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Ronya Othmann – Die Sommer

Große Erwartungen hatte ich an das erzählerische Debüte von Ronya Othmann, die im renommierten Hanser-Verlag ihr Debüt Die Sommer veröffentlichte. Leider schaffte es die 1993 geborene Autorin in meinem Fall nicht, die hohen Erwartungen und Vorschusslorbeeren so ganz einzulösen.


Als die Ankündigung für Ronya Othmanns Debüt in der Vorschau des Hanser-Verlags auftauchte, war ich mir sicher, einen gesetzten Kandidaten für die Longlist des Deutschen Buchpreises ausgemacht zu haben. Verheißungsvoll die Ankündigung schon alleine durch die politisch relevante Themensetzung (der syrische Bürgerkrieg und die Geschichte der Jesiden) und dazu noch Motive, auf die man bei solchen Preisen gerne setzt, nämlich Coming-of-Age und das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen.

Zudem war dem Buch im Vorfeld schon viel Publicity gewiss, bedingt durch die reichweitenstarke Twitter-Präsenz von Ronya Othmann und ihre Tätigkeit als Kolumnistin der taz. Auch der Gewinn des Publikumspreises beim Ingeborg-Bachmann-Preis im vorigen Jahr hatte die Erwartungen gesteigert. Beste Startbedingungen für einen großen Erfolg also.

Etwas überrascht war ich dann allerdings schon, als die Jury mein Buchpreis-Lotto nicht bedachte und Die Sommer die Nominierung vorenthielt. Nach der Lektüre des Buchs kann ich diese Entscheidung allerdings auch etwas nachvollziehen. Denn trotz der richtigen Themen offenbart das Erzählen Othmanns doch Mängel, die die Entscheidung der Jury plausibel erscheinen lassen.

Die Sommer in Tel Khatoun

Den erzählerischen Bogen des Romans bildet die Familiengeschichte Leylas. Diese wohnt eigentlich in München. Die Sommer verbringt sie allerdings in der Heimat ihres Vaters. Dieser ist Jeside aus Kurdistan, einem Land, das sich auf Teile Syriens, der Türkei und den Irak erstreckt. Vor Jahren ist er nach Deutschland geflüchtet. Seine Familie allerdings wohnt immer noch im Dorf Tel Khatoun. Dorthin kehrt Leyla immer wieder zurück, in den Schoß der Familie. Mit ihrem Aufwachsen weitet sich auch ihr Blick. Die kulturellen Eigenheiten der lokalen Bevölkerung, die Mentalitätsunterschiede, die Vertreibung der Jesiden – all das nimmt Leyla in den Sommer immer dezidierter wahr und prägt so ihre eigene Identität.

Ronya Othmann - Die Sommer (Cover)

Doch was in Othmanns Buch wie auch in vielen anderen Erzählungen 2011 mit einem harmlosen Graffiti an einer Schulmauer beginnt (so geht zumindest die Legende, über deren Wahrheitsgehalt die Meinungen auseinandergehen), mündet in einen Bürgerkrieg, der Syrien seit nunmehr neun Jahren in seinem unerbittlichen Griff hat. Tausende Tote, Zerstörung, eine immer unübersichtlicher werdende Gemengelage aus Assad-Unterstützern, Milizen, Aufständischen und Stellvertreter-Fronten sind die Bilanz dieses Bürgerkriegs. Die Auswirkung des Großen spüren auch die Dorfbewohner im Kleinen.

Und davon erzählt Ronya Othmann. Und erzählt und erzählt. Gerade im ersten Teil des Buchs drängte sich für mich der Eindruck auf, ich würde in einem erzählerischen Flugzeug sitzen, das beständig hochtourig seine Runden auf der Rollbahn dreht, allerdings nie wirklich abhebt.

Ihre Exkurse in die Geschichte, die soziologischen Betrachtungen ihres Dorfes, der kulturellen Identitäten, die ihr innewohnen: all das ist eigentlich spannend – allerdings nicht als Roman. Und so tat ich mich mit dem zähen Erzählen wirklich schwer, das unter der Fülle der Themen leidet, die aufgrund ihrer Exotik und Unverständlichkeit für die westlichen Leser eingeführt werden müssen.

Ein starker zweiter Teil

Doch dann kommt der zweite Teil dieses Romans, der mich dann doch wieder für Othmanns Erzählen einnahm. Wie der Bürgerkrieg beginnt und so die Rückkehr ins familiäre Dorf unmöglich macht und zudem auch die Pubertät die Orientierungslosigkeit Leylas verstärkt, das ist gut gemacht. Während sie nach Halt im Leben sucht, verliert Syrien diesen Halt zusehends.

Durch diese doppelte Auflösung vorher so gefestigt scheinender Strukturen gewinnt das Buch. Zudem darf auch Leylas Vater hier seine Geschichte dann zu Gehör bringen, die symptomatisch für so viele andere Schicksale steht. Wir im Westen, die wir von all den Meldungen rund um den syrischen Bürgerkrieg schon abgestumpft sind, bekommen hier die Brisanz und die Auswirkungen jenes Kriegs ganz unverhüllt geschildert. Die Sommer macht klar, was dieser Krieg bedeutet und welche Schicksale damit verknüpft sind. Besonders das radikale Ende, das zwar nicht ganz unvorhersehbar kommt, aber trotzdem überrascht, ist für mich neben der Geschichte des Vaters einer der wichtigsten Punkte, die der Roman auf der Haben-Seite verbuchen kann.

Das überzeugte mich mehr als all die Schilderungen und Beschreibungen im ersten Teil. Ein Stück weit versöhnte es mich sogar mit der in meinen Augen schwächeren ersten Hälfte des Buchs. Hätte ich diese Geduld in der Lektüre nicht mitgebracht und mich unter Zeitdruck dazu verführen lassen, die Lektüre abzubrechen, wäre mir ein Buch entgangen, das sich zusehends bessert und an Form und Relevanz gewinnt. Vollumfänglich überzeugte es mich nicht. Aber als Debüt, das relevantes zeitgeschichtliches Erzählen in den Mittelpunkt rückt, ist das doch sehr beachtenswert.

Weitere Meinungen zum Buch gibt es hier: Aufklappen hat sich des Buchs angenommen, genauso wie Carsten Otte. Auch die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit haben das Buch besprochen.


  • Ronya Othmann – Die Sommer
  • ISBN 978-3-446-26760-2 (Hanser)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €
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The time of my life

Tom Barbash – Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens

Wenn man zurückschaut, dann neigt man ja dazu, alles zu verklären. Insbesondere im Blick auf die USA hat man das Gefühl, dass früher doch alles noch ein bisschen besser war. Es gab die bessere Musik, von einem narzisstischen Populisten im Weißen Haus ahnte man noch nichts und auch die Risse in der Gesellschaft waren noch nicht so ausgeprägt. Tom Barbash hat einen Roman geschrieben, der in diese „gute, alte“ Zeit zurückversetzt. Und dem es gelingt, nostalgisch zu sein, ohne zu romantisieren. Und der John Lennon noch einmal auferstehen lässt. Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens.


Eine solche Berühmtheit hätten wohl viele Menschen gerne zum Nachbarn gehabt – für Anton Winter ist es Realität. John Lennon heißt der berühmte Nachbar. Er wohnt mit Yoko Ono und seinem Sohn Sean unter einem Dach mit der Familie Winter. Beide Familien sind nämlich Mieter im legendären Dakota Building in New York, einem Appartementhaus der Upper Class.

Nach dem Ende der Beatles hat sich Lennon in das Haus zurückgezogen und will dort seine Ruhe genießen. Auch Anton Vaters Buddy sehnt sich nach Ruhe. Denn als berühmter Talkmaster ist ihm seine Show und sein Dasein irgendwann über den Kopf gewachsen. Und so verschwand er vor einigen Jahren während einer seiner Talkshows von der offenen Bühne. Seither reiste er umher und suchte sich selbst.

Auch Anton selbst war irgendwann mit dem Status Quo als Sohn und Zuarbeiter des berühmten Buddy Winter unzufrieden. Und so begab er sich nach Afrika, wo er als Mitglied des Peace Corps Aufbauhilfe leistete. Doch eine lebensbedrohliche Malaria-Erkrankung zwang ihn zurück nach New York in die Arme seiner Familie. Und so treffen nun diese drei Männer unterschiedlichen Alters im Dakota Building aufeinander. Sie alle kämpfen mit ihren eigenen Problemen und laborieren an ihrem momentanen Dasein.

Die Suche nach Erfolg

Buddy Winter möchte eigentlich wieder an die goldenen Talkshow-Zeiten anknüpfen, zugleich ist er höchst unsicher, ob er dem Druck des Fernsehens noch genügt. Mit dem Ich-Erzähler Anton hat er allerdings Unterstützung an seiner Seite. Und wäre der Nachbar John Lennon nicht der ideale Talkshowgast für ein Comeback – oder warum nicht gleich eine triumphale Reunion der Beatles? Die Pläne der Winters im Sommer 1980 sind wahrlich groß, nicht zuletzt, da auch die finanziellen Ressourcen der Familie zusehends schmelzen.

Tom Barbash - Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens (Cover)

Allerdings hält das Buddy und seine Familie nicht vom Feiern ab. Eine Party reiht sich an die nächste, Berühmtheiten geben sich die Klinke in die Hand, Antons Mutter macht Werbung für die Kampagne Ted Kennedys. Man besucht die Olympischen Spiele in Lake Placid. Anton unternimmt sogar einen Segeltörn mit John Lennon. Über allem schwebt aber die Frage – kann Buddy noch einmal an seine alten Erfolge anknüpfen?

Es ist bemerkenswert, wie es Tom Barbash gelingt, die Welt der Jahre 1979/80 auferstehen zu lassen. Die Welt der Hauspartys, Segeltrips und Wahlkämpfe fängt er atmosphärisch dicht und für mich als Nachgeborenen durchaus glaubhaft ein. Seine Reanimation von John Lennon in diesem hell-nostalgischen Roman ist ebenfalls mehr als gelungen. Auch als Hommage an die Beatles und Lennon funktioniert dieser Roman ausgezeichnet.

Nostalgie ohne Verklärung

Seine wahre Klasse aber besteht nun darin, dass dieser Roman nicht in die Kitsch- und Verklärungsfalle tappt. Denn Barbashs New York ist eben nicht nur eine sonnendurchflutete Partymetropole, in der jeder jeden kennt. Morde und Gewalt (auch gegenüber Kindern) sind eben auch hier an der Tagesordnung. Mit der aufziehenden Bewerbung Ronald Reagans für das Amt des Präsidenten zeigt sich, dass Lügen, Fake-News und Unsinn verbreitende Präsidentendarsteller nicht nur ein Menetekel unserer Tage sind. Dieser Roman beherrscht das Kunststück der Nostalgie ohne Verklärung. Geradezu bittersüß wirkt das Buch, wenn Barbash einen John Lennon in voller Schöpferkraft zeigt, der von seiner Hamburger Zeit mit den Beatles erzählt oder ein Schiff über das Meer steuert. Einen John Lennon, der am Ende des Buchs – die Historie verrät es – vor den Türen des Dakota Buildings erschossen werden wird.

Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens ist auch ein Buch, das sich mit dem Thema der Depression auseinandersetzt. Wie umgehen mit Druck und Erwartungen, die von außen an einen herangetragen werden? Und warum nicht einfach mal aus den gewohnten Mustern ausbrechen? Das Werk von Tom Barbash ist den Grundzügen ein leichter Roman. Aber die Qualität des Buchs besteht eben auch darin, in dieser Leichtigkeit genug Ebenen mit tiefergehenden und durchaus bewegenden Themen eingebunden sind. Die Emanzipation von den eigenen Eltern etwa und die Kunst, ein eigenes Leben zu führen sind integraler Bestandteil seiner Erzählung.

Man könnte Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens auch auf folgenden Nenner bringen: Nostalgie ohne Kitsch, Romantik ohne Verklärung. Das kennzeichnet dieses Buch, das ich hiermit nachdrücklich empfehle, wenngleich es eine etwas rundere Übersetzung vertragen hätte.

Nicht nur eingedenk des 80. Geburtstags, den Lennon vor wenigen Tagen hätte feiern können. Eine schöne Hommage!


  • Tom Barbash – Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens
  • Aus dem Englischen von Michael Schickenberg
  • ISBN: 978-3-462-05311-1 (Kiepenheuer-Witsch)
  • 352 Seiten: Preis: 22,00 €
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Sommer-Lektüretipps

Schon wieder August und keine Ahnung, was ihr lesen sollt? Ich bin hier ein paar meiner letzten Lektüren durchgegangen und empfehle euch diese Titel für den Sommer. Die Klicks auf die Cover führen zu weitergehenden Informationen. Viel Spaß!

Für Klassikerfans

Charlotte Bronte – Jane Eyre

Charlotte Bronte - Jane Eyre (Cover)

Durch Zufall gelangte ich beim Stöbern in der Schnäppchen-Ecke einer lokalen Augsburger Buchhandlung an diesen britischen Klassiker: Jane Eyre von Charlotte Brontë. Ein echter Klassiker der englischen Literatur – und das völlig zurecht, wie ich nach der Lektüre meine. Diese von der Ich-Erzählerin Jane Eyre geschilderte Geschichte hat auch über 170 Jahre nach ihrem Erscheinen nichts von ihrer Wucht eingebüßt. Die Geschichte einer starken Frau, ein Schauermärchen, ein Bildungsroman – und hier in einer tollen Neuübersetzung von Andrea Ott (wieder) zu entdecken. Ein schönes Buch und mit einer Lauflänge von knapp 600 Seiten wie gemacht für Schmökerstunden am Strand.

Für hitzige Gemüter

Victor Jestin – Hitze

Victor Jestin - Hitze (Cover)

Wer es nicht ganz so umfangreich mag, für den wäre vielleicht Victor Jestins Buch einen Blick wert. In Hitze schildert er eine Geschichte von großer Wucht. Léonard verbringt mit seiner Familie die Ferien auf einem Campinggelände am Meer. Die Teenager feiern, es gibt Alkohol und Karaoke. Doch Léonard fühlt sich nicht wohl. Als er nachts dem unfreiwilligen Suizid eines Freundes beiwohnt und beschließt, ihm nicht zu helfen, sondern die Leiche zu vergraben, setzt er Dinge in Bewegung, an denen er besser nicht gerührt hätte. Das sinnentleerte Dasein eines Campingurlaubs, die Teenagerzeit, Hormone, Knutschen und eine Stimmung, die wie eine schwüle Hitze über dem ganzen kurzen Büchlein steht. Ein Debüt mit Wucht, ein Sommer-Pageturner der abgründigen Sorte (übersetzt von Sina de Malafosse).

Für Beziehungsmenschen

Nick Hornby

Nick Hornby - Niemand hat gesagt, dass du ausziehen sollst (Cover)

Kann man einen Menschen lieben, der für den Brexit gestimmt hat? Diese und andere Fragen verhandelt der Brite Nick Hornby in seinem Buch Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. Der Titel passt leider nicht halb so gut wie das Original: The state of the union. Denn genau darum gehts. Die zwei Hälften des einst vereinten Paars treffen sich zu zehn Pubbesuchen. Der Anlass hierfür: sie warten im Pub auf ihren Termin bei einer Paartherapeutin. In den Dialogen vor der Therapie entfaltet sich langsam eine Ehe in zehn Gesprächen. Diese zeugen von der Zerissenheit jener Ehe, ihrer Widersprüche, Verbindungen und nicht zuletzt auch von der Zerissenheit eines ganzen Landes. Ein schnelles, drehbuchartiges Buch, in dem sich jeder und jede wiederfindet, die schon einmal eine Beziehung geführt hat. An Hornbys frühere Bücher reicht das nicht heran, dennoch ein schneller Lesespaß für eine Zugreise oder einen Nachmittag am Strand.

Für Abenteuerlustige

Kenneth Bonert – Der Anfang einer Zukunft

Kenneth Bonert - Der Anfang einer Zukunft (Cover)

Mit Der Löwensucher hatte Kenneth Bonert in Deutschland seinen Durchbruch. Ganz so dick wie die Familiensaga mit ihren 800 Seiten ist Der Anfang einer Zukunft nun nicht. Aber der über 600 Seiten dicke Roman spielt erneut in Südafrika, dem Wohnort Bonerts. Darin erzählt er aus Sicht des 16-jährigen Martin Helger. Dieser wird in Gestalt der Amerikanerin Annie mitten hinein in den Freiheitskampf um Nelson Mandela und den ANC gezogen. Denn wir befinden uns an der Schwelle der 80er zu den 90er Jahren und die Stimmung im Land brodelt. Die Gefährlichkeit der Situation bekommt auch Martin eindrucksvoll am eigenen Leib zu spüren. Denn jemand hat noch eine Rechnung mit Martins Familie offen. Das ist überraschend erzählend, mitreißend und einfach unterhaltsam. Die Übersetzung dieses facettenreichen Schmökers besorgte Stefanie Schäfer.

Für alle Literaturgourmets

Graham Swift – Da sind wir

Graham Swift - Da sind wir (Cover)

Wenn es um gehobene Lektüre mit Anspruch geht, dann ist Graham Swift eine sichere Bank. Egal ob Wasserland oder Ein Festtag, der Brite hat in noch jedem Buch abgeliefert, das ich bislang las. Nun also Da sind wir. Darin erzählt er von zwei Freunden. Der eine Conférencie. Der andere Zauberer. Gemeinschaftlich steigen sie im englischen Seebad Brighton in den 50ern zu wahren Stars auf und sind echte Publikumsmagneten. Doch das Gefüge der beiden gerät ins Wanken, als die Assistentin des Zauberes zu den beiden stößt. Das Gleichgewicht zwischen den Freunden ist merklich erschüttert. Und dann verschärft sich die Krisis. Und der Zauberer verschwindet plötzlich von der Bühne. Ein verknapptes, reduziertes Werk Graham Swifts, das seine Kunst zu erzählen anschaulich illustriert. Übersetzt von Susanne Höbel.

Für Krimifans

William Boyle – Einsame Zeugin

William Boyle - Einsame Zeugin (Cover)

Der kleine Polar-Verlag versammelt ja einige Perlen in seinem literarischen Krimiprogramm, die bei Mainstream-Verlagen wohl untergehen würden. William Boyle ist solch ein Fall. Er schreibt über Menschen der unteren Mittelschicht und die kleinen Gangster, die man hier so findet. Er siedelt seine Geschichten gerne um das New Yorker Stadtviertel Gravesend herum an. Dort spielt auch Eine wahre Freundin. Darin erzählt er von Amy Falconetti, die für die örtliche Kirche die Kommunion zu Alten und Kranken bringt. Ein wenig spektakuläres Leben, das sich durch eine wenig durchdachte Reaktion Amys schlagartig ändert. Als ein junger Mann erstochen wird, nimmt sie die Tatwaffe an sich und erpresst nun den Mörder. Damit entspinnen sich Dynamiken, die sich Amy vorher sicherlich nicht ausgemalt hat. Ein schwarzhumoriger, schneller und milieusicherer Krimi von William Boyle, der von Andrea Stumpf übersetzt wurde.

Für Naturkundige und solche, die es werden wollen

Jutta Person – Esel (Reihe Naturkunden)

Jutta Person - Esel (Cover)

Was macht den Esel zu einem in Fabeln so beliebten Tier? Woher stammt er, welche Sorten gibt es und was will der Esel? Das versucht Jutta Person in ihrem Band Esel aus der Reihe Naturkunden zu ergründen. Wer die Reihe kennt, der weiß was einen erwartet. Ein toll gestaltetes Buch mit farbig illustrierten Karten, guter Schriftsatz und eine wirklich haptische Freude, gehalten im stilvollen Eselgrau. In dieses Buch macht man gerne ein Eselsohr. Und woher der Begriff rührt, das weiß man nach der Lektüre von Jutta Persons Buch dann auch. In diesem Sinne tolle Lektüre für die Ferien, aus der man auch etwas mitnimmt.

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Drei Kurze (Kritiken)

Schon länger gab es in dieser Kategorie keinen neuen Beitrag mehr. Nun also Nachschub mit drei Büchern, die mich in völlig unterschiedliche Regionen der Welt führten. Durch den Klick auf die Cover gelangt man wie immer zur den Verlagspräsenzen der Bücher.

Chigozie Obioma – Das Weinen der Vögel

Chigozie Obioma - Das Weinen der Vögel (Cover)

Einen ganz besonderen Erzähler präsentiert der Nigerianer Chigozie Obioma in seinem Roman Das Weinen der Vögel. Hier erzählt kein Mensch, sondern ein Schutzgeist, ein Chi. Dieser hält vor dem Gericht der Geister sein Plädoyer für die Unschuld seines Klienten. Denn dieser hat schwere Schuld auf sich geladen, wie wir schon zu Beginn des Romans erfahren. Allmählich erzählt der redegewandte Schutzgeist die Lebengeschichte des nigerianischen Hühnerzüchters Chinonso. Einst in Liebe zu einer gesellschaftlich höherstehenden Frau entbrannt, setzte diese Liebe eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang.

Der Wunsch nach Bildung und sozialem Aufstieg trieb Chinsonso um, der seiner Angebeteten auf Augenhöhe begegnen wollte. Sozial ausgegrenzt warf er sein gesamtes Vermögen in die Wagschale, um auf Zypern zu studieren. Doch ohne zu viel vorweg nehmen zu wollen – sein Streben nach sozialem Aufstieg nahm kein gutes Ende. Und so sind wir dabei, wie der Chi sein Plädoyer hält, eng verwurzelt in der mündlichen Erzähltradition Nigerias und der Theologie der Igbu.

Ein Buch, das durch seine außergewöhnliche Erzählinstanz besticht und das von einem Schicksal erzählt, das exemplarisch für viele andere steht. Erzählkunst, die für den Booker Prize 2019 nominiert und jüngst mit dem Internationalen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet wurde (übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Agnete Friis – Der Sommer mit Ellen

Alles andere als ein typischer Sommerroman ist das Buch Der Sommer mit Ellen von Agnete Friis. 2018 als bester dänischer Roman des Jahres nominiert kann man das spannende Buch nun in der deutschen Übersetzung von Thorsten Alms entdecken.

Sommer in der Provinz von Jütland 2018. Da entstehen Bilder in Kopf, von wogendem Weizen, Fahrradfahrten durch die heißen Nachmittage zum nächsten See. Wache Nächte, strahlender Himmel und Tage, die nie zu enden scheinen. Eben ganz so, wie es das Cover dieses Romans suggeriert. Aber dem ist hier mitnichten so. Vielmehr gleicht dieser Sommer, den Agnete Friis in ihrem Roman schildert, der drückenden Schwüle kurz vor einem Gewitter. Vor vierzig Jahren verlebte Jakob Errbo einen Sommer in der jütländischen Provinz, der ein prägender werden sollte. Er lernte Ellen kennen, die zunächst in einer benachbarten Kommune und dann auf dem Bauernhof seiner Familie lebte. Die Schwester seines Freundes verschwand. Ein Mord ereignete sich. Und nun ist Jakob auf Bitten seiner Onkel vierzig Jahre später zurück auf dem Hof. Die Onkel wollen wissen – was mit Ellen passiert ist. Und Jakob macht sich auf die Suche nach der Wahrheit, die Jahrzehnte verborgen blieb.

Düster, dräuend, hypnotisch, machmal etwas zu gewollt, aber insgesamt wirklich gekonnt. Agnete Friis liefert in Der Sommer mit Ellen einen Anti-Sommerroman ab, der die Brüchigkeit der eigenen Erinnerung thematisiert.

Sasha Filipenko – Rote Kreuze

Diogenes wagt den Blick nach Osten. Nachdem früher die russischsprachige Belletristik fester Bestandteil des Verlags war, geriet sie in letzter Zeit etwas aus dem Fokus. Nun hat man mit Sasha Filipenko wieder einen jungen weißrussischen Autor unter Vertrag genommen. Dieser erzählt in Rote Kreuze zwei sich – kreuzende – Lebensgeschichten (übersetzt von Ruth Altenhofer).

Da ist zum Einen die des jungen Vaters Alexander, der eine Wohnung in einem weitestgehend leerstehenden Haus bezieht. Nachdem im Treppenhaus und an anderen Stellen rote Kreuze auftauchen, macht Alexander zum Anderen die Bekanntschaft mit der Frau, die für die Kreuze verantwortlich ist. Es handelt sich um Tatjana Alexejewna. Die Erinnerungen der hochbetagten Dame drohen dem Vergessen anheim zu fallen. Die Demenz greift um sich – und so erzählt dem zunächst noch recht widerwilligen Alexander ihre Lebensgeschichte. Und diese ist nicht anders als spektakulär zu nennen. Schließlich hat Tatjana einen Großteil des vergangenen Jahrhunderts erlebt.

Leider ist diese Fülle an Erlebtem auch ein Problem dieses Textes. Denn um sich sorgfältig diesem Jahrhundertleben mit all seinen Bildern und Schrecken zu widmen, ist mehr als nur eine oberflächliche Erzählung über gerade einmal 288 Seiten notwendig. Alle Wegmarken ihres Lebens touchiert Filipenko nur, ohne ihnen den gebührenden Raum zum Wirken zu geben. So bleibt am Ende leider ein etwas gehetztes und eben auch – oberflächliches – Buch, von dem ich mir mehr Tiefe gewünscht hätte. Gewiss, keine schlechte Lektüre – aber eben auch kein Buch, das mir länger im Gedächtnis bleiben wird.

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Chances are …?

Richard Russo – Jenseits der Erwartungen

Was macht eigentlich eine gute Sommerlektüre aus? Die meisten Menschen würden eine Sommerlektüre wohl mit dem Großteil der Spiegel-Bestsellerliste gleichsetzen. Konfektionell geformte Bestsellerware, die sich auch nebenbei am Strand gut wegschmökern lässt. Irgendetwas von Lucinda Riley oder Sebastian Fitzek oder ein „süffiger“ Historienschinken. Hauptsache man kann zwischendurch mal einschlafen oder in den Pool hüpfen und weiß danach gleich wieder, wo man zuletzt war.

Meinen Wunsch nach Anspruch möchte ich aber auch im Sommer und/oder am Strand nicht aufgeben. Ich wünsche mir eine Sommerlektüre, die fesselt, dabei aber auch den Anspruch nicht vergisst und mich zu keinem Zeitpunk unterfordert. Gut lesbar sollte das Ganze natürlich sein, aber eben auch eine tiefergehende Ebene besitzen. Klingt nach einer schwierigen Buchfindung? Mitnichten!

Eine solche Sommerlektüre habe ich aktuell wieder gefunden. Sie stammt vom Pulitzerpreisträger Richard Russo, wurde von Monika Köpfer übersetzt und trägt den Titel Jenseits der Erwartungen. Ein schön melancholischer Titel, der allerdings am englischen Original etwas vorbeigeht. Denn eigentlich trägt das Buch den Titel Chances are … und rekurriert auf einen Song von Johnny Mathis aus dem Jahr 1958. Ein etwas schmalziger Song, den Russo aber geschickt zum Leitmotiv des Romans macht.

Denn Chancen und verpasste Chancen sind das Thema, um das Russos leichtfüßiger aber doch auch melancholischer Roman kreist. Im Mittelpunkt stehen dabei die drei „Musketiere“ Lincoln, Teddy und Mickey. Schon seit Studienzeiten kennen und mögen sie sich. Der kurz bevorstehende Vietnamkrieg und seine Einberufungslotterie hat die Männer damals zusammengebracht. Die Chancen, die ihnen das Leben seither bot, haben sie ganz unterschiedlich genutzt.

Mickey tourte und tourt noch immer als Musiker und Musikproduzent durch die Lande. Teddy verdient sein Geld als Kleinverleger und Lektor in Personalunion , der sich auf christliche Bücher spezialisiert hat. Und Lincoln ist Immobilienmakler geworden. Er besitzt selbst ein Ferienhaus in Chilmark auf der Promi-Insel Martha’s Vineyard. Dort treffen die drei Männer im Alter von 66 Jahren nun wieder aufeinander. Die Amtszeit von Präsident (und ebenfalls Martha’s Vineyard-Urlauber) Barack Obama steht bevor, die Vorwahlen sind in vollem Gange.

Was geschah mit Jacy?

Seit den Studientagen ist bei den drei Männern viel passiert. Alle müssen einsehen, dass ihre Sturm-und-Drang-Phase wohl endgültig vorüber ist, wenngleich einige von ihnen das noch gekonnt verdrängen. Ein anderes Ereignis haben die Männer aber auch so gut es geht verdrängt. Schon einmal verbrachten sie nämlich einen Urlaub in Chilmark, kurz bevor die Einberufungsbefehle für Vietnam ausgesendet wurden. Damals war die Jacy ihr Gast. Die junge Frau hatte allen drei Männern gehörig den Kopf verdreht, doch dabei war sie eigentlich verlobt.

Richard Russo - Jenseits der Erwartungen (Cover)

Doch Jacy verschwand nach dem Urlaub auf Martha’s Vineyard spurlos. Die drei Freunde, allen voran Lincoln, rechnen bis heute mit dem Schlimmsten. Deutlich in seiner zweiten Lebenshälfte stehend und mittlerweile vom Leben einigermaßen resigniert beschließt Lincoln nun, dass es an der Zeit ist. Er will den bis heute schmerzenden Stachel des Nicht-Wissens nun ausmerzen. Was ist wirklich mit Jacy passiert? Er beginnt mit seinen Nachforschungen, die ihm auch neue und überraschende Seiten an seinen Freunden offenbaren, die er doch schon so lange zu kennen glaubt.

Liest man meinen Abriss bis hierhin, könnte man mit einem Krimi im Stile eines Joel Dickers rechnen. Ein ermittelnder Charakter, verborgene Geheimnisse hinter glattpolierten amerikanischen Vorstadt-Fassaden, ein ungewisses Schicksal. Doch das trifft nur teilweise zu. Jenseits der Erwartungen besitzt einen untergründigen Sog, der aus der Frage von Jacys Schicksal resultiert. Doch darüber hinaus bietet Russos Buch viel mehr.

Was vom Leben bleibt

Jenseits der Erwartungen ist eine Meditation, was das Leben mit einem so anstellt, nachdem es einem sein Blatt zugeteilt hat. Was stellt man mit den Chancen an, die sich einem im Leben bieten? Wie nutzt man sein Schicksal und wird glücklich? Mit den drei im Mittelpunkt des Buchs stehenden Protagonisten Lincoln, Mickey und Teddy exerziert Richard Russo das durch. Alle drei gleich alt, alle ähnlich sozialisiert – doch dann drei völlig unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen. Während Mickey noch immer den wilden Rocker mit Motorrad und unstetem Lebenswandel gibt, ist Teddy das genaue Gegenteil. Ein unsicherer, von Anfällen geplagter Textarbeiter, der keine großen Sprünge machen kann. Oder Lincoln mit seiner Familie und dem vermeintlichen Glück, das sich für ihn nicht wirklich so darstellt.

Richard Russo ist ja einer der größten Menschenzeichner, die ich im aktuellen Literaturbetrieb so kenne. Wie ein begnadeter Steinmetz verleiht er seinen Figuren Ecken und Kanten, Macken und Schrullen, und gestaltet sie so unglaublich plastisch. Was ihm in Ein Mann der Tat herausragend gut gelang, das schafft er auch in Jenseits der Erwartungen wieder. Er erzeugt Figuren, mit denen ich mich sofort identifizieren konnte und die mir verständlicher waren, als fast alles, was es sonst in der amerikanischen Literatur so zu lesen gibt. Wie es Russo schafft, alles mit diesem schwebenden heiter-resignativ-sommerlichen Grundton zu grundieren, das ist große Schriftstellerkunst.

Was bleibt vom Leben? Welche Chancen wurden vertan? Im Zusammentreffen der drei Männer gelingt es Russo, verschiedene Szenarien durchzuspielen und so ein einen vielgestaltigen Fächer von den Leser*innen auszubreiten. Gerade auf den letzten Seiten bekommt das Buch auch eine philosophische Tiefe, indem er abermals um die Frage kreist Chances are …?.

Dadurch, dass er immer wieder die Perspektiven abwechselt und andere Blickwinkel einnimmt, entstand bei mir zu keinem Zeitpunkt Langeweile, im Gegenteil. Ich flog durch diese so geschmeidig erzählten Seiten stets mit der Frage im Hinterkopf, was denn jetzt eigentlich mit Jacy passiert ist. Hier schreibt ein souveräner Erzähler, dem genau das gelingt, was ich immer für meine Strandtasche oder den Rucksack für den Baggersee suche: beste sommerliche Lektüre mit Anspruch.


  • Richard Russo – Jenseits der Erwartungen
  • Aus dem Englischen von Monika Köpfer
  • ISBN: 978-3-8321-8115-4 (DuMont-Verlag)
  • Preis: 22,00 €, 432 Seiten
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