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Leila Mottley – Nachtschwärmerin

Leila Mottley geht in ihrem Debüt Nachtschwärmerin dahin, wo es weh tut. Sie beobachtet den Kampf einer Teenagerin um ein geregeltes Leben für sich und ihren Bruder – und lässt sie an am Sozialsystem der USA, an Korruption, Ausgrenzung und Machtmissbrauch scheitern. Ein sozialkritischer Roman ohne viel Hoffnung.


Oakland, die drittgrößte Stadt in der San Francisco Bay Area. Hier lebt die siebzehnjährige Kiara und ihr älterer Bruder Marcus in einer heruntergekommenen Wohnanlage namens Royal Hi. Royal ist hier allerdings gar nichts. An allen Ecken und Enden herrscht Verwahrlosung, sowohl bei der Anlage selbst als auch bei deren Bewohnern, für die das Hi im Namen der Wohnanlage eher für „High“ steht. Der Pool der Anlage riecht nach Exkrementen, cracksüchtige Bewohner*innen hausen dort – und Kiara muss sich neben ihrem Bruder Marcus auch um das Kind einer dieser Cracksüchtigen kümmern, die sich irgendwo in Oakland herumtreibt, statt sich um ihr Kind zu kümmern.

In den Baracken von Oakland

Die Eltern von Kiara und Marcus sind beide abwesend – die Gründe dafür erklärt Lila Mottley später im Buch. Und so ist der ferne Onkel Ty das einzige greifbare Familienmitglied, der zum leuchtenden Idol für Marcus wird, hat dieser es doch als Rapstar aus der erbärmlichen Umgebung des Royal Hi hinaus in die besseren Viertel von Oakland geschafft. Doch Ty will mit den Kindern seiner Schwester nichts zu tun haben.

Leila Mottley - Nachtschwärmerin (Cover)

Schon zu Beginn spitzt sich die Lage dramatisch zu, als den beiden jungen Erwachsenen eine Mieterhöhung ins Haus steht, die sie nicht bezahlen können. Marcus verbringt seine Tage lieber im Musikstudio eines Freundes, um seinem Onkel nachzueifern und Rap-Tracks aufzunehmen, ohne etwas zur Haushaltskasse beizutragen. Und Kiara bekommt aufgrund ihres Alters und fehlenden Lebenslaufs beruflich kein Bein auf den Boden. So etwas wie ein sichernde Sozialsystem gibt es für sie gar nicht. Und so geht sie den einzigen Schritt, der ihr bleibt: den in die Prostitution.

Sie verkauft ihren Körper, um ihren Bruder und sich durchzubringen, denn auf ihre Familie kann sie nicht vertrauen. Doch dabei gerät sie in die Fänge der Polizeibehörde, nachdem sie sie von Officers ertappt wird, als sie sich prostituiert. Diese erpressen sie, damit sie ihnen und anderen Gesetzeshütern in Oakland fortan zur Verfügung steht und drängen sie damit in ein verhängnisvolles System aus Unterdrückung und Machtmissbrauch, aus dem Kiara aus eigener Kraft kaum herausfindet. Mal geben ihr die Polizeiangehörigen etwas Geld, mal behaupten sie, dass der widerwillige Sex mit ihnen sie vor einer Verhaftung schützen würde. Aus eigener Kraft schafft es Kiara kaum mehr heraus aus diesem System.

Ein bestürzendes Bild des amerikanischen Prekariats

Das Bild, das Leila Mottley vom amerikanischen Prekariat zeichnet, ist bestürzend. Fernab von sonnengesättigter kalifornischer Lässigkeit zeigt die gerade einmal 23 Jahre alte Autorin eine nachtschwarze Welt, in der es so etwas wie Hoffnung fast gar nicht gibt. Man haust in heruntergekommenen Appartements, Kinder werden vernachlässigt und das Aufstiegsversprechen des amerikanischen Traums gilt für das Personal in Nachtschwärmerin auch nicht, wenngleich Onkel Ty mit seinem Raperfolg die Ausnahme ist, die die Regel bestätigt.

Leila Mottley überrascht in ihrem Buch mit Gnadenlosigkeit und einem bestechend genaue Blick auf dieses System, bei dem mittellose Schwarze wie Kiara und ihr Bruder schnell durchs Raster fallen. Auch legt sie in den Finger der Wunde namens Korruption, die bei vielen Polizeibehörden in Amerika leider schwärt und immer wieder für Schlagzeilen sorgt. So schreibt sie im Nachwort zu Nachtschwärmerin:

2015 war ich ein junger Teenager in Oakland, als ein Artikel Aufsehen erregte, der beschrieb, wie Mitglieder des Oakland Police Department und mehrerer anderer Polizeibehörden in der Bay Area sich an der sexuellen Ausbeutung einer jungen Frau beteiligt und versucht hatten, es zu vertuschen.

Dieser Fall entwickelte sich über Monate und Jahre, und auch als das mediale Interesse abflaute, rätselte ich weiter über diese Geschehnisse, über diese Mädchen und über all die anderen Mädchen, die keine Schlagzeilen machten, obwohl sie ebenso die Grausamkeit dessen erfuhren, was die Polizei dem Körper, dem Geist und der Seele eines Menschen antun kann. Neben diesem einen Fall, der es in die Nachrichten schaffte, gab und gibt es Dutzende weitere Fälle von Sexarbeiter*innen und jungen Frauen, die Gewalt durch die Polizei erfahren und deren Geschichten unerzählt bleiben, die keinen Gerichtsprozess erleben und die diesen Situationen nicht entkommen. Aber wir kennen nur wenige von diesen Fällen.

Leila Mottley – Nachtschwärmerin, S. 410

Das Anliegen, auf diese Fälle hinzuweisen und den unmenschlichen Umgang mit den Opfern aufzuzeigen, löst Leila Mottley gelungen, indem sie Kiara alle Stationen ihrer Via Dolorosa abschreiten lässt, bis hin zum Prozess, in dem alles kulminiert.

Fazit

Die junge Autorin erinnert mit ihrem sozialkritischen Blick an andere Werke wie etwa Liz Moores Long bright river, in dem ebenfalls tief in die Abgründe der amerikanischen Gesellschaft geblickt wird. Erbaulich ist das natürlich nicht, eher erschütternd und ohne viel Hoffnung. Aber solche Literatur braucht es. Literatur, die dorthin blickt, wo man sich lieber abwendet und die die Realität an den Rändern der Gesellschaft in den Blick nimmt, auf dass diese Realität Veränderung erfahre!


  • Leila Mottley – Nachtschwärmerin
  • Aus dem Englischen von Yasemin Dincer
  • ISBN 978-3-7530-0058-9 (Ecco)
  • 416 Seiten. Preis: 22,00 €
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S. A. Cosby – Blacktop Wasteland

Dieser Thriller nimmt sein verhandeltes Thema ernst. Schon ab den ersten Seiten presst einen S. A. Cosby mit seinem Roman um einen eigentlich ausgestiegenen Fluchtwagenfahrer in den Sitz. Rasante Unterhaltung mit einem leider etwas überzogenen Gewaltanteil. Blacktop Wasteland.


Alles beginnt mit einem geheimen Rennen im Dinwiddie County, mitten im Nirgendwo von Virginia. Beauregard, genannt Bug, ist auf Vermittlung seines Cousins Kelvin angetreten, um mit seinem hochmotorisierten Duster ein Rennen zu fahren. Als Preisgeld locken einige hundert Dollar. Geld, das Bug gut gebrauchen kann, befindet er sich doch knöcheltief im Dispo. Seine Autowerkstatt wirft aufgrund von billiger Konkurrenz vor Ort kaum mehr etwas ab. Seine Kinder brauchen Geld für die Schule, die Kreditkarten sind ausgereizt. Und so versucht er dieser prekären Situation mithilfe eins Autorennens zu entkommen. Doch das Rennen geht schief und Beauregard steht ähnlich klamm wie zuvor da.

Da wird Bug rückfällig und dient sich lokalen Gangstern noch einmal als Fluchtwagenfahrer an. Zusammen mit zwei wenig intellektuellen Amateurgangstern will er einen Juwelier überfallen, um sich so seine Schulden vom Hals zu schaffen und seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch wie es zumeist bei solchen Geschichten der Fall ist: auch hier geht einiges schief und Bug macht sich mit dem Überfall gehörig Feinde.

Ein klassischer Krimi mit klassischen Motiven

S. A. Cosby - Blacktop Wasteland (Cover)

Behauptet der Grandseigneur Walter Mosley in seinem Lob des Buchs auch, S. A. Cosby erfände hier den amerikanischen Kriminalroman neu, würde ich konstatieren, dass hier genau das Gegenteil der Fall ist. Blacktop Wasteland ist ein klassischer, in manchen Momenten fast wie aus der Zeit gefallener Thriller. Das Motiv ist altbekannt: ein Fluchtwagenfahrer, der eigentlich ausgestiegen ist, nun aber noch einmal einen letzten Coup drehen möchte, um alle Altlasten hinter sich lassen (James Sallis lässt grüßen).

Auch der Überfall selbst wirkt schon fast antiquiert: in Zeiten von Hacking, dem Verschwinden des Bargelds und digitalen Geldströmen wirkt so ein Überfall auf einen Juwelier direkt nostalgisch. Dass die tölpelhaften Gangster den Coup dann natürlich verstolpern, in ihrer Großmäuligkeit zu Fehlern neigen und dann von weitaus gefährlicheren Gangstern ins Visier genommen werden, das kennt man doch eigentlich schon zur Genüge. Von einer Neuerfindung des Krimis würde ich deshalb hier keinesfalls sprechen.

Ein Thriller mit Beschleunigungsfaktor und mit Gewalt

Doch auch wenn S. A. Cosby hier nichts neu erfindet, so spielt der doch gekonnt mit den Themen und Motiven. Man nimmt ihn seinen Helden, den herzensguten Fahrer, der eigentlich nur seine Familie zusammenhalten will, durchaus ab. Auch ist das Buch in seinen Fluchtwagenszenen, den Rennen und der permanent lauernden Gefahr gelungen und presst übertragen gesprochen in den Sitz. Bei der Laufzeit des Romans ist keine Seite zuviel, das Tempo durchgehend hoch und wird zum Ende hin sogar noch beschleunigt.

Das alles wäre ein Ereignis, ein Meisterwerk, wenn da nur diese überzogene Gewalt nicht wäre. Das beginnt schon in der Eingangsszene und setzt sich im Lauf des Buchs inkremental fort.

Warren setzte gerade an, sich umzudrehen, als Beauregard den Schraubenschlüssel auf seinen Trapezmuskel krachen ließ. Beauregard hörte ein feuchtes Knacken, wie früher, wenn sein Großvater am Esstisch Hähnchenflügel gebrochen hatte. Warren ging zu Boden, und sein Urin spritzte über die Karosserie des Oldsmobile.

Er rollte sich auf die Seite, und Beauregard verpasste ihm einen weiteren Schlag auf die Rippen. Warren wälzte sich auf den Rücken. Blut tropfte aus seinem Mund un über sein Kinn. Beauregard kniete sich neben ihn, nahm den Schraubenschlüssel und legte ihn wie einen Knebel quer über Warrens Mund. Er packte beide Enden und legte sich mit seinem ganzen Gewicht darauf. Warrens Zunge krümmte sich wie ein dicker rosa Wurm um den Schaft des Werkzeugs. Blut und Speichel strömten aus seinen Mundwinkeln über seine Wangen.

S. A. Cosby – Blacktop Wasteland, S. 23

Fazit

Das war mir seiner Brutalität und der Explizität der Schilderungen dann doch etwas zu heftig, als dass ich dieses Buch vorbehaltlos weiterempfehlen könnte. Das ist schade, weil Blacktop Wasteland ansonsten eigentlich ein rundum gelungener, schneller und mitreißender Thriller aus der amerikanischen Einöde ist. Nur der Punkt der schon fast splatterhaften Gewalt, er störte mich doch erheblich, vor allem wenn gegen Ende alles in einem Gemetzel versinkt (ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung vorwegnehmen zu wollen). Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen – was S. A. Cosby dann hoffentlich im dieser Tage erscheinenden neuen Thriller Die Rache der Väter dann beherzigt. Dann könnte er wirklich in die Premiumliga der amerikanischen Spannungsautor*innen aufsteigen!


  • S. A. Cosby – Blacktop Wasteland
  • Aus dem Englischen von Jürgen Bürger
  • ISBN 978-3-7472-0220-3 (Ars Vivendi)
  • 320 Seiten. Preis: 22,00 €
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Don Winslow – City on fire

Ist das noch Troja oder schon Dogtown, dass da brennt? Zum (angeblich) letzten Mal beglückt uns Don Winslow mit einer Trilogie um Rache, Verrat, Mobster, Gewalt und Liebe. City on fire ist eine klassischen Tragödie im Gewand eines Mafiathrillers, der den Auftakt zu einer Reihe um Danny Ryan bildet. Dieser findet sich in einem verzehrenden Kampf zwischen italienischer und irischer Mafia wieder. Nicht ganz so voluminös wie Winslows Zyklus um den DEA-Agenten Art Keller und dessen Kampf gegen das mexikanische Kartell, aber auf dem erfreulich hohem Niveau, das er zuletzt nach den Tiefschlägen mit seinem Kurzgeschichtenband Broken wieder erreichte.


In letzter Zeit machte Don Winslow eher auf dem Feld der Social-Media-Kommunikation denn literarisch von sich reden. Mit seinen Kurzfilmen griff er in den US-Wahlkampf ein, twitterte und positionierte sich lautstark gegen die Politik Donald Trumps. Auch in seinem letzten, 2019 erschienenen Teil der Art-Keller-Trilogie ließ er Trump, dessen Schwiegersohn Jared Kushner und den Rest des damaligen republikanischen Regierungsapparat kaum verfremdet auftreten und zog dabei mächtig vom Leder, um die Bigotterie und Korruption im System mithilfe des fiktionalen Thrillers aufzuzeigen.

Seine politische Positionierung und klaren Ansichten etwa der amerikanischen Einwanderungspolitik an der Grenze zu Mexiko führte er auch in seinem zuletzt veröffentlichten Kurzgeschichtenband Broken fort. Und auch künftig gedenkt Winslow dieses politische Engagement nicht ruhen zu lassen, vielmehr will er seine schriftstellerische Karriere zugunsten der Verhinderung einer Wiederwahl Donald Trumps aufgeben, wie jüngsten Pressemeldungen zu entnehmen war.

Der Auftakt zu Winslows letzter Trilogie

Bis es nun aber soweit ist, gibt es mit City on fire den Auftakt seiner vielleicht letzten Trilogie zu lesen, die sich wieder etwas von der politischen Agenda Winslows entfernt. Denn anstelle von der gegenwärtigen Politik und Gesellschaft zu erzählen, begibt sich der Autor fast vierzig Jahre zurück, nämlich ins Jahr 1986, genauer gesagt in den August jenes Jahres.

Don Winslow - City on fire (Cover)

Alles beginnt mit einem Clambake, also einem Zusammentreffen beim italienischen Padrone Pasco Ferri am Goshen Beach in Rhode Island. Wenn Ferri einlädt, dann kommen sie alle, egal ob irische oder italienische Mobster. Man trifft sich bei gegrillten Meeresfrüchten und Bier, badet und parliert am Strand.

Es sind friedliche Treffen, genauso wie es eigentlich friedliche Zeiten im kriminellen Milieu sind. Iren und Italiener haben sich miteinander arrangiert, es herrscht der Zustand einer friedliche Co-Existenz. Die Iren kontrollieren die Gewerkschaften und den Hafen, die Italiener Drogen und Glücksspiel. Alles könnte eigentlich in bester Ordnung sein. Doch Ferris Einladung zu seinem Clambake ist neben den jeweiligen Sprösslingen der Anführer auch Pam gefolgt, die neue Freundin von Paulie Moretti. Sie verdreht mit ihrem Sexappeal und Aussehen sämtlichen Männern und Frauen am Goshen Beach den Kopf.

Danny Ryan sieht die Frau dem Wasser entsteigen, sie taucht auf wie ein Bild aus seinem Traum vom Meer, wie eine Vision. Nur dass sie real ist und es wegen ihr Ärger geben wird.

Wie meistens mit schönen Frauen.

Danny weiß das; nur ahnt er nicht, was für einen Wahnsinnsärger diese hier lostreten wird. Wüsste er, was passieren wird, würde er vielleicht zu ihr in die Wellen waten und ihren Kopf unter Wasser drücken, bis sie sich nicht mehr rührt.

Aber er weiß es nicht.

Don Winslow, City on fire, S. 11

Eigentlich ist Pam, die hier Botticelli-gleich den Fluten entsteigt, die Freundin von Paulie Moretti, dem Sohn des italienischen Paten. Doch auch bei Liam Murphy, dem Sohn des irischen Paten, weckt Pam Begehrlichkeiten. Er spannt Paulie Moretti seine Freundin aus – und setzt damit eine blutige Dominokette in Gang. Denn den Verlust seiner Freundin kann und will Moretti nicht hinnehmen, und so entspinnt sich ein tödlicher Kampf, in dem Autobomben und Drive-by-Shootings, viele Tote und noch mehr Leid zu beklagen sind.

Klassischer Tragödienstoff

Es ist ein klassischer Tragödien-Stoff, den Winslow hier verarbeitet. Der Kampf zweier Männer um eine Frau, der anschließende Krieg, Täuschungsmanöver und Verrat mit sich bringt und ganze Reiche in den Abgrund reißt. Die Themen sind die immergleichen, egal ob Trojanischer Krieg oder der Kampf um Dogtown in Rhode Island. Mögen sich auch die Mittel und Worte unterscheiden, die Konflikte, sie bleiben doch gleich. Und so setzt Winslow seinen verschiedenen Kapiteln auch Zitate etwa von Homers Ilias oder Virgils Aeneis voran, um das Klassische seines Stoffs hervorzuheben. Das ist zwar in seiner Überdeutlichkeit nicht besonders subtil, für die ganz feinen Zwischentöne sollte man aber eh zu anderen Autor*innen denn Winslow greifen.

Wo bei Homer das Versmaß und die Abgewogenheit in Form und Inhalt herrschte, so geht Winslow literarisch durchaus rustikaler zu Werke. In der für ihn so typischen atemlos hetzenden Prosa (abermals von der verdienten Winslow-Übersetzerin Conny Lösch ins Deutsche übertragen) beschreibt er die eskalierende Gewalt in Rhode Island, reißt kurz, aber wirkungsvoll die Hintergrundgeschichten seiner Figuren an, lässt seine Figuren und damit die Leser*innen kaum zur Ruhe kommen und kegelt seine Figuren schnell wieder vom literarischen Spielbrett, nachdem er sie zu Beginn sorgsam platziert hat.

Das hat einen enormen Drive, ist mitreißend geschildert und lässt durch den gut gesetzten Cliffhanger am Ende des ersten Buchs schnell auf das zweite Buch namens City of Dreams hoffen, dessen in Kalifornien spielender Beginn schon als Leseprobe dem ersten Teil beigefügt ist. Geht es auf diesem Niveau weiter, wäre der Entschluss Winslows zum Ende als Schriftsteller zugunsten seines politischen Engagements wirklich bedauerlich. Hier schreibt ein echter Könner, der die Welt der amerikanischen Mobster eindrücklich zu schildern weiß und dessen Ideen der Überführung eines antiken Tragödienstoffs ins Mafiamilieu der 80er Jahre plausibel aufgeht.


  • Don Winslow – City on Fire
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-7499-0320-7
  • 400 Seiten. Preis: 22,00 €
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Richard Wright – Der Mann im Untergrund

Erstaunt blickt man während der Lektüre auf das ursprüngliche Erscheinungsjahr von Richard Wrights Roman Der Mann im Untergrund. Dieses Buch soll von 1941 sein? Dabei liest sich das ursprünglich als Kurzgeschichte erschienene Werk des 1908 geborenen Schriftstellers wie ein Kommentar auf Polizeigewalt und Rassismus aus der Jetztzeit. Ein beeindruckendes und fiebriges Werk, das hier in seiner ursprünglich vorgesehenen Form erstmals zugängig gemacht wird.


Dabei begnügt sich der Herausgeber Malcolm Wright nicht mit der schieren Reproduktion des ursprünglich geplanten Textes, der zunächst abgelehnt und später als Erzählung in der Anthologie Cross Section: An Anthology of New American Writing erschien. Es ist vielmehr ein ganzes Bündel von Texten, den der Herausgeber um Wrights Erzählung spinnt.

So gibt es neben einer Einleitung und einem Nachwort auch einen Text, der sich mit der Genese des Werks und der Versionsgeschichte von Der Mann im Untergrund beschäftigt. Darüber hinaus ist dem Buch ein Text von Richard Wright selbst beigefügt, der den Titel Erinnerungen an meine Großmutter trägt. Darin erinnert sich Wright der Glaubenswelt seiner Großmutter, die er in Verbindung zu Schwarzem Denken, Blues und der Jazzhaftigkeit seiner eigenen Prosa setzt.

Und auch wenn ich mich persönlich damit immer schwer tue, wenn uns ein Autor sein Werk selbst erklärt, Ausdeutungen vornimmt und damit die eigene Lesart und Interpretation verengt, so hat Wrights Text doch auch noch einmal eine ganz eigene Qualität, da er Quellen und Einflüsse seines Schreibens nennt und sein Buch in die Tradition des Jazzs stellt.

Und auch Malcolm Wrights Nachwort führt weitere Deutungsebenen von Der Mann im Untergrund, indem er Verweise auf Platons Höhlengleichnis und die christliche Mystik im Text herausarbeitet. Wer solche Interpretationen lieber Lektüreschlüsseln überlässt und auf die eigene Assoziationswelt beim Lesen setzt, der kann die Nachworte natürlich weglassen – aber man bringt sich im Fall dieses Buchs wirklich um bedenkenswerte Ansätze, die auch Einblicke in die Kulturwelt ihrer Verfasser erlauben.

Ein zeitloses Buch

Richard Wright - Der Mann im Untergrund (Cover)

Warum aber ist nun Der Mann im Untergrund so modern und geradezu zeitlos, wie ich in der Einleitung dieser Besprechung schrieb? Das liegt am Thema, das leider auch achtzig Jahre nach dem Erscheinen unvermindert aktuell (oder vielleicht sogar noch aktueller geworden) ist. Es geht nämlich um den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft, der sich schon auf den ersten Seiten des Buchs Bahn bricht.

Der Erzähler (Fred Daniels, wie uns Wright später indirekt wissen lässt) befindet sich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, als er von einem Polizistentrio festgenommen wird. Sie verhaften ihn, bringen ihn auf das Polizeipräsidium und misshandeln ihn. Er soll ein Geständnis für einen Mord unterschreiben – was Daniels nach schier endlosen Qualen und Unverständnis über seine Lage dann tut. Ihm wird noch ein letzter Besuch bei seiner hochschwangeren Frau zugestanden, die kurz vor der Entbindung steht. Im Krankenhaus flüchtet Daniels anschließend mehr oder minder stümperhaft und entdeckt durch einen Gullydeckel eine Welt tief verborgen unter der unseren.

In der Tiefe der Kanäle

Und so steigt der moderne Hades hinab in die Unterwelt, um dort die dunkle Welt der Kanäle und Kavernen zu erkunden. Drei Tage wird er der Welt abhanden kommen, die Kanäle durchmessen, in Häuser einbrechen und durch das Dunkle irren. Doch nicht nur in der Tiefe der Stadt droht er sich zu verlieren, auch sein Verhalten und sein Geist irrlichtern teilweise beträchtlich, während er die unterirdische Architektur seiner eigentlich vertrauten Heimatstadt neu kennenlernt.

Dabei eröffnen sich ihm ungewohnte Perspektiven auf die „normale“ Welt, die Ähnlich wie etwa in Lukas BärfußHagard erleben wir auch hier einen Mann, der binnen Kurzem aus der gewohnten Lebensumgebung herausfällt und fortan als Außenseiter neben der übrigen Gesellschaft herlebt. Das eröffnet Richard Wright viel Raum zur Schilderung von gesellschaftlichen Prozessen und der Ausgrenzung von Schwarzen in der Gesellschaft. Zur bitteren Lektüreerfahrung gehört neben der Erzählung Wrights selbst die bittere Erkenntnis, das sich trotz der Benennung von Rassismen und der Schilderung der Polizeigewalt nichts zum Besseren gewandt hat.

Fazit

George Floyd, Black Lives Matter, die jüngste rassistische Schißerei in Buffalo und Co belegen leider die Zeitlosigkeit von Wrights Roman, der hier nun erstmals wieder in der ursprünglich geplanten Version inklusive Komponenten wie der explizit genannten Polizeigewalt les- und erlebbar gemacht wird. Es ist eine begrüßenswerte Entscheidung, der hoffentlich viele Leser*innen vergönnt sind. Denn dieses Roman hat eine unglaubliche Wucht, einen wild puckernden Rhythmus und eine Zeitlosigkeit, die ob des Entstehungsdatums von 1941 staunen lässt. Hätten Ann Petry, James Baldwin und Eugene Sue ein Buch zusammen ein Buch verfasst, dann wäre wohl Der Mann im Untergrund herausgekommen. Ein beeindruckendes Werk!


  • Richard Wright – Der Mann im Untergrund
  • Mit einem Nachwort von Malcolm Wright
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-0369-5873-6 (Kein & Aber)
  • 240 Seiten. Preis: 24,00 €
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Peter Heller – Die Lodge

So ein Blog hat auch sein Gutes. So dachte ich, mit Peter Heller einen ganz neuen Autoren entdeckt zu haben, nur um dann festzustellen, dass er bereits seit einigen Jahren auf dem Blog hier vertreten ist. So hatte ich sein dystopisches Debüt The Dog Stars im Jahr 2013 unter dem Titel Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte tatsächlich schon gelesen und besprochen, wie ich bei einem Blick ins Archiv feststellen durfte. Die damalige Erstbegegnung mit Peter Heller war mir – auch eingedenk der verstrichenen Zeit von neun Jahren – so gar nicht mehr präsent.

Erst vor zwei Jahren war Peter Heller wieder auf meinem Radar aufgetaucht, damals veröffentlichte der Verlag Nagel & Kimche den Outdoor-Thriller Der Fluss um zwei Freunde, die eine Kanutour auf dem Maskwa River in Nordkanada unternehmen wollen. Die Lodge ist die Fortsetzung des Vorgängerbandes, die mit 272 Seiten exakt die gleiche Lauflänge wie der erste Outdoor-Thriller aufweist, für dessen Lektüre man Der Fluss allerdings nicht gelesen haben muss. Nach den Geschehnissen in jenem Buch ist es nun nur noch Jack, der im Mittelpunkt steht.

Ein Job auf einer exklusiven Fishing-Lodge

Dieser möchte es etwas ruhiger angehen und hat auf einer exklusiven Fishing-Lodge eine Stelle als Guide erhalten. Den restlichen Sommer über bis zum Beginn des Winters dauert sein Engagement, das äußerst gut dotiert ist:

Die Lodge sei ab dem zwanzigsten August ausgebucht, hatte ihm der Manager gesagt. Sie würden entweder am einunddreißigsten Oktober schließen oder wenn es zu sehr schneite, je nachdem, was zuerst kam. Jack würde einen Angler pro Tag führen, höchsten zwei, aber nicht mehr. Absolutes Luxusangeln. Zweihundert Dollar pro Tag plus Trinkgeld, alle zehn Tage einen Tag frei, es sei denn, er verzichtete darauf. Ein schönes Sümmchen. Weniger, als er auf einen Driftboot auf dem Colorado verdienen konnte, aber dafür inklusive Lost, Logis und [zwei Drinks oder zwei Bier am Abend].

Peter Heller – Die Lodge, S. 10
Peter Heller - Die Lodge (Cover)

Das lässt sich nicht schlecht an, sodass Jack den Job gerne antritt. Allerdings beunruhigt ihn das hermetisch abgeschlossene Gebiet der Lodge etwas. Er braucht einen Code, um die Lodge zu verlassen, Waffen muss er abgeben, auf dem angrenzenden Grundstück lebt ein schießwütiger Nachbar, der bei unerlaubtem Eindringen auf sein Gebiet zur Flinte greift. Auf einem anderen Grundstück laufen Mastiffs frei herum. Und als Jack das erste Mal zum Angeln aufbricht, entdeckt er unter einer Brücke eine Kamera, die ihn beobachtet.

Zusammen mit seinem Gast, der Sängerin Alison, versucht Jack langsam hinter das Geheimnis der Lodge zu kommen. Welche Geheimnisse verbergen die anderen Gäste? Wozu dient die Videoüberwachung? Und welches Spiel spielt der Manager der Lodge?

Ein geradliniger Outdoor-Thriller

Peter Heller hat einmal mehr einen geradlinigen Outdoor-Thriller geschrieben, der das Angeln in der wilden Natur mit dunklen Machenschaften kreuzt, die der findige, waffenversierte und äußerst kernige Held Jack nach und nach aufdeckt. Vom friedlichen Angeln in der Idylle bis zu einem finalen Survivalthriller reicht der Bogen, den Peter Heller spannt. Dabei passiert alles vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie. Die Menschen tragen Masken, strecken sich nur Ellenbogen oder die Fäuste zur Begrüßung hin – und von der Ferne dräut schon wieder eine weitere Pandemie…

Das Buch liest sich schnell, kann durch die ausgiebigen Naturschilderungen überzeugen und passt sich damit in eine ganze Reihe ähnlicher Bücher ein, beispielsweise die Erzählungen von Taylor Brown, Claire Fuller oder Michael Christie. Ein Thriller, wie gemacht, um ihn in einem Zug zu lesen. Eine imposante Kulisse, ein uramerikanischer Held, dunkle Machenschaften. Peter Heller liefert, was von ihm erwartet wird und knüpft damit an seinen Erfolg Der Fluss an.

Dabei war es alleine das Bilderberger-Eliten-Verschwörungsnarrativ, das Peter Heller in Die Lodge bedient, das mich in seiner Einfachheit und Abgedroschenheit etwas störte. Ansonsten gibt es bei diesem geradlinigen Thriller wenig zu meckern. Und da Nature Writing in Verbindung mit Krimihandlungen gerade sowieso boomt (man denke nur an Delia OwensDer Gesang der Flusskrebse), rechne ich auch diesem Buch durchaus wieder gute Chancen auf dem Buchmarkt aus.


  • Peter Heller – Die Lodge
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Marlene Fleißig
  • ISBN 978-3-7556-0008-4 (Nagel & Kimche)
  • 272 Seiten. Preis: 24,00 €
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