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Richard Russo – Ein Mann der Tat

Der Menschenzeichner

Was für ein schönes, turbulentes, witziges – kurz großartiges Buch, das Richard Russo da vorgelegt hat! In Ein Mann der Tat beschreibt er diesen Durchschnitt, der sich Leben nennt, auf vorzügliche Art und Weise. Dies tut er, indem er seinen sezierenden Blick in das kleine Städtchen North Bath wirft, das symptomatisch für so vieles in Amerika steht. In diesem Städtchen versieht Douglas Raymer als Polizeichef seinen Dienst.

Dieser wird in den zwei Tagen, die die Handlung des Romans umfasst, auf allumfassende Weise gepiesackt. Er muss Größe beweisen und droht auch noch seinen Verstand zu verlieren. Klingt nach Chaos und Übertreibung? Ich nenne es großartige Unterhaltung, die über den weiten Bogen von fast 700 Seiten (Deutsch von Monika Köpfer) trägt.

Schon die Ausgangslage ist hinreißend: Der Chief Raymer findet seine Frau zuhause mit gebrochenem Genick vor. Vor der Türe stehen zu seiner maßlosen Verblüffung die Koffer – offenbar war seine Frau gerade im Begriff, ihn zu verlassen. Dieser erste Schock folgt noch einem weiteren – im Auto findet Raymer eine Fernbedienung zu einem Garagentor, das nicht das seine ist. Fortan fährt der Polizeichef Streife mit dem Garagenöffner und versucht zu ergründen, mit wem der Bewohner von North Bath seine Frau wohl eine Affäre hatte.

Es folgt in den kommenden Tagen, die Ein Mann der Tat beschreibt: ein Sturz in ein offenes Grab, eine entkommene Giftschlange, ein Blitzeinschlag und vieles mehr. In den kundigen Händen von Pulitzerpreisträger Russo wird daraus Unterhaltung, die trotz aller Slapstick-Situationen den Figuren ihre Würde lässt. Nicht umsonst habe ich diese Besprechung mit dem Titel Der Menschenzeichner umschrieben. Denn ihm gelingen derart vortreffliche Menschenbeschreibungen, wie man sie selten findet. Runde Charaktere mit Stärken und Schwächen, die plausibel gestaltet sind und bei denen man das Gefühl hat, man würde die Bewohner von North Bath selbst kennen. Derartige Plastizität, was die Gestaltung der Handelnden anbelangt, habe ich zuletzt selten gelesen.

Hier vereint sich der Ausnahmezustand mit der Normalität, das Schwere feiert Hochzeit mit dem Leichten. Ein Mann der Tat ist ein wunderbarer Einstieg in den Kosmos Richard Russos und ein wirklicher Great American Novel, der die Durchschnittlichkeit feiert!

 

Kurz und Gut

Heute gibt es wieder eine Fuhre von Büchern, die ich in der letzte Zeit gelesen habe. Kurze Besprechungen neuer Titel – los gehts!

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

Es sind oftmals die kleinen und unscheinbaren Bücher, die aufgrund ihrer Konzentration dann den größten Eindruck hinterlassen. Jacqueline Woodsons Ein anderes Brooklyn zählt zu genau diesen Büchern. Bislang trat Woodson als Autorin von Büchern für Kinder und Jugendliche in Erscheinung – nun also ihr Debüt im Erwachsenengenre. Kurz nachdem das Buch im Deutschen erschienen war (Übersetzt von Brigitte Jakobeit), wurde die Autorin mit dem Astrid-Lindgren-Preis geehrt – nach der Lektüre dieses Buchs weiß man warum. Die Held*innen in Woodsons Buch sind August und Clyde, ein Geschwisterpaar, das mit ihrem Vater aus Tennessee nach Brooklyn gezogen ist. In der flirrenden Atmosphäre der Großstadt im Jahr 1973 sitzen die beiden zunächst noch beständig am Fenster, um das Treiben auf den Straßen zu beobachten. Doch bald öffnet sich die Welt der beiden und sie finden Anschluss auf den Straßen Brooklyns.

Auf nicht einmal 160 Seiten gelingt es Jacqueline Woodson, das komplexe Heranwachsen Augusts in einer schwierigen Umgebung zu skizzieren. Das komplexe Innen- und Außenleben der Held*innen wird von der Autorin gut eingefangen und glaubhaft vermittelt. Ein unglaublich präsentes, klares und unsentimentales Buch über die Kindheit. Auch meine geschätzte Mitbloggerin Birgit Böllinger war sehr angetan.

 

Nicolás Obregón – Schatten der schwarzen Sonne

Von Amerika aus geht es mit dem nächsten Buch auf einen ganz anderen Kontinent, nämlich Asien. Diesen bespielt der Debütautor Nicolás Obregón mit seinem Thriller Schatten der Schwarzen Sonne. Das Buch ist der Autakt zu einer geplanten Reihe um den Ermittler Kosuke Iwata. Dieser wurde zur Mordkommission in Tokio versetzt und bekommt es gleich mit einem gerissenen Täter zu tun. Dieser ermordete eine ganze Familie und hinterließ am Tatort eine gezeichnete Schwarze Sonne. Dieses Symbol wird dem Polizeibeamten noch öfter an Tatorten begegnen und führt ihn bis nach Hongkong. Doch die wahren Hintergründe bereiten Iwata  Kopfzerbrechen. Handelt es sich um Taten der Triaden, gibt es im privaten Umfeld der Ermordeten Motive oder steckt etwas ganz anderes hinter den Taten? Um den Täter zu stellen, muss Iwata ein hohes Tempo an den Tag legen – denn der Täter ist mit so ziemlich allen Wassern gewaschen.

Mit Schatten der Schwarzen Sonne hat Nicolás Obregón einen wirklich multikulturellen Thriller geschrieben. Obrégon selbst hat eine französische Mutter und einen spanischen Vater. Sein Buch hingegen wurde in Englisch verfasst, ins Deutsche von Thomas Stegers übertragen und in spielt in Japan und China. Wäre dieses Buch ein Fluggast, es hätte wohl so einige Bonusmeilen gesammelt. Obregón erfindet zwar das Rad nicht neu, bietet dafür aber einige spannende Lesestunden.

 

Horst Eckert – Der Preis des Todes

Horst Eckert schaut dahin, wo wir unseren Blick lieber abwenden. Mit seinen Kriminalromanen spürt er gesellschaftlichen Entwicklungen nach und bringt auch Themen aufs Tapet, die sonst eher unpopulär sind. Zuletzt untersuchte er in Wolfsspinne die Verflechtungen von NSU und den aktuellen rechten Bewegungen. In Der Preis des Todes richtet er seinen Blick von Deutschland aus nach Afrika. Genauer gesagt spielt eine große Stadt Afrikas im Buch eine tragende Rolle – die offiziell nicht einmal eine Stadt ist. Die Rede ist von Dadaab, einem der größten Flüchtlingslager der Welt. Dorthin führen die Spuren, denen die TV-Talkerin Sarah Wolf nachgeht.

Diese moderiert eigentlich im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen eine Talkshow. Privat ist sie mit einem parlamentarischen Staatssekretär liiert, was beide zu einem Versteckspiel zwingt. Dramatisch wird es, als ihr Geliebter tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden wird. Sarah zweifelt am offiziellen Tathergang und beschließt, auf eigene Faust die Hintergründe des Todes aufzuklären. Schließlich versteht sie sich ja qua Job aufs kritisches Nachhaken und Analysen. Und so führen sie die Spuren schon bald ins Flüchtlingslager nach Dadaab, wo sie einem Skandal auf die Spur kommt.

Im Gewand des Kriminalromans bietet Horst Eckert eine ungewohnte und betrachtenswerte Perspektive auf die internationalen Fluchtbewegungen. Ist hierzulande die Debatte über Flüchtlinge durch starre Lagerbildung, Meinungskämpfe und viel Geschrei aufgeladen, so bietet dieser Krimi die Gelegenheit, noch einmal einen Schritt zurückzutreten. Eckert bietet Einblicke in das Geschäft mit der Flucht, Lobbyismus und das Treiben hinter den Kulissen einer Talkshow. Relevant und auf Höhe der Zeit!

 

Emily Fridlund – Eine Geschichte der Wölfe

Eine Geschichte der Wölfe ist das Debüt der amerikanischen Autorin Emily Fridlund. Sie erzählt darin aus dem Hinterland von Amerika und seinen Bewohnern, ihren Lebensweisen und woran sie glauben.

Irgendwo im Nirgendwo Minnesotas. Dort wo die Generatoren noch einen Stromanschluss ersetzen und jedes Haus einen eigenen Zufahrtsweg besitzt. Dort lebt die junge Linda. Zusammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter bewohnt sie ein den Wäldern gelegenen Haus. Ein See grenzt gleich an das Anwesen – unberührte Naturidylle eigentlich, wie sie sich mancher Städter erträumt. Doch überhöhte oder romantisierende Darstellungen leistet sich Emily Fridlund zu keinem Zeitpunkt. Denn Ödnis und Langeweile dominieren Lindas Leben, Abwechslung bringt nur ein pikanter Skandal in der Schule. Doch dann lernt Linda eine Nachbarin eines ebenfalls am See gelegenen Hauses kennen. Patra ist eine junge Mutter, die sich auch in den Wäldern Minnesotas niedergelassen hat. Ihr Mann weilt zumeist außer Haus und so wächst Linda langsam in die Rolle des Kindermädchens von Paul, so der Name von Patras Kind, hinein. Immer tiefer taucht sie ins Leben von Patra und ihrem Mann ein. Doch damit offenbaren sich auch langsam die dunklen Seiten von deren Familienleben.

Normalerweise mag ich ja das Genre des Country Noir sehr gerne. Autoren wie Daniel Woodrell, David Vann oder auch weiter gefasst etwa William Faulkner haben es geschafft, die dunklen und abgründigen Seiten der amerikanischen Provinz in Worte zu fassen. Und auch Eine Geschichte der Wölfe ist nach meinem Dafürhalten ganz klar diesem Genre zuzuordnen. Emily Fridlund widmet sich den einfachen Menschen, deren Tagesabläufe und Lebensumfelder ganz anders strukturiert sind, als die etwa der Leser dieses Buches. Sie blickt besonders durch die Figuren von Patra und ihrem Mann Leo hinein in Leben, die von Entsagung und auch von religiösem Eifer geprägt werden. Dies hätte alles sehr viel Potential und böte viele Chancen – doch schlussendlich macht Emily Fridlung fast gar nichts aus ihrer Vorlage.

Auch wenn ihr Schreiblehrer T.C. Boyle auf dem Klappentext des Buches schwärmt, dass ihm selten ein derart perfektes Debüt untergekommen sei, dann muss man sich schon fragen, was der gute alte Tom Coraghessan sonst so liest. Denn Eine Geschichte der Wölfe ist so weit von einem perfekten Debüt entfernt wie die Schauplätze des Buches von der Zivilisation. Immer wieder ertappte ich mich beim Vorblättern des Buches, suchte nach beschleunigenden Momenten oder Szenen, die zum Weiterlesen motivieren würden. Doch davon gibt es im Buch leider entschieden zu wenige. Obschon das Setting und die Anlagen dieses Romans nicht schlecht sind – der entscheidende Funke wollte bei mir zu keinem Moment überspringen.

Lange habe ich überlegt, woran ich dieses zähe Lesegefühl und meine Schwierigkeiten mit dem Text festmache. Bei meinen Überlegungen bin ich am Ende beim Dreh- und Angelpunkt jeder Geschichte gelandet – den Figuren. Zu keiner der von Fridlund beschriebenen Figuren habe ich einen Zugang gefunden. Weder Linda als heranwachsende Heldin war für mich einfühlbar, noch Patra und Paul, die mir auch merkwürdig fremd blieben, obwohl sie viel Spielzeit erhalten. So rutschte ich immer wieder an der Fassade dieses Buches ab, ohne mich emotional in die Protagonist*innen einfühlen und damit auch in das Buch einfinden zu können.

Vielleicht liegt der Fehler bei mir und ich habe einfach das falsche Buch zur falschen Zeit erwischt. Doch nachdem ich vor kurzem mit Emily Ruskovichs Idaho ein ganz ähnliches Buch in Händen hielt, das zahlreiche Berührungspunkte mit Fridlunds Debüt aufweist, habe ich mich immer wieder beim direkten Vergleich der Bücher ertappt. So hätte ich, wäre es meine Entscheidung gewesen, tatsächlich Idaho den Vorzug vor der Geschichte der Wölfe gegeben, was die Nominierung zum National Book Award betrifft. Die Jury hat das anders gesehen und Emily Fridlund mit einer Nominierung versehen – die natürlich gerechtfertigt sein mag. Auch ansonsten heimst das Buch viel Lob ein und wird sehr gut bis euphorisch besprochen – liegt es damit an mir, dass ich dem Buch nicht gerecht geworden bin?

Vielleicht seht ihr das Ganze unterschiedlich und habt Eine Geschichte der Wölfe auf eine andere Art und Weise gelesen? Ich bin auf euer Urteil gespannt!

 

Matthias Göritz – Parker

Meine Erwartungshaltungen an dieses Buch waren hoch – vermisse ich doch etwas in der aktuellen deutschsprachigen Literatur massiv: Politik und den Willen, sich in Debatten einzubringen. Schon einmal habe ich diesen Wunsch in einem längeren Aufsatz geäußert, der sich an dieser Stelle findet. Nun also Matthias Göritz‘ Parker, ein Roman über einen Mann, über die Politik und deren Abgründe – das erhoffte ich mir nach einer ersten Studie des Klappentextes des Buchs. Bekommen habe ich stattdessen etwas anderes – aber der Reihe nach.

Matthias Göritz ist 1969 geboren und betätigt sich als Übersetzer, schreibt Gedichte und fürs Theater. Immer wieder lehrte und schrieb er auch als Dozent und Stipendiat in Amerika an verschiedenen Universitäten und im Rahmen von Förderprogrammen – so auch momentan. Zur Zeit lehrt Göritz an der Washington-Universität von St. Louis.

Den Amerika-Einschlag merkt man auch Parker auch deutlich an. Dies beginnt schon bei der Figur des titelgebenden Matthew Parker (Mutter Deutsche, Vater Amerikaner) und setzt sich in seinem trans-atlantischen Plot fort. Denn wir begleiten Parker dabei, wie er von Amerika kommend eingangs nach Schleswig-Holstein reist, wo seine Talente benötigt werden. Als Rhetoriker und Redenschreiber gibt er ein Seminar und soll den aufstrebenden SPD-Politiker Hans-Christian Mahler coachen. Der Macron von der Waterkant hat nämlich erkannt, dass smarte und redegewandte Politiker in Europa auf dem Vormarsch sind. Und so soll nun Parker Mahler in die erste Reihe der Politik bringen und dessen Vision von einem norddeutschen Silicon Valley mit Reden befeuern und pushen.

Doch der Norden und Schleswig-Holstein speziell sind ein hartes politisches Pflaster. Göritz greift das im Buch immer wieder auf und erinnert an die zahlreichen Skandale, die die Landespolitik stets produzierte. Besonders in Bezug auf die SPD stellt die politische Historie  kein Ruhmesblatt da. Fälle wie die Bespitzelung Björn Engholms in der Barschel-Affäre, das Wahldesaster Heide Simonis oder das Scheitern der SPD-Bürgermeistern Susanne Gaschkes sind nur einzelne Steine in einer Kette von Skandalen – das Register ist lang.

Wer in Schleswig-Holstein nach der Macht greift, der muss über kurz oder lang scheitern, so auch Göritz‘ These, der das an der Figur des Parker durchexerziert. Doch eine Art deutsches House of Cards ist Parker dennoch nicht, denn die Politik ist im Buch eher ein dünner Mantel, der seine Hauptfigur umkleidet. Der Mittelpunkt von Parker ist und bleibt Parker selbst.

Dass Parker dabei gerade im Haifischbecken der Politik mitschwimmt, ist keine Überraschung, Denn es sind seine Fähigkeiten als Redner und auch Blender, mit denen er sich gekonnt über Wasser hält und von Auftrag zu Auftrag laviert. Die wirklichen Triebfedern Parkers weiß sein Schöpfer Göritz dabei gut zu verstecken und diese mit dem Fortschreiten des Buches nur zögerlich zu enthüllen.

Oftmals wirkt Parker und sein ganzes Personal wie die Hochglanz-Räume, in denen sich die Handlung zumeist abspielt. Überall Hotelzimmer und Lofts, in denen auf jedem Meter ein Marcel-Breuer-Tisch oder eine Eames-Chair steht. Vordergründig ist alles auf Hochglanz und Strahlen gebürstet, hinter den Fassaden lauert aber das große Nichts. Genau das ist es auch, das Parker selbst tut – Menschen herausputzen und von ihrer besten Seite präsentieren. Die Abgründe sollte man dabei besser verstecken – doch wehe, wenn sie aufgedeckt werden …

Stark ist Göritz bei Parker in dieser Dichotomie von Schein und Sein. Andere Punkte sind schwächer geraten – denn ganz klischeefrei kann auch er nicht. So sind die Schilderungen der Stehempfänge mit den honorigen Gästen oder das Beharken der Gegner Szenen, die Erwartbares zeigen, darüber hinaus allerdings keine große Tiefenwirkung im Buch entfalten. Man kennt das schon (besser) aus Serien wie etwa The West Wing, Borgen oder dem oben bereits erwähnten House of Cards. Diese Serien sind einfach Maß der Dinge, wenn es darum geht, die Politik in ein Unterhaltungsformat zu überführen. Erwartet man Ähnliches von Parker, dürfte man enttäuscht werden.

Liest man aber Parker als Studie eines zerrissenen Mannes, die eine leichte Politik-Tünche umgibt, dann ist das Buch wirklich stark. Ausflüge in Rhetorik und Kampagnenführung inklusive.

Fazit

Ist Parker der große zeitgenössische Roman über die Politik, ihre Mechanismen und Abgründe? Dem würde ich nur mit großen Einschränkungen zustimmen. Für mich ist Parker vielmehr ein Buch über Schein und Sein sowie die Geschichte eines Mannes, der sich irgendwo zwischen Amerika und Deutschland verloren hat.

 

 

Emily Ruskovich – Idaho

Mit dem Debütroman Idaho der jungen Autorin Emily Ruskovich (Deutsch von Stefanie Jacobs) ist es ein bisschen wie mit dem Basteln eines Würfels. Wohl jeder hat schon einmal im Mathematikunterricht oder bei ähnlichen Gelegenheiten einen solchen Würfel entwerfen müssen. Zunächst wird der Grundriss auf Papier gezeichnet, die Laschen vorbereitet und ausgeschnitten. Anschließend wird das platte Gebilde gefalzt, geklebt und Stück für Stück zusammengefügt, sodass aus dem planen Grundriss am Ende ein dreidimensionales Objekt entsteht. Mit Ruskovich‘ Buch verhält es sich ähnlich, denn ähnlich wie beim Basteln muss auch hier im Buch der Leser einige Arbeiten erledigen, ehe sich das Kunstwerk ganz entfaltet.

Dabei sind die Grundflächen des erzählerischen Würfels bei Emily Ruskovich verschiedene Jahre und Figuren. Sie entscheidet sich nämlich gegen eine chronologische Erzählweise und die Fokussierung auf eine Person – stattdessen erzählt sie multiperspektivisch und deckt eine Zeitspanne von 1973 bis 2025 ab. In deren Mittelpunkt steht Wade, ein Mann aus Idaho, der bei einer Katastrophe alles verloren hat, was man verlieren kann.

Während des Holzmachens ermordet seine Frau Jenny aus heiterem Himmel seine Tochter May mit einem Beil. Wades zweite Tochter June kann fliehen und entkommt in die dichten Wälder Idahos – und bleibt verschwunden. Aufgerollt wird diese Katastrophe, das Davor und Danach durch mehrere Figuren; mal forscht Wades zweite Ehefrau Ann in der Geschichte ihres Mannes, mal wird die Geschichte aus Sicht einer Zellengenossin in Jennys Gefängnis erzählt. Stück für Stück puzzelt sich für den Leser so die Wahrheit über jenen schicksalhaften Tag in der Natur Idahos zusammen.

Vergessen und Erinnern

Das Großartige an Idaho ist nun die doppelte Erzählweise, die Ruskovich wunderbar zur Anwendung bringt. Denn neben der Katastrophe ist das zweite bestimmende Thema des Buchs die Erinnerung. Nach dem Schicksalsschlag entgleitet Wade nämlich allmählich die Erinnerung. Er rutscht in eine Form der Demenz ab. Seine zweite Frau Ann muss mitansehen, wie er immer wieder Aussetzer erleidet und zunehmend die Kontrolle über sein Leben und seine Vergangenheit verliert:

„Aber dann spürt sie in seinen verletzlichsten, würdelosesten Momenten ab und zu, dass die Ereignisse seines Lebens noch nicht ganz verloren sind, dass jener eine Nachmittag, an den sich nicht mehr erinnert, immer noch in in ihm ist, ihn ausfüllt. Verschwunden ist nur die konkrete Textur seiner Erinnerungen, nicht das Gefühl. Allmählich vermischt sich alles, verschwimmen die Linien, bleibt nur ein Gedankenort ohne Gestalt. Aber es gibt immer noch einen Mittelpunkt, ein Datum und eine Zeit, um die herum sich das zunehmend Gleichförmige sammelt und anordnet. Manchmal weiß er alles. Kennt die Namen von May und June. Weiß vom Brennholz und vom Pick-Up. Manchmal erwischt ihn die Erinnerung selbst wie eine herabsausende Axt, so scharf und präsent, dass er glaubt, es wäre erst gestern geschehen.“ (Ruskovich, Emily: Idaho, S. 264).

Die junge Amerikanerin zollt diesem Vergessen und Erinnerung nun Tribut, indem sie ihren Roman so erzählt, wie auch die Erinnerung funktioniert – nämlich nicht chronologisch, sondern in Schlaglichtern. Immer wieder kommen Fragmente aus der Vergangenheit ans Tageslicht und bilden so langsam das erzählerische Ganze.

Neben den Figuren und der behutsamen Annäherung an die Geschichte weiß auch die im Buch omnipräsente Natur zu überzeugen. Gelungen fängt Emily Ruskovich das Gefühl ein, was es bedeutet, in den Bergen und in der rauen Natur ein Leben zu verbringen. Ihre Charaktere sind überlebensgroß, besitzen psychologische Tiefe und bewegen sich in einem Umfeld, das erzählerisch gut funktioniert. Ein starkes Debüt von einer Autorin, von der man noch einiges erwarten darf!