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Tom Sawyer und Huckleberry Finn in New Bremen

William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

Wenn ein Buch schon mit einem Satz wie diesen anfängt, dann bin ich mit dabei:

Das große Sterben des damaligen Sommers begann mit dem Tod eines Kindes , eines Jungen mit goldblondem Haar und einer dicken Brille, der auf der Bahnstrecke kurz hinter New Bremen in Minnesota ums Leben kam, zermalmt von tausend Tonnen Stahl, die über die Prärie in Richtung South Dakota donnerten.

Krueger, William Kent: Für eine kurze Zeit waren wir glücklich, S. 9

Dieser Satz trägt schon in sich, was auf den folgenden 412 Seiten folgen soll. Tod, Trauer, Nostalgie und Sommer. Diese scheinbar gegensätzlichen Themen vereint William Kent Krueger auf das Vorzüglichste, sodass man meint, Tom Sawyer und Huckleberry Finn seien wiederauferstanden und würden New Bremen 1961 unsicher machen.

Tod und Nostalgie

Das Buch wird dabei von einem großartigen Erzählton durchzogen. Denn der Ich-Erzähler ist der 13-jährige Frank Drum. Dessen Vater ist als Pastor in New Bremen tätig. Mit Mutter, Schwester Ariel und seinem kleinen, stotternden Bruder Jake lebt Frank in der Kleinstadt, die einen denkwürdigen Sommer erlebt. Bei seinen Streifzügen entlang der Bahnstrecke, des Flusses und der Straßen New Bremen entdeckt Frank allmählich eine Welt, in der Unsicherheit und Tod stets präsent sind .

Alles beginnt mit dem Tod eines leicht zückgebliebenen Jungen, der – wie im Eingangssatz beschrieben – auf der Bahnstrecke zu Tode kommt. Ein Landstreicher folgt – und später kommt der Tod sogar Franks Familie gefährlich nahe. All diese schlimmen Ereignisse mit ihrer ganzen Drastik werden jedoch durch den nostalgischen Ton, mit dem Frank zurückblickt, abgemildert und gefiltert. Noch kein Mann, aber auch kein Kind mehr – William Kent Krueger gelingt der erzählerische Balanceakt mit dieser Perspektive sehr gut. Das Ganze erinnert manchmal auch an Kruegers Schriftstellerkollegen Joe R. Lansdale – und eben auch an Mark Twain.

Das Buch rührte mich wirklich an, denn in jeder Zeile schwingt das Wissen um den Verlust von Menschen und Unschuld mit. Auch das nachklingende Kriegsgeklirre aus Europa, das den männlichen Erwachsenen tief eingedrungen ist, trägt seinen Teil dazu bei. Wir erleben in Für eine kurze Zeit waren wir glücklich ein Welt, die immer zerspringen kann, mag die Sonne noch so hell scheinen und der Fluss durch New Bremen rauschen. Gerade der Epilog entfaltet dann im Rückblick noch einmal eine besondere Wucht, die mich schlucken ließ.

Anteil daran trägt auch zu einem großen Teil die Übersetzerin Tanja Handels, die Kruegers Sound gut ins Deutsche übertragen hat. Und auch die Außengestaltung kann hier mit einem wunderbar stimmigen Cover überzeugen. Hier stimmt alles, weshalb ich gerne eine Leseempfehlung aussprechen möchte!

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Joel Dicker – Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Alles nur Theater

Der Schweizer, der die überzeugendsten amerikanischen Romane schreibt, ist wieder da. In Das Verschwinden der Stephanie Mailer taucht Joel Dicker wieder in den mörderischen Kosmos einer amerikanischen Kleinstadt ein (übersetzt von Amelie Thoma und Michaela Meßner)

Diesmal heißt das Städtchen Orphea und liegt an der Ostküste, direkt vor den Toren New Yorks. Ein höchst beschauliches Städtchen, in dem jeder jeden kennt. Eine kleine Buchhandlung, Cafés, Feuerwerk am 4. Juli. Alles recht durchschnittlich, wäre da nicht jene Katastrophe, die 1994 Orphea heimsuchte. Als Touristenattraktion hatte man das erste Theaterfestival Orpheas ins Leben gerufen. Doch während der ganze Ort der Eröffnung des Festivals beiwohnte, ereignete sich ein paar Straßen weiter ein brutaler Mehrfachmord. Der Bürgermeister, seine ganze Familie und eine Joggerin wurden damals brutal erschossen. Wenig später wurde ein Täter dingfest gemacht – und damit wäre es ja eigentlich gut.

Das wäre dann allerdings auch ein relativ kurzer Roman geworden. Wer schon einmal einen Roman von Joel Dicker gelesen hat (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert oder Die Geschichte der Baltimores), der weiß allerdings auch: kurz und bündig ist die Sache des Schweizers nicht. Und so setzt der voluminöse Roman (ca 650 Seiten) dann auch 20 Jahre später ein.

Auf einer Feier im Polizeirevier wird Jesse Rosenberg verabschiedet. Von Kollegen wird er nur der 100-Prozentige genannt, seine Aufklärungsquote ist legendär. Doch dann begegnet er der titelgebenden Stephanie Mailer, die als Journalistin für die lokale Gazette schreibt. Sie konfrontiert ihn mit einer unbequemen Aussage: damals habe er nämlich den Falschen verhaftet. Alle Kollegen einschließlich Jesse hätten wichtige Spuren übersehen.

Das nagt natürlich am 100-Prozentigen und so beschließt er, noch einmal eine letzte Ermittlung vor seinem Abschied durchzuführen. Diese erhält unerwartet eine besondere Brisanz, nachdem Stephanie Mailer wie vom Erdboden verschluckt scheint. Was meint die Journalistin entdeckt zu haben, das damals jeder andere übersehen hatte?

Ein Cold Case wird aufgeklärt

Das Verschwinden der Stephanie Mailer ist wieder ein Roman, der irgendwo zwischen Kriminalroman und Great American Novel in der Tradition von Richard Russo oder John Updike angesiedelt ist. Dicker spielt mit den Versatzstücken des Kriminalromans, um ein Poträt seiner Kleinstadt Orphea zu zeichnen. Das Buch bedient sich klar der Erzähltechnik des Cold Case. Immer wieder springt Dicker von der Gegenwart 2014 zurück ins Jahr 1994, als die Bluttat die ganze Stadt erschütterte. Stück für Stück enthüllt er die damaligen Geschehnissen und Verflechtungen, die die ganze Stadtgesellschaft durchdrangen und auch heute noch durchdringen.

Zudem präsentiert Dicker auch eine ganze Vielzahl an Figuren, deren Blick man als Leser*in immer wieder einnimmt. Das Haupttrio sind dabei Jesse Rosenberg und sein damaliger Partner Derek Scott sowie Anna Kanner, eine junge und ambitionierte Polizeibeamtin. Diese leidet unter dem Sexismus und dem Mobbing ihrer Kollegen und will es allen zeigen. Diese Trio versucht die Spuren des damaligen Falls wieder aufzunehmen. Dabei kreuzen sie die Bahn von zahlreichen Stadtbewohnern, die alle ganz eigene Leichen im Keller haben. Denn nicht nur beim Theaterfestival ist vieles Kulisse, Lug und Trug – auch Orphea selbst ist nicht besser.

Die Figuren, die Joel Dicker in seinem Roman präsentieren, decken eine wirklich enorme Bandbreite ab. Von wirklich glaubwürdig bis hin zu völlig clownesk präsentiert er hier alle Schattierungen. Viele der cartoonartigen Figuren (man denke nur an die Einführung des Literaturkritikers Meta Ostrowski – hatte Joel Dicker noch eine Rechnung offen?) erhalten erst relativ spät so etwas wie Konturen und Tiefe.

Da er über diese Figuren aber auch Humor ins Buch bringt, der auf Holzhammer-Pointen zumeist verzichtet, sah ich Joel Dicker das gerne nach. Er schafft es, die verschiedenen Töne seines Buchs gut zusammenzuführen und daraus ein vielschichtiges Buch zu kreieren, das am Ende gar etwas an Fargo erinnert. Kein Krimi im reinen Sinn, aber eines auf alle Fälle: erneut sehr, sehr gute Unterhaltung!


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Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles

Was würde passieren, wenn man Bear Grylls, Vladimir Nabokov, die NRA und Hanya Yanagihara einen Roman schreiben lassen würde? Wenn man ihnen auf den Weg geben würde, dass das Endprodukt nur die Bedingung erfüllen müsse, zu schockieren und kräftig reinzuknallen? Dann käme wohl so etwas dabei herum wie Gabriel Tallents Debüt Mein Ein und Alles. Ein Buch, das eine Triggerwarnung verdiente.

Tallent hat ein Buch erschaffen, dessen Bewertung mir wirklich schwer fällt. Wo beginnen, wo aufhören? Wie dem Ganzen gerecht werden? Im Folgenden will ich es wenigstens versuchen. Am einfachsten fällt dabei noch die Synopse der Handlung

Zusammen mit ihrem Vater lebt Julia Alveston, genannt Turtle oder Krümel, abgeschieden in den Wäldern Nordkaliforniens. Ihr Vater ist der klassische Fall eines Prepper. Er misstraut dem Staat zutiefst und bereitet sich auf den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung vor. Er hortet Lebensmittel, Medikamente und eben auch Waffen, um sich zur Wehr zu setzen. Seine wichtigste Waffe ist dabei seine Tochter Turtle. Er trainiert sie gnadenlos und schickt sie auf Survival-Trips in die Wildnis.

Bei einem dieser Überlebens-Übungen begegnet Turtle in den Wäldern zwei Jungen, die von ihren Eltern ebenfalls zur Abhärtung in der Wildnis ausgesetzt wurden. Die 14-Jährige erliegt der Anziehung eines der Jungen – was zu großen Konflikten mit ihrem Vater führt. Immer brutaler wird diese Beziehung, die von Gewalt, Anziehung, Ablehnung, Missbrauch und dem Gefühl „Wir gegen den Rest der Welt“ geprägt ist. Sein Ein und Alles wendet sich plötzlich gegen ihn – mit gewalt(tät)igen Folgen.

Emotional höchst übergriffig

Warum verdient dieses Buch nun eine Triggerwarnung? Dies bezieht sich klar auf die Beziehung von Julia zu ihrem Vater. Jener missbraucht seine Tochter auf vielfältige Art und Weise. Er züchtet sie als Kampfmaschine heran, vergewaltigt sie, entzieht ihr Liebe, manipuliert. Als Leser ist man ungefiltert überall mit dabei und muss miterleben, wie die Seele von Julia dabei Schaden nimmt. Verstörend dabei auch die Tatsache, dass es Tallent dabei offenlässt, inwiefern Turtle Opfer ist oder inwiefern sie diese Behandlung akzeptiert und vielleicht sogar mag.

In jenen Schilderung des sexuellen und emotionalen Missbrauchs ist dieses Buch höchst übergriffig. Mit einer voyeuristischen Freude schildert Tallent den Missbrauch Turtles und ihre Gefühle und Eindrücke während dieser Attacken. Dies überschreitet des Öfteren die Grenzen des Anstands und Geschmacks. Natürlich darf Literatur auch immer Grenzüberschreitung sein – hier ist mir dieses Verstoßen gegen Tabus allerdings entschieden zu plump und durch diese zu große Nähe eben auch übergriffig geraten.

Ist jene Detailfreude dort völlig fehl am Platz, weiß sie hingegen bei der Schilderung der Natur zu überzeugen. Hier ist Mein Ein und Alles wirklich enorm stark und erinnert etwa an den Roman Idaho von Emily Ruskovich. Wie Julia die Wälder durchstreift, mit welcher Benennungsstärke sie Sträucher, Farne und Bäume zu beschreiben weiß, das beeindruckt wirklich. Jene Passagen, in denen das Mädchen die Flora und Fauna ihrer Heimat durchmisst, sind unglaublich gut und wuchtig geschrieben. Sie lassen die Leser*innen tief in diese unberührte und gefährliche Natur eintauchen.

Nur konstrastiert dies grell mit der emotionalen Komponente des Romans. Mein Ein und Alles ist ein Buch, das im Zwischenmenschlich häufig überreizt. Hanya Yanagihara hat es mit Ein wenig Leben vorgemacht – Gabriel Tallent macht es ihr nach. So etwas wie eine Medium-Emotionstemperatur gibt es bei ihrem Personal nicht. Alles ist (emotional) laut, kracht und raucht.

Es kracht und wird scharf geschossen

Doch hier krachen nicht nur die Charaktere und Emotionen lautstark aufeinander – auch die Waffen spielen hier eine (für mich zu) große Rolle. Stellenweise liest sich dieser Roman wirklich, als würde man in einem Katalog der National Rifle Association (kurz NRA) blättern. Sturmgewehre, Bowie-Messer, Pistolen – alles was das Waffenherz begehrt, ist in diesem Roman versammelt und kommt fleißig zum Einsatz.

Dabei dienen die Waffen auch meist als Lösungsmittel für zwischenmenschliche Konflikte. Das ist für mein Empfinden zu billig gelöst und enttäuscht doch sehr.

Wie also diesem Buch gegenübertreten, wie bewerten? Ein Urteil fällt hier wirklich nicht leicht. Licht und Schatten, sie kommen hier zusammen und sorgen für ein heterogenes Leseerlebnis. Ich plädiere deshalb dringend für eine eigene Urteilsbildung der Leser – vorgewarnt seid ihr ja nun schon einmal. Habt ihr das Buch eventuell auch schon selbst gelesen? Und wenn ja, wie steht ihr Mein Ein und Alles gegenüber? Ich wäre auf eure Meinungen gespannt!


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Jon Cohen – Die wundersame Mission des Harry Crane

Nun ist es Weihnachten – die Zeit also, wo nach Möglichkeit alles etwas ruhiger zugehen sollte. Man schaltet einen Gang zurück, entspannt, blickt auf das Jahr zurück und findet unter dem Baum vielleicht das ein oder andere Geschenk. Oftmals ist vom „Geist der Weihnacht“ die Rede, der jene Zeit kennzeichnen sollte. Auch „Besinnlichkeit“ ist eines jener Schlagworte, das zu dieser Zeit gerne schon überreizt wird. Für mich bedeutet diese Zeit aber wirklich zumeist Entspannung, da sie mit viel freier (Lese)Zeit einhergeht.

Eine meiner letzten Lektüren eignet sich wunderbar für jene Zeit des Jahres. Ein echtes Feelgood-Buch, bei dem ich schon während der Lektüre meine sonst so strengen Wertungsrichtlinien einfach einmal vergaß. Stattdessen ließ ich mich in das Buch versinken und bekam wunderbare Unterhaltung geboten, deren Botschaft denen des Weihnachtsfests nicht unähnlich ist. Die Rede ist von Die wundersame Mission des Harry Crane von John Cohen (übersetzt von Alexandra Kranefeld).

In den Wäldern Pennsylvanias

Im Nordosten Pennsylvanias befindet sich die Landschaft der Endless Mountains. Ein bergiges und sehr waldreiches Stück Natur, in dem die Schicksale einiger Bewohner aufeinanderprallen. Da wäre zum Einen die junge Oriana. Sie und ihre Mutter Amanda haben einen großen Verlust zu betrauern. Orianas Vater ist gestorben – und beide Frauen legen unterschiedliche Strategien an den Tag, um mit dem Schicksalsschlag umzugehen.

Ebenfalls einen schweren Verlust zu betrauern hat Harry Crane. Jener hat seine geliebte Frau durch einen Unfall verloren und bekommt nun sein Leben nicht mehr geregelt. Seinen Job als Forstbeamter übt er nur noch im Automatikmodus aus. Eigentlich möchte er seinem Leben inmitten der von ihm geliebten Bäume und Wälder der Endless Mountains ein Ende setzten. Doch dann führt ihn das Schicksal mit Amanda und Oriana zusammen. In der Folge entspinnt sich eine turbulente Geschichte, bei der ein großer Goldschatz, eine Bibliothekarin und das Märchen vom Grum eine wichtige Rolle spielen.

Ein Buch mit dem Geist der Weihnacht

Jon Cohen hat einen warmherzigen Roman vorgelegt, der stellenweise selbst an ein Märchen erinnert und voll mit skurril-liebenswerten Figuren ist, die man gerne begleitet. Das Buch ist zugleich eine Hymne auf die Kraft es Guten sowie die Schönheit und heilsame Kraft der Wälder. Auch ruft die Handlung Erinnerungen an Geschichten wach, die von Nächstenliebe erzählen, und die eher klingen, als hätte sie Claas Relotius denn die Wirklichkeit geschrieben. Sein geradezu filmisch erzählter Feelgood-Roman hält diese Werte hoch und lässt das Gute siegen. Harrys wundersame Mission gibt den Glauben an das Gute im Menschen und das Happy-End zurück.

Natürlich könnte man das, wenn man gewillt ist, auch an dem Buch kritisieren. Zudem sind die Charaktere doch recht eindimensional, manches ist vorhersehbar und der Epilog hätte gestrichen gehört. Doch dann da hat das Buch solch einen Charme und eine solche Warmherzigkeit, dass man all das gerne verzeiht. Es ist ein bisschen jener eingangs erwähnte „Geist der Weihnacht“, den auch dieses Buch atmet, weswegen ich es auch so gerne las.

Alles wird gut, Hoffnung besteht für alle, das Gute siegt. Nächstenliebe kann Menschenleben retten und unsere Welt verbessern. Durchaus christliche Botschaften, die sich auch bei Jon Cohen wiederfinden, weswegen das Buch dezidiert gut in diese weihnachtliche Zeit passt. Falls jemand zufällig einen Buchgutschein unter dem Christbaum gefunden hat – mit dem vorliegenden Buch hätte man eine gute Eintauschmöglichkeit gefunden, um sich selbst in diesen Tagen etwas zu beglücken. Gute Unterhaltung mit wärmender Botschaft in der kalten Zeit – gerne empfohlen!

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Leonard Pitts Jr. – Grant Park

Es war gestern nur eine Randmeldung im täglichen Strom der Nachrichten – aber sie passt erschreckend genau zu Leonard Pitts Jr. Roman Grant Park (übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck).

In Chicago will ein afroamerikanischer Sicherheitsmann einen Räuber überwältigen. Die eintreffende Polizei sorgt jedoch nicht für die Verhaftung des Täters, sondern erschießt den Wachmann.

„Er hielt jemanden auf den Boden fest und drückte sein Knie und seine Waffen in seinen Rücken“, sagte eine Zeugin über die Szene vor Robersons Tod. Mehrere Barbesucher hätten zudem geschrien, dass es sich bei dem 26-Jährigen um den Sicherheitsmann des Lokals handele. Doch eine der Einsatzkräfte habe auf Roberson geschossen.

Aus der Nachrichtenmeldung auf der Seite Spiegel Online

Eine ganz ähnliche Nachricht ist es im Roman Grant Park, die beim Zeitungskolumnisten Malcolm Toussaint das Fass zum Überlaufen bringt.

Vor einer McDonalds-Filiale erschießt die Polizei einen Schwarzen. Und dies, obwohl er unbewaffnet ist und sich vorher auswies. Die Polizisten eröffnen das Feuer auf den Afroamerikaner und feuern 52 Kugeln ab. 27 treffen das Opfer. Die Polizei behauptet, dass er etwas wie eine Pistole aus seiner Tasche gezogen hätte. Dabei beweisen Aufnahmen der Videokamera, dass der Mann nichts falsch gemacht hatte und in beiden Händen McDonalds-Tüten hielt.

Polizeigewalt gegen Schwarze

Diese Meldung klingt wie eine Blaupause hunderter anderer Meldungen, die täglich aus den USA zu uns herüberschwappen. Namen wie Rodney King, Trayvon Martin oder Philando Castile (dessen Erschießung durch die Polizei seine Freundin auf Video festhielt) sind nur weniger unter hunderten Fälle, die traurige Berühmtheit erlangt haben. Tatsächlich sind die Statistiken schwindelerregend, immer wieder gibt neue Schlagzeilen über Schlagzeilen. Und nichts bessert sich.

Malcolm Touissaint hält diese Missstände nicht mehr aus. Er ist des Alltagsrassismus, der latenten Polizeigewalt und der Ungerechtigkeit müde. Voller Zorn macht er sich daran, eine Kolumne für seine Zeitung zu verfassen, die mit diesen Zuständen abrechnet. Nachdem sie von seinen Vorgesetzten abgelehnt wurde, schmuggelt er sie trotzdem ins Heft und löst einen Sturm der Entrüstung aus.

Doch von dieser Empörung bekommt Malcolm selbst nichts mit. Denn nachdem er seinen Arbeitsplatz bei der Zeitung geräumt hat, wird er Minuten später von zwei Rassisten entführt. Diese hegen einen größenwahnsinnigen Plan, für die Toussaint ihre Gallionsfigur werden soll.

Denn wir schreiben den 4. November 2008 und in wenigen Stunden wird im Grant Park der Sieger der Präsidentschaftswahl vor die Menschen treten. Wie es aussieht, wird dies mit Barack Obama der erste schwarze Präsident der USA sein. Ein Umstand, den einige Menschen kaum ertragen und deshalb ein Attentat auf den künftigen Präsidenten planen …

Von 1968 ins Jahr 2008

Leonard Pitts jr. hat mit Grant Park das Buch der Stunde geschrieben (was ja auch die eingangs zitierte Schlagzeile beweist). Wobei das Traurige ist, dass es eigentlich nicht das Buch der Stunde oder  des Jahres ist. Vielmehr ist der Roman ein Buch der Jahrzehnte. Denn der mannigfaltige Rassismus, von dem Pitts wirklich schlau, phasenweise gar brillant erzählt, er ist in die DNA der Vereinigten Staaten eingeschrieben. Manifest wird dies im zweiten Erzählstrang, der zusammen mit der an einem Tag erzählten Rahmenhandlung 2008 die große Klammer bildet. Und dieser Erzählstrang führt genau vierzig Jahre zurück, ins ebenso turbulente wie wegweisende Jahr 1968.

Nachgestellte Szene des Streiks der Müllarbeiter (Adam Jones, Ph.D. CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22197461

Damals begann alles in Memphis mit einem Streik der Müllarbeiter, die unter dem Schlagwort I am a Man eine faire Bezahlung einforderten. Unterstützung erhielten sie vom Prediger und Bürgerrechtler Martin Luther King, der den Streik unterstütze. In der Folge kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Streikenden. Zusammenstöße, in die unabhängig voneinander auch der junge Malcolm Toussaint und sein späterer Vorgesetzter Bob Carson verwickelt wurden. Trauriger Höhepunkt war damals das Attentat auf Martin Luther King, der am 4. April 1968 dann von einem Attentäter erschossen wurde.

Ein prägendes Erlebnis für beide Figuren, das Pitts Jr. mit viel Empathie zu schildern vermag. Fortan kämpfen Toussaint und Carson mit ihren Mitteln und merken auch bald, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist. Als idealistische Tiger gestartet, landen sie als Bettvorleger der eigenen Wünsche. Resignation und Frust schleichen sich ein, als sie erkennen müssen, dass ihre Kämpfe für Black Power und Gerechtigkeit kaum etwas gebracht haben. Mehr oder minder vergeblich die Kämpfe, die sie für die Durchsetzung ihrer Ideale ausfochten.

Und während Bob Carson diese Ideale aus der Vergangenheit mehr und mehr vergisst und verdrängt, so wächst bei Malcolm die Wut (auch über sich selbst), die sich dann 40 Jahre später in seiner explosiven Kolumne entlädt.

War es tatsächlich vierzig Jahre her, dass sie mit in die Luft gestreckter Faust „Power to the people“ skandiert hatten?

Und „Give peace a chance“?

Und „Revolution“?

Vierzig Jahre. Und was war aus ihnen geworden? Was war aus ihm geworden? Er war alt und müde und fuhr in einem Angeberauto von einem Angeberhaus weg und zahlte in einen Pensionsfonds ein. Sie waren so begeistert von sich gewesen, von ihrer Macht, die Welt zu verändern.

Pitts jr., Leonard: Grant Park, S. 22

Der Rassismus als nicht endendes Problem

In Grant Park kann man die Verbitterung von Malcolm Toussaint über die gesellschaftlichen Zustände wirklich nacherleben und plastisch erfahren. All diese Kämpfe für Gleichberechtigung, für faire Bezahlung, für Respekt in der Gesellschaft – und Jahrzehnte später hat sich nichts geändert. Mitbürger beschimpfen Toussaint gerne als Nigger, die Polizei erschießt dutzendfach Schwarze und viele Mitbürger sehen in Obama ein willkommene Tünche, um die kilometertiefen gesellschaftlichen Verwerfungen zwischen Schwarz und Weiß einfach zu übermalen.

By Shepard Fairey – Self-made, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=32592376

Tatsächlich deckt sich dieses negative Bild über Gleichberechtigung und Rassismus ja mit der Realität, wenn die Probleme nicht schlimmer geworden sind. Grant Park erschien im Jahr 2016, nun jährt sich heuer der Streik der Müllarbeiter in Memphis zum 50. Mal. Hat sich seitdem etwas zum Besseren gewandelt? In meinen Augen kaum.

Versprach Barack Obama seinem Wähler und dem ganzen Land durch seine Kampagne Hope, also Hoffnung, so scheint diese im Jahr 2018 vollkommen verflogen. Trump als Nachfolger von Obama gibt den Spalter, die Ausgrenzung von Flüchtlingen, Minderheiten und Religionen hat meinem Empfinden nach stark zugenommen. Und ein Kämpfer vom Schlage eines Martin Luther King ist landauf landab nicht in Sicht. Dabei wären dies nötiger denn je. Aber der Rassismus, er lässt sich nicht überwinden, vor allem dann, wenn dieser von oberster Stelle eher toleriert denn bekämpft wird.

Dieses Aufzeigen der Vergeblichkeit der Proteste, das Legen des Fingers in die schwärende Wunde des Rassismus, vor dem niemand von uns gefeit ist – das zeigt Grant Park auf meisterhafte Art und Weise, gerade indem es den Bogen über die 40 Jahre hinweg spannt.

Glaubhafte und widersprüchliche Figuren

Doch was nützt alle Ambition des Plots, alle Anliegen, die ein Text vertritt, wenn sein Gerüst in Form der Protagonisten wackelig gebaut ist? In meinen Augen nichts. Umso schöner, dass Grant Park auch in dieser Hinsicht eine wirkliche Bank ist.

Hier werden wirklich plausible und glaubwürdige Menschen gezeichnet. Plausibel, da abgründig und widersprüchlich, wie wir Menschen nun einmal sind. Das Paradebeispiel hierbei ist für mich einer der beiden Entführer von Malcolm Toussaint. Sondert er in Stanzen die unglaublichsten rassistischen Beleidigungen und Verschwörungstheorien aus, die ihm sein Kompagnon einflüstert, so ist er zugleich ein glühender Verehrer von Michael Jordan. Die Widersprüchlichkeit von Denken und Handeln und dieser Verehrung fällt ihm selbst dabei gar nicht auf.

Auch die „Guten“ in diesem Buch haben ihre wohltuenden Schattenseiten. Mal sind sie über die Jahre ermüdet und haben den Kampf gegen den Rassismus aufgegeben, mal erkennen sie die eigenen blinden Flecken in ihrem Tun nicht. Hier gibt es kein Schwarz und Weiß, nur Grau (was zugleich das Cover auch wieder wunderbar aufgreift).

„Die Weißen“, wiederholte King. „Du redest gerade so, als wären sie alle gleich. Das sind sie aber nicht. Viola Liuzzo war eine weiße Frau. Sie ist für unsere Freiheit gestorben. James Reeb war ein weißer Mann und er ist für uns gestorben. Jack Zwerg wurde in Montgomery unserer Freiheit wegen das Rückgrat gebrochen. Die Weißen sind nicht alle gleich, genauso wenig wie wir das sind.“

Pitts jr. Leonard: Grant Park. S. 420

Diese Pluralität der Ansichten, diese unterschiedlichen Lebenswege – all das macht aus diesem Buch eine glaubwürdige Erzählung.  Denn Leonard Pitts jr. weiß um die Komplexität des Themas des Rassismus und verhandelt es auch angemessen schwankend und ambivalent.

Grant Park – ein Thriller und Gesellschaftsanalyse

Ist Grant Park ein Thriller? Man kann das Buch durchaus so lesen, schließlich gibt es durchgeknallte Attentäter, einen Anschlagsplan, Verfolgungen, Action und weitere Genrekonventionen. Allerdings geht es in Grant Park um so viel mehr. Die Thrillerhandlung ist nimmt sich gegen die gesellschaftliche Relevanz, den ambitionierten Plot und die kritische Analysekraft des Buchs wirklich verschwindend gering aus. Dementsprechend lese und betrachte ich dieses Buch als Gesellschaftspanorama, als Bogen über 40 Jahre amerikanische Geschichte hinweg. Die bittere Pointe dabei ist ja die, dass sich trotz des Kampfes von Martin Luther King bis hin zur Ernennung Barack Obamas als Präsident nichts geändert hat.

Diese Nüchternheit, dieses Aufzeigen der Stagnation der gesellschaftlichen Entwicklung, dieses Gespür für den Puls der Zeit, die Brillanz, die immer wieder in der Verdichtung des Themas aufblitzt – in meinen Augen ist Grant Park ein Meisterwerk, das bislang sträflich vernachlässigt wurde. Eines der wichtigsten Bücher, so spannend wie gesellschaftskritisch, so divers wie erschütternd. In meinen Augen einer der besten Titel dieses Bücherherbstes!

Buchinformationen

Pitts jr., Leonard: Grant Park (aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck), erschienen im Polar-Verlag, Gebunden mit Schutzumschlag, ca. 550 Seiten, August 2018, ISBN 978-3-945133-65-1, EUR (D) 22,00 / EUR (A) 22,70

 

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