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Jesmyn Ward – Singt ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Fortschreibung von Südstaatenliteratur mit dem Zeug zum Klassiker. Die liefert Jesmyn Ward mit ihrem Roman Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt. Gleich in zweifacher Hinsicht wagt sie ein Blick an die Ränder der USA.


Zum Einen ist der Roman im Süden der USA angesiedelt. Da, wo sich der Mississippi im Süden in den Golf von Mexiko ergießt, dort spielt der Roman im fiktiven Ort Bois Sauvage. Im Hinterland fernab der Zivilisation hat sich die Familie von Jojo niedergelassen, die dort eher haust denn wohnt. Eine Hütte, ein paar Tiere im Pferch und der Wald gleich hinter dem Haus. Das ist das Zuhause des kleine Jojo, seiner Schwester Michaela, seiner Eltern und Großeltern, die dort hausen. In der nahen Umgebung gibt es wenig, eine Kneipe, in der Jojos Mutter Leonie bedient, viel mehr ist da nicht. Jede Besorgung bedeutet eine Fahrt in die nächste Stadt. Nachbarn oder ein unterstützendes Umfeld sind Mangelware.

Aber nicht nur geographisch erzählt Jesmyn Wards Buch vom Rand. Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist auch eine Vermessung des sozialen Rands der amerikanischen Gesellschaft. Denn Jojos Familie ist schwarz. Suchte man nach einer Anwendemöglichkeit aller derzeit diskutierten Ausgrenzungstermini (Rassismus, Klassismus, sozialer Determinismus, etc.), hätte man in der Familie von Jojo das perfekte Beispiel. Sie sind eine schwarze Variante des white trash, Geld ist Mangelware. Jojos Mutter Leonie ist drogenabhängig, sein Vater sitzt im Gefängnis ein. Die Mutter liegt aufgrund eines Krebsleidens im Sterben und versucht sich mit autochthonen Kräutern und Pflanzen zu therapieren. Jojos Großvater versucht die Familie zusammenzuhalten, hat allerdings selber auch dunkle Geheimnisse, die ihn nicht ruhen lassen.

Am Rande der Gesellschaft

Jesmyn Ward - Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt (Cover)

Da seine Mutter aufgrund ihrer Drogeneskapaden ihren mütterlichen Pflichten kaum nachkommen kann, ist es an Jojo, viel zu früh Verantwortung zu übernehmen. Gelungen schafft es Jesmyn Ward, sich seine Perspektive eines kleinen Kindes anzueignen, aber genauso überzeugend auch aus Leonies Perspektive zu erzählen. Das Handeln, die Sorgen und Motivationen dieser beiden unterschiedlichen Figuren werden im Lauf des Buchs nachvollziehbar und lassen realistische Figuren entstehen. Doch Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt beschränkt sich nicht auf Sozialrealismus. Ihr Buch nimmt auch das Übersinnliche, das nicht wirklich Greifbare in den Blick.

So erscheinen Leonie wie den meisten anderen weiblichen Familienmitgliedern immer wieder Tote, besonders wenn sie high ist. Ihr verstorbener Bruder bevölkert Leonies Lebenswelt genauso, wie es andere Tote mit weiteren Familienmitgliedern tun. Immer wieder verschränken sich diese Welten und fließen ineinander über. Auch schafft es Jesmyn Ward, eine der ergreifendsten Sterbeszenen seit langem zu kreieren. Eine Sterbeszene, die das Jenseitige und Diesseitige so gelungen verzahnt, wie ich das seit di Lampedusas Der Leopard nicht mehr lesen durfte.

Aber nicht nur deswegen hat für mich Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt das Zeug zum Klassiker. Eine spannende Handlung, plastische und nachvollziehbar gezeichnete Figuren und ein genauer Blick auf die sozialen Abgründe und den immer noch existenten Rassismus im Süden der USA machen dieses Buch so besonders. Ein präziser Blick auf die Abgehängten, ein Buch in der Tradition von William Faulkner und Co.. Im besten Sinne ein zeitloses Leseerlebnis, hiermit sei es empfohlen!


  • Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
  • Aus dem Englischen von Ulrike Becker
  • ISBN: 978-3-95614-224-6 (Kunstmann)
  • 304 Seiten. Preis: 22,00 €
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Taylor Brown – Maybelline

Ins Hinterland von North Carolina entführt Taylor Brown in seinem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman Maybelline. Angesiedelt in den 50er Jahren erzählt er von Alkoholschmuggel, Kriegstraumata und von der Liebe. Ein gelungenes Buch, das trotz seines vermeintlichen historischem Kontextes erstaunlich viel über das heutige Amerika erzählt.


Im Kern dreht sich dabei alles um den Kriegsheimkehrer Rory Docherty. Dieser hat im Koreakrieg gedient und dort ein Bein verloren. Immer wieder überfallen ihn Flashbacks und Erinnerungen an das grausame Gemetzel dort, bei dem Millionen von Menschen ihr Leben verloren.

Gehandicapt verdingt sich Rory nun als Alkoholschmuggler. Für den mächtigen Schwarzbrenner Eustace Uptree liefert er in seinem hochgetunten Coupé namens Maybelline illegal Alkohol aus. Unter den wachsamen Augen des korrupten Sheriffs und den Steuerfahndern befährt Rory sämtliche Schleichwege des Hinterlandes, um die ländliche Bevölkerung mit Hochprozentigem zu versorgen.

Ganz anders da Rorys Großmutter, die die zweite Hauptfigur in Browns Roman ist. Sie wird von der lokalen Bevölkerung geschnitten, da sie sich früher prostituieren musste. Ihr Wissen um Heilkräuter und Verhütung nehmen die Hinterwäldler allerdings dann doch gerne in Kauf. Mit Furcht und Sorge beobachtet sie Rorys Rückkehr, der sich aufgrund seiner kompromisslosen Art schon binnen Kurzem diverse Feinde macht hat. Immer enger legt sich die Schlinge um Rorys Hals, während dieser in seinem Auto durch das Hinterland North Carolinas braust.

Starke und glaubwürdige Figuren

Mit Maybelline Docherty hat Taylor Brown eine starke Frauenfigur erschaffen. Dass sie dem Buch in Deutschen den Titel leiht, ist mehr als angemessen. Ihre Kämpfe um Unabhängigkeit und weibliche Selbstbestimmung, ihr Wissen um die Heilkraft der Natur, ihr Hintersinn und ihre Souveränität machen sie zu einer Figur, die man nicht so schnell wieder vergisst. Aber auch ihr Sohn steht in seiner ganzen Zerrissenheit seiner Großmutter nur um wenig nach.

Generell fällt bei Maybelline auf, welches Geschick Taylor Brown bei der Kreation seiner Figuren an den Tag legt. Schwarz-weiße Figurenzeichnungen sind das Ding des jungen Amerikaners nicht. Selten sind die Figuren einfach nur gut oder schlecht, vielmehr sind sie die Figuren in Maybelline erfreulich glaubhaft geraten, sind selten einfach nur gut oder schlecht.

Taylor Brown - Maybelline (Cover)

Neben der Komplexität der Figuren überzeugt aber auch die Themenfülle, die trotz des vermeintlich Jahrzehnte zurückliegenden Handlung erstaunlich aktuell ist. So spielen religiöser Eifer und Bigotterie eine Rolle, die Frage von Machtmissbrauch und Korruption wird verhandelt, die Probleme einer falschen Drogenpolitik sind Thema genauso wie nicht behandelte Kriegstraumata und gesellschaftliche Spaltung.

Ohne die Balance des Plots aus den Augen zu verlieren widmet sich Brown diesen vielen Themen. Er erzählt in einem klaren Ton, schafft Bilder und Sequenzen, die sich nachhaltig im Kopf verankern, etwa wenn er die Kriegsgräuel in Nordkorea beschreibt oder von Autorennen auf den engene Straßen des Hinterlands in den Appalachen erzählt. Auch die Naturbeschreibungen des von den Dochertys bewohnten Bergs, seiner Flora und Fauna wissen zu überzeugen. Wie das Leben dort die Menschen beeinflusst und den Takt des Lebens vorgibt, das schildert Brown nachvollziehbar und enorm eindrücklich (übersetzt von Susanna Mende)

Fazit

Maybelline besitzt gesellschaftliche Relevanz, richtet seinen Blick auf das Hinterland Amerikas und die vergessenen Probleme und Menschen dort. Ein Buch, das viele Klänge und Bilder wachruft. Eines, das seine Figuren ernst nimmt, spannend und hochtourig ist und das ich mit gutem Gewissen eine weitere Perle aus dem Polar-Verlag nennen kann. Gerne noch mehr davon!


  • Taylor Brown – Maybelline
  • Aus dem Englischen von Susanna Mende
  • Mit einem Nachwort von Kirsten Reimer
  • ISBN 978-3-948392-18-5 (Polar-Verlag)
  • 416 Seiten. Preis: 14,00 €
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Benedict Wells – Hard Land

Einer der auffallendsten Trends in der Literatur der letzten Jahre ist der des Booms der Coming-of-Age-Erzählungen.

„Nur was verstehen wir unter dem Begriff eigentlich?“

Niemand meldete sich. Er zog eine Augenbraue hoch.

„Nun bei einem Blick in die Literaturgeschichte fällt auf, dass der klassische Held oft auf einer inneren oder äußeren Reise ist. Ausgelöst in der Regel durch ein einschneidendes Erlebnis wie Verlust oder Liebe, aber auch durch eine erste Konfrontation mit den großen menschlichen Fragen. Das alles zwingt den Helden, sich zu verändern, zu reifen und seinem alten Leben zu entwachsen. Kurz: Coming of Age.

Benedict Wells – Hard Land, S. 306

So lässt Benedict Wells in seinem Roman einen Lehrer dozieren, der den Schülern dieses Genre nahebringen will. Und schaut man auf die Bucherscheinungen der letzten Zeit bis hin zu den aktuellen Neuerscheinungen, dann muss man konstatieren: Coming of Age boomt wie selten zuvor. Egal ob Sebastian Stuertz, Ronya Othmann, Verena Guentner, Benjamin Myers, Matthias Brandt, Johann Scheerer oder ebenfalls in diesem Monat Callan Wink. Sie alle haben in jüngster Zeit Romane vorgelegt, die um ihre jugendlichen Protagonisten kreisen, deren Reifung in den Büchern nacherzählt wird, das Ganze angesiedelt meist während der Sommermonate. Und auch Benedict Wells fügt diesem langsam immer unübersichtlicher werdenden Berg an Büchern nun ein weiteres Werk hinzu. Es trägt den Namen Hard Land und spielt, wie auch schon Wells dritter Roman Fast genial, in den USA.

Willkommen in Grady

Aber im Gegensatz zu diesem Roadnovel siedelt Wells diesmal seine Erzählung in der fiktiven amerikanischen Kleinstadt Grady an. Dort lebt Wells Held und Ich-Erzähler Sam mit seinen Eltern. Der Vater ist arbeitslos, die Mutter betreibt eine Buchhandlung in der lokalen Mall und ist schwer krank. Sams ältere Schwester Jean hat der Familie schon lang den Rücken gekehrt, um als Drehbuchautorin in Los Angeles zu leben.

Wir schreiben das Jahr 1985. VHS-Kassetten boomen, das Internet ist noch weit weg, die Simple Minds liefern mit Don’t you einen der größten Hits des Jahrzehnts ab und Marty McFly wird mit Zurück in die Zukunft zum Vorbild einer ganzen Generation. In diesem Jahr passiert das, was Sam schon im ersten Satz des Buchs beschreibt.

In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.

Benedict Wells – Hard Land, S. 11

Damit ist die Rahmenhandlung des Buchs umrissen. Während Sam auf seinen 16. Geburtstag zusteuert und sich auf dem Höhepunkt der Pubertät befindet, kommt das familiäre Gefüge daheim langsam ins Rutschen. Die Mutter ist von ihrer Erkrankung schwer gezeichnet und Sam flüchtet sich zu seinem Job im Kino Metropolis. Dort lernt er eine Clique von Freunden kennen und exerziert mit ihnen all das durch, was man in einem Coming of Age-Roman eben so erleben muss: erste Liebe, Hauspartys, Mutproben, Musik machen und Baden im See.

Die 49 Geheimnisse

Wells Roman zieht seine Struktur dabei aus der erdachten Kleinstadt Grady. Diese besitzt nämlich laut der urbanen Legende 49 Geheimnisse. Folglich teilt sich das Buch auch in 49 Kapitel, deren Rahmenhandlung ja tatsächlich schon mit dem ersten Satz abgedeckt wird.

Und ja, man nimmt Benedict Wells nach der Lektüre sofort die Faszination für die „geliebten Eighties-Filme“ (so der Autor im Nachwort) ab. Breakfast Club, Zurück in die Zukunft, Stand by me. All das sind Namen, die beim Lesen des Buchs unwillkürlich auftauchen. Denn Hard Land ist Paraphrase und Pastiche dieser Filme zugleich. Eine Kleinstadt, eine Gruppe Jugendlicher, Abhängen in Kinos und Diners, ds nervige Schulleben, erste Liebe, Pubertät und unverhoffte Abenteuer. Diese Zutatenmischung verwendet Wells auch in seinem Roman – und schafft damit einen gut konsumierbaren Unterhaltungsroman, der auch als Jugendroman durchgeht.

Wells huldigt einer längst vergangenen Welt. Sein Amerika endet an den Stadtgrenzen von Grady, von einer gesellschaftlichen Spaltung ist hier noch nichts zu sehen. Auch wenn Sams Freunde aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Orientierung in der Kleinstadt beäugt werden – irgendwie fügt sich in Grady alles und bleibt weitestgehend harmonisch. Und selbst wenn die Themen Tod und Trauer plötzlich für Sam aktuell werden – irgendwie findet sich dann doch wieder alles. Das ist manchmal dann doch etwas banal, genauso wie der ein oder andere Dialog im Buch.

Fazit

Ein melancholisch-kindliche Ton ist kennzeichnend für Hard Land. Benedict Wells gibt dem boomenden Coming of Age-Affen Zucker und beschwört einen doppelt nostalgischen Roman herauf. Eine längst vergangene (bzw. sehr verklärte) Epoche der amerikanischen Geschichte trifft auf einen Erzähler, der seine Jugend noch einmal durchlebt. Das ist solide erzählt, weiß als Roman zu unterhalten, fügt dieser ohnehin schon übersättigen Romangattung aber keine wesentlich neuen Facetten hinzu.


  • Benedict Wells – Hard Land
  • ISBN: 978-3-257-07148-1 (Diogenes)
  • 352 Seiten. Preis: 24,00 €
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Ryan Gattis – Das System

Es ist wirklich zum Haareraufen. Der größte kriminalliterarische Schund verkauft sich wie geschnitten Brot, literarische Stümpereien wie die sadistischen bis gewaltpornographischen Werke Sebastian Fitzeks erklimmen Jahr um Jahr Spitzenpositionen auf dem Buchmarkt. Und die wirklichen Könner*innen dümpeln unter ferner liefen auf dem Buchmarkt dahin. So ergeht es beispielsweise Dennis Lehane (mehr zu ihm hier in einigen Tagen) oder Simone Buchholz, die auf derartigen Listen sträflich unterrepräsentiert sind. Dagegen feiert als das Abgenutzte, dutzendfach Erzählte Erfolge um Erfolge und klettert in den Bestsellerlisten weit nach oben.

Ryan Gattis - Das System (Cover)

Zwar mache ich mir über den Einfluss meines kleinen Blogs hier keine Illusionen, dennoch möchte ich einmal mehr die Chance nutzen. Die Chance, auf einen außergewöhnlichen Thriller hinzuweisen, einen, der verschiedene Themen, literarische Spielarten und gesellschaftliche Analysen in sich vereint. Ein Buch, das die Zustände des amerikanischen Justizwesens und Gefängnissystem beleuchtet, eine Inneneinsicht in Rechtssprechung und Bandenwesen liefert, eines, das keine einfachen Antworten gibt. Geschrieben hat jenes Buch der Amerikaner Ryan Gattis und es trägt den Titel Das System. Die Übersetzung ins Deutsche besorgten Ingo Herzke und Michael Kellner.

Ein außergewöhnlicher Erzähler

Mit Das System liegt das dritte auf Deutsch übersetzte Buch von Ryan Gattis vor. 2016 erschien zunächst das Aufstandspanorama In den Straßen die Wut. Darin erzählte Gattis von sechs Tagen Ausnahmezustand, die in Los Angeles 1992 in Folge der Rodney King-Aufstände herrschten. Er entwarf darin das Panorama ein Gesellschaft, deren Widersprüche, Falschheit und Ungerechtigkeit zu einer Eruption führten, die der der Black Lives Matter-Proteste dieser Tage glich.

In seinem zweiten Buch Safe erzählte er die Geschichte eines Safeknackers, der nichts mehr zu verlieren hat und so gegen das organisierte Verbrechen für eine letzte Mission antritt. Sprach Die Presse vom „wohl herzzerreißendste Krimi des Jahres“, so unterschrieb ich dieses Urteil nac der Lektüre sofort. Ein außergewöhnliches Buch, das leider in der öffentlichen Wahrnehmung etwas unterging.

Bereits mit diesen beiden Werken ist es Gattis gelungen, einen eigenen, unverkennbaren Stil zu kreieren. Einen Stil, der nun auch in Das System Anwendung findet und der entscheidend ist für die Qualität dieses Buchs. Denn statt das Geschehen aus nur einer oder zwei Perspektiven zu beleuchten, wählt Gattis auch hier wieder ein ganzes Dutzend an Personen, die mit eigener Perspektive das Geschehen in der Ich-Perspektive schildern.

So erzählt Gattis von einem Strafverteidigerin, einer Staatsanwältin, Gangmitgliedern, Ermittlern und Bewohnern der Stadt Lynwood im County Los Angeles. Den Mittelpunkt des Geschehens aber bilden der Gangster Omar Tavira alias „Wizard“ und der Samoaner Jacob Safulu alias „Dreamer“. Letzterer bekommt von einem rassistischen Bewährungshelfer die Waffe eines Mordanschlags untergeschoben. In der Folge kommt es zur Verhaftung der beiden Männer, die in einem Prozess mündet.

Der Prozess – und seine Folgen

Diesen exerziert Ryan Gattis durch alle Stufen der Entwicklung. Als Leser*innen sind wir Zeuge, wie das Komplott seinen Anfang nimmt und wie sich die Dynamiken entwickeln. Die Verhaftung und die Untersuchungshaft, die Suche nach der Wahrheit über das Geschehen in der Nacht des Mordanschlags, es dominiert die Handlung des Buchs. Gattis liefert dabei Inneneinsichten in die Welt der Clans und der Strafjustiz. Auch wenn das Geschehen in Das System im Jahr 1993 kurz nach den Rodney King-Unruhen angesiedelt ist – Berichte aus den USA zeigen, dass sich das Strafsystem seither nicht merklich gebessert hat – im Gegenteil.

Das System ist formal konsequent gestaltet, in seiner Vielstimmigkeit überzeugend und gerade in seinem Verzicht auf einfache Antworten wirklich stark. Auch gelingt es Gattis eindrucksvoll zu zeigen, dass das System nur Verlierer kennt. Wer einmal in die Räder des Systems geraten ist, der findet kaum mehr heraus. Man mag so viel ungeschönten Realismus schwierig zu ertragen finden – das Buch überzeugt aber gerade durch diesen realistischen Blick und seine Schonungslosigkeit. In Form eines Justiz- und Gefängnisdramas gelingt hier Ryan Gattis ein Buch, das zeigt, was gute Kriminalliteratur kann. Und das dadurch dem üblichen Bestseller-Krimischund um Welten voraus ist.


  • Ryan Gattis – Das System
  • Aus dem Englischen von Ingo Herzke und Michael Kellner
  • ISBN 978-3-498-02538-0 (Rowohlt)
  • 544 Seiten. Preis: 22,00 €
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Sebastian Barry – Tage ohne Ende

Es ist eine Krux mit den Phrasen. Zu oft gelesen, dutzendfach in Buchwerbungen und Besprechungen verwendet, sind sie inzwischen reichlich abgedroschen und abgenutzt. Selbst wenn man sie sparsam dosiert, irgendwann klingen sie nur noch hohl. Keiner will mehr von einer Tour de force lesen, außergewöhnlichen Erzähler*innen oder noch einem Epos.

Der inflationäre Gebrauch der Sprachhülsen und Phrasen ist insbesondere dann ärgerlich, wenn man zwischendurch wieder ein Buch liest, auf das eine solche Phrase passgenau zutrifft (die Phrase mit der Faust und dem Auge spare ich mir an dieser Stelle wohlweislich). Der Roman Tage ohne Ende des Iren Sebastian Barry ist ein solcher Fall. Denn obwohl ich eigentlich nichts mehr von „unvergesslichen Szenen und Momenten“ schreiben möchte – hier trifft es zu. Und das gleich mehrfach.

Ein irischer Western von Sebastian Barry

Aber der Reihe nach. Eigentlich könnte man Sebastian Barry schon als so etwas wie den Hausautoren des Göttinger Steidl-Verlags bezeichnen. Sein Roman Ein verborgenes Leben über den IRA-Konflikt oder das Erster-Weltkriegs-Drama Ein langer, langer Weg erschienen bereits bei Steidl. 2018 veröffentlichte der Verlag dann den im Original zwei Jahre zuvor erschienen Roman Tage ohne Ende. Und wieder einmal überraschte Sebastian Barry, der hier die Form eines Westerns wählte, um von Begehren, Familie und Krieg zu erzählen. Erst Thea Dorn verschaffte dem Buch einige Zeit nach seinem Erscheinen im Literarischen Quartett den Auftritt auf großer Bühne. Eine gute Idee, denn auch mir wäre so ein wirklich starkes und ja – unvergessliches – Buch entgangen.

Sebastian Barry - Tage ohne Ende (Cover)

Denn Sebastian Barry gelingt es, einen Western zu erzählen, der so ganz anders ist als das, was man gemeinhin unter einem Western versteht. Das gelingt ihm, indem er einen Erzähler wählt, der deutlich von der Norm des Genres abweicht. Denn statt einem daueroptimistischen, kernigen Siedler, den der amerikanische Traum antreibt, wählt er Thomas McNulty. Dieser stammt aus Sligo, die Hungersnot in seiner irischen Heimat hat ihn noch minderjährig nach Amerika getrieben. Er schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, als er die Bekanntschaft mit John Cole macht. Fortan sind die beiden unzetrennlich, verdingen sich als Tanzmädchen und heuern dann beim Militär an.

Wir schreiben die Jahre um 1860, der Sezessionskrieg des Nordens gegen den Süden steht kurz bevor. Dort, im Verbund des Militärs, werden die beiden Zeugen grausigster Ereignisse. Das Militär führt einen Vernichtungskrieg gegen die indigene Bevölkerung, die sich auf ihre Art wehrt. Der Kampf gegen die Indianer, hier hat er nichts heroisches oder aufregendes. Es ist ein Akt der Barbarei, ein einziges Gemetzel, ja in den Beschreibungen Sebastian Barrys wird dieser Kampf auch zum Genozid.

Gewalt, Tod und Grausamkeit im Krieg

Eindringlich, schockierend beschreibt der irische Autor die Schlachten. Die Grausamkeiten des Militärs, die mit Kanonen auf ein Lager voller Unschuldiger schießen. Metzeleien, psychopathische Anführer, Gewalt und Tod allenorten. Barry rückt hier das Bild der Spaghettiwestern, Karl-May-Seligkeit und heroischen Mythenbildung gerade und zeigt die Binnenkämpfe Amerikas als das, was sie waren: Schlachten und pure Gewalt. Tage ohne Ende fällt so auch in das Genre des Anti-Western. Ein Buch, das nichts verklären will.

Die Bilder, die dieses Buch heraufbeschwört, wird man so schnell nicht wieder los. Es sind aber auch Bilder der Hoffnung, der Ruhe, der Schönheit, die Sebastian Barry literarisch versiert beschreibt.

So erzählt er in Tage ohne Ende auch von schwulem Begehren und Liebe (wie dies Annie Proulx in ihrer Erzählung Brokeback Mountain ebenfalls tat). Das Verständnis zwischen McNulty und John Cole, ihrer außergewöhnlichen Heirat, ihrem Zusammenhalt in guten wie in schlechten Zeiten, das rührt doch ungemein an.

Es gelingt ihm, diese Verbindung glaubhaft und nuancenreich zu schildern. Eines der Highlights dieses an Highlights wahrlich nicht armen Buch ist so etwa die gemeinsam aufgeführte Revue der beiden. Thomas McNulty verkleidet sich als Frau und die beiden Männer führen vor ihrem Publikum eine Szene vor, die Annäherung des Paares bis zum Kuss zeigt.

Wie Barry hier die Spannungen im Saal verdichtet und die Annäherung der beiden auf großer Bühne beschreibt – das ist in der literarischen Plastizität einfach große Kunst. Seine Vergleiche, seine bildhafte Sprache ist die große Stärke, die er das ganze Buch über gekonnt ausspielt.

Ein Buch, das auch durch die Sprache lebt

Sebastian Barry erzählt von schwulem Begehren, dem Genozid an den Indianern, der Sehnsucht nach Ruhe und Normalität – und das Ganze in einer eigenen, an der mündlichen Erzähltradition geschulten Sprache. Hier muss auch die Übersetzerleistung Hans-Christian Oesers hervorgehoben werden, der dafür zurecht auch mit dem Straelener Übersetzerpreis geehrt wurde.

Wie er die Figuren reden lässt, eigene Ausdrücke findet und dem Buch auch im Deutschen einen mehr als hochwertigen Sound verleiht, das ist große Kunst. Schön, dass das Buch durch diese Übersetzung vollends aufgewertet wird und somit auf ganzer Linie überzeugt. Ein starker Titel, eine unbedingte Empfehlung. Wenn Western, dann doch bitte so!


  • Sebastian Barry – Tage ohne Ende
  • Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
  • ISBN 978-3-95829-518-6 (Steidl)
  • 256 Seiten. Preis: 22,00 €

Bildquelle Titelbild: Augusto Ferrer-Dalmau – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25487280

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