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Liz Moore – Der andere Arthur

Dass man das Eisen schmieden muss, solange es heiß ist, das hat sich auch der Münchner Verlag C. H. Beck gedacht. Weniger als ein Jahr nach dem großen Bestsellererfolg von Liz Moores Spannungs-Großtat Der Gott des Waldes liefert der Verlag mit Der andere Arthur Nachschub für alle Fans von Liz Moore.
Um ein neues Werk handelt es sich bei dem Buch allerdings nicht, vielmehr stammt Heft, so der Originaltitel, aus der Frühphase der Autorin. Das merkt man dem Buch leider auch ein wenig an…


Im Jahr 2020 ließ Liz Moore hierzulande das erste Mal aufhorchen. Aus dem Nichts präsentierte sie mit Long Bright River einen ebenso spannenden wie gut beobachteten Roman, der von zwei unterschiedlichen Schwestern erzählte. Während die eine als Streifenpolizistin ihren Dienst in den Straßen von Philadelphia versah, verdingte sich die andere als Prostituierte auf ebenjenen Straßen, durch die die Schwester patrouillierte. Eine Serienverfilmung des Stoffs mit Amanda Seyfried in der Rolle der Streifenpolizistin folgte im vergangenen Jahr.

2025 war es auch, dass Liz Moore erneut für literarisches Aufsehen sorgte, als hierzulande in der Übersetzung durch Cornelius Hartz der Roman Der Gott des Waldes erschien. Gekonnt spielte Moore darin mit Rückblenden und Perspektivwechsel, um vom Verschwinden eines jungen Mädchens aus einem Feriencamp in den Adirondacks zu erzählen — bereits der zweite Fall eines Verschwindens dort, das mit der reichen Familie van Laar in Verbindung stand.

Eine Verfilmung dieses Stoffs braucht man hier eigentlich gar nicht, hat Moore das serielle Erzählen und das Erzeugen von Kopfkino in diesem Roman schon zur Perfektion gebracht.

Nachschub von Liz Moore

Auf diesen Bestsellererfolg folgt nun mit Der andere Arthur ein weiterer Roman von Liz Moore, der allerdings dünner ausfällt als der gewichtige, fast 600 Seiten starke Vorgängerroman.

Dick ist hier nur der Protagonist Arthur Opp, der sich in einem Brief auf der ersten Seite gleich einmal so vorstellt:

Das Erste, was du über mich wissen musst Ich bin unglaublich dick. Als wir uns damals kennenlernten, hätte man vielleicht gesagt, ich hätte Übergewicht, aber das trifft es längst nicht mehr. Ich esse, was ich will und vor allem: wann ich will. Seit Jahren gebe ich mir kaum noch Mühe, weniger zu essen, ich habe einfach keinen Grund dazu.

Liz Moore – Der andere Arthur, S. 9

Dieser Arthur Opp hat schon seit Jahren sein Zuhause in Brooklyn nicht mehr verlassen und auch gar keinen Grund dazu. Er hat sich recht komfortabel in seinem Leben eingerichtet, als ihn eine Nachricht seiner ehemaligen Geliebten aus dem kalorienreichen Starre reißt.

Diese meldet sich per Brief bei ihm, nachdem der Kontakt zu ihr zuletzt völlig eingeschlafen war. Einst war Charlene der Grund, dass Arthur seine Karriere an der Universität aufgab, nun tritt sie mit einem Paukenschlag wieder in sein Leben, nachdem sie jahrelang nichts mehr von sich hat hören lassen. Charlene hat nämlich einen Sohn, wovon Arthur nichts ahnte.

Arthur und Kel

Liz Moore - Der andere Arthur

Dessen Leben zeigt der zweite Erzählstrang des Romans, mit dem sich Liz Moore wie schon in ihrem später folgenden Long Bright River für das Erzählprinzip der Parallelmontage entscheidet. So zeigt sie die Veränderungen im Leben Arthurs, die diese Nachricht auslöst, ebenso wie das Leben von Kel, der als 17-Jähriger ein hoffnungsvolles Baseball-Talent ist, aber mit seiner Herkunft wie auch mit seinem Leben im Dunstkreis einer Eliteschule hadert.

Beide Lebensstränge schildert die US-Amerikanerin aus der Ich-Perspektive und ist damit ganz nah dran, wenn Arthur aus seiner auch emotionalen Katatonie erwacht, während Kel um eine Chance im Leben kämpft und schneller erwachsen werden muss, als das eigentlich gemeinhin der Fall ist.

Für Der andere Arthur verschmilzt Liz Moore Elemente des Sportlerdramas, wie man es auch beispielsweise von Eli Cranor kennt, mit Themen, die auch später ihr Schreiben prägen sollten. Drogenmissbrauch und Drogentod, die Frage von Fürsorge und Einsamkeit scheinen in dem Buch auf. Auch kann man Bezüge finden zum Samuel D. Hunters Theaterstück The Whale, das ebenso wie Moores Roman im Jahr 2012 erschien und elf Jahre später in der Verfilmung durch Darren Aronofsky Brendan Fraser für seine Rolle eines adipösen Englischlehrers den Oscar als bester Hauptdarsteller bescherte.

Neues Altes

Dass es sich bei Der andere Arthur um ein Frühwerk von Liz Moore handelt, das fällt nicht nur beim Blick ins Impressum des Buchs auf.

So ist die Montage des Buchs noch relativ einfach gehalten, wohingegen ihrer späteren Romane durch eine gekonnte Verschachtelung der Erzählebenen auffallen. Beide Erzählstränge laufen bis zum Ende recht unauffällig nebeneinander her, ohne sich gegenseitig in größerem Maße zu beeinflussen oder zueinander zu finden.

Auch bedient sich Moore in diesem Frühwerk noch erzählerischer Klischees wie dem der gewitzten spanischsprachigen Putzhilfe, die Arthurs Leben nicht nur in Sachen wohnlicher Hygiene zum Besseren wendet. Auch fällt die Ausgestaltung von Charlene und ihren Motiven in Sachen Figurenzeichnung hinter die beiden Hauptfiguren zurück. Besonders als Scharnier zwischen den beiden Erzählsträngen hätte es hier aber einer klareren Gestaltung ihrer Figur und Rolle gebraucht.

Sind die späteren Bücher Liz Moores auch frei von leicht stereotypen Figuren und Erzählmustern, fallen diese Schwächen im vorliegenden Buch noch auf.

Fazit

Setzt man das Buch in Vergleich mit den beiden anderen bislang erschienenen Werken, so muss man konstatieren, dass Der andere Arthur der schwächste der drei auf Deutsch vorliegenden Romane von Liz Moore ist.
Das liegt gar nicht am fehlenden Spannungsplot — und ist in Bezug auf das Schreiben von Liz Moore natürlich auch immer relativ zu sehen — aber die Zugkraft ihrer beiden späteren Bücher kann das neue alte Werk nicht entwickeln, auch wenn es natürlich spannend ist, nachzuvollziehen, wie sich das Schreiben von Liz Moore innerhalb von knapp eineinhalb Jahrzehnten entwickelt hat.


  • Liz Moore – Der andere Arthur
  • Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
  • ISBN 978-3-406-84333-4
  • 377 Seiten. Preis: 26,00 €

Marina Schwabe – Rift

Ich war noch niemals in New York – Janko und Zuzanna auch nicht. Im Gegensatz zu mir wollen die Geschwister das aber unbedingt ändern und machen sich in Marina Schwabes Debüt Rift gemeinsam auf den Weg, um von dort aus einen Roadtrip durch die USA zu unternehmen.
Was sich auf den ersten Blick nach Unbeschwertheit im Land der unbegrenzten Möglichkeit anfühlt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn Janko hat nicht mehr lange zu leben, aber den großen Wunsch, einmal in seinem so endlichen Leben den Pazifik zu sehen. Und so machen sich die Geschwister mit beschränkten Mitteln auf den Weg, damit er wenigstens einmal in seinem kurzen Leben des Meeres ansichtig wird.


Mit fünfzehn Dollar Tagesbudget einmal quer durch die USA? Der Plan der Geschwister Zuzanna und Janko klingt herausfordernd. Aber von den Wagnissen des Alltags lassen sich die beiden jungen Menschen nicht abhalten und fliegen nach New York, um dort ihren Roadtrip zu beginnen, der sie einmal wie einst die Pioniere einmal von Ost nach West durch das Land führen wird.

Da man mit 15 Dollar gerade in den Zeiten der Inflation in einer Großstadt wie New York nicht weit kommt, verlegen sich die Geschwister auf radikale Sparmaßnahmen. So haben sie schon im Vorfeld eine Liste mit günstigen Hostels erstellt. Als sich diese gleich zu Beginn des Roadtrips als wenig praxistauglich erweist, verlegen sich Zuzanna und Janko auf das Prinzip Couchsurfing.

Immer wieder werden sie im Laufe ihres Trips bei fremden Menschen unterkommen, um kurzzeitig mit diesen unter einem Dach zu leben, wie sie es erstmals in New York erproben.

Den Pazifik sehen und sterben

Marina Schwabe - Rift (Cover)

Während der schwerkranke Janko viel Ruhe braucht, durchstreift seine Schwester New York, wandert durch die Straßen Manhattans oder das Metropolitan Museum of Modern Art. Zwar unternimmt man auch gemeinsam Dinge wie die Fahrt mit einer Fähre, die immer schwächer werdende Konstitution lässt sich aber nicht verleugnen, und so ist der Roadtrip der beiden zugleich von einem Gefühl der Dringlichkeit wie auch einem der Entschleunigung gekennzeichnet.

Über Upstate New York, Illinois, Wyoming und Idaho geht es immer weiter für die beiden auf ihrem Roadtrip Richtung Ostküste, bei dem es das Schicksal trotz aller Unbarmherzigkeit auch gut mit ihnen meint. Mal treffen sie eine Familie, die ihnen ein Auto für die Reise überlässt, mal fördert eine ungeplante Übernachtung in einem Motel einen überraschenden Fund zutage, der sie einiger Sorgen auf der Reise enthebt.

Immer weiter geht es für die beiden voran auf ihrer Reise, bei der sie eine USA fernab von Hochglanzbildern, Politikjournalismus und Reportagestrecken erleben. So besuchen die beiden in Utah die Salzseen, um dort das von Robert Smithson erschaffene Kunstwerk Spiral Jetty zu sehen, eine mittlerweile begehbare Spirale, die der Künstler in den Salzseen dort geschaffen hat.

Zwischen Salzseen und Vulkanen

Im Bundestaat Washington entscheiden sich Zuzanna und Janko, mit einem Guide eine Wanderung auf die Aschefelder des Mount St. Helens zu unternehmen. Entstanden ist der Vulkan durch die Tektonik zweier aufeinanderstoßender Erdplatten, die sich immer weiter aufeinander zuschieben und so eine ganze Kette von Bergen geschaffen haben, bei denen der Mount St. Helens das wohl explosivste Ergebnis dieses Aufpralls ist.

Damit stellt der Vulkan das genaue Gegenteil zu einem Rift dar, der Marina Schwabes Buch den Titel gibt. In der Geologie bezeichnet ein Rift das tektonische Auseinanderklaffen zweier Platten, durch das Risse entstehen.

Während die Geschwister nun den beschwerlichen Weg auf den Vulkan antreten, werden auch die Risse zwischen ihnen deutlicher. Jankos Konstitution verschlechtert sich zusehends, der Abschied von ihrem Bruder rückt ebenso wie das Ende ihrer Reise immer näher – und auch die Natur zeigt sich ambivalent.
In die Schönheit der Weite des Landes mischt sich auch hier das Wissen um die Brüchigkeit der Idylle. Der Salzsee in Utah trocknet weiter aus, Waldbrände in Kalifornien verunmöglichen den Gang vor die Haustür. Die Zeichen mehren sich, dass Mensch und Natur endlich sind.

Das arbeitet die 187 in Berlin geborene Autorin in ihrem Buch deutlich heraus, indem sie ganz eng bei der Ich-Erzählerin Zuzanna und Janko bleibt. Die Frage der medizinischen Betreuung oder eines weiteren Umfelds um die beiden Geschwister wird im Roman so gut wie ausgeklammert, stattdessen liegt ihr Hauptaugenmerkt auf dem Roadtrip mit seinen sozialen Dynamiken zwischen Nähe und Distanz, Verbindung und Rift.

Damit erinnert Rift auch etwas an Richard Fords Roman Valentinstag, in dem dieser seinen Helden Frank Bascombe auf einen Roadtrip mit seinem schwerkranken Sohn in einem Camper schickte, der diese im Gegensatz zu Schwabes Geschwistern aber zum Mount Rushmore führte.

Fazit

Deutlich weniger dialoglastig und anspielungsreich als Ford konzentriert sich Marina Schwabe auf den nahenden Abschied und den genauen Blick der Geschwister aufeinander.

Ihr gelingt mit Rift ein berührender Roadtrip, der von Abschied und der Brüchigkeit unserer Existenz erzählt – und der auf abgenutzte USA-Klischees verzichtet und stattdessen ganz eng bei ihren Geschwistern bleibt, deren Lebenswege auch von einem Rift gekennzeichnet sein wird.


  • Marina Schwabe – Rift
  • ISBN 978-3-96999-492-4 (Steidl)
  • 160 Seiten. Preis: 24,00 €

Maggie Stiefvater – Grand Hotel Avalon

Ein Luxushotel in Appalachen, Ströme von Süßwasser und dazu noch drei Dackel, die der Hoteldirektorin auf Schritt und Tritt folgen. Maggie Stiefvater kreuzt in ihrem Roman Grand Hotel Avalon einen Hotelroman mit Zeitgeschichte und Mysteryelementen. Das Ergebnis? Überzeugt leider nicht vollumfänglich.


Wenn man einen Ort für Luxus sucht, dann ist das Grand Hotel Avalon und Spa sicherlich ein Ort, den man dafür in Betracht ziehen sollte. Denn in dem von Maggie Stiefvater erfundenen Hotel in den Bergen der Appalachen fehlt es sich an nichts. Drei Bibliotheken, eine große Küche, die für die Wünsche der Kunden da ist, dazu vier Badehäuser, genannt Avalon I bis Avalon IV, ein ganzes Heer an Zimmermädchen, Aufzugspersonal und dergleichen mehr, nebst Luxussuiten im Haus und Cottages auf dem Gelände. Als Hotelgast ist man hier wirklich König oder Königin.

Doch selbst eine solch abgelegene Gegend wie die der Appalachen bleibt nicht von den großen Zeitläufen verschont. Das muss die Hoteldirektorin June Hudson feststellen, als die Vorbereitungen zum jährlichen Ball rüde unterbrochen werden. Statt sich weiter den Abstimmungen mit Musik und Service und den an den Lüster des Ballsaals applizierten Gedichte Robert Burns widmen zu können, stehen plötzlich FBI-Beamte vor dem Portal des Hotels, die verfügen, dass normalen Gäste auf Geheiß der Regierung das Avalon sofort verlassen müssen.

Besonderer Besuch im Grand Hotel Avalon

Maggie Stiefvater - Grand Hotel Avalon (Cover)

Anstelle der üblichen Besucher*innen steht dem Hotel nun besonderer Besuch ins Haus. Dreihundert Diplomaten und deren Angehörige sollen im Grand Hotel Avalon einquartiert werden, darunter Japaner, Italiener und Deutsche. Wir schreiben nämlich das Jahr 1942 und der Weltkrieg ist nun in vollem Gange, nachdem Japan kurz zuvor die US-amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor angegriffen hatte.

An June und ihrem Team ist es nun, die verfeindeten Nationen unter dem Hoteldach zu beherbergen, während die FBI-Agenten von den Internierten Kenntnisse über bevorstehende Angriffe und militärische Winkelzüge ihrer Nationen zu erlangen versuchen. Mit viel Disziplin versucht June vor allem in Form ihres Alter Ego „Hoss“ die Hotelmannschaft auf Linie zu bringen und persönlich für das Wohl des Hauses zu sorgen.

Dieses Wohl, so zeigt es uns Maggie Stiefvater, hängt dabei nicht nur mit der Personalführung zusammen. Auch das Süßwasser, das unter dem Hotel hindurchströmt und in Form von Brunnen der Bäder überall im Hotelkomplex anzutreffen ist, spielt eine entscheidende Rolle und sorgt für die ganz besondere Atmosphäre, die das Grand Hotel Avalon kennzeichnet.

Maggie Stiefvaters literarischer Hintergrund

Neben der realistischen Schilderung des Hotels und seiner Gäste weist Grand Hotel Avalon auch eine hohe Mysterydichte auch. Das rätselhafte Wasser, auf das June einwirken kann, dazu noch Glasschnecken, die überall im Haus anzutreffen sind und die mit dem Wasser in Zusammenhang zu stehen scheinen, sie weisen eher in die Richtung eines Fantasyromans.

Das kommt nicht von ungefähr, denn bislang trat Maggie Stiefvater fast ausschließlich mit Fantasyromanen für jüngere Leserschichten in Erscheinungen.

Romane wie der Raben-Zyklus um magiebegabte „Ravenboys“ einer Privatschule oder die im Urban-Fantasy-Genre verhafteten Dreamer-Trilogie waren bislang die Domäne von Stiefvater, die nun die Fantasy-Elemente ihres Schreibens mit Zeitgeschichte kreuzt.

Das Ergebnis ist leider etwas halbgar. Denn obschon auf fast jeder Seite das Süßwasser rauscht und June durch die Gänge hastet, plätschert das Buch selbst vor sich hin, ohne auf einen erkennbaren Höhepunkt zuzusteuern.

Rätselhaftes Süßwasser

Die Gäste ziehen ein, das Hotelpersonal gibt sein Bestes, um die Nationen zu beherbergen, ein FBI-Agent ringt um Erkenntnis und June wird zwischen den verschiedenen Parteien aufgerieben, immer drei Dackel im Gefolge, die ihrer Herrin treulich folgen. Dazu kommt noch die Liebe mit ihren unberechenbaren Volten, die June ebenfalls reichlich beschäftigen wird.
Das ist ganz solide geschildert, verschenkt aber enorm viel erzählerisches Potenzial, das in der Grundanlage des Romans stecken würde.

Viele der Figuren bleiben reichlich blass und allzu schematisch gezeichnet. Das deutsche Fliegerass? Gutaussehend. Der Naziarzt mit Spritze? Geheimnisvoll. Einer der FBI-Agenten? Ein Frauenheld.

Über solche Zuschreibungen kommt Maggie Stiefvater in zu vielen Fällen nicht hinaus und belässt die verschiedenen Delegationen zu schemenhaft — dabei wäre das doch eigentlich der spannende Kern des Romans gewesen: das Mit- oder Gegeneinander verschiedener Nationen, die durch den Krieg zu Feinden wurden, nun aber auf engstem Raum irgendwie miteinander auskommen müssen, während die USA als Gastgeber des Ganzen in den Krieg eintreten.

Derlei Dynamiken erkundet der Roman leider fast überhaupt nicht und konzentriert sich auf Junes Hadern mit ihrer Loyalität zur Eignerfamilie des Hotels und ihrer Zerrissenheit zwischen zwei Männern, was mit zunehmender Lauflänge des Romans auch etwas redundant wirkt.

Fazit

Hier bleibt Grand Hotel Avalon leider deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Etwas weniger Süßwasser, mehr Interesse für die Figuren und ihre Interaktionen, das hätte Maggie Stiefvaters Roman deutlich spannender geraten lassen, als sich das Buch nun im Endeffekt präsentiert.


  • Maggie Stiefvater – Grand Hotel Avalon
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • ISBN 978-3-10-397566-6 (S. Fischer)
  • 432 Seiten. Preis: 25,00 €

Percival Everett – Dr. No

Fort Knox, dieser Name besitzt Klang – auch Dank der Verfilmung von Ian Flemings James Bond-Roman Goldfinger. Nach Auric Goldfinger ist es in Percival Everetts Roman Dr. No nun ein absurd reicher Tech-Milliardär, der auf den Spuren von Flemings Schurke wandeln will und sich dafür der Hilfe des Mathematikers Dr. Wala Kuti versichert. Denn dieser soll ihm beim Eindringen in die nationale Schatzkammer helfen, um das Objekt der Begierde zu stehlen: das Nichts.


Inmitten von Fort Knox, abgesichert mit Technik und Bewachern, lagern die nationalen Goldreserven der USA. Diese sind es aber weniger, die den Milliardär John Sill interessieren. Vielmehr will er ran an das große – Nichts:

Meine Expertise in nichts – nichts absolut nichts, sondern eindeutig nichts – führte dazu, dass ich mit einem oder vielmehr für einen gewissen John Milton Bradley Sill arbeitete, einen Selfmade-Milliardär mit einem einzigen Ziel, einem Ziel, das manchen faszinierend, den meisten verwirrend und schräg und allen idiotisch erscheinen mochte, sich aber zumindest leicht in Worte fassen ließ. John Milton Bradley Sill strebte danach, ein Bond-Schurke zu werden, und zwar ungeachtet der Fiktionalität von James Bond. Er formulierte es folgendermaßen: „Ich möchte ein Bond-Schurke sein.“ Ganz einfach

Percival Everett – Dr. No, S. 13

Und so möchte er wie einst Auric Goldfinger hinein ins Fort Knox, wobei ihm Wala Kintu als Mathematikprofessor helfen soll. Dessen Kollegin Eigen spannt Sill ebenfalls ein und beginnt auch noch gleich eine Affäre mit ihr. Jede Menge Bond-Reminszenzen gibt es, von der Schurkenkonferenz, auf der sich Sill eines Mitarbeiters per Haifischtank erledigt bis hin zu namentlichen Anspielungen, etwa beim Charakter Auric Takitall.

Der Milliardär und das Nichts

Gewürzt wird der durchgeknallte und alles andere als stringente Plot der Handlung mit vielen Bemerkungen und Einwürfen Wala Kintus, der als Erzähler auf dem Autismus-Spektrum wandelt und als mathematisch geschulter Denker zu umständlichen Ansichten wie Verhaltensweisen und Dialogen neigt. Dabei lässt er beständig Satzbrocken wie den folgenden fallen:

Die Lüge ist das arithmetische Axion, demzufolge x für jedes x auf der Welt gleich x ist. Nur der Glaube lässt dies als unwiderlegbare Wahrheit zu. Selbst wenn ich x als das Ding definiere, das zu einer bestimmten Position in der Zeit eine bestimmte Position im Raum einnimmt. Ich war mir ziemlich sicher, dass der Mann, der vor dem Gebäude, in dem sich mein Büro befindet, eine bestimmte Position im Raum einnahm, John Sill war, und deshalb sprach ich ihn als solchen an.

Percival Everett – Dr. No, S. 52

Geheimdienstler, verschwindende Städte, ein einbeiniger Hund namens Trigo, viel Chaos und Diskussionen, das macht Dr. No aus. Trotz dem mathematischen Sachverstand Wala Kitus ist ein logischer Fortgang der Geschichte nicht immer gegeben, stattdessen beobachtet Percival Everett mit großer Freude, wie Sill seinem Vorbild der Bond-Schurken nacheifert und damit alles in Chaos stürzt. Egal ob im superschnellen U-Boot auf Wettfahrt mit den Behörden oder im Schurkenquartier, das durch eine exzellente Buchauswahl glänzt. Irgendwo zwischen Gru und Ian Fleming oszilliert dieses Buch mit Mut zum Knallchargentum.

Rassismus als werkimmanentes Thema Percival Everetts

Percival Everett - Dr. No (Cover)

Auch umkreist Dr. No wieder, wie schon seine letzten Romane Die Bäume und James das Thema des Rassismus. Großartig etwa die Szene, als Kitu bei einer Polizeikontrolle in seinem Auto angehalten wird und keine Fahrerlaubnis vorweisen kann. Aufgrund der omnipotenten Verfügungsgewalt von Sill über sämtliche Sicherheitsbehörden ist das auch eigentlich kein Problem und Kitu drohen keine Konsequenzen.

Viel interessanter dabei ist aber der Rassismus des anhaltenden Polizeibeamten, der sich immer mehr herausschält. Je verzweifelter der Mann seine behördliche Ohnmacht feststellen muss, umso hilfloser werden seine Versuche, Wala Kitu doch noch festzuhalten, bis zuletzt der einzige und stärkste Grund für die gewollte Festnahme in seinem Sprechen offenbar wird: Wala Kitu ist schwarz und als solcher per se verdächtig.

Hier scheint Everetts Talent zu Komik und gleichzeitiger Gesellschaftsanalyse voll durch. Ingesamt aber ist Dr. No ein Buch, das mit seinem anstrengenden Erzähler und der immanenten Überdrehtheit herausfordert. Natürlich fängt Percival Everett die infolge der Autismus-Diagnose leicht verschobene Wirklichkeitswahrnehmung Wala Kitus bravourös ein und mit dem ins Absurde übersteigerten Techmilliardär auf Schurkenmission knüpft Dr. No auch an die Allmachtsfantasien der im Silicon Valley beheimateten Tech-Bro-Elite an.
Tatsächlich lädt das Buch in seiner ganzen Durchgeknalltheit wunderbar dazu ein, viele Interpretationen zu bemühen und eigene Lesarten anzustrengen. Die Literaturkritik wird dies wieder mit Vergnügen tun – aber dennoch bin ich deutlich weniger begeistert.

Fazit

Für mich ist dieses Buch wieder einmal etwas zu viel des Guten. Allmählich kristallisiert sich im Oeuvre Percival Everetts ein regelmäßiger Amplitudenschlag heraus. Auf ein grandioses Buch folgt immer wieder eine zu überdrehte Satire, die mich nicht überzeugen kann. Das war mit Die Bäume so, das auf das hervorragende Erschütterung folgte – und das ist jetzt mit Dr. No so, das zumindest hierzulande auf das völlig zurecht mit dem Pulitzer-Preis gekrönte Rassismusdrama James folgte (im Original erschien Dr. No bereits 2022, also vor James).

Insofern für mich eher ein No für diesen Tech-Milliardär und seinen mathematischen Adlatus.


  • Percival Everett – Dr. No
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
  • ISBN 978-3-446-28417-3 (Hanser)
  • 319 Seiten. Preis: 26,00 €

Bret Anthony Johnston – We burn daylight

Waterloo in Waco. Aus zwei jugendlichen Perspektiven wirft Bret Anthony Johnston in seinem Roman We burn daylight einen Blick auf die Geschehnisse rund um die waffenstarrende Sekte unter deren Führer Perry alias „Lamb“, die sich auf einer Ranch in Texas niedergelassen hatte. Johnston erzählt vom Frühjahr 1993, als man dort eigentlich nur den Sektenführer festnehmen wollte und sich in einem blutigen Desaster wiederfand.


Wenn die Waffenbegeisterung der US-Amerikaner*innen so etwas wie einen lokalen Schwerpunkt hat, dann wohl in Texas. Als einer der Staaten mit den laxesten Waffengesetzen ist es Menschen ab 21 JAhren dort seit vier Jahren wieder erlaubt, Waffen verdeckt oder offen am Körper zu tragen. Sind die USA mit der Begeisterung der Bürger für Schusswaffen eh schon weltweit führend, was den Waffenbesitz angeht (Monat für Monat werden über eine Million Schusswaffen verkauft und in dem fast in jedem zweiten Haushalt ist eine Feuerwaffe vorhanden), so konzentriert sich diese Waffenbegeisterung in Texas noch einmal besonders.

Dass dieses Phänomen keineswegs neu ist, das zeigt die Lektüre von Bret Anthony Johnstons Roman. Denn er erzählt in vier Teile aufgeteilt von den Geschehnissen, die im Januar 1993 in Texas ihren Ausgang nahmen und im März des Jahres dann ihren blutigen Höhepunkt erleben sollten. Aber der Reihe nach.

Welcome to Waco

We burn daylight erzählt aus Sicht des jungen Roy und Evie, die mit ihrer Mutter aus Kalifornien nach Texas gezogen ist, um dort in der Gemeinschaft von Perry alias „Lamb“ zu leben, einem aus Israel zurückgekehrten Prediger. Er hat sich zusammen mit seinen zahlreichen Anhängern auf einer Ranch in Waco eingerichtet, wo er Sonntags Bibelarbeit und Training auf dem farmeigenen Schießstand anbietet. Rhetorisch ähnlich erratisch agierend wie der amtierende US-Präsident bringt er seine kruden Visionen und Predigten unters Volk, das ihm ergeben folgt.

„In alten Zeiten“, sagte er, „bedeutete der Ausdruck, jemand ist nach Texas gegangen, dass er nicht mehr ganz klar im Kopf ist, aber jetzt kommen die Leute hierher, weil sie endlich klar sehen. Unsere Verfassung gibt jedem Bürger Amerikas das Recht, sich gegen die Regierung zu stellen. Seht ihr, in Texas hat man im Gegensatz zum Rest des Landes etwas begriffen. Waffen? Klar, die besorgen wir uns. Klar benutzen wir auch Toilettenpapier. Ihr seid alle eingeladen mitzumachen. Entweder gehört ihr dazu oder ihr gehört nicht dazu. Kann schon sein, dass wir ein bisschen verrückt sind.“

Bret Anthony Johnston – We burn daylight, S. 55 f.

Roy ist der Sohn des lokalen Sheriffs und trifft durch Zufall auf Jaye – und das, wie könnte es in Texas anders sein, auf einer Waffenmesse. Antike Duellpistolen, Gasmasken, Handfeuerwaffen, dazu Pekannüsse, die als Snack gereicht werden. So sieht das Entertainment aus, das dort die Massen anzieht.

Auch Roy ist angezogen. Das allerdings von Jaye, dem Mädchen mit dem roten Haar, das mit Eigensinn Roy für sich einnimmt. Doch für Dates und Knutschen im Wasserturm bleibt nicht allzu viel Zeit, da die Behörden von der Zusammenrottung von Personen draußen auf der Farm in Waco beunruhigt sind. Sie haben Lamb im Verdacht, nicht nur Bibelarbeit und Schießtraining auf dem Gelände seiner „Kirche“ anzubieten, sondern mithilfe von Fräsen auch illegale Langwaffen und Verbotenes wie Handgranaten herzustellen.

Desaster mit Ansage

Bret Anthony Johnston - We burn daylight (Cover)

Unaufhaltsam laufen die Ereignisse auf die Erstürmung des Geländes am 17. Februar 1943 zu, die in einem absoluten Desaster enden sollten, wie Bret Anthony Johnston zeigt. Hierfür setzt er nicht nur auf die beiden Perspektiven von Roy als Außenstehenden und Jaye als Mitglied von Perrys Sekte, auch finden sich zwischen die einzelnen Kapitel immer wieder kurze Interviewschnipsel montiert, die fast den Charakter von Verhören haben. Ein Podcaster interviewt hier an den damaligen Geschehnissen Beteiligte und zeigt so noch einmal verstärkt das Waterloo, das die Behörden bei der Erstürmung der Ranch erlebten.

Denn statt einer zielgenauen Verhaftung Perrys nach Missbrauchsvorwürfen entschieden sich die Einsatzkräfte, die Ranch ohne allzu viel Vorbereitung zu stürmen, ohne zu ahnen, in welchem Desaster das Ganze enden würde. Auffällig unauffällige Zugriffskommandos versteckt hinter Planen auf Transportern (die erst recht die Aufmerksamkeit der lokalen Bevölkerung weckten), keine wirkliche Zugriffsstrategie geschweige einer genauen Kenntnis der Lage vor Ort, so liefen die Einsatzkräfte schon fast mit Ansage ins Verderben.

Empfangen von einem Kugelhagel der Waffenfanatiker wurden die Einsatzkräfte völlig überrascht und gerieten in die Defensive, obschon sie personenmäßig in der Überzahl waren. Polizisten, die er- oder angeschossen wurden und sich zurückziehen mussten, zu wenig Munition, was dazu führte, das – man erinnere sich des Schauplatzes Texas – Polizisten erst einmal Munition bei Walmart nachkaufen mussten und ein völlig surreales Ereignis, das Jaye innerhalb der Ranch und Roy ungläubig am Fernseher mitverfolgt.

Im Fernsehen waren parkende Busse mit laufenden Motoren zu sehen. Ihre Warnlichter pulsierten rot im Dunst der Abgase. Lamb sprach gerade über einen großen Drachen, Lichtblitze und Donner. Ich konnte nicht entscheiden, ob er aus der Bibel zitierte oder gerade aus dem Fenster starrte.

Bret Anthony Johnston – We burn daylight, S. 356

Eine der größten Stümpereien der Polizeigeschichte

Johnstons Roman ist eine vielschichtiger Blick auf die damaligen Ereignisse in Texas, die sich in Sachen Polizeitaktik als eine der größten Stümpereien der US-Geschichte herausstellen sollten. Denn nicht nur, das die Erstürmung scheiterte, auch folgte der versuchten Einnahme der Ranch ein wochenlanger Patt zwischen Sekte und hilfloser Polizei, der die Aufmerksamkeit des ganzes Landes auf sich zog.

Auch wenn er durch die gewählte Perspektive der zwei Jugendlichen nur bedingt die Bindungskraft des Predigers Lamb auf seine erwachsenen Anhänger nachvollziehen kann, beeindruckt sein Roman doch durch den gegenläufigen Blick von Roy und Jaye – und den moralischen Dilemmata, denen sich die beiden Heranwachsenden gegenübersehen. Wem gegenüber sieht man sich verpflichtet – Eltern, zu denen keine Verbindung besteht oder doch eher dem Gleichaltrigen gegenüber, vor allem, wenn noch Gefühle im Spiel sind?

Mit solchen Fragestellungen versehen ist We burn daylight ein Roman, der trotz der anfänglichen Statik rund um die gescheiterte Erstürmung Wacos immer mehr Fahrt aufnimmt – und der in die Gegenwart verweist. Denn in Zeiten der Aufrüstung und Isolation von Reichsbürgern hierzulande und präsidial begnadigten Kapitolstürmern in den USA zeigt Johnstons Roman auch eindrücklich, wozu es führen kann, wenn man solche Bewegungen unterschätzt und damit sehenden Auges ins Verderben taumelt.

Fazit

Das macht aus Bret Anthony Johnstons We burn daylight einen ebenso spannenden wie hochaktuellen Roman, der die damaligen Ereignisse in Texas genau nachvollzieht und der sich auch als engagierte Widerspruch gegen Waffenfanatiker und deren Slogan von mehr Sicherheit durch mehr Waffen in Privathand lesen lässt. Sein Roman ist vielschichtig, vereint Liebesgeschichte, Coming of Age und Gesellschaftskritik sowie historische Studie zu einem gelungenen literarischen Ereignis, dem man einen aussagekräftigeren deutschen Titel gewünscht hätte, der vor allem aber breite Rezeption verdient!


  • Bret Anthony Johnston – We burn daylight
  • Aus dem Englischen von Sylvia Spatz
  • ISBN 978-3-406-83692-3 (C. H. Beck)
  • 492 Seiten. Preis: 28,00 €