und Erinnerung kreist. 2019 erschien in der Edition Büchergilde nun eine ganz besondere Ausgabe seines ursprünglich 2000 veröffentlichten Romans Milch und Kohle. Ein Paradebeispiel für die Aufwertung, die ein hervorragender Roman durch ebenso gute Buchgestaltung fürderhin erfahren kann.

Ralf Rothmann - Milch und Kohle (Cover)

Der Illustrator Jörg Hülsmann stammt selbst aus dem Ruhrgebiet und wuchs dort in den 70er und 80er Jahren auf, wie er im Nachwort des Buchs schreibt. Für die Illustration des Buchs hat er eine dunkle Farbgebung gewählt, irgendwo zwischen Graphitgrau und Kohlenschwarz. Seine Bilder von Kumpeln, Kneipen und Fördertürmen sind dunkel schattiert, nur ein immer wieder aufblitzendes Weiß kündet von der Hoffnung, die das Leben dort bereithält. Den ungemein sinnlichen Roman Rothmanns ergänzt Hülsmann um ausdrucksstarke Bilder, die in eine Wechselwirkung mit dem Roman treten. Man meint förmlich durch das ärmliche und verqualmte Ruhrgebiet zu stapfen und die Zechen in der Ferne am Horizont zu erahnen.

Als besonderer Clou fallen immer wieder illustrierte Bildkarten aus den Seiten. Sie zeigen mal ein Mofa, mal einen Plattenspielerschrank. Damit symbolisieren sie die Erinnerungen, mit denen es auch der Protagonist Simon in Rothmanns Roman bekommt. Er kehrt zurück in die Wohnung seiner Kindheit. Die Mutter ist verstorben, der Vater ist schon seit längerem tot. Wie die Bilder aus dem Buch fallen ihm dort im Ort seiner Kindheit wieder Erinnerungen entgegen. Erinnerungen an Orte, Freunde und Erlebnisse, die er schon längst verdrängt oder vergessen glaubte.

Fotografieähnliche Illustration ergänzen das Buch (Bildquelle: Büchergilde Gutenberg)

Erinnerungen an eine Jugend im Ruhrgebiet

Diese bringen eine fast untergegangene Welt wieder zurück ans Tageslicht. Eine Welt von Maggi, Gelsenkirchner Barock, Plattenspielern, paffender Nachbarn im Wohnzimmer, Bohnerwachs und Spießigkeit. Simon erinnert sich zurück in die Zeit seiner Jugendjahre. Die Beziehung seiner Eltern, die nicht unbedingt von Glück geprägt war. Die Mutter, die immer zum Tanz in die Kneipe Maus aufbrach. Der Vater, der unter Tage schuftete. Der Bruder, der nahezu unkontrollierbar war. Die Nachbarn, die Zucht von Kanarienvögel im Kohlenkeller und die ersten italienischen Gastarbeiter, die das Leben im Ruhrgebiet durcheinanderwirbelten. Daran erinnert er sich genauso wie an seine ersten Erfahrungen mit Frauen, den Ärger mit gleichaltrigen Halbstarken und die nächtlichen Touren auf dem Moped durchs Ruhrgebiet.

Ähnlich, wie beispielsweise Elena Ferrante das proletarische Milieu in Neapel zeichnet, gelingt es auch Ralf Rothmann hier, einen ganzen Kosmos voller Menschen, Sinneseindrücken und Dingen heraufzubeschwören. Seine Geschichte, die auch eine Coming of Age-Erzählung ist, lässt vor dem inneren Auge wieder die Tristesse und eskapistischen Momente des spießigen Malochermilieus entstehen. Sprachlich ist das Buch sehr genau und ausdrucksstark geraten.

Die Bilder Hülsmanns ergänzen diese Eindrücke sinnig. Zusammen mit dem schwarzen Buchschnitt und den feinen Details gelingt der Büchergilde so eine ganz besondere Ausgabe dieses genau beobachtenden und beschreibenden Romans. Ein wirkliches Kunstwerk in literarischer und optischer Sicht. Auch oder gerade für alle Menschen außerhalb des Ruhrgebiets.


  • Ralf Rothmann – Milch und Kohle
  • Illustriert von Jörg Hülsmann
  • Erhältlich bei der Büchergilde Gutenberg
  • 216 Seiten. Preis: 26,00 €
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Ronya Othmann – Die Sommer

Große Erwartungen hatte ich an das erzählerische Debüte von Ronya Othmann, die im renommierten Hanser-Verlag ihr Debüt Die Sommer veröffentlichte. Leider schaffte es die 1993 geborene Autorin in meinem Fall nicht, die hohen Erwartungen und Vorschusslorbeeren so ganz einzulösen.


Als die Ankündigung für Ronya Othmanns Debüt in der Vorschau des Hanser-Verlags auftauchte, war ich mir sicher, einen gesetzten Kandidaten für die Longlist des Deutschen Buchpreises ausgemacht zu haben. Verheißungsvoll die Ankündigung schon alleine durch die politisch relevante Themensetzung (der syrische Bürgerkrieg und die Geschichte der Jesiden) und dazu noch Motive, auf die man bei solchen Preisen gerne setzt, nämlich Coming-of-Age und das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen.

Zudem war dem Buch im Vorfeld schon viel Publicity gewiss, bedingt durch die reichweitenstarke Twitter-Präsenz von Ronya Othmann und ihre Tätigkeit als Kolumnistin der taz. Auch der Gewinn des Publikumspreises beim Ingeborg-Bachmann-Preis im vorigen Jahr hatte die Erwartungen gesteigert. Beste Startbedingungen für einen großen Erfolg also.

Etwas überrascht war ich dann allerdings schon, als die Jury mein Buchpreis-Lotto nicht bedachte und Die Sommer die Nominierung vorenthielt. Nach der Lektüre des Buchs kann ich diese Entscheidung allerdings auch etwas nachvollziehen. Denn trotz der richtigen Themen offenbart das Erzählen Othmanns doch Mängel, die die Entscheidung der Jury plausibel erscheinen lassen.

Die Sommer in Tel Khatoun

Den erzählerischen Bogen des Romans bildet die Familiengeschichte Leylas. Diese wohnt eigentlich in München. Die Sommer verbringt sie allerdings in der Heimat ihres Vaters. Dieser ist Jeside aus Kurdistan, einem Land, das sich auf Teile Syriens, der Türkei und den Irak erstreckt. Vor Jahren ist er nach Deutschland geflüchtet. Seine Familie allerdings wohnt immer noch im Dorf Tel Khatoun. Dorthin kehrt Leyla immer wieder zurück, in den Schoß der Familie. Mit ihrem Aufwachsen weitet sich auch ihr Blick. Die kulturellen Eigenheiten der lokalen Bevölkerung, die Mentalitätsunterschiede, die Vertreibung der Jesiden – all das nimmt Leyla in den Sommer immer dezidierter wahr und prägt so ihre eigene Identität.

Ronya Othmann - Die Sommer (Cover)

Doch was in Othmanns Buch wie auch in vielen anderen Erzählungen 2011 mit einem harmlosen Graffiti an einer Schulmauer beginnt (so geht zumindest die Legende, über deren Wahrheitsgehalt die Meinungen auseinandergehen), mündet in einen Bürgerkrieg, der Syrien seit nunmehr neun Jahren in seinem unerbittlichen Griff hat. Tausende Tote, Zerstörung, eine immer unübersichtlicher werdende Gemengelage aus Assad-Unterstützern, Milizen, Aufständischen und Stellvertreter-Fronten sind die Bilanz dieses Bürgerkriegs. Die Auswirkung des Großen spüren auch die Dorfbewohner im Kleinen.

Und davon erzählt Ronya Othmann. Und erzählt und erzählt. Gerade im ersten Teil des Buchs drängte sich für mich der Eindruck auf, ich würde in einem erzählerischen Flugzeug sitzen, das beständig hochtourig seine Runden auf der Rollbahn dreht, allerdings nie wirklich abhebt.

Ihre Exkurse in die Geschichte, die soziologischen Betrachtungen ihres Dorfes, der kulturellen Identitäten, die ihr innewohnen: all das ist eigentlich spannend – allerdings nicht als Roman. Und so tat ich mich mit dem zähen Erzählen wirklich schwer, das unter der Fülle der Themen leidet, die aufgrund ihrer Exotik und Unverständlichkeit für die westlichen Leser eingeführt werden müssen.

Ein starker zweiter Teil

Doch dann kommt der zweite Teil dieses Romans, der mich dann doch wieder für Othmanns Erzählen einnahm. Wie der Bürgerkrieg beginnt und so die Rückkehr ins familiäre Dorf unmöglich macht und zudem auch die Pubertät die Orientierungslosigkeit Leylas verstärkt, das ist gut gemacht. Während sie nach Halt im Leben sucht, verliert Syrien diesen Halt zusehends.

Durch diese doppelte Auflösung vorher so gefestigt scheinender Strukturen gewinnt das Buch. Zudem darf auch Leylas Vater hier seine Geschichte dann zu Gehör bringen, die symptomatisch für so viele andere Schicksale steht. Wir im Westen, die wir von all den Meldungen rund um den syrischen Bürgerkrieg schon abgestumpft sind, bekommen hier die Brisanz und die Auswirkungen jenes Kriegs ganz unverhüllt geschildert. Die Sommer macht klar, was dieser Krieg bedeutet und welche Schicksale damit verknüpft sind. Besonders das radikale Ende, das zwar nicht ganz unvorhersehbar kommt, aber trotzdem überrascht, ist für mich neben der Geschichte des Vaters einer der wichtigsten Punkte, die der Roman auf der Haben-Seite verbuchen kann.

Das überzeugte mich mehr als all die Schilderungen und Beschreibungen im ersten Teil. Ein Stück weit versöhnte es mich sogar mit der in meinen Augen schwächeren ersten Hälfte des Buchs. Hätte ich diese Geduld in der Lektüre nicht mitgebracht und mich unter Zeitdruck dazu verführen lassen, die Lektüre abzubrechen, wäre mir ein Buch entgangen, das sich zusehends bessert und an Form und Relevanz gewinnt. Vollumfänglich überzeugte es mich nicht. Aber als Debüt, das relevantes zeitgeschichtliches Erzählen in den Mittelpunkt rückt, ist das doch sehr beachtenswert.

Weitere Meinungen zum Buch gibt es hier: Aufklappen hat sich des Buchs angenommen, genauso wie Carsten Otte. Auch die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit haben das Buch besprochen.


  • Ronya Othmann – Die Sommer
  • ISBN 978-3-446-26760-2 (Hanser)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €
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