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Marina Schwabe – Rift

Ich war noch niemals in New York – Janko und Zuzanna auch nicht. Im Gegensatz zu mir wollen die Geschwister das aber unbedingt ändern und machen sich in Marina Schwabes Debüt Rift gemeinsam auf den Weg, um von dort aus einen Roadtrip durch die USA zu unternehmen.
Was sich auf den ersten Blick nach Unbeschwertheit im Land der unbegrenzten Möglichkeit anfühlt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn Janko hat nicht mehr lange zu leben, aber den großen Wunsch, einmal in seinem so endlichen Leben den Pazifik zu sehen. Und so machen sich die Geschwister mit beschränkten Mitteln auf den Weg, damit er wenigstens einmal in seinem kurzen Leben des Meeres ansichtig wird.


Mit fünfzehn Dollar Tagesbudget einmal quer durch die USA? Der Plan der Geschwister Zuzanna und Janko klingt herausfordernd. Aber von den Wagnissen des Alltags lassen sich die beiden jungen Menschen nicht abhalten und fliegen nach New York, um dort ihren Roadtrip zu beginnen, der sie einmal wie einst die Pioniere einmal von Ost nach West durch das Land führen wird.

Da man mit 15 Dollar gerade in den Zeiten der Inflation in einer Großstadt wie New York nicht weit kommt, verlegen sich die Geschwister auf radikale Sparmaßnahmen. So haben sie schon im Vorfeld eine Liste mit günstigen Hostels erstellt. Als sich diese gleich zu Beginn des Roadtrips als wenig praxistauglich erweist, verlegen sich Zuzanna und Janko auf das Prinzip Couchsurfing.

Immer wieder werden sie im Laufe ihres Trips bei fremden Menschen unterkommen, um kurzzeitig mit diesen unter einem Dach zu leben, wie sie es erstmals in New York erproben.

Den Pazifik sehen und sterben

Marina Schwabe - Rift (Cover)

Während der schwerkranke Janko viel Ruhe braucht, durchstreift seine Schwester New York, wandert durch die Straßen Manhattans oder das Metropolitan Museum of Modern Art. Zwar unternimmt man auch gemeinsam Dinge wie die Fahrt mit einer Fähre, die immer schwächer werdende Konstitution lässt sich aber nicht verleugnen, und so ist der Roadtrip der beiden zugleich von einem Gefühl der Dringlichkeit wie auch einem der Entschleunigung gekennzeichnet.

Über Upstate New York, Illinois, Wyoming und Idaho geht es immer weiter für die beiden auf ihrem Roadtrip Richtung Ostküste, bei dem es das Schicksal trotz aller Unbarmherzigkeit auch gut mit ihnen meint. Mal treffen sie eine Familie, die ihnen ein Auto für die Reise überlässt, mal fördert eine ungeplante Übernachtung in einem Motel einen überraschenden Fund zutage, der sie einiger Sorgen auf der Reise enthebt.

Immer weiter geht es für die beiden voran auf ihrer Reise, bei der sie eine USA fernab von Hochglanzbildern, Politikjournalismus und Reportagestrecken erleben. So besuchen die beiden in Utah die Salzseen, um dort das von Robert Smithson erschaffene Kunstwerk Spiral Jetty zu sehen, eine mittlerweile begehbare Spirale, die der Künstler in den Salzseen dort geschaffen hat.

Zwischen Salzseen und Vulkanen

Im Bundestaat Washington entscheiden sich Zuzanna und Janko, mit einem Guide eine Wanderung auf die Aschefelder des Mount St. Helens zu unternehmen. Entstanden ist der Vulkan durch die Tektonik zweier aufeinanderstoßender Erdplatten, die sich immer weiter aufeinander zuschieben und so eine ganze Kette von Bergen geschaffen haben, bei denen der Mount St. Helens das wohl explosivste Ergebnis dieses Aufpralls ist.

Damit stellt der Vulkan das genaue Gegenteil zu einem Rift dar, der Marina Schwabes Buch den Titel gibt. In der Geologie bezeichnet ein Rift das tektonische Auseinanderklaffen zweier Platten, durch das Risse entstehen.

Während die Geschwister nun den beschwerlichen Weg auf den Vulkan antreten, werden auch die Risse zwischen ihnen deutlicher. Jankos Konstitution verschlechtert sich zusehends, der Abschied von ihrem Bruder rückt ebenso wie das Ende ihrer Reise immer näher – und auch die Natur zeigt sich ambivalent.
In die Schönheit der Weite des Landes mischt sich auch hier das Wissen um die Brüchigkeit der Idylle. Der Salzsee in Utah trocknet weiter aus, Waldbrände in Kalifornien verunmöglichen den Gang vor die Haustür. Die Zeichen mehren sich, dass Mensch und Natur endlich sind.

Das arbeitet die 187 in Berlin geborene Autorin in ihrem Buch deutlich heraus, indem sie ganz eng bei der Ich-Erzählerin Zuzanna und Janko bleibt. Die Frage der medizinischen Betreuung oder eines weiteren Umfelds um die beiden Geschwister wird im Roman so gut wie ausgeklammert, stattdessen liegt ihr Hauptaugenmerkt auf dem Roadtrip mit seinen sozialen Dynamiken zwischen Nähe und Distanz, Verbindung und Rift.

Damit erinnert Rift auch etwas an Richard Fords Roman Valentinstag, in dem dieser seinen Helden Frank Bascombe auf einen Roadtrip mit seinem schwerkranken Sohn in einem Camper schickte, der diese im Gegensatz zu Schwabes Geschwistern aber zum Mount Rushmore führte.

Fazit

Deutlich weniger dialoglastig und anspielungsreich als Ford konzentriert sich Marina Schwabe auf den nahenden Abschied und den genauen Blick der Geschwister aufeinander.

Ihr gelingt mit Rift ein berührender Roadtrip, der von Abschied und der Brüchigkeit unserer Existenz erzählt – und der auf abgenutzte USA-Klischees verzichtet und stattdessen ganz eng bei ihren Geschwistern bleibt, deren Lebenswege auch von einem Rift gekennzeichnet sein wird.


  • Marina Schwabe – Rift
  • ISBN 978-3-96999-492-4 (Steidl)
  • 160 Seiten. Preis: 24,00 €

Maggie Stiefvater – Grand Hotel Avalon

Ein Luxushotel in Appalachen, Ströme von Süßwasser und dazu noch drei Dackel, die der Hoteldirektorin auf Schritt und Tritt folgen. Maggie Stiefvater kreuzt in ihrem Roman Grand Hotel Avalon einen Hotelroman mit Zeitgeschichte und Mysteryelementen. Das Ergebnis? Überzeugt leider nicht vollumfänglich.


Wenn man einen Ort für Luxus sucht, dann ist das Grand Hotel Avalon und Spa sicherlich ein Ort, den man dafür in Betracht ziehen sollte. Denn in dem von Maggie Stiefvater erfundenen Hotel in den Bergen der Appalachen fehlt es sich an nichts. Drei Bibliotheken, eine große Küche, die für die Wünsche der Kunden da ist, dazu vier Badehäuser, genannt Avalon I bis Avalon IV, ein ganzes Heer an Zimmermädchen, Aufzugspersonal und dergleichen mehr, nebst Luxussuiten im Haus und Cottages auf dem Gelände. Als Hotelgast ist man hier wirklich König oder Königin.

Doch selbst eine solch abgelegene Gegend wie die der Appalachen bleibt nicht von den großen Zeitläufen verschont. Das muss die Hoteldirektorin June Hudson feststellen, als die Vorbereitungen zum jährlichen Ball rüde unterbrochen werden. Statt sich weiter den Abstimmungen mit Musik und Service und den an den Lüster des Ballsaals applizierten Gedichte Robert Burns widmen zu können, stehen plötzlich FBI-Beamte vor dem Portal des Hotels, die verfügen, dass normalen Gäste auf Geheiß der Regierung das Avalon sofort verlassen müssen.

Besonderer Besuch im Grand Hotel Avalon

Maggie Stiefvater - Grand Hotel Avalon (Cover)

Anstelle der üblichen Besucher*innen steht dem Hotel nun besonderer Besuch ins Haus. Dreihundert Diplomaten und deren Angehörige sollen im Grand Hotel Avalon einquartiert werden, darunter Japaner, Italiener und Deutsche. Wir schreiben nämlich das Jahr 1942 und der Weltkrieg ist nun in vollem Gange, nachdem Japan kurz zuvor die US-amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor angegriffen hatte.

An June und ihrem Team ist es nun, die verfeindeten Nationen unter dem Hoteldach zu beherbergen, während die FBI-Agenten von den Internierten Kenntnisse über bevorstehende Angriffe und militärische Winkelzüge ihrer Nationen zu erlangen versuchen. Mit viel Disziplin versucht June vor allem in Form ihres Alter Ego „Hoss“ die Hotelmannschaft auf Linie zu bringen und persönlich für das Wohl des Hauses zu sorgen.

Dieses Wohl, so zeigt es uns Maggie Stiefvater, hängt dabei nicht nur mit der Personalführung zusammen. Auch das Süßwasser, das unter dem Hotel hindurchströmt und in Form von Brunnen der Bäder überall im Hotelkomplex anzutreffen ist, spielt eine entscheidende Rolle und sorgt für die ganz besondere Atmosphäre, die das Grand Hotel Avalon kennzeichnet.

Maggie Stiefvaters literarischer Hintergrund

Neben der realistischen Schilderung des Hotels und seiner Gäste weist Grand Hotel Avalon auch eine hohe Mysterydichte auch. Das rätselhafte Wasser, auf das June einwirken kann, dazu noch Glasschnecken, die überall im Haus anzutreffen sind und die mit dem Wasser in Zusammenhang zu stehen scheinen, sie weisen eher in die Richtung eines Fantasyromans.

Das kommt nicht von ungefähr, denn bislang trat Maggie Stiefvater fast ausschließlich mit Fantasyromanen für jüngere Leserschichten in Erscheinungen.

Romane wie der Raben-Zyklus um magiebegabte „Ravenboys“ einer Privatschule oder die im Urban-Fantasy-Genre verhafteten Dreamer-Trilogie waren bislang die Domäne von Stiefvater, die nun die Fantasy-Elemente ihres Schreibens mit Zeitgeschichte kreuzt.

Das Ergebnis ist leider etwas halbgar. Denn obschon auf fast jeder Seite das Süßwasser rauscht und June durch die Gänge hastet, plätschert das Buch selbst vor sich hin, ohne auf einen erkennbaren Höhepunkt zuzusteuern.

Rätselhaftes Süßwasser

Die Gäste ziehen ein, das Hotelpersonal gibt sein Bestes, um die Nationen zu beherbergen, ein FBI-Agent ringt um Erkenntnis und June wird zwischen den verschiedenen Parteien aufgerieben, immer drei Dackel im Gefolge, die ihrer Herrin treulich folgen. Dazu kommt noch die Liebe mit ihren unberechenbaren Volten, die June ebenfalls reichlich beschäftigen wird.
Das ist ganz solide geschildert, verschenkt aber enorm viel erzählerisches Potenzial, das in der Grundanlage des Romans stecken würde.

Viele der Figuren bleiben reichlich blass und allzu schematisch gezeichnet. Das deutsche Fliegerass? Gutaussehend. Der Naziarzt mit Spritze? Geheimnisvoll. Einer der FBI-Agenten? Ein Frauenheld.

Über solche Zuschreibungen kommt Maggie Stiefvater in zu vielen Fällen nicht hinaus und belässt die verschiedenen Delegationen zu schemenhaft — dabei wäre das doch eigentlich der spannende Kern des Romans gewesen: das Mit- oder Gegeneinander verschiedener Nationen, die durch den Krieg zu Feinden wurden, nun aber auf engstem Raum irgendwie miteinander auskommen müssen, während die USA als Gastgeber des Ganzen in den Krieg eintreten.

Derlei Dynamiken erkundet der Roman leider fast überhaupt nicht und konzentriert sich auf Junes Hadern mit ihrer Loyalität zur Eignerfamilie des Hotels und ihrer Zerrissenheit zwischen zwei Männern, was mit zunehmender Lauflänge des Romans auch etwas redundant wirkt.

Fazit

Hier bleibt Grand Hotel Avalon leider deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Etwas weniger Süßwasser, mehr Interesse für die Figuren und ihre Interaktionen, das hätte Maggie Stiefvaters Roman deutlich spannender geraten lassen, als sich das Buch nun im Endeffekt präsentiert.


  • Maggie Stiefvater – Grand Hotel Avalon
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • ISBN 978-3-10-397566-6 (S. Fischer)
  • 432 Seiten. Preis: 25,00 €

Percival Everett – Dr. No

Fort Knox, dieser Name besitzt Klang – auch Dank der Verfilmung von Ian Flemings James Bond-Roman Goldfinger. Nach Auric Goldfinger ist es in Percival Everetts Roman Dr. No nun ein absurd reicher Tech-Milliardär, der auf den Spuren von Flemings Schurke wandeln will und sich dafür der Hilfe des Mathematikers Dr. Wala Kuti versichert. Denn dieser soll ihm beim Eindringen in die nationale Schatzkammer helfen, um das Objekt der Begierde zu stehlen: das Nichts.


Inmitten von Fort Knox, abgesichert mit Technik und Bewachern, lagern die nationalen Goldreserven der USA. Diese sind es aber weniger, die den Milliardär John Sill interessieren. Vielmehr will er ran an das große – Nichts:

Meine Expertise in nichts – nichts absolut nichts, sondern eindeutig nichts – führte dazu, dass ich mit einem oder vielmehr für einen gewissen John Milton Bradley Sill arbeitete, einen Selfmade-Milliardär mit einem einzigen Ziel, einem Ziel, das manchen faszinierend, den meisten verwirrend und schräg und allen idiotisch erscheinen mochte, sich aber zumindest leicht in Worte fassen ließ. John Milton Bradley Sill strebte danach, ein Bond-Schurke zu werden, und zwar ungeachtet der Fiktionalität von James Bond. Er formulierte es folgendermaßen: „Ich möchte ein Bond-Schurke sein.“ Ganz einfach

Percival Everett – Dr. No, S. 13

Und so möchte er wie einst Auric Goldfinger hinein ins Fort Knox, wobei ihm Wala Kintu als Mathematikprofessor helfen soll. Dessen Kollegin Eigen spannt Sill ebenfalls ein und beginnt auch noch gleich eine Affäre mit ihr. Jede Menge Bond-Reminszenzen gibt es, von der Schurkenkonferenz, auf der sich Sill eines Mitarbeiters per Haifischtank erledigt bis hin zu namentlichen Anspielungen, etwa beim Charakter Auric Takitall.

Der Milliardär und das Nichts

Gewürzt wird der durchgeknallte und alles andere als stringente Plot der Handlung mit vielen Bemerkungen und Einwürfen Wala Kintus, der als Erzähler auf dem Autismus-Spektrum wandelt und als mathematisch geschulter Denker zu umständlichen Ansichten wie Verhaltensweisen und Dialogen neigt. Dabei lässt er beständig Satzbrocken wie den folgenden fallen:

Die Lüge ist das arithmetische Axion, demzufolge x für jedes x auf der Welt gleich x ist. Nur der Glaube lässt dies als unwiderlegbare Wahrheit zu. Selbst wenn ich x als das Ding definiere, das zu einer bestimmten Position in der Zeit eine bestimmte Position im Raum einnimmt. Ich war mir ziemlich sicher, dass der Mann, der vor dem Gebäude, in dem sich mein Büro befindet, eine bestimmte Position im Raum einnahm, John Sill war, und deshalb sprach ich ihn als solchen an.

Percival Everett – Dr. No, S. 52

Geheimdienstler, verschwindende Städte, ein einbeiniger Hund namens Trigo, viel Chaos und Diskussionen, das macht Dr. No aus. Trotz dem mathematischen Sachverstand Wala Kitus ist ein logischer Fortgang der Geschichte nicht immer gegeben, stattdessen beobachtet Percival Everett mit großer Freude, wie Sill seinem Vorbild der Bond-Schurken nacheifert und damit alles in Chaos stürzt. Egal ob im superschnellen U-Boot auf Wettfahrt mit den Behörden oder im Schurkenquartier, das durch eine exzellente Buchauswahl glänzt. Irgendwo zwischen Gru und Ian Fleming oszilliert dieses Buch mit Mut zum Knallchargentum.

Rassismus als werkimmanentes Thema Percival Everetts

Percival Everett - Dr. No (Cover)

Auch umkreist Dr. No wieder, wie schon seine letzten Romane Die Bäume und James das Thema des Rassismus. Großartig etwa die Szene, als Kitu bei einer Polizeikontrolle in seinem Auto angehalten wird und keine Fahrerlaubnis vorweisen kann. Aufgrund der omnipotenten Verfügungsgewalt von Sill über sämtliche Sicherheitsbehörden ist das auch eigentlich kein Problem und Kitu drohen keine Konsequenzen.

Viel interessanter dabei ist aber der Rassismus des anhaltenden Polizeibeamten, der sich immer mehr herausschält. Je verzweifelter der Mann seine behördliche Ohnmacht feststellen muss, umso hilfloser werden seine Versuche, Wala Kitu doch noch festzuhalten, bis zuletzt der einzige und stärkste Grund für die gewollte Festnahme in seinem Sprechen offenbar wird: Wala Kitu ist schwarz und als solcher per se verdächtig.

Hier scheint Everetts Talent zu Komik und gleichzeitiger Gesellschaftsanalyse voll durch. Ingesamt aber ist Dr. No ein Buch, das mit seinem anstrengenden Erzähler und der immanenten Überdrehtheit herausfordert. Natürlich fängt Percival Everett die infolge der Autismus-Diagnose leicht verschobene Wirklichkeitswahrnehmung Wala Kitus bravourös ein und mit dem ins Absurde übersteigerten Techmilliardär auf Schurkenmission knüpft Dr. No auch an die Allmachtsfantasien der im Silicon Valley beheimateten Tech-Bro-Elite an.
Tatsächlich lädt das Buch in seiner ganzen Durchgeknalltheit wunderbar dazu ein, viele Interpretationen zu bemühen und eigene Lesarten anzustrengen. Die Literaturkritik wird dies wieder mit Vergnügen tun – aber dennoch bin ich deutlich weniger begeistert.

Fazit

Für mich ist dieses Buch wieder einmal etwas zu viel des Guten. Allmählich kristallisiert sich im Oeuvre Percival Everetts ein regelmäßiger Amplitudenschlag heraus. Auf ein grandioses Buch folgt immer wieder eine zu überdrehte Satire, die mich nicht überzeugen kann. Das war mit Die Bäume so, das auf das hervorragende Erschütterung folgte – und das ist jetzt mit Dr. No so, das zumindest hierzulande auf das völlig zurecht mit dem Pulitzer-Preis gekrönte Rassismusdrama James folgte (im Original erschien Dr. No bereits 2022, also vor James).

Insofern für mich eher ein No für diesen Tech-Milliardär und seinen mathematischen Adlatus.


  • Percival Everett – Dr. No
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
  • ISBN 978-3-446-28417-3 (Hanser)
  • 319 Seiten. Preis: 26,00 €

Bret Anthony Johnston – We burn daylight

Waterloo in Waco. Aus zwei jugendlichen Perspektiven wirft Bret Anthony Johnston in seinem Roman We burn daylight einen Blick auf die Geschehnisse rund um die waffenstarrende Sekte unter deren Führer Perry alias „Lamb“, die sich auf einer Ranch in Texas niedergelassen hatte. Johnston erzählt vom Frühjahr 1993, als man dort eigentlich nur den Sektenführer festnehmen wollte und sich in einem blutigen Desaster wiederfand.


Wenn die Waffenbegeisterung der US-Amerikaner*innen so etwas wie einen lokalen Schwerpunkt hat, dann wohl in Texas. Als einer der Staaten mit den laxesten Waffengesetzen ist es Menschen ab 21 JAhren dort seit vier Jahren wieder erlaubt, Waffen verdeckt oder offen am Körper zu tragen. Sind die USA mit der Begeisterung der Bürger für Schusswaffen eh schon weltweit führend, was den Waffenbesitz angeht (Monat für Monat werden über eine Million Schusswaffen verkauft und in dem fast in jedem zweiten Haushalt ist eine Feuerwaffe vorhanden), so konzentriert sich diese Waffenbegeisterung in Texas noch einmal besonders.

Dass dieses Phänomen keineswegs neu ist, das zeigt die Lektüre von Bret Anthony Johnstons Roman. Denn er erzählt in vier Teile aufgeteilt von den Geschehnissen, die im Januar 1993 in Texas ihren Ausgang nahmen und im März des Jahres dann ihren blutigen Höhepunkt erleben sollten. Aber der Reihe nach.

Welcome to Waco

We burn daylight erzählt aus Sicht des jungen Roy und Evie, die mit ihrer Mutter aus Kalifornien nach Texas gezogen ist, um dort in der Gemeinschaft von Perry alias „Lamb“ zu leben, einem aus Israel zurückgekehrten Prediger. Er hat sich zusammen mit seinen zahlreichen Anhängern auf einer Ranch in Waco eingerichtet, wo er Sonntags Bibelarbeit und Training auf dem farmeigenen Schießstand anbietet. Rhetorisch ähnlich erratisch agierend wie der amtierende US-Präsident bringt er seine kruden Visionen und Predigten unters Volk, das ihm ergeben folgt.

„In alten Zeiten“, sagte er, „bedeutete der Ausdruck, jemand ist nach Texas gegangen, dass er nicht mehr ganz klar im Kopf ist, aber jetzt kommen die Leute hierher, weil sie endlich klar sehen. Unsere Verfassung gibt jedem Bürger Amerikas das Recht, sich gegen die Regierung zu stellen. Seht ihr, in Texas hat man im Gegensatz zum Rest des Landes etwas begriffen. Waffen? Klar, die besorgen wir uns. Klar benutzen wir auch Toilettenpapier. Ihr seid alle eingeladen mitzumachen. Entweder gehört ihr dazu oder ihr gehört nicht dazu. Kann schon sein, dass wir ein bisschen verrückt sind.“

Bret Anthony Johnston – We burn daylight, S. 55 f.

Roy ist der Sohn des lokalen Sheriffs und trifft durch Zufall auf Jaye – und das, wie könnte es in Texas anders sein, auf einer Waffenmesse. Antike Duellpistolen, Gasmasken, Handfeuerwaffen, dazu Pekannüsse, die als Snack gereicht werden. So sieht das Entertainment aus, das dort die Massen anzieht.

Auch Roy ist angezogen. Das allerdings von Jaye, dem Mädchen mit dem roten Haar, das mit Eigensinn Roy für sich einnimmt. Doch für Dates und Knutschen im Wasserturm bleibt nicht allzu viel Zeit, da die Behörden von der Zusammenrottung von Personen draußen auf der Farm in Waco beunruhigt sind. Sie haben Lamb im Verdacht, nicht nur Bibelarbeit und Schießtraining auf dem Gelände seiner „Kirche“ anzubieten, sondern mithilfe von Fräsen auch illegale Langwaffen und Verbotenes wie Handgranaten herzustellen.

Desaster mit Ansage

Bret Anthony Johnston - We burn daylight (Cover)

Unaufhaltsam laufen die Ereignisse auf die Erstürmung des Geländes am 17. Februar 1943 zu, die in einem absoluten Desaster enden sollten, wie Bret Anthony Johnston zeigt. Hierfür setzt er nicht nur auf die beiden Perspektiven von Roy als Außenstehenden und Jaye als Mitglied von Perrys Sekte, auch finden sich zwischen die einzelnen Kapitel immer wieder kurze Interviewschnipsel montiert, die fast den Charakter von Verhören haben. Ein Podcaster interviewt hier an den damaligen Geschehnissen Beteiligte und zeigt so noch einmal verstärkt das Waterloo, das die Behörden bei der Erstürmung der Ranch erlebten.

Denn statt einer zielgenauen Verhaftung Perrys nach Missbrauchsvorwürfen entschieden sich die Einsatzkräfte, die Ranch ohne allzu viel Vorbereitung zu stürmen, ohne zu ahnen, in welchem Desaster das Ganze enden würde. Auffällig unauffällige Zugriffskommandos versteckt hinter Planen auf Transportern (die erst recht die Aufmerksamkeit der lokalen Bevölkerung weckten), keine wirkliche Zugriffsstrategie geschweige einer genauen Kenntnis der Lage vor Ort, so liefen die Einsatzkräfte schon fast mit Ansage ins Verderben.

Empfangen von einem Kugelhagel der Waffenfanatiker wurden die Einsatzkräfte völlig überrascht und gerieten in die Defensive, obschon sie personenmäßig in der Überzahl waren. Polizisten, die er- oder angeschossen wurden und sich zurückziehen mussten, zu wenig Munition, was dazu führte, das – man erinnere sich des Schauplatzes Texas – Polizisten erst einmal Munition bei Walmart nachkaufen mussten und ein völlig surreales Ereignis, das Jaye innerhalb der Ranch und Roy ungläubig am Fernseher mitverfolgt.

Im Fernsehen waren parkende Busse mit laufenden Motoren zu sehen. Ihre Warnlichter pulsierten rot im Dunst der Abgase. Lamb sprach gerade über einen großen Drachen, Lichtblitze und Donner. Ich konnte nicht entscheiden, ob er aus der Bibel zitierte oder gerade aus dem Fenster starrte.

Bret Anthony Johnston – We burn daylight, S. 356

Eine der größten Stümpereien der Polizeigeschichte

Johnstons Roman ist eine vielschichtiger Blick auf die damaligen Ereignisse in Texas, die sich in Sachen Polizeitaktik als eine der größten Stümpereien der US-Geschichte herausstellen sollten. Denn nicht nur, das die Erstürmung scheiterte, auch folgte der versuchten Einnahme der Ranch ein wochenlanger Patt zwischen Sekte und hilfloser Polizei, der die Aufmerksamkeit des ganzes Landes auf sich zog.

Auch wenn er durch die gewählte Perspektive der zwei Jugendlichen nur bedingt die Bindungskraft des Predigers Lamb auf seine erwachsenen Anhänger nachvollziehen kann, beeindruckt sein Roman doch durch den gegenläufigen Blick von Roy und Jaye – und den moralischen Dilemmata, denen sich die beiden Heranwachsenden gegenübersehen. Wem gegenüber sieht man sich verpflichtet – Eltern, zu denen keine Verbindung besteht oder doch eher dem Gleichaltrigen gegenüber, vor allem, wenn noch Gefühle im Spiel sind?

Mit solchen Fragestellungen versehen ist We burn daylight ein Roman, der trotz der anfänglichen Statik rund um die gescheiterte Erstürmung Wacos immer mehr Fahrt aufnimmt – und der in die Gegenwart verweist. Denn in Zeiten der Aufrüstung und Isolation von Reichsbürgern hierzulande und präsidial begnadigten Kapitolstürmern in den USA zeigt Johnstons Roman auch eindrücklich, wozu es führen kann, wenn man solche Bewegungen unterschätzt und damit sehenden Auges ins Verderben taumelt.

Fazit

Das macht aus Bret Anthony Johnstons We burn daylight einen ebenso spannenden wie hochaktuellen Roman, der die damaligen Ereignisse in Texas genau nachvollzieht und der sich auch als engagierte Widerspruch gegen Waffenfanatiker und deren Slogan von mehr Sicherheit durch mehr Waffen in Privathand lesen lässt. Sein Roman ist vielschichtig, vereint Liebesgeschichte, Coming of Age und Gesellschaftskritik sowie historische Studie zu einem gelungenen literarischen Ereignis, dem man einen aussagekräftigeren deutschen Titel gewünscht hätte, der vor allem aber breite Rezeption verdient!


  • Bret Anthony Johnston – We burn daylight
  • Aus dem Englischen von Sylvia Spatz
  • ISBN 978-3-406-83692-3 (C. H. Beck)
  • 492 Seiten. Preis: 28,00 €

Ocean Vuong – Der Kaiser der Freude

Letzte Ausfahrt HomeMarket. In seinem neuen Roman Der Kaiser der Freude lässt Ocean Vuong einen jungen Amerikaner mit vietnamesischen Wurzeln im Nirgendwo stranden. Ein Diner wird zu seinem neuen Lebensmittelpunkt. Zudem findet er in der baltischen Weltkriegsüberlebenden Grazina eine verwandte Seele, die zusammen ein ungewöhnliches, aber hochfunktionales Gespann ergeben, um sich dem (Über)Leben zu stellen.


Mit bemerkenswert hohem Ton nimmt uns Ocean Vuong auf den ersten Seiten seines neuen Romans mit in eine Stadt, die so durchschnittlich wie hoffnungslos ist.

Es ist eine Stadt, in der sich Highschool-Kids, die Freitagabend nirgendwo hinkönnen, mit den Pick-Ups ihrer Stiefväter in die unbeleuchteten Ecken des Walmart-Parkplatzes verdrücken, aus Poland-Spring-Flaschen Smirnoff trinken und sich mit Weezer und Lil Wayne bedröhnen, bis sie eins Tages nach unten schauen, ein Baby in den Armen halten und sich klarmachen, dass sie in ihren Dreißigern sind und der Walmart sich nicht verändert hat, bis auf das Logo, das mittlerweile heller ist und ihren von den Jahren hager gewordenen Gesichtern einen bläulichen Schimmer verleiht.

Ocean Vuong – Der Kaiser der Freude, S. 14

Hier kommt man nicht wirklich weg – außer durch den Tod. Ebenjenen sucht auch der junge Hai, der zu Beginn der Romanhandlung durch einen Suizid der Trostlosigkeit der Stadt und der eigenen Existenz entkommen will. Doch damit ist es nicht weit her (und der Roman hätte es höchstwahrscheinlich auch nicht auf den Umfang von über 500 Seiten gebracht). Denn bevor er sich von einer Brücke in den Tod stürzen kann, wird der junge Mann in Ocean Vuongs Roman gerettet.

Hai und Grazina

Ocean Vuong - Der Kaiser der Freude (Cover)

Sein Schutzengel ist über 80 Jahre alt, stammt aus dem Baltikum und ist dement. Diese Fakten über seine Retterin offenbaren sich Hai allerdings erst, nachdem diese ihn von der Brücke heruntergerufen hat. Denn eines kann die alte Dame auf gar keinen Fall brauchen – noch mehr Geister in ihrem Zuhause, so lässt sie es den jungen Hai wissen.

In der Folge schlüpft dieser in Grazinas – so der Name der Frau – Haus unter und freundet sich mit der betagten Dame an, die Hai aus einem akustischen Missverständnis heraus auf den litauischen Namen Labas tauft, schließlich bedeutet dieser Name in ihrer Muttersprache Hallo, also so viel wie Hi, das sie bei dessen Vorstellungen verstanden hat.

Doch nicht nur, dass Grazina Litauisch beherrscht, auch kennt sie eigenwillige Methoden, um die Dämonen und schlechten Gedanken auszutreiben. Zerstampfte Brötchen im Regen sind nur ein Ausdruck einer eigenwilligen Kur, der sich die beiden Figuren gegenseitig unterziehen. Denn allmählich kippt in Vuongs Roman das Betreuungsverhältnis, als sich Grazinas Demenz immer stärker zu Wort meldet.

Hai besorgt sich einen Job im trostlosen HomeMarket einen Job und arbeitet bei Mindestlohn Seite an Seite seines Cousins Sony Fertignahrung aufzuwärmen. Zusammen mit anderen Außenseitern erwärmen sie Nahrungsbeutel und servieren Hühnchen vom Grill – und das oftmals im Akkord. Zur Entspannung dienen ihm die Lektüren, die er in Grazinas Haus findet und ganze Bingesession der Serie The Office.

Als Grazina immer öfter den Bezug zur Realität verliert und die Erinnerungen aus der Kriegszeit wieder ans Tageslicht steigen, denkt sich Hai fantasievolle Spiele aus, um für Grazina eine eigene Welt zu erschaffen, während er selbst Mühe damit hat, seiner Mutter gegenüber ebenfalls eine Scharade aufzuführen. Denn diese wähnt ihren Sohn mitten im Medizinstudium anstelle in der Küche eines Franchiseunternehmens im Nirgendwo, wo Hoffnungen und Aufstiegsversprechen nicht existieren. Und so versucht Hai mit falschen Fassaden für die Menschen um ihn herum den Anschein von Normalität aufrecht zu erhalten.

Ein Roman wie das Essen im HomeMarket

Mit dem Roman ist es ein bisschen so wie mit dem Essen, das Hai, Sony und Konsorten im HomeMarket kochen. Auf den ersten Blick sieht es appetitlich aus, macht satt – aber hohe Kochkunst ist es nicht. So ist auch der Nährwert dieses Buchs nicht unbedingt der beste. Gewiss, sprachlich ist Der Kaiser der Freude weitestgehend solide (Übersetzung durch Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl), obgleich die immer mal wieder eingeschobenen Pathosbröckchen in Form von überladenen und manchmal auch schiefen Bildern im Erzählfluss etwas irritieren:

Er trieb in einem benommenen Schockzustand dahin. In der Stille, die wie auf eine Überschwemmung zu folgen schien, beschworen Vogelrufe das schwindende Licht. Er spürte eine Veränderung, und als er einen Blick über die Highway-Böschung war, sah er flüchtig die neuen Knospen, die an Sträuchern entlang des Flussufers sprossen, während sich unter ihm das von Lichtscherben gesprenkelte Tal dahinwälzte. Ein rosafarbener Konfettischauer strudelte, in einen Wirbel der Strömung eingebettet, fort – Überreste der Kirschblüten, die eine Meile weiter flussaufwärts, am 9/11-Memorial an der Interstate 91, von einem Nordwind zerpflückt worden waren.

Ocean Vuong – Der Kaiser der Freude, S. 509

Lässt der Umfang des Buchs auf einen Great American Novel hoffen, worauf auch das virtuose erste Kapitel hinweist, so stellt sich hier bald Ernüchterung ein. Viele Versprechen, die Der Kaiser der Freuden gibt, löst das Buch in meinen Augen nur bedingt ein.

Kein Great American Novel

Gewiss, Vuongs Roman blickt auf die Figuren und Orte, die in solch voluminösen Romanen sonst selten vorkommen. Auch finden sich Spuren von Gesellschaftskritik in dem Buch. Aber viel Neues oder Überraschendes erfährt man weder über das Amerika der Gegenwart, noch über die Perspektive von Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Amerika.

Es sind Binsen, die das Buch bestätigt: Menschen wie Hai sind Außenseiter, erfahren Rassismus und müssen härter arbeiten als andere Bevölkerungsschichten. Aber auch trotz krasser Szenen wie einer Episode in einem Schlachthaus bleibt Ocean Vuong mit den erzählerischen Mitteln und den Themen, die er hier setzt, zumindest hinter meinen Erwartungen zurück. Will man das Buch als Kommentar auf die die Lage Amerikas lesen, so gibt diese Lesart nicht viel her. Es ist allein die Geschichte einer ungleichen Freundschaft zwischen den Außenseitern Grazina und Hai, die Vuong am meisten beschäftigt.

Wo sich Auf Erden sind wir kurz grandios radikal mit der eigenen Identität und damit auch Herkunft und Sexualität auseinandersetzte, ist Der Kaiser der Freude zwar deutlich länger, aber auch deutlich zahmer geraten. Natürlich umkreist das Buch auch die Frage von Homosexualität, Drogenmissbrauch und enttäuschte Hoffnungen der Eltern. Aber die erzählerische Radikalität und Tiefenbohrung des vorherigen Buchs lässt Ocean Vuongs neuester Streich leider vermissen, sodass das Buch in meinen Augen hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.


  • Ocean Vuong – Der Kaiser der Freude
  • Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl
  • ISBN 978-3-446-28274-2 (Hanser)
  • 528 Seiten. Preis: 27,00 €