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Leonard Pitts Jr. – Grant Park

Es war gestern nur eine Randmeldung im täglichen Strom der Nachrichten – aber sie passt erschreckend genau zu Leonard Pitts Jr. Roman Grant Park (übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck).

In Chicago will ein afroamerikanischer Sicherheitsmann einen Räuber überwältigen. Die eintreffende Polizei sorgt jedoch nicht für die Verhaftung des Täters, sondern erschießt den Wachmann.

„Er hielt jemanden auf den Boden fest und drückte sein Knie und seine Waffen in seinen Rücken“, sagte eine Zeugin über die Szene vor Robersons Tod. Mehrere Barbesucher hätten zudem geschrien, dass es sich bei dem 26-Jährigen um den Sicherheitsmann des Lokals handele. Doch eine der Einsatzkräfte habe auf Roberson geschossen.

Aus der Nachrichtenmeldung auf der Seite Spiegel Online

Eine ganz ähnliche Nachricht ist es im Roman Grant Park, die beim Zeitungskolumnisten Malcolm Toussaint das Fass zum Überlaufen bringt.

Vor einer MacDonalds-Filiale erschießt die Polizei einen Schwarzen. Und dies, obwohl er unbewaffnet ist und sich vorher auswies. Die Polizisten eröffnen das Feuer auf den Afroamerikaner und feuern 52 Kugeln ab. 27 treffen das Opfer. Die Polizei behauptet, dass er etwas wie eine Pistole aus seiner Tasche gezogen hätte. Dabei beweisen Aufnahmen der Videokamera, dass der Mann nichts falsch gemacht hatte und in beiden Händen MacDonalds-Tüten hielt.

Polizeigewalt gegen Schwarze

Diese Meldung klingt wie eine Blaupause hunderter anderer Meldungen, die täglich aus den USA zu uns herüberschwappen. Namen wie Rodney King, Trayvon Martin oder Philando Castile (dessen Erschießung durch die Polizei seine Freundin auf Video festhielt) sind nur weniger unter hunderten Fälle, die traurige Berühmtheit erlangt haben. Tatsächlich sind die Statistiken schwindelerregend, immer wieder gibt neue Schlagzeilen über Schlagzeilen. Und nichts bessert sich.

Malcolm Touissaint hält diese Missstände nicht mehr aus. Er ist des Alltagsrassismus, der latenten Polizeigewalt und der Ungerechtigkeit müde. Voller Zorn macht er sich daran, eine Kolumne für seine Zeitung zu verfassen, die mit diesen Zuständen abrechnet. Nachdem sie von seinen Vorgesetzten abgelehnt wurde, schmuggelt er sie trotzdem ins Heft und löst einen Sturm der Entrüstung aus.

Doch von dieser Empörung bekommt Malcolm selbst nichts mit. Denn nachdem er seinen Arbeitsplatz bei der Zeitung geräumt hat, wird er Minuten später von zwei Rassisten entführt. Diese hegen einen größenwahnsinnigen Plan, für die Toussaint ihre Gallionsfigur werden soll.

Denn wir schreiben den 4. November 2008 und in wenigen Stunden wird im Grant Park der Sieger der Präsidentschaftswahl vor die Menschen treten. Wie es aussieht, wird dies mit Barack Obama der erste schwarze Präsident der USA sein. Ein Umstand, den einige Menschen kaum ertragen und deshalb ein Attentat auf den künftigen Präsidenten planen …

Von 1968 ins Jahr 2008

Leonard Pitts jr. hat mit Grant Park das Buch der Stunde geschrieben (was ja auch die eingangs zitierte Schlagzeile beweist). Wobei das Traurige ist, dass es eigentlich nicht das Buch der Stunde oder  des Jahres ist. Vielmehr ist der Roman ein Buch der Jahrzehnte. Denn der mannigfaltige Rassismus, von dem Pitts wirklich schlau, phasenweise gar brillant erzählt, er ist in die DNA der Vereinigten Staaten eingeschrieben. Manifest wird dies im zweiten Erzählstrang, der zusammen mit der an einem Tag erzählten Rahmenhandlung 2008 die große Klammer bildet. Und dieser Erzählstrang führt genau vierzig Jahre zurück, ins ebenso turbulente wie wegweisende Jahr 1968.

Nachgestellte Szene des Streiks der Müllarbeiter (Adam Jones, Ph.D. CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22197461

Damals begann alles in Memphis mit einem Streik der Müllarbeiter, die unter dem Schlagwort I am a Man eine faire Bezahlung einforderten. Unterstützung erhielten sie vom Prediger und Bürgerrechtler Martin Luther King, der den Streik unterstütze. In der Folge kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Streikenden. Zusammenstöße, in die unabhängig voneinander auch der junge Malcolm Toussaint und sein späterer Vorgesetzter Bob Carson verwickelt wurden. Trauriger Höhepunkt war damals das Attentat auf Martin Luther King, der am 4. April 1968 dann von einem Attentäter erschossen wurde.

Ein prägendes Erlebnis für beide Figuren, das Pitts Jr. mit viel Empathie zu schildern vermag. Fortan kämpfen Toussaint und Carson mit ihren Mitteln und merken auch bald, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist. Als idealistische Tiger gestartet, landen sie als Bettvorleger der eigenen Wünsche. Resignation und Frust schleichen sich ein, als sie erkennen müssen, dass ihre Kämpfe für Black Power und Gerechtigkeit kaum etwas gebracht haben. Mehr oder minder vergeblich die Kämpfe, die sie für die Durchsetzung ihrer Ideale ausfochten.

Und während Bob Carson diese Ideale aus der Vergangenheit mehr und mehr vergisst und verdrängt, so wächst bei Malcolm die Wut (auch über sich selbst), die sich dann 40 Jahre später in seiner explosiven Kolumne entlädt.

War es tatsächlich vierzig Jahre her, dass sie mit in die Luft gestreckter Faust „Power to the people“ skandiert hatten?

Und „Give peace a chance“?

Und „Revolution“?

Vierzig Jahre. Und was war aus ihnen geworden? Was war aus ihm geworden? Er war alt und müde und fuhr in einem Angeberauto von einem Angeberhaus weg und zahlte in einen Pensionsfonds ein. Sie waren so begeistert von sich gewesen, von ihrer Macht, die Welt zu verändern.

Pitts jr., Leonard: Grant Park, S. 22

Der Rassismus als nicht endendes Problem

In Grant Park kann man die Verbitterung von Malcolm Toussaint über die gesellschaftlichen Zustände wirklich nacherleben und plastisch erfahren. All diese Kämpfe für Gleichberechtigung, für faire Bezahlung, für Respekt in der Gesellschaft – und Jahrzehnte später hat sich nichts geändert. Mitbürger beschimpfen Toussaint gerne als Nigger, die Polizei erschießt dutzendfach Schwarze und viele Mitbürger sehen in Obama ein willkommene Tünche, um die kilometertiefen gesellschaftlichen Verwerfungen zwischen Schwarz und Weiß einfach zu übermalen.

By Shepard Fairey – Self-made, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=32592376

Tatsächlich deckt sich dieses negative Bild über Gleichberechtigung und Rassismus ja mit der Realität, wenn die Probleme nicht schlimmer geworden sind. Grant Park erschien im Jahr 2016, nun jährt sich heuer der Streik der Müllarbeiter in Memphis zum 50. Mal. Hat sich seitdem etwas zum Besseren gewandelt? In meinen Augen kaum.

Versprach Barack Obama seinem Wähler und dem ganzen Land durch seine Kampagne Hope, also Hoffnung, so scheint diese im Jahr 2018 vollkommen verflogen. Trump als Nachfolger von Obama gibt den Spalter, die Ausgrenzung von Flüchtlingen, Minderheiten und Religionen hat meinem Empfinden nach stark zugenommen. Und ein Kämpfer vom Schlage eines Martin Luther King ist landauf landab nicht in Sicht. Dabei wären dies nötiger denn je. Aber der Rassismus, er lässt sich nicht überwinden, vor allem dann, wenn dieser von oberster Stelle eher toleriert denn bekämpft wird.

Dieses Aufzeigen der Vergeblichkeit der Proteste, das Legen des Fingers in die schwärende Wunde des Rassismus, vor dem niemand von uns gefeit ist – das zeigt Grant Park auf meisterhafte Art und Weise, gerade indem es den Bogen über die 40 Jahre hinweg spannt.

Glaubhafte und widersprüchliche Figuren

Doch was nützt alle Ambition des Plots, alle Anliegen, die ein Text vertritt, wenn sein Gerüst in Form der Protagonisten wackelig gebaut ist? In meinen Augen nichts. Umso schöner, dass Grant Park auch in dieser Hinsicht eine wirkliche Bank ist.

Hier werden wirklich plausible und glaubwürdige Menschen gezeichnet. Plausibel, da abgründig und widersprüchlich, wie wir Menschen nun einmal sind. Das Paradebeispiel hierbei ist für mich einer der beiden Entführer von Malcolm Toussaint. Sondert er in Stanzen die unglaublichsten rassistischen Beleidigungen und Verschwörungstheorien aus, die ihm sein Kompagnon einflüstert, so ist er zugleich ein glühender Verehrer von Michael Jordan. Die Widersprüchlichkeit von Denken und Handeln und dieser Verehrung fällt ihm selbst dabei gar nicht auf.

Auch die „Guten“ in diesem Buch haben ihre wohltuenden Schattenseiten. Mal sind sie über die Jahre ermüdet und haben den Kampf gegen den Rassismus aufgegeben, mal erkennen sie die eigenen blinden Flecken in ihrem Tun nicht. Hier gibt es kein Schwarz und Weiß, nur Grau (was zugleich das Cover auch wieder wunderbar aufgreift).

„Die Weißen“, wiederholte King. „Du redest gerade so, als wären sie alle gleich. Das sind sie aber nicht. Viola Liuzzo war eine weiße Frau. Sie ist für unsere Freiheit gestorben. James Reeb war ein weißer Mann und er ist für uns gestorben. Jack Zwerg wurde in Montgomery unserer Freiheit wegen das Rückgrat gebrochen. Die Weißen sind nicht alle gleich, genauso wenig wie wir das sind.“

Pitts jr. Leonard: Grant Park. S. 420

Diese Pluralität der Ansichten, diese unterschiedlichen Lebenswege – all das macht aus diesem Buch eine glaubwürdige Erzählung.  Denn Leonard Pitts jr. weiß um die Komplexität des Themas des Rassismus und verhandelt es auch angemessen schwankend und ambivalent.

Grant Park – ein Thriller und Gesellschaftsanalyse

Ist Grant Park ein Thriller? Man kann das Buch durchaus so lesen, schließlich gibt es durchgeknallte Attentäter, einen Anschlagsplan, Verfolgungen, Action und weitere Genrekonventionen. Allerdings geht es in Grant Park um so viel mehr. Die Thrillerhandlung ist nimmt sich gegen die gesellschaftliche Relevanz, den ambitionierten Plot und die kritische Analysekraft des Buchs wirklich verschwindend gering aus. Dementsprechend lese und betrachte ich dieses Buch als Gesellschaftspanorama, als Bogen über 40 Jahre amerikanische Geschichte hinweg. Die bittere Pointe dabei ist ja die, dass sich trotz des Kampfes von Martin Luther King bis hin zur Ernennung Barack Obamas als Präsident nichts geändert hat.

Diese Nüchternheit, dieses Aufzeigen der Stagnation der gesellschaftlichen Entwicklung, dieses Gespür für den Puls der Zeit, die Brillanz, die immer wieder in der Verdichtung des Themas aufblitzt – in meinen Augen ist Grant Park ein Meisterwerk, das bislang sträflich vernachlässigt wurde. Eines der wichtigsten Bücher, so spannend wie gesellschaftskritisch, so divers wie erschütternd. In meinen Augen einer der besten Titel dieses Bücherherbstes!

Buchinformationen

Pitts jr., Leonard: Grant Park (aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck), erschienen im Polar-Verlag, Gebunden mit Schutzumschlag, ca. 550 Seiten, August 2018, ISBN 978-3-945133-65-1, EUR (D) 22,00 / EUR (A) 22,70

 

Tara Westover – Befreit


Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948), Artikel 26

Es ist ein Grund zum Feiern: in weniger als zwei Monaten feiert diese bahnbrechende Erklärung ihr 70-jähriges Jubiläum. Das Recht auf Bildung, es ist zentrales Element der Erklärung der Menschenrechte, auch in der Genfer Flüchtlingskonvention und der Kinderrechtskonvention ist dieses universale Recht verankert.

Doch was ist, wenn die Eltern ihrem Kind dieses verbriefte Grundrecht vorenthalten? Wenn statt der Bildung des Nachwuchses in einer instutionellen Einrichtung eigene Regeln und Dogmen den Alltag bestimmen und damit das Recht auf Entfaltung und Bildung der Kinder zunichte machen?

Davon kann Tara Westover äußerst eindrucksvoll berichten. Sie legt Zeugnis ab in Form ihres Memoirs Befreit (Deutsch von Eike Schönfeld). Darin schildert sie ihre Kindheit und Jugend in einem staats- und bildungsskeptischen Haushalt in der Einöde Idahos – und ihren Weg aus diesem obstruktiven Milieu heraus.

Eine Kindheit in Idaho

Doch das ist eigentlich viel zu harmlos formuliert für das, was Westover erleben und erleiden muss. Zusammen mit sieben Geschwistern wächst sie in Mountain West auf, einer Region in der Einöde Idahos. Am Fuße des mächtigen Bergs Buck Peak befindet sich das Haus der Westovers.

Ebenso massiv und bedrohlich ragt ihr Vater über der Familie auf, dessen Ansichten und Doktrinen das Familienleben bestimmen. Denn die Westovers sind Mormonen – was Taras Vater radikal lebt. Die Vorstellungen der Bibel und der mormonischen Glaubenslehrer gelten als unverrückbare Richtschnur, nach der sich das ganze Leben auszurichten hat. In seiner Orthodoxie unbeirrbar wird da schon einmal sämtliche Milch aus dem Haus entfernt und das Müsli fortan mit Wasser getrunken – es steht ja so in der Heiligen Schrift.

Doch nicht nur in seiner Auslegung der Heiligen Schrift und der Ausrichtung des ganzen Lebens danach ist Westovers Familie radikal. Auch lehnt Vater Westover stellvertretend für seine Familie jegliche staatliche Einmischung in sein Leben beziehungsweise den Staat selbst ab.

Das Ende ist nahe – nur bitte ohne den Staat

Staatliche Versicherungen, Geburtsurkunden oder Ähnliches? Nur ausgeklügelte Instrumente des amerikanischen Staates, um seine Untertanen zu unterdrücken und diesen hinterherzuspionieren. Besser ist es, wenn man sich selbst im Stile der Prepper abkapselt, um für den Notfall gerüstet zu sein, sobald eines Tages dann der Zusammenbruch kommt.

Hier zeigt Westover nationenübergreifend, wie solche Radikalisierung und Denkprozesse funktionieren – unabhängig davon, ob es sich gerade um einen ultraradikalen Redneck im Hinterland Amerikas oder einen Reichsbürger in Franken handelt. Die Wege in die eigenen Wahnvorstellungen hinein und das Leben mit radikalen Ansichten sind universell. Eine bittere Erkenntnis, die Befreit birgt – denn heraus findet man aus so einer Welt kaum mehr.

Aber auch Krankenhäuser und ähnliche Einrichtungen des Staats sind für die Westovers Teufelszeug. Hat sich einmal ein Kind etwas gebrochen oder schwer verletzt, wird zu homöopathischen Pflanzenmitteln gegriffen, statt den Weg in ein staatliches Krankenhaus zu suchen. Denn die Ärzte haben nur die Vergiftung ihrer Patienten im Sinn, so die verqueren Ansichten des Vaters.

Bildung? Teufelszeug

Dass diese Weltanschauung sich auch auf die Bildung erstreckt, sollte nicht verwundern. Denn in Schulen bekommen die Kinder nur eine sozialistische Gehirnwäsche verpasst. Und sowieso ist der ganze Bildungssektor von den Illuminaten unterwandert – da erzieht man seine Kinder lieber daheim und lässt ihnen ein gewisses Maß an Grundbildung zukommen. Doch bitte nicht zuviel, schließlich sollen die Mädchen eh nur heiraten und die Jungs auf dem familieneigenen Schrottplatz als Arbeitskräfte eingesetzt werden.

Angesichts dieser Hintergründe mutet die Emanzipationsgeschichte von Tara Westover umso kühner und bewundernswerter an. Ihr Weg aus diesem bildungsfeindlichen Milieu bis nach Harvard erscheint zwar auf den ersten Blick wie ein Märchen, doch dass dieser Weg mit unglaublichen psychischen Belastungen, Ängsten und der zunehmenden Abkapselung von den eigenen Wurzeln einherging, das verschweigt die Amerikanerin in Befreit nicht.

Hier bekommt man einen Eindruck, wie es sein muss, wenn man das Höhlengleichnis von Platon in die heutige Welt überführt. Denn gemäß Kants aufklärerischen Postulat Sapere aude ist man hier wirklich Zeuge, wie sich eine junge Frau selbst aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit und so einen neuen Blick auf ihr Leben und ihre Welt erhält. Alleine das macht Befreit schon zu einem beeindruckenden Leseerlebnis – wenngleich die Passagen ihrer sozialen Herkunft wirklich harter Tobak sind.

Das schizophrene, gewaltgeschwängerte Milieu am Fuße des Buck Peak, die scheinheiligen Doppelstandards ihrer Familie – das alles liest sich schon bedrückend. Ein Leben unter diesen Umständen muss da ja noch ungleich schwerer sein. Bei der Verarbeitung hilft Tara Westover dann aber auch wiederum die Bildung.

Erst auf Seite 290 in ihrem Memoir, aber noch relativ am Anfang ihres Bildungsprozesses befindlich, liefert ihr das Wissen die Voraussetzung zum Verständnis ihres Vaters und damit auch zum Verständnis ihrer ganzen Familie. Bipolare Störung heißt das Wort, das ihr zunächst wie andere Begriffe (beispielsweise der Terminus  Holocaust), ein völlig unbekannter Ausdruck ist. Doch dann gibt ihr die Erklärung dieser Begriffe einen Schlüssel in die Hand, mit der sie sich ihre Welt ein Stück weiter aufsperren kann. Dies ist beeindruckend geraten und hält auch für uns Leser eine Erkenntnis bereit: Wir können manchmal an der Welt scheitern und an ihr zweifeln – aber mithilfe der Bildung können wir sie zumindest besser verstehen.

Das macht aus Tara Westovers Erzählung eine Geschichte, die weit über dieses Einzelschicksal hinausweist. Ihr Buch beleuchtet die beiden Seiten ihres Lebens eindringlich, zwischen denen sich nicht nur der einzelne Mensch, sondern auch die Gesellschaft entscheiden muss. Verblendung, Fanatismus und religiöse Dogmen auf der einen Seite, Individualismus, Bildung und Aufklärung auf der anderen Seite. Ein starkes Plädoyer und das beeindruckende Lebenszeugnis einer jungen Frau.

Fazit oder: The Redemption Song

Zu einem Song mit großer Symbolkraft wird für Tara das Lied Redemption Song von Bob Marley. Die Selbsterkenntnis, die ihr das Hören dieses Lieds beschert ist enorm. Darin heißt es 

Emancipate yourself from mental slavery

None but ourselves can free our mindes

(Bob Marley, Redemption Song)

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer dass wir auch im 70. Jahr nach der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte die Bildung als Schlüssel zu einem besseren Leben allen, wirklich allen zugänglich machen müssen. Befreit ist kann uns da Mahnung und Ansporn zugleich sein

 

Weitere Besprechungen des Buchs finden sich auf den Blogs Binge-Reader sowie Feiner, reiner Buchstoff.

Richard Russo – Ein Mann der Tat

Der Menschenzeichner

Was für ein schönes, turbulentes, witziges – kurz großartiges Buch, das Richard Russo da vorgelegt hat! In Ein Mann der Tat beschreibt er diesen Durchschnitt, der sich Leben nennt, auf vorzügliche Art und Weise. Dies tut er, indem er seinen sezierenden Blick in das kleine Städtchen North Bath wirft, das symptomatisch für so vieles in Amerika steht. In diesem Städtchen versieht Douglas Raymer als Polizeichef seinen Dienst.

Dieser wird in den zwei Tagen, die die Handlung des Romans umfasst, auf allumfassende Weise gepiesackt. Er muss Größe beweisen und droht auch noch seinen Verstand zu verlieren. Klingt nach Chaos und Übertreibung? Ich nenne es großartige Unterhaltung, die über den weiten Bogen von fast 700 Seiten (Deutsch von Monika Köpfer) trägt.

Schon die Ausgangslage ist hinreißend: Der Chief Raymer findet seine Frau zuhause mit gebrochenem Genick vor. Vor der Türe stehen zu seiner maßlosen Verblüffung die Koffer – offenbar war seine Frau gerade im Begriff, ihn zu verlassen. Dieser erste Schock folgt noch einem weiteren – im Auto findet Raymer eine Fernbedienung zu einem Garagentor, das nicht das seine ist. Fortan fährt der Polizeichef Streife mit dem Garagenöffner und versucht zu ergründen, mit wem der Bewohner von North Bath seine Frau wohl eine Affäre hatte.

Es folgt in den kommenden Tagen, die Ein Mann der Tat beschreibt: ein Sturz in ein offenes Grab, eine entkommene Giftschlange, ein Blitzeinschlag und vieles mehr. In den kundigen Händen von Pulitzerpreisträger Russo wird daraus Unterhaltung, die trotz aller Slapstick-Situationen den Figuren ihre Würde lässt. Nicht umsonst habe ich diese Besprechung mit dem Titel Der Menschenzeichner umschrieben. Denn ihm gelingen derart vortreffliche Menschenbeschreibungen, wie man sie selten findet. Runde Charaktere mit Stärken und Schwächen, die plausibel gestaltet sind und bei denen man das Gefühl hat, man würde die Bewohner von North Bath selbst kennen. Derartige Plastizität, was die Gestaltung der Handelnden anbelangt, habe ich zuletzt selten gelesen.

Hier vereint sich der Ausnahmezustand mit der Normalität, das Schwere feiert Hochzeit mit dem Leichten. Ein Mann der Tat ist ein wunderbarer Einstieg in den Kosmos Richard Russos und ein wirklicher Great American Novel, der die Durchschnittlichkeit feiert!

 

Kurz und Gut

Heute gibt es wieder eine Fuhre von Büchern, die ich in der letzte Zeit gelesen habe. Kurze Besprechungen neuer Titel – los gehts!

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

Es sind oftmals die kleinen und unscheinbaren Bücher, die aufgrund ihrer Konzentration dann den größten Eindruck hinterlassen. Jacqueline Woodsons Ein anderes Brooklyn zählt zu genau diesen Büchern. Bislang trat Woodson als Autorin von Büchern für Kinder und Jugendliche in Erscheinung – nun also ihr Debüt im Erwachsenengenre. Kurz nachdem das Buch im Deutschen erschienen war (Übersetzt von Brigitte Jakobeit), wurde die Autorin mit dem Astrid-Lindgren-Preis geehrt – nach der Lektüre dieses Buchs weiß man warum. Die Held*innen in Woodsons Buch sind August und Clyde, ein Geschwisterpaar, das mit ihrem Vater aus Tennessee nach Brooklyn gezogen ist. In der flirrenden Atmosphäre der Großstadt im Jahr 1973 sitzen die beiden zunächst noch beständig am Fenster, um das Treiben auf den Straßen zu beobachten. Doch bald öffnet sich die Welt der beiden und sie finden Anschluss auf den Straßen Brooklyns.

Auf nicht einmal 160 Seiten gelingt es Jacqueline Woodson, das komplexe Heranwachsen Augusts in einer schwierigen Umgebung zu skizzieren. Das komplexe Innen- und Außenleben der Held*innen wird von der Autorin gut eingefangen und glaubhaft vermittelt. Ein unglaublich präsentes, klares und unsentimentales Buch über die Kindheit. Auch meine geschätzte Mitbloggerin Birgit Böllinger war sehr angetan.

 

Nicolás Obregón – Schatten der schwarzen Sonne

Von Amerika aus geht es mit dem nächsten Buch auf einen ganz anderen Kontinent, nämlich Asien. Diesen bespielt der Debütautor Nicolás Obregón mit seinem Thriller Schatten der Schwarzen Sonne. Das Buch ist der Autakt zu einer geplanten Reihe um den Ermittler Kosuke Iwata. Dieser wurde zur Mordkommission in Tokio versetzt und bekommt es gleich mit einem gerissenen Täter zu tun. Dieser ermordete eine ganze Familie und hinterließ am Tatort eine gezeichnete Schwarze Sonne. Dieses Symbol wird dem Polizeibeamten noch öfter an Tatorten begegnen und führt ihn bis nach Hongkong. Doch die wahren Hintergründe bereiten Iwata  Kopfzerbrechen. Handelt es sich um Taten der Triaden, gibt es im privaten Umfeld der Ermordeten Motive oder steckt etwas ganz anderes hinter den Taten? Um den Täter zu stellen, muss Iwata ein hohes Tempo an den Tag legen – denn der Täter ist mit so ziemlich allen Wassern gewaschen.

Mit Schatten der Schwarzen Sonne hat Nicolás Obregón einen wirklich multikulturellen Thriller geschrieben. Obrégon selbst hat eine französische Mutter und einen spanischen Vater. Sein Buch hingegen wurde in Englisch verfasst, ins Deutsche von Thomas Stegers übertragen und in spielt in Japan und China. Wäre dieses Buch ein Fluggast, es hätte wohl so einige Bonusmeilen gesammelt. Obregón erfindet zwar das Rad nicht neu, bietet dafür aber einige spannende Lesestunden.

 

Horst Eckert – Der Preis des Todes

Horst Eckert schaut dahin, wo wir unseren Blick lieber abwenden. Mit seinen Kriminalromanen spürt er gesellschaftlichen Entwicklungen nach und bringt auch Themen aufs Tapet, die sonst eher unpopulär sind. Zuletzt untersuchte er in Wolfsspinne die Verflechtungen von NSU und den aktuellen rechten Bewegungen. In Der Preis des Todes richtet er seinen Blick von Deutschland aus nach Afrika. Genauer gesagt spielt eine große Stadt Afrikas im Buch eine tragende Rolle – die offiziell nicht einmal eine Stadt ist. Die Rede ist von Dadaab, einem der größten Flüchtlingslager der Welt. Dorthin führen die Spuren, denen die TV-Talkerin Sarah Wolf nachgeht.

Diese moderiert eigentlich im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen eine Talkshow. Privat ist sie mit einem parlamentarischen Staatssekretär liiert, was beide zu einem Versteckspiel zwingt. Dramatisch wird es, als ihr Geliebter tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden wird. Sarah zweifelt am offiziellen Tathergang und beschließt, auf eigene Faust die Hintergründe des Todes aufzuklären. Schließlich versteht sie sich ja qua Job aufs kritisches Nachhaken und Analysen. Und so führen sie die Spuren schon bald ins Flüchtlingslager nach Dadaab, wo sie einem Skandal auf die Spur kommt.

Im Gewand des Kriminalromans bietet Horst Eckert eine ungewohnte und betrachtenswerte Perspektive auf die internationalen Fluchtbewegungen. Ist hierzulande die Debatte über Flüchtlinge durch starre Lagerbildung, Meinungskämpfe und viel Geschrei aufgeladen, so bietet dieser Krimi die Gelegenheit, noch einmal einen Schritt zurückzutreten. Eckert bietet Einblicke in das Geschäft mit der Flucht, Lobbyismus und das Treiben hinter den Kulissen einer Talkshow. Relevant und auf Höhe der Zeit!

 

Emily Fridlund – Eine Geschichte der Wölfe

Eine Geschichte der Wölfe ist das Debüt der amerikanischen Autorin Emily Fridlund. Sie erzählt darin aus dem Hinterland von Amerika und seinen Bewohnern, ihren Lebensweisen und woran sie glauben.

Irgendwo im Nirgendwo Minnesotas. Dort wo die Generatoren noch einen Stromanschluss ersetzen und jedes Haus einen eigenen Zufahrtsweg besitzt. Dort lebt die junge Linda. Zusammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter bewohnt sie ein den Wäldern gelegenen Haus. Ein See grenzt gleich an das Anwesen – unberührte Naturidylle eigentlich, wie sie sich mancher Städter erträumt. Doch überhöhte oder romantisierende Darstellungen leistet sich Emily Fridlund zu keinem Zeitpunkt. Denn Ödnis und Langeweile dominieren Lindas Leben, Abwechslung bringt nur ein pikanter Skandal in der Schule. Doch dann lernt Linda eine Nachbarin eines ebenfalls am See gelegenen Hauses kennen. Patra ist eine junge Mutter, die sich auch in den Wäldern Minnesotas niedergelassen hat. Ihr Mann weilt zumeist außer Haus und so wächst Linda langsam in die Rolle des Kindermädchens von Paul, so der Name von Patras Kind, hinein. Immer tiefer taucht sie ins Leben von Patra und ihrem Mann ein. Doch damit offenbaren sich auch langsam die dunklen Seiten von deren Familienleben.

Normalerweise mag ich ja das Genre des Country Noir sehr gerne. Autoren wie Daniel Woodrell, David Vann oder auch weiter gefasst etwa William Faulkner haben es geschafft, die dunklen und abgründigen Seiten der amerikanischen Provinz in Worte zu fassen. Und auch Eine Geschichte der Wölfe ist nach meinem Dafürhalten ganz klar diesem Genre zuzuordnen. Emily Fridlund widmet sich den einfachen Menschen, deren Tagesabläufe und Lebensumfelder ganz anders strukturiert sind, als die etwa der Leser dieses Buches. Sie blickt besonders durch die Figuren von Patra und ihrem Mann Leo hinein in Leben, die von Entsagung und auch von religiösem Eifer geprägt werden. Dies hätte alles sehr viel Potential und böte viele Chancen – doch schlussendlich macht Emily Fridlung fast gar nichts aus ihrer Vorlage.

Auch wenn ihr Schreiblehrer T.C. Boyle auf dem Klappentext des Buches schwärmt, dass ihm selten ein derart perfektes Debüt untergekommen sei, dann muss man sich schon fragen, was der gute alte Tom Coraghessan sonst so liest. Denn Eine Geschichte der Wölfe ist so weit von einem perfekten Debüt entfernt wie die Schauplätze des Buches von der Zivilisation. Immer wieder ertappte ich mich beim Vorblättern des Buches, suchte nach beschleunigenden Momenten oder Szenen, die zum Weiterlesen motivieren würden. Doch davon gibt es im Buch leider entschieden zu wenige. Obschon das Setting und die Anlagen dieses Romans nicht schlecht sind – der entscheidende Funke wollte bei mir zu keinem Moment überspringen.

Lange habe ich überlegt, woran ich dieses zähe Lesegefühl und meine Schwierigkeiten mit dem Text festmache. Bei meinen Überlegungen bin ich am Ende beim Dreh- und Angelpunkt jeder Geschichte gelandet – den Figuren. Zu keiner der von Fridlund beschriebenen Figuren habe ich einen Zugang gefunden. Weder Linda als heranwachsende Heldin war für mich einfühlbar, noch Patra und Paul, die mir auch merkwürdig fremd blieben, obwohl sie viel Spielzeit erhalten. So rutschte ich immer wieder an der Fassade dieses Buches ab, ohne mich emotional in die Protagonist*innen einfühlen und damit auch in das Buch einfinden zu können.

Vielleicht liegt der Fehler bei mir und ich habe einfach das falsche Buch zur falschen Zeit erwischt. Doch nachdem ich vor kurzem mit Emily Ruskovichs Idaho ein ganz ähnliches Buch in Händen hielt, das zahlreiche Berührungspunkte mit Fridlunds Debüt aufweist, habe ich mich immer wieder beim direkten Vergleich der Bücher ertappt. So hätte ich, wäre es meine Entscheidung gewesen, tatsächlich Idaho den Vorzug vor der Geschichte der Wölfe gegeben, was die Nominierung zum National Book Award betrifft. Die Jury hat das anders gesehen und Emily Fridlund mit einer Nominierung versehen – die natürlich gerechtfertigt sein mag. Auch ansonsten heimst das Buch viel Lob ein und wird sehr gut bis euphorisch besprochen – liegt es damit an mir, dass ich dem Buch nicht gerecht geworden bin?

Vielleicht seht ihr das Ganze unterschiedlich und habt Eine Geschichte der Wölfe auf eine andere Art und Weise gelesen? Ich bin auf euer Urteil gespannt!