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Hal Ebbott – Unter Freunden

Zwei Freunde, ein Treffen mit Anhang im Wochenendhaus des einen, Frotzeleien, leichte sportliche Betätigungen und Erinnerungen an die eigenen Vergangenheit. So könnte das Treffen Unter Freunden ablaufen, das die Jugendfreunde Emerson und Amos anstreben. Doch dann nimmt alles einen ganz anderen Lauf, wie Hal Ebbott in seinem Debütroman zeigt.


Selten klafften bei einem Buch zuletzt Erwartung und Realität so auseinander, wie es bei Hal Ebbotts Debüt Unter Freunden der Fall ist. Beworben als „Sommer-Leseempfehlung“ der New York Times, las ich offenbar etwas unachtsam den Klappentext und ließ mich von der Beschreibung eines Aufeinandertreffen alter Jugendfreunde in einem Wochenendhaus schnell auf eine falsche Fährte locken.

Tatsächlich ist das Setting eines sommerlichen Feriendomizils fernab des normalen Alltags in Amerika ja ein beliebtes erzählerisches Motiv und erinnert an die Werke Miranda Cowley Hellers oder Richard Russos.

Von der sommerlichen Leichtigkeit, mit der bei diesen Autor*innen auch schwere Themen, überraschende Erkenntnisse über die eigene Vergangenheit oder die bei solchen Treffen festzustellende Distanz zwischen den Charakteren grundiert werden, ist bei Hal Ebbott keine Spur.

Keine sommerliche Leichtigkeit

Hal Ebbott - Unter Freunden (Cover)

Zwar beginnt bei ihm auch alles recht typisch mit der Anreise von Amos, seiner Frau Claire und der Tochter Anna zum Wochenendhaus seines Freundes Emerson, den er seit Jugendtagen kennt, sodass man einen sommerlichen Easy Read erwarten könnte. Doch schon bald verflüchtigt sich diese Erwartung.

Von der Straße getragen, glitt das Auto durch den Wald. Die gelben Markierungen waren rissig, der Asphalt jedoch glatt. Quer durch das Land zog er sich. Links und rechts erstreckte sich die Welt im trägen Stumpfsinn eines abgeflauten Sturms. Satt, schläfrig und selbstzufrieden.
Ab und zu verschwanden die Bäume, und der große Fluss kam zum Vorschein, glatt, grau und schimmernd wie Fischhaut. Eine Ortschaft kam näher — ein Dorf aus Häuschen und gestapeltem Gemüse. Daneben mit Kreide gekritzelte Preise und zum Bezahlen ein Becher, den niemand bewachte.
Die Straße floss weiter; in eine Senke hinab, dann einen Steilhang hinauf. Schließlich eine scharfe Abzweigung — die, vor der man Neulinge in der Wegbeschreibung warnte, weil sie so leicht zu verpassen war. Der Boden knirschte unter den Reifen, Wurzeln rüttelten die Koffer durch. Der Nachbarshund preschte hervor, als er sie hörte, lief bellend und schwanzwedelnd neben dem Wagen her. Vögel flohen aus den Büschen und tüpfelten den Himmel.

Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 22

Auch wenn es sich hier noch so anlässt: die Idylle ist es nicht, die Hal Ebbott im Sinn hat, im Gegenteil. Denn auch wenn die Jugendfreunde anlässlich Emersons 52. Geburtstag anfangs in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen, Sport treiben und dabei mal gespielter, mal ernstlicher miteinander konkurrieren, so kippt das Buch ab der Mitte in ein düsteres Kammerspiel, das jegliche Sonne vermissen wird.

Zwei Jugendfreunde und eine unfassliche Tat

Ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, kommt es aus der angespannten Stimmung heraus zu einem sexuellen Übergriff im Landhaus. Fortan kreist der Roman um die Frage, wie sich alle Figuren zu dem Erlebten verhalten. Ignoriert man es, zweifelt die Echtheit des Erlebten an, sucht man die Aussprache oder flieht vor der Wahrheit?

Unter Freunden dekliniert die verschiedenen Ansätze durch und blickt aus mehreren Perspektiven auf die Tat, die die Figuren ganz unterschiedlich wahrnehmen. Dabei ist die Wahrnehmung der zentrale Begriff, den Ebbotts Schreiben kennzeichnet. Gefühle und Wahrnehmungen spielen eine starke Rolle, immer wieder greift Ebbott als erzählerisches Mittel zurück auf die Beschreibung der inneren Welt der Figuren, was den Effekt des Kammerspiels noch einmal verstärkt.

Beständig kreisen die Gedanken der Figuren um sich und ihren Kosmos. Dahinter tritt die äußere, eh recht knappe Handlung, zusätzlich zurück. Beispielhaft etwa diese Gedankenarabeske, über die Emerson brütet, nachdem er aufgrund einer Sportverletzung an seinem Geburtstag zur Ruhe im Sessel zum Nichtstun gezwungen ist.

Emerson antwortete nicht. Weder wollte er den Gedanken würdigen noch zugeben, dass er ihm selbst schon gekommen war. Dass er sich mit zweiundfünfzig Jahren ein „Ausgerechnet heute“ nicht verkneifen konnte, machte ihn bloß noch erbärmlicher. Eine Verletzung zu beklagen, war verständlich; unverzeihlich schien ihm das Bedürfnis nach einer besonderen Gelegenheit. Doch da saß er nun, in seinem breiten Ledersessel, umgeben von Regalen voller ernster, kluger Bücher, und konnte nicht anders. Ausgerechnet an meinem Geburtstag, verdammt. An meinem scheiß Geburtstag.

Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 106

Ein Fall für eine Triggerwarnung

Ein letzter Gedanke sei auch noch zur oft belächelten und schon wieder etwas aus der Mode gekommenen Triggerwarnung angebracht. Obschon in manchen Fällen sicher fraglich, drängt sich im Falle von Unter Freunden in meinen Augen eine solche Vorwarnung auf, obgleich spät im Klappentext von „einem schockierenden Akt der Gewalt“ die Rede ist.

Dennoch bereitet dieses unkonkrete Raunen kaum auf das vor, was plötzlich im Text steht und Menschen mit Traumata oder einer Vorgeschichte recht unvermittelt überfällt und verletzen könnte. Hier wäre eine Warnung in Form einer vorangestellten Notiz durchaus angebracht, so mein Empfinden.

Das bringt mich dann auch zum eingangs erwähnten Label der Sommer-Lektüre zurück. Spätestens wenn ich mir als nicht sonderlich sensibler Leser Gedanken über Triggerwarnungen in einem düsteren Kammerspiel mit unfasslicher Tat mache, ist jegliche sommerliche Leichtigkeit perdu.

Eine „Sommer-Leseempfehlung“ ist Unter Freunden somit nicht, vielmehr eine dunkle, gedanken- und perspektivenreiche Analyse eines Übergriffs und dessen Verarbeitung im Kleinen, die auch auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit derlei Themen blicken lässt.


  • Hal Ebbott – Unter Freunden
  • Aus dem Englischen von Jan Schönherr
  • ISBN 978-3-546-10107-3
  • 336 Seiten. Preis: 24,00 €

Rachel Khong – Real Americans

Was ist schon wirklich echt? In Real Americans blickt Rachel Khong auf drei Generation chinesischstämmiger Amerikaner*innen und beschreibt deren Leben und familiäre Wurzeln. Dabei braucht ihr Roman aber Zeit, bis er wirklich in Fahrt kommt.


Kann man einen Bestseller machen? Der Kölner Kiepenheuer und Witsch-Verlag übt sich dieser Tage in einem spannenden Experiment. Denn unter Federführung von Mona Lang, der Programmleiterin für Internationale Literatur, zieht der Verlag um den zweiten Roman der US-Amerikanerin Rachel Khong ein Marketing-Ballyhoo auf, wie man es selten zuvor gesehen hat.

Nicht weniger als ganz Deutschland soll Khongs Buch lesen, so hat es sich die Marketingkampagne zum Ziel gesetzt, die passenderweise auf den ambitionierten Titel Deutschland liest ein Buch hört.
Eine Kooperation mit der Wochenzeitung Die Zeit, um über deren Ausspielwege das Buch zu bewerben, eine Karte, die auf Buchclubs, Buchhandlungen und Veranstaltungen rund um das Buch hinweist, dazu Zusatzmaterial für die gemeinschaftliche Lektüre und Diskussionen über Rachel Khongs Buch, das alles stellt der Kölner Verlag bereit, um das Buch aufmerksamkeitsökonomisch zu flankieren. Es scheint, als hätte man sich in Köln den Deichkind-Song Denken Sie groß wirklich zu Herzen genommen.

Deutschland liest ein Buch

Rachel Khong - Real Americans (Cover)

In vielen Buchhandlungen nimmt Rachel Khongs Roman schon einen prominenten Platz in der Auslage ein, auch Blogger*innen (inklusive meiner Wenigkeit) wurden großzügig mit eigens gestalteten Bloggerboxen bemustert. Es ist eine Strategie, die aufgeht.
Im Gegensatz zum althergebrachten Feuilleton der Printmedien ist Rachel Khongs Buch auf Instagram omnipräsent. Damit macht Kiepenheuer und Witsch wohl auch hier vieles richtig in Sachen Ökonomie, glauben doch auch Branchenkenner wie die Programmchefin des Claassen-Verlags, Miryam Schellbach, selber nicht mehr an eine verkaufsfördernde Rolle des klassischen Feuilletons (nachzulesen hier).

Stattdessen also ein Schwerpunkt auf digitales Marketing, dazu Präsenz an unterschiedlichen Orten und der fleißig ventilierte Wunsch, dass man mit dem Buch das Gespräch über Bücher wieder stärken möchte.

So ganz kann ich mich persönlich des Eindrucks aber nicht erwehren, dass das Buch trotz aller sicherlich richtigen Gründe auch ein Test ist, wie man sich im kriselnden Buchmarkt behaupten und Sichtbarkeit und finanziellen Erfolg gleichermaßen sichern kann. Auch in anderen Verlagshäusern dürfte man sicherlich genau beobachten, wie sich KiWi dabei schlägt.

Ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhält

Real Americans ist dabei ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhalten kann. Denn das Buch spricht verschiedene Zielgruppen an und ist durchaus massenkompatibel. So fällt Khongs Roman fällt in die Kategorie des Great American Novel, der mit einer wenig anspruchsvollen Sprache nicht nur die typischen Leser*innen dieser Gattung von sich überzeugt, sondern auch auf jene junge Zielgruppe schielt, die die KiWi-Programmleiterin Mona Lang in ihrer zweiten Rolle als Programmleiterin des jungen, BookTok-affinen Labels KiWi Sphere betreut.

Man kann sich gut vorstellen, dass das Buch auf BookTok bestens funktioniert und sonst eher zielgruppenferne Leser*innen mit der Geschichte von drei unterschiedlichen Generationen chinesischstämmiger Menschen anspricht und überzeugt.

Los geht alles mit Lily, die ihre chinesischen Wurzeln abgesehen von ihrem Äußeren schon lange hinter sich gelassen hat. So ist sie in den USA aufgewachsen und spricht kein Kantonesisch, sodass ein Besuch in China Town immer zu einer peinlichen Sache gerät.
Wie viele andere junge, strebsame Menschen möchte auch Lily hoch hinaus – schafft es aber nur in architektonischer Hinsicht. Im Etagenbüro einer Medienagentur im Big Apple versieht sie einen Dienst als unbezahlte Praktikantin.

Ein Roman in drei Teilen

Das ändert sich, als sie Matthew kennenlernt, den jungen Spross der elitären Familie Maier. Sofort und ohne nennenswerte Widerstände entbrennt Matthew in seiner Liebe zu Lily und führt diese in seine Kreise ein, eine Hochzeit und Nachwuchs sollen wenig später folgen.

Ebenjener Nachwuchs bildet den Mittelteil des erzählerischen Triptychons, das mit einem zeitlichen Sprung einsetzt. Man erlebt nun Nic, den Sohn von Lily und Matthew und dessen Suche nach einem Platz im Leben. Tief taucht er in das studentische Leben ein und kämpft mit seinen beiden elterlichen Bezugspunkten auf jeweils ganz eigene Weise.

Den Schlussteil bildet dann die Erzählung von Mai, in der die chinesischen Wurzeln gründen, denen Tochter und Enkel in den beiden vorherigen Teilen immer wieder nachspüren und doch keinen schlüssigen Zugang zum eigenen Erbe finden.
Diesen Zugang bekommen sie und wir mit ihnen erst in diesem Teil der Erzählung, der zugleich der spannendste der drei Episoden ist. Denn wo Lily und Nick als vermeintlich echte Amerikaner aufwachsen, da wächst Mai im Schatten von Maos langem Weg in China heran. Armut und ein späterer Aufstieg durch Bildung, der durch das Treiben der Rotarmisten konterkariert wird, sie sind die prägenden Erfahrungen, die die junge Frau in China macht, ehe ihr die Flucht nach Amerika gelingt.

In diesem Teil fügen sich die zuvor berührten Brüche und offenen Fragen zu einem schlüssigen und durchaus dramatischen Erzählfluss, der die Statik der ersten Teile zumindest ein Stück weit wieder wettmacht. Die erlebten Extreme, das hierzulande recht unbekannte Kapitel der chinesischen Epoche unter Mao, die Erfahrungen als Migrantin in einem fremden Land und die begangenen Fehler, die sich doch mit Verzögerung rächen, so wie der Samen einer Lotospflanze auch Jahrzehnte nach seiner Ernte noch keimen kann, das gelingt Rachel Khong wirklich gut.

Ein Great American Novel mit chinesischen Wurzeln

Mal erinnert Rachel Khongs Erzählen an Richard Powers, mal gibt es einen Anklang an Taffy Brodesser-Akner, mal blitzt Min Jin Lee aus der Ferne auf.

Doch um an die ganz großen Namen der amerikanischen Gegenwartsliteratur anzuschließen, fehlt mir bei dem Buch in Teilen Tiefe und ein entschiedener genutztes Potential, das der Geschichte fraglos innewohnt.

Bis die interessanteste Erzählperspektive ins Spiel kommt, vergehen viele hundert Seiten, ehe es dann soweit ist und Mai loserzählen darf.
Spannende erzählerische Einfälle wie die verschobene Zeit-Wahrnehmung, die alle drei Generationen immer wieder als kurzzeitig stillstehend erleben, sie werden nicht in ihrer ganzen Tiefe ausgeschöpft, sondern hinterlassen den Eindruck, dass man aus so einem Einfall deutlich mehr hätte herausholen können.
Ziemlich ungewöhnliche oder unwahrscheinliche Umstände, wie die sofortige Liebesgeschichte zwischen Matthew und Lily und arg große Zufälle in Sachen familiärer Zusammenführungen, sie lösen ein kleines Störgefühl aus, das aber durch den geschmeidigen erzählerischen Sog auch wieder besänftigt wird.

So schnurrt Real Americans geschmeidig vor sich hin und nimmt die Leser*innen mit nach Amerika und China, unterhält gut und bietet Dramatik, Liebe und familiäre Volten und dürfte damit viele Leserschichten ansprechen.

Ein Bestseller mit Ansage?

Bleibt nur noch die eingangs aufgeworfene Frage nach der Planbarkeit von Beststellern. Ist es möglich, Bestseller mit solchen orchestrierten Marketingkampagnen zu erzeugen? Offensichtlich ja, wie die Geschichte von Rachel Khongs Roman zeigt.
Real Americans ist nämlich bereits wenige Tage nach dem Erscheinen in die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen und dürfte damit in leicht abgewandelter Form auch für weitere Kampagnen in anderen Verlagshäusern dienen, um sich ein Stück vom Kuchen in Sachen Verkaufszahlen und Sichtbarkeit zu sichern, den die landesweite Kampagnen um Rachel Khongs Buch damit verspricht.


  • Rachel Khong – Real Americans
  • Aus dem Englischen von Tobias Schnettler
  • ISBN: 978-3-462-00572-1 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 528 Seiten. Preis: 24,00 €

Don Winslow – The final score

Sag niemals nie – diese Wahrheit hat auch Don Winslow beherzigt. Denn statt weiter in schriftstellerischer Rente zu verharren, legt er mit The final score einen Sammlung von Kurzgeschichten vor, bei der er passenderweise gleich noch einen alten Helden aus frühen Karrieretagen reaktiviert.
Eine allzu hohe Wertung erreicht dieser finale Score allerdings nicht – ist aber doch zugleich auch sehr bemerkenswert.


Es war ein ambitioniertes Vorhaben, für das Don Winslow seine Karriere als erfolgreicher Thrillerautor vor vier Jahren an den Nagel hängte. Statt weiter Krimis zu schreiben, wollte er mit seinem Engagement auf dem Kurznachrichtendienst Twitter und der Anfertigung von kurzen Filmen die Wiederwahl Donald Trumps verhindern. Ein Vorhaben, das bekanntermaßen von wenig Erfolg gekrönt war – und auch Winslows Medium, der Kurznachrichtendienst Twitter, hat seither einen rasanten Niedergang hingelegt.

Nun erscheint nun mit The final score ein neues Buch von Don Winslow, das vom herausgebenden Harper Collins-Verlag als Thriller geführt wird. Es stellt unter Beweis, dass es mit der Ankündigung des Karriereendes nicht allzu weit her war.
Ein Thriller im klassischen Sinne ist das Buch allerdings nicht, vielmehr enthält das Werk sechs Kurzgeschichten, von denen eigentlich keine wirklich in die Gattung Thriller passt.

Don Winslows Rückkehr aus der Rente

Vielmehr sind manche der Erzählungen das Gegenteil eines Spannungsromans, etwa die Erzählung Die Sonntagsliste, die um einen jungen Mann kreist, der im Sommer des Jahres 1970 als Lieferant illegaler Spirituosen jobbt, um sich ein Studium zu finanzieren.
Sonntags herrschte im Bundesstaat Rhode Island zu jener Zeit nämlich ein eintägiges Alkoholkaufverbot, was der junge Mann in Winslows Erzählung zu nutzen weiß, um für einen Getränkelieferanten die am Tag des Herrn die illegale Auslieferung des Alkohols zu übernehmen, den er an die höchst unterschiedliche Kundschaft vertreibt.

Daneben gibt es Knast-Erzählungen wie die mit hundert Seiten längste Story Kollisionen am Ende des Buchs. Diese handelt von einem eigentlich unbescholtenen Familienvater, der er erst ins Gefängnis und dann in Abhängigkeit von einer Bande gerät.

Thematisch recht deckungsgleich die Erzählung Der Nordflügel, die ebenfalls von einem Verurteilten handelt, derm durch einen Deal seines Cousins ein schwereres Schicksal im Knast erspart werden soll, wofür sich dieser Cousin — ein Streifenpolizist — mit der Mafia einlässt.

Dazu gesellen sich noch die titelgebende Erzählung eines klassischen Heist-Coups um einen letzten Einbruch in ein Casino, eine Erzählung, die in reine Dialogform gegossen wurde und ein kurzes Wiedersehen mit dem surfenden Privatdetektiv Boone Daniels (Pacific Private), mit dem Winslow das Motiv der zu beschützenden höchst extenrischen damsel in distress aufgreift, die er schon im frühen Neal-Carey-Krimi A long walk up the waterslide behandelte und dann im Mittelteil seiner letzten Trilogie um den auf den Spuren der Aeneis wandelnden Mobster Danny Ryan erneut verwendete.

Bekannte Themen, kraftloses Erzählen

Hochspannung und temporeiche Verwicklungen gibt es kaum, vielmehr setzen die von der bewährten Winslow-Übersetzerin Conny Lösch ins Deutsche übertragenen Geschichten auf den typischen, schnell geschnittenen Erzählstil Winslows und umkreisen immer wieder das Thema von Gewalt, Familie und Mafia.

Sind Werke Don Winslows — von einigen erzählerischen Gurken abgesehen — in den letzten Jahren wirkliche Ereignisse gewesen, so wirkt beim erzählerischen Comeback des mittlerweile 73-jährigen Winslow alles seltsam saft- und kraftlos. Der finale Score ist erschütternd niedrig, um im Bild des Buchtitels zu bleiben.

Es mutet einigermaßen rätselhaft an, warum Winslow ausgerechnet mit einem Werk aus der Rente zurückkehren musste, das so wenig zu sagen hat. Dringlichkeit besitzt hier gar nichts.
Da nützt auch die seltsame Nobilitierung durch ein Vorwort des hierzulande kaum übersetzten und dementsprechend unbekannten Reed Farrel Coleman mit seinen Lobpreisungen oder das auf den Titel gedruckte Zitat Stephen Kings nichts.
Dessen Versicherung, dass das Buch das Beste sei, das er seit zwanzig Jahren gelesen gabe, lässt allenfalls Zweifel an der übrigen Lektüre Stephen Kings aufkommen. Was um Himmels Willen liest der Mann sonst so, wenn ihm in zwanzig Jahren kein besseres Buch als dieses untergekommen ist?

Dass das Buch nicht sonderlich gut lektoriert ist, sich deutliche Rechtschreibfehler wie Weinachten oder taugh im Text finden, passt ins Bild zu diesem ebenfalls mit wenig Mühe gestalteten Werk, das angefangen von der Covergestaltung bis hin zum Satz ein Gefühl von Lieblosigkeit verströmt.

Die bemerkenswerte Abwesenheit eines Themas

Das Ganze wäre an sich jetzt nicht sonderlich bemerkenswert. Das Muster eines Künstlers, der sein angekündigtes Karriereende revidiert, um unter großer Aufmerksamkeit ein bestenfalls mittelmäßiges Werk abzuliefern, gibt es in der Popkultur ja häufig.

Spannender wird der Fall, da im Falle von Winslows Geschichten gerade die Abwesenheit eines Themas besonders ins Auge sticht, nämlich die völlige Absenz von Gegenwartsbezug und Politik. So wirkt dieses auch im Original erst heuer erschienene Werk wie mit einem Dampfstrahler gereinigt von allen Spuren amerikanischer Gegenwart und Politikkritik, die Don Winslows Schreiben ja bislang auszeichnete.

Neben seinem digitalen Kampf gegen Donald Trump prangerte Winslow die Umtriebe des US-amerikanischen Präsidenten und die fatalen Auswirkungen des war on drugs auf die US-amerikanisch-mexikanische Grenzregion immer wieder in seinen Werken an, etwa im krimipreisgekrönte Epos Tage der Toten und den Nachfolgeromanen Das Kartell und Jahres des Jägers.

Kaum verhohlen hatten Personen wie Donald Trump der sein Schwiegersohn Jared Kushner neben Kartellbossen wie von Joaquín „El Chapo“ Guzmán in den Romanen ihre Auftritte und bekamen den literarischen Furor Winslows zu spüren.
Jetzt aber – dröhnendes Schweigen über die politische Gegenwart in den USA.

Don Winslow in einer Phase des Biedermeier?

Es scheint fast, als befände sich Don Winslow sich in einer Phase des Biedermeiers. Nostalgie und apolitische Mobster-Themen dominieren, und das in dem Jahr, in dem Donald Trump so unverhohlen wie noch nie in seiner Regierungszeit auf Recht und Ordnung pfeift, Machthaber aus anderen Ländern entführen lässt, illegale Bombenschläge auf Ländern anordnet oder diese gleich annektieren möchte, während auf den Straßen des Landes eine Prügeltruppe wie ICE schaltet und waltet und die Demokratie langsam errodiert.

Material für Kritik oder eine kriminalliterarische Aufarbeitung der Zustände wäre ja mehr als genug vorhanden – und mit seinem 2020 erschienenem Kurzgeschichtenband Broken stellte Don Winslow ja eindrücklich unter Beweis, dass er es kann. Sowohl in der langen wie auch in der kurzen Form ist er zu ebenso spannendem wie gesellschaftskritischen Erzählen in der Lage (man lese nur die ergreifende letzte Geschichte in Broken, die den Titel The last ride trägt. Darin erzählt er von einem Grenzschützer, der dem Unrecht in der Grenzregion nahe der mexikanischen Grenze zur Zeit des Trump’schen Mauerwahnsinns nicht länger zusehen kann und selbst die Initiative ergreift).

Nun aber nur zahnloses und unkritisches Erzählen, bei der kein Mächtiger kritisiert wird, kein Missstand in den Blick gerückt wird, allenfalls von Kämpfen im Knast erzählt wird, wie man es aus der Popkultur zur Genüge kennt.

Dröhnendes Schweigen zu den Zuständen in den USA

Mit diesem Schweigen über die Gegenwart in den USA und die rasanten Veränderungen, die die Regierung Donald Trumps bedeutet, ist Winslow nicht alleine, nur dröhnt dieses Schweigen angesichts seiner bisherigen Positionierung gegen Trump und Co., den er noch vor weniger als zwei Jahren einen Möchtegern-Diktator nannte, gegen der er in die Schlacht ziehen wollte, nun umso lauter.

Literarisch zeigt sich mit The final score das, was auch schon anderen Bereichen der USA von der Musikindustrie bis hin zum Hollywood dieser Tage zu beobachten ist. Stars scheuen eine kleine Positionierung und ein auf einer Preisverleihung getragener Anstecker gilt schon als größte Geste des Protests gegen die Zustände im Land. Man verzwergt sich lieber selbst, statt Shitstorms und Gegenwind in Kauf zu nehmen.

Nun fügt sich auch die Kunst Don Winslows in diese apolitische Starre der Künstler*innen ein, bei der eine klare Positionierung gegen das Wirken der Regierung gescheut wird, da aufgrund der Polarisierung des Landes auch künstlerisch kaum mehr eine Verständigung möglich ist und Sozialkritik zum gefährlichen Gegenstand geworden zu sein scheint.

Das ist symptomatisch für die Zeit und ist — wennauch vielleicht persönlich verständlich — in Bezug auf Don Winslows bisheriges Auftreten und Wirken in doppelter Hinsicht enttäuschend – sowohl was die Qualität seines Comebacks als auch sein fehlender Mut zu literarischer Kritik an den Zuständen seines Heimatlandes anbelangt.


  • Don Winslow – The final score
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-365-01337-3
  • 335 Seiten. Preis: 24,00 €

Sanora Babb – Namen unbekannt

Fast meint man bei der Lektüre den Staub aus den Seiten herausrieseln zu spüren. Eindrucksvoll erzählt die US-Amerikanerin Sanora Babb in ihrem Roman Namen unbekannt aus dem Jahr 1939 vom Elend der amerikanischen Farmer in den Great Plains zur Zeit der Wirtschaftskrise und den empörend Umständen, unter denen Wanderarbeiter ihre Arbeit in Kalifornien verrichten mussten.
Empörend ist auch die Geschichte des Buchs, denn jahrzehntelang stand Namen unbekannt im Schatten des Werks von John Steinbeck. Zu Unrecht, wie diese deutsche Erstausgabe des Buchs zeigt.


Etwas Besseres als den Tod finden wir überall – so befanden es die Bremer Stadtmusikanten am Ende des berühmten Märchens der Gebrüder Grimm, als sie aufbrachen, um an anderer Stelle ihr Glück zu finden. Doch dass solch ein Aufbruch keineswegs Besserung bringen muss, das beweist Sanora Babbs Roman Namen unbekannt beziehungsweise Whose names are unknown, so der englische Originaltitel, auf eindrückliche Art und Weise.

Denn darin verleiht Babb den abertausenden von Farmern und Wanderarbeitern zur Zeit der amerikanischen Wirtschaftskrise ein Gesicht und zeigt, dass zwischen Leben und Sterben kein großer Unterschied sein muss, wie es im Falle ihres Romans die Familie Dunne erleben muss.

Leben und Überleben in der Dust Bowl

Sanora Babb - Namen unbekannt (Cover)

Die Dunnes leben im Gebiet der sogenannten Dust Bowl, der Staubschüssel Amerikas — wobei man besser eigentlich von überleben sprechen müsste. Im Gebiet zwischen Kansas und Oklahoma, Oklahoma Panhandle genannt, bewirtschaften Milt und Julia zusammen mit dem Großvater Konkie Zeit und ihren beiden Töchtern eine Farm unter widrigsten Umständen.

Der Boden ist karg und lässt den Weizen kaum gedeihen, die Farmer sind auf Regen angewiesen, der aber dort im Land der Extreme schnell in Unwetter umschlagen kann, die dann wiederum die Ernte vernichten, von der man eigentlich selbst bei besten Bedingungen kaum leben kann.

Im Falle der Dunnes ist die Lage aber nun besonders bedrohlich. Denn während sich in Europa langsam ein zweiter Weltkrieg abzeichnet und sich die US-amerikanische Wirtschaft auf Talfahrt befindet, ziehen zu allem Überfluss auch noch hartnäckige Staubstürmen über Land, die die sowieso schon karge Ernte restlos vernichten. Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit sind die Folge, von denen Sanora Babb höchst anschaulich erzählt und dabei an die Erzähltradition des Naturalismus anknüpft.

Ein Roman in der Tradition des Naturalismus

Das Leid durch die Missernten, die schlechte Versorgung mit Nahrung, die sogar in Totgeburten endet, der durch alle Ritzen kriechende Staub und der trostlose Anblick der Natur, all das schildert die 1907 geborene Autorin sehr eindringlich und ungeschönt.

Der lange schwere Winter setzte ein, entfaltete sich grausam und dumpf, indem er von den Rocky Mountains im Westen in einem einzigen ungebremsten Riesenschwung hohe, schneidende Winde durch die Ebene zu ihnen herüberschickte. Nur gelegentlich milderten und verschönerten Schneefälle die grausame Pracht der Landschaft.

Der heftige Frost hatte kaum die Zweige der Schwarzpappeln, die die Flüsse säumten, geknickt und das Grün aus dem Unkraut gesogen, als der würzige Herbstgeruch aus der Abendluft verschwand und es bitterkalt wurde. Das Grün des zähen Büffelgrases, wie eine dichte, leicht gewellte Decke über der trockenen Ebene ausgebreitet, wandelte sich unmerklich zu Grau. Der Wind löste die starken Wurzeln des Salzkrautes und trieb es vor sich her über die Prärie, bis es in dichten Garben an den Stacheldrahtzäunen hängenblieb.

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 85 .

Das Erzählen Sanora Babbs speist sich auch aus eigener Erfahrung, schließlich wuchs sie unter ähnlich Bedingungen auf, wie sie diese im Roman schildert. Zudem half sie später als Sozialarbeiterin Farmern wie denen der fiktiven Dunnes und erlebte deren Überlebenskämpfe unmittelbar mit. Dies macht Namen unbekannt zu einer solch starken und eindrücklichen Lektüre, die Schicksal ihrer Figuren auch dann noch folgt, als diese ihre letzten Besitztümer verpfänden, um mit einer in ähnlicher Armut lebenden Nachbarin das alte Pionier-Motto „Go West!“ zu beherzigen und gemeinsam nach Kalifornien aufzubrechen.

Von Oklahoma nach Kalifornien

Dass das Leben dort zwar staubfreier, aber ansonsten auch alles andere als leicht für Menschen wie sie ist, das zeigt die zweite Hälfte des Romans. Zwar mag sich die Kulisse für den Überlebenskampf der Familie geändert haben, etwas Besseres als den Tod haben sie aber auch in Kalifornien nicht gefunden, wie die folgenden Ereignisse zeigen.

Aufgrund der Wirtschaftskrise gibt es nämlich ein Überangebot von amerikanischen Arbeitern, die mit Mexikanern und anderen Einwanderer um die spärlichen Jobs konkurrieren, was zu einem Unterbietungswettbewerb in Sachen Lohn und Lebensumstände führt. Sogar für Licht müssen sie in den Baracken zahlen und werden von den Aufsehern und Farmer an allen Stationen niedergehalten, egal ob bei der Baumwollernte oder beim Pflücken von Pfirsichen.

Auch hier zeigt sich, dass die Dunnes die ganze Pazifikküste auf der Suche nach Arbeit bereisen können, bessere Lebensumstände finden sie aber nirgends. Steter Begleiter sind auch hier Hunger und Entbehrung, was bis hin zum Kochen eines Pfeffertees als einziger Nahrungsquelle reicht. Bei diesem handelt es sich um heißes Wasser, das mit Salz und Pfeffer versetzt wird — tageweise die einzige Nahrung, die die Dunnes zu sich nehmen, während sie bis zur Selbstaufgabe schuften, verhöhnt von den Vorarbeitern und Aufseher, für die die Ausbeutung und das Leid der Ärmeren ganz natürliche Umstände sind.

„Es gibt eben auf der ganzen Welt eine Klasse von Menschen, die für diese Art von Arbeit gemacht ist. Denen kann man helfen, wie man will, sie landen immer wieder ganz unten“

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 264

Die Widerstandskraft der Vielen

Gespeist aus ihren persönlichen Erfahrungen ist Namen unbekannt ein kraftvolles Dokument für die Leidensfähigkeit und die Entbehrungen, die die tausenden Wanderarbeiter und Farmer zur Zeit der Wirtschaftskrise erleiden mussten, obgleich das Buch nicht nur in der Beschau des Leids verharrt. Sanft weist Sanora Babbs Werk auch einen Weg, um Unrecht und sozialen Missständen entgegenzutreten, indem immer wieder der Gedanke von Gemeinschaft und gewerkschaftlich organisiertem Widerstand als mögliche Wege aus der Krise aufscheinen.

Wie viele Leben waren nicht schon durch schieres Ertragen vergeudet worden? Wären all diese Leben, wenn sie sich zusammenschlossen, nicht in der Lage, die Welt zu verändern?

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 56

All diese Leben, die in der Geschichtsschreibung keinen Widerhall fanden, sie bekommen von Sanora Babb postum die Würdigung, die ihr Kampf gegen die omnipräsenten Widerstände verdient.

Die unbekannte Sanora Babb

Doch nicht nur die hier gewürdigten Schicksale der Wanderarbeiter sind heute noch weitestgehend unbekannt, auch für Sanora Babb trifft das leider zu. Denn die Autorin stand zeitlebens (1907-2005) im Schatten eines Mannes, der in seinen Romanen ebenfalls vom Schicksal der amerikanischen Wanderarbeiter erzählte und der zeitgleich mit Sanora Babb an einem Roman mit ähnlichem Plot wie Namen unbekannt arbeitete.
Sein Name: John Steinbeck.

Dieser hatte zuvor schon mit seinem Werk Von Mäusen und Menschen für Aufmerksamkeit gesorgt und stand mit dem gleichen Mann in Austausch, mit dem auch Sanora Babb für ihren Roman zusammenarbeitete. Möglicherweise hatte Steinbeck sogar Kenntnis von Babbs Entwürfen, wie die Autorin Mareike Fallwickl in ihrem Nachwort zu Namen unbekannt spekuliert.

So oder so ist die Geschichte bestürzend. Denn während Steinbecks Roman 1939 erschien, lehnten die Verlage auch angesichts des überragenden Erfolgs die Publikation des zeitgleich entstandenen Werks von Sanora Babb ab. Zu gleich seien die Themen der Bücher, als dass die Öffentlichkeit ein zweites, thematisch gleich gelagertes Buch interessieren könne, so das Urteil der Verlage.

Dass dies ausgemachter Unsinn ist, muss man nicht nur angesichts des ökonomischen Erfolgs von austauschbaren Regional- oder Serienmörderkrimis konstatieren, sondern es zeigt sich auf auch dem Buchmarkt in Form von erfolgreichen Doppelung von Romanen wie dem von Caroline Wahl, der auf den inhaltlich kongruenten und sprachlich deutlich besseren Erstling von Annika Büsing folgte.

Es sollte bis ins Jahr 2004 (!) dauern, bis der Roman publiziert werden sollte und Babb ihn in ihren mittlerweile 97 Jahre alten Händen halten durfte, immerhin noch ein Jahr vor ihrem Tod im darauffolgenden Jahr.

Fazit

So fügt sich Namen unbekannt in eine ganze Riege übersehener oder verdrängter Romane aus weiblicher Feder ein, die im Nachhinein zeigen, um wie vieles die Literatur ärmer ist, da man solche literarische Stimmen wie die von Sanora Babb über Jahrzehnte hinweg überging und ignorierte.

Zwar spät, aber nicht zu spät erfolgt nun die Wiederentdeckung dieser Frau und ihres Schreibens, das sowohl durch ihr Schicksal als auch durch die Themen ihres Erzählen zeigt, dass es nie zu spät ist, um sich den scheinbar unverrückbaren Gegebenheiten entgegenzutreten und selbst Widerstand zu leisten, für eine bessere Welt, in der Unterdrückten doch noch Gerechtigkeit widerfährt!


  • Sanora Babb – Namen unbekannt
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Reinhardus
  • Nachwort von Mareike Fallwickl
  • ISBN 978-3-15-011471-1 (Reclam)
  • 304 Seiten. Preis: 25,00 €

Liz Moore – Der andere Arthur

Dass man das Eisen schmieden muss, solange es heiß ist, das hat sich auch der Münchner Verlag C. H. Beck gedacht. Weniger als ein Jahr nach dem großen Bestsellererfolg von Liz Moores Spannungs-Großtat Der Gott des Waldes liefert der Verlag mit Der andere Arthur Nachschub für alle Fans von Liz Moore.
Um ein neues Werk handelt es sich bei dem Buch allerdings nicht, vielmehr stammt Heft, so der Originaltitel, aus der Frühphase der Autorin. Das merkt man dem Buch leider auch ein wenig an…


Im Jahr 2020 ließ Liz Moore hierzulande das erste Mal aufhorchen. Aus dem Nichts präsentierte sie mit Long Bright River einen ebenso spannenden wie gut beobachteten Roman, der von zwei unterschiedlichen Schwestern erzählte. Während die eine als Streifenpolizistin ihren Dienst in den Straßen von Philadelphia versah, verdingte sich die andere als Prostituierte auf ebenjenen Straßen, durch die die Schwester patrouillierte. Eine Serienverfilmung des Stoffs mit Amanda Seyfried in der Rolle der Streifenpolizistin folgte im vergangenen Jahr.

2025 war es auch, dass Liz Moore erneut für literarisches Aufsehen sorgte, als hierzulande in der Übersetzung durch Cornelius Hartz der Roman Der Gott des Waldes erschien. Gekonnt spielte Moore darin mit Rückblenden und Perspektivwechsel, um vom Verschwinden eines jungen Mädchens aus einem Feriencamp in den Adirondacks zu erzählen — bereits der zweite Fall eines Verschwindens dort, das mit der reichen Familie van Laar in Verbindung stand.

Eine Verfilmung dieses Stoffs braucht man hier eigentlich gar nicht, hat Moore das serielle Erzählen und das Erzeugen von Kopfkino in diesem Roman schon zur Perfektion gebracht.

Nachschub von Liz Moore

Auf diesen Bestsellererfolg folgt nun mit Der andere Arthur ein weiterer Roman von Liz Moore, der allerdings dünner ausfällt als der gewichtige, fast 600 Seiten starke Vorgängerroman.

Dick ist hier nur der Protagonist Arthur Opp, der sich in einem Brief auf der ersten Seite gleich einmal so vorstellt:

Das Erste, was du über mich wissen musst Ich bin unglaublich dick. Als wir uns damals kennenlernten, hätte man vielleicht gesagt, ich hätte Übergewicht, aber das trifft es längst nicht mehr. Ich esse, was ich will und vor allem: wann ich will. Seit Jahren gebe ich mir kaum noch Mühe, weniger zu essen, ich habe einfach keinen Grund dazu.

Liz Moore – Der andere Arthur, S. 9

Dieser Arthur Opp hat schon seit Jahren sein Zuhause in Brooklyn nicht mehr verlassen und auch gar keinen Grund dazu. Er hat sich recht komfortabel in seinem Leben eingerichtet, als ihn eine Nachricht seiner ehemaligen Geliebten aus dem kalorienreichen Starre reißt.

Diese meldet sich per Brief bei ihm, nachdem der Kontakt zu ihr zuletzt völlig eingeschlafen war. Einst war Charlene der Grund, dass Arthur seine Karriere an der Universität aufgab, nun tritt sie mit einem Paukenschlag wieder in sein Leben, nachdem sie jahrelang nichts mehr von sich hat hören lassen. Charlene hat nämlich einen Sohn, wovon Arthur nichts ahnte.

Arthur und Kel

Liz Moore - Der andere Arthur

Dessen Leben zeigt der zweite Erzählstrang des Romans, mit dem sich Liz Moore wie schon in ihrem später folgenden Long Bright River für das Erzählprinzip der Parallelmontage entscheidet. So zeigt sie die Veränderungen im Leben Arthurs, die diese Nachricht auslöst, ebenso wie das Leben von Kel, der als 17-Jähriger ein hoffnungsvolles Baseball-Talent ist, aber mit seiner Herkunft wie auch mit seinem Leben im Dunstkreis einer Eliteschule hadert.

Beide Lebensstränge schildert die US-Amerikanerin aus der Ich-Perspektive und ist damit ganz nah dran, wenn Arthur aus seiner auch emotionalen Katatonie erwacht, während Kel um eine Chance im Leben kämpft und schneller erwachsen werden muss, als das eigentlich gemeinhin der Fall ist.

Für Der andere Arthur verschmilzt Liz Moore Elemente des Sportlerdramas, wie man es auch beispielsweise von Eli Cranor kennt, mit Themen, die auch später ihr Schreiben prägen sollten. Drogenmissbrauch und Drogentod, die Frage von Fürsorge und Einsamkeit scheinen in dem Buch auf. Auch kann man Bezüge finden zum Samuel D. Hunters Theaterstück The Whale, das ebenso wie Moores Roman im Jahr 2012 erschien und elf Jahre später in der Verfilmung durch Darren Aronofsky Brendan Fraser für seine Rolle eines adipösen Englischlehrers den Oscar als bester Hauptdarsteller bescherte.

Neues Altes

Dass es sich bei Der andere Arthur um ein Frühwerk von Liz Moore handelt, das fällt nicht nur beim Blick ins Impressum des Buchs auf.

So ist die Montage des Buchs noch relativ einfach gehalten, wohingegen ihrer späteren Romane durch eine gekonnte Verschachtelung der Erzählebenen auffallen. Beide Erzählstränge laufen bis zum Ende recht unauffällig nebeneinander her, ohne sich gegenseitig in größerem Maße zu beeinflussen oder zueinander zu finden.

Auch bedient sich Moore in diesem Frühwerk noch erzählerischer Klischees wie dem der gewitzten spanischsprachigen Putzhilfe, die Arthurs Leben nicht nur in Sachen wohnlicher Hygiene zum Besseren wendet. Auch fällt die Ausgestaltung von Charlene und ihren Motiven in Sachen Figurenzeichnung hinter die beiden Hauptfiguren zurück. Besonders als Scharnier zwischen den beiden Erzählsträngen hätte es hier aber einer klareren Gestaltung ihrer Figur und Rolle gebraucht.

Sind die späteren Bücher Liz Moores auch frei von leicht stereotypen Figuren und Erzählmustern, fallen diese Schwächen im vorliegenden Buch noch auf.

Fazit

Setzt man das Buch in Vergleich mit den beiden anderen bislang erschienenen Werken, so muss man konstatieren, dass Der andere Arthur der schwächste der drei auf Deutsch vorliegenden Romane von Liz Moore ist.
Das liegt gar nicht am fehlenden Spannungsplot — und ist in Bezug auf das Schreiben von Liz Moore natürlich auch immer relativ zu sehen — aber die Zugkraft ihrer beiden späteren Bücher kann das neue alte Werk nicht entwickeln, auch wenn es natürlich spannend ist, nachzuvollziehen, wie sich das Schreiben von Liz Moore innerhalb von knapp eineinhalb Jahrzehnten entwickelt hat.


  • Liz Moore – Der andere Arthur
  • Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
  • ISBN 978-3-406-84333-4
  • 377 Seiten. Preis: 26,00 €