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R. O. Kwon – Die Brandstifter

Was passiert, wenn sich zwei labile Menschen zu einer Partnerschaft zusammenfinden? Und was, wenn zu dem fragilen Doppel auch noch eine dritte, toxische Partei dazustößt? Das erkundet R. O. Kwon in ihrem Debüt Die Brandstifter (Liebeskind-Verlag, Deutsch von Anke Caroline Burger).


Beziehungen können Ruhepol und Kraftorte sein. Inkubatoren des Verständnisses oder auch Wohlfühloasen. Dann gibt es aber auch Beziehungen, die durch das genaue Gegenteil gekennzeichnet sind. Ständige Streitereien, knallende Türen, Beziehungsgefälle. Statt Kraft bedeuten solche Beziehungen ständiges Aufreiben. Wenn sie schon nicht auf der Tagesordnung stehen, dann sind Kämpfe aber mindestens an der Monatsordnung.

Erstere Art der Beziehungen mag harmonischer und konfliktfreier sein – die andere Sorte bietet aber literarisch deutlich mehr Potential. Das hat auch R. O. Kwon erkannt, die zwei völlig gegensätzliche Personen in den Mittelpunkt ihres Romans stellt. Abwechselnd erzählen immer Will und Phoebe von ihrem Leben und ihrer Sicht auf die Beziehung, die sie beide so Vieles kostet. Phoebe hatte in jungen Jahren den Plan, Starpianistin zu werden, woraufhin sie sich einem drakonischen Übungsplan unterwarf und alles ihrem Ziel unterordnete, eine herausragende Pianistin zu werden.

Und dann ist da Will, der das Gegenteil von Phoebe verkörpert. Ein armer Student, Slacker, der antriebslos zwischen Kellnerjob und Studentendasein oszilliert. An der Universität des fiktiven Städtchens Noxhurst lernen sich die beiden kennen und lieben. Die etwas abgegriffene Binsenweisheit der Gegensätze, die sich gegenseitig anziehen, trifft auch hier einmal mehr zu.

Phoebe, Will und ein Sektenführer

Doch dazu kommt dann noch ein weitaus stärkerer Magnet, der in das Anziehungsfeld der beiden eingreift. Dies geschieht in Form des mysteriösen John Leal, eines charismatischen Anführers, der die Sekte Jejah gegründet hat. Beide geraten ins Strömungsfeld dieses Mannes, der angebliche für sein missionarisches Wirken schon in einem nordkoreanischen Gulag saß.

Fortan beobachtet R.O. Kwon die Entwicklungen und Turbulenzen in diesem Gefüge, wobei sie immer abwechselnd aus Phoebes und Will Perspektive erzählt. Und auch von John Leal wird immer wieder berichtet. Dabei treibt R. O. Kwon ein interessantes Spiel mit den Perspektiven. Das Wirken John Leals wird auktorial erzählt, Will ist ein klassischer Ich-Erzähler. Nur bei Phoebe ist alles nicht ganz so klar, wer hier erzählt. Zwar ist der Großteil in der Ich-Perspektive geschildert, die Einleitung der Kapitel macht allerdings klar, dass sich hier jemand anderes in sie einzufühlen versucht. Ist es Will, der hier Phoebe zu verstehen such? Möglich ist es, Zweifel bleiben.

Generell blieben während der Lektüre viele Fragen. Das liegt daran, dass R. O. Kwon nicht erzählt, indem sie eine durchgängige Handlung schildert, sondern immer wieder kleine Miniskizzen von John, Will und Phoebe anfertigt und diese hintereinandermontiert. Dass das Ganze kein gutes Ende nimmt, das ist ja schon nach der ersten Seite klar. Aber wie es zu den Entwicklungen kam, das muss man sich auch selbst ein Stück weit erschließen.

Es fehlt das Fleisch auf den Rippen

Für mich las sich Die Brandstifter eigentlich wie ein Skelett einer Geschichte, bei dem mir dann aber das Fleisch auf den Rippen fehlte. Denn die Länge des Buchs misst gerade einmal 240 Seiten und dafür ist zu viel anerzählt, als was dann auserzählt wird. Dabei böte die Geschichte viele Chancen, gerade der migrantische Blick einer Koreanerin auf das (Campus)Leben in den USA und die Dynamiken in Sekten sind hochspannende Themen. Nur macht R. O. Kwon für mein Empfinden zu wenig daraus.

Schlecht ist das Buch sicher nicht, aber die vielen Lobeshymnen, das großartige Cover und die Bewerbung des Buchs weckten viele Erwartungen in mir, die der Titel dann aber nur unzureichend erfüllen konnte. Schade!

Etwas anders sieht das im Übrigen Christian Buß, der auf Spiegel Online ebenfalls eine Besprechung zu dem Buch verfasst hat.

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Tom Sawyer und Huckleberry Finn in New Bremen

William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

Wenn ein Buch schon mit einem Satz wie diesen anfängt, dann bin ich mit dabei:

Das große Sterben des damaligen Sommers begann mit dem Tod eines Kindes , eines Jungen mit goldblondem Haar und einer dicken Brille, der auf der Bahnstrecke kurz hinter New Bremen in Minnesota ums Leben kam, zermalmt von tausend Tonnen Stahl, die über die Prärie in Richtung South Dakota donnerten.

Krueger, William Kent: Für eine kurze Zeit waren wir glücklich, S. 9

Dieser Satz trägt schon in sich, was auf den folgenden 412 Seiten folgen soll. Tod, Trauer, Nostalgie und Sommer. Diese scheinbar gegensätzlichen Themen vereint William Kent Krueger auf das Vorzüglichste, sodass man meint, Tom Sawyer und Huckleberry Finn seien wiederauferstanden und würden New Bremen 1961 unsicher machen.

Tod und Nostalgie

Das Buch wird dabei von einem großartigen Erzählton durchzogen. Denn der Ich-Erzähler ist der 13-jährige Frank Drum. Dessen Vater ist als Pastor in New Bremen tätig. Mit Mutter, Schwester Ariel und seinem kleinen, stotternden Bruder Jake lebt Frank in der Kleinstadt, die einen denkwürdigen Sommer erlebt. Bei seinen Streifzügen entlang der Bahnstrecke, des Flusses und der Straßen New Bremen entdeckt Frank allmählich eine Welt, in der Unsicherheit und Tod stets präsent sind .

Alles beginnt mit dem Tod eines leicht zückgebliebenen Jungen, der – wie im Eingangssatz beschrieben – auf der Bahnstrecke zu Tode kommt. Ein Landstreicher folgt – und später kommt der Tod sogar Franks Familie gefährlich nahe. All diese schlimmen Ereignisse mit ihrer ganzen Drastik werden jedoch durch den nostalgischen Ton, mit dem Frank zurückblickt, abgemildert und gefiltert. Noch kein Mann, aber auch kein Kind mehr – William Kent Krueger gelingt der erzählerische Balanceakt mit dieser Perspektive sehr gut. Das Ganze erinnert manchmal auch an Kruegers Schriftstellerkollegen Joe R. Lansdale – und eben auch an Mark Twain.

Das Buch rührte mich wirklich an, denn in jeder Zeile schwingt das Wissen um den Verlust von Menschen und Unschuld mit. Auch das nachklingende Kriegsgeklirre aus Europa, das den männlichen Erwachsenen tief eingedrungen ist, trägt seinen Teil dazu bei. Wir erleben in Für eine kurze Zeit waren wir glücklich ein Welt, die immer zerspringen kann, mag die Sonne noch so hell scheinen und der Fluss durch New Bremen rauschen. Gerade der Epilog entfaltet dann im Rückblick noch einmal eine besondere Wucht, die mich schlucken ließ.

Anteil daran trägt auch zu einem großen Teil die Übersetzerin Tanja Handels, die Kruegers Sound gut ins Deutsche übertragen hat. Und auch die Außengestaltung kann hier mit einem wunderbar stimmigen Cover überzeugen. Hier stimmt alles, weshalb ich gerne eine Leseempfehlung aussprechen möchte!

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Joel Dicker – Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Alles nur Theater

Der Schweizer, der die überzeugendsten amerikanischen Romane schreibt, ist wieder da. In Das Verschwinden der Stephanie Mailer taucht Joel Dicker wieder in den mörderischen Kosmos einer amerikanischen Kleinstadt ein (übersetzt von Amelie Thoma und Michaela Meßner)

Diesmal heißt das Städtchen Orphea und liegt an der Ostküste, direkt vor den Toren New Yorks. Ein höchst beschauliches Städtchen, in dem jeder jeden kennt. Eine kleine Buchhandlung, Cafés, Feuerwerk am 4. Juli. Alles recht durchschnittlich, wäre da nicht jene Katastrophe, die 1994 Orphea heimsuchte. Als Touristenattraktion hatte man das erste Theaterfestival Orpheas ins Leben gerufen. Doch während der ganze Ort der Eröffnung des Festivals beiwohnte, ereignete sich ein paar Straßen weiter ein brutaler Mehrfachmord. Der Bürgermeister, seine ganze Familie und eine Joggerin wurden damals brutal erschossen. Wenig später wurde ein Täter dingfest gemacht – und damit wäre es ja eigentlich gut.

Das wäre dann allerdings auch ein relativ kurzer Roman geworden. Wer schon einmal einen Roman von Joel Dicker gelesen hat (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert oder Die Geschichte der Baltimores), der weiß allerdings auch: kurz und bündig ist die Sache des Schweizers nicht. Und so setzt der voluminöse Roman (ca 650 Seiten) dann auch 20 Jahre später ein.

Auf einer Feier im Polizeirevier wird Jesse Rosenberg verabschiedet. Von Kollegen wird er nur der 100-Prozentige genannt, seine Aufklärungsquote ist legendär. Doch dann begegnet er der titelgebenden Stephanie Mailer, die als Journalistin für die lokale Gazette schreibt. Sie konfrontiert ihn mit einer unbequemen Aussage: damals habe er nämlich den Falschen verhaftet. Alle Kollegen einschließlich Jesse hätten wichtige Spuren übersehen.

Das nagt natürlich am 100-Prozentigen und so beschließt er, noch einmal eine letzte Ermittlung vor seinem Abschied durchzuführen. Diese erhält unerwartet eine besondere Brisanz, nachdem Stephanie Mailer wie vom Erdboden verschluckt scheint. Was meint die Journalistin entdeckt zu haben, das damals jeder andere übersehen hatte?

Ein Cold Case wird aufgeklärt

Das Verschwinden der Stephanie Mailer ist wieder ein Roman, der irgendwo zwischen Kriminalroman und Great American Novel in der Tradition von Richard Russo oder John Updike angesiedelt ist. Dicker spielt mit den Versatzstücken des Kriminalromans, um ein Poträt seiner Kleinstadt Orphea zu zeichnen. Das Buch bedient sich klar der Erzähltechnik des Cold Case. Immer wieder springt Dicker von der Gegenwart 2014 zurück ins Jahr 1994, als die Bluttat die ganze Stadt erschütterte. Stück für Stück enthüllt er die damaligen Geschehnissen und Verflechtungen, die die ganze Stadtgesellschaft durchdrangen und auch heute noch durchdringen.

Zudem präsentiert Dicker auch eine ganze Vielzahl an Figuren, deren Blick man als Leser*in immer wieder einnimmt. Das Haupttrio sind dabei Jesse Rosenberg und sein damaliger Partner Derek Scott sowie Anna Kanner, eine junge und ambitionierte Polizeibeamtin. Diese leidet unter dem Sexismus und dem Mobbing ihrer Kollegen und will es allen zeigen. Diese Trio versucht die Spuren des damaligen Falls wieder aufzunehmen. Dabei kreuzen sie die Bahn von zahlreichen Stadtbewohnern, die alle ganz eigene Leichen im Keller haben. Denn nicht nur beim Theaterfestival ist vieles Kulisse, Lug und Trug – auch Orphea selbst ist nicht besser.

Die Figuren, die Joel Dicker in seinem Roman präsentieren, decken eine wirklich enorme Bandbreite ab. Von wirklich glaubwürdig bis hin zu völlig clownesk präsentiert er hier alle Schattierungen. Viele der cartoonartigen Figuren (man denke nur an die Einführung des Literaturkritikers Meta Ostrowski – hatte Joel Dicker noch eine Rechnung offen?) erhalten erst relativ spät so etwas wie Konturen und Tiefe.

Da er über diese Figuren aber auch Humor ins Buch bringt, der auf Holzhammer-Pointen zumeist verzichtet, sah ich Joel Dicker das gerne nach. Er schafft es, die verschiedenen Töne seines Buchs gut zusammenzuführen und daraus ein vielschichtiges Buch zu kreieren, das am Ende gar etwas an Fargo erinnert. Kein Krimi im reinen Sinn, aber eines auf alle Fälle: erneut sehr, sehr gute Unterhaltung!


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Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles

Was würde passieren, wenn man Bear Grylls, Vladimir Nabokov, die NRA und Hanya Yanagihara einen Roman schreiben lassen würde? Wenn man ihnen auf den Weg geben würde, dass das Endprodukt nur die Bedingung erfüllen müsse, zu schockieren und kräftig reinzuknallen? Dann käme wohl so etwas dabei herum wie Gabriel Tallents Debüt Mein Ein und Alles. Ein Buch, das eine Triggerwarnung verdiente.

Tallent hat ein Buch erschaffen, dessen Bewertung mir wirklich schwer fällt. Wo beginnen, wo aufhören? Wie dem Ganzen gerecht werden? Im Folgenden will ich es wenigstens versuchen. Am einfachsten fällt dabei noch die Synopse der Handlung

Zusammen mit ihrem Vater lebt Julia Alveston, genannt Turtle oder Krümel, abgeschieden in den Wäldern Nordkaliforniens. Ihr Vater ist der klassische Fall eines Prepper. Er misstraut dem Staat zutiefst und bereitet sich auf den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung vor. Er hortet Lebensmittel, Medikamente und eben auch Waffen, um sich zur Wehr zu setzen. Seine wichtigste Waffe ist dabei seine Tochter Turtle. Er trainiert sie gnadenlos und schickt sie auf Survival-Trips in die Wildnis.

Bei einem dieser Überlebens-Übungen begegnet Turtle in den Wäldern zwei Jungen, die von ihren Eltern ebenfalls zur Abhärtung in der Wildnis ausgesetzt wurden. Die 14-Jährige erliegt der Anziehung eines der Jungen – was zu großen Konflikten mit ihrem Vater führt. Immer brutaler wird diese Beziehung, die von Gewalt, Anziehung, Ablehnung, Missbrauch und dem Gefühl „Wir gegen den Rest der Welt“ geprägt ist. Sein Ein und Alles wendet sich plötzlich gegen ihn – mit gewalt(tät)igen Folgen.

Emotional höchst übergriffig

Warum verdient dieses Buch nun eine Triggerwarnung? Dies bezieht sich klar auf die Beziehung von Julia zu ihrem Vater. Jener missbraucht seine Tochter auf vielfältige Art und Weise. Er züchtet sie als Kampfmaschine heran, vergewaltigt sie, entzieht ihr Liebe, manipuliert. Als Leser ist man ungefiltert überall mit dabei und muss miterleben, wie die Seele von Julia dabei Schaden nimmt. Verstörend dabei auch die Tatsache, dass es Tallent dabei offenlässt, inwiefern Turtle Opfer ist oder inwiefern sie diese Behandlung akzeptiert und vielleicht sogar mag.

In jenen Schilderung des sexuellen und emotionalen Missbrauchs ist dieses Buch höchst übergriffig. Mit einer voyeuristischen Freude schildert Tallent den Missbrauch Turtles und ihre Gefühle und Eindrücke während dieser Attacken. Dies überschreitet des Öfteren die Grenzen des Anstands und Geschmacks. Natürlich darf Literatur auch immer Grenzüberschreitung sein – hier ist mir dieses Verstoßen gegen Tabus allerdings entschieden zu plump und durch diese zu große Nähe eben auch übergriffig geraten.

Ist jene Detailfreude dort völlig fehl am Platz, weiß sie hingegen bei der Schilderung der Natur zu überzeugen. Hier ist Mein Ein und Alles wirklich enorm stark und erinnert etwa an den Roman Idaho von Emily Ruskovich. Wie Julia die Wälder durchstreift, mit welcher Benennungsstärke sie Sträucher, Farne und Bäume zu beschreiben weiß, das beeindruckt wirklich. Jene Passagen, in denen das Mädchen die Flora und Fauna ihrer Heimat durchmisst, sind unglaublich gut und wuchtig geschrieben. Sie lassen die Leser*innen tief in diese unberührte und gefährliche Natur eintauchen.

Nur konstrastiert dies grell mit der emotionalen Komponente des Romans. Mein Ein und Alles ist ein Buch, das im Zwischenmenschlich häufig überreizt. Hanya Yanagihara hat es mit Ein wenig Leben vorgemacht – Gabriel Tallent macht es ihr nach. So etwas wie eine Medium-Emotionstemperatur gibt es bei ihrem Personal nicht. Alles ist (emotional) laut, kracht und raucht.

Es kracht und wird scharf geschossen

Doch hier krachen nicht nur die Charaktere und Emotionen lautstark aufeinander – auch die Waffen spielen hier eine (für mich zu) große Rolle. Stellenweise liest sich dieser Roman wirklich, als würde man in einem Katalog der National Rifle Association (kurz NRA) blättern. Sturmgewehre, Bowie-Messer, Pistolen – alles was das Waffenherz begehrt, ist in diesem Roman versammelt und kommt fleißig zum Einsatz.

Dabei dienen die Waffen auch meist als Lösungsmittel für zwischenmenschliche Konflikte. Das ist für mein Empfinden zu billig gelöst und enttäuscht doch sehr.

Wie also diesem Buch gegenübertreten, wie bewerten? Ein Urteil fällt hier wirklich nicht leicht. Licht und Schatten, sie kommen hier zusammen und sorgen für ein heterogenes Leseerlebnis. Ich plädiere deshalb dringend für eine eigene Urteilsbildung der Leser – vorgewarnt seid ihr ja nun schon einmal. Habt ihr das Buch eventuell auch schon selbst gelesen? Und wenn ja, wie steht ihr Mein Ein und Alles gegenüber? Ich wäre auf eure Meinungen gespannt!


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Jon Cohen – Die wundersame Mission des Harry Crane

Nun ist es Weihnachten – die Zeit also, wo nach Möglichkeit alles etwas ruhiger zugehen sollte. Man schaltet einen Gang zurück, entspannt, blickt auf das Jahr zurück und findet unter dem Baum vielleicht das ein oder andere Geschenk. Oftmals ist vom „Geist der Weihnacht“ die Rede, der jene Zeit kennzeichnen sollte. Auch „Besinnlichkeit“ ist eines jener Schlagworte, das zu dieser Zeit gerne schon überreizt wird. Für mich bedeutet diese Zeit aber wirklich zumeist Entspannung, da sie mit viel freier (Lese)Zeit einhergeht.

Eine meiner letzten Lektüren eignet sich wunderbar für jene Zeit des Jahres. Ein echtes Feelgood-Buch, bei dem ich schon während der Lektüre meine sonst so strengen Wertungsrichtlinien einfach einmal vergaß. Stattdessen ließ ich mich in das Buch versinken und bekam wunderbare Unterhaltung geboten, deren Botschaft denen des Weihnachtsfests nicht unähnlich ist. Die Rede ist von Die wundersame Mission des Harry Crane von John Cohen (übersetzt von Alexandra Kranefeld).

In den Wäldern Pennsylvanias

Im Nordosten Pennsylvanias befindet sich die Landschaft der Endless Mountains. Ein bergiges und sehr waldreiches Stück Natur, in dem die Schicksale einiger Bewohner aufeinanderprallen. Da wäre zum Einen die junge Oriana. Sie und ihre Mutter Amanda haben einen großen Verlust zu betrauern. Orianas Vater ist gestorben – und beide Frauen legen unterschiedliche Strategien an den Tag, um mit dem Schicksalsschlag umzugehen.

Ebenfalls einen schweren Verlust zu betrauern hat Harry Crane. Jener hat seine geliebte Frau durch einen Unfall verloren und bekommt nun sein Leben nicht mehr geregelt. Seinen Job als Forstbeamter übt er nur noch im Automatikmodus aus. Eigentlich möchte er seinem Leben inmitten der von ihm geliebten Bäume und Wälder der Endless Mountains ein Ende setzten. Doch dann führt ihn das Schicksal mit Amanda und Oriana zusammen. In der Folge entspinnt sich eine turbulente Geschichte, bei der ein großer Goldschatz, eine Bibliothekarin und das Märchen vom Grum eine wichtige Rolle spielen.

Ein Buch mit dem Geist der Weihnacht

Jon Cohen hat einen warmherzigen Roman vorgelegt, der stellenweise selbst an ein Märchen erinnert und voll mit skurril-liebenswerten Figuren ist, die man gerne begleitet. Das Buch ist zugleich eine Hymne auf die Kraft es Guten sowie die Schönheit und heilsame Kraft der Wälder. Auch ruft die Handlung Erinnerungen an Geschichten wach, die von Nächstenliebe erzählen, und die eher klingen, als hätte sie Claas Relotius denn die Wirklichkeit geschrieben. Sein geradezu filmisch erzählter Feelgood-Roman hält diese Werte hoch und lässt das Gute siegen. Harrys wundersame Mission gibt den Glauben an das Gute im Menschen und das Happy-End zurück.

Natürlich könnte man das, wenn man gewillt ist, auch an dem Buch kritisieren. Zudem sind die Charaktere doch recht eindimensional, manches ist vorhersehbar und der Epilog hätte gestrichen gehört. Doch dann da hat das Buch solch einen Charme und eine solche Warmherzigkeit, dass man all das gerne verzeiht. Es ist ein bisschen jener eingangs erwähnte „Geist der Weihnacht“, den auch dieses Buch atmet, weswegen ich es auch so gerne las.

Alles wird gut, Hoffnung besteht für alle, das Gute siegt. Nächstenliebe kann Menschenleben retten und unsere Welt verbessern. Durchaus christliche Botschaften, die sich auch bei Jon Cohen wiederfinden, weswegen das Buch dezidiert gut in diese weihnachtliche Zeit passt. Falls jemand zufällig einen Buchgutschein unter dem Christbaum gefunden hat – mit dem vorliegenden Buch hätte man eine gute Eintauschmöglichkeit gefunden, um sich selbst in diesen Tagen etwas zu beglücken. Gute Unterhaltung mit wärmender Botschaft in der kalten Zeit – gerne empfohlen!

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