Tag Archives: Homosexualität

Sebastian Barry – Tage ohne Ende

Es ist eine Krux mit den Phrasen. Zu oft gelesen, dutzendfach in Buchwerbungen und Besprechungen verwendet, sind sie inzwischen reichlich abgedroschen und abgenutzt. Selbst wenn man sie sparsam dosiert, irgendwann klingen sie nur noch hohl. Keiner will mehr von einer Tour de force lesen, außergewöhnlichen Erzähler*innen oder noch einem Epos.

Der inflationäre Gebrauch der Sprachhülsen und Phrasen ist insbesondere dann ärgerlich, wenn man zwischendurch wieder ein Buch liest, auf das eine solche Phrase passgenau zutrifft (die Phrase mit der Faust und dem Auge spare ich mir an dieser Stelle wohlweislich). Der Roman Tage ohne Ende des Iren Sebastian Barry ist ein solcher Fall. Denn obwohl ich eigentlich nichts mehr von „unvergesslichen Szenen und Momenten“ schreiben möchte – hier trifft es zu. Und das gleich mehrfach.

Ein irischer Western von Sebastian Barry

Aber der Reihe nach. Eigentlich könnte man Sebastian Barry schon als so etwas wie den Hausautoren des Göttinger Steidl-Verlags bezeichnen. Sein Roman Ein verborgenes Leben über den IRA-Konflikt oder das Erster-Weltkriegs-Drama Ein langer, langer Weg erschienen bereits bei Steidl. 2018 veröffentlichte der Verlag dann den im Original zwei Jahre zuvor erschienen Roman Tage ohne Ende. Und wieder einmal überraschte Sebastian Barry, der hier die Form eines Westerns wählte, um von Begehren, Familie und Krieg zu erzählen. Erst Thea Dorn verschaffte dem Buch einige Zeit nach seinem Erscheinen im Literarischen Quartett den Auftritt auf großer Bühne. Eine gute Idee, denn auch mir wäre so ein wirklich starkes und ja – unvergessliches – Buch entgangen.

Sebastian Barry - Tage ohne Ende (Cover)

Denn Sebastian Barry gelingt es, einen Western zu erzählen, der so ganz anders ist als das, was man gemeinhin unter einem Western versteht. Das gelingt ihm, indem er einen Erzähler wählt, der deutlich von der Norm des Genres abweicht. Denn statt einem daueroptimistischen, kernigen Siedler, den der amerikanische Traum antreibt, wählt er Thomas McNulty. Dieser stammt aus Sligo, die Hungersnot in seiner irischen Heimat hat ihn noch minderjährig nach Amerika getrieben. Er schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, als er die Bekanntschaft mit John Cole macht. Fortan sind die beiden unzetrennlich, verdingen sich als Tanzmädchen und heuern dann beim Militär an.

Wir schreiben die Jahre um 1860, der Sezessionskrieg des Nordens gegen den Süden steht kurz bevor. Dort, im Verbund des Militärs, werden die beiden Zeugen grausigster Ereignisse. Das Militär führt einen Vernichtungskrieg gegen die indigene Bevölkerung, die sich auf ihre Art wehrt. Der Kampf gegen die Indianer, hier hat er nichts heroisches oder aufregendes. Es ist ein Akt der Barbarei, ein einziges Gemetzel, ja in den Beschreibungen Sebastian Barrys wird dieser Kampf auch zum Genozid.

Gewalt, Tod und Grausamkeit im Krieg

Eindringlich, schockierend beschreibt der irische Autor die Schlachten. Die Grausamkeiten des Militärs, die mit Kanonen auf ein Lager voller Unschuldiger schießen. Metzeleien, psychopathische Anführer, Gewalt und Tod allenorten. Barry rückt hier das Bild der Spaghettiwestern, Karl-May-Seligkeit und heroischen Mythenbildung gerade und zeigt die Binnenkämpfe Amerikas als das, was sie waren: Schlachten und pure Gewalt. Tage ohne Ende fällt so auch in das Genre des Anti-Western. Ein Buch, das nichts verklären will.

Die Bilder, die dieses Buch heraufbeschwört, wird man so schnell nicht wieder los. Es sind aber auch Bilder der Hoffnung, der Ruhe, der Schönheit, die Sebastian Barry literarisch versiert beschreibt.

So erzählt er in Tage ohne Ende auch von schwulem Begehren und Liebe (wie dies Annie Proulx in ihrer Erzählung Brokeback Mountain ebenfalls tat). Das Verständnis zwischen McNulty und John Cole, ihrer außergewöhnlichen Heirat, ihrem Zusammenhalt in guten wie in schlechten Zeiten, das rührt doch ungemein an.

Es gelingt ihm, diese Verbindung glaubhaft und nuancenreich zu schildern. Eines der Highlights dieses an Highlights wahrlich nicht armen Buch ist so etwa die gemeinsam aufgeführte Revue der beiden. Thomas McNulty verkleidet sich als Frau und die beiden Männer führen vor ihrem Publikum eine Szene vor, die Annäherung des Paares bis zum Kuss zeigt.

Wie Barry hier die Spannungen im Saal verdichtet und die Annäherung der beiden auf großer Bühne beschreibt – das ist in der literarischen Plastizität einfach große Kunst. Seine Vergleiche, seine bildhafte Sprache ist die große Stärke, die er das ganze Buch über gekonnt ausspielt.

Ein Buch, das auch durch die Sprache lebt

Sebastian Barry erzählt von schwulem Begehren, dem Genozid an den Indianern, der Sehnsucht nach Ruhe und Normalität – und das Ganze in einer eigenen, an der mündlichen Erzähltradition geschulten Sprache. Hier muss auch die Übersetzerleistung Hans-Christian Oesers hervorgehoben werden, der dafür zurecht auch mit dem Straelener Übersetzerpreis geehrt wurde.

Wie er die Figuren reden lässt, eigene Ausdrücke findet und dem Buch auch im Deutschen einen mehr als hochwertigen Sound verleiht, das ist große Kunst. Schön, dass das Buch durch diese Übersetzung vollends aufgewertet wird und somit auf ganzer Linie überzeugt. Ein starker Titel, eine unbedingte Empfehlung. Wenn Western, dann doch bitte so!


  • Sebastian Barry – Tage ohne Ende
  • Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
  • ISBN 978-3-95829-518-6 (Steidl)
  • 256 Seiten. Preis: 22,00 €

Bildquelle Titelbild: Augusto Ferrer-Dalmau – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25487280

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John Boyne – Cyril Avery

Manchmal bringt das Leben als Leser erstaunliche Koinzidenzen hervor. So beendete ich am Vorabend des letzten Samstags meine Lektüre von John Boynes neuestem Roman Cyril Avery. Einige Zeit später schaltete ich die Nachrichten ein um zu erfahren, dass mit überwiegender Mehrheit das Abtreibungsverbot für Frauen in Irland gekippt wurde.

Worin besteht nun der Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen? Wer Cyril Avery gelesen hat, bekommt einen neuen Blick auf dieses Irland, das Frauen bislang Abtreibungen verbot, sogar im Falle einer Vergewaltigung. Auch Inzest oder Missbildungen bei Föten waren kein Grund für eine Abtreibung – das Land machte seinem Ruf als erzkatholische Bastion alle Ehre. Auch war es schwangeren Frauen untersagt, aus Irland auszureisen, um im Ausland einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen. Doch seit dem Abstimmungsvotum von letzter Woche gehört dies nun der Geschichte an.

Ein ebensolches Relikt war auch die Tatsache, dass bis ins Jahr 1993 (!) Homosexuelle verhaftet und ins Gefängnis gebracht werden konnten. Ein Schicksal, das auch dem jungen Cyril Avery in Boynes Roman droht. Denn dieser macht sich eines der größten Verbrechen schuldig, das man im Nachkriegs-Irland begehen kann: er ist homosexuell. Schon seit Kindheitstagen fühlt er sich zu Jungen hingezogen, allen voran Julian Woodbead, dem er bei seiner Pflegefamilie begegnet.

Denn Cyril Avery ist kein echter Avery – eine Tatsache, die ihn seine Pflegeeltern immer wieder wissen lassen. Mit seinen Eltern (einem Bankangestellten und einer Schriftstellerin, die erst posthum zu großem Ruhm gelangen wird) wohnt er in Dublin in einem Herrenhaus, wo es dann zur schicksalhaften Begegnung mit Julian kommt. Die beiden Männer werden heranwachsen und sich ihr Leben lang begegnen und beeinflussen, dies allerdings nicht immer nur auf positive Art und Weise.

Auch eine Geschichte Irlands

Cyril Avery ist die große Lebensgeschichte eines Mannes, dessen sexuelle Prägung ihn zu einem Außenseiter werden lassen. Diese Abweichung von der Norm wäre ja schon normalerweise schwer zu ertragen, doch dann heißt das Land, in dem Cyril heranwächst, ja auch noch Irland. Beeindruckend und glaubwürdig zeichnet John Boyne dieses Land, in dem die katholische Kirche die allesentscheidende Richtschnur bildet. Prüderie, Homophobie und Misogynie finden sich an allen Orten. Die Gesellschaft ist zutiefst von diesen Werten durchdrungen, die scheinheiligen Fassaden werden überall hochgehalten. Dass alte Sprichwort vom „Wasser predigen und Wein saufen“ belegt Boyne in seinem Roman sehr eindrucksvoll, hier sei nur der erste Satz von Cyril Avery zitiert:

Lange bevor wir herausfanden, dass er zwei Kinder mit zwei verschiedenen Frauen gezeugt hatte, einer in Drimoleague und einer in Clonakilty, stand Father James Monroe vor dem Altar der Kirche Unserer Lieben Frau, Stern des Meeres, der Gemeinde Goleen in West Cork und brandmarkte meine Mutter als Hure.

Boyne, John: Cyril Avery, S. 1

Die Kirche zeigt kein Erbarmen gegenüber allem, was von der selber definierten Norm abweicht, seien es Homosexuelle oder alleinstehende, schwangere Frauen. Der Einfluss des katholischen Klerus, der die Gesellschaft entscheidend prägt, sorgt auch dafür, dass sich Cyril selbst verleugnen muss, um zu überleben. Chronologisch erzählt sich der Ire Boyne durch Cyrils Leben und zeigt, welches Stigma die sexuelle Orientierung des jungen Cyril bedeutet. Liest man den Roman, bekommt man einen Eindruck, wie die eigene Orientierung schnell zu einem Mühlstein werden kann. Hier zeigt sich wieder einmal, was Literatur bewirken kann (und wofür ich sie so schätze): den eigenen Blick weiten und sensibel machen für das Schicksal von anderen – oder kurz gesagt: die Empathie des Lesers ausprägen. Das gelingt John Boyne in Cyril Avery auf das Vorzüglichste.

Ein Buch mit Herz und Hirn

Da verzeiht man dem Autor auch den einen Deus ex Machina oder die ein oder andere Pointe zu viel in den Dialogen gerne. Dieses Buch hat Herz und Hirn, ist ebenso eine Geschichte Irlands genauso wie die eines besondern Mannes. Ein Unterhaltungsroman, der den eigenen Blick weitet und die Leser*innen versöhnlich zurücklässt.

Denn so ist ja auch die Realität, die beweist, dass immer Veränderung möglich sind. Was nicht auch zuletzt die Abstimmung in Irland zeigt. Gefeiert wurde der Wille des Volkes auch vom Premierministers Irlands Leo Varadkar. Und dieser ist nicht nur jung und besitzt indische Wurzeln – nein auch er ist bekennend homosexuell und zeigt, dass sich Dinge auch wieder ändern können. Auch wenn das Land Irland heißt.


  • John Boyne – Cyril Avery
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-492-23116-9 (Piper)
  • 736 Seiten. Preis: 14,00 €
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Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

Freunde fürs Leben

Was für ein wuchtiges und komplexes Stück Literatur – dieser nahezu 1000-seitige Buchmonolith der amerikanischen Autorin Hanya Yanagihara sucht seinesgleichen. Es dürfte bereits jetzt schwer werden, diesem Buch im Laufe des literarischen Jahres 2017 Konkurrenz zu machen hinsichtlich sowohl hinsichtlich seines Umfangs (der neue Roman 4,3,2,1 von Paul Auster einmal ausgenommen) und als auch seiner tiefenscharfen Figurenzeichnung, die in meinen Augen den Reiz dieses außergewöhnlichen Buches ausmacht

Die Hauptrolle spielt im Roman Jude St. Francis und seine Freundschaft zu drei weiteren Männer, die da wären: Malcolm, ein penibler Architekt, Jean-Baptist, genannt JB, ein Maler von figurativer Kunst, und Willem, zunächst noch ein erfolgloser Schauspieler. Yanagihara fungiert nun als Chronistin dieser Freundschaft und beobachtet die Entwicklung der vier Männer von Collegefreunden bis hin ins wirkliche Mannesalter. Fixstern dabei ist und bleibt zu jeder Zeit Jude St. Francis, alle anderen Charaktere und Figuren kreisen um ihn, mal sind die Umlaufbahnen um ihn herum enger, mal weiter, manchmal elliptisch, immer aber bleibt der Bezug zu ihm klar.

Die Journalistin und Autorin geht dabei sehr geschickt vor, in fünf Großkapiteln aufgeteilt erzählt sie weitestgehend chronologisch, verlässt aber diese Chronologie mehrmals, um etappenweise das ganze Schicksal und die Herkunft von Jude St. Francis zu enthüllen. Als Leser bekommt man immer wieder Puzzleteile und Andeutungen serviert, die aber erst nach den 950 Seiten ein komplettes wenn auch nicht erfreuliches Bild enthüllen.

Ein Buch, das für Aufsehen sorgte

Hanya Yanagihara schreibt für das Stilmagazin der New York Times und hat bereits einen Roman veröffentlicht. Ihr zweiter Roman schlug dann in Amerika wie eine Bombe ein – Nominierungen für wichtige Preise, Diskussionen im Feuilleton, Buchscouts, die sich um die Rechte zankten. Nun hat es das Buch mit zwei Jahren Verspätungen zu uns geschafft – und wird wahrscheinlich auch hier das Feuilleton und die Literaturgemeinde beschäftigen. Die Themen, von denen Yanagihara erzählt, sind individuell und zeitlos.

Die literarische Qualität von Ein wenig Leben besteht für mich nach dem Ende seiner Lektüre in der tiefgehenden und intensiven Schilderung von Judes Leben und Leiden. Die Sprache ist hierbei nur Vehikel und (in der von einigen Schludrigkeiten und Fehlgriffen abgesehen passablen Übersetzung von Stephan Kleiner) gehobener Durchschnitt. Doch der Reiz des Buchs liegt in meinen Augen woanders – wie die Autorin das Schicksal von Jude und das seines Umfeldes schildert, das ist von einer großen Genauigkeit, Ernsthaftigkeit und Größe. Normalerweise bin ich mit derartigen Floskeln vorsichtig, hier halte ich sie für angebracht. Die Art und Weise, mit der Hanya Yanagihara ihr Porträt schildert sorgt dafür, dass dieser Jude St. Francis zu Überlebensgröße findet und zumindest in meinem Kopf noch ein geraumes Weilchen herumspukt.

Homosexualität, Freundschaft, Kampf mit inneren Dämonen, Missbrauch – die Schilderungen in Ein wenig Leben reißen mit und dürften auch hierzulande für viel Diskussionen sorgen!

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