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Valeria Luiselli – Archiv der verlorenen Kinder

In seiner kürzlich in der taz erschienen Rezension zu Colson Whiteheads Roman Die Nickelboys stellte Johannes Franzen fest, dass man mögliche Vorbehalte gegen Protestliteratur oder politische Literatur aufgeben sollte, wenn sie so gut gemacht seien, wie dies bei Whitehead der Fall ist.

Colson Whiteheads „Die Nickel Boys“ ist ein politischer Roman, der die Probleme politischer Literatur nach Möglichkeit vermeidet – ein Beispiel dafür, wie eine gelungene engagierte Literatur heute aussehen könnte, die nicht nur agitiert, sondern auch hohen ästhetischen Ansprüchen genügen kann.

Johannes Franzen über Colson Whiteheads „Die Nickelboys“

An diese Worte aus Franzens Rezension musste ich während der Lektüre von Valeria Luisellis Archiv der verlorenen Kinder denken. Denn ihr Buch ist für mich ebenfalls ein ganz klarer Fall politischer Literatur – und zwar der der guten Sorte. Ein Buch, das ein Anliegen hat, das aber darüber hinaus auch nicht vergisst, auch auf der literarisch-ästhetischen Ebene zu überzeugen.

Von New York nach Mexiko – und umgekehrt

Luiselli erzählt auf faszinierende Art und Weise von zwei gegenläufigen Ereignissen, die aktueller nicht sein könnten. An der mexikanisch-amerikanischen Grenze werden Tausende von Kindern aufgegriffen, die von ihren Eltern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft gen Norden geschickt wurden. Durch Wüsten und auf Zügen schlagen sich die Kinder durch, um dann von der Grenzpolizei aufgegriffen und in den Süden zurückgeschickt zu werden.

Von diesen Kinderdeportationen hat auch die Erzählerin des zweiten Erzählstrangs gehört. Zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern will sie von New York aus in den Süden der USA reisen. Die Erzählerin hat das Schicksal der Flüchtlingskinder im Hinterkopf, ihr Mann das der Apachen. Beide suchen sie im Süden nach Material für Reportagen und Dokumentationen. Sie sehen sich selber als Dokumentarist (der Mann) und als Dokumentarin (die Erzählerin), die mit Klängen Geschichten erzählen. Sie lassen das sichtbar werden, was sonst verborgen bleibt – so auch die Geschichte der jungen Migranten, die es niemals nach Amerika schaffen. Mit ihren beiden Kindern machen sie sich im Auto auf den Weg aus New York in Arizona. So bewegen sich beide Parteien unaufhörlich aufeinander zu.

Mauerbau zu Mexiko, Flucht, Vertreibung, Flüchtlingsschicksale – möglicherweise werden viele Leser*innen an dieser Stelle schon abwinken, zu überpräsent (und wahrscheinlich auch zu ermüdend) mögen diese Schlagworte wirken, ohne die man Valeria Luisellis Erzählung nicht lesen kann. Es wäre allerdings ein Fehler, keinen genauen Blick auf dieses Buch zu werfen. Denn hier passiert auf literarischer Ebene Erstaunliches.

Elegien für verlorene Kinder

Dabei beginnt man am besten schon einmal mit dem Titel. Archiv der verlorenen Kinder – was soll das sein? Der Titel spiegelt einen Kunstgriff der Autorin wieder. Denn im Gepäck hat die Erzählerin für den weiten Weg von New York nach Arizona nicht nur Hörbücher, sondern auch ein Archiv in Form von sieben Schachteln im Kofferraum. In denen hat jedes Familienmitglied (die bis auf eine Ausnahme völlig ohne Namen bleiben) Stauraum für die Reise bekommen. Eines der Bücher, das in den Kisten lagert, ist das Werk Elegien für verlorene Kinder der (fiktiven Autorin) Ella Camposanto.

In den Elegien beschreibt die Autorin das Schicksal von Flüchtlingskindern, die mithilfe des Zugs, La Bestia genannt, von Mexiko nach Amerika zu gelangen versuchen. Die Erzählerin liest in diesen Elegien, nimmt sie auch auf Band auf und liest sie ihren Kindern vor. Je weiter die Familie in den Süden vordringt, desto mehr überlagern sich die eigene Reise und die Elegien. Fiktive und erlebte Schicksale verschwimmen immer mehr, bis am Ende kaum mehr unterscheidbar ist: was entspringt Camposantos Elegien, was haben die Kinder tatsächlich erlebt?

Amerikanisch-Mexikanische Grenze [By Dicklyon – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=76151119]

Diese kunstvolle Vermischung der Ebenen erzielt Luiselli auch durch einen weiteren erzählerischen Kniff. Mehrmals wechselt die Autorin die Erzählperspektive. Auch so wird es zunehmend schwierig, die Schicksale der Kinder der Erzählerin von denen der Flüchtlingskinder aus Mexiko zu separieren. Oder im Sinne des Romans zu sprechen: die Grenzen werden zunehmend durchlässig und verschwinden schlussendlich gar.

Die Schicksale der Kinder vermischen sich zudem auch mit dem der Apachen, die ein weiteres Hauptmotiv bilden.

Flucht, Vertreibung und Geronimo

Der Ehemann der Erzählerin ist von der Historie des Indianerstammes fasziniert. Immer wieder erzählt er seinen Familienmitgliedern von den Schicksalen des Stammes, insbesondere dem von ihrem Häuptling Geronimo. Dieser wurde mitsamt seines Stammes aus den angestammten Gründen vertrieben und nahm den Kampf gegen die Besatzer auf. Bis zu seinem Tod sollten Geronimo und seine Apachen nie mehr heimisch werden.

Nur noch in allzu schnell verlöschenden Echos ist diese Geschichte der Apachen noch vernehmbar. Der Mann der Erzählerin ist bemüht, diese einzufangen – aber auch hier zeigt sich, dass Migration und Vertreibung nur verlorene Menschen hervorbringen, deren Schicksal kaum in Erinnerung bleibt und viel zu schnell verloren geht.

Das Anliegen von Valeria Luiselli schwebt immer klar sichtbar über dem Roman – was diesem aber keinesfalls zum Nachteil gereicht. Durch die clevere Verwendung von Motiven und literarischen Stilmitteln gerät ihr Buch niemals plump und eindimensional. Mit großer Kunstfertigkeit webt sie Töne, Klänge und Sprache in die Schriftlichkeit eines Romans ein. Sie strukturiert den Text durch die sieben Schachteln als Hauptmotiv.

Zudem gelingt ihr mithilfe eines wunderbaren Kniffs, der hier natürlich nicht verraten werden soll, am Ende die ganze Reise, die die Familie hinter sich gebracht hat, den Leser*innen noch einmal vor Augen zu führen. Das ist clever gemacht und zeigt, dass sich Text- und Handlungsebene hier ebenbürtig begegnen.

Ein Buch von großer literarischer Kunstfertigkeit

Wie durchdacht und anspielungsreich Archiv der verlorenen Kinder eigentlich ist, das zeigt auch das Nachwort. In den verschiedenen Elegien hat Valeria Luiselli diverse literarische Anspielungen eingearbeitet (die mir kaum aufgefallen sind, wie ich gestehen muss). So spielen Autor*innen wie Susan Sontag, Dante, Marcel Schwob, Ezra Pound oder Virginia Woolf eine große Rolle. Wie alles zusammenhängt und was sich Luiselli bei der Montage ihres Buchs gedacht hat, das erklärt sie gut nachvollziehbar und schaffte zumindest in meinem Fall noch einige Aha-Effekte. Ein großes Lob sei an dieser Stelle auch an die Übersetzerin Brigitte Jakobeit ausgesprochen, die den Roman ins Deutsche übertragen hat.

Archiv der verlorenen Kinder ist ein mehr als eindrückliches Werk mit einer Botschaft, die niemals moralinsauer wirkt. Ein großartig geschriebenes Buch, das ein Roadtrip, die Innenansicht einer Familie, ein wütender Kommentar auf die aktuelle Migrationspolitik der USA, ein Buch mit Anliegen und eine Hommage an Klänge ist. Das alles und noch mehr steckt im Roman von Valeria Luiselli. Literatur mit Haltung und Mission von allererster Güte.

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Der Krieg im Huertgenwald

Steffen Kopetzky – Propaganda

Eine neue Anwendung der Kopetzky-Formel. Der bayerische Romancier verwandelt ein nahezu vergessenes Kapitel (Kriegs-)Geschichte in einen großen Schmöker, der auch viel von der heutigen Welt erzählt. Nun kann es ja bei der Anwendung von Formeln immer wieder zu unliebsamen Ereignissen kommen (meine Mathematik- und Physikklausuren zeugen eindrücklich davon). Im Falle von Steffen Kopetzkys neuem Buch geht aber alles glatt. Was in Risiko klappte, funktioniert auch in Propaganda wunderbar.


„Weißt du, was gerade geschieht, in Deutschland, Frankreich? Beim Krieg gegen die Sowjetunion? Und du brüllst: Heil Hitler?

Es wäre lächerlich, so zu tun, also ob ich selber damals, am Samstag, den 16. August 1941, tatsächlich gewusst hätte, was der deutsche Feldzug gegen die Sowjetunion war, was er bedeutete oder wie Hitler ihn sich gedacht hatte. Ich war gerade mal zwanzig Jahre alt, zum ersten Mal alleine zu Hause in New York , und obwohl politisch leidenschaftlich interessiert, hatte ich eine naive Vorstellung vom Krieg, und gerade von dem der Deutschen. Ich hatte nur ein Bauchgefühl, aber das trug mich.

Koeptzky, Steffen: Propaganda, S. 81

Dieser junge und naive Mann, den wir in Propaganda kennenlernen, trägt den Namen John Glueck. Deutsche Vorfahren machen ihn zum sprichwörtlichen Gluecks-Fall für die amerikanische Armee, die dringend junge Männer für die Schlachten des Zweiten Weltkriegs benötigt. Die Japaner haben Pearl Harbor attacktiert, und seitdem befinden sich auch die USA im Krieg. John Glueck will auch sein Scherflein zum Krieg beitragen, er wird allerdings in eine ganz besondere Einheit versetzt: die sogenannte Abteilung Sykewar, im Volksmund auch Propaganda genannt.

Im Dienste der Propaganda

Auch ich war ein Angehöriger dieser Armee. Leutnant John Glueck, Department for Psychological Warfare, kurz Sykewar. Psychologische Kriegsführung.

Alle anderen nannten uns Propaganda.

Kopetzky, Steffen: Propaganda, S. 15

Die Männer dieser Abteilung sollen das Kriegsgeschehen und die deutschen Gegener derart beeinflussen und manipulieren, dass die amerikanischen Truppen nach dem Übertritt der Siegfriedlinie leichtes Spiel haben. So gilt es, beständig den Gegner mit Worten und Nachrichten zu destabilisieren und zu demotivieren, damit der Krieg rasch zu Ende geht. Glueck geht als junger Student vollkommen in seiner Aufgabe auf, die ihn schon bald an die Front, in die Nähe Ernest „Papa“ Hemingways und mitten hinein in den dunklen Hürtgenwald führen wird.

Doch all diese Ereignisse bekommen wir nur in Scheibchen serviert. Denn eigentlich sitzt John Glueck im März 1971 in Missouri in einem Gefängnis. Die Hochphase von Flower Power herrscht, die Hippies protestieren gegen Vietnam. Doch hinter Gittern bekommt man davon wenig mit.

Von Psoriasis, also strenger Schuppenflechte, gepeinigt sitzt der 49-Jährige Glueck in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft drängt auf eine langfristige Inhaftierung des ehemaligen Majors. Verschwörung gegen den Vietnamkrieg, so raunt man in den Gängen des Gefängnisses von Missouri. Alle Ereignisse, die dazu führten, stehen in Verbindung mit den Ereignissen im Huertgenwald. Doch wie sie es tun, davon berichtet Glueck sehr geschickt in verschiedenen Episoden, die er immer wieder der Gefängnisleitung vorlegen muss. Erst am Ende ergibt sich ein großer Brückenschlag, der von der Schlacht im Huertgenwald bis zum Krieg in Vietnam führt. Und der Pfeiler, der diese Brücke trägt, ist die Propaganda, die zum allesentscheidenden Faktor wird (und immer mächtiger und mächtiger wird).

Im Huertgenwald

Kern von Kopetzkys Roman ist jenes eingangs erwähnte Kapitel um die Schlacht im Huertgenwald. Auf diese läuft der Roman zu und nimmt auch von der Gewichtung her den meisten Platz im Buch an. Hier gelingt Kopetzky eine deutsche Version des Soldaten James Ryan. Mit größter sprachlichen Wucht nimmt er uns Leser*innen mit in jenen Wald in der Eifel, in dem die amerikanischen Truppen auf unerwarteten Widerstand der Deutschen trafen. Wenn die Kugeln fliegen, Bunker gestürmt, Erkundungsgänge unternommen und Dörfer erobert werden, dann ist man durch Gluecks Schilderungen so nahe dabei, wie man das in der deutschen Literatur zuletzt kaum gelesen hat.

Die Schlacht im Hürtgenwald. Von Bundesarchiv, Bild 183-J28303 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5364836

Eindrucksvoll schildert Kopetzky, wie sich die beiden Seiten im Endeffekt gegenseitig zerrieben, am Ende stehen auf beiden Seiten über 12.000 Toten. Den Amerikanern gilt die Schlacht im Hürtgenwald bis heute als die längste Schlacht im Zweiten Weltkrieg und als das größte Desaster, das die Truppen auf deutschem Boden erlitten.

Doch ist dieses militärhistorische Kapitel schon wieder fast dem Vergessen anheimgefallen und wird von Kopetzky nun mehr als eindrucksvoll wiederbelebt. Auch die Verbindung hin zum Vietnamkrieg gelingt dem Romancier überzeugend, stets im Hintergrund mit der Frage, wie die Propaganda die Kriege verändert. Die historischen Vignetten, die Struktur seines Romans, die Sprache – alles ist hier überzeugend gearbeitet. Ein echter Breitwandroman, der dem Zweiten Weltkrieg, über den ja auch schon so viel geschrieben wurde, neue Facetten abringen kann. Oder um das eingangs gemachte Wortspiel noch einmal aufzugreifen: dieser Roman ist ein echter Gluecks-Fall für uns Leser. Bestechend, beeindruckend, preiswürdig.

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Wo die Flusskrebse singen

Delia Owens – Der Gesang der Flusskrebse

Gerne ist in Rezensionen (meinen eingeschlossen) von atmosphärischen Schilderungen die Rede. Doch was bedeutet das eigentlich? In Delia Owens Debüt Der Gesang der Flusskrebse lässt sich das nahezu in Perfektion beobachten.

Die Hütte lag etwas entfernt von den Palmettopalmen, die sich über Sandwatt bis zu einer Perlenschnur von grünen Lagunen erstreckten, und dahinter, in der Ferne, kam die weite Marsch. Meilenweit widerstandsfähiges Riedgras, das sogar in Salzwasser wuchs, nur unterbrochen von Bäumen, die der Wind nach seinem Belieben gekrümmt hatte. Eichenwald umringte die Hätte auf der anderen Seite und schützte die nächstgelegene Lagune, deren Oberfläche vor Leben schäumte. Salzluft und Möwengeschrei drangen vom Meer durch die Bäume herüber.

Owens, Delia, Der Gesang der Möwen, S. 15

Man meint, förmlich selbst mit durch die Marschlandschaft zu wandern, wenn sie Delia Owens (toll von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzt) so in Szene setzt. Die Atmosphäre überträgt sich in diesem Buch durch die präzise geschilderten Landschaftsbeschreibungen, die unter anderem den Reiz dieser Erzählung ausmachen. Zusammen mit der jungen Kya durchfährt man Kanäle, beobachtet Flora und Fauna und ist mit ihr weit draußen in der Natur, dort wo die Flusskrebse singen. So hat es ihr zumindest ihre Mutter erzählt, denn erst wenn man sich alleine und ungestört in die Natur begeben hat, dann hört man ihn vielleicht, den Gesang der Flusskrebse, draußen in den Marschen North Carolinas.

In den Marschen North Carolinas

Doch von ihrer Mutter bleibt Kya außer dieser Weisheit wenig. Schon zu Beginn der Geschichte verlässt sie die Familie. Der Exodus der Familienmitglieder setzt sich immer weiter fort, und so bleibt dann nur Kya zusammen mit ihrem jähzornigen Alkoholikervater in jener ärmlichen Hütte zurück, die Delia Owens im Eingangszitat beschreibt. Kyas Kindheit und das Aufwachsen in den Sümpfen erfahren wir in chronologischen Rückblenden, die die Handlung in der erzählten Gegenwart von 1969/70 ergänzen.

Denn in zu dieser Zeit ist die lokale Polizei um die Aufklärung eines eventuellen Mordes bemüht. Chase Andrews, vielversprechendes Sporttalent und Womanizer, liegt tot am Fuße eines Turms in der Marsch. Zwar gibt es keine eindeutigen Beweise, aber die Polizei geht von Mord aus. Und die Verdächtige steht auch schnell fest: die junge Kya, von allen das Marschmädchen genannt. Und so ist man als Leser*in Zeuge, wie der Krimi seinen Ausgang nimmt, der später im Gerichtssaal enden wird.

Es sind also die verschiedensten Zutaten, die Delia Owens in ihrem Debüt verquickt. Ein Krimi, ein Justizdrama, ein Coming-of-Age-Roman, ein Naturbuch. Das dieses Gemisch nicht in seine Einzelteile zerfällt, das ist der Autorin hoch anzurechnen. Mit ihrem Sinn für Atmosphäre kreiert sie einen ganz eigenen Kosmos, der ähnlich dem ist, den William Kent Krueger in Für eine kurze Zeit waren wir glücklich präsentierte.

Eine Überraschung zum Schluss

Für ihre jugendliche Protagonistin findet sie eine stimmige Erzählweise und die Rückblenden belegen die Formung des Charakters von Kya glaubhaft. Die Balance aus Krimihandlung in der Gegenwart und Rückblenden ins Leben des Marschmädchens ist gut austariert. Wenngleich eine der beiden im Buch geschilderten Liebesgeschichten etwas erwartbar bleibt, so fällt das auch dadurch kaum ins Gewicht, da Der Gesang der Flusskrebse dann mit einer Schlusspointe aufwartet, die man so nicht erwartet hätte (zumindest ich tat das nicht). Sie lässt die vorherige Handlung dann noch einmal in einem neuen Licht erscheinen, mehr sei dazu aber nicht verraten.

Auch das spricht ja für das schriftstellerische Vermögen von Delia Owens, dieses Talent zu fesseln, zu überraschen, den Kopfkino-Projektor bei den Leser*innen anzuwerfen.

Insgesamt ist Der Gesang der Flusskrebse so ein Buch, das packende Lesestunden beschert, das berührt, das mitnimmt in die Marschlandschaften in North Carolina. Mehr kann man von einem Buch wahrlich nicht erwarten. Einer meiner großen Sommerurlaub-Lektüretipps!


Weiter Besprechungen dieses Titels finden sich bei Wortgelüste, Günther Keil und Nicolettantoinetta.

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Der Kampf gegen Windmühlen oder Die Rebellion der Cheri Matzner

Tracy Barone schafft mit Das unglaubliche Leben der Cheri Matzner, was die Kunst des Erzählens ausmacht: Sie beschreibt die Leben ihrer Figuren auf eine Weise, die ihre Einzigartigkeit aufzeigt und dennoch über den individuellen Kontext hinausgeht und zur Identifikation einlädt. Dank der gelungenen Übersetzung von Stefanie Schäfer liest sich der deutsche Text genauso flüssig und authentisch wie das amerikanische Original, jedenfalls nachdem man über die ersten drei Kapitel hinaus gekommen ist.


Die Charaktere der Nebenpersonen wirken oft überzeichnet, was anfangs gewöhnungsbedürftig ist und etwas plump wirkt, aber immer besser funktioniert, je weiter man liest. Letztendlich werden gerade dadurch die vielen Einflüsse, die Cheris Leben zu dem machen, was es ist, deutlich sicht- und spürbar. Sie werden dann sogar übertragbar, wenn Personen ihre Motive weniger offensichtlich vor sich hertragen. Die Überzeichnung der Figuren wirkt wie ein Vergrößerungsglas, das die Anknüpfungspunkte der komplizierten gesellschaftlichen Netze, in denen wir uns als Menschen wiederfinden, sichtbar macht.

Cheris ganz persönliches gesellschaftliches und soziales Netz wiederum ist kein bisschen plump beschrieben, sondern wird intelligent und feinfühlig erfahrbar gemacht, zum Beispiel, wenn Barone schreibt, dass Cheri das „hässliche Geheimnis“, dass sie mit ihrem Vater teilt, so lange mit sich herumtrug, „bis es Teil von ihr war, wie ein deformierter Zeh, den sie vergaß, bis sie die Schuhe einer anderen anprobierte“ (145) und damit eine altbekannte Metapher auf eine neue Ebene hebt. Zu ernst wird es aber auch nicht, denn es ist oft urkomisch, wenn die ihren eigenen Verstrickungen hilflos ausgelieferten Charaktere sich hoffnungslos ineinander verhaken, oder wenn Cheri trocken feststellt, das ständige Räuspern ihres Mannes gebe ihr das Gefühl, „mit einem alten Pinguin namens Milton zusammenzuleben“ (140).

Fragwürdige Außengestaltung

Titel, Titelbild und Klappentext machen mit den Roman genau das, was die Gesellschaft mit Cheri macht und wogegen sie so hartnäckig ankämpft: Sie stecken ihn in eine Schublade. „Hier geht es um eine Frau“, schreien Titel und Titelbild. An der Frau auf dem Umschlag fallen als erstes die dunklen, vollen Lippen auf („sie ist sexy und sinnlich“). Die Figur soll wohl geheimnisvoll wirken, denn sie trägt eine Sonnenbrille und ein Tuch um den Kopf. Handelt es sich um Cheri, die Hauptfigur des Romans? Dieser Rückschluss liegt zumindest sehr nahe, auch wenn das Aussehen der Frau auf dem Titelbild wohl eher Cheris Mutter Cici entspricht, von der Cheri sich ihr ganzes Leben lang emanzipieren musste. Cheri, Mitglied in der NRA (National Rifle Association), die Frau, die ihre Vergangenheit bei der New Yorker Polizei nicht loslässt, die sich danach dennoch als internationale Wissenschaftlerin etabliert hat, von ihrer Mutter aber trotz allem immer wieder in „ein kitschiges Kostüm“ (S. 146) gezwängt wird, wie schon zu Kindertagen (und deshalb ist sie laut Klappentext auch noch „rebellisch“)? Ich erkenne sie wenig wieder.

Die Aussage ist: „dieses Buch ist ein Schmöker für Frauen“, der Klappentext sagt „Es geht um eine Frau, die eine Fehlgeburt hat, aber ohne Kind nicht leben kann“ und damit, so wie die Dinge zurzeit liegen auch „für Männer ist dieses Buch nicht interessant, es dient der Unterhaltung von Frauen, die nichts zu tun haben (nicht umsonst gibt es nach wie vor ein ganzes Genre mit Namen „Frauenunterhaltungsliteratur„).

Ein Menschenleben

Dass es in dem Text um so viel mehr geht, um gesellschaftliche Konventionen, die Männer genauso betreffen und einschränken wie Frauen, um strukturellen Sexismus, um Rassismus, um Religion und die daraus resultierende Anfeindungen, um Schuldgefühle und Vergangenheitsbewältigung, dem wird diese Aufmachung nicht gerecht.

Neben der weiblichen Hauptfigur, Cheri, die unabhängig vom Geschlecht als Mensch viel Identifikationspotential bietet, begegnen wir einer Vielzahl männlicher Figuren, bei denen es nicht anders ist. Da ist ein junger Mann, der von seinem Vater darauf getrimmt wird, sportlich und tough zu sein, und der darum kämpft, seine fürsorgliche, väterliche Seite ausleben zu dürfen. Da gibt es beispielsweise eine männliche Figur, die in ihrer Rolle als Versorger so gefangen ist, dass sie es nicht schafft, ihren eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden, oder einen Mann, der beschließt, die Zeit vor seinem Tod selbstbestimmt zu gestalten. Wir erfahren, wie seine Angehörigen und seine Freunde damit umgehen. Barone schreibt über Familie, darüber, was Familie jenseits der biologischen Verwandtschaft ist. Sie wagt sich auf eine unsentimentale aber einfühlsame Weise an schwierige Themen wie Liebe und Verlust heran und sie schafft das alles auch noch, ohne Klischees zu bemühen. Und dennoch geht all das in der Umschlaggestaltung durch den Verlag unter.

Der Kampf gegen Windmühlen

Die Aufmachung ist symptomatisch für eines der Kernprobleme des Literaturbetriebs und zeigt, dass die Annahme Frauen schreiben leichte Unterhaltung (stets romantisch, immer nur romantisch) und Männer schreiben intellektuell über ernste Themen immer noch fortbesteht. Derselbe Text von einem männlichen Autor? Ich bin mir sicher, er hätte einen anderen Titel und ein anderes Titelbild bekommen. Als Autorin kämpft Barone wie so viele andere Kolleginnen gegen Windmühlen: Egal, was sie schreibt, wenn es bei einem großen Verlag erscheinen soll, muss sie in Kauf nehmen, dass es als seichte Unterhaltung abgestempelt wird.


Zur Autorin dieser Zeilen

Lena Kraus schreibt und übersetzt aus dem Englischen und Skandinavischen. Sie setzt sich für Demokratische Bildung ein und durchmisst nicht nur Erzählströme und Flüsse, sondern paddelt auch selbst in ihrer Freizeit in Deutschland und Großbritannien auf zahlreichen Gewässern.

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R. O. Kwon – Die Brandstifter

Was passiert, wenn sich zwei labile Menschen zu einer Partnerschaft zusammenfinden? Und was, wenn zu dem fragilen Doppel auch noch eine dritte, toxische Partei dazustößt? Das erkundet R. O. Kwon in ihrem Debüt Die Brandstifter (Liebeskind-Verlag, Deutsch von Anke Caroline Burger).


Beziehungen können Ruhepol und Kraftorte sein. Inkubatoren des Verständnisses oder auch Wohlfühloasen. Dann gibt es aber auch Beziehungen, die durch das genaue Gegenteil gekennzeichnet sind. Ständige Streitereien, knallende Türen, Beziehungsgefälle. Statt Kraft bedeuten solche Beziehungen ständiges Aufreiben. Wenn sie schon nicht auf der Tagesordnung stehen, dann sind Kämpfe aber mindestens an der Monatsordnung.

Erstere Art der Beziehungen mag harmonischer und konfliktfreier sein – die andere Sorte bietet aber literarisch deutlich mehr Potential. Das hat auch R. O. Kwon erkannt, die zwei völlig gegensätzliche Personen in den Mittelpunkt ihres Romans stellt. Abwechselnd erzählen immer Will und Phoebe von ihrem Leben und ihrer Sicht auf die Beziehung, die sie beide so Vieles kostet. Phoebe hatte in jungen Jahren den Plan, Starpianistin zu werden, woraufhin sie sich einem drakonischen Übungsplan unterwarf und alles ihrem Ziel unterordnete, eine herausragende Pianistin zu werden.

Und dann ist da Will, der das Gegenteil von Phoebe verkörpert. Ein armer Student, Slacker, der antriebslos zwischen Kellnerjob und Studentendasein oszilliert. An der Universität des fiktiven Städtchens Noxhurst lernen sich die beiden kennen und lieben. Die etwas abgegriffene Binsenweisheit der Gegensätze, die sich gegenseitig anziehen, trifft auch hier einmal mehr zu.

Phoebe, Will und ein Sektenführer

Doch dazu kommt dann noch ein weitaus stärkerer Magnet, der in das Anziehungsfeld der beiden eingreift. Dies geschieht in Form des mysteriösen John Leal, eines charismatischen Anführers, der die Sekte Jejah gegründet hat. Beide geraten ins Strömungsfeld dieses Mannes, der angebliche für sein missionarisches Wirken schon in einem nordkoreanischen Gulag saß.

Fortan beobachtet R.O. Kwon die Entwicklungen und Turbulenzen in diesem Gefüge, wobei sie immer abwechselnd aus Phoebes und Will Perspektive erzählt. Und auch von John Leal wird immer wieder berichtet. Dabei treibt R. O. Kwon ein interessantes Spiel mit den Perspektiven. Das Wirken John Leals wird auktorial erzählt, Will ist ein klassischer Ich-Erzähler. Nur bei Phoebe ist alles nicht ganz so klar, wer hier erzählt. Zwar ist der Großteil in der Ich-Perspektive geschildert, die Einleitung der Kapitel macht allerdings klar, dass sich hier jemand anderes in sie einzufühlen versucht. Ist es Will, der hier Phoebe zu verstehen such? Möglich ist es, Zweifel bleiben.

Generell blieben während der Lektüre viele Fragen. Das liegt daran, dass R. O. Kwon nicht erzählt, indem sie eine durchgängige Handlung schildert, sondern immer wieder kleine Miniskizzen von John, Will und Phoebe anfertigt und diese hintereinandermontiert. Dass das Ganze kein gutes Ende nimmt, das ist ja schon nach der ersten Seite klar. Aber wie es zu den Entwicklungen kam, das muss man sich auch selbst ein Stück weit erschließen.

Es fehlt das Fleisch auf den Rippen

Für mich las sich Die Brandstifter eigentlich wie ein Skelett einer Geschichte, bei dem mir dann aber das Fleisch auf den Rippen fehlte. Denn das Buch umfasst gerade einmal 240 Seiten – und dafür ist zu viel anerzählt, als was dann auserzählt wird. Dabei böte die Geschichte viele Chancen, gerade der migrantische Blick einer Koreanerin auf das (Campus)Leben in den USA und die Dynamiken in Sekten sind hochspannende Themen. Nur macht R. O. Kwon für mein Empfinden zu wenig daraus.

Schlecht ist das Buch sicher nicht, aber die vielen Lobeshymnen, das großartige Cover und die Bewerbung des Buchs weckten viele Erwartungen in mir, die der Titel dann aber nur unzureichend erfüllen konnte. Schade!

Etwas anders sieht das im Übrigen Christian Buß, der auf Spiegel Online ebenfalls eine Besprechung zu dem Buch verfasst hat.

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