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Johann Scheerer – Unheimlich nah

Wie wird man erwachsen, wenn man rund um die Uhr von Bewachern umgeben ist? Wie es sich anfühlt, zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem Bedürfnis nach Sicherheit aufzuwachsen, davon erzählt Johann Scheerer. Sein zweiter Roman Unheimlich nah setzt nach der Rückkehr seines entführten Vaters Jan Philipp Reemtsma ein.

Die Geschehnisse rund um die Entführung des berühmten Hamburgers beschrieb Scheerer vor drei Jahren in seinem Buch Wir sind dann wohl die Angehörigen. Die Entführung, die damals die Bundesrepublik in Atem hielt, schilderte Scheerer damals aus seiner kindlichen Sicht. Die Unsicherheit, die Verhandlungen mit den Entführern und seinen Wunsch nach etwas Normalität. Das waren Themen, von denen der Musikproduzent in seinem Debüt erzählte. Diese Themen haben sich im zweiten Buch nur wenig geändert.

Zwar ist nun die Unsicherheit durch die Entführung des Vaters verschwunden. Doch so etwas wie Normalität im Leben der Familie Reemtsma ist weiterhin Fehlanzeige. Scheerer beschreibt, wie nun durch Sicherheitsunternehmen die Familie abgeschirmt wird. Stets befindet sich ein Bewacher in Rufnähe Johanns. Das Hamburger Heim wird hochgerüstet, Überwachungskameras, Sicherheitszaun und Patrouillengänge gehören nun zum Leben der Reemtsmas dazu. Scheerer beschreibt besondere Urlaube unter Polizeischutz, die Monotonie der Tage, zu deren Routine nun auch immer das Abmelden und das Bescheidgeben gehört. Er erzählt von Schießübungen im Wald, Fahrsicherheitstraining und der Schwierigkeit von Partys und Dates mit dem Wissen um die Bewachung im Hinterkopf.

Einblicke ins Innere der Familie Reemtsma

Wie schon im ersten Teil gibt Scheerer auch hier Einblicke in das Familienleben, das durch die Entführung eine so unterwartete Zäsur erhielt. Die Entführung Reemtsmas beschäftigte damals ja die ganze Öffentlichkeit. Der Blick auf die Familie und die Nachwehen der Tat waren für die Boulevardberichterstattung damals aber nachrangig. Schon mit seinem ersten Band setzte Scheerer dem öffentlichen Narrativ seine Sicht entgegen. Diesen Weg geht er mit Unheimlich nah konsequent weiter.

Johann Scheerer - Unheimlich nah (Cover)

Der literarische Gehalt dieses Buchs ist in meinen Augen dabei eher zu vernachlässigen. Scheerer erzählt ohne klar erkennbaren Höhepunkt oder eine besondere kunstvolle Gestaltung. Auch bleibt die Introspektion der Figur etwas auf der Strecke, Scheerer konzentriert sich eher auf das Erzählen von episodisch Erlebtem. So liegen die Qualitäten eher in seinen einsichtsreichen Schilderungen und seinem Schlüssellochblick auf die Familie Reemtsma.

Was dann aber bei einem solchen Spitzentitel doch sehr überrascht, ist das schlampige Lektorat des Buch.

Anschlüsse stimmen nicht und in einem Absatz gelingt sogar das Kunststück, den Namen des Schauspielers Brad Pitt auf zwei verschiedene Arten falsch zu schreiben. Das muss man auch erst einmal schaffen, markiert doch schon jedes handelsübliche Rechtschreibprogramm solche Schnitzer.

Dass Jasmin den Jungsfilm so mochte, fand ich wahnsinnig aufregend. Ob es an Brat Pitts Oberkörper lag? Ich zog meinen Bauch ein, schob den Gedanken zur Seite und lehnte mich mich vorsichtig zu ihr hinüber. Unsere Knie berührten sich schon. Irgendwann auch unsere Schultern und Hände, und als sich im Film einen Moment lang nicht geprügelt wurde und Bratt Pitt mal ein Hemd trug, beugte sie sich zu mir rüber und küsste mich.

Johann Scheerer – Unheimlich nah, S. 250

Bei einem ordentlichen Lektorat hätten solche groben Schnitzer auffallen müssen. Für einen so beworbenen und als Spitzentitel kalkulierten Roman überrascht das schon. Hier wäre mehr Sorgfalt angeraten gewesen.

Fazit

Von solchen Ärgernissen abgesehen ist Unheimlich nah ein interessanter Blick durchs Schlüsselloch der Familie Reemtsma. Zudem steckt im Buch auch eine Coming of Age-Erzählung, deren Protagonist sich zwischen den Polen des Freiheitsdrangs und des Sicherheitsbedürfnisses bewegt. Literarisch nicht weltbewegend und von begrenzter Introspektion, aber eben doch auch einsichtsreich, was das Gefüge der Familie belangt. Und auch wenn die zeitgeschichtlichen Bezüge für jüngere Leser eher abstrakt bleiben dürften: Unheimlich nah ist auch für ein jüngeres Lesepublikum geeignet, ist doch das im Buch verhandelte Thema der Selbstfindung eines, das besonders auch ein solches Publikum ansprechen dürften.


  • Johann Scheerer – Unheimlich nah
  • ISBN 978-3-492-05915-2 (Piper)
  • 331 Seiten. Preis: 22,00 €
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Urlaubslektüren

Jedes Jahr das gleiche Spiel: ich packe meinen Koffer- doch welche Bücher schaffen es ins Gepäck? Meine diesjährige Auswahl möchte ich hier einmal kurz vorstellen – vielleicht ist für euch auch eine Inspiration dabei?

Die Zeichen stehen schon auf literarischen Herbst – und mit ihm kommt auch der Deutsche Buchpreis auf uns zu. In Vorbereitung auf das Event lese ich den nominierten Titel Der Gott der Barbaren von Stefan Thome. Ein historischer Roman über Missionare in China – und nebenbei ein echter  Wälzer mit über 700 Seiten.

Doch das ist nicht das einzige dickleibige Buch, das in meinen Koffer eingepackt wird – etwas dünner, aber nicht minder vielversprechend ist das Debüt des Journalisten Philipp Schwenke, den man von der NEON oder Capital kennt. Er widmet sich dem großen Schummler, Impressario und Bestsellerautor Karl May und dessen einziger Orientreise, die er tatsächlich bestritten hat. Das Debüt Schwenkes trägt den Titel Ein Flimmern über der Wüste.

Mit guter deutscher Literatur geht es dann in Form von Brechtpreisträgerin und Buchpreis-Nominierten Nino Haratischwili weiter. Seit Jahren nehme ich mir schon vor, das von allen seiten gerühmte 1200-Seiten-Epos Das achte Leben. Für Brilka zu lesen. Doch angesichts des monumentalen Umfang des Buchs schreckte ich immer zurück. Doch wenn nicht jetzt lesen, wann dann? Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse und Nino Haratischwili scheint mir der passende Einstieg zum Mythos Georgien zu sein.

Zwei weitere Titel haben es in meine finale Auswahl geschafft. Das einzige nicht-deutschsprachige Buch kommt dabei von Pulitzer-Preisträger Leonard Pitts jr. und heißt Grant Park. Es erzählt von zwei ikonischen Momenten (schwarzer) amerikanischer Geschichte. Dem Streik in Memphis 1968 und der Vereidigung Barack Obamas im Jahr 2008. Ich erwarte mir von dem Roman einen erhellenden Blick auf den Zustand dieses so tief zerrissenen Amerikas – zumindest der Klappentext hat mich da schon einmal sehr angesprochen.

Und zu guter Letzt noch ein Buch, für das ich aus verschiedenen Ecken schon Empfehlungen erhielt (und das für viele bei der Nominierung zum Deutschen Buchpreis 2018 sträflich übergangen wurde). Schermanns Augen von Steffen Mensching behandelt die Lebensgeschichte eines Graphologen in den 20er und 30er Jahren. Der Roman wird als Gulag-Roman und Blick in die 20er und 30er Jahr Deutschlands und Österreich angepriesen. Ich bin mehr als gespannt und werde berichten.

Hier noch einmal eine Übersicht meiner Titel für den Urlaubskoffer:


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